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Windegger begrub den Toten; er begrub ihn allein.
Da er mit ihm allein war, sprach er mit ihm, Schaufel um Schaufel des Sandes auf die nicht mehr antwortende Gestalt in der schmalen, tiefen Grube werfend.
»Von allen Dingen, die du dir erträumt hast, war das gewiß das Letzte: ein Grab auf dem Monde … Das ist das einzige, siehst du, was du zuletzt erreicht hast. Und der armselige Klumpen Gold, nicht größer als eine Kinderfaust, den du Manfeldt gestohlen hast, du verdammter Halunke … mag er dir Gesellschaft leisten bis zum Jüngsten Gericht … Ob du den Ruf der Posaunen, bei dessen Klang die Erde ihre Grüfte sprengen wird und das Meer seine Toten wiedergeben, hier oben wohl auch vernimmst? … Jetzt decke ich dein Gesicht zu, Walt Turner … Gute Nacht, du infames Lächeln! … Der Sand des Mondes hat dein Blut getrunken … Möchte wissen, was daraus einmal aufwächst … was für ein böses, schwärendes Gewächs … Ich werde es nicht mehr erleben, Gott sei Dank –«
Er sah sich über die Schulter um, da er Schritte hörte, und fuhr in der Arbeit fort, als er Helius erkannte. Aber die Stimme des Freundes – eine Stimme, wie er sie nie aus dem Munde von Helius gehört hatte, nahm ihm gleichsam die Schaufel aus der Hand.
»Bist du fertig, Hans …?« fragte diese marklose Stimme wie aus Mauern heraus.
»Ja, gleich, wie du siehst … Warum fragst du – ist etwas …«
Er sprach den Satz nicht zu Ende; einem Menschen mit besseren Nerven, als er sie hatte, wären in dieser Minute beim Anblick von Helius die Worte im Halse steckengeblieben.
»Ja, es ist etwas geschehen«, antwortete Helius. »Bis jetzt, Hans, haben wir noch keine Selbstdisziplin gebraucht. Jetzt brauchen wir sie …«
»... Also sprich …«
Turner sagte, sein Schuß habe nicht mir gegolten; er sollte viel tiefer treffen – er hat getroffen … Er hat die gekoppelten Ventile der Sauerstoffapparate zerstört, und weit mehr als die Hälfte unseres Vorrats an Sauerstoff, den wir für den Rückflug zur Erde brauchten, ist ausgeströmt …«
Windegger gab keinen Laut von sich. Er tat einen sinnlosen Schritt, stolperte über die Schaufel, die ihm aus der Hand gefallen war, und wäre rücklings in die Grube des Toten gestürzt, wenn Helius ihn nicht am Arm gepackt hätte.
»Danke!« sagte Windegger lautlos und völlig mechanisch. Obwohl die Wirkung der Nachricht auf ihn ganz augenscheinlich war, schien er sie doch nicht im entferntesten begriffen zu haben. Sein Blick war ganz leer, fast blöde, und was in ihm als Ausdruck aufzudämmern begann, war höchstens die Ahnung von etwas Entsetzlichem, nicht die Erkenntnis.
»Wir wollen … doch nachsehen«, schlug er hilflos vor.
Helius nickte. Sie gingen eilig und stumm von dem unvollendeten Grabe des Toten weg auf den Landungsplatz zu, der in wütender Sonne gleißte.
»Weiß Friede es schon?« fragte Windegger endlich.
»Nein.«
»Mein Gott, mein Gott …« Und jetzt, da die Ahnung des Unheils sich zur Erkenntnis zu verdichten begann, konnte er nicht mehr gehen, jetzt mußte er laufen, laufen – als sei noch irgend etwas aufzuhalten, noch etwas gutzumachen, wenn er nur rasch genug lief.
Sie kamen ans Ziel, und in der gleichen stolpernden Eile, die seine Füße vorwärtsgetrieben hatte, zerrten ihn seine Hände in den Innenraum des Weltraumschiffs hinauf. Aber seine fiebernde und kopflose Untersuchung förderte kein anderes Ergebnis zutage, als es die Feststellung von Helius getan hatte.
»Friede behauptete,« fuhr Helius mit seiner eingekerkerten Stimme, aber doch ruhig fort, zu berichten, »daß Turner die Absicht hatte, sich des Weltraumschiffs zu bemächtigen, allein auf die Erde zurückzukehren, dort, gleichsam in mich verwandelt, die Resultate der ersten Expedition, vor allem die Goldfunde, auszuwerten, und die zweite Mondfahrt mit verdoppelter Sorgfalt so langsam vorzubereiten, daß wir auf dem Monde Zurückgebliebenen inzwischen längst zugrunde gegangen wären. Die Automatisierung der gekoppelten Sauerstoffventile, die sich gegenseitig auslösten, war ein Meisterstück von ihm; er hat sich gerächt.«
»Sprecht ihr von Turner?« fragte die Stimme Friedes vom Eingang des Passagierraumes her.
Die beiden Männer wechselten einen Blick, wobei die Verstörtheit in Windeggers Augen sich fast bis zur Panik steigerte.
»Ja, Friede«, antwortete Helius ruhig.
»Habt ihr ihn begraben?« fragte das Mädchen weiter. Ihre Stimme war müde und sanft und ganz ahnungslos.
»Noch nicht«, sagte Windegger und starrte geradeaus. »Noch nicht ganz … ich habe sein infames Lächeln nicht ordentlich zugedeckt … Es grinst durch den Sand … Walt Turner macht sich lustig über uns … ich möchte wetten, wenn wir jetzt wieder zu seinem Grabe gehen, sitzt er daneben auf dem aufgeworfenen Hügel und klatscht in die Hände und pfeift dazu, wenn er uns kommen sieht!«
Das Mädchen sah Windegger an und sah auf Helius.
»Ihr verschweigt mir etwas«, stellte sie fest. »Warum …?«
»Weil es sehr schwer ist, Ihnen das zu sagen, Friede …«
»Wird es leichter, wenn ihr es hinauszögert –?«
»Nein, freilich nicht …«
»Also, was ist es?«
»Wir haben über die Hälfte von unserem Vorrat an Sauerstoff eingebüßt.«
»Für die Rückfahrt zur Erde …?«
»Ja«
»... Walt Turners Werk?«
»Ja«
»Und was bedeutet das praktisch?«
»Nichts,« antwortete Hans Windegger mit einer fieberhaften Geschwindigkeit, »nichts als ein wunderbares Rechenexempel! Ein Kind kann das begreifen! Sieh her! Wenn wir zur Rückfahrt neunzig Stunden rechnen, so brauchen wir vier Erwachsenen und das Kind rund 230 Millionen Kubikzentimeter Sauerstoff. 250 Millionen hatten wir im Vorrat. Davon ist über die Hälfte ausgeströmt, nämlich 136 Millionen. Es bleibt uns also ein Rest von 114 Millionen Kubikzentimeter – das heißt: für neunzig Stunden Rückfahrt zur Erde Atemstoff für zwei und einen halben Menschen, also für zwei Erwachsene und ein Kind … ist das klar?!«
»Vollkommen«, sagte das Mädchen still.
»Und das heißt weiter,« fuhr Windegger hetzend fort und seine Stimme drohte sich zu überschlagen, »das heißt weiter – halleluja! – daß dieser glorreiche Ausflug nach dem Monde damit enden wird, daß zwei Menschen auf diesem verfluchten – verfluchten Planeten zurückbleiben müssen! Und wenn auch der eine, der hier zurückbleiben muß, ein armer Narr ist, der nichts mehr weiß und kennt als seinen Wahn, so wird doch der andere, wenigstens in der ersten Zeit, seinen Verstand noch so weit beisammen haben, daß er auskosten lernt, was warten und warten heißt und vom Warten genarrt werden – und daß er, wenn er endlich begriffen hat: die Erlösung kommt niemals – niemals –! sich ausmalen kann, welchen Tod er nun sterben wird: verhungern oder verbrennen oder erfrieren – oder sonst, Gott weiß wie, zugrunde gehen in der furchtbaren – furchtbaren – furchtbaren Einsamkeit –!«
Eine lange Stille folgte seinen Worten. Er hatte sich niedergeworfen, wo er stand, und wühlte den Kopf in die Arme. Friede Veltens gepeinigte Augen lagen auf ihm mit dem schicksalsschweren Ausdruck des Mitleids, aus dem Liebe geboren wird, an dem Liebe stirbt. Helius blieb unbeweglich; es war ihm nicht anzusehen, was in ihm vorging. Zusammenhanglos hob er für den Augenblick seine zerschundenen Hände und betrachtete sie, ohne sie zu sehen.
»Soll ich sie Ihnen wieder verbinden, Helius?« fragte das Mädchen unwillkürlich.
Er sah sie an. Er hatte sie nicht verstanden – oder doch …? Er schüttelte stumm den Kopf und wandte sich ab. Er lehnte die Schalter gegen die Türöffnung und blickte hinaus auf die lohende Wüste, endlose Zeit.
»Hast du dich so weit gefaßt, um mich anhören zu können, Hans?« fragte er schließlich, sehr ruhig und sehr gütig.
Windegger antwortete nicht, aber er hob den Kopf aus den Armen und fuhr mit den Händen übers Gesicht.
»Wir wollen, wenn es uns allen möglich ist, in Ruhe besprechen, was das beste wäre, das getan werden muß – und das wollen wir dann versuchen zu tun, nicht wahr?« fuhr Helius fort.
»Ja«, sagten der Mann und das Mädchen.
»Gut. Wir sind uns über zwei Dinge einig, Hans: daß der eine Mensch, der zurückbleiben muß, Manfeldt sein wird, weil er den Verstand verloren hat, sich seinem Wegtransport mit der Kraft des Wahnsinns widersetzt und, sinnverwirrt wie er ist, das Leben aller und das Gelingen des Rückflugs zur Erde gefährden könnte – seid ihr der gleichen Meinung?«
»Ja«, sagten der Mann und das Mädchen.
»Gut. Zweitens, Hans, sind wir uns darüber einig, daß einer der Menschen, die auf die Erde zurückkehren, Friede sein muß – nicht wahr?«
»Ja«, sagte der Mann.
»Gut. Es handelt sich also lediglich darum, zu entscheiden, wer von uns beiden, du oder ich, zurückbleibt – und wer von uns beiden, du oder ich, mit Friede und dem Jungen zur Erde zurückkehrt, um die zweite Expedition nach dem Monde auszurüsten und durchzuführen, und um die andern – oder den andern … denn Manfeldt, fürchte ich, erlischt uns unter den Händen wie ein Licht ohne Nahrung … abzuholen. Ist das so richtig?«
»Ja«, sagte der Mann.
Das Mädchen schwieg.
»Gut. Ich glaube nicht, daß wir jetzt und in den nächsten vierundzwanzig Stunden in der Lage sind, eine klare Entscheidung zu treffen. Ich erkläre mich aber von vornherein bereit, ohne Pathos und ohne Heuchelei, die einen Widerspruch herausfordern will, freiwillig zurückzubleiben, wenn du glaubst, daß du meinen guten Kameraden von früher, meinen alten Freund Windegger so wiederfinden wirst, daß das Leben des Mädchens und des Jungen, dein eigenes und das Schicksal des Weltraumschiffs in seinen Händen und Nerven sicher gebettet sind. Ich bin mir, wie gesagt, jetzt über nichts klar, und wir wollen auch bitte nicht darüber sprechen – aber ich möchte fast glauben, daß dies die beste Lösung wäre … denn du bist jetzt ein tragischer Mensch geworden, Hans …«
»Ich könnte mir noch eine andere Lösung denken«, sagte das Mädchen.
Die beiden sahen sie an.
Windeggers Züge zuckten in einem krampfhaften Zucken der Augennerven, als fühle er sich geblendet, und die Lippen standen ihm offen wie bei einem Menschen, der sehr rasch gelaufen ist, aber immer in der Furcht, in falscher Richtung zu laufen.
Mit einem versunkenen Lächeln schwermütiger und wissender Zärtlichkeit sah Helius auf Friede. Ihre Stirn war in ein Leuchten getaucht, und ihre Augen strahlten die frische und segnende Schönheit eines Sommermorgens auf Erden aus.
»Bleibe du hier auf dem Monde, Hans«, sagte sie »Und ich werde bei dir bleiben …«
In der Stille, die ihren Worten folgte, waren die Atemzüge der beiden Männer fast wie ein Aufstöhnen hörbar. Und beide standen für die dumpfe Dauer unausmeßbarer Sekunden mit geschlossenen Augen da.
»Das freilich … wäre auch eine Lösung …«, sagte Wolf Helius heiser.
Hans Windegger schüttelte krampfhaft und heftig den Kopf.
»Nein, nein«, sagte er tonlos. »Nein, nein … Ich wollte, Friede, du hättest das nicht gesagt …«
»Ich habe es gesagt,« antwortete das Mädchen, »weil es die Wahrheit ist, und weil ich glaube, daß man die Wahrheit nicht nur sagen muß, sondern auch tun. Und ich werde sie tun …«
»Wir wollen nicht mehr darüber sprechen«, sagte Wolf Helius, schon zum Gehen gewandt. »Das Wichtigste ist jetzt, daß wir das Weltraumschiff zur Rückfahrt vorbereiten, um sie so rasch wie möglich ins Werk zu setzen. Denn jeder Tag, den wir sparen, ist ein gewonnener Tag an Proviant für den, der zurückbleibt. In knapp zweihundert Stunden beginnt die lange Nacht. Bis dahin müßten wir fertig sein Glaubst du, daß du das schaffen kannst, Hans?«
Die Antwort kam erst nach einer langen Zeit.
»Ich auch …«
Wolf Helius ging, durch die Tür sich ins Freie schwingend. Friede Velten sah ihm nach. Sie sah ihn zum Zelte gehen, und Gustav lief ihm entgegen. Sie sah die Gebärde, mit der sich der Arm von Helius um die Schultern des Jungen legte, und wie der Mann sich zu dem Jungen beugte und wie der Junge zu ihm aufschwatzte, selig, wieder in der Nähe seines Gottes zu sein. Mond oder Erde oder irgendwo – das war ihm gleichgültig, wenn er neben dem Menschen herlaufen durfte, der im Mittelpunkt seines Herzens die strahlende Mitte war …
Zweihundert Stunden der Arbeit, ununterbrochener Arbeit sich wechselseitig ablösender Hände.
Arme Stunden fiebernden Schlafes, für Windegger nur ein Am-Boden-Liegen und keuchendes Atmen, nur ein Nach-oben-Starren und Denken und Denken – und ein Wiederaufspringen und von neuem Sich-in-die-Arbeit-Stürzen wie in Betäubung –
Und die glostende Sonne wanderte am Schwefelhimmel des Mondes. Die Schatten der Berge wanderten, wurden länger. Das Licht wurde fahl und gespenstisch, und schwärzer die Düsterheit der himmelwärts trotzenden Berge.
In diesen zweihundert Stunden war das Leben von Manfeldt nur noch ein sanftes Brennen in höchster Verzückung.
Sie hatten es aufgegeben, ihn aus dem Tempel der goldenen Götter und der kristallenen Erde fortzuholen. Es war ihnen einmal geglückt, weil die rührende Stimme von Friede ihn nach sich lockte. Aber nach hundert Schritten kehrte er um, so eilig, so freudig, mit so vollkommener Verklärung sich wieder vor seinem Gottbild auf die Knie senkend, daß die andern begriffen: was außerhalb dieser gottschauenden Anbetung lag, konnte für Manfeldt, den Beter, nur Verdammnis sein.
Aus Friedes Händen nahm er auch dann und wann einen Schluck Wasser und einen Bissen Zwieback, weil sie ihm sagte, das schicke ihm die Erde. Aber er schien der Nahrung nicht zu bedürfen. Rein und ohne zu flackern brannte die ihn ausfüllende Flamme seiner Seele nach oben, und was noch an Leben in ihm war, schien als ein Opferrauch sich aufzulösen und zurückzukehren in den Atem des Alls.
Nach einem Übereinkommen, ohne Worte geschlossen, hatten die beiden Männer und das Mädchen nie mehr das Gespräch der Entscheidung berührt, solange jeder Gedanke und jeder Muskel der Arbeit am Weltraumschiff und der Vorbereitung zur Rückfahrt diente. Helius selbst hatte die Rationen des Proviants für die neunzig Stunden zwischen Start und Ankunft bemessen und eingeteilt und den Rest im Zelte verstaut. Es war ein reichlicher Vorrat, da Turners Anteil dazukam und außerdem alles, was für den viel länger geplanten Aufenthalt von fünf Menschen auf dem Monde bestimmt gewesen war.
Helius war eben im Begriff, das Verzeichnis der Vorräte abzuschließen, als Windegger zu ihm kam und sagte: »Ich bin fertig …«
Mit einem wunderbaren Ausdruck sah Helius ihn an.
»Du bist wirklich fertig, Hans«, antwortete er. »Du hast etwas getan, das man wohl großartig nennen darf, denn es muß dir manchmal zumute gewesen sein, so wunderlich der Vergleich auch klingt, wie einem Menschen, der ein Schafott aufbaut und nicht weiß, ob er nicht der erste sein wird, dem man darauf den Kopf abschlägt – nicht wahr?«
»Weiß Friede schon, daß du fertig bist?«
»Ja …«
»... Hast du mit ihr gesprochen?«
»Nein … Ich möchte dir einen Vorschlag machen, Helius …«
»Und zwar …?«
»Laß zwischen uns das Los entscheiden, Helius …«
Helius gab keine Antwort. Erst nach einer langen Pause fragte er:
»Kommt dieser Vorschlag von Friede?«
»... Nein … Friede hatte mir, wie du weißt, einen anderen Vorschlag gemacht … Sie ist nicht der Mensch, der zweimal dasselbe sagt, wenn er weiß, daß er schon beim ersten Male verstanden worden ist … Und sie ist auch nicht der Mensch, der Kompromisse schließt … Sie ist – ganz strahlend weiß … ganz ungebrochen … Ich nannte sie immer den C-Dur-Akkord …«
Schweigen.
»Höre, mein alter Junge,« sagte Wolf Helius, »ich will dir und Friede einen wunderbaren Vorschlag machen. Ich glaube, wir haben alle miteinander ein bißchen die Nerven verloren und nehmen die Dinge tragischer, als sie verdienen. Das muß anders werden, zum Teufel nochmal … Wir werden Friede bitten, im Passagierraum des Schiffs für uns drei und den Jungen ein Festmahl herzurichten. Wir wollen Wein trinken und kluge Trinksprüche ausbringen und gut zueinander sein, was die Hauptsache ist … Und zuletzt, in Gottes Namen, wollen wir losen – und uns dem Schicksal mit bester Laune unterwerfen … weil wir Männer und weil wir Freunde sind. – Ja?«
»Ja, Helius.«
Der nickte ihm zu, und Windegger ging. Helius sah ihn mit Friede sprechen. Das Mädchen hörte ihn still mit ein wenig gesenktem Kopfe an, hob das Gesicht und lächelte. Es war das erste Lächeln seit sehr langer Zeit, und so rein es war – Helius vermochte es nicht zu deuten …
Eine Stunde später saßen sie alle zusammen, das Mädchen, die beiden Männer, der Junge, im Passagierraum des Schiffs, und Wolf Helius füllte die Gläser abseits vom Tisch.
»Es ist bald Schlafenszeit«, sagte er. »Sogar die Sonne ist müde. – Sie müssen heute hier in Ihrer Kammer schlafen, Friede. Im Zelt steht alles über und durcheinander, ich bin noch nicht dazu gekommen, aufzuräumen und alle Dinge ordentlich unterzubringen … Warum trinkt ihr nicht?«
»Der Wein ist trübe«, sagte das Mädchen.
»Ja. Ein wenig. Das tut nichts. Er ist doch gut. Auf Ihr Wohl, Friede –!«
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
»O nein, Helius … So leichten Kaufes kommen Sie nicht davon … Hans hat mir erzählt, und wörtlich erzählt, was Sie gesagt haben … Wir wollen Wein trinken und kluge Trinksprüche ausbringen und gut zueinander sein, was die Hauptsache ist … Der Wein ist trübe, und wir sind auch eine ziemlich trübe Gesellschaft, wie mir scheint … Aber um die klugen Trinksprüche lasse ich mich nicht betrügen … Wer bringt den ersten aus? Du, Hans –?«
Windegger richtete sich auf.
»Ja …« sagte er und sah dem Mädchen mit einem wunderbar festen Blick in die Augen. »Ich trinke auf ›Strahlend weiß‹ … und den C-Dur-Akkord … auf die ungebrochenen Farben und Töne in deiner Seele, du Schicksal …«
Ohne das Glas des Mädchens mit dem seinen zu berühren, trank er bis auf den letzten Tropfen, den Blick auf Friede gerichtet.
»Der Wein ist bitter«, sagte er, und setzte das Glas mit einem leichten Schauer auf den Tisch zurück.
»Das zweite Glas wird dir schon süßer schmecken«, meinte Wolf Helius und schenkte ihm wieder ein. »Wer ist jetzt an der Reihe –? Friede …«
»Ich trinke«, sagte das Mädchen, »auf die kommende Stunde … die immer kommende Stunde …«
Sie trank einen Schluck nur.
»Trinken Sie aus, Friede«, sagte Wolf Helius leise.
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
»Ich bin schon so müde, Helius … Ich will sehr bald schlafen gehen … Ich warte auf Ihren Spruch …«
Er hielt sein Glas in der Hand und sah in den spiegelnden Wein. Er dachte an die letzte Nacht auf Erden, als Friede mit Windegger tanzte … Da trank er Wein, in den sich der silberne Mond ergoß, und trank dem Monde zu. ›Pfui! – Galle der Bitterkeit im Abschiedswein …‹ – ›Jetzt will ich mit Ihnen tanzen, Helius …‹
Ein verirrtes Lächeln ging über sein Gesicht.
»Ich trinke,« sagte er, »auf alles, was wandert in der Welt – und ans Ziel kommt … Es lebt auf der Erde ein Mensch, der glaubt daran, daß alles, was wandert, ans Ziel kommt … Möge sein Glaube an uns in Erfüllung gehen. Amen …«
Er leerte sein Glas und sah Windegger an.
»Du bist müde«, sagte er.
»Ja …« antwortete Windegger, »seid mir nicht böse – ich bin wie in einem Nebel und schwimme so langsam fort … Ist das der Wein? … Ist der Wein so stark …?«
Das Mädchen stand auf.
»Dann wollen wir schlafen gehen«, sagte es mit einer leisen und heiteren Stimme. .»Gute Nacht, wie wir auf Erden zu sagen pflegten … Gute Nacht, Hans …«
Sie strich ihm sacht übers Haar und ließ ihm die Hand, die er küßte, inbrünstig küßte und an die Augen drückte.
»Gute Nacht, Gustav … Oh, Gustav ist um seinen Trinkspruch gekommen! … Heb' ihn uns auf! … Gute Nacht, Helius …«
Sie gab ihm nicht die Hand, sie nickte ihm zu und hatte ein schimmerndes, müdes Lächeln auf dem Munde.
»Gute Nacht, Friede!« sagte Wolf Helius.
Sie ging in ihre Kammer und zog die Tür hinter sich zu. An dieser glatten Tür hingen die Augen von Helius lange. Dann wandte er sie auf Windegger.
Windegger schlief.
Wolf Helius richtete sich auf und holte tief Atem, zweimal und dreimal … Und als er sich jetzt zu dem Jungen wandte, lag auf seinem Gesicht ein solcher Ausdruck von Trunkenheit und Kraft, daß der Junge, ohne im mindesten sagen zu können, warum, in ein wildes, verbissenes Schluchzen ausbrach.
Wolf Helius packte ihn bei den Schultern.
»Junge –!« sagte er, und seine Augen, die von Sonne und Sand und Schlaflosigkeit verbrannt waren, schienen die Seele des Jungen ausloten zu wollen, »jetzt mußt du mir zeigen, daß ich mich auf dich verlassen kann wie auf mich selbst …«
»Jawohl, Herr Helius«, stammelte Gustav und würgte sein Schluchzen hinunter.
»Hör' zu … Ich habe beschlossen, auf dem Monde zu bleiben … Aber Fräulein Friede und Herr Windegger und du – ihr kehrt auf die Erde zurück … Es ist nicht nötig, daß sich drei Menschen um einen Entschluß quälen, wenn einer allein ihn so einfach und leicht faßt, nicht wahr? – Sie werden schlafen – ich weiß nicht, wie tief und wie lange –, aber jedenfalls tief und lange genug, daß wir beide, du und ich, unterdessen das Weltraumschiff zum Abflug bringen werden … Ich habe die Raketen so geordnet, daß sie sich automatisch nacheinander entzünden, bis die erforderliche Geschwindigkeit für den Aufschwung in den leeren Raum erreicht ist. Der ungeheure Ruck des Abflugs wird die Schlafenden wecken und Herrn Windegger auf seinen Posten bringen – und sollte das nicht der Fall sein, reiß ihn hoch … Du weißt, die ersten Minuten sind die schlimmsten … Wir haben sie einmal überwunden, das zweite Mal wird es nicht schwerer sein … und das ist das einzige, was ich den beiden und dir ersparen kann … Ist dir das klar, mein Junge?«
»Jawohl, Herr Helius …«
»Was du zu tun hast, ist folgendes: Im Augenblick, nachdem ich das Weltraumschiff verlassen habe und die Türen geschlossen sind, öffnest du dieses Ventil der Sauerstoffapparate, schaltest das Licht ein und siehst noch einmal nach, ob alles dicht ist. Dann gibst du mir ein Zeichen, indem du das Licht rasch nacheinander aus- und wieder einschaltest – und dann halte dich fest. Ich bringe von außen die Antriebsrakete zur Entzündung und, wenn keine unvorhergesehene Katastrophe eintritt, wird sich das Schiff sofort mit furchtbarem Ruck in die Luft abschleudern … und dann Gott befohlen –«
Er lächelte, aber er konnte es nicht verhindern, daß ihm die Stimme erlosch.
»Jawohl, Herr Helius«, sagte der Junge und hing seinem Abgott an den Augen.
»Räume jetzt weg, was hier noch herumsteht, sonst wirbelt in fünf Minuten alles im Leeren durcheinander … Die Instrumente hat Herr Windegger selbst kontrolliert; Fräulein Friede wird ihm helfen, sie zu bedienen … Und vergeßt nicht im Augenblick, da ihr die Erde seht …«
Er stockte, und seine Augen wanderten ein paar Sekunden durch Leeres, mit Bildern Erfülltes … kamen dann wieder …
»–ihr Morsezeichen zu geben«, schloß er ruhig.
»Jawohl, Herr Helius …«
»Dann komm …«
Eine Stunde später war alles getan.
Windegger lag in seiner Matte und schlief mit einem gelösten und befreiten Ausdruck auf seinem abgemagerten Gesicht.
»Du wirst mit einem schönen Schreck erwachen«, sagte Helius halblaut und lächelte, als er dem Freunde unfühlbar über die Schulter strich. »Aber dann wirst du sehr froh sein, das weiß ich – ja …«
Er richtete sich auf und tat einen unsicheren Schritt auf die Tür der Kammer zu, in der Friede schlief.
Einmal will ich dich küssen … dachte er und tastete sich mit geschlossenen Augen vorwärts.
Aber als er die schmale Tür der Kammer öffnen wollte, gab sie nicht nach. Die Tür war von innen verschlossen …
Er stand sehr lange davor, die Hände gegen das kühle Metall gestemmt, als hoffte er, die Glut seiner wunden Hände würde es schmelzen machen – daß er eindringen konnte in diese verschlossene Kammer und Abschied nehmen. Aber die Tür gab den heißen Händen nicht nach.
Nun dann – also ohne Abschied, dachte er.
Seine Stirn sank gegen die Tür.
Minuten vergingen …
Er drehte sich weg und sah Gustav stehen, das Jungengesicht mit der Stupsnase und dem Gewimmel der Sommersprossen – ein einziger Kampf um männliche Selbstbeherrschung.
»Komm her«, sagte Helius und streckte die Arme aus. Und der Junge warf sich hinein – ein aufgelöstes, zitterndes Bündel Liebe und Anbetung.
Helius hielt ihn fest, bis der Junge ganz ruhig wurde.
»Nun sind wir wieder vernünftig«, sagte der Mann.
»Jawohl, Herr Helius …«
»Auf Wiedersehen, Gustav!«
»Auf Wiedersehen, Herr Helius! – Soll ich Grotjan grüßen?«
»Ja, Grotjan sollst du grüßen – und Frau Hippolt … und auch die Erde selber, Gustav, hörst du?«
»Jawohl, Herr Helius!«
»Also – gute Fahrt!«
Er sprang hinaus. Die Türen schlossen sich. Er umkreiste noch einmal das Schiff, das gigantisch aufragte gegen den sich schon nächtlich verfärbenden Himmel. Alle Fenster dicht – auch das Fenster an Friedes Kammer von innen verhängt und geschlossen.
Helius stand und wartete auf das Zeichen des Jungen.
Licht aus – Licht an …
Mit einem letzten Zögern richtete Helius den Blick nach oben –
Gott – – –?
Dann riß er den Zündungshebel herum und sprang zurück –
Mit dem rasenden, aufheulenden Gebrüll der losgelassenen Hölle hob sich das Weltraumschiff und riß sich los von der Wüste des Mondes und raste, auf Flammen reitend, schneller und schneller und höher und immer höher in den Himmel hinein – in den Himmel des Mondes … jetzt nur noch ein Heulen … jetzt nur wie ein Sausen von Sturm – und neues Feuer in Garben … und neues Feuer …
Und dann Verglühen … Verschwinden …
Die Sonne hockte, grotesk zerschnitten, auf einem Felsengipfel …
Nun kam die Nacht. Und die Kälte kam. Und das tiefe Schweigen …
Helius wußte nicht und hätte es nie zu sagen vermocht, wie lange er in seiner Betäubung stand und den verdämmernden Himmel in seinen leeren Augen auffing. Es war, als sei er nicht völlig bei Besinnung – als komme er nur sehr langsam zu der Erkenntnis, was eigentlich geschehen war, und daß er nun allein sei, ein Mensch, auf dem Monde allein mit einem Wahnsinnigen und mit einem Toten.
Er holte tief Atem und wandte sich langsam um –
– und sah das Mädchen unter dem Eingang des Zeltes stehen.
Er schloß die Augen. Er dachte: Irrsinn … Irrsinn …
Er tat die Augen gewaltsam wieder auf.
Ja, Friede Velten stand unter dem Eingang des Zeltes und sah Wolf Helius aus guten und lächelnden Augen an.
»Mein Gott …«, sagte Wolf Helius kaum hörbar. Und noch einmal: »Mein Gott …«
Er legte die Hände über sein Gesicht. Er schob sie über sein Haar hinauf und sah mit ganz verstörten, ganz verzweifelten Augen das Mädchen an, das ruhig, schön und lächelnd drei Schritte vor ihm stand.
»Was hast du getan, Friede –?!« fragte er flüsternd, außer sich. »Friede, was hast du getan –?!«
»Die Wahrheit«, sagte das Mädchen. »Ich habe die Wahrheit getan. Begreifst du mich nicht? Die Wahrheit ist, daß ich lieber mit dir in den Wüsten des Mondes sterben will, als ohne dich leben in den Paradiesen der Erde.«
Er ging nicht auf sie zu. O nein – o nein … nun sollte das Wunder sich ganz und gar erfüllen. Er rief sie nicht. Er streckte die Arme aus. Da kam sie. Da war sie. Da war sie in seinen Armen. Er hielt sie, umfaßte sie, fühlte sie: Wirklichkeit …
Er bog ihren Kopf zurück und sah in ihre Augen, in diese Augen der Wahrhaftigkeit selbst. Sein Mund, verdurstet und hungrig wie er war, nahm ihren Mund gefangen und ließ ihn nicht mehr.
Die Wüste des Mondes klang. Die Berge klangen. Der Himmel klang und die Nacht, die am Himmel thronte. Sie klangen zusammen im feierlichen Chor eines Psalms:
»Wüste ist nicht mehr, wo Liebe ist.
Finsternis ist nicht mehr, wo Liebe ist.
Tod ist nicht mehr, wo Liebe ist.
Das Auge Gottes ist über den Liebenden.
Gott selber liebt sie.
Gott liebt die Liebenden.
Sela …«
Die wissenschaftlichen und technischen Anregungen zu diesem Buche verdanke ich den Werken:
Mit Raketenkraft ins Weltenall von Otto Willi Gail
Die Möglichkeit der Wellenraumfahrt von Willy Ley
Die Rakete zu den Planetenräumen von Hermann Oberth
Thea v. Harbou