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Wie ein Fisch hindurchschießend zwischen weißweißem Tag und schwarz-schwarzer Nacht, der eigenen Bewegung unbewußt, weil sie nicht fühlbar wurde, stürzte das Weltraumschiff den rasenden Höhensturz nach dem Monde seit fünfzig Stunden, seit sechzig Stunden und mehr, und hatte die Sonne zur Linken und die Nacht zur Rechten, und die Erde sank weiter und weiter hinter ihm weg, und der Mond schien ihm näher und näher zu schweben, und schon war es im Netz der schwachen, der gleichsam zärtlichen Anziehungskraft des Mondes – und es hatte die Sonnenstrahlen im Hohlspiegel gefangen und zu den gierig im Fieber des Miterlebens wartenden Wächtern der Riesenfernrohre auf Erden stündliche Botschaft gefunkt, deren jede schloß: An Bord alles wohl.
Wunder der Größe, der Schönheit, des Grauens waren heran- und vorübergestürmt. Es hatte das Weltall sich plötzlich gleich einem kreißenden Schoße aufgetan und den Augen des Mondschiffs das herzzermalmende Schauspiel kosmischer Eruption bereitet: aus unermeßbaren Tiefen, den Blicken der Irdischen seit Ewigkeiten verschlossen, hatte es sich als glühender Regen, in grandioser Kaskade zerstäubend, in die Schwärze des Firmaments geschüttet – dem Geschöpf der Menschen gnädig nur seine Herrlichkeit zeigend, ohne es, unrettbar vernichtend, zu streifen.
Aber die Meldung, die auf der ganzen Erde eine viel gewaltigere Sensation hervorrief als jeder Himmelswunderbericht, die lautete:
»Gustav Maschke aus Berlin, zwölf Jahre alt, hat sich im Skaphander versteckt, um die Mondreise mitzumachen. Befindet sich wohl, läßt Vater und alle grüßen.«
Die gesamte Presse der Welt bemächtigte sich dieser Nachricht, und der kleine Junge, der sich auf der großen Landstraße wunde Füße gelaufen hatte, um ans Ziel zu kommen, wurde sozusagen in contumaciam eine Weltberühmtheit, deren Auswirkung freilich nur sein erstaunter Vater zu spüren bekam.
Wie viele reiche Amerikanerinnen sich gegenseitig voll erbitterten Eifers die Chance streitig machten. Gustav nach seiner glücklichen Rückkehr vom Monde zur Erde adoptieren zu dürfen, hätte ausgereicht, um die Waisenhäuser einer Weltstadt zu leeren. Aber sie scheiterten alle an dem Stolz des Vaters, der, wenn er auch ununterbrochen den Kopf schüttelte und einmal ums andere Mal über den verdammten Lausejungen fluchte, doch in stiller Wonne wie eine Bogenlampe strahlte, und nur zuweilen, wenn ihm zu Bewußtsein kam, daß geglückte Fahrt noch nicht geglückte Heimkehr bedeutete, von teilnehmenden Nachbarn mit sehr viel Korn gestärkt und mit sehr viel Kümmel getröstet werden mußte.
Die Gerechtigkeit erfordert, festzustellen, daß die Menschen im Weltraumschiff sich ebensowenig wie die Menschen auf Erden über Gustav zu beruhigen vermochten.
Vom Augenblick an, da Helius den schmalen, gewichtlosen Körper aus dem Skaphander gehoben hatte und mit einer nicht zu beschreibenden Erschütterung das stupsnasige, sommersprossige Jungengesicht erkannte, hatte das Kopfschütteln über den heroischen Lausejungen noch kein Ende genommen, und seit in dem blutleeren Ohnmachtsgesicht zwei ungemein verschlafene Augen sich langsam geöffnet hatten, verständnislos um sich schauten, allmählich begriffen und zufrieden wieder zufielen, während ein müdes, pfiffiges Lächeln sich der geglückten Überrumpelung von soviel erwachsenen Leuten durch einen kleinen Jungen freute – seitdem hatte Helius diesen kleinen Jungen nicht mehr von sich gelassen, und immer war irgend jemandes Hand – mit Ausnahme von der Turners, der viel zu klug war, um sein offensichtliches Wohlgefallen an Gustav anders als rein platonisch zu äußern – in dem Haarbusch des Jungen oder um seinen Nacken, um ihn zu schütteln, diesen verdammten Bengel.
Nicht die Wunder des Himmels, nicht die gigantische Reise zwischen weiß-weißem Tag und schwarz-schwarzer Nacht – nicht das die Seelen aller unsagbar ergreifende Bild der unaufhaltsam zur Ferne wegsinkenden Erde noch das Näherrollen des machtvoll wachsenden Mondes war für Gustav das Überwältigende an seinem herrlichen Abenteuer. Daß er mit seinem Abgott zusammensein durfte, daß er seine tapferen kleinen Stiefel neben den schweren Metallschuhen seines Abgotts in die Klammern am Boden schieben und so aufrecht neben ihm stehen durfte, selbst – o unerhörte Bevorzugung! – in dem Allerheiligsten, der Führerkabine, die sonst außer Helius und Windegger bei Todesstrafe niemand betreten durfte – das war das Wunder, und das war das Glück.
Zu den anderen, die seinen Abgott auf der Fahrt nach dem Monde begleiteten, war er sehr höflich, weil er fühlte, daß sein großer Freund das von ihm erwartete. Nur mit Walt Turner machte er eine Ausnahme. Die verbockte Abneigung, mit der er dieses Mitglied der Reise zu betrachten pflegte, ließ an Deutlichkeit des Ausdrucks nichts zu wünschen übrig. Das Lächeln Walt Turners verzieh ihm, aber es log.
Gegen Manfeldt war er ein wenig scheu. Dieser zausbärtige Mann mit den viel zu großen Wunderlampen der Augen im ausgemergelten Gesicht erschien dem Jungen so unvorstellbar alt und unheimlich, als sei er schon tausend Jahre am Leben.
Aus Mädchen machte er sich nicht viel; obwohl es ihm mächtig imponierte, daß Friede Velten sich nicht anstellte und keine Zustände bekam und vor allem ordentlich und ohne viel Worte zu machen für die fünf Männer der Weltraumreise sorgte.
Windegger gegenüber verhielt er sich neutral. Aber er mochte es nicht, wenn dieser große Hans das Mädchen so ansah, daß Helius den Blick abwandte. Gustav empfand das irgendwie als unsportlich. Er bekam einen roten Kopf davon und ein dumpfes Herz, und er machte die Entdeckung, daß es Helius ebenso ging.
Hätte Helius geahnt, welch inständiges Bemühen, welche Kraft und Ausdauer die ihm zugeschworene Seele des kleinen Jungen aufbrachte, um listenreich und geduldig wie ein Indianer sich zu der Seele ihres Abgottes hinzutasten, er würde das Herz in seinen Augen besser gehütet haben.
Niemand, auch er selber nicht, hätte das Gefühl ganz auszudeuten vermocht, das er für diesen kleinen Jungen hegte, der sein Leben gewagt hatte, um bei ihm sein zu können. Es war sehr viel von der Liebe eines großen Bruders darin und viel von der ehrlichen Bewunderung eines Mannes, der einem tüchtigen Manne gegenübersteht. Aber es war auch eine tiefe Dankbarkeit darin und das Glück, einem Menschen von Herzen gut zu sein und es zeigen zu dürfen mit jedem Lächeln und mit jedem Blick und mit der Unverhohlenheit einer ständigen Gemeinschaft.
Friede ließ oft ihre Blicke auf den beiden ruhen, wenn sie, Windegger ablösend, im Führerraum auf Posten zogen – Gustav in seiner quecksilbernen Begeisterung noch immer manchen unvermuteten Purzelbaum schießend, wenn er nicht rechtzeitig Hände und Füße verankerte, und zappelnd kopfüber, kopfunter im Raum schwebschwimmend, bis Helius ihn brüderlich einfing und unterbrachte.
Dann standen sie, einer neben dem andern, ruhig und ernsthaft vor den Instrumenten, die, seit das Schiff in die Anziehungskraft des Mondes geraten war, wieder eine sanfte, aber andauernde Beschleunigung der Fahrt registrierten, wenn es eben möglich war, die eine Hand von Helius um die Schulter des Jungen gelegt mit dieser innigsten Gebärde des Zusammengehörens – und der strubbelige stupsnasige Jungenkopf hob sich zumindest nach jedem zehnten Atemzug, um seinem Abgott ins Gesicht zu sehen, ob er auch wirklich und wahrhaftig da sei – um nach erfolgter befriedigender Feststellung dieses Da-Seins sich wieder mit ein wenig gönnerhaftem Interesse den Wundern des Himmels zuzuwenden.
Friede Velten machte die Entdeckung, daß sie den kleinen Jungen um seinen Platz beneidete. Und sie nahm ihren Blick von den beiden fort, um ihn dem großen Schauspiel des näherrollenden Mondes zu geben.
Aber da nahm etwas anderes ihre Augen gefangen.
Dieses andere war Herr Turner.
Herr Turner hatte bisher sich niemals rühmen dürfen, daß ihn das Mädchen länger betrachtete, als unbedingt nötig war. Jetzt, da sie ihn ansah, unentwegt durchdringend ansah, war er so sehr in seine eigenen Angelegenheiten verlieft, daß er es nicht bemerkte.
Womit sich Herr Turner beschäftigte, wurde Friede nicht ohne weiteres klar. Sie sah nur – und das war es, was ihre Aufmerksamkeit gefangengenommen hatte –, daß Walt Turner mit einer Hartnäckigkeit ohnegleichen, mit einer gierigen, saugenden Hartnäckigkeit, auf Wolf Helius sah, und daß dabei sein Gesicht, dieses unfaßliche, vertrackte Mischgesicht, wie in Wehen eines gebärenden Schöpfungsaktes zuckte und sich verschob.
›Was ist das?‹ dachte Friede. Sie hielt den Atem an. Sie dachte: ›Ein Maler in höchster Ekstase, der einem Menschen, der nichts davon ahnt, sein Gesicht stiehlt, der könnte solch einen Ausdruck in den Augen
haben … Aber Walt Turner ist kein Maler … Was will Walt Turner mit dem Gesicht von Helius …?‹
In diesem Augenblick wandte Wolf Helius sich um. Herrn Turners Gesicht erstarrte zu einer Maske aus feuchtem, grünlichem Holz. Es war so wenig das Gesicht von Sekunden vorher, daß Friede geneigt war, sich für eine Närrin zu halten, von Erlebtem ermüdet, von Erwartetem überreizt.
Die große Fahrt nach dem Monde war in ihr letztes Stadium getreten.
Helius und Windegger arbeiteten pausenlos, bis zur Unerträglichkeit geblendet durch das nie sich ändernde, beizende Sonnenlicht, das sich an den Umrahmungen der Fenster wie in Quarzgestein fing und phosphoreszierte und höllische Spitzlichter in die Augen der Menschen abschoß. Die weißen Blätter des Schiffstagebuchs, in das Helius unablässig Notizen eintrug, schienen in einem scharlachfarbenen Feuer zu stehen, das die Worte, kaum daß sie dastanden, wie eine Geheimschrift verschwinden ließ. Immer wieder mußte Windegger dem Freunde die Tatsächlichkeit des Geschriebenen bestätigen. Helius selber sah es nicht mehr.
Unaufhörlich surrten die mechanischen Kinema-Apparate ihre Filmspulen leer und voll. Unablässig sandte Windegger Lichtfunken als Morsezeichen nach der hoch schwebenden Erde. Wahrscheinlich, weil der ›Leere Raum‹ sich weigerte, die irdischen Elektrowellen zu übermitteln, hatte sich die leise Hoffnung, vielleicht durch Radiosender in direkte und gegenseitige Sprechverbindung mit der Erde zu kommen, nicht erfüllt. Und es war ein sonderbar flaues Gefühl, dieses Rufen ins Antwortlose, dieses Reden in unzerstörbares Schweigen.
»Nähern uns der östlichen Grenze des Mondes. Fahrtgeschwindigkeit steigend. An Bord alles wohl.«
Die Erde schwieg.
»Mondlandschaft in unbeschreiblicher Größe und Klarheit. Keine Spur von Leben. An Bord alles wohl.«
Die Erde schwieg.
»Sehen die Erde nur noch als Stern über uns. An Bord alles wohl.«
Die Erde schwieg.
Der Geschwindigkeitsmesser kroch auf der Skala voran.
Vom Augenblick an, da diese Beschleunigung allmählich verlangsamter Fahrt anzeigte, daß sie in die Sphäre der Anziehungskraft des Mondes eingetreten waren, hatte Helius mit Hilfe der Kreiselschwungräder das Weltraumschiff auf den Schwanz gestellt, so daß es seine Düsenöffnung, schwarz gähnend und riesenhaft wie der Eingang eines Kohlenschachtes, dem Monde zukehrte – bereit, einen allzu gewaltsamen Absturz des Fahrzeugs zum Monde, den eine außer menschlicher Berechnung wirkende Gewalt nur allzuleicht herbeiführen konnte, durch sofortigen erneuten Antrieb nach oben in seiner vernichtenden Wirkung abzuschwächen und zu bremsen.
Und es hatte den Anschein, als stünde dieser gewaltsame Absturz unmittelbar bevor.
Denn die Ringgebirge, die Krater, die toten Mare, die gleißenden Flächen versandeter Ozeane, die in der weißen Sonne glühenden Gipfel der Zweitausend-, Dreitausend-, Fünftausendmeterberge schoben sich gleich heranrollenden, rasend sich überstürzenden Wogen eines steinernen Meeres näher und näher – zorntolle Ungeheuer, Riesen, Höllendämonen – zorntolle Giganten, Titanen, Götter –, den Menschen die Landung verwehrend in einer Steinwelt von Göttern.
Unwillkürlich schloß Friede die Augen, von unwiderstehlichem Schwindel gepackt. Aber der brodelnde, torkelnde Taumel der Mondlandschaft dauerte fort in ihrem verstörten Gehirn. Und die plötzlich aufgellende Stimme Manfeldts war wie das schrille Lied einer Totenbeinflöte, die der torkelnden Steingötterwelt zum Tanz aufspielte:
»Vorsicht, Kopernikus, stolpere nicht –! Du stolperst mir sonst in den Oceanus Procellarum! Hoppla, Karpathen –! Hoppla, Apenninen –! Trampelt mir den Triesnecker nicht entzwei! Warum bist du so grimmig, Mare Serenitatis –? Warum lächelst du nicht, o Mare Nectaris –? Nehmt euch ein Beispiel an Isidorus und Capella –! Die schmiegen sich innig zusammen, sind eines vom andern berauscht! Ihr seid eine Lügengesellschaft –! Eine Lügengesellschaft seid ihr –! Wo ist deine Fruchtbarkeit, o Mare Fecunditatis –? Wo sind deine Wolken, o Mare Nubium –? Eratosthenes! Eratosthenes –! Tauche herauf –! Zeige uns deinen Krater –! Wir wollen die fliegenden Schwärme der Mondschrecken wandern sehen –! Mare Crisium, Meer der Gefahren, ahoi –«
Die Stimme von Helius peitschte hinein in das gelle Gestammel des Alten:
»Windegger –! Letztes Morsen –! Nehmt von der Erde Abschied –!«
Kreideweiß, das Gesicht von kaltem Schweiß überronnen, mit zusammengebissenen Zähnen, schickte Windegger seine Botschaft ins Weltall hinein:
»Sind im Begriff, die der Erde abgekehrte Mondseite zu erreichen. Nachricht von jetzt an nicht mehr möglich. Rufen der Erde und allen, die auf ihr an uns denken, letztes Lebewohl und ›Auf Wiedersehen!‹ zu. An Bord alles wohl. Im Namen der Besatzung des Weltraumschiffes: Helius.«
Die Erde schwieg.
Sie stand – noch! noch! – als großer heiterer Stern in unendlicher Ferne … 384 000-Kilometer-Ferne … in der Schwärze des Firmaments und war sehr schön mit ihren Festlanden, ihren schimmernden Meeren, die das liebende Auge der Menschen noch erkannte.
Dann war sie verschwunden …
Und fast in derselben Sekunde füllte das Weltraumschiff sich mit einer vernichtenden Nacht, mit einer vernichtenden Kälte. Die Sonne war fort. Der Schatten des Mondes schluckte das Weltraumschiff ein. Es war Nacht auf dem unbekannten Monde. Gespenstisch glotzten die Sterne ohne zu leuchten auf ihn herab und auf das pfadlos rasende Menschengeschöpf, an dessen Fenster sich weiße Gesichter preßten.
Wo waren sie? Wohin trieben sie nun in der Nacht aller Nächte, der letzt-letzten Finsternis, der Hölle des Frostes? Kam der Tod als Vereisung? Kam er als Taumelsturz in nie zu Ergründendes? Kam er als ewiger Flug in nie mehr zu entrinnender Bahn? Kam er als Wahnsinn?
»Aber so macht doch Licht – um Gottes willen –!!« würgte sich Windeggers Stimme aus der Schwärze.
Walt Turners Hand ertappte den Kontakt. Mattgelbes Licht erfüllte das Weltraumschiff und zeigte die Menschen, die sich krankhaft anklammerten, wo immer sie Halt fanden, zeigte ihre irren Augen –
»Licht aus –!!« kam sofort der scharfe Gegenbefehl von Helius.
»Nein, nein – laßt es brennen –! Man wird ja verrückt – – –«
»Bist du denn toll geworden –?! Willst du uns alle –«
Friede Velten kroch auf den Schalter zu. Und das Licht erlosch, und die Schwärze war wieder da.
Die Stimme von Gustav fragte:
»Herr Helius, darf ich zu Ihnen kommen?«
»Jetzt nicht, mein Junge!« sagte sein großer Freund.
Ein Lallen – von wem? – es klang wie zerbissen von schnatternden Zähnen:
»Ich stehe aufrecht … Ich halte mich nicht mehr an und stehe aufrecht …«
Ein Schreien – von wem? –:
»Ich sehe –! Wir sind dem Monde ganz nahe –! Wir stür – – zen – –!!«
»Festhalten –!!!«
Und unmittelbar nachfolgend ein Stoß, der das Weltraumschiff wie einen geschleuderten Speerschaft vibrieren machte und mit der vollen Kraft des Richtungsschusses, den Helius zur Zündung gebracht hatte, aufwärtstrieb –
Die unnatürlich kreischende Stimme Manfeldts schrie auf – und es klang, als schlüge er sich dabei wie ein Rasender die Fäuste gegen den Schädel:
»Nicht weg vom Monde –! Nicht weg vom Monde –!! Ihr Schufte –! Ihr Schufte –! Ihr wollt mich um meinen goldenen Mond betrügen –!!«
Helius antwortete nicht. Er hatte die Kiefer zusammengepreßt, daß ein Blutniagara in seinen Ohren brauste. Da war das Mädchen plötzlich neben ihm, nahe, ihm nahe wie seine eigene Haut. Ihre tapfere Stimme fragte:
»Helius, warum muß es dunkel sein?«
»Weil,« antwortete er, selbst jetzt, in dieser Minute, die ihn zur Maschine verstählte, die bittere Süßigkeit ihrer Nähe empfindend, »weil ich wissen will, ob die erdabgekehrte Seite des Mondes Atmosphäre hat, in der wir atmen können …«
»Und darum Dunkelheit?«
»Ja, ich will unsere Augen in völliger Schwärze haben. Denn bald wird die Sonne aufgehen. Kommt sie als ruhig glühender Halbring des Mondes, dann ist er luftlos und tot. Aber kommt sie – –«
»Seht –! Seht –!!« schrie Windegger plötzlich und streckte die Hände aus.
Nein, die Sonne kam nicht als ruhig glühender Halbring. Sie setzte den Ostrand des Mondes in einen ekstatischen Brand. Sie machte ihn tanzen in einem zuckenden Tanz. Sie ließ ihn Rubinengarben versprühen, Smaragd- und Saphirkaskaden – sie brach aus seinem Gestein Bergwerke von Goldtopasen, von Turmalinen und Hyazinthen, von Opalen, aus Regenbogen gemacht, und von Aquamarinen.
Der nachtschwarze Himmel tönte sich sonderbar – nicht blau, nein, gelb, wie er manchmal über den Wüsten der Erde steht, und in diesen bangen, schwefelfarbenen Himmel hinein schleuderte die noch unsichtbare Sonne flammende Protuberanzen.
»– aber kommt sie so,« fuhr Helius fort, und sein erschöpftes Gesicht trug das Lächeln fast eines Verzückten, »dann ist der Mond noch lebendig, und wir können atmen auf ihm …«
Mit einem maßlosen, überschnappenden Gelächter stürzte sich Manfeldt auf Windegger, um ihn mit leidenschaftlicher Heftigkeit zu umarmen.
»Seht die Wolke –!« schrie er zwischen Keuchen und Schluchzen. »Seht die Wolke am Morgenhimmel des Mondes –! Sie steht vor der Sonne! Sie sagt: Es kommt ein Sturm! Sie ist rosenrot und geschwungen wie eine Flamingofeder …«
Er ließ ihn los und wandte sich Helius zu. Er rief:
»So landen Sie doch –! Warum landen wir nicht –?! Warum landen wir nicht da, wo es Luft gibt und Feuchtigkeit?!«
Die Sonne tauchte über dem Horizont des Mondes auf. Pfeilbündel, Speerbündel von Licht schossen blendend über das Antlitz des unbekannten Mondes hin, das zu den Menschen emporsah mit unvorstellbarer Wildheit.
Nie hatten menschliche Augen eine Landschaft gesehen, die so vom Satan geschaffen schien wie diese. Die Grellheit der Sonne zeigte unverhüllt die lauernde Tücke der Tiefen, die grimmige Schroffheit der Höhe. Bergnadeln, schmaler und höher als irgendein Felsen der Erde, starrten herauf gleich den zugespitzten Pfählen in einer Wolfsgrube. Die Täler, die sich wandelnd, ein schwarz-weißes Panorama, am Auge der Menschen vorüberschoben, sperrten gefräßige Rachen auf. Nichts von Bewegung, nichts von Leben zu spüren. Ob ein gleißender Fleck hier und da in den Tiefen Wasser bedeutete, war bei der reißenden Fahrt nicht zu erkennen.
»Wo wirst du landen?« fragte Windegger halblaut.
Helius deutete mit dem Blick und dem Kinn.
Inmitten eines weitgeschwungenen Ringes von Bergriesen, die sich übereinanderzutürmen schienen, einer dem andern auf die Schultern geklettert, böse, dämonische Häupter nach oben gereckt, steinerne Fäuste auf versteinerten Knien – dehnte sich weiß eine Fläche wie eine Wüste …
»Dort –?«
»Ja.«
Windeggers schönes fahles Erzengelgesicht verzog sich zum Lächeln.
»Mir scheint,« sagte er, »ich hatte unrecht, zu denken, daß wir den Tod in der Kiellinie unserer Fahrt auf den Mond ziehen würden … Der Tod ist hier schon zu Hause …«
»Geh an deinen Platz, Windegger«, sagte Wolf Helius. Er sah niemanden an. Er fuhr fort: »Ich werde jetzt die Landung versuchen. Ich bitte euch, falls es euch möglich ist, in den nächsten Minuten die Nerven nicht zu verlieren. Sie werden nicht weniger furchtbar sein als die ersten acht Minuten nach dem Start, denn alles, was wir tun, ist erstmalig und eine Rechnung mit lauter Unbekannten … Jetzt gilt es! – Achtung –!«
In einem Entsetzen, dessen Panik sie nicht widerstehen konnte, schloß Friede die Augen. Denn plötzlich war es, als stürze das Weltraumschiff widerstandslos und ohne Bremsmöglichkeit in ein grundloses Loch – nein, nein! es war anders: es war, als schnelle die Grundlosigkeit nach oben, ihnen entgegen, um sie zu fangen, zu packen, einzuschlucken –
Und wieder Auftrieb nach oben, daß das Weltraumschiff von der Spitze bis zur Düsenöffnung schütterte und bebte –
– und wieder Sturz, daß den Menschen die Eingeweide aus dem Munde zu quellen drohten –
– und auf und ab und auf und ab, als würfen die zorntollen Götter dieser zorntollen Steinwelt sich das Menschengebilde mit mordenden Händen zu …
Ein Schrei, nicht mehr von menschlicher Stimme:
»Jetzt – – –!!!«
Schräg Niedersausen – Aufprall – Rückstoß – und wieder Aufprall – Sichdrehen – Umkippen, die Düsen nach unten –
– und Stille …