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»Manfeldt – –! … Manfeldt – –!«
Es war etwas Nervenzerreißendes um dieses ununterbrochene, bald sich entfernende, bald sich wieder nähernde, bald nur noch wie ein Echo vernehmbare Rufen, das nie eine Antwort bekam.
Friede, von der Suche nach Manfeldt ausgeschlossen, hatte glühende Stunden hindurch mit Photo- und Filmapparat gearbeitet, um für die Notizen von Helius das belegende Bildmaterial zu sammeln. Erschöpft, wie sie war, und bis in die letzten Nervenenden der Fingerspitzen gleichsam innerlich aufgedröselt durch Erlebnis über Erlebnis und durch die Sorge um Manfeldt, hob sie die Hände und drückte sie vor die Ohren, weil sie dies Rufen, das nie eine Antwort bekam, nicht mehr zu ertragen vermochte. Aber es war, als riefe es in ihr fort – als bekäme die Mondlandschaft selbst, deren Bild sich durch ihre verstörten Augen in sie hineingrub, einen laut rufenden Mund. Die gürtenden Berge rundum warfen sich den Namen des Verschwundenen als Spielball zu. Himmel und Wüste tauschten ihn heiser aus …
Entmutigt nahm Friede die Hände von den Ohren. Da war es doch besser, die Stimme von Helius zu hören und das noch immer helle, noch gänzlich ungebrochene, noch abenteuerfroh ergellende »Hallo – hallo!« der Zungenstimme Gustavs, der seinem Abgott auf den Fersen trabte.
Friedes Augen gingen zu Windegger hin.
Auch er beteiligte sich nicht an der Suche nach Manfeldt. Er arbeitete wie ein Tier, trotz der bis zur Unerträglichkeit sich steigernden Glut der Sonne, an der Wiederinstandsetzung des Weltraumschiffs, um es für die Rückfahrt bereitzumachen. Er hatte sich dieser Arbeit mit einer so eifervollen Gier bemächtigt, als sei sie Befreiung und Lust für ihn zugleich, und er widmete sich ihr mit einer solchen Ausschließlichkeit, daß Essen und Trinken und Schlaf, Gewalt des Erlebens und Sorge um den verschwundenen Gefährten in ihrem Bereich zu Nebensächlichkeiten einschrumpften.
Es galt, für den mächtigen Körper des Weltraumschiffs auf dieser Wüste des Mondes mit den primitivsten Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, die schräge Anlaufbahn für den Aufschwung zu schaffen. Es galt, das mit Menschen gefüllte Geschoß ohne Anschleppung, nur mit eigener Kraft der Raketen, über die zurücksaugende Atmosphäre des Mondes hinauszuschleudern, der stärkeren Anziehungskraft der Erde zu. Hans Windegger verfuhr mit dieser Arbeit wie ein Kyklop mit seiner Geliebten, auf die er zornig ist. Er stemmte sie sich auf den Nacken, als wollte er sie weiß Gott wohin verschleppen. Er zwang sie unter seine Knie und schüttelte sie mit den Fäusten und sprach wilde und grimmige Worte über sie. Er lachte sie an und wiegte sie in den Armen; jeder Griff, den er nutzvoll tat, war eine Verwünschung und ein inbrünstiger Kuß …
Friede schleppte die Apparate und Filmkassetten zum Zelt zurück, das Helius für sie im Schatten einer Felsenkanzel aufgeschlagen hatte.
Es war sehr kühl in dem Zelt, und das weich aus Segeltuch und Decken geschichtete Lager war eine starke Versuchung für ihre Müdigkeit. Aber nicht umsonst hatte sie Windegger so aufmerksam bei seiner Arbeit beobachtet, und nicht umsonst stand seitdem zwischen ihren schöngeschwungenen Brauen die feine Rune, die Zorn bedeutete.
Sie kühlte die Schlagadern des Halses und der Handgelenke, bis das Zucken der Pulse ein wenig ruhiger wurde. Dann verließ sie das Zelt und suchte Windegger auf.
Er schien ihr Kommen nur halb in sich aufzunehmen. Der Blick, mit dem er sie begrüßte, war trunken und geistesabwesend und warnte zugleich vor Störung. Sein Gesicht, bis in die Augen hinein mit Blut gefüllt und glitzernd von Schweiß, sah streitbarer aus als je, aber es glich durchaus nicht mehr dem eines krakeelsüchtigen Erzengels. Es glich nur sich selbst.
»Manfeldt – –! … Manfeldt – –!« kam aus unendlichen Fernen der langgezogene Ruf, als riefen die Mondberge selbst, fast schauerlich leise.
Das Mädchen horchte der Stimme nach. Es hatte sich in dem schmalen Schatten niedergelassen, den das Weltraumschiff auf den Sand der Wüste warf, und faltete die Hände über den Knien.
»Störe ich dich, Hans?« fragte sie halblaut, denn sie fühlte, daß sie sich nicht auf ihre Stimme verlassen konnte.
Der Kopf Windeggers kam gleichsam wie ein Taucher aus seiner Arbeitstiefe zu dem Mädchen herauf und starrte es lange an mit den eifergrellen Augen, bis sich der offenstehende Mund zur Antwort entschloß:
»Gott bewahre, nein, Friede … Nur wenn du hierbleiben willst, bitte, setz' dich auf einen andern Platz, sonst muß ich immerzu über dich wegklettern …«
Sie rückte zur Seite, und ihre schmalen, nach vorn geneigten Schultern drückten einen erstaunlichen Willen zur Sanftheit aus.
»Wo ist Turner?« fragte sie nebenher.
»Ich weiß nicht … Wahrscheinlich sucht er nach Manfeldt …«
Zerrissene Fetzen einer Melodie zwischen den Zähnen, verkroch er sich bei seinen Meßinstrumenten, schwatzte Zahlen, als würfe er sie wie Bälle in die Luft, und haschte sie wieder herunter, wie er sie brauchte.
»Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich,« fing das Mädchen behutsam wieder an, »daß Turner seine Zeit und seine Kraft für die Suche nach Manfeldt opfert …«
Sie schien auf eine Gegenbemerkung von Windegger zu warten; aber er schwieg, blitzschnell Notizen auf den silberweißen Anstrich des Weltraumschiffs kritzelnd.
»Hast du Herrn Turner in den letzten achtundvierzig Stunden beobachtet, Hans?«
»Bei Gott, nein!«
»Aber ich … Es schien ihr sehr schwer zu werden, weiterzusprechen, und die heftige und gegen alles andere gleichgültige Geschäftigkeit des Mannes kam ihr so gar nicht zu Hilfe. »... Ich muß dir etwas Sonderbares erzählen, Hans …«
»Hm …«
»... Es war Schlafenszeit … Ich lag im Zelt – aber ich konnte nicht schlafen. Ich stand auf, weil mein Herz so unsinnig schlug. Ich konnte durch den Spalt im Zelttuch gerade die Führerkabine des Schiffes sehen. Ich habe sehr gute Augen, wie du weißt … Der Mann, der sich in der Führerkabine zu schaffen machte, war Helius …«
»Nun, und –?«
»... Aber Helius lag zwei Schritte vor meinem Zelt, zwei Schritte von dir entfernt, und neben ihm der Junge, im Schatten der Felsenkanzel, und schlief.«
Hans Windegger lehnte sich gegen den riesigen Leib des Weltraumschiffs und sah, an den Lippen nagend, auf das Mädchen. Er sagte nichts. Ihre Augen waren mit einem sonderbar drängenden Ausdruck zu ihm emporgerichtet, als klopften sie bei ihm an. Aber er hörte sie nicht und tat ihnen auch nicht auf.
»Begreifst du nicht, Hans?« fragte sie mit versagender Stimme. »Der Mann in der Führerkabine war Helius … es war sein Gesicht – es waren seine Bewegungen – es war seine Art, mit gesenktem Kopfe zu grübeln und dann den Kopf rasch aufzurichten und mit sehr schnellen Griffen zu tun, was getan werden muß … – Aber Helius lag vor mir im Sande und schlief, und der Kopf des Jungen lag auf seinem Arm …«
»Ich habe mich nicht getäuscht …«
»Deine Nerven haben dir einen Streich gespielt.«
»Du hast mich noch kürzlich um meine guten Nerven beneidet, Hans. Ich leide nicht an Halluzinationen, ich bin nicht hysterisch und habe keine Wachträume. Ich habe mit offenen, ungetrübten Augen Helius an zwei verschiedenen Orten zugleich gesehen. … Aber wen ich nicht gesehen habe, das war Herr Turner …«
»Ich weiß noch immer nicht, worauf du hinauswillst, Friede –«
»Ich will durchaus auf gar nichts hinaus – mein Gott, Hans … ich habe dir etwas erzählt, was ich beobachtet habe und was mich beunruhigt hat … Ich habe zu Helius nicht davon gesprochen, weil er so ganz erfüllt ist von der Sorge um Manfeldt … Ich hoffte, du würdest mir irgendwie helfen … Ich traue Herrn Turner nicht. Er ist so gespenstisch ruhig – so glatt … unfaßbar wie eingeölte Haut. Ich kann die Stille nicht schildern, die um ihn ist. Es ist die Stille von Werdendem – von Entstehendem, aber unwirklich … es ist, als sähe man in einem Film dem Ausschlüpfen eines großen und grotesken Insektes zu … als sähe man lautlose Schlangen züngelnd aus ihren Eiern kriechen … Er ist nicht auf dem Monde – er sucht ihn heim, verstehst du mich, Hans? – er durchforscht ihn nicht, er durchschnüffelt ihn … Die Wildheit, die drohende Großartigkeit, das erschütternd Fremde dieser Landschaft berührt ihn nicht, wie ihn die grausigen und herrlichen Wunder der Reise nicht berührt haben. Er hat die Gaunereien, mit denen er seine Beteiligung an unserer Fahrt erzwang, gewiß nicht ins Treffen geführt, um auf dem Monde photographische Aufnahmen zu machen, Gestein- und Pflanzenproben zu sammeln und mit gefülltem Notizbuch für Vortragsreisen an irgendeinem guten Tag zu den Menschen zurückzukehren, als käme er bestenfalls aus dem Hinterland des Amazonas … Spürst du nicht, Hans, daß dieser Mann einen Faden spinnt, an dem er uns aufhängen will, sobald er selber am Ziel ist? Der Plan, das Weltraumschiff käuflich zu erwerben und so zum Herrn darüber zu werden, ist ihm mißglückt. Glaubst du, daß Herr Turner zögern wird, gegebenenfalls Gewalt anzuwenden, um die Heimkehr zur Erde ohne Rücksicht auf Helius und uns zu erzwingen, sobald es ihm zweckmäßig scheint?«
Windegger antwortete erst nach einer langen Pause. Gedankenlos wischte er sich immer wieder über das glühende Gesicht, und er sah das Mädchen nicht an, als er sprach:
»Ich habe Herrn Turner, offen gestanden, nicht so durchdringend beobachtet, wie du es getan zu haben scheinst, Friede … Aber ich sage dir: wenn Turner die Absicht hat, die Rückkehr zur Erde zu beschleunigen – und sei es selbst gegen den Willen von Helius –, so werde ich mich auf seine Seite stellen.«
Das Mädchen lächelte, ein wenig blaß. »Wie schlecht du dich kennst, Hans«, sagte sie zärtlich.
Er schloß ein paar Sekunden lang die Augen, und mit diesen geschlossenen Augen und dem halbgeöffneten Mund gewann sein Gesicht die durch nichts zu erlösende Tragik eines Menschen, der sich aus sich selbst heraus unrettbar verloren weiß.
» Du kennst mich nicht, Friede«, sagte er heiser und heftig. »Du kennst mich ganz und gar nicht … Aber nun mußt du mich kennenlernen …«
Er trat so dicht vor sie hin, daß sein glühender Kopf gleichsam über ihr hing und daß nur seine gegen die nackte Brust gepreßten Fäuste seinen schwankenden Körper noch zurückzuhalten schienen, über das Mädchen zu stürzen.
»Ich will nicht mehr – verstehst du? – ich habe es satt! Ich habe den Wahnsinn satt! Denn Wahnsinn ist alles, was hier geschieht und was seit Wochen geschehen ist. Das ganze tobsüchtige, verzweifelte Unternehmen dieser Mondfahrt! Es hat, seit die Welt steht, nicht solche Narren gegeben, wie wir sind, die wir uns in die Tollheit eines von Ehrgeiz Besessenen haben verwickeln lassen –«
»Ich möchte nicht, Hans, daß du weitersprichst«, sagte das Mädchen schnell und leise. Sie stemmte die flachen Hände rechts und links in den Sand neben sich und fing das Bild des über ihr schwankenden Mannes in weiten, durchsichtigen Augen auf.
»Jetzt spreche ich weiter! Oh – ich schließe mich keineswegs aus von der Schuld dieses Wahnsinns! Jawohl – ich habe, solange ich in meiner Werft am Weltraumschiff rechnete und bastelte und arbeitete, eine besoffene Freude an der ganzen Sache gehabt! Helius versteht es ja, einen betrunken zu machen mit seinen Ideen …! Mondfahrt! – Weltraumforschung! – neues Kapitel der Weltgeschichte! – und wie die großen Worte alle heißen … Dann kamst du dazu! Du branntest lichterloh – es war schön und beseligend, mit dir in der gleichen Flamme zu brennen – aber, Gott im Himmel, Mädchen ist dir denn niemals klar geworden, daß diese Flamme ja gar nicht in uns selber brennt, daß wir nur gleichsam im Feuer von Helius standen – und daß irgend etwas in uns – was weiß ich: Abenteuersucht – Großmannssucht – oder ganz primitive Neugier auf noch nie Erlebtes – sich in dem fremden Feuer entzündete, bis wir glaubten, jeder Gedanke in uns sei eine Fackel der reinsten Begeisterung … ist dir das noch nicht klar geworden, Friede?«
»Nein. Denn es ist nicht so … Es ist nicht so … Nein! Wenn es möglich wäre, daß die Flamme, von der du sprichst, in Helius erlöschen könnte – ich selber zündete sie wieder an …«
»Du belügst dich, Friede –«
»Ich pflege mich nicht zu belügen –«
»Lege die Worte nicht auf die Goldwaage, Friede! Gib mir eine ehrliche Antwort –: Würdest du diese Mondfahrt noch einmal unternehmen?«
»Ja.«
»... Du würdest diese Mondfahrt noch einmal unternehmen –?«
»Ja.«
»– Und das nennst du eine ehrliche Antwort?«
»Es ist eine.«
»Friede –«
Er hob die Fäuste an seine Schläfen und starrte das Mädchen mit bebenden Lippen an. Ihre wunderbaren Augen mit den schmalen und kriegerisch geschwungenen Brauen waren ihm weit und unbeugsam aufgetan. Er warf sich neben ihr hin in den Sand, den Kopf, die Arme in ihren schmalen Schoß: es war, als wollte er sie mit sich selbst überfluten, um in sie einzudringen, um sie mit sich zu erfüllen.
»Friede,« sagte er, »höre mich an! Wir haben das Abenteuer aller Abenteuer gewagt. Wir haben die Mondfahrt unternommen. Wir sind auf dem Monde gelandet. Wir haben – Glück über Glück! – Atmosphäre und Wasser gefunden. Wir haben Tausende von Aufnahmen gemacht. Wir haben in dreimal vierundzwanzig Stunden ein überwältigendes Material für die Wissenschaft gesammelt – und einen Menschen verloren …«
»Helius wird ihn schon finden«, sagte das Mädchen still.
»Kann sein. Als Leiche …«
»Ich möchte wohl wissen, Hans, was dir, bei soviel Glück in allen Gefahren, das Herz so verdüstert hat, daß du dir selbst nicht mehr gleichst …«
»Der Mond! Friede! Diese ganze grauenhafte Welt des Grauens! Sieh diese Berge an! Fühlst du nicht, daß sie dich hassen? Sieh diesen gelben Himmel und diese Sonne an! Drei Erdentage steht sie über uns, wird noch elf Erdentage über uns stehen mit dieser fressenden Glut – dieser haßvollen Glut – und dann wird Nacht sein – vierzehnmal vierundzwanzig Stunden, und wird uns zu Eis vereisen … Ich habe niemals geglaubt, daß Menschen an einer Landschaft sterben können. Jetzt bin ich davon überzeugt. Aber ich will nicht sterben und hier verscharrt werden in dieser giftigen Wüste des Mondes! Ich will wieder Mensch werden! Ich will auf die Erde zurück … Friede! Hast du denn keine Sehnsucht – kein Heimweh nach der Erde?
Das Mädchen schüttelte den schönen Kopf.
»Nein, Hans. Noch nicht. Ich bin noch nicht … wie soll ich dir das sagen? – ich bin noch nicht wieder reif für die Erde … Ich werde es – wer weiß? – vielleicht nie wieder werden … Mir ist das Erlebte ein anderes Erlebnis als dir. Das tut mir weh. Aber man muß sich wohl klar darüber werden. Ich fühle das Feindliche dieser Landschaft auch, aber ich weiß, ich werde es überwinden. Ich werde mir diese Berge und diese Wüste und das Unbekannte, das jenseits der Berge liegt, zu eigen machen – so wie ein Mensch sich den Gipfel zu eigen macht, den er als erster erobert. Wer das einmal erlebt hat, der muß es immer wieder erleben. Das ist nicht Ehrgeiz, Hans. Es ist wohl – Schicksal … Die Dinge warten auf den, der ihr Herr sein wird.«
»Du sagtest,« meinte der Mann, »du würdest vielleicht nie wieder reif für die Erde …«
»Ja, Hans.«
»Wie hast du das gemeint?«
Ihr Blick ging von ihm fort und kam nicht wieder.
»Ich will dir ein Beispiel sagen, Hans … Es ist sehr weit hergeholt und vielleicht nicht ganz richtig, wie die meisten Beispiele … Glaubst du, daß Odysseus auf Ithaka glücklich war?«
Unwillkürlich mußte er lächeln, wenn auch ein wenig schwermütig.
»Vergleichst du dich mit Odysseus?« fragte er.
»Ja, Hans. Warum sollte ich nicht? Mir scheint, für ein Mädchen gehörte nicht weniger Mut zu der Fahrt nach dem Monde als für den Mann Odysseus zu der Hadesfahrt. Denn was der Vielverschlagene sonst an Gefahren bestand, geschah weder ganz freiwillig noch ohne Protest seinerseits und mit vielen beweglichen Klagen gegen die Götter … Aber ich glaube, soviel auch von seinen Abenteuern, von seiner Heldennot und seiner Heimkehr geschrieben wurde, die Tragödie des Odysseus ist noch nicht geschrieben. Die fängt auf Ithaka an. Am häuslichen Herd.«
Hans Windegger schwieg.
»Die Eroberung Trojas … die Insel des Polyphem … der Zorn des Poseidon … Leukothea … Kalypso … Kirke … Nausikaa … die Fahrt auf dem Styx … und der singende Schrei der Sirenen … Ich sehe ihn sitzen, den Mann auf Ithaka. Bei ihm die Frau. Bei ihm der Sohn. Und Stille. Penelopeia webt ihr Gewand zu Ende und fängt ein neues an. Die Flamme brennt auf dem Herd. Aber Pallas Athene sitzt nicht mehr als Gast daran. Und draußen dehnt sich das Meer. Purpurne Segel ziehen darüber hin. Poseidon ist friedlich. Das Leben ist glatt wie die See. Es gibt keinen Streit mit den Nachbarn – teils, weil sie gleich bei der Heimkehr ausgerottet wurden, teils, weil es niemand mehr wagt, den Schützling Athenes zu reizen. Und solch eine kleine Insel ist Ithaka! Es lohnt sich nicht, König zu sein auf Ithaka … Wissen wir, ob der Mann der Penelopeia nicht eines Nachts die gerührt und sorglich eingemotteten Bettlerlumpen aus der Truhe kramte, aus seinem Palaste schlich, sich von einem Fischer das ärmlichste Boot mit zerrissenem Segel stahl und, Pallas Athene anrufend – Kurs: irgendwohin! – von der Küste Ithakas floh? Niemand weiß, wie Odysseus starb …«
Hans Windegger schwieg.
»Ich habe«, fuhr das Mädchen nach einer traurigen Stille fort, »den großen Schritt aus mir selbst heraus ins Ungewöhnliche getan. Ich kann ihn nicht mehr zurücktun – und ich will auch nicht. Ich will nun weitergehen. Hans … Gehst du mit?«
»Nein, Friede.«
Schweigen.
»Ich habe dich freundlich gefragt, Hans, warum gibst du mir eine so herbe Antwort?«
Seine kranken Augen hoben sich zu ihr auf.
»Entsinnst du dich unserer letzten Nacht auf Erden, Friede?«
»O ja!«
»Da sagtest du zu mir: ›Betäube mich nicht ‹ … Ich will mich auch nicht mehr betäuben lassen, Friede – weder durch dich noch durch Helius –, durch nichts und niemand mehr. Ich will wieder festen Boden, will wieder Erde unter den Füßen haben. Ich will dich bei der Hand packen und dich der Erde zurückerobern, Friede. Und wenn es sein muß – –«
Er sprach den Satz nicht zu Ende. Sie sahen sich in die Augen. Das weiße Gesicht des Mädchens wartete. Es wartete bis zur Unerträglichkeit.
»Warum sprichst du nicht weiter?« fragte es endlich.
»Ist es noch nötig, Friede?«
»Nein. Du hast recht. Ich werde dich deiner Arbeit wiedergeben.«
Sie stand auf und ging ruhig fort. Der Mann hielt sie nicht. Er sah ihr nach und hatte die Zähne übereinandergebissen, um sie nicht zurückzurufen. Er sah sie stehenbleiben – eine kurze, glühende Freude durchzuckte ihn wie ein Schnitt. Aber schon im selben Augenblick erkannte er: es galt nicht ihm. Sie schaute jemand entgegen. Er sprang aus dem Schatten ins Licht und sah Gustav kommen. Der Junge flog wie ein Pfeil und schrie schon von weitem, doch es war nicht zu verstehen, was er schrie.
Unwillkürlich rannte Windegger ihm entgegen, und der gleiche Impuls trieb auch das Mädchen vorwärts, daß es und Windegger in derselben Sekunde mit Gustav zusammentrafen.
Der Junge schrie noch immer. Es war, als sei ein Ventil in ihm geöffnet worden, das er nicht wieder abzustellen vermochte. Seine gellende Jungenstimme überschlug sich. Das Wort »Gefunden –!« spritzte heraus aus dem Gischt seines unverständlichen Schreiens, und jede Sommersprosse in seinem Gesicht war ein Ausrufzeichen.
Er hielt ein Papier zerknüllt in der schmutzigen Faust, aber er dachte nicht daran, es abzugeben. Windegger nahm es und faltete es auseinander. Friedes Augen lasen mit ihm zugleich:
»Manfeldt gefunden. Ungeheure Ruinenstadt entdeckt. Tempel mit Götterbildern aus Gold und Kristall. Manfeldt anscheinend darüber Verstand verloren, weigert sich, mir zu folgen. Komm mir zu Hilfe! Laß Dir von Gustav den Weg zeigen, bis Du Dich nicht mehr irren kannst. Schicke ihn dann zurück, damit Friede nicht ganz allein ist. Falls Turner bei Euch, laß nichts gegen ihn verlauten. Glaube zu wissen, daß er Goldtempel kennt, doch vor uns geheimhalten und Manfeldt absichtlich zugrunde gehen lassen wollte. Vorsicht und Eile geboten.
Helius.«
Gustav hatte sich, atemlos wie er war, mit pumpenden Lungen in den Sand geworfen, Arme und Beine von sich gestreckt. Er funkelte vor Triumph. Er war von Kopf bis Fuß ein Fanal der Begeisterung.
Windegger fühlte den Blick des Mädchens auf seinem Gesicht. Er erwiderte ihn nicht. Er sagte:
»Er ist der Größere – ich weiß es, Friede …«
Er schob den Fettel in die Tasche. Gustav schnellte hoch wie ein Füllen. Seine von Pflichtgefühl und Abenteuerfreude doppelt beschwingten Füße trabten davon, daß Windegger alle Mühe hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben.
Es ging durch schmale und endlose Schluchten, auf deren Rändern die Glut des Himmels wie ein hermetischer Deckel lag. Es dampfte darin vor Hitze und Feuchtigkeit, und ein Geruch von Fäulnis war in der trägen Luft.
Es ging über Steine hin, die, übersättigt von Sonne, wie Feuer zu beben schienen. Stets blieb der Kopf des Knaben ungeduldig gegen den Mann zurückgewendet, der ihm keuchend folgte.
Als sie das Tal der Stadt in Trümmern erreichten, blieb Windegger stehen und stieß einen Schrei aus.
»Was ist das? … Großer Gott – was ist das!?«
Felsenwände mit Dämonengesichtern –
Schwarzgeglättete Steine, mit Runen bedeckt –
Treppentrümmer, nur von Titanen ersteigbar –
Mauern wie Gebirge, doch nicht naturgeschaffen –
Hochgetürmte Paläste – wer türmte sie auf?
Hochgetürmte Burgen für Könige und für Götter …
Die Hand des Jungen packte den Mann am Arm, und Windegger ließ sich zerren und stolperte vorwärts, ohne zu wissen, wohin er die Füße setzte. Denn seine Augen, bestürzt, betäubt, geblendet, konnten nicht fassen, was sie sahen, konnten die Wunder der zehntausend Bilder nicht bewältigen, die sich in sie drängten.
Straßen – Plätze – vorbei … Jenseits –: ein Berg? – ein Dom? – Gegeneinandergeneigt zwei Felsen, dahinter Schwärze, aber nicht tiefe Schwärze – nein, silbern-bläulich verschwimmend … Ein Tor für Riesen? –
»Da –!« sagte der Junge, hindeutend mit Hand und Blick.
Er war stehengeblieben, halb schon nach rückwärts gewandt. Weder die Schrecken der Fahrt noch das Entsetzen der Landung noch die gespenstische Fremdheit der Mondlandschaft hatten seine furchtlosen Augen zu überschatten vermocht, doch aus der Tiefe der Silberblauschwärze jenseits des Felsentores schien etwas von einem mystischen Grauen zu dringen, nicht faßbar, kaum nennbar, aber so wirklich wie Eis, so stark, daß Gustav sich ohne Sträuben auf einen Rückweg machte, der ihn von seinem Abgott entfernte.
Windegger näherte sich langsam dem Tor der Felsen, und je näher er kam, desto deutlicher glaubte er einen Chor von Stimmen zu hören, der seltsam ergreifend und hauchend auf dämmernder Finsternis schwebte. Es war nicht Gesang noch klang es wie Sprache von Menschen, es war, als ob Felsenhäupter die steinernen Lippen auftäten und die Berge in Zungen sprächen: Gott ist sehr groß.
Eine eisige Kälte hauchte dem Mann entgegen; aber das war es nicht, was ihn frösteln machte.
Schritte kamen ihm entgegen: Helius tauchte aus dem Dunkel auf. Er sah aus, als sei nicht ein Tropfen Blut mehr in seinen Adern. Er faßte Windegger bei der Hand und sagte, fast lautlos sprechend, nahe zu ihm gebeugt:
»Sei leise und nimm dich zusammen … Du wirst das erschütterndste Schauspiel deines Lebens sehen …«
Der Chor der Stimmen füllte schwebend den Raum, durch den der Freund den Freund, der Mensch den Menschen führte. Helius hörte den Atem Windeggers stocken. Er drückte ihm fester die Hand und warnte, kaum hauchend:
»Sprich nicht –«
Aber schon dieser verstohlene Laut lief als eilig wisperndes Flüstern durch die erdämmernde Weite des Felsendoms.
»Sprich nicht … Sprich nicht …«, flüsterten hundert Stimmen.
Sprachen die Felsen ringsum? Sprach die unermeßliche Höhe? Sprach das schwarzsilberblaue Licht? Sprachen die goldenen Wächter auf den goldenen Stufen? Sprachen die thronenden Götter, von dienenden Göttern geschaffen aus rotem Gold und weißem Kristall? Heischten sie Andacht vor der Andacht des Menschen, der, auf den Knien liegend, die Hände gefaltet, das trunkene Gesicht erhoben, Zwiesprache hielt mit dem höchsten Gott?
An die unterste Stufe des goldenen Sockels geschmiegt, auf dessen Höhe die Kugel aus Bergkristall in einem unfaßbar sanften Lichte ruhte und strahlte, lag Manseldt auf den Knien, ein Entrückter, von Seligkeit des Schauens überschüttet, im heiligen Frost der Anbetung erschauernd, von heiliger Glut der Anbetung verzehrt. Er sprach; es war nicht zu verstehen, was er sprach. Aber die Unsichtbaren der Höhe und Tiefe, die Felsen, das Licht, die thronenden Götter und ihre goldenen Wächter raunten als hauchender Chor das Gebet des Menschen nach.
Helius brachte seinen Mund ganz nahe an Windeggers Ohr:
»Geh leise zu ihm! Rufe ihn leise an! Er wird dich erkennen – er hat mich auch erkannt, aber ich habe ihn nicht dazu bringen können, mit mir zu gehen oder auch nur einen Schluck Wasser, einen Bissen Zwieback zu sich zu nehmen … Es ist, als löse er sich in Schauen auf …«
Windegger trat auf den Knienden zu. Er legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. Er rief ihn …
Manfeldt richtete seine Augen auf ihn. Was waren das für Augen! … Schon in den Tagen des Elends hatten sie als zwei Wunderlampen in dem ausgemergelten Mannesgesicht gebrannt. Jetzt? – Zwei Höhlen voll flammenden Lichts, doch ohne Schrecken, weit sich verschwendend aufgetan und sanft vor Glück.
»Windegger …« flüsterte er in einem Ton des Entzückens. »Oh – Windegger, sind Sie hergekommen, um die Erde zu sehen? Das ist gut … das ist klug … Aber Sie müssen niederknien … hierher, an meine Seite …«
»Tu's nicht!« sagte Helius leise, und Windegger widerstand. Aber es kostete ihn Mühe, der Lockung nicht zu folgen, die aus der Stimme Manfeldts zu ihm aufklang. Es kostete ihn Mühe, nicht auf die Knie zu fallen und wie Manseldt die Arme zu dem schimmernden Rund zu erheben, das losgelöst, nur vom eigenen Licht getragen, über goldenem Grunde zu schweben schien.
»Erde –!« flüsterte Manfeldt. »Schimmernde Erdkugel –! Sinnbild der Erde –! … Wollt ihr wissen, wie es erschaffen wurde? Die Kinder des Mondes hatten die Erde lieb. Da wohnten sie noch auf der anderen Seite des Mondes. Die Erde war ihnen die liebste Gottheit. Auch die Sonne war Gott, und Götter waren die Sterne; aber sie fürchteten sie, und die Erde hatten sie lieb … Ach, süßes, immer lächelndes Antlitz der Erde! Antlitz der Mutter, selbst noch in Wolken gnadenvoll! Ach, Schönheit – Schönheit unermessen, wenn sie im Aufgang der Sonne zu strahlen begann, die Erde! … Alle Gestirne schweben um Gottes Thron; aber die Erde hält er in beiden Händen … Da kam für die Kinder des Mondes der Weltuntergang … Wann war das? Niemand weiß es … Vielleicht war es damals, als auch Atlantis versank … 's ist lange her … Der Mond verbrannte. Seine Meere verdampften. Der brüllende Sturm der Vernichtung schnob den Dampf der Meere vor sich her, stäupte die Kinder des Mondes vor sich her, sie flohen –, sie flohen – ohne sich umzuschauen, solange der Sturm sie jagte, ein geschlagenes Heer von Giganten. Und als der Sturm sich legte, und als sie innehielten auf ihrer Flucht, und als sie sich umsahen auf den Trümmern ihrer untergegangenen Welt … Ja, da war noch der Himmel, und da war noch die Sonne, und die Sterne waren noch da, Millionen von Sternen … Aber das süße Antlitz der Erde war nicht mehr da …«
Er legte die Hände vor sein Gesicht, und es war, als horche er auf das Weinen der eigenen Seele. Helius sah Windegger an. Der stand mit zusammengebissenen Zähnen, den Blick auf das Wunder der schimmernden Kugel gerichtet. Der Blick war trunken vor Sehnsucht, vor Heimweh krank.
»Da«, fing die Stimme Manfeldts wieder zu flüstern an, »nahmen die Kinder des Mondes aus den Gebirgen des Mondes den reinsten Kristall und schufen daraus das Bild der verschwundenen Erde. Sie bauten ihm einen Altar aus goldenem Gold. Sie gaben ihm Götter zu Wächtern und Wächter der Götter zu Dienern. Sie bauten ihm einen Dom aus Gebirgen auf … Ja, nun weiß ich, nun weiß ich, warum die Götter, die ihr hier seht, ihr Gold nicht mit mir teilen wollten. Dürfen die Priester den Schatz ihres Domes berauben? … Hört, sagt es nicht weiter: ich hatte mir ein klein winziges Stück gestohlen … Wie groß? Nicht größer als eine Kinderfaust … Das hat er mir weggenommen, ich sage nicht, wer … Er meint, weil er jetzt die Wünschelrute hat, ist er Herr des Mondes – aber da täuscht er sich …«
»Manfeldt, sprechen Sie von Turner?« fragte Windegger, laut und heiser rufend. Die Frage rauschte wie ein brüllendes Dröhnen an allen Wänden hinauf, aber Manfeldt schien sie nicht gehört zu haben. Sein lächelnder Kopf sank in den Nacken zurück, seine Augen füllten sich wieder mit dem Bild des Kristalls, der, in unbegreiflicher Reinheit schimmernd, hoch über ihm auf dem Schoß des Goldes schwebte. Seine Hände hoben sich. Sein Flüstern begann von neuem. Und die Unsichtbaren der Höhe und Tiefe, die Felsen, das Licht, die thronenden Götter und ihre goldenen Wächter, raunten als hauchender Chor das Gebet des Menschen nach.
»Wir müssen versuchen ihn fortzubringen«, sagte Helius, kaum hörbar. »Hilf mir, ihn aufzuheben. Und wenn es nicht anders geht, müssen wir beide ihn tragen …«
Windegger bückte sich schweigend mit über Manfeldt. Aber kaum fühlte dieser die hebenden Hände, die ihn von seinem Platz entfernen wollten, als er, sich mit der Kraft eines Riesen wehrend, mit der Stimme eines Riesen brüllend zu schreien begann.
Es war nur ein »Nein –!!« und immer wieder »Nein –!! Nein –!! Nein –!!« – als sollten die Wände auseinanderbersten, als sollte die Wölbung der Decke zerspringend niederkrachen –, als stünden die thronenden Götter ringsum von den goldenen Thronen auf und mischten ihr brüllendes »Nein –!!« in das Brüllen des Menschen.
Mit einer Gebärde ratlosester Niedergeschlagenheit ließ Windegger ab von Manfeldt, der sich von Helius losriß und augenblicklich verstummte.
»Warum willst du ihn eigentlich nicht hier lassen?« fragte er, fast heftig. »Warum gönnst du ihm nicht die Verzückung, mit der ihn sein Wahnsinn begnadet?!«
»Weil er daran stirbt, Hans –!«
»Und wenn er daran stirbt –?! Und wenn –?! Ist er dann nicht noch immer dreitausendmal glücklicher dran als wir –?! Ist er denn nicht der einzige von uns, der wirklich ans Ziel gekommen ist –?! Und der einzige vielleicht, der die Erde wiedersieht, und sei es auch nur im Wahnsinn –?!«
Mit einem trockenen Schluchzen warf er sich neben Manfeldt hin. Seine Hände tasteten über die goldenen Stufen.
»Nein –!« sagte er. »Kein Gold –! Ich will kein Gold – ich will nur Erde … nur Erde –! Kühle, braune Erde, die Gras trägt und Korn und Bäume – und Tiere – und Menschen … Menschen …«
Stumm und erschüttert sah Helius auf ihn nieder. Er machte eine Bewegung, als wollte er sich zu dem Freunde bücken, ihm die Hand auf die Schulter legen, ihn leise rütteln. Aber er richtete sich mit blassem Gesicht wieder auf.
Die Hand von Manfeldt tastete nach Windeggers Kopf, fand ihn und zog ihn näher und streichelte ihn, unlösbar den Blick auf das Wunder der schimmernden Kugel hoch über ihnen beiden geheftet.
»Ja, ja, Bruder Mensch!« sagte er leise. »Ja, ja, Bruder Mensch … Die Erde – siehst du, das ist es … die Erde … die Erde …!«