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5

Was man Herrn Turner auch an unliebsamen Eigenschaften zum Vorwurf machen konnte – auf jeden Fall war er pünktlich. Genau vierundzwanzig Stunden nachdem er das Zimmer von Helius mit einer ans Mystische grenzenden Unmerkbarkeit verlassen hatte, ließ er sich durch Frau Hippolt, die steif war vor Abneigung, melden – und gleich darauf stand er vor Helius, wie ins Zimmer gehaucht.

Seine Verbeugung war tief, doch wirkte sie etwas vertraulich; es war der Gruß eines Menschen, der sich ganz sicher fühlt. Helius erwiderte ihn stumm, die Hände leicht auf die Platte des Tisches gestemmt, an dem er lehnte.

In den Augenwinkeln Walt Turners erschien das Spitzlicht eines winzigen Lächelns. Seine Blicke gingen im Zimmer spazieren.

»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Turner«, sagte Wolf Helius, als wünsche er der Auswirkung dieses optischen Spaziergangs zuvorzukommen.

»Danke!« Walt Turner schien nicht der Mann zu sein, dem man zuvorkommen konnte. Er sagte, den Blick auf der Tür zum Nebenzimmer: »Ich glaube, es wäre bequemer für Fräulein Velten und Herrn Windegger, wenn sie der Unterredung zwischen Ihnen und mir in diesem Raum beiwohnen würden. Wir müßten sonst, um ihnen gefällig zu sein, sehr laut sprechen – und das könnte unserm Gespräch eine grobe Übersteigerung aufzwingen – wozu keinerlei Anlaß vorliegt, Herr Helius …«

Wolf Helius sah ihn mit einer gewissen Plötzlichkeit an. Er blies das Flämmchen aus, mit dem er sich die Zigarette angezündet hatte, und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Wie schade!« sagte er. »Was für einen prachtvollen Mitkämpfer würden Sie abgeben, Herr Turner, wenn Sie nicht zufällig solch ein Gauner wären!«

»Ja – aber vielleicht wäre ich dann auch weniger amüsant. Ihr Standpunkt leidet unter atavistischen Vorurteilen, Herr Helius. Schließlich ist Gaunerei ein Beruf wie jeder andere – und was glauben Sie, wie froh alle Staaten der Erde wären, wenn sie ihn offiziell durch Besteuerung sanktionieren dürften! – Er hat seine positiven und negativen Genies –«

»– wobei Sie ersichtlich zu den positiven gehören –«

»Zweifellos.«

»Und wen – wenn man fragen darf, ohne ein Berufsgeheimnis zu gefährden – rechnen Sie zu den negativen Genies der Gaunerei?«

»Das Wort negativ ist vielleicht nicht ganz zutreffend. Latent ist wohl bezeichnender … aber auch nicht ganz erschöpfend. Denn Negativismus der Gaunerei schließt Aktivität nicht ohne weiteres aus. Sie sehen, Herr Helius, Sie haben mit Ihrer Bemerkung mein Steckenpferd aufgezäumt und dürfen sich nicht wundern, wenn ich es Ihnen in allen Gangarten der Hohen Schule vorreite …«

»Ihr Thema interessiert mich lebhaft, Herr Turner.«

»Sehr liebenswürdig! Aber, verzeihen Sie, wäre es nicht höflicher gegen Ihre Freunde, wenn wir sie an diesem Meinungsaustausch teilnehmen ließen?«

Wolf Helius öffnete still die Tür zum Nebenzimmer.

»Kommt herein«, sagte er. »Herr Turner steht im Begriff, uns einen kleinen Vortrag über sein Spezialfach, die Gaunerei, zu halten …«

Walt Turner verbeugte sich mit einer wunderbaren Nachdrücklichkeit vor den beiden, die eintraten, ohne sich zu nähern und ihn mit der redlichsten Unverhohlenheit solidarischer Abneigung musterten. Das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, als er Friede Veltens ansichtig wurde, erinnerte böse an einen Tropfen unsauberen Öles, der auf eine Pfütze fällt.

»Es ist mir ein besonderes Vergnügen,« sagte er, den Blick auf das Mädchen gerichtet, »die Menschen kennenzulernen, deren Gefährte auf der seltsamsten und abenteuerlichsten aller Reisen zu sein ich die Ehre haben werde …«

Friede antwortete nicht und grüßte auch nicht. Sie sah wie ein zorniger Knabe aus und wie ein zorniger junger Löwe.

»Sie scheinen Ihrer Sache sehr sicher zu sein«, meinte Hans Windegger, mit einem Klang in der Stimme, der nicht ganz frei war von Hohn.

Walt Turner schien diesem Klang einen Augenblick nachzuhorchen.

»Vollkommen sicher!« sagte er dann, sehr höflich. »Darf ich Platz nehmen? – Unsere Unterredung wird doch ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen – bei der Fülle von Einzelheiten, die besprochen werden müssen … Oder wünschen Sie, daß wir die Ankunft Professor Manfeldts abwarten?« wandte er sich gegen Helius.

»Sie wissen, daß ich nach ihm geschickt habe?«

»Selbstverständlich.«

»Anscheinend wollen Sie in uns den Glauben erwecken, Herr Turner, daß positive Gaunerei mit Allwissenheit identisch ist …«

»Ja,« meinte Walt Turner, »es ist ein hübscher Bluff, und er wirkt immer wieder. Er trägt erstaunlich zur Popularisierung des Gauners bei …«

»Sie haben Humor«, stellte Hans Windegger fest.

»Eine weitere unerläßliche Eigenschaft des positiven und genialen Gauners! Mit Ausnahme der Bibel, die – verzeihen Sie! – im ganzen genommen ein humorloses Buch ist, schmücken alle Werke der Weltliteratur den echten Gauner mit Humor, der bekanntlich die anständigste Form von Menschenhaß ist. Denken Sie an Shakespeare! Er gehört zu den ganz großen negativen Genies der Gaunerei – negativ, weil latent und nur dichterisch wirkend. Shakespeare als positiv-aktiver Gauner: er hätte alle Backzähne des Teufels gelockert! Leider hat er den unverzeihlichen Fehler begangen, seine besten Gauner in Dilettantismus enden zu lassen …«

»Was verstehen Sie unter Dilettantismus der Gaunerei?« fragte Wolf Helius, die Zigarette aus dem Munde nehmend.

»Mord«, antwortete Herr Walt Turner einsilbig. Das Wort fiel zu Boden wie ein Klotz und blieb da liegen, jedem vor den Füßen. Walt Turner sah von einem zum andern und lächelte dünn. »Darf ich Platz nehmen?« fragte er zum zweiten Male.

»Bitte …«

Walt Turner wartete höflich, bis Friede sich gesetzt hatte; dann zog auch er sich einen Stuhl zurecht, und von diesem Augenblick an schien es, als sei er der Herr des Zimmers und habe die andern bei sich zu Gast.

Friede Velten betrachtete ihn mit vor Abneigung düsteren Augen.

›Was ist das für ein Mensch!‹ dachte sie, das Kinn auf die Fäuste gestemmt. ›Er ist unheimlich. Er ist fremd und böse. Er ist wie Bilder, deren Augen einem nachgehen. Wenn ich ihm im Rücken säße, hätte ich doch das Gefühl, daß seine Augen mich ansähen … Seine Augen sind wie verdorbenes Öl und gleichzeitig wie Sandpapier. Er zersetzt die reine Luft, die um ihn her ist … Ich könnte mir denken, daß er nicht wie andere Menschen geboren werden konnte: daß man ihn aus dem Mutterleibe schneiden mußte, weil ihr Schoß sich weigerte, ihn zu gebären …‹

Und sie fühlte, wie ein Schauder ihre ganze Haut zusammenzog.

Unwillkürlich erhob sie sich mit der ihr eigenen Plötzlichkeit einer gelösten Feder, und zwischen die beiden Freunde tretend, die nahe beisammensaßen, legte sie jedem eine Hand auf die Schulter, ihre trotzige Dreieinigkeit wie eine Kriegserklärung demonstrierend. Sie spürte den zärtlichen Gegendruck der Muskeln Windeggers. Sie spürte das sonderbare, fast kataleptische Erstarren, das bei ihrer Berührung die Stimme von Helius mitten im Wort versagen ließ. Sie spürte, ohne ihn anzusehen, das klebrige Lächeln, mit dem Walt Turner bekundete, daß auch er beides zur Kenntnis genommen habe.

Sprich weiter! Sprich weiter! drängte ihre Hand auf der Schulter von Helius.

Sie glich einem Schildknappen, der den entsunkenen Pfeil seines kämpfenden Herrn aufrafft und wiederbringt, der den erschlafften Bogen von neuem spannt.

»Wenn Sie also auf Ihrem Entschluß beharren, sich unserer Expedition zum Monde anzuschließen,« gehorchte die Stimme von Helius nicht ohne Mühe, »dann müssen Sie sich in drei Monaten, genau gesagt am 27. Juni, Herr Turner, zum Start in den Weltraum wieder bei uns einfinden …«

»Es gibt durchaus nichts, was mich davon abhalten könnte«, versicherte Walt Turner mit großem Nachdruck. Er sah die drei Menschen einen nach dem andern mit langen Blicken an, als wollte er jedem einzelnen von ihnen die Unverrückbarkeit seines Entschlusses und die Aussichtslosigkeit, gegen ihn anzukämpfen, einprägen. »Der 27. Juni – das Datum ist endgültig?«

»Nach menschlicher Voraussicht – ja.«

»Warum – verzeihen Sie die Frage eines Laien! – warum gerade drei Tage nach dem Vollmond?«

Zwei, drei Sekunden lang blieb Wolfgang Helius die Antwort schuldig. Zwei, drei Sekunden lang war in dem Blick des Mädchens, der auf Walt Turner lag, ein Ausdruck von erzürnter Bewunderung.

»Ohne Absicht, Herr Turner«, sagte Wolf Helius schließlich. »Wir nehmen einfach den frühesten Termin, an dem wir mit Bestimmtheit darauf rechnen können, mit allen Vorbereitungen fertig zu sein. Und von den Mondphasen sind wir insofern unabhängig, als wir uns nach den letzten Resultaten unserer Nachforschungen entschlossen haben, auf der von der Erde abgekehrten Seite des Mondes zu landen …«

»Sie sind – wie ich bereits aus einigen Ihrer Aufzeichnungen ersehen konnte – Anhänger der Theorie, die auf der jenseitigen Mondhälfte Atmosphäre vermutet?«

»Ich stütze mich nicht nur auf eine Theorie, Herr Turner. Übrigens gibt es, wie Sie natürlich wissen, sehr namhafte Gelehrte, die sowohl von Schneestürmen auf den Achttausendmetergipfeln des uns sichtbaren Mondes wie von Insektenschwärmen im Krater des Eratosthenes sprechen, was immerhin auf eine, wenn auch noch so geringe, Atmosphäre auf unserer Mondhälfte schließen läßt. Die letzte Umschwebung des Mondes, die auf automechanischem Wege erfolgte, das heißt also durch eine unbemannte, nur mit Apparaten aller Art befrachtete Weltraumrakete, hat nun ein trotz mancherlei Beschädigungen und Unverständlichkeiten geradezu überwältigendes Material an Kinematogrammen erzielt, das sich zur Sichtung im Mount-Wilson-Observatorium befindet –«

»– befand.«

»– befindet –«

»Entschuldigen Sie: befand. Sie werden begreifen, Herr Helius, daß wir – meine Auftraggeber und ich – ein so wirklich prachtvolles Material nicht in den Händen von Leuten lassen konnten, die daraus doch nichts anderes zu machen wüßten als die Bestätigung einer alten Theorie oder die Aufstellung und Propagierung einer neuen. Da ich nicht die Zeit hatte, das Material dublieren zu lassen, habe ich, um wenigstens im Gewicht zu bleiben, zirka 10 000 Fuß Paradeaufnahmen vom letzten Geburtstag des Präsidenten in die Schachteln der kosmischen Filme gelegt, und ich hoffe nur, daß man sie drüben nicht ohne nochmalige Kontrolle öffentlich vorführen wird; eine gewisse Sorte der Hundertprozentigen würde sonst ohne weiteres annehmen, daß der Mond zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika gehört.«

»Sie haben wirklich einen bezaubernden Humor, Herr Turner, und ich würde noch viel mehr Sinn dafür aufbringen, wenn Sie mich über das Schicksal meiner kosmischen Filme beruhigen könnten …«

»Ich gebe Ihnen mein Wort – und Sie werden bald die Erfahrung machen, Herr Helius, daß Worthalten eine weitere unschätzbare Eigenschaft des positiven Gauners ist –: noch in derselben Stunde, in der wir einig werden, erhalten Sie Ihr Eigentum in bester Verfassung zurück!«

»Das müßte dann innerhalb der nächsten sechzig Minuten sein«, antwortete Wolfgang Helius etwas trocken.

Walt Turner erhob sich sofort.

»Das heißt also, daß wir einig sind, Herr Helius.«

»Es heißt, daß ich mich, von zwei Übeln das kleinere wählend, entschlossen habe, lieber die Expedition zum Monde in Ihrer Begleitung zu machen, als sie durch Ihre – verzeihen Sie! – Gaunermethoden, Herr Turner, in Gefahr des völligen Scheiterns zu bringen.«

»Ausgezeichnet! Und was die käufliche Übernahme des Weltraumschiffs durch meine Auftraggeber betrifft –«

»Was dies betrifft, Herr Turner, so würde ich die Expedition zum Monde lieber scheitern lassen, als darauf einzugehen«, unterbrach ihn Wolfgang Helius mit vollkommen schwingungsloser Stimme.

Walt Turner verbeugte sich geschmeidig.

»Ich nehme das zur Kenntnis«, sagte er. Wieder gingen seine Augen mit langen Blicken vom einen zum andern, und wieder lächelte er. »Sie legen Wert darauf, mir nicht die Hand zu geben. Ich kann das verstehen und werde mich danach richten. Der Vertrag ist geschlossen; ich halte ihn unbedingt. Ich bitte Sie alle ausdrücklich, damit zu rechnen, daß der Start des Weltraumschiffes zur Fahrt nach dem Monde nicht ohne mich erfolgen wird …«

»Am 27. Juni …«

»Ganz recht: am 27. Juni … Ich werde mir erlauben, in den nächsten Tagen noch einmal bei Ihnen vorzusprechen, Herr Helius. Jetzt will ich gehen. Professor Manfeldt muß in wenigen Minuten hier sein. Unsere erste Begegnung war ein wenig dramatisch – suchen Sie ihn mit meiner Existenz zu versöhnen, soweit Ihnen das von sich selbst aus möglich ist! Er hat allerdings so wenig von einem Gauner, daß ich fürchte, er hat auch keinen Humor … Oder doch? – Auf dem Umweg über Menschenhaß? – Nun, ich bin sicher, Sie werden Ihr Bestes tun. Guten Abend!«

»Guten Abend!« sagten Wolf Helius und Windegger. Das Mädchen tat die schönen Lippen nicht auf. Walt Turners gespenstische Lautlosigkeit verließ das Zimmer wie durch Spuk, und gleich darauf war deutlich hörbar, mit welch erbitterter Genugtuung Frau Hippolt hinter ihm die Flurtür abschloß.

»Es wird euch nicht gelingen!« sagte das Mädchen.

Windegger sprang hoch, als habe er nur auf dieses Stichwort gewartet. Ihre helle, schnelle Hand warf sich vor und ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Ich sage euch, es wird euch nicht gelingen! Diesen Menschen betrügt ihr nicht – diesen allwissenden Gauner, der soviel Humor hat und der ganz gewiß Wort halten wird!«

»Dann, bitte,« sagte Hans Windegger stürmisch, »zeige uns einen andern Weg, um der Gemeinschaft mit Herrn Turner zu entgehen!«

»Ich weiß keinen andern Weg! Ich weiß nur, daß der, den du vorschlägst, kein Ausweg ist, den Helius gehen kann!«

»Warum nicht!? Ich sehe hier eine Möglichkeit: Wir lassen den Start unserer Expedition zum Monde für den 27. Juni von Hammerfest bis Kap Hoorn ankündigen. Wir machen die Presse der ganzen Welt mobil, um dieses Datum in die Gehirne der Menschen zu hämmern. Wir setzen in der Halle der Versuchsstation III für den 27. Juni ein Abschiedsbankett an, zu dem wir aus allen Ländern, auf die der Mond scheint, die führenden Köpfe zusammentrommeln lassen. Wir jagen das Datum ›27. Juni‹ einen Monat lang durch die Laufschriften sämtlicher Erdmetropolen. Wir lassen es dreimal am Tage auf allen Wellen des Rundfunks reiten. Wir schreiben es unter die Flügel der Aeroplane. Wir schreiben es tags mit Himmelsschrift und nachts mit Leuchtraketen an die Luftkuppel der Erde. Vielleicht erliegt Herr Turner doch dieser Massensuggestion, der fünf Kontinente ganz sicher erliegen werden, und gibt uns die Möglichkeit, am Tage des Vollmonds, am 24. Juni, in aller Stille, allein die Fahrt ins Weltall anzutreten …«

»Und ich wiederhole dir – und Ihnen, Helius –, diesen Weg zu wählen, ist eine Unmöglichkeit. Man darf die Menschheit nicht mit einer Idee durchtränken, bis sie berauscht ist und fiebert und in Hochspannung zuckt – und dann die Erwartung mit einem Gelächter töten! Das tötet auch die Idee! Und außerdem, wie ich Herrn Turner beurteile, wird er als einziger unter allen rund sechzehnhundertfünfzig Millionen Menschen der Suggestion des Datums nicht unterliegen. Er hat versprochen, ohne sich an ein Datum zu kehren, zum Start des Weltraumschiffs nach dem Monde zur Stelle zu sein, und das Wort wird er wörtlich halten …«

»Warten wir ab, ob er Wort hält«, murrte Hans Windegger.

Bevor das Mädchen etwas erwidern konnte, tappte ein unbeholfenes Etwas gegen die Tür, die geräuschvoll aufsprang. In ihrem Rahmen stand Manfeldt. Die Tür war hoch und er ein sehr kleiner Mann, beladen mit allerlei Kram und altem Gerümpel und unter dem rechten Arm die Mappe von Helius. Er glich aufs Haar einem Gnom, der auswandern will und seine trübselige Habe verärgert mit wegschleppt.

»Ich finde,« sagte er, ohne zu grüßen, und sah die drei Menschen der Reihe nach böse an, »daß dies eine leichtfertige Art und Weise ist, mit meinem Manuskript umzugehen!«

Und er hielt, was er sonst trug, einfach zu Boden werfend, die Mappe von Helius ihm mit Entrüstung entgegen.

Wolf Helius tat einen Sprung und Atemzug. Er packte nach seinem Eigentum. Er fragte mit einer fast tanzenden Stimme:

»Wie kommen Sie zu dieser Mappe, Professor –?!«

»Das ist eine blödsinnige Frage«, antwortete Manfeldt. »Sie lag in Ihrem Auto, wo Sie sie wahrscheinlich vergessen haben, mitsamt meinem Manuskript. Glauben Sie, daß es da vor Herrn Turner sicher ist?«

»Nein, Manfeldt«, sagte Wolf Helius leise. »Ich glaube, daß vor Herrn Turner nichts sicher ist – an keinem Ort in der Welt. Oh – ich habe Ihnen viel von Herrn Turner zu erzählen! Daß er ein Gauner ist und ein Genie und so ziemlich allwissend und äußerst humorvoll und daß er Wort hält, der Gauner – das ist das Tollste!«

Er schüttelte Manfeldt an beiden Schultern und brach in ein schallendes Gelächter aus, in das die beiden anderen unwillkürlich und erbittert einstimmten.

»Ja, ja«, sagte Manfeldt grämlich und trat einen Schritt zurück. »Als ich vorhin Ihren lieben Brief mit der Einladung bekam, den Rest meiner Erdentage bei Ihnen zu verbringen, da fürchtete ich schon, daß Sie einen kleinen Klaps hätten. Aber ich dachte nicht, daß es gleich so krasse Formen annehmen würde. Das ist ja eine Narrenburg, lieber Helius!«

»Richtig, Professor, richtig –! Man hält uns zum Narren –! Man will uns vor uns selbst zu Hanswursten machen –! Und wir dürfen nicht einmal den Teufel mit Beelzebub austreiben –! Denn wenn wir zu viert eine Hochschule der Betrüger gründeten – wer würde die erste Vorlesung halten? Herr Turner!«

»Was, zum Teufel – – – sind Sie betrunken, Helius?!«

»Vor Wut, Professor! – Kommen Sie her, ich will Ihnen etwas zeigen!«

Er packte Manfeldt am Arm und zog ihn zum Arbeitszimmer, dessen Tür er weit aufstieß.

»Hier stand –« begann er. Aber er sprach den Satz nicht zu Ende.

Inmitten des Raumes auf einem breiten Tisch erhob sich, wie nie davon entfernt gewesen, das wunderbare Modell des Weltraumschiffes und gleißte mit seinen Metallen.

»Oh …!« sagte der alte Mann leise und faltete die Hände. Er merkte nichts von der neuen Erschütterung, die hart wie ein Stoß vor das Herz den Freund überfiel. Er hörte die blasse Stimme des Mädchens nicht, die halblaut »Nun, Helius?« sagte. Er stand und trank mit seinen von allen Foltern des Daseins ausgebleichten und ausgedörrten Augen, die jetzt ein feuchter Schleier sänftigte, das Bild des Wesens in sich, das für ihn zum Sinnbild feierlicher Verheißung wurde. Seine trockenen Finger streichelten es zärtlich; er duckte sich zu ihm; es war, als wollte seine Seele in dies metallene Gehäuse hinüberschlüpfen, das ihr aus tausend Träumen heimvertraut war.

Von diesem Bilde riß sich Helius los, als ihn die Stimme des Mädchens halblaut anrief.

»Nun, Helius?« sagte sie, ein wenig traurig.

Weiß im Gesicht, mit zusammengebissenen Zähnen, nahm er die Schlüssel aus der Tasche und öffnete die trägen Türen des Safes. Er hatte den Anblick, der sich ihm bot, erwartet; aber die Vollständigkeit in der Erfüllung des Erwarteten nahm ihm den Atem. Die Pläne lagen da – die Skizzen – Tabellen. Es fehlte nicht die geringste Kleinigkeit, nicht einmal die flüchtige Geschwindigkeitsstaffel auf dem Merkblatte eines Abreißkalenders.

Und im geräumigsten Fach des Safes, in sauberen Weißblechschachteln, lagen die kosmischen Filme, die Kinematogramme der Mondumschwebung durch das Versuchsraketenraumschiff » H/W 19«.

»Nun, Helius?« sagte die Stimme des Mädchens zum dritten Male. Es klang nicht ungeduldig. Es klang, als sagte sie wieder – und als legte sie wieder die schöne, durchströmte Hand auf seine Schulter –: Hier sind wir – was sollen wir tun?

Wolf Helius sah sie an und hatte ein fernes Lächeln. Er dachte: ›Wenn man sie auf die Augen küßt, muß es sein, als küßte man kühle blaue Blumen …‹

»Ich glaube,« sagte er mit seiner frierenden Stimme, »wenn wir nicht werden wollen, was Herr Turner Dilettanten der Gaunerei nannte … ja, wenn wir nicht zu Mördern werden wollen, müssen wir uns seinem Genie unterwerfen … Er hat keine sechzig Minuten gebraucht, um Wort zu halten … Wir werden am 24. Juni starten – mit ihm.«


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