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Wolf Helius hob seinen Kopf aus der taunassen Erde. Sein Haar war feucht wie nach einer Fiebernacht. Er wälzte sich auf den Rücken und hatte die Hände weit ausgebreitet von sich gestreckt und ließ den Mitternachtshimmel in seine weit offenen, empfangenden Augen sinken.
›Was wollte ich denn‹, dachte er, als wache er auf. ›Den beiden nachlaufen, zu ihnen in den Wagen springen als der Dritte … der überlästige Dritte … und dann? Gute Nacht, Hans-Friede-Einheit, gute Nacht! Und dann? Auf der Straße stehen und zu ihren Fenstern hinaufschauen … und warten, bis es hellichter Morgen geworden ist – pfui Teufel, nein …‹
Mit einem Ruck war er hoch und hob seinen Hut von der Erde. Er schwankte ein wenig, als sei er trunken vom Tau. Der unermeßliche Himmel über ihm begann sich mit all seinen Sternen und dem silbernen Mond feierlich tanzend zu drehen. Noch immer zirpten die Grillen das Lied der Johannisnacht. Die ganze Welt schien ihnen allein zu gehören. Das Heu verschwendete süßesten Duft. Am Rand des Weizenfeldes glühte ein schmaler Saum von Mohn wie vom Hals einer Gottheit verlorene Rubine.
Die Luft war durchtränkt von zärtlichster Zärtlichkeit. Die Erde zitterte in den Schauern der Liebe. Sie lag ganz hingebreitet, ganz gelöst in Verzückung, keusch atmend ganz enthüllt, ein Tabernakel der Inbrunst, daß der Mensch, der einsam auf ihr wanderte, vor kranker Sehnsucht irre Kreise ging – kein Weg, kein Ziel, kein Anfang und kein Ende – Gefangenschaft, Verlorensein, unrettbar …
Und wie er sich wandte, wohin er auch taumelte – immer hing über ihm am schimmernden Himmel der schimmernde Mond und ließ ihn und ließ ihn nicht los … Es war, als habe der Mond ein Seil nach ihm geworfen, habe mit einer Schlinge aus Silberdraht ihn eingefangen am Halse und halte ihn fest.
›Ja, ja, Tyrann, ich komme, ich komme schon morgen … Ich muß von der Erde weg, so lieb sie mir ist. Ach, meine Erde, meine liebe Erde, ich habe niemals gewußt, wie lieb du mir bist …
Gras … Grillen … Bäume … Heckenrosen … Tau …
Wind … Acker … Mohn … Heuduft … Hahnenschrei-Himmel …
Lichtglanz der Stadt … Laut meiner eigenen Schritte.
Erde … meine Erde … meine geliebte Erde …
Und Frau du auf dieser Erde … einzige … Friede …
Traum … Sehnsucht … Nie-Erfüllung … Friede …
Scheint dir der Mond aufs Bett, in die wachen Augen?
Nicht – nicht –‹
Er fing zu laufen an und lief und lief – und überall war die Nacht, und überall war der Mond, und überall waren die eigenen schlimmen Gedanken –
Da war eine kleine Mauer ihm im Wege. Was wollte die Mauer? Was schloß sie ein, die Mauer? Niedrig war sie und hatte bröckelnde Steine. Trauerweiden – Zypressen – Kreuze aus Stein, die über die Mauer lugten: ein Friedhof. Gräber. Die Toten. Sollte er nicht auch von den Toten Abschied nehmen?
Er schwang sich über die niedrige Mauer weg. Und plötzlich umfing ihn Stille, wie er noch keine Stille auf Erden gefunden hatte. Selbst die Grillen zirpten hier nicht. Kein Blatt bewegte sich im Winde. Die feinen und dichten Zweige der Trauerweiden sanken zu Boden wie ewige Witwenschleier. Die dunklen Zypressen wiesen mit schmalen Fingern nach oben, zum Himmel, zu Gott, der im Himmel wohnt, wenn sich die Menschen nicht irren …
Es war ein uralter Friedhof, und manche Gräber hoben sich nur noch wie Schatten aus dem dicht wuchernden Rasen. Schief neigten die hölzernen Kreuze sich gegeneinander; auf eingesunkenen Steinen glänzte der Tau und liebkoste kaum mehr lesbare Namen.
Hier ruhet in Frieden …
›Ach, Friede, in dir zu ruhen …
Sterben in dir … Das Leben verströmen in dir … Ruhe finden in dir … Gebenedeite …‹
Rosen glühten so dunkel in der Nacht wie Becher aus Rubinglas, darin Blutstropfen aufgefangen wurden. Holunder blühte mit herbem Duft. Wacholder glich düsteren Gespenstern, auf der Flucht von Morgenfrühe überrascht und rauh und grünend versteint. Gras sproß auf allen Wegen. Eine kleine Kapelle mit blinden Fenstern, drin die Spinnen woben, lehnte sich schlafend oder auch schon tot an die niedrige Mauer. Bis zu dem krönenden Kreuz und der klöppellosen Glocke darunter war Efeu geklettert und hielt sie in schützender Hut.
Wolf Helius ging so leise und behutsam, wie man in Räumen von Schlafenden geht. Ihm war, als trüge er sein brennendes Herz wie eine Lampe in der Hand und suche, ob irgendwo noch eine Seele wach sei, um sie zu fragen: Warum schläfst du nicht? Brennt deines Herzens Lampe noch im Grabe? Hast du vom Tisch des Lebens aufstehen müssen, ohne gegessen zu haben? Hast du den Becher des Glücks aus der Hand setzen müssen, ohne getrunken zu haben? Ruhe in Frieden, Seele! Ruhe in Frieden! Wäre nur einer auf dieser Welt, der meines Herzens brennende Lampe löschte und sagte: Ruhe in Frieden … Dann wäre mir wohl.
Er stand vor der Tür der kleinen toten Kapelle. Blätter und Rosen aus Eisen waren verrostet. Über die Stufen wanderte Immergrün. Wenn der müde Tod eine Stelle suchte, wo er sich ausruhen könnte – hier müßte es sein, dachte Wolf Helius und wandte sich leise zum Gehen.
Aber da sah er auf einem Grabe, auf einem Rasenhügel, der in dem silbernsten Lichte des Mondes lag, einen Menschen sitzen; der sah ihn an.
»Guten Abend, Gevatter!« sagte der Mensch zu ihm. Er hatte wahrlich nichts Gespenstisches an sich. Er hatte die Füße in alten, derben Schuhen weit von sich gestreckt und hielt auf seinen Knien ein recht zerknülltes Zeitungspapier, aus dem er Schwarzbrot und Käse aß, die groben Stücke aufs Messer spießend und zum Munde führend. Er kaute, daß sein schöner weißer Bart gekräuselte Wellen schlug, und seine Augen sahen sehr listig drein und sehr gutmütig.
»Bist du erschrocken, Gevatter?« fragte er.
Helius schüttelte stumm den Kopf.
»Komm, setz dich zu mir!« sagte der Alte und rückte ein wenig beiseite. »Hier sitzt es sich gut, und du wirst müde sein. Ich sehe dir schon eine ganze Weile zu, wie du hier herumirrst und selber nicht weißt, was du suchst und darum auch sicher nichts finden wirst. Denn das Finden, siehst du, steht immer im rechten Verhältnis zum Suchen. Und das Kurioseste ist: die gar nichts suchen, die finden das meiste. Die nennt man dann Hans im Glück …«
›Hans im Glück‹, dachte Helius. ›Ja, Hans im Glück. … Hier ruhet in Frieden der Hans im Glück … Weg, Fledermäuse im Kopfe!‹
Er setzte sich auf den Platz, den der Alte ihm angeboten hatte, und faltete still die Hände zwischen den Knien.
»Sind Sie der Wärter des Friedhofs?« fragte er.
»Nein«, sagte der Alte. »Kannst ruhig du zu mir sagen, Gevatter. Wenn wir einmal beide unter so einem Rasen liegen, oder wenn wir dann, noch ein Weilchen später, appetitlich aus allem Fleisch gelöst, in besonders warmen Nächten als Gespenster auf unseren Gräbern sitzen, dann werden wir auch du zueinander sagen. Das ist so Sitte. Ich habe noch keinen Friedhof gefunden, wo es anders gewesen wäre.«
»Kennst du denn so viele Friedhöfe?« fragte Helius.
»Oh – eine ganze Menge! Das ist meine Spezialität. Ich wandere eigentlich von einem Friedhof zum andern. Ich wandere über die ganze Erde und bringe den Toten die Grüße von den anderen Toten und nehme Botschaften mit, die wichtig sind und keiner sonst bringen könnte – denn die Toten, verstehst du, haben ihre Geheimnisse, die sie nicht jedem anvertrauen. Aber mich kennen sie nun schon sehr lange. Ich glaube, fast hundert Jahre … Aber es können auch ein paar mehr sein …«
»Dann bist du wahrhaftig ein rüstiger Bursche«, meinte Wolf Helius und stützte den Kopf in die Hand.
»Das macht das Wandern, Gevatter! Das macht das Wandern! Alle Dinge, die wandern, sind ewig jung: das Wasser, der Wind und die Wolken und die Welten der Sterne, alle wandern und wandern und werden nicht alt. Die Bäume dagegen, siehst du, und die Berge, die wandern nicht und werden morsch und verwittern. Hab' ich nicht recht, Gevatter?«
»Das mag schon sein …«
»Da weiß ich eine Geschichte vom Ewigen Juden, du kennst ihn – den Ahasver. Der wandert nun auch schon an die zweitausend Jahre, weil er dem Herrn Jesus Christus am Traurigen Tage vor seiner Tür die Rast verweigert hat. Nun tauchte kürzlich im Himmel einmal die Idee auf, anläßlich der sovielhundertsten Wiederkehr des Traurigen Tages eine allgemeine Amnestie zu erlassen und auch den Ewigen Juden, den Ahasver, auf dem Gnadenwege von der endlosen Wanderschaft zu befreien. Und siehst du, seit diesem Tage ist der Ewige Jude spurlos verschwunden. Gott weiß, wer ihm die Sache rechtzeitig gesteckt hat – kurzum, man hat ihn mit allen reitenden Engeln an allen Ecken der Erde gesucht und gesucht. Aber man hat ihn noch nicht erwischen können, und ich sage dir, man wird ihn auch nicht erwischen! Er hält sich versteckt, bis die Jahrhundertfeier vorüber ist and die Amnestie außer Kraft: dann wird er schon wieder auftauchen, um weiter zu wandern in alle Ewigkeit, der Schlemmer …«
»Woher weißt du das alles?« fragte Wolf Helius. »Tragen dir deine Freunde, die Toten, solche erbaulichen Geschichten zu?«
»Erraten, Gevatter! Ach, unerhörte Geschichten wissen die Toten, und wenn der Mond sehr hell scheint, dann werden sie schwatzhaft, und alle ihre Geschichten schwatzen vom Wandern – von ewiger Sehnsucht, zu wandern … Das hat keiner vor mir gewußt, und darum lieben sie mich, die armen Toten der Erde: weil ich erkannt habe, was ihnen fehlt. Nicht daß sie tot sind, ist schlimm; nur daß sie nimmermehr wandern können, das ist die Tragödie der Toten … Da sitzen sie, wenn der Mond scheint, auf ihren Gräbern und wissen: da draußen laufen Straßen vorbei ins Unendliche … und die Erde ist grün, und Menschen wandern auf ihr, und die Erde ist weiß, und Menschen wandern auf ihr, und sie sitzen da, an ihre Gräber gebannt, und können nicht mit, die armen Toten der Erde … Aber das Allerschlimmste, Gevatter, das sind die Friedhöfe, wo die toten Seeleute liegen! Die hören das Meer und hören den Sturm auf dem Meer und fangen mit ihren wunderbar feinen Antennen, die sie auf ihren Fingerspitzen tragen, die Botschaften auf, die sich die wandernden Schiffe senden … Wenn man bei denen sitzt, Gevatter, sind selbst die Nächte, in denen der Wilde Jäger reitet, zu kurz, um ihren hungrigen Fragen Genüge zu tun. Und wenn man weg muß, dann tragen sie einem Botschaft auf an den Seemannsfriedhof in Hongkong und an die Maate, die's bei Sydney an Land gespült hat und an die toten Robbenfänger oben im Beringsmeer und an die Kameraden von Tanga, von Helgoland, vom Firth of Forth …«
Er deutete mit dem Messer, auf dessen Spitze ein grober Brocken Käse gespießt war, aufs Geratewohl in den Garten der Toten hinein.
»Die hier schlafen, Gevatter, die haben was Schlimmes vor sich! Du hast mich gefragt, ob ich hier der Wächter sei. Der Friedhof braucht keinen Wärter mehr. Er stirbt. Liegt der Stadt im Wege und ist zum Tode verurteilt. Sind alle schon alt, die hier wohnen. Zwei Jahre noch, dann hat auch der Jüngste kein Recht mehr auf Hügel und Kreuz. Dann wird man die Gräber einebnen und wird dem alten Friedhof einen Hausriesen auf die Brust setzen, und der wird ihm den Atem schon austreiben. Hausriesen haben keine Furcht vor Toten und noch viel weniger Mitleid mit ihnen; denn was wissen Hausriesen, die nicht einmal ahnen, was wandern heißt, wieviel Sehnsucht sie ersticken mit ihrer breiten Sitzfläche …?«
Er schüttelte seinen weißen Kopf, schob sich den Käse in den Mund und wischte das Messer blank.
»Hast du hierherkommen müssen, um deinen Freunden zu sagen, was ihnen bevorsteht?« fragte Wolf Helius.
»Das haben sie längst gewußt. Nein, heute, Gevatter, hatte ich ihnen was ganz Besonderes zu berichten! Von dem neuen großen Wanderer, der unsere alte Erde wieder einmal geschwinder tanzen läßt! Wie seinerzeit der große Alexander und der Cäsar und Vasco da Gama und Christoph Kolumbus und Napoleon und Etzel und Dschingis Khan, und aus unseren Tagen die Männer, die ihre Füße durch das heiße, dunkle, leuchtende Afrika schicken oder durch das herzwilde Tibet oder am Amazonas entlang oder nach dem Südpol. Sind alles nur große Wanderer, Gevatter, das kannst du mir glauben! Daß sie daneben die Welt erobert haben – für sich oder für die Wissenschaft –, das war nur Zufall! Sie wollten in ihrer Seele nur wandern und nichts als wandern – und das will der auch, der jetzt nach dem Monde will – kennst du ihn?«
»Ja.«
»Was ist das für ein Mann?«
»Ich kann's dir nicht sagen, Freund.«
»Hm! Ich möcht' ihn wohl sehen …«
»Das ist doch nicht so schwierig?«
»Junge, es kostet Geld! Das ist eine spekulative Stadt, potztausend! Wenn du morgen da stehen willst, wo du gar nichts siehst als die Glatze von deinem Vordermann, kostet das schon fünfzig Mark! Und ehrlich gestanden: ich hab' so viel Menschen auf einem Haufen nicht gern. Sie sind mir zu lebendig … Aber den einen, den Wanderer nach dem Monde, den hätte ich gern gesehen! Ja! Dem hätte ich gern die Hand gedrückt und ihm glückliche Reise gewünscht! ›Gute Fahrt, Gevatter!‹ 's ist schade! Ich hätte vielleicht ihm manches gesagt, das er würde brauchen können …«
»Sag's mir, Gevatter …«
»Was sollst du damit? Oder bist du ein Wanderer auch? Hast solche Augen. Bist du mir böse, Gevatter, wenn ich meine Zehntausendmeilenschuhe putze? … Ja, das wirst du nicht glauben, aber mit diesen Schuhen bin ich durch Rußland gewandert, von dorther, wo man zu einem, der sieben Tage weit weg wohnt, Nachbar sagt – bis dahin, wo tausend Menschen in einem Hause wohnen und keiner weiß, wie der neben ihm heißt. Gevatter, das ist ein Weg! Aus jeder Ackerkrume ruft dich ein Stimmchen an. An jedem hundertsten Baum hängt eine arme Seele im Wind und friert. An den Landstraßen hocken sie, am Wegrain unter den Birken, wo sie verreckt sind wie Vieh – und alle wollen sie wissen, wie's in der Heimat steht, und ob sich die Windmühlenflügel noch immer drehen … ach, 's ist traurig, Gevatter!«
Er hatte die groben Schuhe von seinen Füßen gestreift, einen Lappen, eine Bürste und einen Tiegel aus der Manteltasche geholt und die Schuhe geschmiert. Jetzt spuckte er kräftig dem ersten aufs Leder und gab sich kopfschüttelnd dem Putzen hin.
»Sag' mir, Gevatter, was du dem Helius zu sagen hättest …«
Der Alte brummte. Er hielt den geflickten Schuh ins Mondlicht und suchte auf dem gesprungenen Leder ein Spiegeln zu wecken, aber das glückte ihm nicht. Nachdenklich nickend nahm er den zweiten vor.
»Zehntausendmeilenschuhe«, sagte er. »Wackere Schuhe. Deine Schuhe, Gevatter, die glänzen ja mächtig; aber du kämst mit ihnen keine zehntausend Meilen weit … Ja, was den Mondfahrer angeht – ich würde ihm sagen: Geh' wandern, Gevatter, geh' wandern! – durch den australischen Busch, durch Tibet, auf den Mond hinauf – 's ist alles eins. Wer wandert, der kommt ans Ziel.«
»Weißt du das ganz gewiß?«
»Ja, ja – nur muß man den Ehrgeiz zu Hause lassen. Wer einfach wandert und wandert, der wird es zuletzt erleben, daß alle Dinge der Welt ihm entgegengehen. Sie kommen ganz sacht auf ihn zu und sagen: ›Da sind wir!‹«
»Alle Dinge der Welt …?«
»Gevatter, du bist noch so jung; wirst mir's vielleicht nicht glauben – aber ich sage dir, ich habe in meinem Leben noch nie einen richtigen Wanderer gefunden, dem's anders ergangen wäre. Willst du wissen, woher das kommt? Weil die Liebe von allen Wesen, die wandern, mit ihnen geht. Das ist eine große Gemeinde, wo einer den andern kennt. Von den Wellen im Fluß bis zu den Sternen am Himmel kennen sich alle und haben Liebe zueinander, und die Frauen, Gevatter, die Frauen haben sie lieb! 's ist keine auf dieser Welt, die nicht mit flügelschlagendem Herzen die Vagabunden liebte, die fahrenden Burschen, von denen die Bäche und Flüsse und Ströme wissen, von denen die Bäume auf allen Landstraßen rauschen – die Mädchen, die Frauen, die Mütter der ganzen Welt geben ihr Herz den wandernden Vagabunden mit auf die Reise.«
»Weißt du das ganz gewiß?«
»Ja freilich, Gevatter. Nur mußt du nicht glauben, daß jeder, der auf der Landstraße läuft, ein Wanderer sei – o nein! 's ist immer nur einer von Tausenden. Mondfahrer ist auch nur einer. Die andern, die fahren nur mit. Aber das verstehst du nicht …«
Er zog sich mühselig die Schuhe wieder an und betrachtete seine gerüsteten Füße mit Wohlgefallen.
»Willst du schon gehen?« fragte Wolf Helius ein wenig schwermütig.
»Ja, Gevatter. Bist du morgen nacht wieder hier?«
»Nein. Morgen nacht sicher nicht.«
»Aha! Du willst die Abfahrt zum Monde nicht versäumen.«
»Du hast es erraten.«
»Na, irgendwo sitze ich auch wahrscheinlich hoch oben, auf einem Kirchturm, oder einem Dach … Ich muß doch meinen Toten Bericht erstatten. Aber den Sonnenaufgang kann ich nicht leiden. Den will ich verschlafen. In einer Scheune oder in einem Heuhaufen! Der hält schön warm. Gehst du noch ein Stück mit mir – auf der Landstraße, Gevatter?«
Wolf Helius erhob sich mit dem Alten. Nun sah er erst, was für ein sonderbarer Geselle das war, mit dem er die Nacht verplaudert hatte. Von den irgendwie unendlich wirkenden Gliedern war gleichsam keines mehr an seinem richtigen Platze. Sie schienen sich aufs Geratewohl unter dem uralten Mantel zu sammeln, der sie, so gut es ging, in Ordnung hielt; denn der Kopf kümmerte sich nicht um sie. Der barg sich unter einem melancholischen Hut und war seinerseits, mit der schnuppernden Nase im Winde, nur zum Schauen und Spähen aufgelegt.
›Wenn der ernste Tod einen lustigen Bruder hätte, dann müßte er so ausschauen‹, dachte Wolf Helius.
Die Friedhofstür stand offen, er trat auf die Straße hinaus. Der Alte, noch die rostige Klinke in der Hand, drehte sich um und sagte:
»Also auf morgen …«
Und er nickte lächelnd, als hätten nur ihm allein hörbare Stimmen freundliche Antwort gegeben.
Es war schon fast hell. Der Mond hing als blasse Scheibe in einem türkisenen Himmel. Im Osten stand eine schmale Wolkenkorallenbank in goldrotem Feuer.
Der Alte schlug mit einem erstaunlich munteren Schritt seiner langen Beine den Weg nach der Stadt ein. Er ließ im Wandern den Blick der listigen Augen nur selten von dem stillen Gesicht seines schweigenden Nachtgefährten und schmunzelte vor sich hin.
Als sie an einer Wiese vorüberkamen, auf der das Heu in dichten Schwaden lag, blieb er stehen und sagte:
»Da bin ich in meinem Hotel!«
Er gab dem andern die Hand – eine dürre, knöcherne Hand, die doch wirkte, als könnte sie wunderbar sanft sein, nickte ihm pfiffig zu und wünschte:
»Glück auf den Weg, Gevatter!«
»Dank für den Wunsch«, sagte Helius. »Und Dank für die Nacht!«
Dann war der Alte mit einem Schritt über den Straßengraben hinüber und trollte die Wiese entlang, die schon morgendlich glänzte.
Wolf Helius ging seines Weges weiter, und als er zehn Schritte gegangen war, hörte er eine Stimme, die spottend, aber voll Güte hinter ihm drein rief:
»Glückliche Reise, Wolf Helius! Glückliche Reise, Mondfahrer!«
Aber weit und breit war kein Mensch zu sehen …
Nur ein großer, grüner Heuhaufen rüttelte sich, als lache er herzlich.