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Kapitel X.
Jüngere Sophisten: Prodikos, Hippias und andere

1. Prodikos von Keos

In der Szenerie, mit der Plato in seinem »Protagoras« die philosophischen Erörterungen umgibt, erscheinen anfangs drei gesonderte Hörerkreise: einer, der in ehrfurchtsvoller Scheu dem gefeiertsten und ehrwürdigsten Sophisten (Protagoras) zur Seite wandelt, ein zweiter, der um den auf einem Sessel thronenden Hippias herum auf Bänken Platz genommen hat, und ein dritter, zu dem der leidende, in eine Menge von Decken gehüllte Prodikos von seinem Lager aus mit seiner von den Wänden widerhallenden tiefen Stimme spricht.

Auch Prodikos hat seine Vaterstadt, das kleine Julis auf der Athen benachbarten Insel Keos, mehrfach als Gesandter in Athen vertreten; er war etwa gleichalterig mit dem um 470 geborenen Sokrates und hat ihn noch überlebt, auch er verkehrte mit den Männern der neuen Zeit, wie Perikles und Euripides, sowie dem Musiker Damon und war bei seinen Schülern, darunter dem späteren Politiker Theramenes und dem Redner Isokrates, beliebt.

Aus seiner naturphilosophischen Schrift ist uns nur eine Bemerkung über den Schleim im menschlichen Organismus erhalten. Gleich Protagoras, beschäftigte auch Prodikos sich mit Sprachstudien; er hielt Vorträge über Sprachrichtigkeit und Synonymik (Verwandtschaft der Wörter), bei denen er nach Platos Schilderung ziemlich pedantisch Verfahren sein muß. Wenn nach einem seiner Sätze der Sophist »halb Philosoph, halb Politiker« sein soll, so wissen wir von letzterer Eigenschaft bei ihm nichts.

Mehr bekannt ist uns über seine religiösen Ansichten. An ein Leben nach dem Tode glaubte er nicht mehr: »der Tod geht weder die Lebenden noch die Abgeschiedenen etwas an«; wie er denn überhaupt, gleich seinen engeren Landsleuten von der Insel Keos, einer pessimistischen Lebensanschauung zugeneigt haben soll. Auch die Götter der Volksreligion lehnte er – gleich Xenophanes, Demokrit und Protagoras – ab und suchte das Entstehen der religiösen Vorstellungen psychologisch zu erklären: Was den Menschen nutzte, das hätten sie als Gottheit verehrt. So zunächst Sonne und Mond, Flüsse und Quellen; dann das Brot und die Feldfrüchte als Gaben der Demeter (»Mutter Erde«), den Wein als Dionysos (Bakchos), das Feuer als Hephaistos, das Meer als Poseidon usw.

Am bekanntesten aber wurde er durch seine moralischen Vorträge, von denen uns einer durch den Sokrates-Schüler, Offizier und Historiker Xenophon in seinen »Erinnerungen an Sokrates« in ausführlicher Darstellung wiedergegeben wird: die Fabel von Herakles am Scheidewege. Da diese Fabel vielleicht doch nicht allen unseren Lesern bekannt ist, setzen wir ihren Hauptinhalt hierher, zugleich um ein anschauliches Bild von der Art des Prodikos zu geben:

Als Herakles (lateinisch: »Herkules«) im Uebergange zum Jünglingsalter stand, also einer Zeit, in der die jungen Leute bereits selbständig über ihren Lebensweg nachzudenken beginnen, stand er einst, von Zweifeln bedrängt, in der Einsamkeit an einem Scheidewege. Da nahten sich ihm zwei Frauengestalten. Die eine, üppig und selbstgefällig in Kleidung und Auftreten, versprach ihm, wenn er ihr folgen würde, ein Leben voller Genüsse jeglicher Art. Auf seine Frage nach ihrem Namen antwortete sie: »Meine Freunde nennen mich das Glück; diejenigen, die mich hassen, heißen mich aus Eifersucht das Laster.« Die andere dagegen – es war die Tugend – verhieß ihm, falls er ihrem Dienste sich widme, ein Leben zwar voller Anstrengung, aber auch voll wahren, weil edlen, Genusses, Auszeichnung und Ehre bei Göttern und Menschen. »Den Künstlern bin ich eine beliebte Gehilfin, den Herren eine treue Wächterin ihres Hauses, den Dienern eine wohlwollende Helferin, auch eine ebenso tüchtige Mitarbeiterin an den Werken des Friedens, wie bei den Aufgaben des Krieges eine zuverlässige Mitstreiterin und in der Freundschaft die beste Gefährtin« usw. Natürlich folgt der brave Herakles der Tugendgöttin.

Man kann über den sittlichen und ästhetischen Wert dieser tugendhaften Fabel zweierlei Meinung sein – der junge Goethe hat sich über sie in seiner bekannten ausgelassenen Satire: »Götter, Helden und Wieland« weidlich lustig gemacht – und wird doch nicht bloß den guten Willen, sondern auch den sittlichen Ernst und eine relativ günstige Erziehungswirkung auf den jugendlichen Geist anerkennen können. Xenophon legt ja daher auch ihre Nachbildung – Prodikos selbst habe »prächtigere« Worte gebraucht – seinem Lehrer Sokrates in den Mund. Herakles aber ist, mit durch eben diese seine Verwendung als griechisches Tugendideal, sozusagen der Schutzheilige des Antisthenes und seiner Sekte, der weltbürgerlichen Cyniker, geworden.

Ungefähr gleichalterig mit Prodikos ist

2. Hippias von Elis

Auch Hippias war hoch angesehen und geehrt, nicht bloß in Athen, sondern auch in Sparta, wohin er als Gesandter seiner heimatlichen Landschaft öfters gekommen ist, aber nicht weniger in den kleinsten Städten Siziliens; er erhielt von zahlreichen Orten das Ehrenbürgerrecht und ließ sich, wie Gorgias, gern auch an der allgriechischen Feststätte zu Olympia hören. Auch seine Reden waren zum großen Teile Schaustücke, d. h. Prunkreden; er selbst sagte einmal, er sei im Begriffe, eine »neuartige und vielgestaltige Rede« zum besten zu geben. Auch er rühmte sich, alle an ihn gerichteten Fragen unvorbereitet beantworten zu können; wie denn die Form der Ausfragung von Sophisten durch den berühmten Frager Sokrates in zahlreichen platonischen Dialogen gewiß kein Zufall ist. Hippias scheint in der Tat auf allen möglichen Wissensgebieten zu Hause gewesen zu sein: in Astronomie und Mathematik wie in Metrik und Grammatik, in den bildenden Künsten wie in der Poesie, in Chronologie (Zeitkunde) und Genealogie (Geschlechterkunde) wie Geschichte, in der Sagen- wie in der Völkerkunde; er soll eine Mnemotechnik (Gedächtniskunst) erfunden und sich bei alledem auch noch in sämtlichen Gattungen der Dichtkunst versucht haben, ja außerdem noch sehr handfertig gewesen sein. Wenigstens erzählt Plato in seinem Hippias maior (dem »größeren« Hippias, im Unterschied von einem »kleineren«, der sich auf dieselbe Person bezog), der Sophist habe sich in Olympia einmal gerühmt, daß er sämtliche Gegenstände des Auszugs, in dem er dort erschien: Siegelring, Gewand, Gürtel, Schuhe, Salbfläschchen, Schabeisen, selbst verfertigt habe (was allerdings auch ein literarischer Scherz Platos sein könnte, da es vor den Cynikern kein Beispiel dafür gibt, daß ein freigeborener Grieche Handarbeit als eine seiner würdige Beschäftigung angesehen habe). Es wird auch von ihm berichtet, daß er, wie Sokrates, auf der Straße und »selbst auf dem Markte an den Tischen (der Krämer und Wechsler)« Gespräche mit den Leuten angeknüpft hätte. Das »neue und vielgestaltige« Buch scheint ein großes Sammelwerk, eine Art Konversationslexikon, gewesen zu sein, zu dem er neben Homer, Hesiod, Orpheus, Musäus und anderen Dichtern und Schriftstellern auch »barbarische«, d. h. nichtgriechische, Schriften benutzte.

Aber nicht wegen dieser seiner »Vielwisserei«, auch nicht wegen seiner Moralpredigten, aus denen ein paar gute Bemerkungen gegen Mißgunst und Verleumdungssucht erhalten sind, verdient Hippias einen Platz in unserer Darstellung, sondern wegen eines von uns schon früher berührten, aber anscheinend von ihm erst mit voller Klarheit ausgebildeten, überaus wichtigen Gegensatzes: dem von Natur und Satzung (Brauch, Sitte). Plato wenigstens läßt in seinem Dialog Protagoras in eine ausführliche Auseinandersetzung zwischen diesem und Sokrates den anwesenden Hippias ganz unvermittelt sich einmischen mit den Worten: »Ihr Männer, die ihr hier anwesend seid! Ich betrachte Euch alle als Stammverwandte, Angehörige und Bürger eines Reiches, nicht zwar der menschlichen Satzung nach, sondern von Natur. Denn das Gleichartige ist von Natur einander verwandt, die Satzung dagegen, die ein Tyrann der Menschen ist, setzt mit Gewalt vieles Naturwidrige durch.«

Ob Hippias selbst schon aus diesem Satze so weittragende Folgerungen gezogen hat, wie Gorgias' Schüler Lykophron und Alkidamas (S. 93), ob er insbesondere die Griechen als mit den Barbaren stammverwandt bezeichnet hat, wie später die weltbürgerlichen Zyniker und Stoiker es taten, ist fraglich und vielleicht, bei seinem sonstigen Mangel an Tiefe, kaum anzunehmen. Andere zogen aus seinem Ausspruche ganz andere, zum Teil entgegengesetzte Schlüsse.

3. Die Verteidiger der Menschenrechte und des Rechts des Stärkeren

An sich nämlich lassen sich aus jenem Gegensatze zwischen Natur und Satzung sehr verschiedene Schlußfolgerungen herleiten. Zunächst die des natürlichen Rechtes des und der Menschen, so wie das unverbildete Gefühl jedem von uns es sagt. Denken wir etwa an Rousseaus Ruf der »Rückkehr zur Natur« gegenüber aller »Konvention« (willkürlichen Satzung), der in Schillers Räubern und seinem Lied an die Freude (Beethovens neunte Sinfonie!), aber auch in dem Faustworte des jungen Goethe widerklingt:

»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage,
Weh' Dir, daß Du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider nie die Frage.«

Durch einen großen Teil des Mittelalters und der Neuzeit zieht sich dieser Unterschied zwischen dem Natur- oder Vernunftrecht auf der einen, dem »positiven« Rechte auf der anderen Seite (vgl. unsere »Einführung« S. 38 f.); und wieder von Kant und den » Menschenrechten« der Französischen Revolution bis zum heutigen Sozialismus.

Auch schon zu Ende des griechischen Jahrhunderts der Aufklärung, das ja in so mancherlei Zügen dem westeuropäisch-deutschen achtzehnten nach Christus entspricht, gegen 400 vor Christus, müssen sozialistische Theorien unter den Griechen aufgetaucht sein Hierüber und über das folgende s. näheres in meiner knappen »Geschichte der sozialistischen Ideen« (Breslau, F. Hirt, 1924), Kapitel 2.. So erwartete Phaleas aus dem kleinasiatischen Chalkedon von der Beseitigung der wirtschaftlichen Ungleichheit das Aufhören der bürgerlichen Unruhen und das Verschwinden der Eigentumsvergehen, die unter der bestehenden Gesellschaftsordnung »durch Frost und Hunger« veranlaßt wurden. Er forderte daher Aufteilung des Grund und Bodens nach dem Grundsatz vollkommener Gleichheit unter die Bürgerschaft, Verstaatlichung der gesamten Gewerbtätigkeit, gleiche Erziehung aller durch den Staat.

Ja, manche radikale Sozialisten müssen noch weiter gegangen sein und vollste Gemeinsamkeit aller Produktions- und Genußmittel, einschließlich der Frauen, auf ihr Programm gesetzt haben; sonst wäre wenigstens die derb-witzige Polemik dagegen in der »Weibervolksversammlungs«-Komödie des Aristophanes (392) nicht zu erklären. Merkwürdig ist übrigens, daß auch in diesem ausgelassenen Zukunftsstaats-Gemälde die – Sklaverei als Gesellschaftseinrichtung beibehalten wird!

Auch andere Erörterungen über den »besten Staat« traten auf dem politisch so bewegten Boden des damaligen Griechenlands auf, so eine Schrift des als Städte-Baumeister berühmten Hippodamos von Milet, die sich jedoch in den Grenzen der bestehenden individualistischen Gesellschaftsordnung gehalten zu haben scheint.

Allein diese politischen Idealentwürfe blieben auf dem Papier stehen. In viel engerer Fühlung mit dem tatsächlichen staatlichen Leben stand die entgegengesetzte an die Theorie von Natur und Satzung anknüpfende Lehre vom Rechte des Stärkeren.

Aehnlich wie heute manche Leute aus Furcht vor den angeblichen unheilvollen Folgen »zügelloser« und »vaterlandsloser« Demokratie sich nach der guten alten Zeit sehnen, so gab es auch, insbesondere nach dem Tode des großen Führers der athenischen Demokratie, Perikles (429), viele in Altgriechenland, die nach der Wiederherstellung der »vaterländischen Verfassung« riefen und gegen die »große Bestie« des Demos (Volkes) tobten. Dazu hatte schon Heraklit (vgl. S. 25 ff.) gehört, dazu gehörten jetzt der selbstsüchtige geniale Alkibiades, der in einer öffentlichen Rede zu Sparta erklärte, die Demokratie sei »ein ausgemachter Unsinn«, dazu der Komödiendichter Aristophanes, dazu der noch zu erwähnende Kritias Vgl. hierzu und zum folgenden auch W. Nestle, Die Vorsokratiker (Jena, 1922), S. 92 ff.. Die theoretische Begründung zu solcher Machttheorie, wie sie in derartigen Zeiten bis heute der tatsächlichen Praxis niemals gefehlt hat, lieferten wiederum – Sophisten, wie Kallikles, Thrasymachos und der eben genannte Kritias. Freilich ist, wie von den Sophisten überhaupt nur ganz wenige unmittelbar von ihnen ausgesprochene oder niedergeschriebene Sätze erhalten sind, auch das Bild dieser Männer, wenigstens der beiden ersten, nur aus den Schilderungen anderer, insbesondere ihres philosophischen Gegners Plato, zu rekonstruieren (wiederaufzubauen).

Kallikles – ob er wirklich unter diesem Namen existiert hat, ist allerdings nicht völlig sicher –, die Hauptperson im dritten Teile von Platons »Gorgias«, ist der Typus des zwar liebenswürdigen und aufgeklärten vornehmen Mannes, aber zugleich doch ungezügelten Herrenmenschen. Ihm zufolge haben die Schwachen und die Masse Gesetz und Recht bloß zu ihrem eigenen Vorteil aufgestellt, um durch sie die von Natur Stärkeren einzuschüchtern und an dem Gebrauche ihrer Ueberlegenheit zu hindern. Sie nennen das Gerechtigkeit, während nach Kallikles die wahre, der Natur der Dinge entsprechende Gerechtigkeit darin besteht, daß der Edlere und Leistungsfähigere mehr Vorteile hat als der Geringere und minder Leistungsfähige. Wir aber, d. h. die demokratischen Gesetze Athens, suchen von Jugend auf die starken Persönlichkeiten unter uns niederzuhalten und reden ihnen ein, es müsse Gleichheit bestehen. Der wahrhaft Starke jedoch wird kraft des ihm angeborenen Rechtes der Natur alle solche naturwidrigen Sitten und Gesetze von sich abschütteln, die von Bescheidenheit und Gerechtigkeit faseln. Gehört doch selbst der Besitz der Minderwertigen und Schwächeren von Natur dem Tüchtigeren und Stärkeren! Nein, Tugend und Glück bestehen in – Wohlleben, Ungebundenheit und freier Verfügung über die Güter des Lebens; alles andere ist Flitter, naturwidrige Satzung der Gesellschaft, Geschwätz und nichts wert. Unrecht leiden ist Sklavenmoral: eine »Umwertung aller Werte«, die, wenn auch inhaltlich nicht ganz, an Friedrich Nietzsche erinnert.

Aehnliche Grundsätze vertrat ein anderer Sophist, Thrasymachos aus Chalkedon, der, selbst wenn wir von seiner Karikatur im ersten Buche von Platos »Staat« einiges abziehen, ein leidenschaftlicher Klopffechter gewesen sein muß. Die Götter sehen nichts vom Treiben der Menschen, sonst würden sie nicht die Gerechtigkeit vernachlässigen, die wir nirgends auf der Welt in Geltung sehen. Gerechtigkeit ist ihm in Wahrheit »nichts anderes als der Vorteil des Stärkeren«, die landläufige Vorstellung davon erscheint ihm als »gutmütige Dummheit«, Unrecht tun dagegen ist »Wohlberatensein«.

Vielleicht die charakteristischste Verbindung solcher Theorie mit vollkommener Ausübung in der Praxis, die stärkste Uebereinstimmung also von Leben und Lehre in seiner Person stellt der bekannte Führer der »dreißig Tyrannen« in dem Athen des Jahres 403, der aus vornehmster Familie stammende und mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts bewaffnete Kritias dar. Kritias besaß die vielseitigsten Talente. Seine reiche Dichtergabe bezeugen die in Nestles »Vorsokratikern« abgedruckten Proben; mit seinen vergleichenden Schilderungen verschiedener Staatsverfassungen ist er ein Vorläufer des Aristoteles gewesen; sein physikalisches Weltbild erscheint mechanistisch, wie das des Demokrit. Gleich diesem stellt er als Erkenntnisquelle über die sinnliche Wahrnehmung mit Recht den Verstand. Was uns jedoch hier am meisten interessiert, das ist seine GeschichtsPhilosophie. Er verficht dieselbe Lehre vom Naturrecht des Stärkeren gegenüber den von der Menge der Schwachen in ihrem Interesse aufgestellten Satzungen wie die Vorgenannten. Hinzu kommt nur noch die dem gottlosen Sagenhelden Sisyphos (in dem gleichnamigen Drama) in den Mund gelegte Lehre, daß auch die Religion nur von einem schlauen Kopfe erfunden sei, um die Menschen in Angst zu setzen und vor Uebergriffen, gemäß dem Recht ihrer Natur, abzuhalten. Kritias selber war eine geborene Herrschernatur, »eine Persönlichkeit wie die Tyrannen der italienischen Renaissance, der rücksichtsloseste und konsequenteste Vertreter des aufgeklärten Despotismus« (Nestle a. a. O. S. 100). Er ist denn auch bei dem Sturz der von ihm in seiner Vaterstadt Athen begründeten Oligarchie (Herrschaft von Wenigen), die in Wirklichkeit seine Alleinherrschaft war, durch den Volksmann Thrasybul mutig für seine Sache in den Tod gegangen.

4. Der Ausgang der Sophistik
Sokrates

Neben solchen genialen »Uebermenschen« wie Kritias, die »jenseits von gut und böse« standen, gab es aber genug Sophisten, die sich von dem Pfade der gewöhnlichen bürgerlichen Moral nicht allzuweit zu entfernen wagten. Dahin gehört z. B. der Athener Antiphon, der im Anschluß an die Eleaten eine hohe Gottesvorstellung – »Gott ist unendlich und bedürfnislos«, nimmt daher auch von niemand etwas an – verkündet, in der Naturphilosophie Empedokles zu folgen scheint und in einem erst neuerdings aufgefundenen ausführlichen Fragment ebenfalls »Gesetz und Brauch«, d. h. die willkürlich von den Menschen aufgestellten Satzungen, als eine Fessel des wahren, natürlichen Rechtes darstellt, aber dies letztere im Interesse der Schwachen geltend macht. Auch der Gedanke von der natürlichen Gleichheit aller Menschen, einschließlich der »Barbaren« (Nichtgriechen), taucht bei ihm schon auf. Da das Menschenleben nur kurz ist und man nur einmal lebt, muß man es richtig ausnutzen. Mit der Sorge für Weib und Kind möchte er sich, wie schon Demokrit, am liebsten nicht beladen. Für das Wichtigste erklärt er eine gute Erziehung.

Für ein Werk des Antiphon halten manche auch die ebenfalls ziemlich ausführlichen Bruchstücke des sogenannten Anonymus Jamblichi (Ungenannten des Jamblichus), die der letztgenannte, um 330 nach Christus gestorbene syrische Neuplatoniker in eine seiner Schriften eingeschaltet hat, die gleichfalls das Zusammenhalten der auf dem Boden von Recht und Gesetz stehenden Bürger gegen die Gewaltherrschaft eines Einzelnen fordert. Hier merken wir von sophistischer Auflehnung gegen das Bestehende nichts mehr. Ebensowenig in dem neuerdings auf einem ägyptischen Paphros (aus den Blättern der Paphrosstaude hergestelltem »Papier«) entdeckten Bruchstück über das Wesen und die moralischen Wirkungen der Musik, oder in der von dem Thraker Zopvros, der als Sklave des Perikles dessen jungen Mündel Alkibiades erzog, zuerst aufgebrachten Physiognomik, d. h. Deutung des Charakters aus den Gesichtszügen.

Als letzte Richtung der Sophistik erwähnen wir schließlich die von Plato in seinen Dialogen Euthydemos und Kratylos angegriffene, auch in Aristoteles' Schrift »Ueber die sophistischen Trugschlüsse« sachlich dargestellte Eristik oder Wortstreiterei, die gewiß durch den radikalen Skeptizismus mancher Sophisten und ihre Sucht, rein rednerisch zu glänzen und zu überraschen, gefördert wurde, aber nicht als Merkmal der Sophistik überhaupt angesehen werden darf, wie es lange Zeit geschah, übrigens mehr noch in der erst von dem Sokratesschüler Euklid gegründeten Schule von Megara sich ausbildete. Von den sogenannten Fangschlüssen, die im Altertum gern zum besten gegeben wurden, erwähnen wir den »Kornhaufen«: Ein Körnchen bildet keinen Haufen, zwei bis drei auch nicht; wann fängt der Haufen an? Und den »Lügner«: Ist es eine Lüge, wenn man lügt und dabei sagt, daß man lüge? Von den Vexierfragen, auf die weder ein »Ja« noch ein »Nein« als Antwort paßte, die: Hast Du Deine Hörner abgelaufen? Und: Hast Du aufgehört, Deinen Vater zu schlagen? Wie man sieht, recht oberflächliche Wortwitze, die jedoch bei den solche Dinge liebenden Bewohnern Athens, den »antiken Berlinern«, einen fruchtbaren Boden fanden.

*

Blicken wir noch einmal zusammenfassend auf das Zeitalter der Sophisten zurück! Ihr Nutzen ist unverkennbar. Sie haben, freilich nur neben Sokrates, die Philosophie, um mit Cicero zu reden, »vom Himmel auf die Erde herabgerufen«, d. h. den Blick von der bloßen Naturbetrachtung auf die Welt des Menschen gelenkt, sie haben die Köpfe ihrer Zeitgenossen in mancherlei Weise aufgeklärt und von starrem philosophischen oder religiösen Dogmenglauben befreit, sie haben zuerst den prinzipiell wichtigen Grundsatz aufgestellt, daß der Mensch das Maß aller Dinge sei, und den Unterschied von willkürlich gesetztem und natürlichem Recht betont. Allein neben diesen Vorzügen stehen doch sehr bedeutende Schwächen.

Es fehlte ihnen vor allem an dem nachhaltigen Ernst und Tiefe, in der Lehre vom Erkennen wie vom sittlichen Handeln. Die meisten von ihnen gingen doch allzusehr auf bloß rednerische Wirkungen aus. Wie geistig hochstehende ernste Männer, die selber von dem Aufklärungsstreben der Zeit durchaus erfüllt waren, darüber urteilten, zeigt eine gelegentliche Bemerkung des Geschichtsschreibers Thukydides in Buch III, Kapitel 38 seiner Geschichte des peloponnesischen Krieges. Er legt dort dem Volksführer Kleon eine Rede in den Mund, die ihn heftig wider die Schäden der athenischen Demokratie, deren Führer er ist, zu Felde ziehen läßt. Ihr laßt Euch, so ungefähr führt Kleon aus, von schönen Reden fangen, namentlich wenn sie Euch etwas Neues, noch nie Dagewesenes bringen, und bemerkt dann: »Kurz, Ihr gebt Euch dem Genuß Eures Ohres gefangen und gleicht eher Leuten, die (wie Theaterzuschauer) dasitzen und Sophisten zuhören, als solchen, die über Staatsangelegenheiten beschließen sollen«. Er vergleicht also das Verhalten der Volksversammlung oder des Rates der Stadt mit dem Verhalten des Publikums bei einem Sophistenvortrag, den man wie eine fesselnde Theater-Aufführung betrachtet. Nicht als tiefe Denker, als Führer auf dem Gebiete der Erkenntnis, als Erzieher zum sittlichen Handeln sieht demnach ein so aufgeklärter Mann wie Thukydides die Sophisten an, sondern als bloße Redekünstler, deren Vortrag in erster Linie nach seiner künstlerischen vollendeten Form beurteilt wird.

Das war der tiefste, der eigentliche Grund, weshalb die Sophisten eine dauernde philosophische Wirkung nicht erzielt haben. Nicht sie, sondern ein anderer hat der griechischen Philosophie und damit der Philosophie überhaupt eine neue Grundlage geschaffen, zu der die Sophistik nur einen Durchgangspunkt bildet, ähnlich wie in der Entwicklung des Einzelnen das schäumende Jünglings- zu dem reifen Mannesalter. Er besaß keine Ader rhetorischen Wesens, ihm kam es immer bloß auf die Sache an. Er liebte nicht die schönen Reden und den Ueberfluß der Worte, war weit entfernt von jedem Sich-in-Szene-setzen, hielt überhaupt keine – weder bezahlte noch unbezahlte – Vorträge und leitete auch niemanden zur Kunst des Redens an. Sondern er setzte der prunkenden Rede die eindringliche Frage entgegen. Er behauptete nicht, alles zu wissen und alles lehren zu können, sondern bekannte im Gegenteil von sich, daß er nichts gründlich wisse, und suchte auch den anderen zu zeigen, daß alle rechte Erkenntnis von diesem im letzten Grunde Nichts-Wissen auszugehen habe. Aber er bezweifelte trotzdem nicht die Möglichkeit eines allgemeingültigen Maßstabs für unser Erkennen und Handeln, sondern sieht in dessen Feststellung seine Lebensaufgabe. Es war der Athener Sokrates.

Durch ihn und durch seine großen Nachfolger Plato und Aristoteles wurde die Philosophie auf neue Grundlagen gestellt, die zu schildern jedoch nicht mehr unsere Aufgabe ist.


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