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Mit der Philosophie derer von Elea befinden wir uns auf einem anderen Boden als dem kleinasiatischen, in dem kolonialen Westlande Unteritaliens und damit doch auch in einer geistig teilweise anders gearteten Umgebung. Gemeinsam war beiden Kolonialländern das rasche und mächtige Aufblühen der griechischen Pflanzstädte, die auch die Gestade Unteritaliens und Siziliens in so reichem Kranze umgaben, daß sich Stadtgebiet an Stadtgebiet reihte und die Südhälfte der italischen Halbinsel den Namen »Groß-Griechenland« empfing. Von ihnen soll zu Zeiten Kroton nicht weniger als 100 000, ja das reiche Sybaris, das über 25 Tochterstädte und 4 Völkerstämme gebot, gar 300 000 Bewaffnete ins Feld gestellt haben! Aber ihr Charakter ist dennoch, abgesehen etwa von dem üppigen, durch seine Schwelgerei und Weichlichkeiten berüchtigten Sybaris, ein anderer. Die kleinasiatischen Griechenstädte waren in erster Linie Hafen- und Handelsstädte, die allmählich in zu nahe Beziehungen zu ihren orientalischen Nachbarn (Lydern, Aegyptern, Babyloniern, Persern) gerieten und deshalb auch verhältnismäßig früh, im sechsten Jahrhundert, ihre politische Unabhängigkeit verloren. Die sizilischen und namentlich die süditalischen Städte hatten dagegen ein fruchtbares agrarisches (Landbau treibendes) Hinterland: Italien, dessen Name schon von Hellanikos (zwischen 496 und 406 v. Chr.), einem der frühesten griechischen Geschichtschreiber, als »Rinderland« erklärt wird. Anstatt sich von den stammfremden Nachbarn aufsaugen zu lassen, wie es den kleinasiatischen Griechen geschah, übten sie Einfluß auf dieselben; und der italische später römische Einschlag, den sie erhielten, stärkte den Familiensinn (größere Achtung vor den Frauen und der Ehe), ja den in Kleinasien früh zerbröckelnden Gemeinschaftsgeist und Gesetzessinn überhaupt. Die Spuren zeigen sich auch bei den später noch zu besprechenden pythagoreischen, zunächst aber bei den eleatischen Denkern.
Elea, eine Strecke weit südlich von dem durch seinen heute noch stehenden prächtigen Poseidontempel berühmten Pästum einsam und weitab vom Weltverkehr an der stillen Westküste der unteritalischen Mittellandschaft Lukanien gelegen, war eine verhältnismäßig junge Gründung. Es ist erst 540 von den aus ihrer kleinasiatischen Heimat ausgewanderten Phokäern angelegt worden, die sich in ihrem Freiheitssinn den siegreichen Persern nicht unterwerfen wollten. In einer sehr ruhigen, fast eintönigen Landschaft an einer Bucht des blauen Meeres gelegen, ist die Stadt an die heute nur noch ein einsamer Turm erinnert, der sich auf einem aus der hier nicht sehr fruchtbaren Ebene aufsteigenden Hügel erhebt, wie es scheint, immer klein geblieben und bot so der ganzen Art der hier entstehenden Denkerschule einen sehr geeigneten Platz.
(um 570-480)
hat in Elea anscheinend nur seine späteren Jahre verlebt. Er stammte aus der durch das in ihrer Nähe gefundene Harz (Kolophonium!) bekannten, reichen Jonierstadt Kolophon in Kleinasien, dessen üppige Bürgerschaft von ihren lydischen Nachbarn, den Erfindern der Geldprägung, »unnützen Prunk gelernt hatte« und protzig »in purpurnen Gewändern zum Markte schritt, einherstolzierend mit schön geschmückten Locken und triefend vom Dufte künstlich bereiteter Salben«, um sich dann ohne langen Widerstand der »greulichen Zwingherrschaft« der Barbaren zu unterwerfen. Der junge, 25jährige Xenophanes war zu freiheitsliebend, um das mitzumachen; lieber ergriff er den Wanderstab, um einer ungewissen Zukunft entgegenzugehen. Nicht weniger als siebenundsechzig Jahre im ganzen will er als wandernder Rhapsode (Spielmann) umhergezogen sein, bis er im hohen Alter von 92 Jahren in Elea die altersmüden Augen schloß. Manche haben deshalb in ihm einen bloßen epischen und satirischen (erzählenden und spottenden) Dichter erblicken wollen; wir werden sehen, daß er mehr war.
Auch Xenophanes ist ein Gegner der Volksdichter Homer und Hesiod, und zwar aus sittlichen Gründen. Alles haben diese »den Göttern angehängt, was bei Menschen Schimpf und Schande bringt: Stehlen und Ehebrechen und einander Betrügen«. Aber seine Abneigung gegen die Volksreligion ist noch viel tiefer begründet: er wendet sich sogar, ganz ungriechisch, gegen die bildnerische Darstellung der Götter. Wenn Rinder und Löwen Hände zum Malen oder Bildhauern hätten, so würden sie die Götter rinder- und löwenähnlich bilden. Die negerartigen Aethiopier, die im Süden Aegyptens wohnen, stellen sich ihre Götter schwarz und stumpfnasig, die Thrakier dagegen blauäugig und rothaarig vor. Sehr begreiflich, daß der griechische Kirchenvater Clemens von Alexandrien uns solche Verse seines sieben Jahrhunderte vor ihm lebenden Landsmannes aufbewahrt hat. Aber nicht bloß das. Auch gegen eine andere Lieblingsanschauung seines Volkes wendet sich Xenophanes in dem ausführlichsten Bruchstück, das von ihm erhalten ist: gegen die Ueberschätzung der Körperkraft und des Körpersports, des Wettlaufs, des Ring- und Faustkampfs, des Wagenrennens. Selbst der Ruhm der Olympia-Sieger, der dem Durchschnittsgriechen über alles ging, gilt ihm nichts. Besser als der Männer und Rosse Kraft dünkt ihm »unsere Weisheit«.
Worin besteht nun diese »Weisheit«, mit anderen Worten seine Lehre? Leider sind von seiner Schrift »Ueber die Natur« nur ziemlich dürftige und lückenhafte Bruchstücke erhalten. Danach dachte er sich die Gestirne als feurige Wolken und die Gottheit kugelförmig; was nicht so seltsam mehr klingt, wenn wir für »Gottheit« Weltall einsetzen. Als wichtigster Weltstoff gilt ihm nicht mehr, wie den Milesiern und Heraklit, Wasser, Luft und Feuer, sondern die feste Erde, aus der alles entsteht, und zu der alles wieder wird.
Allein Xenophanes scheint überhaupt nicht von der Naturwissenschaft, sondern von der Poesie und dem religiösen Denken her zur Philosophie gekommen zu sein. Den zahlreichen Göttern des Volksglaubens stellt er, an Altindien und Altisrael gemahnend, den einen höchsten Gott gegenüber, »unter Göttern und Menschen den größten, weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Gedanken«. Er »sieht ganz, denkt ganz, hört ganz«, ist also ganz Auge, Ohr und Geist und »bewältigt sonder Mühe alles durch Geisteskraft«. Xenophanes bekennt sich mithin, Wohl zum ersten Male unter den Griechen, als strengen Monotheisten, wenn er auch noch gelegentlich seiner Hörer und Leser wegen, ähnlich wie später Sokrates, die Mehrzahl »Götter« gebraucht.
Aber nun wird dieser Monotheismus (Glaube an einen Gott) pantheistisch gewandt. Denn diese seine Gottheit wird weiter von ihm geschildert als »immer im selbigen bleibend, unbeweglich«, der es »nicht gezieme, bald hierhin, bald dorthin zu wandeln«. Kurz, sie ist eines und alles (griechisch: hen kai pan), also von dem Weltall nicht abgesondert zu denken. »Auf das All hinblickend, nannte er das Eine der Gottheit«, erklärt Aristoteles von ihm und bezeichnet ihn als den ersten Einheitslehrer – heute sagt man »Monisten« (vgl. Einführungsband, Abschn. II B, 13) – unter den eleatischen Philosophen. Ob Xenophanes sich die Einheit bereits begrifflich, wie sein Nachfolger Parmenides, oder mehr stofflich, wie später Melissos (beide s. unten), gedacht hat, läßt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Jedenfalls war sein Grundgedanke, die Welt (den »Kosmos«) überhaupt als Einheit aufzufassen, ein wichtiger Fortschritt in der Entwickelung der griechischen Philosophie. Damit trat dem Gedanken des ewigen Werdens (Heraklit) der von dem letzteren trotzdem schon vorbereitete Gedanke eines bei allem Wechsel beharrenden Seins gegenüber.
Vielleicht war diese Einheit von unserem Dichter-Philosophen erst mehr geahnt und geschaut als logisch durchdacht. Und wie er selbst einmal singt – denn alles uns von Xenophanes Ueberlieferte trägt dichterische Form –:
»Nicht von Anfang an haben die Götter den Sterblichen alles (Verborgene) gezeigt,
Sondern mit der Zeit finden sie durch Suchen das Bessere,«
so sollte auch seine Lehre erst ausgebaut und vollendet werden durch seinen Nachfolger, das eigentliche Haupt der Schule von Elea:
Seine Lebenszeit ist unsicher. Man setzt seine Geburt mit Wahrscheinlichkeit um das Jahr 540 v. Chr.; denn der platonische Dialog, der seinen Namen trägt und ihn als beträchtlich jünger betrachtet, tut dies nur, um ihn noch mit Sokrates (geboren 470) zu einer philosophischen Auseinandersetzung zusammenbringen zu können. Auch von seinem Leben weiß man kaum etwas anderes, als daß er seinen Mitbürgern Gesetze gegeben haben soll. Einstimmig war die Nachwelt in der Verehrung seiner edlen Persönlichkeit. Seine Lebensführung setzte man der des noch berühmteren Pythagoras (f. Kap. 4) zur Seite. Plato nennt ihn »den Großen«, »ebenso ehrwürdig wie erhaben«, von einer edlen Tiefe«.
Um so deutlicher steht seine Lehre vor uns, da von seinem Lehrgedicht »Ueber die Natur« im ganzen 154, meist unter sich zusammenhängende, Verse, im gleichmäßigen Fortlauf des uns allein durch Homer oder Goethes' Hermann und Dorothea und Reineke Fuchs bekannten, epischen (erzählenden) Hexameters erhalten sind. Ein echter Dichter wie Xenophanes, dessen eines Gedicht uns recht anschaulich in die Stimmung von einem einfach-heiteren Festmahl hineinführt, ist Parmenides freilich nicht. Die Rosse, die ihn hoch in den lichten Aether zu dem Heiligtum der »Göttin« emportragen, erscheinen ebenso schemenhaft wie die Sonnentöchter, die ihnen den Weg zeigen. Dieser Göttin, offenbar dem Sinnbild der Wahrheit und der Gerechtigkeit, legt er nun seine Lehre in den Mund. »Alles« will sie ihm verkünden, sowohl »der wohlgerundeten Wahrheit unerschütterliches Herz«, als »der Sterblichen Wahngedanken, denen keine zuverlässige Wahrheit innewohnt«. Danach zerfällt seine Philosophie in zwei grundsätzlich voneinander geschiedene Teile:
1. die Lehre von der Wahrheit oder dem Sein ( Seienden),
2. die Lehre von der Welt des Scheins.
A. Die Lehre vom Sein
In offenbarem Gegensatz zu Heraklits Satz vom ewigen unaufhörlichen Werden aller Dinge, kehrt Parmenides die andere, ebenso berechtigte Betrachtungsweise, sozusagen die Kehrseite der Münze hervor und verkündet laut und immer von neuem: das in allem Wechsel beharrende Sein. Die Sinne freilich, »das unbedachtsame Auge, das tönende Gehör und die Zunge« und die »vielerfahrene Gewohnheit« spiegeln uns Vielheit und Veränderlichkeit der Dinge vor. Aber von diesem Wege soll man sich fern halten, vielmehr allein dem Denken vertrauen. Das Denken aber lehrt uns, daß bloß das Sein ist, weil das Nichtseiende (oder Werdende) unmöglich »sein« kann. Nur unwissende, »doppelköpfige« Menschen, stumpf und blind zugleich, urteilslose Gesellen, wie mit der Derbheit aller ursprünglichen Polemik (schriftstellerischen Streites) und deutlicher Beziehung auf den nicht mit Namen genannten Heraklit ausgeführt wird, können Sein und Nichtsein für dasselbe erklären und für alles einen »Gegenweg« behaupten. Nur ein Seiendes jedoch kann gedacht werden. Ja, unser Denker erhebt sich zu dem kühnen Satze: Einunddasselbe ist Denken und das Sein dessen, was man denkt. Denn »ohne das Seiende, in dem es sich ausspricht, kannst Du das Denken nicht finden«.
Freilich, ganz von der dem Griechen angeborenen sinnlichen Anschauung des Gedachten kann sich auch dieser so weit in der Abstraktion (Fernhaltung der Anschauung) vorgedrungene Eleate nicht loslösen. Auf dies reine Sein oder Denken – womit das Sein im letzten Grund als bloßer Gedanke gefaßt wird und nur als solcher Berechtigung hat, wie es im Altertum vielleicht Plato, in der Neuzeit vor allem Kant und Hegel erfaßt haben – werden dann dieselben Eigenschaften übertragen, welche die vorangegangenen Philosophen (Thales usw.) von ihren »Urgründen« ausgesagt hatten. Es heißt »ungeboren und unvergänglich, ganz, eingeschlechtige unerschütterlich und ohne Ende«. Es »war auch niemals und wird nicht sein, da es als ein zugleich seiendes Ganzes nur jetzt und als ein Einziges, Zusammenhängendes existiert«. Wir haben also hier durchaus, nur noch schärfer logisch begründet, des Xenophanes »Eines und Alles« vor uns. Es heißt weiter unteilbar und allgegenwärtig, überall sich selbst gleich, in sich abgeschlossen und vollendet ( räumlich, also anscheinend nicht unendlich!), »der Masse einer wohlgerundeten, von der Mitte aus nach allen Seiten hin gleich starken Kugel vergleichbar«.
So stark herrscht in diesem griechischen Denker das reine Denken vor, daß die wenigen Seiten, auf die sich die von ihm erhaltenen Bruchstücke zusammendrängen lassen, ganz erfüllt sind, ja geradezu strotzen von Ausdrücken geistiger Tätigkeit (zwischen 70 und 80 solcher Bezeichnungen hat Joël in ihnen gefunden!). Trotzdem stellt nun Parmenides dieser von ihm doch als allein wahr und unerschütterlich betrachteten Lehre vom Sein gegenüber
B. die Lehre vom Schein
Wie er dazu gekommen ist, können wir, bei der Mangelhaftigkeit der Ueberlieferung, wieder einmal nicht mit Sicherheit feststellen. Offenbar klaffte ja ein radikaler Widerspruch zwischen seinem einen, unteilbaren Sein und der vielgestaltigen Welt der Wirklichkeit, die jeder von uns mit Augen sieht. Und so folgt denn auf seine Seinslehre eine Art bedingungsweiser Naturphilosophie, die er jedoch von vornherein als bloße »Worte der Meinung« nicht von der Göttin der Wahrheit, sondern aus dem Wähnen der Sterblichen stammend charakterisiert. Mit diesen »Sterblichen« hat er offenbar seine philosophischen Vorgänger und Zeitgenossen im Auge; denn manches daran erinnert an Anaximandros und den von ihm bekämpften Heraklit, einzelnes auch an Pythagoras.
An den Anfang der Dinge in dieser irdischen oder Scheinwelt setzt er nicht einen, sondern sofort zwei Urstoffe. Eine schwere, dichte, dunkle Masse, aus der die Erde, und eine leichte, äthergleiche, feurige und lichte, aus der die diese Erde umgebende Himmelskugel entstanden ist. Die Mischung der Gegensätze wird durch die alles lenkende Gottheit bewirkt, die als ersten von allen Göttern den Eros (Liebestrieb) schuf. Von der dann folgenden Weiterentwickelung der Welt, zuerst der Sternenwelt (Erde, Sonne, Mond, Aether, himmlische Milchstraße), von denen der Mond sein Licht durch die Sonne empfängt, bis zur Entstehung der beiden menschlichen Geschlechter sind uns leider nur einzelne zerstreute Verse erhalten. Wie das Weltall, so ist auch des Menschen Sinn aus beiden Urstoffen, dem dunklen und dem feurigen, lichten, gemischt, doch so, daß das letztere, d. i. das Geistige, überwiegt.
Parmenides' Art, soweit sie in den von ihm erhaltenen Bruchstücken hervortritt, hat etwas Gebieterisches, man könnte beinahe sagen: das Gebaren eines absoluten (unumschränkten) Herrschers, an sich, ähnlich wie wir es in der deutschen Philosophie bei Fichte wiederfinden. Hieran und an der rein begrifflichen Art seines Denkens lag es, daß er Schule machen konnte. So setzte sich seine Lehre in der Schule der Eleaten, d. h. derer von Elea, fort. Die bedeutendsten von ihnen sind Zenon und Melissos.
(etwa 490-430)
gehört nicht nur seiner Lebenszeit, sondern auch seiner Art nach schon ganz dem aufklärerischen fünften Jahrhundert an. Er schreibt nicht bloß schon in Prosa, sondern er ist auch bereits in allen Künsten der Dialektik, d. h. der im Gespräch erfolgenden scharfsinnigen logischen Beweisführung, so erfahren, daß er von Aristoteles als deren Erfinder, von Plato als der eleatische »Palamedes« (Tausendkünstler) bezeichnet wird. So sucht er denn auch den Beweis für die Einheitslehre feines Meisters, den er begeistert liebte, und für dessen politische Ueberzeugung er sogar, nach einem verunglückten Unternehmen gegen einen Tyrannen, standhaft in einen martervollen Tod gegangen sein soll, indirekt (mittelbar) zu führen: indem er die dessen Lehre vom einen und ruhenden Sein entgegengesetzte Annahme des Vielen und der Bewegung als in sich widerspruchsvoll darzutun suchte. Berühmt waren schon im Altertum die vier Aporien, d. i. Verlegenheiten, in die sich nach Zenon jeder verstrickt, der sich in physikalischen Dingen auf die bloße Sinnenwahrnehmung verläßt.
Die erste besagt: Wenn ein jedes Ding sich an einem Orte oder überhaupt im Raume befindet, so muß dieser Raum (Ort) wieder in einem zweiten Raume liegen, der zweite in einem dritten, usw., bis ins unendliche. Die Bewegung also kann nirgends ihren Anfang nehmen. – Aber sie kann zweitens auch nicht enden: Achilleus, das schnellfüßigste, und die Schildkröte, eins der langsamsten aller Lebewesen, veranstalten einen Wettlauf. Er gibt ihr einen Vorsprung, denn er läuft ja, sagen wir, zehnmal so schnell als sie. Aber während er das Ende, des sagen wir: einen Meter betragenden Vorsprungs erreicht hat, ist sie unterdessen 1/10 Meter weitergekrochen; während er diesen Dezimeter zurücklegt, ist sie einen Zentimeter weitergekommen usw. Er kann sie also nie einholen! – Drittens: der von der Sehne geschnellte fliegende Pfeil ruht in Wahrheit. Denn er nimmt in jedem Augenblick einen bestimmten Raum ein, ruht mithin während der ganzen Zeit seiner scheinbaren Bewegung. – Die vierte »Aporie« läßt sich mit wenigen Worten nicht klar machen. Statt dessen wählen wir ein anderes, anschaulicheres von Zenons Beispielen: Wenn ich ein Hirsekorn zu Boden fallen lasse, so vernehme ich keinen Laut, ebensowenig bei dem Fall eines zweiten, dritten usw. bis zum zehntausendsten, das der Sack in sich trug. Schütte ich aber alle zehntausend Körner auf einmal aus, so entsteht ein starkes Geräusch. Zehntausend Nullen erzielen also, zusammengenommen, in diesem Fall eine deutlich wahrnehmbare Größe. Wer hat recht in allen diesen Fällen: die Sinne oder der mathematische Verstand?
Zenons Beweise lösen die gestellten Probleme nicht. Sie wollten sie vielleicht auch nicht einmal lösen, sondern nur die Schwierigkeiten der ihm entgegengesetzten Anschauung nachweisen. Wir wissen auch nicht, ob sie die Entwickelung der Philosophie, etwa die Sophistik (s. Kap. 8), unmittelbar beeinflußt haben. Eindruck haben sie jedenfalls, wie wir bereits sahen, auf die beiden größten griechischen Denker, Plato und Aristoteles, gemacht; und auch später noch die bedeutendsten Köpfe des mathematischen Jahrhunderts (des siebzehnten): Bayle, Spinoza, Leibniz, im neunzehnten noch Hegel und Herbart angezogen. Und in der Tat, sie haben wichtigste mathematisch-physikalische Begriffe: die der Ruhe, des Vorsprungs, des Zeitmoments, des Unendlich-Kleinen mindestens zur, wie es scheint, ersten ernsten wissenschaftlichen Erörterung unter den Denkern des Abendlandes gebracht. Mit
dem letzten »Eleaten«, obwohl er eigentlich, wie Pythagoras, auf der Insel Samos zu Hause war und in der Nähe dieser seiner Heimat (441) eine athenische Flotte geschlagen hat, kehren wir wieder mehr in den Gesichtskreis der ihm ja stammverwandten jonischen Philosophen zurück. Er erweiterte des Parmenides Lehre nach der Richtung, daß er nicht bloß die zeitliche, sondern auch die räumliche Unendlichkeit des einen Seienden behauptete und aus ebendiesem Grunde auch die Möglichkeit eines leeren Raumes leugnete. Ob er mit seiner Berücksichtigung des letzteren die Atomistiker (s. Kap. 7) angeregt hat, wie Natorp, oder bereits durch sie angeregt worden ist, wie Zeller meint, ist ungewiß. Im übrigen ist sein Eines nicht bloß völlig unveränderlich, sondern auch vollkommen gleichartig, auch weder dicht noch dünn. Es besitzt auch keine Empfindung, weder für Lust noch Schmerz. Das alles würde seiner vollkommenen Einheit, Gleichmäßigkeit und Unbeweglichkeit widersprechen. Diese Ausdehnung aus das Gefühl erinnert ganz an die alten und modernen Weisen der indischen Veda-Religion. Für sie gebiert nur die Trennung zwischen den Menschen, Geschlechtern, Dingen überhaupt alles Leid; für den dagegen, der die Einheit der Welt durchschaut, gibt es nur leidlose Seligkeit.
Natürlich weiß auch Melissas, daß »das Warme kalt, das Kalte warm, das Harte weich, das Weiche hart wird, daß das Lebende stirbt, aus dem Nichtlebenden Leben entsteht«, daß das festeste Eisen sich zuletzt abreibt, während aus dem Wasser Erde, ja Stein wird. Dieser Anschein einer Vielheit veränderlicher Dinge ist aber eben trügerisch. Denn wären sie wahrhaft und wirklich, so wären sie auch ebenso unveränderlich, wie »das Eine«.
Jede neue geistige Entdeckung oder Methode, sei es aus wissenschaftlichem oder künstlerischem, politischem oder technischem Gebiete, neigt anfangs zu Einseitigkeit und Uebertreibung. So die Eleaten mit ihrem unveränderlichen Sein, so Heraklit mit dessen Bestreitung. Aber beide vertreten einen unentbehrlichen philosophischen Gesichtspunkt von gewaltiger Fruchtbarkeit. In Heraklits Werden keimt alles entwickelungsgeschichtliche Denken, das von Aristoteles bis Darwin und Spencer Wissenschaft und Philosophie befruchtet hat; und in dem eleatischen Sein liegt der Gedanke der in allem Wechsel beharrenden Substanz, der von ihr ebensowenig entbehrt werden kann. Ein neues nicht-sinnliches Prinzip sollte durch Pythagoras in die philosophische Gedankenwelt eintreten: das Prinzip der Zahl.