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Kapitel VII.
Demokrit und der Atomismus

A. Leben, Persönlichkeit, Verhältnis zu Leukipp

Der Atomismus stellt die fortgeschrittenste Form antiker Naturwissenschaft dar. Als seine Begründer werden von Aristoteles zwei Männer genannt: Leukipp(os) und sein Genosse Demokrit(os) von Abdera. Aber von dem ersteren ( Leukippos) ist fast nichts anderes mit Sicherheit bekannt, als daß er eben der um ein Menschenalter ältere Vorgänger Demokrits gewesen sei, eine »Große Weltordnung« sowie eine Schrift »Vom Geist« geschrieben habe. Schon die verschiedenen Angaben über seine Heimat: Milet, Elea und Abdera, scheinen mehr auf die Verwandtschaft seiner Philosophie mit der milesischen, eleatischen und demokritischen Denkrichtung als auf seine wirkliche Geburtsstadt hinzudeuten. Da er die Eleaten Parmenides und Zenon gehört haben soll, ist er vielleicht als Bindeglied zwischen ihnen und Demokrit zu betrachten. Schon zu Epikurs Zeiten (um 300 v. Chr.) waren seine Schriften in diejenigen Demokrits übergegangen, und so ist neuerdings von Erwin Rohde, der durch seinen Freund Nietzsche dazu angeregt war, überhaupt seine Existenz bezweifelt worden. Diels, der sie bejaht, meint aus der »Großen Weltordnung« wenigstens eine Anzahl atomistischer Fachausdrücke wie: Atome, Massive, das große Leere, Gestalt, gegenseitige Berührung, Lage, Verflechtung, feststellen zu können. Und aus der Schrift »Vom Geist« den einen, aber um so bedeutsameren Satz: »Kein Ding entsteht ohne Ursache, sondern alles aus einem Grunde und unter dem Drucke der Notwendigkeit.« Wie dem nun auch sein mag, wir lassen die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz des Leukippos dahingestellt und behandeln im folgenden bloß Demokrit, ohne uns um dessen vollständige oder nicht ganz vollständige Ursprünglichkeit Gedanken zu machen.

Demokrit (griechisch Demokritos, lateinisch Democritus) stammte aus dem an der Südküste Thrakiens, also an der Nordküste des ägäischen Meeres gelegenen, einst von jonischen Siedlern gegründeten Abdera, das damals noch nicht in den Ruf der griechischen Schildbürgerstadt, wie Wielands bekannter Roman »Die Abderiten« sie uns schildert, gekommen war. Er gehört also demselben realistischen Nordgriechentum an, wie der Geschichtsschreiber Thukydides und der Philosoph Aristoteles, dem er an Vielseitigkeit gleichkam, und der ihn auch seinerseits mit großer Achtung nennt. Abdera war eine reiche Handelsstadt, gegenüber der durch ihre Goldbergwerke bekannten Insel Thasos gelegen. So paßte allerdings der still für sich lebende Gelehrte, der hinter einem Turm der Stadtmauer unter einer schattigen Platane mitten unter Schriftrollen und von ihm sezierten Tierleibern, auf seinem Knie schreibend geschildert wird, wohl wenig zu seinen den Handelsgeschäften ergebenen Mitbürgern, die deshalb auch einmal den berühmten Arzt Hippokrates zur Beobachtung seines Geisteszustandes herbeigerufen haben sollen, der ihn dann in jener Situation angetroffen, ihn aber für völlig gesund erklärt hätte und fortan in schriftlich fortgesetztem Verkehr mit ihm lebte. Uebrigens suchte sich der anscheinend vermögende Denker durch große Reisen weiterzubilden. »Ich bin von meinen Zeitgenossen am weitesten aus der Erde herumgekommen, habe die weitgehendste Forschung getrieben, die meisten Himmelsstriche und Länder gesehen und die meisten Gelehrten gehört; und in der Zusammensetzung der Linien mit Beweis« – also der Geometrie – »hat mich noch keiner übertroffen, auch nicht die sogenannten ägyptischen Seilknüpfer (d. h. Landmesser); mit diesen bin ich fünf Jahre in fremdem Lande zusammen gewesen.« Nur der neue Geist Athens blieb ihm fremd, oder er ihm. »Ich kam nach Athen, und – keiner kannte mich!« Zurückgekehrt, führte er in seiner Vaterstadt, die reichen Saatfelder wie die ruhige oder bewegte See vor Augen (beides gebraucht er zu Bildern), ein stilles, allen möglichen Wissensgebieten, besonders aber der Naturwissenschaft gewidmetes Forscherleben.

Seine Geburt fällt wahrscheinlich in die Jahre 470 bis 460. Er war also ein Altersgenosse des ihm unbekannt gebliebenen und so ganz anders gearteten Sokrates, den er vermutlich um zwei bis drei Jahrzehnte überlebt hat. Denn erst im hohen Alter von neunzig oder hundert Jahren soll er, schmerzlos und sanft, aus dem Leben geschieden sein.

Für seinen wissenschaftlichen Drang zeugt der von ihm überlieferte Ausspruch: für eine einzige »Aetiologie«, d. h. Angabe eines wissenschaftlichen Grundes, würde er das ganze Perserreich – damals das größte Reich der Welt – dahingeben. Indes blieb er durchaus kein weltfremder Grübler. Sein Blick war für die ganze Welt offen. Die sechzig Schriften, die das Altertum ihm zuschrieb, handelten von allen möglichen Gebieten: Mathematik und Naturwissenschaft, Ethik und Aesthetik, Grammatik und Technik, Politik und Kriegskunst; aber auch von so realen Dingen wie Ackerbau, Weinbergen und Gartenmauern. Sein Stil wird von Cicero demjenigen Platos gleichgestellt. Auffallend ist, daß dieser letztere niemals Demokrits Namen nennt, wenn er ihn auch an mehreren Stellen anscheinend im Auge hat. Aristoteles dagegen, obwohl gleichfalls sein Gegner, erwähnt ihn beinahe achtzigmal. Demokrit selbst kennt und nennt Pythagoras, Parmenides, Zenon und Anaxagoras, von den Sophisten seinen Landsmann Protagoras. Im übrigen trennte ihn von den Sophisten wohl schon seine Gesinnung: »Wer gern widerspricht und viel Worte macht, ist unfähig, etwas Rechtes zu lernen«; von Sokrates außerdem vermutlich schon der Gegensatz der philosophischen Interessen, die bei ihm (Demokrit) in erster Linie der Naturphilosophie zugewandt blieben.

Zahlreiche Anekdoten haben sich im späteren Altertum an seinen Namen geheftet. Der Beiname des »lachenden Philosophen«, der ihm das ganze Mittelalter hindurch bis tief in das neunzehnte Jahrhundert erhalten blieb, scheint für den freilich gemütsheiteren (s. unten seine Ethik!), aber doch ernsten Denker ebensowenig zu passen, wie der dem Heraklit beigelegte des »weinenden Philosophen«, der höchstens in dessen Pessimismus einigen Grund hätte. Und ebensowenig trifft der Vorwurf der Vielwisserei aus den Mann zu, der allerdings die vielseitigsten Kenntnisse auf allen Gebieten besaß, aber dennoch nicht in ihnen, sondern in der Fülle des Verstandes das einzig Erstrebenswerte erblickte.

Aus seinen Schriften sind zwar etwa dreihundert Fragmente, aber leider eben nur, meist sehr kurze, Fragmente erhalten, deren interessanter Inhalt den Verlust der Gesamtmasse um so mehr bedauern läßt. Wir verfahren in der Reihenfolge, daß wir zuerst die ihm (und seinem Lehrer Leukipp) eigentümliche Lehre von den Atomen wiedergeben, sodann seine Erkenntnislehre und Psychologie beleuchten, und zuletzt seine in besonders zahlreichen Sätzen erhaltene Ethik schildern.

B. Naturphilosophie:
Lehre von den Atomen und dem Leeren

Mit den Eleaten – man denke an das, was wir von Leukipp gehört haben – halten die Atomisten fest an dem in allem Wechsel beharrenden Sein und leugnen, wie Empedokles und Anaxagoras, die Möglichkeit von Entstehen und Vergehen. Aber sie zerschlagen, gleich Anaxagoras, dies Seiende in zahllose kleinste Körperchen, die nicht mehr weiter teilbar sind, daher Atome (= Unteilbare) genannt werden. Aber es sind nicht, wie bei Anaxagoras, unendlich viele »Samen«, qualitativ, d. i. nach sinnlichen Eigenschaften, sondern sie sind rein mathematisch, bloß nach Lage, Gestalt und Größe bestimmt; ihre Größe übrigens bei ihrer unendlichen Kleinheit nicht mehr mit den Sinnen wahrnehmbar, so daß sie eben nur angenommen werden, um die Mannigfaltigkeit des Seienden erklären zu können. Ihnen, die auch Formen (Schemate) oder Gestalten (Ideen) heißen, werden dann alle die Eigenschaften beigelegt, welche die Eleaten ihrem einen Seienden zugeschrieben hatten: ungeworden, unvergänglich, unveränderlich; dazu voll und körperlich. Auffällig ist die Menge negativer Beiwörter.

Damit kommen wir zu einem neuen physikalischen Begriff, der hier zum ersten Male eine wichtige Rolle spielt: dem des Leeren. Damit nämlich die Bewegung der Atome überhaupt vor sich gehen kann, wird neben den »vollen«, körperhaften Atomen ein leerer Raum angenommen, durch den sie sich von Ewigkeit her bewegen. Das wird auch durch die Erfahrung bewiesen: ein mit Asche gefülltes Gefäß vermag noch ebensoviel Wasser aufzunehmen. offenbar (sagt Demokrit) in die leeren Zwischenräume. Ebenso erfolgt das Wachstum eines pflanzlichen oder tierischen bzw. menschlichen Körpers, indem die Nahrung in die leeren Räume, nämlich die Poren des Körpers eintritt. Eine bestimmte Bewegungsrichtung, etwa infolge ihrer Schwere, scheint Demokrit den Atomen noch nicht beigelegt zu haben. Das tat erst sein späterer Anhänger Epikur, um den Atomismus gegen aristotelische Einwände zu verteidigen. (Nebenbei bemerkt: »Die Differenz der demokritischen und epikurischen Naturphilosophie« hat kein Geringerer als Karl Marx zum Thema seiner 1841 in Jena eingereichten Doktor-Dissertation gewählt.)

Die Weltbildung vollzieht sich bei unserem Atomisten streng mechanisch, ohne Beihilfe irgendeines »Geistes« (Nus) wie bei Anaxagoras. Durch das gegenseitige An- und Abprallen der Atome entstanden allerlei Seiten-, Kreis- und Wirbelbewegungen, wobei sich die leichteren Teilchen nach außen, die schwereren und größeren nach innen zusammenschlossen. Aus den zur Mitte sich niedersenkenden schwereren Atomen bildete sich unsere Erde, aus den emporsteigenden leichteren Himmel, Feuer und Luft. Die aus diesen dreien sich ausscheidenden dichteren Massen wurden durch ihre schnelle Bewegung glühend und zu Gestirnen (Anaxagoras). Natürlich bildeten sich auch ganze Atomketten und Komplexe (Zusammensetzungen) von Atomen, als Keime zahlloser neuer Welten, die sich zusammenballen und wieder auflösen. Gleiches gesellt sich dabei schon hier zu Gleichem, wie es später bei den Lebewesen (z. B. Tauben, Kranichen) und leblosen Dingen (z. B. Samen, Steinen) geschieht. »Dort nämlich ordnet sich, durch das Wirbeln des Siebes sich sondernd, Linse zu Linse, Gerste zu Gerste, Weizen zu Weizen; hier werden durch den Wogenschlag die länglichen Steine zu den länglichen gerollt, die runden zu den runden, als ob die Aehnlichkeit der Dinge hierin eine gewisse Vereinigungskraft besäße.«

Die Atome, welche die Seele zusammensetzen, sind die feinsten und beweglichsten, rund und glatt, wie die Atome des Feuers, da ja nur das Leben den Leib durchwärmt.

Die Bedeutung der Atomenlehre im ganzen, deren Geschichte Kurd Laßwitz in einem besonderen zweibändigen Werke, wenigstens vom Mittelalter bis zu Newton, dargestellt hat, für die Fortbildung der modernen Naturwissenschaft ist in wenigen Worten nicht zu erschöpfen. »Aus der Atomistik,« so faßte F. A. Lange 1875 in seiner trefflichen Geschichte des Materialismus das Ergebnis zusammen, »erklären wir heute die Gesetze des Schalles, des Lichtes, der Wärme, die chemischen und physikalischen Veränderungen in weitestem Umfange.« Und mag seitdem auch die neue Elektronen-Theorie den Begriff des Atoms verändert oder gar zersetzt haben, seine historische wie systematische Bedeutung bleibt dadurch ungeschmälert.

Die Atomenlehre, auch wenn sie nur eine »Hypothese«, d. h. wissenschaftliche Grundannahme, darstellt, gibt ein durchaus mechanisches Weltbild, das die Welt aus kleinsten Bestandteilchen von unten auf bis zu ihren mächtigsten und feinsten Zusammenhängen aufbaut. Aus der Welt der Atome ist aller Zufall, jede etwa hinter ihnen stehende, nach bewußten Zwecken handelnde Gottheit ausgeschlossen. Das sahen wir schon aus dem zu Anfang unseres Kapitels erwähnten Satze Leukipps; der gleichen Ansicht ist Demokrit, wenn er sagt: »Die Menschen haben sich zur Beschönigung für ihre eigene Unvernunft ein Trugbild des Zufalls erdichtet; denn von Natur streitet Zufall mit Einsicht.« Allein ist deshalb Demokrit, wie man es auch heute noch oft aussprechen hört, reiner Materialist?

C. Erkenntniskritisches und Psychologisches

Auf diese Frage kann man mit »Ja« oder »Nein« antworten. Mit »Ja«, insofern die gesamte Welt als körperlich aufgefaßt wird und die sie zusammensetzenden Atome kleinste, wenn auch unsichtbare, Teilchen des Stoffes bilden. Mit »Nein«, insofern diese Atome doch eben nur eine von uns selbst zum Zwecke des wissenschaftlichen Begreifens der Körperwelt erdachte, sinnlich gar nicht wahrnehmbare, ja auch nur faßbare Größe darstellen. Dazu kommt, daß der Begriff des Leeren erst recht nur eine gedankliche, mit den Sinnen nicht erfaßbare Notwendigkeit bildet. Beide werden von Demokrit in der deutlichsten Form als solche wissenschaftliche Notwendigkeiten hingestellt in Sätzen wie: »In Wahrheit sind die Atome und das Leere«. Und: »Das Nichts existiert ebenso gut als das Ichts«, das Nicht-Seiende wie das Seiende.

Damit wird zum ersten Male in der Geschichte des menschlichen Denkens gegenüber dem naiven Materialismus des sinnlich denkenden Menschen, der nur ein körperlich wahrnehmbares Dasein zu fassen vermag, in dem Leeren und den sinnlich nicht wahrnehmbaren Atomen ein unstoffliches Sein in rein wissenschaftlichem Sinne gedacht. Das ist nicht mehr Materialismus, das ist der logische Idealismus der Wissenschaft, der sich sonst im Altertum so deutlich nur bei dem Begründer des Idealismus überhaupt, dem großen Plato, findet. Dazu stimmt die Bemerkung des Skeptikers Sextus Empirikus (um 200 nach Christus): »Die Anhänger des Plato und des Demokrit nahmen an, daß allein die Gedankendinge wahr seien.«

Dazu stimmt weiter, daß Demokrit ausdrücklich die Relativität (Bedingtheit) aller Sinnenerkenntnis betont und als » echte« oder »vollbürtige« Erkenntnis nur diejenige des Verstandes anerkennt. Der »Satzung« oder herrschenden Meinung nach gibt es Süß und Sauer, Warm und Kalt, Rot und Grün. »An sich« dagegen ist nur die reine Form (Schema) oder das Atom, »das Süße aber und das sinnlich Wahrnehmbare überhaupt bloß ein Verhältnis zu einem anderen«, also durchaus relativ. Zur »unechten« oder »dunklen« Erkenntnis (der Sinne) gehört alles Sehen, Hören, Riechen, Kosten und Tasten. Die echte aber geht auf das »eigentlich« Seiende, d. i. die Atome und das Leere.

Zuweilen versteigt sich Demokrit sogar zu recht skeptischen (zweifelnden) Sätzen, wie: daß wir »in Wahrheit nichts wissen«, daß der Mensch von der Erkenntnis der »Wirklichkeit« fern ist, daß die Wahrheit verborgen »in der Tiefe« ruht. Daß er jedoch nicht bei solchem skeptischem Standpunkt stehen blieb, geht schon aus seiner gut bezeugten Gegnerschaft gegen den Sophisten Protagoras (s. Kap. IX) hervor. Auch spricht er der Sinnlichkeit eine beschränkte Gültigkeit durchaus nicht ab und leugnet die Welt der Erscheinungen keineswegs; er will sie nur mit den Mitteln des begrifflichen Denkens erklären. Eben dadurch aber hat er den Keim zum modernen naturwissenschaftlichen Denken gelegt.

Auf dem psychologischen Gebiete dagegen denkt er, wie alle bisherigen Philosophen, noch ganz physiologisch-materialistisch, d. h. das Seelische aus dem Körperlichen und Stofflichen herleitend. Die »Seele« besteht nur aus feineren Atomen, die durch den ganzen Körper verteilt sind und durch das Atmen eingesogen und zurückgehalten werden. Scharfer Geschmack wird durch scharf zugespitzte, süßer durch runde und nicht zu kleine Atome erregt usw. Die Sinneseindrücke entstehen, wie bei Empedokles, durch »Ausflüsse« der Dinge, die als deren »Bilder« in dazu passende Oeffnungen der Sinnesorgane eindringen. Alles Wahrnehmen ist im letzten Grunde ein Tasten.

D. Ethisches

Unter den auf uns gekommenen dreihundert Fragmenten Demokrits sind nicht weniger als 230, also über drei Viertel, sittlichen Inhalts, während doch das Hauptinteresse unseres Denkers auf die Naturwissenschaft gerichtet ist und seine Hauptleistung auf diesem Gebiete liegt. Woher kommt das? Aeußerlich betrachtet, wohl daher, daß sich in mehreren Handschriften gerade eine Zusammenstellung von ethischen Aussprüchen unter dem Titel »Goldene Sprüche des Philosophen Demokrates« (so!) erhalten hat, die vermutlich auch einer ähnlichen Sammlung Epikurs zum Vorbild diente. Innerlich aber hat diese Tatsache ihren Grund in der Trefflichkeit ihres Inhalts. Sie ist zugleich ein Zeugnis dafür, daß auch die Naturphilosophen sich an sich mit ethischen Fragen in weitem Maße beschäftigt haben können, und ferner ein Beweis dafür, daß naturwissenschaftlicher »Materialismus« oder doch mechanische Naturanschauung mit hohem sittlichem Idealismus durchaus gepaart sein kann.

Gewiß, auch die Ethik Demokrits geht von Lust und Unlust des Menschen als dem nächstgegebenen Maßstab seines Handelns aus: »Befriedigung und Unbefriedigtheit sind die Grenzen dessen, was man tun, und was man nicht tun soll.« Und: »Grenze des Zuträglichen und Unzuträglichen sind Befriedigung und Unbefriedigtheit.« Aber »nicht für jede Lust soll man sich entscheiden, sondern nur für die an dem Schönen (= Edlen)«. Ja, er erkennt, daß zwar dem einen dies, dem anderen jenes angenehm ist, daß es aber für alle Menschen nur ein Gutes und Wahres gibt. Das Glück »wohnt nicht im Herdenbesitz noch im Golde«, sondern »Glück und Elend liegen in der Seele«. Allerdings besteht ihm das sittliche Endziel in der »Wohlgemutheit«, aber diese oder die »Wohlbestelltheit« ist nicht einerlei mit der Lust schlechtweg, sondern ist ein Zustand, »in dem die Seele still und ebenmäßig, wie die ruhige See, dahinlebt, von keiner Furcht oder Angst vor Dämonen oder sonst einer Leidenschaft in Aufruhr versetzt«. Auch die Harmonie wird gelegentlich, wie bei den Pythagoreern, als das zu Erstrebende hingestellt, und »wer einen harmonischen Charakter besitzt, der führt auch ein harmonisches, wohlgeordnetes Leben«. Der eigentliche Maßstab des Guten ist, wie bei Sokrates, Einsicht und Vernunft. Weisheit befreit die Seele von den Leidenschaften. Und auf das Wollen, auf die Gesinnung kommt es unserem Griechen des fünften Jahrhunderts schon ebenso, wie Kant, an. Die wahre Heiterkeit der Seele wird dem Menschen durch Maßhalten im Genuß und Gleichmäßigkeit der Lebensführung zuteil. Die sinnlichen Triebe müssen sich beugen unter die Herrschaft von Norm und Gesetz.

Von solcher prinzipiellen Grundlage aus verbreitet sich dann Demokrit über alle Gebiete des privaten und öffentlichen Lebens, über Reichtum und Armut, Wort und Tat, Bildung und Erziehung, Freundschaft und Familie, Aller und Geschlecht, Ehe und Gesellschaft. Wir haben selber vor 28 Jahren die 230 Sprüche, zumal da ihr jonischer Dialekt auch dem Kenner des Griechischen eine gewisse Schwierigkeit bereitet, in verständliches Deutsch übertragen und können uns nicht versagen, von diesen trefflichen Sprüchen, außer den bereits im Vorigen mitgeteilten, noch eine weitere Auswahl zu geben. [In bezug auf Anordnung, Text und Zählung der Fragmente folge ich dabei der vortrefflichen Ausgabe, die mein vor kurzem (17. August 1924) leider der Wissenschaft und der Menschheit zu früh verstorbener philosophischer und persönlicher Freund Paul Natorp, in seinem ›Die Ethika des Demokritos. Texte und Untersuchungen‹ (Marburg 1893) der Wissenschaft gegeben hat. Meine, von Natorp durchgesehene, Uebersetzung ist abgedruckt in der Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 1896, Bd. 107, S. 253-272.]

Ganz christlich klingen Sätze wie: Wer Unrecht tut, ist unseliger, als wer Unrecht leidet (48), und: Gut ist nicht das Nicht-Unrecht-Tun, sondern das nicht einmal Unrechttun-Wollen (38). Gesinnungs-Ethik predigt auch 42: Auch wenn Du allein bist, sage und tue nichts Niedriges, lerne vielmehr, Dich weit mehr als vor anderen vor Dir selbst zu schämen! Und 45: Nicht aus Furcht, sondern um der Pflicht willen soll man sich von Fehlern fernhalten. – Mannhaftigkeit und Vernunft: Mannhaft ist nicht nur, wer die Feinde bezwingt, sondern auch wer seiner Lüste Herr wird (63). Den herrenlosen Schmerz der im Krampf erstarrten Seele banne durch Vernunft! (89). Unvernunft ist es, sich in das Unvermeidliche nicht zu fügen (91). Dem freien Mann ist Freimut eigen, schwierig aber ist die Wahl des richtigen Augenblicks (111). Wagnis ist der Anfang der Tat, Herr des Endes aber das Geschick (126). Mannesmut macht das Unheil gering (129). – Mäßigkeit und Entbehrung: Mäßigkeit erhöht die Freude und läßt die Lust wachsen (56). Wanderschaft lehrt Genügsamkeit der Lebensweise; denn trocken Brot und Strohsack sind die süßeste Arznei für Hunger und Ermüdung (66).

Von Staat und öffentlichem Leben handeln: Eine gute Staatsleitung soll man für das Wichtigste von allem halten … Denn ein gut geleiteter Staat bietet die mächtigste Förderung und alles beruht auf ihm, ist er gerettet, so ist alles gerettet, ist er verloren, so ist alles verloren (134). Die Herrschaft gebührt von Natur dem Ueberlegenen (142). Armut in einer Demokratie ist der gepriesenen Glückseligkeit an einem Fürstenhofe in gleichem Grade vorzuziehen, wie Freiheit der Sklaverei (147). Dem Weisen steht jedes Land offen, denn die Heimat einer edlen Seele ist die ganze Welt (168). – Gegen üblen Reichtum geht: Reichtum, durch üble Tat gewonnen, macht die Schande nur sichtbarer (75). Der ganz dem Geld Ergebene kann nicht wohl redlich sein (73).

Von dem Verhalten zu anderen reden: Freundschaft wird bewirkt durch Gemeinsamkeit der Gesinnung (212). Die Freundschaft eines Verständigen ist mehr wert als die aller Toren (211). Großen Schaden richtet an, wer Unverständige lobt (116). Hochsinnig ist es, die Fehler anderer mit Sanftmut zu ertragen (218). Wer niemand liebt, wird, dünkt mir, auch von keinem wiedergeliebt (208). Sei nicht argwöhnisch gegen jeden, wohl aber bedächtig und vorsichtig (222). Wahrhaft wohltätig ist nicht, wer auf Vergeltung rechnet (226). Wohltaten annehmen soll man, wenn man Aussicht hat, einst bessere Vergeltung zu üben (228). – Von Frauen und Kinderaufziehen scheint Demokrit, nach den Sprüchen 169 bis 182 zu urteilen, nicht allzu viel gehalten zu haben, wie er denn auch gleich Plato und Epikur, Descartes und Malebranche, Hobbes und Locke, Hume und Kant, Schopenhauer und Nietzsche Junggeselle geblieben ist.

Allerlei Sonstiges: Gegen den Zorn anzukämpfen ist schwer, ein vernünftiger Mann aber wird seiner Herr (88). Toren leben, ohne sich des Lebens zu freuen (99). Den frischen Tag beginne mit frischen Gedanken! (121). Die Bildung ist für Glückliche eine Zierde, für Unglückliche eine Zufluchtsstätte (183). Auf hohen Verstand, nicht hohe Gelehrsamkeit soll man es absehen (191). Es werden mehr Menschen durch Uebung tüchtig, als von Natur (193).

Religiöse Sätze finden sich auffallender- oder, wenn man lieber will, bezeichnenderweise gar nicht bei Demokrit, wenn man nicht die gelegentliche Bezeichnung des Edlen als des »Göttlichen« dahin rechnen will. Die Götter des Volksglaubens erscheinen ihm nur als »Dämonen«, die sich durch Traumbilder und sonstige Erscheinungen den Menschen kund zu tun vermögen. Unsterblichkeit wird ihnen ebenso wenig wie den Menschen selbst zugesprochen, vielmehr hält er den Glauben an solche für Wahn: »Einige, die von der Auflösung der sterblichen Natur nichts wissen, der Uebeltaten aber in ihrem Leben sich bewußt sind, bringen ihre ganze Lebenszeit in Verwirrung und Aengsten zu, indem sie sich lügenhafte Märchen über das Leben nach dem Tode vorspiegeln«(92).

*

Demokrit ist einer der größten Philosophen des Altertums gewesen. Wir setzen ihn nur Plato nach und würden ihn vielleicht Aristoteles an Bedeutung gleichstellen, falls wir noch seine Schriften besäßen. Gleichwohl hat er keine Schule gemacht, wenigstens bedeuten die paar »Demokriteer«, die als seine Angehörigen genannt werden, für uns kaum mehr als bloße Namen. Die Philosophie nahm eben, wie wir im letzten Abschnitt des näheren sehen werden, schon zu seinen Lebzeiten einen anderen Lauf: sie ging von den fast zwei Jahrhunderte hindurch vorzugsweise gepflegten naturphilosophischen Interessen zur Philosophie vom Menschen über. So wurden Demokrit und seine Schriften allzufrüh vergessen. Dagegen half auch nichts, daß Epikur, der ihn übrigens verwässerte, und später einzelne Skeptiker auf ihn zurückgingen. Die Zeit war für seine streng mechanische Naturauffassung noch nicht reif. Diese sollte erst nach zwei Jahrtausenden in der modernen Naturwissenschaft, von Kepler und Galilei bis Descartes und Newton, wieder auferstehen. Und selbst die neuen Geister, die auf den antiken Atomismus aufmerksam geworden waren, wie Baco und Gassendi, weisen weniger auf den ihnen kaum bekannten Weisen von Abdera, als auf seine Nachahmer Epikur und den Römer Lukrez hin. Erst in den letzten Jahrzehnten ist Demokrit durch deutsche Gelehrte, wie F. A. Lange und P. Natorp, an die ihm zukommende Stelle gerückt worden.

Wir aber stehen mit Demokrit am Schlusse der ersten, naturphilosophischen Periode der antiken Philosophie. Sie wird abgelöst durch eine geistesphilosophische. Der letzte Naturphilosoph von Bedeutung, eben Demokrit, ist bereits gleichaltrig mit dem großen Geistesphilosophen, Sokrates. Diesem aber geht, sachlich noch mehr als zeitlich, vorauf die sophistische Aufklärung.


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