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2. Loslösung von der Religion

Die älteste Form der Religion ist, wie wir schon in unserer »Einführung« (Abschn. II B, 16) angedeutet haben, soviel bisher bekannt, bei allen Völkern der sogenannte Animismus gewesen, d. h. die Verehrung der auf irgendwelche geheimnisvolle Weise weiter existierenden Seelen ( animae) gestorbener Helden oder Vorfahren, daher auch als »Ahnenkult« (Ahnenverehrung) bezeichnet. Dieser Glaube an Geister und Dämonen, der noch in einem Teile unserer Kinderstuben, ja noch in den Vorstellungen ungezählter Erwachsenen als Gespensterglaube weiter spukt, setzte sich dann fort in dem Glauben daran, daß auch in den Bäumen, Quellen, Flüssen, Bergen usw. solche Geister lebten, die nach Belieben dem Menschen sichtbar werden können und böser oder guter Natur sind: die Elfen, Nixen, Riesen, Zwerge unserer Märchen, die Quell-, Fluß- und Waldnymphen, Satyre, Zyklopen usw. der Alten. Dieselbe Vorstellung wird sodann auch auf die Himmelskörper: Sonne, Mond und Sterne, übertragen; wie die Erde, so untersteht auch der Himmel, das Meer und die Unterwelt göttlichen Wesen, die natürlich mächtiger sind als jene in den Bäumen oder kleinen Gewässern hausenden Geister, die damit zu »Halbgöttern« herabsinken. So entsteht dann jene vielgestaltige Götterwelt, die bei den Griechen, ihrem Volkscharakter entsprechend, größtenteils eine heitere Form trägt, wie sie jedem von uns aus den homerischen Volksepen des 10. oder 9. vorchristlichen Jahrhunderts mehr oder weniger bekannt ist.

Neben dieser heiteren, glänzenden olympischen Götterwelt – olympisch, weil die zwölf höchsten Götter, an ihrer Spitze Vater Zeus, auf dem höchsten griechischen Berge, dem Olymp, ihren Wohnsitz haben –, haben sich jedoch auch dunklere religiöse Gefühle, zusammenhängend mit dem alten Geister- und Ahnenkult, und begründet in dem bangen Grauen vor den unfaßbaren Natur- und Schicksalsmächten, vor dem Schicksal der Seele nach ihrem irdischen Dasein und in der Sehnsucht nach Erlösung und dem Wiedereinswerden mit der Gottheit, erhalten: Gefühle, die weiter gepflegt wurden in allerlei Mysterien oder Geheimdiensten, zu denen nur die »Mysten«, d. h. Eingeweihten, zugelassen wurden. Dahin gehören die düsteren, mit geheimnisvollen, an das christliche Abendmahl erinnernden Zeremonien verbundenen eleusinischen, d. h. in dem getreidereichen Eleusis, zu Ehren der Demeter (»Mutter Erde«) gefeierten Mysterien, dahin aber auch der unter allerlei Orgien (Ausschweifungen) und Ekstasen (Außersichsein) vor sich gehende Dienst des begeisternden Weingottes Dionysos (lateinisch: Bacchus), an dem namentlich auch Frauen, die sogenannten Bacchantinnen oder Mänaden (Rasende), alle Scham und Zucht vergessend, teilnahmen.

Den Gegenpol zu diesem wilden, maßlosen, aus dem Ueberschwang unklaren Gefühls hervorgegangenen, jeder Schranke und jedes Gesetzes spottenden » dionysischen« Trieb in der griechischen Religion und Dichtung, ja Seele überhaupt, bildet, wie wohl zuerst Nietzsche in seiner glänzenden Jugendschrift »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« (1872) tiefer ausgeführt hat, die andere, nach dem griechischen Lichtgott Apollo benannte » apollinische« Seite des griechischen Denkens, die, im schärfsten Gegensatz zu jener »dionysischen« Art, nach Maß, Gesetz, Ordnung und Klarheit verlangt.

Eine Art Versöhnung zwischen beiden Richtungen erstreben ungefähr zur selben Zeit, wo in Milet (s. unten) die erste griechische Philosophie entsteht, die sogenannten Orphiker, genannt nach dem sagenhaften thrakischen Sänger Orpheus, dessen Namen ihre heiligen, erst im ausgehenden Altertum durch die ihnen geistig nahestehenden Neuplatoniker uns zum Teil bekannt gewordenen Schriften an der Spitze trugen: wie es heute scheint, eine festgeschlossene, eine Reihe Gemeinden zählende Sekte mit bestimmtem Gottesdienst, die eine religiöse Durchgeistigung der Welt und des Menschendaseins wollte, und sich auch, wie die alten Weisen Chinas und Indiens, mit den Uranfängen alles Gewordenen aus einem Urgrund beschäftigte. Als solchen nahmen die einen, mystischer, d. i. gefühlsmäßiger Angelegten, irgendein Unentwickeltes: die Nacht, das Chaos, den Himmel oder den unermeßlichen Ozean an, während eine jüngere Richtung, als deren Haupt einer der frühesten griechischen Prosaschreiber, Pherekydes von der Insel Syros (um 550), bezeichnet wird, den ordnenden Zeus, wenn auch zusammen mit Erde und Zeit, an den Beginn aller Dinge setzt.

Aber diese ganze Richtung des griechischen Geistes bleibt doch, um mit Aristoteles, als unserem ältesten und zuverlässigsten Gewährsmann über diese Entwickelung, zu reden, » theologisch«. Zur Philosophie – Aristoteles sagt statt dessen »Physiologie«, d. h. modern wiedergegeben: Naturwissenschaft – wird sie erst, insofern und indem sie sich grundsätzlich und entschieden von aller mythisch-religiösen Betrachtung, die in Pherekydes noch sehr stark ist, befreit, durch Thales von Milet.

Ehe wir jedoch zu diesem Ahnherrn der griechischen Philosophie, wie Aristoteles ihn schon nennt, übergehen, müssen wir erst, wenn auch nur in gedrängter Ueberschau, sehen, wie die sittlichen Anschauungen der alten Griechen bis zu diesem Zeitpunkt, dem Anfange des sechsten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, sich gewandelt hatten.


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