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Die Börse von Flammen umhüllt
Als Trick den gefangenen Stubborn verließ, ging er nach dem Hopfenmarkt, wo er einige seiner Bande zu finden hoffte. Er blieb hier kurze Zeit stehen und betrachtete den brennenden Turm, wobei er mehrmals an die Nase klopfte und endlich murmelte:
»Alle Teufel! Da haben wir ja was Schönes angerichtet. Das ist ein Mordskerl. Ich glaube wahrhaftig, er dirigiert das Feuer nach der Bank hin. Nun, nur zu! Auf die Art werde ich ihn los. Wenn ich nur den Kerl allein aus dem Kessel kriegen könnte. Es geht aber nicht. Ich muß die Bande suchen. Die Idee mit der Bank ist übrigens nicht schlecht«, brummte er im Weitergehen. »Hm, Mister Djal, wahrhaftig, Ihr seid ein Genie. So hätte ein deutscher Spitzbube die Umstände nicht benutzt. Der Kerl müßte bloß eine Bande von tausend Mann haben, er wär' imstande, dann alle Hansestädte auszuräumen. Oh, Störtebeker war nur ein Taschendieb gegen ihn. Aber die Bank, die Bank! Das ist eine sehr gute Idee. Da ist etwas Ordentliches zu holen. Ha, ha, lassen wir Herrn Stubborn ein wenig sitzen, wenn bei der Bank was zu machen ist. Ha, ha, nehmen wir ein Bankkonto, ohne abschreiben zu lassen. Geht's Geschäft mit der Bank, so mag Schwarz den Vogel aus dem Käfig holen. Ich hole die Silberbarren mit meinen Zimmerleuten. Eine Schute voll wird's tun. Ha, ha, und dem Malaien stecken wir ein paar in die Taschen und lassen ihn damit über Bord fallen. So!«
Trick lief überall umher, wo die Gefahr nahe rückte. Er ging in alle Weinlager, die die Flammen bedrohten, nach allen Geschäften, wo sich wertvolle Sachen befanden, ohne einen seiner Freunde zu treffen. Endlich rannte er nach Stubborns Wohnung zurück. Er hatte den verzweifelten Entschluß gefaßt, den Geizhals auf jede Art aus dem Kessel zu treiben, nötigenfalls ein Feuer darunter anzuzünden und die Klappe zu öffnen. Er trug eine Eisenstange in der Hand, die er von der Straße aufgehoben, um ihn damit auf den Kopf zu schlagen, wenn er herauskröche, und war entschlossen, die Sache zum Ende zu führen, mochte es gehen wie es wollte.
Als er an den Rödingsmarkt kam, fand er die Straße niedergebrannt und das Haus zusammengestürzt. Die brennenden Trümmer lagen über dem Schuppen, in dem sich der Kessel befand.
Trick warf die Eisenstange von sich und kehrte mit einem schrecklichen Fluche um. Er nahm seinen Weg nach dem Tiefen Keller und stieg hinab.
Die Höhle bildete einen schauerlichen Gegensatz zu dem Treiben auf der Oberwelt. Die tiefste Stille herrschte hier. Nur der Wirt saß neben seinem Talglicht, das heute keinen Hof im Tabaksnebel bildete. Unter den Tischen lagen verschiedene Gegenstände übereinandergeworfen, die von den Bettlern »gerettet« und einstweilen hier geborgen waren, während unter dem Büfett und in einem Fasse, auf dem der Wirt saß, eine Menge silberner Löffel, Messer und Leuchter hervorglänzten.
»Waren die Zimmerleute nicht hier?«
»Haben verschiedenes gebracht. Aber viel Arbeit heute. Sind gleich wieder fort«, grinste der Wirt.
»Gebt mir etwas. Etwas Starkes und zu essen«, sprach Trick mit heiserer Stimme.
»Was wünschen Sie?« fragte der Wirt dienstfertig.
»Das Beste, was da ist!« rief Trick, sich auf eine Bank werfend.
»Ich habe da gerade echten Dry-Madeira, aber die Flasche zu zwei Märk.«
»Ist ganz egal!« drängte Trick, »laßt's Dry-Madeira sein, jedoch schnell. Ich bin ausgetrocknet wie der alte Kran.«
»Zu essen?«
»Das Beste, was da ist! Alle Donner! Macht, oder ich werfe Euch die Flasche hier an den Kopf!« schrie Trick ungeduldig.
Der Wirt verschwand und brachte ein großes Stück geräucherten Lachs und eine Flasche, worüber sich Trick wie ein hungriger Wolf hermachte. Als er fertig war, sprach er:
»Wenn der große Zimmermann kommt, so sagt ihm, der soll um zwölf Uhr am Brodschrangen bei der Hohen Brücke sein und so viel Leute mitbringen, wie er kann.«
Trick eilte die Kellertreppe hinauf und nach dem brennenden Stadtteil, wo er von neuem nach den Zimmerleuten zu suchen begann.
Es war ein gefahrvoller Weg, den er wanderte. Durch brennende Straßen und stürzende Mauern lief er dahin und suchte alle Orte auf, an denen er das Raubgesindel zu finden glaubte. Er fand auch genug davon, aber lange nicht seine Leute. Er wagte zehnmal das Leben, um ihnen zu begegnen. Man sprengte Häuser in die Luft, damit dem Feuer eine Grenze gesetzt würde. Er sah die zentnerschweren Pulverfässer neben sich liegen und die Funken darauf herabregnen. Man schrie ihm zu: »Pulver!«
Es rührte ihn nicht. Er fand es sonderbar, daß die Fässer bei dem Feuerregen nicht in die Luft gingen und sah ruhig zu, wie man ein halbes Dutzend davon in einen Keller trug und Butterfässer darauf packte, um die Grundmauern des Hauses sicherer zu stürzen. Er wartete dann ruhig, bis die Explosion erfolgte. Das Haus stürzte zusammen und wurde durch die auffliegenden Fässer förmlich in Butter gebraten, da die Pulverflamme diese schmolz. Ein Regen von Balken, Steinen und Dachziegeln prasselte auf die Umgebung herab, die dicke Staubwolke der einstürzenden Mauern senkte sich und ließ die Trümmer erkennen, durch deren fettgetränktes Holzwerk sich die Flamme gierig weiterfraß, um die nächsten Häuser zu fassen.
Die Behörden waren gänzlich machtlos, die Polizei nach allen Seiten zerstoben und der Senat im Begriff, die Stätte zu verlassen, auf der seit Jahrhunderten sein Sitz gewesen. Die Ingenieure erklärten, das Rathaus müsse gesprengt werden, wenn man die Bank und das Archiv retten wolle. Es begann jetzt ein Wetteifer, die wichtigen Papiere zu retten. Man schleppte die alten Dokumente und Akten herab und lud sie auf Wagen, deren lange Reihe nach der Michaeliskirche zog, um sie dort in die Gewölbe abzuladen. Die baren Geldvorräte warf man in Schubkarren und fuhr sie nach der Bank, wo sie zu dem Silber gelegt wurden.
Indem man noch mit dem Fortschaffen der wichtigen Papiere beschäftigt war, trugen die Kanoniere der Bürgerartillerie Pulverfässer in das Rathaus. Die Leute hätten wohl nimmer gedacht, daß sie dies zur Vernichtung ihres eigenen Stadthauses tun würden. Man schaffte achthundert Pfund Pulver in ein Parterrezimmer, stellte Tische, Stühle, Schränke und eiserne Geldkassen darauf und machte dann den Zünder fertig.
Jetzt stürzte alles in wilder Flucht davon. Man ließ von den Papieren was noch da war liegen, wodurch vieles Wichtige vernichtet wurde. Die Bürgergarde mußte mit gefälltem Gewehr einen Ausfall auf das Publikum machen, um es aus der gefährlichen Nähe wegzutreiben, da es unmöglich war, sich den Leuten verständlich zu machen. Man zündete die Lunte an, und es erfolgte eine furchtbare Explosion, die dem ergrimmten Publikum erst die Ursache des Angriffes der Bürgergardisten klar machte, über die man eben herzufallen im Begriff war, als der Erdboden wankte und ein großer Teil des alten Rathauses zusammenstürzte. Dabei flogen Steine, Balken und sonstige Trümmer nach allen Seiten. Die Schornsteine der nachbarlichen Häuser fielen herab. Die Dachziegel folgten ihnen. Alle Fensterscheiben der Umgegend flogen in Splitter, die klirrend, Schneeflocken ähnelnd, herunterkamen; was lebendig war, floh mit Entsetzen davon, indem alles Gerettete zurückblieb, den Flammen zum Raube.
Trick wurde mit dem Menschenstrome fortgerissen und konnte sich erst in einer Nebenstraße aus dem Gedränge winden. Er wollte die Suche nach den Zimmerleuten wieder beginnen, als er sich am Arme festgehalten fühlte. Der Malaie stand neben ihm und rief mit lachendem Gesicht:
»Die Bank! Die Bank! Kompagnon, wir haben sie! Schafft Eure Bande, daß wir die Silberbarren holen können. Solange die Stadt hier noch brennt, können wir ungehindert damit in See gehen.«
»Hallo! Hierher, Kameraden!« schrie eine Stimme neben dem Seeräuber, der, als er sich umblickte, einen Feldwebel der Bürgergarde sah, denselben mit der Rotweinnase, der Bernhart damals den Wachzettel brachte. – Hallo! Haltet den Engländer hier fest, er will die Bank berauben! Haltet beide!«
Noch ehe aber einer der zerstreuten Bürgergardisten zu dem Feldwebel gelangen konnte, erhielt dieser von dem Malaien einen so gewaltigen Faustschlag vor die Nase und zugleich einen Stoß auf die Brust, daß er an ein Haus taumelte und die Besinnung verlor, während Trick den Piraten fortriß und im Gedränge mit ihm verschwand. Der arme Feldwebel, dem seine Kenntnis der englischen Sprache zu einer breitgeschlagenen Nase verhalf, erholte sich erst wieder, als sein Angreifer längst fort war. Er hatte sich jedoch seine Physiognomie wohl gemerkt und sorgte für eine möglichst scharfe Bewachung der Brandstätte, wo die Silberbarren lagen.
In der nächsten Straße traf Trick endlich einige von seiner Bande, die eben ein Haus durchsuchten und ausräumten, d. h. nahmen, was ihnen gefiel. Als er jedoch unter sie trat und verlangte, daß sie ihm folgen sollten, hob einer seine Axt gegen ihn auf und schrie: »Fort, alter Esel! Wir brauchen dich jetzt nicht und holen, was wir wollen.«
Trick griff sich in die Haare und knirschte: »Oh, ihr Schufte! Jetzt wollt ihr mich wegen solchem Lumpenkram, den ihr da habt, im Stiche lassen, wo es Millionen zu holen gibt? Wo ist der große Zimmermann?«
»Er ist nach dem Burstah, wo wir uns im Weinkeller an der Heiligengeistbrücke treffen wollten, wenn es Tag wird«, sagte einer von der Bande.
»Spricht einer von euch Englisch?« knurrte Trick.
» O yes!« antwortete ein Strolch.
»Gut! Dann bleibt hier bei dem, der wird euch hinführen, wo es was Ordentliches zu holen gibt. Nach der Bank!« wandte er sich an den Malaien, indem er ihm den Dolmetscher als solchen bezeichnete. »Ich komme mit den anderen dorthin.«
Bei diesen Worten verließ er die Gruppe, mit der der Pirat jetzt verhandelte und es in kurzer Zeit dahin brachte, daß sich das Gesindel seiner Leitung hingab.
Der Tag war inzwischen angebrochen, aber nur für jene Stadtteile, die noch nicht brannten, denn in der Nähe des Feuers wurde das Scheiden und Wiedererscheinen der Sonne gar nicht bemerkt. Das Flammenmeer erleuchtete jeden Winkel taghell.
Trick rannte wie ein böser Geist um die brennenden Häusermassen und suchte die Zimmerleute. Er begann die Geduld zu verlieren und geriet in Verzweiflung, weil er glaubte, Schwarz würde Stubborn hervorsuchen, ehe er mit seinen Leuten hinkäme. Er stieß furchtbare Flüche aus und lief mit stieren, blutunterlaufenen Augen um die Trümmer, unter denen der Kessel mit den Schätzen begraben lag. Er zog an den verkohlten, heißen Balken und riß sich die Hände blutig. Dann rannte er wieder davon und drängte sich nach dem Graskeller durch, wohin sich jetzt Menschen und Flammen zugleich wälzten. Hier traf er einen der Tiefenkellergäste, der ziemlich betrunken dahertaumelte und ihm mitteilte, daß er den großen Zimmermann beim Frühstück im Weinkeller finden würde, wo es lustig hergehe und alles umsonst zu haben sei, da niemand so dumm wäre zu bezahlen, und die Nebenhäuser bereits brennen. Der Kerl glaubte frischen Durst zu fühlen und kehrte mit Trick um, indem er schluchzend murmelte: »Cham–pag–ner – aus Kü–beln.«
Aus dem Weinkeller, der von seinem Besitzer verlassen und der Plünderung preisgegeben war, erklang ein Gebrüll wie von wilden Tieren. Es sollte Gesang sein. Wohl konnte der Dichter sagen: »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder«, denn das, was man hier hörte, war weder Gesang noch Lied. Es waren widerliche Zoten, aus heiseren Kehlen hervorgeschrien, zwischen denen man das Klirren zerbrechender Flaschen hörte, denn das Gesindel nahm sich nicht erst Zeit, die Pfropfen herauszuziehen, sondern schlug gleich die Hälse ab und schüttete den Wein in Eimer, die in der Runde umhergingen.
Als Trick hinunterstieg, stolperte er über einen Mann, der sich brüllend am Boden wand und dem das Blut aus dem Munde lief. Er hatte einen Eimer mit Wein aus zerschlagenen Flaschen gierig angesetzt und darin enthaltene Glasscherben mit verschlungen, die ihm Mund und Kehle zerschnitten. Er wurde von seinen Saufkumpanen mit Fußtritten beiseite gestoßen.
Der große Zimmermann saß in der Mitte des Kellers auf einem Tisch und goß eben seiner Umgebung einen Eimer voll Champagner, den feinsten Clicquot, über die Köpfe, was als ein ausgezeichnetes Späßchen betrachtet wurde und ein Hallo hervorrief. Unter dem Tisch lagen in brüderlicher Umarmung ein Bürgergardist und ein Hanseat, beide total betrunken und ohne Bewußtsein. Nur manchmal regten sie sich, wenn man einer Champagnerflasche den Hals abschlug und den kühlen Inhalt auf sie sprudeln ließ. Ein Spritzenmann besorgte dies Geschäft, da es, wie er behauptete, in sein Fach schlug.
Sobald der große Zimmermann Trick bemerkte, schwang er den Eimer über den Kopf und schrie: »Hurra! Da kommt unser Prinzipal! Ein lustiger Junge! Flaschen her!«
Man gab ihm ein Dutzend silberköpfige Clicquots hinauf. Er stellte den Eimer zwischen die Beine und schlug die Hälse der Flaschen so gewaltsam auf dessen Rand, daß die glänzenden Köpfe mit einem Knall abflogen und sich der edle Wein sprudelnd und schäumend in den Eimer ergoß, den er dann Trick mit den Worten bot: »Da sauf, Prinzipal! Jetzt sind wir die Herren der Stadt, und der Senat soll Wasser saufen.«
Trick war abgehetzt und durstig, deshalb ergriff er den Eimer und tat einen langen Zug daraus, nach dem er tief Atem holte und sich gestärkt fühlte. Er setzte nochmals an.
In diesem Augenblick sprangen ein paar Männer die Treppe herab und schrien:
»Fort, fort! Das Haus brennt oben. Rettet euch!« worauf sie wieder verschwanden.
Ein wieherndes Gelächter folgte ihnen. Der Spritzenmann hielt eben den Eimer zum Trunk erhoben und rief lachend: »Oh, lat man noch 'n beeten opgahn! Wi sünd all eben bi't Löschen!« Um den Beweis zu führen, goß der große Zimmermann sofort einen Eimer Champagner über die Köpfe der Umstehenden, die diesen Spaß mit einem Hurra begrüßten.
Jetzt erschien der Polizeimann Stork auf der Treppe und forderte die Anwesenden ernstlich auf, den Keller zu räumen. Er wurde mit einem Wutgeheul empfangen, und als er Trick aufmerksam betrachtete und die Meinung aussprach, daß dieser Herr in recht angenehmer Gesellschaft sei, flogen die vollen Weinflaschen von allen Seiten so nach seinem Kopfe, daß er gezwungen war, den Rückzug eiligst anzutreten.
Das Gesindel erhob ein Triumphgeschrei über seinen Sieg und umtanzte den Tisch, auf dem der große Zimmermann eine frische Ladung Champagnerflaschen zertrümmerte und in den Eimer goß. Dabei kam ihm eine neue Idee.
»Jungens!« schrie er, »solche lustigen Tage kommen so bald nicht wieder. Wir wollen uns extra lustig machen. In die Stiefel muß uns der Champagner laufen, das gibt ein Vergnügen, wovon wir hernach erzählen können. Aber Geld müssen wir dabei auch haben. Geld wie Heu! Hier unser Prinzipal hat auch einen Vogel mit 'ner Million gefangen. Er wird mit uns teilen. Also 'rausgerückt, alter Nasenklopper!«
Trick konnte sich lange kein Gehör verschaffen und mußte sich gegen die Bande wehren, die ihm alle Taschen umwandte. Endlich gelang es ihm, sich den Zimmerleuten verständlich zu machen und ihnen zu sagen, daß der Schatz erst abgehoben werden müsse.
»Was! Du alter Halunke hast die längst versprochene Million noch nicht? Der Lump hat kein Geld? Zieht ihm mal die Stiebeln 'runter! Immer 'runter damit!«
Die Stiefel wurden Trick mit Hallo ausgezogen.
»Nun gebt mal her!«
Der Zimmermann nahm einen von Tricks Stiefeln, goß eine Flasche Champagner hinein und sagte:
»So! Nun sauf, Prinzipal! Was? Du willst nicht? Du mußt deinen Stiefel saufen! Schenkt ihm, wenn er nicht selber will.«
Die Bande packte Trick und schüttete ihm den Wein aus dem Stiefel in den Mund, sobald er ihn aufsperrte, wozu ihn eine Faust veranlaßte, die seine Kehle zusammendrückte. Trick sprudelte fürchterlich, was die Lust der Bestien auf die höchste Spitze trieb, die sich jetzt gegenseitig den Wein in die Stiefel gossen, den sie nicht mehr trinken konnten.
Trick schnappte in höchster Wut nach Luft, während der große Zimmermann brüllte: »Jungens, nu sind wi de Herren vun de Stadt! Ick slog vor, wi spehlt nu Senot un goht hen un geet de Senoters de Stebeln vull Win un stellt se denn opp 'n Kopp! Hurra! Wi wüllt de Stadt regeeren! Wi wüllt –«
Ein dumpfer, Mark und Bein erschütternder Knall ließ ihn verstummen. Die Erde erbebte, die Mauern und Balken wankten und eine dunkle, erstickende Staubwolke wälzte sich aus allen Ecken hervor. Trick sprang nach der Treppe. Es war zu spät.
Ein furchtbares Krachen brach herein. Mit ihm die Mauern und oberen Etagen des Hauses. Ein Mauerstück stürzte auf Tricks Beine und hielt sie wie in einer Zange fest. Der Bösewicht brüllte entsetzlich und schlug seine Nägel in die Treppenstufen, um sich hervorzuarbeiten, aber nur eine Sekunde, dann kamen die Trümmer des Hauses zermalmend herab und schmetterten alles zusammen, was sich im Keller befand. Trick mit seiner Bande lag vernichtet unter Gestein und brennenden Balken, deren Flammen die Leichname bis auf das Gebein verkohlten. Die bestialische Lust war einer Totenstille gewichen, die nur von dem leisen Knistern der Flammen unterbrochen wurde Der hier geschilderte Einsturz ereignete sich in einem Keller Ecke Burstah und Schlickutbrücke; als man in den nächsten Tagen den Schutt des Hauses abräumte, wurden achtzehn Leichen hervorgezogen, darunter mehrere Bürgergardisten, ein Soldat der Garnison, vierte Kompagnie, und mehrere Bürger. (Saß, Der Hamburger Brand, S. 18.).
Herr Trick war mit seinem Prinzipal gegangen, wie er ihm angedroht. Aber einen langen, dunklen Weg, einen anderen, als er gedacht!
*
Es war, als ob das Opfer, das in der niedergeschmetterten Bande den Flammen gebracht worden, diese hier festbannte und nicht über die Trümmer der gesprengten Häuser nach der Neustadt wandern ließ. Die gefräßige Glut setzte ihren Weg nordöstlich am Flet fort und wälzte sich nach der neuen Börse zu, die sie bald von allen Seiten umspann, als wollte sie das Herz der Hansestadt vernichten.
Der allgemeine Schreck wuchs mit dem Tage und ergriff selbst die entferntesten Stadtteile. Nur die gegen den Wind liegenden Viertel hielten sich für gesichert, aber auch hier packte man, wenngleich ohne Übereilung, die besten Wertsachen zusammen.
Die Hamburger Spritzenleute taten das Übermenschliche und wichen dem Feuer nur zollweise. Sie ließen ihre Familien und Wohnungen im Stich, um auf ihren Posten zu bleiben, aber es war umsonst, das Feuer ging siegreich vorwärts. Gegen Mittag standen der Alte- und Neuewall in Flammen, zu gleicher Zeit brannten auf der anderen Seite die Mühlenbrücke und Große Johannisstraße, wodurch sich das Flammenmeer um die neue Börse zusammenzog, deren Untergang jetzt unvermeidlich schien.
Man hielt das neue massive Gebäude für einen sicheren Zufluchtsort und schaffte aus der Umgebung Möbel und Wertsachen hinein, womit der ganze Raum angefüllt war. Die Börsenältesten wandten ihre ganze Aufmerksamkeit der Erhaltung des Gebäudes zu. Man ließ die Bücher der Bibliothek teilweise in den Keller und von den Fenstern wegschaffen, diese versetzte man mit Mauersteinen, damit das Innere gegen die Flammen der nächsten brennenden Häuser geschützt würde. Der Sekretär des Kommerziums hatte schon vorher die wichtigen Papiere nach seiner Wohnung am Jungfernstieg schaffen lassen. Als sich die Flammen aber auch dorthin wälzten, mußte er damit weiter fliehen und konnte nicht mehr zurückkommen, weil jeder Zugang zur Börse vom Feuer abgeschnitten wurde. Dieses ergriff endlich die Gerberstraße, die noch den letzten Ausgang der vom Flammenmeer umwogten Börse bot. Nun gab man alles verloren und räumte das Gebäude mit Gewalt von den darin befindlichen Menschen, die, um sich zu retten, dem letzten, schon brennenden Ausweg zueilten.
Die Börse verschwand in den Rauchwolken. Tiefe Trauer legte sich auf die Herzen der Hamburger, als sie ihr Heiligtum in den Rauchmassen nicht mehr erblickten.
Die Kaufleute hatten den Brand der Kirche mit Fassung ertragen, als aber die Börse vor ihren Augen verschwand, verloren sie sie. Die Kirche, meinten sie, brauchen wir bloß alle Sonntage (und auch da nicht immer), aber die Börse brauchen wir alle Tage!
» Die Börse ist verloren!«
Bei dieser Nachricht geriet die Kaufmannschaft in eine unglaubliche Verwirrung und Bestürzung. Es war ihr für den Augenblick der Schwermut genommen, und alle Verhältnisse begannen zu wanken. Der Ort, wo jeder jeden zur bestimmten Zeit am Platze finden konnte, war nicht mehr vorhanden. Die große Handelsmaschine kam für einige Stunden ins Stocken, aber auch nur für wenige Stunden, denn jetzt zeigte sich der Wert und die Macht eines von der Bureaukratie unabhängigen Bürgertums in glänzender Weise.
Schon einige Stunden nach dem Brande der Bank machte die Bankdeputation in einem Anschlage bekannt, daß das Kontor der Bank in der Dammtorstraße zu finden sei, wo wie gewöhnlich abgeschrieben werden könne. Es wurde auch kundgetan, daß Silber vorläufig nicht aus der Bank genommen noch in sie eingebracht werden könne. Eine unter den Umständen etwas komische Bemerkung, da die ganze Stadt wußte, daß die Silbervorräte der Bank unter den glühenden Trümmern begraben lagen, wo das Herausnehmen wie das Einbringen zur Zeit mit einigen Schwierigkeiten verknüpft war.
Die Börse stand verlassen und einsam mitten in dem Brande der Stadt. In ihrer Riesenhalle lagen Möbel und Gerätschaften aufgetürmt, aber keine menschliche Seele war bei ihnen. Da kam ein Mann aus dem Keller, wohin er Bücher in Sicherheit gebracht, und sah sich erstaunt um. Er war vergessen worden und stand nun allein in dem großen Gebäude, wo seine Tritte widerhallten, während die Stille von außen nur durch das Prasseln der Flammen und Krachen der stürzenden Mauern unterbrochen wurde.
Es kam eine feierliche Stille über ihn, die die Idee erzeugte, daß er vielleicht vom Schicksal bestimmt sei, das Haus zu retten oder mit ihm unterzugehen. Er beschloß, alle Kräfte für das verlassene Heiligtum des Handels einzusetzen und eilte die Treppen hinauf, um zu sehen, ob das Feuer oben etwa gezündet habe. Hier fand er noch zwei Männer, die ihn suchten, um zur Flucht zu mahnen. Als er erklärte, bleiben zu wollen, um die Börse zu retten oder mit ihr unterzugehen, faßten die anderen denselben heroischen Entschluß und gingen eifrig an ihr großes Werk.
Diese drei Männer retteten die Börse. Eine Heldentat, die ihnen zu ebenso großer Ehre gereicht, wie diejenigen Schande auf sich geladen haben, die das Haus bei der anrückenden Gefahr verließen und es dem Verderben preisgaben, wo es mit größeren Kräften noch leicht zu retten war, wie die wenigen Leute bewiesen haben, die das Werk vollbrachten. Ob man die Namen dieser drei Männer, wie die der Männer im feurigen Ofen, der Nachwelt aufbewahrt hat, wissen wir nicht. Wir haben die Namen T. Dill, F. Denicke und L. Hasse nirgends an der Börse mit goldenen Buchstaben eingegraben gefunden. Wir haben nichts davon gehört, daß ihnen von der dankbaren Stadt eine Pension oder ein Ehrenhaus geboten worden ist. Allerdings, was ist weiter daran, das Feuer auszugießen? Dazu gehört weniger Seelengröße und Mut, als die geschickten Dispositionen zu treffen, nach denen zwanzigtausend Menschen in wenigen Stunden umgebracht und dreißigtausend zu Krüppeln gemacht werden, was dann zur Folge hat, daß ein Land in ein paar Monaten ausgesogen und an den Bettelstab gebracht wird. Wenn die drei Männer die Hamburger Börse in Brand gesteckt, statt sie gerettet hätten, so würden sicherlich ihre Namen noch heute im Munde des Volkes fortleben.
Die drei Bürger dachten nicht daran, etwas zu tun, wodurch sie sich einen Namen für die Zukunft machen wollten, sondern waren nur ganz von ihrer guten Absicht erfüllt. Sie gingen deshalb vor die Börse hinaus, um zu sehen, von welcher Seite die meiste Gefahr drohe. Draußen fanden sie noch einige Männer, die die Angst fast um alle Besinnung gebracht hatte, weil ihnen das Feuer jeden Weg zur Flucht abschnitt. Sie sprachen den Verzweifelten Mut ein und brachten sie in die Börse, wo man alle vorhandenen Flüssigkeiten zusammensuchte, die zum Löschen dienen konnten. Im Lesezimmer brannten bereits Vorhänge, Landkarten und dergleichen, weshalb man die Sachen herausriß und die Flammen austrat. Gleich darauf brannten in einer Kammer im oberen Stockwerk Papiere, die den Fußboden anzündeten. Ein halber Eimer Wasser wurde von einem Mann fast tropfenweise verwandt, um zu löschen. Kaum war der letzte Tropfen alle, so schlugen die Flammen wieder empor, und der Mann gab die Börse verloren, als ein anderer mit Wasser heraufkam, wodurch man des Feuers Herr wurde.
Es glimmte aber überall und die Not um Wasser stieg mit jeder Minute. Man goß das kostbare Naß mit Löffeln auf die ankohlenden Stellen und wandte jede nur mögliche Art an, um zu löschen. So gelang es endlich den wenigen Männern, siegreich aus dem Kampf mit dem Element hervorzugehen. Die Börse wurde gerettet und steht heute noch. Acht Tage später wanderten die Kaufleute wieder durch die sie umgebenden Trümmerhaufen nach ihrem Tempel.
Die Feuerwogen wälzten sich indes in ungeheurer Höhe und Breite nach dem Neuenwall und Jungfernstieg hinüber und spotteten jeden Widerstandes. Ein orkanartiger Luftzug ging ihnen vorher und riß die Fenster und Türen in den unversehrten Häusern auf, wodurch die Flammen wie aus einem Hochofen eindrangen. Das Feuer übersprang den breiten Kanal der Kleinen Alster wie einen schmalen Graben. Die Fahrzeuge mit den geretteten Möbeln darin verbrannten, sogar die Räder der Mühle am Anfang des Jungfernstiegs brannten, sich drehend, sobald sie aus dem Wasser kamen und machten allen die Zwecklosigkeit der gewöhnlichen Löschmittel klar.
Vierundzwanzig Stunden später als beim Nikolaiturm schlugen die Flammen aus den Häusern am Jungfernstieg empor, und in kurzer Zeit war hier die Verwüstung bis an den Rand der Alster gedrungen, woselbst die alten Linden und alle nach diesem Platze geborgenen Möbel Feuer faßten und verbrannten.
Man sprengte die Häuser nach dem Gänsemarkt hin, um die Neustadt zu retten. Die Alte Stadt London, das Heinesche Haus und Streits Hotel wurden der Erde gleichgemacht. In den Keller der Stadt London brachte man sechs Zentner Pulver und legte den Zünder an. Er brannte nicht los, aber zwei tapfere Männer wagten sich hinunter, um ihn zu erneuern. Es war der Oberleutnant Voorjans und der Oberfeuerwerker Wegmann. Sie brachten den Zünder in Ordnung und ergriffen die Flucht, doch zu spät. Das Haus flog in die Luft, als sie noch in der Nähe waren, und der Oberfeuerwerker wurde in Stücke gerissen, während der Oberleutnant verwundet unter den Trümmern hervorgezogen wurde.
Vom Neuen Jungfernstieg und der Esplanade begann nun die Flucht. An der gegenüberliegenden Seite standen indes Tausende von Menschen und warteten in großer Spannung auf die Explosionen. Aller Augen waren auf Streits Hotel gerichtet. Es stand dort fest und ruhig mit allen seinen Fenstern und Gesimsen. Plötzlich tat es einen kleinen fast unmerklichen Sprung. Das ganze Haus erhob sich vielleicht einen Fuß hoch in die Luft und verschwand dann in einer dichten, grauen Wolke, die sich wollartig herauskräuselte und aus der einzelne dunkle Klumpen raketenartig hervorschossen und weithin flogen. Ein dumpfer, erderschütternder Knall wurde gleichzeitig gehört. Die Wolke senkte sich zu Boden, und das Haus war verschwunden. Nur ein niedriger Schutthaufen lag an seiner Stelle, auf den sogleich die Spritzen ihren Wasserstrahl richteten, um dem Feuer die Nahrung an dem dazwischenliegenden Holzwerk zu nehmen. Dadurch setzte man der Glut hier eine Grenze.
Die Flucht wurde trotzdem allgemein, denn es hielt sich niemand in der Stadt mehr für sicher. Auch hier fehlte es nicht an komischen Szenen. Als Streits Hotel gesprengt wurde, sah ich aus der Staubwolke einen dunklen Punkt nach unserer Gegend fliegen, der größer und größer wurde und endlich einem Mann in unserer Nähe auf den Rücken flog, der durch ein großes Paket Betten geschützt war. Der Mann wurde trotzdem vom Steinklumpen niedergeworfen, stand jedoch sofort unversehrt wieder auf und gab einem hinter ihm kommenden Mann eine fürchterliche Ohrfeige, weil er glaubte, dieser habe ihn umgeworfen, worauf er in aller Seelenruhe weiter ging, ehe der andere noch recht zur Besinnung kam.
Lächerlich und ärgerlich zugleich ging es dem Kunsthändler Commeter, der alle seine Bilder und Kunstsachen in seinen feuerfesten Keller gebracht hatte, und als er das Haus verlassen mußte, zu seinem treuen Hausknecht sagte: »Nun, ich hoffe, daß die Sachen im Keller sicher sind.«
»Oh,« meinte der Hausknecht schmunzelnd, »ich denke, das Feuer soll sie in Frieden lassen. Seien Sie man ganz ruhig, ich habe den ganzen Keller noch extra voll Wasser gepumpt!« sprach's und nickte seinem Herrn freundlich zu, der die Hände über dem Kopf zusammenschlug.
Auf der Seite nach der Petrikirche, wohin das Feuer ungebändigt mit dem Winde ging, trieb indes der Malaie mit der übriggebliebenen und durch Gesindel verstärkten Bande sein heilloses Spiel.
Er war nach der Bank vorgedrungen. Da jedoch die Silbervorräte unter den brennenden Trümmern lagen und außerdem Bürgergarde trotz Rauch und Flammen Wache hielt, so mußte er sich vorderhand zurückziehen und begann die Häuser zu plündern, aus denen er das bare Geld sowie Gold- und Silbersachen raubte. Die Bande gab sich dabei für Zimmerleute aus, die zum Sprengen vorrichten sollten, und trieb durch dieses Schreckenswort die Bewohner in die Flucht. Sie blieben aber nicht nur in der Nähe des Feuers, sondern suchten entferntere Gegenden auf, wo ihnen ihr Vorhaben bei der allgemeinen Ratlosigkeit und Bestürzung stets gelang und wo der Pirat wohl auch eine seiner Brandkugeln zurückließ, die dann zündeten und neue Verwirrung hervorbrachten.
Der Zufall führte die Bande auch in die Wohnung des guten Feldwebels, der wie Scapin zu einem prachtvollen Schinken gekommen war, den er nach Haus brachte und von seiner Haushälterin braten ließ. Er war gerade aus der Pfanne genommen und verbreitete einen lieblichen Duft, als die Bande einfiel und sich darüber hermachte. Auch der gute Rotwein des Feldwebels wurde dazu getrunken. Der unglückliche Besitzer mit der breitgeschlagenen Nase kam gerade, als der letzte Bissen und Tropfen verschwunden war. Er stand noch erstaunt an seiner Tür und wollte seinem Zorn über die ungebetenen Gäste Luft machen, als einer der Kerle aufsprang, den abgenagten Schinkenknochen hoch über seinen Kopf schwang und brüllte: »Wenn du ein Wort sagst, dann erschlage ich dich mit dem Schweinsknochen!« Der Arme machte kehrt und lief davon. Er blickte sich nochmals um und sah auf den Malaien, den er wiedererkannte und dem er Blutrache für seine Nase geschworen hatte.
Der gute Feldwebel lief voller Wut auf die Straße, um einige Bürgergardisten zu suchen, mit denen er zurückkehren wollte, um Schinken und Nase zu rächen, wobei er noch die Bande unschädlich machen konnte. Es war aber jeder so mit sich selber beschäftigt, daß es ihm nicht möglich war, einen Kameraden aufzutreiben, der sich unter sein Kommando gestellt hätte. Nachdem er eine Weile vergebliche Anwerbungsversuche gemacht, traf er auf Schwarz, der mit Nielsen und Kern daherkam. Er kannte ihn, und da Schwarz verwundert fragte, wie er zu der Nase gekommen sei, so erzählte er den Hergang und das Ende von seinem Schinken.
Schwarz konnte sich nicht enthalten zu lachen, denn die Nase des guten Feldwebels, in gesunden Tagen schon eine groteske Form zeigend, war durch den Schlag aus allen Fugen gewichen und glich einem Schwamm, wie man ihn oft an den alten Weiden sieht.
Als der Feldwebel aber noch erzählte, daß der Schuft, der sie ihm breit geschlagen, sich mit einem andern, einem Hamburger, verabredet habe, die Bank zu berauben, wurde Schwarz aufmerksam und ließ sich den Verbrecher beschreiben.
»Das ist der Pirat!« riefen nach einigen Worten Kern und der Lotse. »Wo finden wir ihn?«
»Herrgott!« schrie jetzt der Feldwebel, nach seinem Haus blickend, aus dem Rauch drang. »Die Kerle haben das Haus angezündet! Es sind Mordbrenner! Zu Hilfe gegen Brandstifter!« wandte er sich an die Vorübergehenden.
Dies Wort wirkte elektrisch.
»Wo?« rief man von allen Seiten und warf die Gegenstände, die man trug, zu Boden.
»Dort im Hause! Dort kommen sie heraus«, sprach Schwarz auf die Bande zeigend, die eben aus der Tür brach.
»Auf sie! Packt den Schwarzhaarigen dort! Es ist ein Pirat und Mordbrenner!« Mit diesen Worten sprang der Lotse auf den Malaien los, dem er nicht Zeit ließ, erst seinen Dolch zu fassen, sondern ihn bei beiden Ellbogen packte, in die Höhe hob und unter die herbeieilenden Leute schleuderte, wo er zwar den Dolch noch im Fallen hervorzog, der ihm jedoch sofort aus der Hand gerissen wurde.
»Habe ich dich, du Hund!« schrie Nielsen englisch. »Du Schurke, der mir mein Schiff versenkte und meine Leute ermordete! Ho, ho!« rief er deutsch. »Haltet den Piraten und Mordbrenner! Laßt ihn nicht fort! Hallo! Haltet den Brandstifter! Haltet den Mordbrenner!«
Der Malaie war kaum zu Boden gefallen, als er sich wie eine Schlange aus den Händen und unter den Beinen seiner Angreifer durchwand, von denen die meisten noch dazu in das rauchende Haus liefen, um zu löschen. Der Ruf des Lotsen galt deshalb dem Davoneilenden, dem jetzt eine wilde Jagd folgte.
Der Räuber war gewandt wie eine Schlange und schlüpfte überall durch oder warf alles zu Boden, was ihm den Weg versperrte. Er rannte in großen Sätzen nach dem Feuer zu, wo er in der größeren Verwirrung besser zu entwischen hoffte. Die Hetze war aber los. »Ein Brandstifter!« Dies Wort erfüllte alles mit Wut. Die Leute ließen die Sachen fallen, die sie trugen, und folgten der Jagd.
»Ein Brandstifter! Hallo! Ein Brandstifter!« erklang es die Straße herunter, durch die der Malaie jetzt rannte. Vor ihm brannte es, hinter ihm tobte die wütende Menge, vom Lotsen und Schwarz angefeuert. Hinein in eine brennende Straße ging die Jagd. Mitten darin stutzten die Verfolger. Die Häuser zu beiden Seiten, sowie der Hintergrund zitterten wie Luftgebilde, die der Wind bewegt. Aus einem Speicher stürzte eine Kaskade von brennendem Spiritus herab, der in der Straße weiter floß und die Luft zittern machte.
Der Malaie rannte hindurch. Schwarz, Kern und der Lotse folgten ihm und sprangen gleichfalls durch den brennenden Sprit. Als die anderen sahen, daß sie unversehrt weiter kamen, achteten auch sie die unsichtbare Flamme nicht, und der gehetzte Pirat hörte sie wieder hinter sich.
Jetzt kam eine Stelle, wo die Straße mit Terpentinöl bedeckt war, das in roten, prasselnden Flammen brannte und eine pechschwarze Rußwolke verbreitete.
»Hallo! Jetzt haben wir ihn!« erscholl es hinter dem Flüchtigen.
Dieser sprang jedoch wie ein Dämon in die Flammen und raste hindurch.
»Nach!« schrie der Lotse, »und ginge es in die Hölle selbst!«
»Nach!« riefen die Verfolger, indem alle durch Dampf und Flammen dahinstürmten und die glimmenden Kleider drüben löschten.
Die Jagd ging weiter durch brennende Straßen. »Hallo, hallo, ein Brandstifter!« Durch die rauchenden Trümmer vom vorigen Tag wieder hinein in den frischen Brand, den Jungfernstieg hinunter und durch die flüchtende Volksmenge nach dem Dammtorwall, wo der Pirat in ein Haus rannte, vor dessen Tür mehrere Mädchen saßen, die das Gewühl neugierig betrachteten.
Der Malaie glaubte die Verfolger weit hinter sich und sie verloren zu haben. Er war außer Atem und stand ganz allein in der Küche des Hauses. Da hörte er es wieder herantoben. »Ein Brandstifter! Hallo!« Er warf einen verzweifelten Blick um sich, denn sie waren schon in der Haustür. Dann sprang er auf den Herd und kletterte wie eine Katze in den Schornstein, aus dem er über die Dächer zu flüchten dachte. Der Schornstein zeigte sich aber entsetzlich eng und nur für kleine Essenkehrer gangbar. Der Pirat war jedoch schon oft durch unglaublich enge Öffnungen gekrochen und dachte auch hier durchzukommen. Er mußte deshalb die Arme über den Kopf strecken, um sich so schmal als möglich zu machen, und arbeitete sich in dieser Lage so hoch empor, daß man ihn von unten nicht mehr bemerken konnte. An der engsten Stelle stemmte er einen Fuß auf einen Stein und hielt ruhig an, um zu lauschen und zu verschnaufen. Er war so eingezwängt, daß er von unten nichts hören konnte als einen dumpfen Lärm, der von Minute zu Minute wuchs.
Man durchsuchte das ganze Haus nach ihm, denn die Mädchen hatten gesagt, daß er drin sei, als sie hörten, daß man einen Mordbrenner verfolge. Da sie ihn nirgend fanden, so vermutete man, daß er im Schornstein stecken müsse, und der Gehetzte hörte bald mit Schrecken die Stimmen der Leute über sich, die auf das Dach gestiegen waren, um ihm hier den Weg abzuschneiden.
Jetzt überfiel den Bösewicht eine entsetzliche Todesangst, weil er sich in einer gänzlich hilflosen Lage befand, aus der ihn alle Gewandtheit nicht retten konnte. In einer engen Röhre eingeklemmt, die Arme emporgehoben, ohne sie gebrauchen zu können, Feinde unter sich und über sich, schwand ihm jede Hoffnung auf Entkommen. So hing er ruhig, bis ein schrecklicher Fluch seinen Lippen entfuhr, denn er fühlte Rauch neben sich heraufdringen und an seinen Füßen begann es heiß zu werden.
Der Lotse hatte den Vorschlag gemacht, ein Feuer auf dem Herde anzuzünden, um den etwa im Kamin versteckten Mordbrenner herauszutreiben. Die Sache wurde ins Werk gesetzt. Einige Lehrjungen aus der Nachbarschaft brachten Stroh und Hobelspäne herbei. Der Lotse stieg mit ein paar Männern auf das Dach, um Schaden durch die Flamme zu verhüten oder den Flüchtling zu fangen, und Schwarz stand in der Küche, um dort auf ihn zu warten.
Nun zündete man das Stroh und die Hobelspäne auf dem Herde an, daß die Flamme hoch hinaufschlug und den versteckten Bösewicht berührte.
Dieser wand sich, von der Hitze gejagt, höher und gab keinen Laut von sich, während unten alles schweigend lauschte. Plötzlich hörte man jedoch einen verzweifelten Schrei aus dem Schornstein, dem Schrei auf Schrei folgte.
Der Malaie trug in den Taschen seiner Beinkleider noch drei der unlöschbaren Brandkugeln, die er angefertigt, um die Speicher und Häuser anzuzünden. Diese fingen Feuer und verbrannten ihm den Leib und die Gedärme, da er keine Hand hinunterbringen konnte, um sie zu entfernen. Er kroch deshalb so schnell er konnte aufwärts, um nur dieser furchtbaren Qual zu entkommen, und vergaß jede andere Gefahr dabei.
Nach einer Weile fühlte er sich bei den erhobenen Armen gepackt, empor gehoben und aus dem Kamin gezogen. Er sah, als er aus dem Rauche kam, in das Gesicht des Lotsen, der ihn vollends aus dem Schornsteine riß und dabei schrie: »Habe ich dich endlich? Seeräuber!« Dann hob er ihn in die Höhe und schleuderte ihn in den Hof hinab, wo die Verfolger racheschreiend standen.
»Da habt ihr den Mordbrenner!« rief er dem herunterstürzenden Malaien nach, auf den nun, kaum am Boden angekommen, die Äxte und Hacken der ergrimmten Männer niederschmetterten und ihn fast in Stücke hieben.
Als er als unförmliche, tote Masse dalag, betrachteten die Männer ihr Werk einige Augenblicke und gingen dann still davon, worauf die Weiber der Nachbarschaft kamen und ihn mit Grausen anblickten. Man versuchte die Brandkugeln auszugießen, die an seinem Leibe klebend fortbrannten. Es war aber umsonst, und als man dahinter kam, daß der eigene Zündstoff den Verbrecher verzehre, schleppten die wütenden Nachbarn die Leiche über den Wall und warfen sie in das Wasser des Stadtgrabens, wo sie versank.
Schwarz, Nielsen und Kern gingen auch, als sie sich überzeugt hatten, daß ihr Feind vernichtet war.
»Was tun wir nun?« fragte der Lotse, als sie nach dem Groß-Neumarkt kamen.
»Trick!« sagte Schwarz.
»Richtig! Laßt uns diesen Schuft suchen und ihm seinen Lohn geben. Aber wo sollen wir ihn suchen?«
Schwarz blickte um sich und sah zufällig Herrn Stork, den Polizeihauptmann. Er rief ihn an.
»Sie kennen ja doch den Schuft, unsern alten Buchhalter Trick. Haben Sie ihn vielleicht gesehen und wo?« fragte er.
Herr Stork nahm eine Prise und warf einen schnellen Blick auf den Lotsen, dann sah er hartnäckig an ihm vorbei und bemerkte ihn durchaus nicht mehr.
»Ich habe den Buchhalter allerdings sehr gut gekannt und auch gesehen. Er wird wohl auch noch dort sein, wo ich ihn gesehen habe«, bemerkte Herr Stork, indem er seine Prise wegwarf.
»Wo ist er?« rief Schwarz. »Wir müssen den Schurken haben, damit er nicht entkommt.«
»Er wird nicht wieder entkommen, denn ich sah ihn im Weinkeller von Denker am Graskeller, fünf Minuten zuvor, ehe er einstürzte. Ich behielt den Eingang im Auge und weiß gewiß, daß er noch drin ist«, sprach Stork.
»Dann hat er seinen gerechten Lohn empfangen!« rief Schwarz.
»Glaube fast auch«, nickte Stork und fuhr fort: »Ich will Ihnen noch einen guten Rat geben, Herr Schwarz. Wenn Sie einen Ihrer Freunde sehen sollten, der etwa hier in der Stadt nicht sicher wäre, so sagen Sie ihm nur, daß man ihn, solange es noch brennt, nicht sieht. Sobald aber das Feuer vorbei ist und die alte Ordnung eintritt, dann muß man ihn sehen.« Dabei nickte er Schwarz lächelnd zu, sah rechts und links an Nielsen vorbei und ging grüßend weiter.
»Merkt Euch den guten Rat«, sprach Schwarz, den Lotsen fortziehend.
»Ich habe nun hier nicht mehr viel zu suchen und werde mich davon machen, eh man mich sieht, und zwar auf Nimmerwiedersehen. Jetzt haben wir nur noch Stubborn. Sollte er noch leben?« fragte Nielsen.
»Das ist kaum möglich!« erwiderte Schwarz. »Die Trümmer lagen hell brennend auf dem Kessel, wir kamen nicht heran. Er muß umgekommen sein. Wenn er aber noch lebte, so bitte ich Euch, seid zufrieden mit den zwei, die ihren Lohn haben, und laßt ihn davongehen, weil er der Vater meiner Berta ist.«
»Ich habe Euch das schon versprochen«, sagte der Lotse. »Mag er zu Fuß zum Teufel gehen oder mit dem Dampfer, das ist mir egal. Ich gehe wieder nach den Südseeinseln und bringe meine übrigen Tage dort zu.«
»Habt Ihr Geld genug, um Euch dort einrichten zu können?« fragte Schwarz.
Der Lotse zuckte mit den Achseln. »Verflucht wenig!« brummte er. »Ich kann mein Grundstück draußen nicht verkaufen und habe nur den Ewer, den ich gern dem Mann lassen möchte. Ich komme indes schon durch, wenn ich nur erst drüben bin. Als Bootsbauer, Dolmetscher, Lotse oder sonstwie.«
»Wann wollt Ihr fort?« fragte Schwarz.
»Heute abend geht mein Dampfer nach London. Dort gehe ich ab und suche eine Gelegenheit nach der Südsee. Laßt uns hier scheiden, lieber Freund. Ich will den Wirrwarr benutzen, um ungehindert fortzukommen. Lebt wohl für dieses Leben! Meine Rache ist vollbracht!« Der Lotse wollte sich abwenden.
»Mit diesem Seeräuber habt Ihr schrecklich abgerechnet, ebenso wie mit dem Zollwächter, den Ihr eigentlich noch schrecklicher umkommen ließet. Wird Euch die grausame Rache an Jörs nicht einmal reuen?« fragte Kern.
»Nein!« sprach Nielsen fest. »Ich würde hundert solche Schufte dort festbinden, wenn ich in den Fall käme. Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich gebe Gutes gegen Gutes und Böses gegen Böses. Wer sich für empfangene Mißhandlungen und Ungerechtigkeiten nicht mit allen Mitteln rächt, der ist in meinen Augen ein altes Weib und verdient mit Füßen getreten zu werden. Doch lebt wohl! Lebt wohl!«
»Halt! So lasse ich Euch nicht fort!« rief Schwarz, ihn festhaltend. »Ihr kommt mit mir und nehmt vorderhand ein paar hundert Taler an. Keine Einwendungen! Ich kann es Euch bequem geben. Dann versprecht Ihr mir, in London zu warten, bis ich schreibe. Ich gehe selbst fort, nach Amerika, und zwar sobald ich über Stubborn und seine Angelegenheiten Gewißheit habe. Ich heirate seine Tochter und kann deshalb unmöglich hier bleiben, schon wegen ihrer Schwester, dieses Scheusals. Also kommt. Keine Umstände!«
Der Lotse ging mit Schwarz und nahm das Geld dankbar an. Dann eilte er nach seinem Schiff, das abends abwärts dampfte.
Es trieb fast nur mit dem Strom hinunter, denn alle standen auf dem Deck und blickten nach der brennenden Stadt zurück. Der Lotse sah lange in den glühenden Himmel hinter sich, bis er nach Neumühlen kam, wo ihm die verbotene und verwüstete Heimat still zur Seite lag. Er fühlte eine Träne über sein Gesicht laufen. Dann blickte er finster nach dem Schilfdickicht hinüber, und als diese Ufer entschwanden, wieder rückwärts nach dem feurigen Himmel, dessen roten Schein man bis Cuxhaven wahrnahm, wo er in der Morgendämmerung erstarb. Die Lotsen unten erzählten jedoch, daß die Schiffer in der Nordsee draußen das Feuermal am Himmel in der Nacht gesehen und gesagt hätten: es müsse ein ganzes Land brennen.
Nielsen stand beim Steuer und sah lange zurück, wie er nur noch einen Punkt des heimatlichen Landes erblicken konnte. Es tauchte einer nach dem andern hinab. Der Turm von Cuxhaven, der von Neuwerk, die Schaarhörnbake, die Lotsengaliote und endlich auch Helgoland. Er sah sie nie wieder und wurde nie mehr in der Elbe gesehen.