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siehe Bildunterschrift

Die Nikolaikirche brennt!

Fünfundfünfzigstes Kapitel
Der fünfte Mai

Während diese Szene auf der Elbe vor sich ging, saß ihr Urheber neben dem Malaien auf der Bodentreppe und lauschte auf jeden Schritt, der nach oben kam. Er wartete auf die Nachricht von der Verhaftung des Lotsen, die die Krisis herbeiführen mußte, denn er war überzeugt, daß Stubborn dann sofort mit Schwarz nach seinem Geld gehen würde. Geschah dies, so sollte der Malaie Schwarz als den gefährlichsten Gegner überfallen und niederstechen, worauf man in der dadurch hervorgerufenen Verwirrung sich des Geldes bemächtigen und davonkommen konnte. Der Malaie fand die Sache ganz nach seinem Geschmack, worüber Trick entzückt war, da er hoffte, daß sich dann alles auf den Piraten werfen, und er ihn so bequem loswerden würde.

Indes Stubborn wie ein Delinquent, der die Stunde seiner Hinrichtung herannahen sieht, auf und ab ging, saßen die beiden Schurken über ihm, mit der Geduld beutegieriger Indianer, und warteten schweigend.

Endlich ließ sich ein eiliger Tritt auf der Treppe hören. Trick bog sich weit über das Geländer und flüsterte dem Piraten zu: »Der Polizeimann.«

Es war Herr Stork, der fast außer Atem, aber lächelnd heraufkam und zu Stubborn hineinlief. – Trick gab dem Malaien ein Zeichen, daß er ruhig bleiben solle, und schlich hinab in das offen stehende Vorzimmer. – Er hörte laute Ausrufungen, die ihm ein Lächeln der Befriedigung abnötigten. Sein Gesicht nahm aber bald einen anderen Ausdruck an, als er sein Ohr an das Loch in der Wand legte und auf den Bericht Storks lauschte, der erzählte, wie Nielsen seinen Verfolgern entkommen sei. – Er hörte auch, wie Schwarz dem Polizeimann erklärte, daß Herr Trick ein Schurke sei und die Leute aus dem früheren Geschäft Stubborns zur Bewachung ihres vormaligen Prinzipals hier wären und bis morgen vormittag bleiben würden, wo sich manches aufklären solle und wo Herr Stork gebeten wurde, wieder zu kommen. – Dann hörte er Stork fortgehen und Schwarz fragen, zu was Stubborn sich entschließen wolle.

Der alte Bösewicht hatte aber durch das Entkommen des Piraten aus den Händen von Schwarz und das des Lotsen aus denen der Polizei neue Hoffnung auf sein eigenes Entweichen gefaßt und versuchte Zeit zu gewinnen, indem er ausweichende Antworten gab.

Schwarz geriet darüber in großen Zorn und stampfte so heftig mit dem Fuße auf den Boden, daß die Fenster klirrten.

»Ich sehe, daß jeder gütliche Versuch mit Ihnen umsonst ist,« sprach er. – »Ich verliere kein Wort mehr. – Der morgige Tag, der fünfte Mai, ist Ihnen als Endziel Ihrer Handlungen gestellt. Wohin Sie die bringen, wird der Tag zeigen. – Morgen früh um neun Uhr komme ich wieder! Diese Männer bleiben als Wache bei Ihnen!«

Schwarz verließ nach diesen Worten nebst Kern das Zimmer und Haus, während Wilm mit den Wasserleuten blieb.

Trick saß hinter dem Bettschirm und starrte dem Verschwundenen nach, indem er den Mund mehrmals nach Luft schnappend öffnete. Er war durch die Nachricht vom Entkommen des Lotsen für den Augenblick niedergeschmettert und gänzlich ratlos. – Die Bewachung Stubborns durch die Leute von Schwarz lag außer seiner Berechnung und bereitete ihm ein neues Hindernis, das die abermalige Halsstarrigkeit des Geizhalses noch vergrößerte, indem dadurch Schwarz endlich alle Geduld verlieren und die Polizei am nächsten Tage eingreifen konnte. – Es mußte ein neues Mittel ersonnen werden, das Stubborn noch vor der gefährlichen Stunde forttrieb und ihn zugleich von seinen Wächtern befreite. – Trick schlich hinaus und ging zu dem Malaien, der ihn ungeduldig erwartete.

»Nun, wie steht es?« fragte dieser.

Trick stieg, ohne eine Antwort zu geben, die Treppe hinunter und zog seinen neuen Kompagnon nach sich.

Im Hof angekommen, ging er nach der Wassertreppe und winkte den Mann mit dem Boot herbei, in das er stieg. Der Malaie folgte ihm. Er befahl dem Bootsführer, sehr langsam nach dem Hafen zu fahren, und ergriff den Arm des Piraten, den er krampfhaft drückte.

»Also nach dem Hafen sollst du fahren! Hast du verstanden?« rief er nochmals dem Bootsführer zu, jedoch diesmal in englischer Sprache.

»Tut mir leid, mein guter Herr Trick. Ich verstehe wohl god damn und money, aber weiter nichts Englisches. – Was wollen Sie?« erwiderte der Bootsmann.

»Ah so! – desto besser. – Ich meinte nur, du solltest sehr langsam fahren, weil ich dem Herrn Kapitän hier die Speicher zeigen will, wohin die Waren aus seinem Schiffe kommen. – Also jetzt, Mister Djal,« fuhr Trick englisch fort, – »sperrt Eure Augen und Ohren auf, denn der Augenblick ist gekommen, wo wir handeln müssen. Seht, alle diese Speicher liegen voll Waren.«

»Was kann uns das nützen?« rief ärgerlich der Pirat. »Schafft sie mir in ein Schiff und in die Sundastraße! – Wollen wir sie etwa herausholen?«

»Nein!« sprach Trick. – »Seht den großen Speicher dort, links von uns. Er gehört Roß und liegt voll Arrak, Schellack und Kampfer.«

» Damn! Ich brauche keinen Kampfer!« rief der Malaie.

»Schweigt und hört!« sprach Trick, seinen Arm pressend. »Also Kampfer. – Der nächste Speicher dort gehört Bostelmann. – Es liegt Zucker und Korn darin, ich glaube auch Spiritus. – Dann kommt die große Tischlerei von Stuckenberg. Der ganze Speicher liegt voll Holz. – Schönes, trockenes Holz, und im untersten Raume, am Wasser, werden die Hobelspäne gelagert. – Im Hofe aber wohnt der Schutenführer Wilm und noch zwei von den Kerlen, die eben jetzt Stubborn bis morgen vormittag dort hinter uns bewachen sollen. – Nun, Mr. Djal! Wie gefallen Euch diese Speicher? – Glaubt Ihr nicht, daß sie vortrefflich brennen werden?«

»Ah!« rief dieser, die Warenlager mit dem Blicke eines Tigers betrachtend. »Ah! Ich verstehe Euch jetzt. Ich glaube aber, diese alten, geteerten Holzhäuser brauchen gar keinen Kampfer und Spiritus, um wie Pechfackeln zu brennen. – Ihr meint doch so? – Was ist das, Hobelspäne?«

»Dieses«, sprach Trick, auf einen schwimmenden Hobelspan deutend.

»Was ist das mit der Bewachung von Stubborn?« fragte der Pirat weiter.

Trick erklärte die Sache, und fuhr dann fort:

»Ihr werdet ohne Zweifel ebenso geschickt im Feueranlegen sein, als Ihr mit dem Dolch umgeht. Es würde Euch vielleicht sogar Spaß machen, die Speicher hier anzuzünden. Ich würde es selbst tun, aber ich bin zu ungeschickt in solchen Sachen. Es darf nicht mißraten, denn es hängt jetzt alles davon ab, daß diese Häuser heute nacht recht lustig brennen. Die Kerle, die als Wache bei Stubborn sitzen, werden dann nach ihren Wohnungen laufen, und den alten Fuchs werden wir ausräuchern. Er wird nach seinem Geld laufen, und wir werden in der allgemeinen Verwirrung leichte Arbeit haben. – Ja, wir machen vielleicht noch ein gutes Nebengeschäftchen.«

Der Malaie zeigte bei seinem Tigerlächeln die Zähne und nickte. Er ließ die kohlschwarzen Augen über die Häuser laufen und murmelte:

»Es könnte nichts Besseres zum Anzünden geben. Sie müssen wie Rohr brennen. – Was haben wir für Wind?« fragte er.

Trick blickte nach den Wetterfahnen und sprach: – »Süd – schwacher Süd. Wir hatten den ganzen April Ostwind. Er scheint nach Südwest herumgehen zu wollen. Da ist der Speicher mit dem Holze und hier drin sind die Hobelspäne. Seht Euch den Platz genau an. Heute nacht um ein Uhr ist Hochwasser. Ihr könnt ein Boot rudern und werdet zusehen, daß es nicht mißlingt.«

»Habt keine Sorge. Ich werde mir einen Zünder bereiten, der seine Schuldigkeit tut und Teakholz anzünden würde. Holt mir nur die Sachen dazu, die ich Euch hier aufschreiben will. – So, da ist ein Blatt. Etwas Schwefel, Teer, Werg usw. – Es braucht's dies kaum bei den Häusern hier. Sie werden lustig weiterbrennen. – Wo liegt die Bank?« fragte er leise. – »Es sollen dort Silber- und Goldbarren in Massen lagern. Ist das wahr?«

»Seid Ihr des Teufels?« brummte Trick verblüfft. »Dort liegen allerdings Gold- und Silberbarren.«

»Nun, Ihr sagtet ja zu mir, wir machen vielleicht ein Nebengeschäftchen. Ha, ha! Wie wäre es denn? – Erst den alten Geizhals und dann –. Wieviel Leute habt Ihr zur Disposition?«

»Einige zwanzig«, sprach Trick.

»Liegt die Bank am Wasser? – Gut! – Könnt Ihr ein Fahrzeug dorthin bringen wie das, worin ich gefangen gehalten wurde?« fragte der Malaie.

»Es liegen Ewer dort an der Mühlenbrücke. Man nimmt einen, wenn man ihn braucht,« meinte Trick.

»So kommt und zeigt mir die Richtung zur Bank und diese selbst«, sprach der Pirat mit einem furchtbaren Lachen.

Beide stiegen am Brodschrangen an das Land. Trick führte den Malaien durch die Deichstraße, wo er ihm die Häuser zeigte, deren Speicher am Kleinen Flet die Schurken zur Erreichung ihres Zweckes anzünden wollten. Dann führte er ihn über den Hopfenmarkt nach der Neuen Burg und durch diese nach dem Rathaus, bei dem die Bank lag.

Der Pirat betrachtete die Straßen sehr aufmerksam und sah dabei oft nach seinem Taschenkompaß. – »Vortrefflich!« murmelte er, indem er nach den Holzgalerien und Dächern blickte, die man jahrhundertelang gegen den Regen geteert und so für das Feuer zubereitet hatte. – »Vortrefflich! Nur der Wind müßte nach West oder West-Süd-West herumgehen, und dann sehen diese verwünschten Straßen einander so ähnlich, daß sie ein Fremder nicht wieder erkennt. – Das ist also die Bank?« fragte er Trick, als ihm dieser das Gebäude zeigte. – »Wo liegt das Gold?«

»Unten im Keller«, flüsterte Trick.

»Gut! – Holt mir das Zeug, das hier aufgeschrieben steht. Ich will einen Schlüssel zur Bank daraus machen. Aber wo?«

»Könnt es bei mir machen,« meinte Trick und holte die Sachen zur Zündmasse aus verschiedenen Läden, woraus das schändliche Paar nach Tricks Wohnung ging, in der der Malaie zwölf unheilvolle Kugeln davon verfertigte.

Die Glocke des Nikolaiturmes schloß den vierten Mai mit zwölf langsamen Schlägen ab, die laut über die schlummernden Straßen hinschallten, in denen das Geschäftsleben am Tage pulsierte. Die Speicher am Kleinen Flet standen in tiefer Ruhe und Finsternis. Das Leben in ihnen war gewichen und sie für den künftigen Festtag geschlossen. Die Flut spielte lautlos um ihre Füße und spiegelte die Laternen der Brücken so ruhig wider, wie sie oben standen. – Da geriet das spiegelglatte Wasser in eine leise Bewegung. Der Reflex des Lichtes der Steintwietenbrücke teilte sich in Ringe und stob endlich in hundert Funken auseinander, als ein Boot langsam und unhörbar daherkam. Es schlich bei den Speichern vorbei. Im Bostelmannschen stand ein Fenster offen, durch das ein rotschimmernder Streifen gleich einer matten Sternschnuppe hineinfuhr. Im Holzspeicher hörte man gleich darauf das Klirren eines eingeschlagenen Fensters. Derselbe rote Schein verschwand darin. Im nächsten Speicher, wo Lumpen lagerten, wiederholte sich das Meteor nochmals. – Die glühenden Schlüssel zum Kerker des Unheils waren von den verruchten Händen in die Schlösser der Tür gesteckt. – Das Unheil war entfesselt, losgelassen, und sollte bald vernichtend über die reiche, glückliche Stadt dahinschreiten.

Das Boot ruderte nach dem Neuen Kran, wo der Mann, der es führte, ausstieg und es durch einen Fußtritt in den Kanal stieß, in dem es weiterschwamm.

Der Mann zündete sich eine Zigarre an, setzte sich auf die Mühlsteine, die beim Kran lagerten, und horchte gespannt.

Herr Trick steckte zu derselben Zeit den Kopf zum halbgeöffneten Fenster heraus und horchte ebenfalls. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf dem Fensterbrett und stand so unbeweglich, als wäre er abgeschnitten und an die frische Luft gestellt. Nur die Augen starrten nach Stubborns Fenster hinüber, wo Licht war und ein Schatten hin und her wandelte. Dann drehten sich die Augen nach dem Flet hinab und suchten einen Schein in der Finsternis, während die Ohren mit aller Spannung horchten.

»Noch nichts?« flüsterte der Kopf am Fenster, als die Glocke halb eins anzeigte. – Die alte Stille trat ein.

»Endlich!« murmelte der Kopf und fuhr aus dem Fenster.

Die Feuerglocke auf dem Nikolaiturme wird heftig angezogen. – Im Flet zeigt sich ein rötlicher Schimmer. – Die Glocken der andern Türme senden ihre Schreckensbotschaft über die Stadt. – Man hört entfernte Schüsse, und die Stimmen der Nachtwächter in den Straßen pflanzen den Ruf in die entferntesten Gegenden:

»Füer – Füer! in de Diekstraat!!«

Der Kopf am Fenster wird lebendig, als ihn die wachsende Glut anstrahlt. »Jetzt reisen wir beide«, zischt er nach Stubborns Schatten hinüber, der still steht und horcht. Trick streckt seine Faust nach ihm aus und zieht sich dann ins Zimmer zurück.

Die Fenster Stubborns werden aufgerissen, und Köpfe fahren heraus.

»Alle Donnerwetter! Es brennt bei uns unten. Jungens, alle dahl und holt meine Sachen 'raus. Ich muß zur Spritze!« ruft Wilm und rast mit seinen Leuten die Treppen hinab. Nur einer bleibt bei Stubborn.

Trick steht aber, sobald die Wasserleute aus dem Hause sind, wieder im Hof hinter den Fässern und behält die Treppe im Auge, von der Stubborn herab muß.

»Feuer! In der Deichstraße!« rufen indes die Wächter monoton in den entfernten Straßen.

»Hörst du? Es ist Feuer!« sagt Bernhart, Schnepfe weckend.

»Wenn du weiter nichts Neues weißt,« brummt dieser, »so brauchst du mich nicht zu wecken. – Das ist fast jede Nacht hier.« Er dreht sich herum und schläft ruhig weiter.

»Feuer in der Deichstraße!« hören die Bewohner am Hopfenmarkt, am Burstah und Rödingsmarkt.

»Oh,« denken sie, »weit weg. – Oh, unsere Spritzenleute sind ja da.« – Sie schlafen ruhig weiter.

Die Spritzenleute sind da, wie immer. Sie kommen gemächlich, aber sicher und voller Zuversicht. Sie verachten ihren Feind, das Feuer. – Das ist schlimm. Man soll nie einen Feind verachten, so sagten schon die Alten.

Es kommen zwei Spritzenleute in ihren weißen Kitteln Weißkittel-Mannschaft. Die Feuerwehrleute trugen weiße Kittel. »Bei den ausgezeichneten Löschanstalten, deren Hamburg sich vor allen deutschen Städten rühmen darf, konnte niemand die Gefahr ahnen, von der die ganze Stadt heimgesucht werden sollte …« (Friedrich Saß, Geschichte des Hamburger Brandes, Leipzig 1842.) vom Hopfenmarkt daher, so ruhig, als gingen sie nach Hause. Ein dritter folgt ihnen etwas eilig.

»Oh, stopp! stopp!« rufen sie. »Lat man noch 'n beeten obgahn, sonst find' wi gar nix to dohn.«

Geduld, ihr wackeren Spritzenleute! Ihr sollt eure Arbeit haben. Ihr sollt einen furchtbaren Kampf kämpfen und euren Feind achten und fürchten lernen. – Das Wort: »Laß noch ein bißchen aufgehen, sonst gibt es nichts zu tun«, soll für dies Jahrhundert diese Nacht das letztemal von euch gehört werden. Aber wackere Männer seid ihr doch.

Die Feuerglocke heult fort und fort, denn die Glut wächst mächtig und beleuchtet den Turm.

Der Malaie am Neuen Kran zündet sich eine neue Zigarre an, zieht dann seinen Taschenkompaß heraus, macht den Finger naß und hält ihn in die Höhe, um zu fühlen, wie der Wind steht. – Dann raucht er ruhig weiter und geht auf die Hohe Brücke, um die Glut über der Deichstraße zu betrachten.

Hier standen drei Speicher nebeneinander in vollen Flammen. Geschrei und Tumult erfüllte die Straße. Man begann die Wohnungen zu räumen, und mitten durch Hausrat, Wasserfässer und Spritzen bewegte sich ein Zug von einigen fünfzig Handwerksburschen mit den Tornistern und Felleisen auf dem Rücken und den Wanderstöcken in den Händen. Diese sonderbare Prozession bestand aus den Tischlergesellen der Stuckenbergschen Tischlerei, die statt zu retten das Weite suchten.

Eine Abteilung der Hanseaten war inzwischen auch eingetroffen und wollte die brennenden Speicher ausräumen. Die schönen Zigarren, die in einem Speicher lagen, erregten ihr besonderes Mitleid und schienen am meisten rettungswürdig. Der gute Zwickauer meinte: »Ach, Herr Jeeses! Es ist doch besser, sie werd'n von Menschen geroocht als vom Feuer!« und stürzte sich nebst seinen Kameraden mit Todesverachtung in Rauch und Flammen. Die Spritzenleute schrien ihnen warnend zu, das Gebäude zu verlassen, umsonst, sie laufen wieder hinein, der Giebel wankt und stürzt über ihnen zusammen. Sie werden tot und verwundet unter glühenden Trümmern hervorgezogen und, die ersten Opfer, hinweggetragen. Das Mitleid gegen die schönen Zigarren hat dem Zwickauer das Leben gekostet.

Die trockenen Bretterlagen im Stuckenbergschen Speicher verbreiteten indes eine furchtbare Glut und zündeten ringsum. Die brennenden Stöße wankten und schossen fächerartig in das Flet und gegen die Nachbarspeicher des Rödingsmarktes hinab, wo sie Verwirrung und Schrecken verbreiteten. Das Korn im Bostelmannschen Speicher flog knatternd und Millionen Funken sprühend in riesigen Feuergarben in die Luft, während der Zucker brennend schmolz und wie Blei niederlief. Einige Explosionen zeigten das Zerspringen der Spiritusfässer an, der sich mit dem Zucker mengte und die Glut vermehrte.

Die Löschmannschaften an den Schiffsspritzen im Flet arbeiteten unter Feuerregen und niederstürzenden Trümmern fort, als wären sie Salamander, denen die Hitze nichts anhaben könne. Es drang sich ihnen die Überzeugung auf, daß die höchste Zeit zur Bändigung des Feuers gekommen sei. Es mußte nach ihrer Ansicht jetzt nieder.

Da klingen aus dem Speicher von Roß donnernde Schläge wie Kanonenschüsse, dazwischen prasselndes, klirrendes Geräusch. Eine intensive Flamme bricht aus allen Luken hervor; während ein blauer Feuerstrom in Kaskaden durch die Türen und Ritzen in das Wasser strömt und sich auf diesem ein blaues Flammenmeer ausbreitet, das die Schiffsspritzen und Mannschaften zur wilden Flucht zwingt. – Der brennende Arrak und Spiritus schwimmt auf dem Wasser und zündet die Pfähle und Fahrzeuge an. Der Schellack fliegt prasselnd umher und zündet gleichfalls, während der Kampfer wie eine riesige Kerze strahlt.

Die tapferen Spritzenleute müssen sich mit verbranntem Haar und Augenbrauen zurückziehen. Sie erliegen der Anstrengung und bekommen eine Idee ihrer Ohnmacht. Aber das Feuer muß nieder. Sie stürzen sich wieder dagegen, indes man ihnen frische Mannschaft und Spritzen zuführt.

In der Deichstraße beginnt eine allgemeine Flucht. Man räumt die andere Seite nach dem Großen Flet, in dem sich mehrere Weinlager befinden. Die Flaschen aus den Kellern von Hein und Junge gehen wie Feuereimer von Hand zu Hand. Die erschöpften Spritzenleute schlagen ihnen die Hälse ab und trinken in langen Zügen Dry-Madeira und Portwein. Die Hanseaten folgen ihrem Beispiel. Herbeikommendes Gesindel greift zu, und inmitten des Flammenscheines der brennenden Straße wird ein großes Saufgelage gehalten, bei dem der edle Madeira auf den Boden fließt, während in den Schuten im Großen Flet die Köpfe der Champagnerflaschen abgeschlagen wurden und die Mannschaften vom edlen Schaumwein trieften. – Die Kunde von der unentgeltlich fließenden Weinquelle verbreitete sich bald in der Runde und lockte noch mehr neugieriges und genußsüchtiges Volk herbei. – Der große Zimmermann, der mit seiner Bande in der Nähe von Trick versteckt lag, hörte kaum von den preisgegebenen Weinlagern, als er mit allen seinen Freunden nach der Holzbrücke lief und den fluchenden Trick allein auf dem Posten ließ.

Die Flammen wälzten sich indessen wie Brandungswellen über die Dächer fort und fraßen gierig das alte ausgedörrte Holzwerk und die Schätze des Kaufmanns, die man weit über das Meer hergeführt hatte. Es war, als ob sich die Elemente gegen die Stadt verschwören wollten, denn der Wind, durch das Feuer im Anfange selbst erzeugt, begann stetig aus Südwest zu wehen. Die Flammen fraßen Haus für Haus, Speicher um Speicher und drangen immer gieriger heulend und prasselnd nach dem Rödingsmarkt und über die Steintwiete sowie gegen den Hopfenmarkt vor. Die Deichstraße nach der Holzbrücke zu brannte bereits, während die betrunkenen Menschen zwischen den brennenden Häusern fortzechten, wobei einige mit der Flasche in der Hand von herabstürzenden Schornsteinen und Hohlziegeln erschlagen, oder total betrunken in den Kellern liegend, von den einstürzenden Gebäuden begraben wurden.

Überall Geschrei, Krachen und Donnern einstürzender Balken und Giebel, dazwischen das taktmäßige Auf- und Niederdrücken der Spritzenschwengel und das Knattern der Flammen. Dann wieder ein lautes Krachen. Jammergeschrei und Hineinstürzen in den dicken Qualm, aus dem man zwei erschlagene Rohrführer trägt, die ein fallender Giebel traf. Man legt sie auf den Rödingsmarkt an die Wasserseite. Ein Arzt tritt zu ihnen und untersucht sie. – »Tot!« sagt er kurz und geht eilig weiter. Man hat keine Zeit, sich um die Toten zu bekümmern. Ein Mann bringt eine Flagge, die er über ihre Gesichter deckt. Der Tag bricht an und mit ihm wächst der Wind und die Verwirrung der Menschen. Das Vertrauen auf die unfehlbaren Spritzenleute beginnt zu schwinden. Man fängt an, in sinnlosem Schrecken alles auf die Straße zu schleppen und aus den Fenstern zu stürzen, wodurch die schmalen Gassen in der Nähe des Feuers verstopft und die Rettungsanstalten gehindert werden.

»Füer in de Diekstraat!« war der kaum beachtete Ruf der Nachtwächter, als die Dunkelheit noch auf den entfernten Stadtteilen lag, wo sie diese Nachricht hintrugen. – In der Deichstraße! – Es hätte ebenso gut in Harburg oder Wandsbek brennen können, so wenig berührte diese Kunde die Bewohner des Altenwalls und Jungfernstiegs. – »Es brennt noch in der Deichstraße!« hörten sie früh beim Kaffee sagen und blickten dann verwundert nach der Gegend, um den Rauch zu beobachten. Mit dem wachsenden Tage wurde die Aufmerksamkeit auf den Brand größer. Es begannen sich dunkle Gerüchte von erschlagenen Menschen, von dem brennenden Rödings- und Hopfenmarkt, von Spiritus- und Öllagern zu verbreiten. Es wurde von plündernden, betrunkenen Banden erzählt, und die Festtagsfreude wich einer besorgten Spannung. Die beschlossenen Landpartien unterblieben. Die Blicke der Umgegend wurden von der ungeheuren Rauchwolke angezogen, die über die Stadt trieb, und die Landbewohner richteten ihre Schritte nach ihr. – »Es muß ein ungeheures Feuer in Hamburg sein«, hörte man ringsum sagen.

Um die Verwirrung auf den Brandstellen einigermaßen aufzuheben, ließen Polizeiherr und die Spritzenmeister alle Unbeteiligten mit Gewalt forttreiben und die Straßen absperren. Die todmüden Spritzenmannschaften wurden abgelöst und warfen sich oft zwischen dem verstreuten Hausrat nieder, um sofort, vom Lärm umtobt, einzuschlafen. Die schlimmen Gerüchte wälzten sich von der Brandstätte weiter. Alles blickte ängstlich nach den Flammen und Rauchwogen, die sich ungeschwächt mitten in der Stadt erhoben, und in denen der Nikolaiturm bald hervortrat, bald verschwand, während seine Sturmglocke immer dringender nach Hilfe wimmerte.

Der Senat war im Rathaus versammelt und bot die Hafenarbeiter zum Beistand auf. Auch die Gewerke und Amtsmeister sammelten ihre Gesellen auf den Herbergen, um sie zur Hilfe für die Stadt zu verwenden. – Das Interesse des Einzelnen begann in den Hintergrund zu treten, und der Sinn für das Ganze in den Bürgern zu erwachen.

Es mag etwas unpraktisch erscheinen, aber es war immerhin großartig, daß man den Gottesdienst in der von einem Feuermeer umtobten Kirche abhielt Es war sowohl der Hauptgottesdienst wie auch der Mittagsgottesdienst in der Kirche abgehalten worden. Es war der Kandidat Wendt, der für den Pastor D. Carl Mönckeberg den Mittagsgottesdienst übernommen hatte; er mußte seine Predigt abbrechen und schloß sie mit einer Fürbitte für die Erhaltung der Kirche. (C. Mönckeberg, Geschichte der Freien und Hansestadt Hamburg, S. 475.). Merkwürdiger ist dabei jedoch der Umstand, daß sich willig ein kleiner Teil der Gemeinde versammelte und dem Gottesdienst beiwohnte; die Leute müssen entweder sehr fromm gewesen sein, oder sehr weit vom Feuer gewohnt haben. Es ist unbegreiflich, wie jemand mitten in einem so allgemeinen Unglück eine Predigt halten oder anhören kann.

Den vollständigen Überblick der Gefahr konnten am besten jene erlangen, die sich auf dem Nikolaiturm befanden, denn sie blickten unmittelbar in das Glutmeer unter sich und sahen, wie es Haus um Haus verschlang und der Kirche immer näherrückte. – Die Hitze war hier oben so furchtbar, daß das alte Holzwerk knackte und sprang. Die Kupferbekleidung an der Feuerseite wurde so heiß, daß man die Hand kaum darauf legen konnte. Einige Bürger fanden die Sache sehr bedenklich und gingen eilig nach dem Rathaus, um dem Senat den Stand der Dinge mitzuteilen und Vorsichtsmaßregeln für den Turm zu verlangen. Sie wurden jedoch barsch abgewiesen, wobei man ihnen verbot, sich um Sachen zu kümmern, die sie nichts angingen und aufregende Gerüchte zu verbreiten. – Sie entfernten sich achselzuckend und hatten ihre Schuldigkeit getan.

Auf dem Hopfenmarkt war indes eine Schar englischer Arbeiter mit ihrem Obmann angekommen, die die hölzernen Verkaufsstände und Buden einreißen sollten, die hier standen. Sie machten sich eifrig darüber her und zerhieben die Dächer und das Sparrenwerk mit ihren Äxten. Das herabgeworfene Holz konnte jeder nehmen, der es nur forttragen wollte. Es wurde von Weibern und Kindern in entfernte Stadtteile geschleppt, um dort später die Flammen weiter tragen zu helfen. Teilweise wurde das Holz auch in den nahen Kanal geworfen. Die Buden fingen aber dennoch Feuer und verbrannten.

Ein wochenlang anhaltender Ostwind und Sonnenschein hatte die jahrhundertealten Bauwerke der Hansestadt bis zur äußersten Dürre ausgetrocknet.

Der immer stärker werdende Wind trieb einen glühenden Aschen- und Funkenregen über die Stadt und jagte das Flugfeuer vor sich her. Die brennbaren Sachen aus den Speichern stiegen turmhoch in die Luft, wobei sie ein furchtbar prachtvolles Schauspiel gewährten. Dann verteilten sie sich, garbenmäßig herabsinkend, und wurden vom Wind in unbewachte Bodenluken oder zwischen die Holzgesimse getrieben, wo sie zündeten und Feuer, Schreck und Verwirrung weitertrugen.

Der alte Nikolaiturm wurde manchmal von solchen glühenden Funkenschwärmen gänzlich eingehüllt. Brennender Schellack und dergleichen legte sich auf sein Kupferdach und durch die offene Kuppel flogen solche Massen Flugfeuer, daß die Leute darin oft von der Brandseite weichen mußten. Nur ein kleiner Schornsteinfegerjunge saß in halsbrecherischer Stellung vor dem Geländer und kehrte die Funken mit einem Besen von den schadhaften Stellen, wo das Kupfer vom Wetter zerfressen und das Holz darunter sichtbar war.

Es wurde dem alten Turm aber dennoch zu heiß. Das Kupfer begann an mehreren Stellen abzuplatzen, weil das Holz so zusammentrocknete, daß die Nägel nicht mehr hielten. Vom wochenlangen Ostwind schon fast zur Mumie ausgedörrt, schwand bei der furchtbaren Feuerhitze jeder Rest von Feuchtigkeit aus dem alten Gebälk. – Der ganze Holzaufsatz fing an zu knarren und zu knacken. Er reckte und dehnte sich förmlich wie in todesangstvoller Feuerqual, als ahne der Turm, daß seine letzte Stunde gekommen sei.

Der Türmer hörte entsetzt das spukhafte Leben, das sich im Holzwerke über ihm regte und zog verzweifelt fort und fort an der Feuerglocke.

Die Feuermasse verdünnte die Luft dermaßen, daß sich mehr und mehr Wind erzeugte, der fast zum Sturm wuchs.

Die Spritzen waren machtlos. Der Stolz der alten Hamburger Spritzenleute war gebrochen. – Man mußte an andere ungewöhnliche Dinge denken, um dem furchtbaren Elemente einen Damm entgegenzusetzen.

Aller Augen hingen am Nikolaiturm, der jetzt aus dem Flammen- und Funkenmeer wie ein Leuchtturm hervorragte, den eine feurige See umspült.

Der Turm hatte den fünften Mai in zwei Hälften geteilt und die zwölfte Stunde geschlagen. Es war das letzte Mal, daß er dies tat.

Gegen ein Uhr sahen tausend Augen eine leichte Röte zwischen den Kugeln, die die oberste Spitze trugen. Schwache Dampfwolken schienen sich unter dem Kupfer hervorzuziehen. – Man hielt es für eine Täuschung, für den Reflex des unten wütenden Feuers.

Die oben im Turm wußten es jedoch besser. Ihr Schreckensschrei wurde unten im Tumult nicht gehört, aber man sah ihre Bewegung. Der kleine Schornsteinfeger ließ seinen Besen herabfallen und kletterte eiligst zwischen die Säulen hinein. Es zogen stärkere Rauchwolken von der Spitze hinweg.

» Der Turm brennt!« – Dieses Schreckenswort riefen hunderttausend Menschen gleichzeitig im Umkreis der Stadt. Bisher waren es wachsende Gerüchte, die Stadt und Vorstadt alarmierten. Dann bestätigten sie die wachsenden Rauch- und Flammensäulen, und jetzt schrieb ein feuriger Finger hoch oben vom Turm die Kunde, daß das Unglück über die Stadt schreite. Der Eindruck war furchtbar, gleich dem, als die geheimnisvolle Hand die feurigen Worte mene, mene, tekel, upharsin an die Wand des Belsazarpalastes schrieb, in dem man bei frohem Mahle saß. Wer die Schrift lesen konnte, erbleichte und sah, daß ein Tag gekommen war, wie seit Davousts Scheiden keiner dagewesen. – Mit dem Brand des Turmes war das Unheil vollständig entfesselt und schritt riesengroß einher. Der Widerstand dagegen begann zu sinken. Die Bürger standen neben ihren brennenden Möbeln und hatten keinen Blick, keine Hand für sie. Die Augen hafteten am Turm und fragten: »Wird man ihn retten können?«

Man versuchte es. – Der Feuerbeamte Moltrecht Der Spritzenkommandeur Moltrecht, der Spritzenmeister Adolf Repsold und sein Bruder Georg waren mit andern Bürgern auf den Turm gestiegen. stieg hinauf und befahl zugleich, die Kirchenspritze und Wasser hinauf zu bringen. Die Kirchenspritze war jedoch nicht in Ordnung. Die Herren Pastoren und Kirchenältesten hielten ihre Weinkeller in sehr schöner Ordnung, deshalb hatten sie keine Zeit, sich um die Kirchenspritze zu kümmern Diese Behauptung ist nicht erwiesen; Faulwasser (Die Nicolai-Kirche, S. 44) sagt nur, daß sich der eigentliche Herd des Brandes nicht mit dem »bescheidenen Strahl der Spritzen« erreichen ließ.. – Man brachte Schläuche und Wasser auf den Turm und versuchte, einen Wasserstrahl zwischen das brennende Gebälk zu leiten. Er reichte aber nicht hinauf. Es brachte irgend jemand eine Leiter. Moltrecht lehnte sie an eine der Säulen und stieg mit dem Eimer hinauf, um das Wasser zwischen die Kugeln zu gießen. Es war ein schwindelnder Weg, eine waghalsig gefährliche Stellung. Die Leiter, nur einen schmalen Stützpunkt an der runden Säule findend, würde mit ihm, wenn sie ins Schwanken gekommen, durch die Kuppel hinaus in die furchtbare Tiefe gestürzt sein. Er sah neben sich die freie Luft mit Rauch und Funken erfüllt; unter sich den Hopfenmarkt voller Menschen in Pygmäengestalten, Däumlinge, die alle ihre Gesichter aufwärts gegen ihn gekehrt hatten. Seine Nerven waren aber eisenfest, wie sie bei einem Mann in der Gefahr sein müssen. Er rief den Leuten zu, die Leiter gut zu halten und goß den Eimer nach den leckenden Flammen hinauf. Er traf sie aber nicht. Sie züngelten hinter den Kugeln. Die Leiter war zu kurz.

»Ich möchte beim Teufel wissen, was dahinten steckt und Feuer gefangen hat!« rief er, die flackernden Flämmchen betrachtend. »Die Balken brennen noch nicht. – Herrgott! Nur eine ordentliche Spritze herauf! – Ich glaube die Zimmerleute haben Hobelspäne beim Bauen in den Ecken liegen lassen.«

»Nein, es sind Vogelnester zwischen den Kugeln!« schrie der kleine Schornsteinfeger. – »Dort, wo es brennt ist ein großes Habichtsnest, und da und dort sind Dohlennester, die verlassen sind, seit der Habicht hier ist. – Ich habe schon mehrmals versucht, die Jungen auszunehmen, aber es ist nicht möglich, da hinaufzukommen, ohne den Hals zu brechen.«

»Es ist unverzeihlich, daß keine Leiter hier oben ist, um nach solchen Stellen zu kommen und daß die Kirchenspritze in so jämmerlichem Zustande ist!« riefen die Männer. – Man versuchte nochmals, die Glut mit den Eimern zu löschen, allein vergeblich. Sie griff weiter, und es fing in der verdeckten Spitze an zu prasseln und zu knacken. Bald fielen einzelne glühende Kohlen herab. Die Flammen krochen unter dem Kupfer hervor und liefen nach dem Kreuze hinauf. Der Sturmwind pfiff zwar durch die Säulen und blies das Feuer auf Augenblicke aus, aber nur, um es dann wieder stärker anzublasen.

Die Männer oben standen in verzweifeltem Schweigen. Einige ergriffen die Flucht und eilten die Treppen hinab. Mehrere Zimmerleute, die mit einem Stadtbaumeister heraufgekommen waren, standen auf ihre Äxte gelehnt und blickten kummervoll auf das Meisterstück und den Stolz der Zimmerkunst, den Holzbau des Turmes, der jetzt der Vernichtung anheimfallen sollte.

Moltrecht sah ihre Mienen und ihre Äxte. Ein Gedanke fuhr durch seinen Kopf.

»Hierher, Leute!« rief er. »Haut die Säulen durch! Hier auf der Luvseite, wo der Wind herkommt. – Dann stürzen wir die ganze Spitze hinunter und retten so vielleicht das, was unter uns ist.«

»Das geht nicht!« sprach der Baumeister, eine Prise nehmend. »Wir müßten wenigstens die Hälfte der Säulen abhauen und dann würde uns die ganze Geschichte über dem Kopfe zusammenfallen. Wir haben auch keine Zeit mehr. Da!« –

Ein Regen von glühenden Kohlen und ein furchtbares Prasseln der Flammen von oben folgte den Worten und trieb alle hinab. Es war etwa gegen drei Uhr, als die Verteidiger des Turmes die Flucht ergreifen mußten. Die alte Wendeltreppe, die aus dem Holzbau herunterführte, knackte und schwankte sehr bedenklich unter der ungewohnten Menschenlast. Der Feuerregen von oben nahm zu und trieb zur höchsten Eile. Dennoch blieben die Hinabsteigenden einen Augenblick verwundert stehen, als sie die Töne des Glockenspiels in so wilder Verwirrung erklingen hörten, als ließen die Glocken ihren Todesschrei erschallen. – Ein Krachen von oben trieb jedoch alles in schleunigster Flucht hinab. Die Glocken verstummten. Das Feuer brach in den Turm hinein, und oben an der glühenden Treppe erschien der kleine Schornsteinfeger, der das Spiel noch einmal in Bewegung gesetzt hatte, um die oft gehörten und angestaunten Klänge zum letzten Male zu hören Unbestätigt.. Er sprang die brennenden Stufen hinab, wobei ihn die Flammen und fallende Holzbrände wie böse Geister verfolgten und zu ungeheuren Sätzen zwangen, als wollten sie Rache für seinen Kampf gegen sie nehmen. Von Rauch und Funken geblendet, tat er einen Fehltritt und stürzte eine Strecke hinab, wo er besinnungslos mit einem gebrochenen Beine liegenblieb. Ein mitleidiger Spritzenmann trug ihn fort und legte ihn in einer Straße auf ein Sofa, das er dort fand.

Etwa eine Stunde, nachdem die Männer vom Turme weichen mußten, brach seine Spitze herab und zerschmetterte das Kirchendach sowie das der Predigerhäuser, aus denen sogleich die Flammen schlugen. Der Turm erschien jetzt wie ein riesiger Schmelzofen voll Glut erfüllt. Die Luft stürzte unten in alle Öffnungen und fuhr mit entsetzlichem Heulen und Krachen samt der Lohe oben hinaus. Eine Flamme von nie gesehener Größe entstieg dem Holzbau, von dem die Kupferdachung teils in grünen Flammen verbrannte, teils schmelzend herablief, bis das ganze innere Balkenwerk des Aufsatzes rotglühend erschien, was den Anblick bot, als sei es von purem Gold. – Aller Blicke hingen staunend daran. Es war wie in einem furchtbaren Zaubermärchen, denn die vier kolossalen Rinnen mit den abenteuerlichen Drachenköpfen an der Galerie spien Kaskaden von glühendem, geschmolzenem Kupfer herab, die alles, was lebte, unten verjagten. Die Glocken fielen in Tropfen hinunter, und gegen halb sechs Uhr brach das goldige Gerippe zusammen und trieb eine Glutsäule aus den Turmmauern gegen den Himmel, die die Höhe des Turmes vierfach überstieg und dem Ausbruch eines Vulkans gleichkam. Dann erschien ein dicker, massiver Qualm, der alles verhüllte und sich wie Hagel zur Erde herabsenkte, bis er anfing, rötlich zu schimmern und ein unbeschreiblicher Kohlen- und Brandregen daraus hervorbrach, der die Stadt nach allen Richtungen überschüttete und an hundert Orten zugleich zündete.

Entmutigung, Flucht, Geschrei und Verzweiflung sowie unendliche Verwirrung war die Folge dieser Szene. Kein Mensch und keine Gegend der Stadt fühlte sich nun noch sicher. Die Blicke der Fliehenden kehrten nochmals nach dem Turm zurück, ihr Fuß hielt an. – Der Qualm war gewichen, und die glühenden Mauern des Turmes und der Kirche standen klar in der Luft, und zwar in hellen, goldigen Farben. Die alten Spitzbogenfenster waren von der inneren Glut wie von geschmolzenem Gold erfüllt, während hoch aus dem obersten Turmstumpf eine gigantische, spitze, hellgrüngoldige Flamme ohne jeden Rauch flackerte. Eine Opferflamme auf dem Grab eines stolzen Bauriesen der nordischen Hansestadt, die weit in das Land hinaus leuchtete und die Nachbarn zur Hilfe herbeirief.

So weit aber auch die Flamme ihr Licht hinauswarf, so weit trat alles andere in den Hintergrund. Neugier und Mitleid für die brennende Stadt erfüllte jedes Gemüt. Der Trieb zu helfen erwachte, und was im Umkreise vieler Stunden zum Löschen der Flammen dienen konnte, eilte dem Feuerzeichen des Turmes nach.

Eine ungeheure Menge von Wagen bedeckte alle Landstraßen, die nach der Stadt führten. In unabsehbaren Reihen zogen sie leer hinein, um mit den verschiedensten Gegenständen beladen wieder herauszukommen und Waren, mit Hausrat untermischt, zu den Seiten des Weges, auf Wiesen oder an sonstigen Plätzen abzuladen. Die angsterfüllten Leute schleppten auf die Straßen, was ihnen in die Hände kam, warfen es auf die nächsten Wagen und ließen es wegfahren. Wohin wußte oft weder der Besitzer noch der Kutscher. Nur aus der Nähe des Feuers, weit, weit fort. Dabei wurden die besten, wertvollsten Sachen gewöhnlich ein Raub der Flammen, während man wertloses, lächerliches Zeug mit Sorgfalt wegtrug, um es irgendwohin zu legen, wo man es nie wiederfand, oder es gar zur Sicherung gegen das Verbrennen ins Wasser zu werfen.

Hatten die daherrollenden Glutwogen schon alles mit Schrecken erfüllt, so raubte ein neu auftretendes Gerücht den Leuten die letzte Fassung. »Es wird gesprengt! Man sprengt die Häuser in die Luft!« ging wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund und brachte die Verwirrung auf den höchsten Gipfel. »Rette sich, wer kann!« wurde jetzt die allgemeine Losung, mit der die Straßen um die Nikolaikirche von ihren Bewohnern verlassen und dem Feuer preisgegeben wurden.

Es gab gewiß noch nicht zwei Menschen in Hamburg, die die schreckliche Feuersbrunst mit solch teuflischer Freude wachsen sahen wie die beiden Schurken, die das Unglück angerichtet hatten.

Trick saß hinter den Fässern verborgen und hörte auf die Sturmglocke, indem er seine Haare mit kannibalischer Befriedigung strich und den hellen Schlägen vom Turme durch dumpfe Schläge an seine Nase antwortete. Er horchte auf den wachsenden Lärm und das näherkommende Krachen und Geschrei, ließ dabei aber die Treppe, von der Stubborn kommen mußte, nicht aus den Augen und murmelte: »Oh, du wirst schon kommen! Ich kann ebensoviel Hitze vertragen wie du. – Du entgehst mir durch dein Warten nicht. – Ich warte auch!« – Er schlug wieder an seine Nase.

»Ihr läutet wohl auch Sturm?« fragte eine Stimme hinter ihm.

Trick fuhr zurück. Es war der Malaie, der sich die Hände vor Freude rieb.

»Ihr habt die Stelle gut ausgesucht«, sprach er. »Es brennt jetzt nach der Kirche zu; wenn diese gefaßt wird, dann gelingt es doch vielleicht noch, daß wir ein Nebengeschäftchen machen! – Denn der Wind steht prächtig und bläst immer besser. Ich helfe bald ein wenig nach. – Wie sieht es mit unserm Manne aus?«

»Ich warte auf ihn!« knurrte Trick, dem der Malaie gar nicht gelegen kam.

»Wo sind Eure Leute?« fragte dieser.

»Der Teufel weiß es. Die Schufte sind jedenfalls dort, wo es was zu saufen gibt. – Oh, hätte ich doch einen Tropfen!« sagte Trick, indem er mit der Zunge die trockenen Lippen anfeuchtete.

»Ha, da kommt er!« zischte Trick, nach der Treppe blickend, die Stubborn herabstieg, der die Wohnung verließ, sobald sein letzter Wächter davongelaufen war. – »Ha, wie er sich umsieht, ob er allein ist! – Wenn nur Schwarz nicht etwa kommt. – Nur jetzt nicht, du guter Teufel, der mich bisher immer beschützt hat. – Er hält einen Schlüssel in der Hand. Ha, ha, zur Tür, wo unser Geld liegt, halb und halb! Was will er? – Alle Donner!«

Mit diesen Worten kroch Trick vollständig hinter die Fässer, denn Stubborn kam gerade darauf zu und schlich vorsichtig nach der Tür des Schuppens, in dem der Dampfkessel lag. Er sah nochmals im Hof umher, schloß dann auf und schlüpfte hinein, indem er die Tür anlehnte.

Drinnen horchte er. – Der verworrene Lärm auf den Straßen klang nur dumpf wider, aber die Schläge der Sturmglocke hörte er deutlich und konnte die Vorstellung nicht loswerden, daß man sie seinetwegen ziehe, damit die ganze Stadt auf die Beine komme und ihn nicht mit seinem Geld fortlasse.

Er öffnete leise die Klappe des Dampfkessels, denn er fürchtete den Widerhall darin. Dann horchte er nochmals und kroch langsam in den Kessel, dessen Tür er anlehnte. Er wollte eben das Stück Segeltuch davor hängen, als er draußen Lärm und seinen Namen rufen hörte.

»Er ist hier in diese Ecke gegangen und muß in dem Schuppen sein«, sagte eine Stimme ganz nahe der Tür. »Er konnte uns nicht entwischen. Ich saß seit Sonnenaufgang an der Wassertreppe, wo Wilm neben mir schlief, und vorn saß Jakob«, fuhr der Sprecher fort, in dem Trick Takel-Jan erkannte.

»Er muß im Schuppen sein!« schrie jetzt Jakob. – »Da, der Schlüssel steckt! – Hier, Herr Schwarz!«

Stubborn drückte sich zitternd ganz in die Ecke des Kessels, während Trick draußen mit gräßlichen Verwünschungen unter ein leeres Faß kroch und lauschte.

Schwarz sprang herbei. Seine Kleider und Stiefel waren verbrannt und durchnäßt zugleich. Wilm kam von der andern Seite. Er trug einen Lederhut auf dem Kopf und den Leinenkittel der Spritzenleute, der naß und beschmutzt war. Eben erst aus einem tiefen Schlaf erwacht, hielt er ein großes Stück Holländer Käse in der Hand, von dem er abbiß, während er aus einer Weinflasche einen sehr langen Zug tat und sie dann Takel-Jan gab, der ihr vollends den Garaus machte und sie in eine Ecke schleuderte.

»Das ist ein Feuer, wie es seit Menschengedenken keins gab«, sagte er. »Kinder, der Ruhm unseres Korps geht dabei zum Teufel! – Was ist mit meinen Leuten und Sachen?« fragte er, Schwarz die Hand reichend.

»Ich habe Euch versprochen, dafür zu sorgen. Eure Frau und Tochter sind geborgen, aber die Sachen sehen ungefähr aus wie ich selbst«, antwortete dieser.

»Alle Teufel! Da werde ich euch beide ein bißchen aufpolieren lassen müssen,« sprach Wilm, Schwarz betrachtend.

»Stubborn ist also nicht entkommen?« fragte dieser jetzt.

»Nein! – Ich setzte mich an die Wassertreppe schlafen, und auf der Brücke steht meine Spritze, bei der zwei Leute von uns sind, die die Nacht nicht gearbeitet haben und auf ihn aufpaßten. – Er ist soeben herunter und muß hier stecken«, sagte Wilm.

»Ich sah ihn in diese Tür schleichen,« fügte Jakob bei. »Wenn der Schuppen kein Loch hat, so haben wir ihn drin. Suchen wir!«

Die Männer kamen herein und durchsuchten jeden Winkel. Auf die Idee, daß Stubborn durch die Putzklappe in den Kessel gekrochen sein könne, kam niemand. Da man ihn nicht fand, so vermutete man, daß er sich zwischen der Bretterwand verborgen halte oder durch ein Loch entwischt sei. – Jakob kroch als geübter Dachjäger unter die Dachbalken und suchte dort. Er fand jedoch nichts und blieb lauschend oben liegen.

»Hallo, Herr Stubborn!« rief Schwarz. »Sie sind irgendwo versteckt! Sie entkommen mir nicht, denn draußen können Sie nicht fort und hier lasse ich Sie bewachen, bis das Haus niederbrennt. – Kommen Sie gutwillig! – Was ist das?« unterbrach er sich, nach außen horchend.

»Der Turm brennt!« schrie ein herbeikommender Spritzenmann.

»Dann sei Gott uns allen gnädig und unserer armen Stadt dazu!« rief Wilm erschrocken und lief nach der Brücke.

»Bleibt ein paar und bewacht den Schuppen, bis ich wiederkomme!« sagte Schwarz und lief mit den übrigen Leuten nach dem Hopfenmarkt.

Takel-Jan und noch einer blieben im Hof und gingen abwechselnd hinaus, wo sie den Turm sehen konnten, dann beklagten beide sein Ende mit Tränen in den Augen.

»Das schöne Kupfer, womit er beschlagen ist, wird all verbrennen«, sprach Takel-Jan, sich die Augen wischend, als er die grünen Flammen sah.

Als sich im Schuppen nichts mehr rührte, glaubte Stubborn, der brennende Turm, von dem er hörte, werde alle fortgelockt haben. Er hing deshalb das Segeltuch vor die Klappe, kroch nach hinten und zündete die Laterne an, um sich schleunigst mit dem Kasten davonzumachen. Er kniete an dem Kesselsteinhaufen und grub den Kasten heraus, als er ein Geräusch hinter sich hörte, das von außen zu kommen schien und ein Echo im Kessel erweckte. Er blickte sich um und ließ den Strahl der Laterne nach vorn fallen, wo ihn unter dem zurückgeschobenen Segeltuche das Gesicht Tricks angrinste, der den Kopf zur Klappe hereingesteckt hatte.

»Ah, halb und halb!« rief Trick. – – – Er erschrak jedoch so vor dem ungeheuren Echo seiner Stimme, daß er den Kopf schnell zurückzog. – Es war ihm, als habe die ganze Hölle drin mit »halb und halb« geschrien. – Stubborn hielt sich beide Ohren zu und sah mit Entsetzen nach der Klappe, in der Tricks Gesicht wieder erschien.

»Ah, halb und halb!« flüsterte er. Es schallte immer noch schrecklich laut. »Also hier hattet Ihr es stecken? Nun kommt nur heraus damit, kommt, mein Herzchen! Wir haben gerade einen freien Augenblick. Sie sehen alle den Spaß mit dem Turm an, während wir uns zusammen drücken. Nun, wollt Ihr wohl?« schrie Trick, als er sah, daß sich Stubborn nicht rührte.

Dieser wurde durch den auf ihn eindringenden Riesenschall halb wahnsinnig gemacht und sprang wie ein Tiger nach Trick, indem er ein Dolchmesser zog und einen Stoß auf ihn führte.

Trick fuhr hinaus und schlug die Klappe donnernd zu, wonach er den Riegel vorschob. Stubborn war gefangen und sah mit Entsetzen, daß er sich ganz in Tricks Händen befand.

Er hörte, wie dieser auf den Kessel kletterte, was das unerträgliche Echo erweckte, als er darauf hinlief und nach hinten ging, wo er zum Dampfrohr hineinrief:

»He, Kompagnon! Halb und halb! Wie steht's? Wollt Ihr gutwillig herauskommen und den Kasten mitbringen, oder soll ich meine Leute holen, die Hineinkommen und den Kasten allein herausbringen? Dann lasse ich Euch aber drin, damit Ihr vor dem Feuer sicher seid, wenn die Baracke hier anbrennt.«

»Geh in die Hölle, du Schuft!« schrie Stubborn in das Rohr hinaus. »Ich bringe jeden um, der hereinkriechen will und warte, bis Schwarz wiederkommt, den ich um Hilfe gegen Euch anrufen werde.«

»Nun gut, Kompagnon!« war Tricks Antwort. »So müssen wir sehen, wer eher kommt. Im Notfall machen wir ein Feuer unter den Kessel und jagen Euch so heraus. Es kommt ja jetzt auf ein bißchen Feuer mehr nicht an.«

Trick lief nach diesen Worten hinaus, um seine Bande aufzusuchen. Ein schwieriges Unternehmen in diesem Tumult. Er kannte jedoch seine Leute und glaubte sie dort finden zu können, wo sich die Flamme einem Weinlager näherte oder wo Goldarbeiter und Geldwechsler ihre Geschäfte trieben.

Trick war kaum aus dem Schuppen verschwunden, als sich etwas in den Dachbalken zu regen begann, aus denen Jakob herabkletterte. Dieser junge Mann fand es äußerst spaßhaft, daß der alte Geizhals in dem Kessel gefangen saß. Er klopfte daran und rief: »Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden. Ich komme gleich wieder«, worauf er den Schuppen verließ, um Schwarz aufzusuchen und ihm die Kunde von Stubborns Aufenthalt zu bringen. Sowohl Jakob als Trick sollten lange suchen, bis sie die Ihrigen fanden.

Die Feuerwogen wälzten sich indessen auf Stubborns Haus zu, ohne sich auch nur einen Augenblick durch den Widerstand der Löschmannschaften aufhalten zu lassen, die riesenmäßig dagegen ankämpften. Der Sturz des Turmes setzte die ganze Umgebung in Brand. Es war alles verloren.

Stubborn war nach der Seite des Kessels gekrochen, wo sich das Dampfrohr befand und horchte durch es nach außen. Was er erst gefürchtet, das hoffte er jetzt: die Ankunft von Schwarz, der ihn allein aus den Klauen Tricks retten konnte. Er hörte das Zusammenstürzen des Turmes und wurde von einer entsetzlichen Angst erfaßt, weil er glaubte, es sei das Haus. Da er jedoch nichts auf den Kessel fallen hörte, so faßte er wieder Hoffnung und lauschte angestrengt. Es blieb alles ruhig. Eine entsetzlich lange Zeit, wie ihm die halbe Stunde vorkam, die nach dem Sturz des Turmes verging. Dann hörte er ein leises Brausen und Knattern durch das Rohr, dem dumpfe Schläge auf das Schuppendach folgten. Es waren die Hohlziegel des Hauses, die von dem brennenden Sparrenwerk absprangen und herabflogen. Haus und Hof waren von allem Lebendigen verlassen. Nur er allein saß in dem festen Eisenkessel gefangen, mit all seinem Geld gefangen und dem Feuer preisgegeben, wenn es den Weg zu ihm fand.

Er begriff seine Lage und schrie mit aller Kraft seiner Lungen um Hilfe.

Ein entsetzliches, unbeschreibliches Geschrei antwortete ihm und drohte seine Ohren zu sprengen. Er stürzte vor Schreck nieder und sah sich verstört um.

Ein neues, donnerndes Echo erfüllte den Kessel so betäubend, daß er fast besinnungslos niederfiel. Es kam von außen, vom einstürzenden Dach des Schuppens, dem dumpfe Schläge folgten, die den Kessel hie und da bogen. Stubborn schrie nochmals nach Hilfe, und abermals stürmte das Echo wie hunderttausend Teufelsstimmen auf ihn ein, schrillend und gräßlich bis in die höchsten Töne hinauf und so Mark und Bein durchdringend, daß er ohnmächtig zusammenbrach.

Als er erwachte, war jeder Lärm von außen erstorben, nur schwaches Knistern und Knacken vernahm er. Die Hitze im Kessel war indes so gestiegen, daß ihm der Schweiß vom Leibe rann. Er stürzte nach der Klappe und machte Riesenanstrengungen, sie zu öffnen. Umsonst! Wenn es der Dampf nicht konnte, wie wollte es der alte, elende Mann tun? Er wollte um Hilfe rufen, aber er fand es auf einmal lächerlich, da er so gut geborgen war. Das Blut drang siedend nach seinem Kopf und kochte dort den Wahnsinn. Er lachte laut und horchte dann auf das schreckliche Gelächter, das ihm antwortete. Er sah nach seiner Laterne, deren Licht bald abgebrannt war, aber was kümmerte ihn das? Wurden nicht die Eisenplatten des Kessels über ihm langsam rotglühend von den brennenden Trümmern, die auf ihm loderten? Er kroch wieder nach der Laterne und fiel mit dem Gesicht auf den Kesselstein, aus dem er Kühlung sog. Dann setzte er sich und zog gedankenlos die Uhr aus der Tasche, um zu sehen, wie spät es sei. Sie stand still, denn die Hitze hatte die Räder ausgedehnt, sie konnte nicht mehr gehen. Die Eisenplatten vorn fingen an stärker zu leuchten. Die Hitze stieg. Von Stubborns Stiefeln lösten sich die Sohlen und fielen ab. Das Leder rollte sich zusammen, er atmete glühende Luft.

Der Elende sank abermals auf sein Gesicht nieder und begrub es samt den Händen in den kühlen Kesselstein. Er raffte sich wieder auf, zog sein Notizbuch, legte sich neben die Laterne flach auf den Boden und schrieb:

»Es gibt eine Hölle. Ich habe sie herausgefordert. Es gibt eine Hölle, ich fühle sie in und außer mir. Wenn es ewig so dauern sollte! Entsetzlich! Alles, was hier liegt, gehört Ernst Schwarz. Alles unter mir, über mir glüht es – die Hölle – die H –«

Der Unglückliche warf sich auf das Gesicht und wühlte es mit den Händen in den Kesselstein, bis es auf dem Kasten lag. Er zuckte noch einigemal krampfhaft mit den Armen, dann war er ruhig und rührte sich nicht mehr.

Die Laterne verlöschte, aber die Decke des Kessels war glühend geworden und warf ein rotes Licht hinein, das den Mann am Boden nicht im Finstern ließ.

*

Die Spritze auf der Brücke der Grütztwiete mußte ihren Posten verlassen, als das Feuermeer über die Dächer daherbrauste und das bewachte Haus mit in Flammen setzte. Die Häuser vom Rödingsmarkt brannten; Wilm wie Takel-Jan zogen sich halb versengt zurück. In diesem Augenblick kamen Schwarz und Jakob an und liefen in das brennende Haus, nachdem sich beide aus einem vergessenen Wasserfaß mit Eimern überschüttet hatten.

»Ist er noch drin?« schrie Schwarz vorher Wilm zu.

»Er muß drin sein. Wir haben ihn nicht herauskommen sehen. Aber bleiben Sie. Es ist zu spät!« rief Wilm.

»Er steckt im Kessel!« sagte Jakob und sprang Schwarz durch Rauch und Funkenregen nach.

»Es ist zu spät!« schrie Wilm nochmals und sah dann erstaunt die Gestalt eines Mädchens in das Haus laufen, in der er die Tochter Stubborns erkannte, der der Polizeimann Stork folgte, um sie zurückzuhalten. Der wackere Mann brach jedoch vor dem Hause zusammen und murmelte: »Ich kann nicht mehr.« Seine Hände und Kleider waren verbrannt, die Haare versengt. Er hatte seit Mitternacht gerettet, geholfen und gegen Gesindel gekämpft, ohne einen Bissen zu genießen, er fand Berta, die Wohnung ihres Vaters suchend, als er sich eben niederwerfen wollte. Er brachte sie her, denn er wußte nicht, daß es hier bereits brannte, und stürzte nun zusammen, als er das Mädchen Ernst Schwarz folgen sah.

Die Spritzenleute schleppten ihn weg, während Wilm und Takel-Jan ein Bootssegel ergriffen und es in eine Wasserkope tauchten. Dann rannten sie damit in den Funkenregen des Hauses.

Schwarz stand einen Augenblick Atem holend im Hofe und wollte eben mit Jakob nach dem Schuppen gehen, als er sich festgehalten fühlte. Er wandte sich um und sah mit dem größten Erstaunen Berta neben sich stehen.

Das Mädchen war wunderbar schön anzuschauen. Das lose prachtvolle Rabenhaar hob das blasse Gesicht und die glühenden Augen hervor. Sie sah Schwarz unbeschreiblich rührend an und hob die Hände bittend gegen ihn auf, indem sie sprach:

»Verderbe ihn nicht. Er ist mein Vater!«

»Verderben? Nein, Mädchen! Die Liebe hat längst über den Haß gesiegt! Retten will ich ihn und vor Trick sichern. Dir zu Liebe!«

Berta breitete ihre Arme gegen Schwarz aus.

»Alle Donner,« schrie Jakob erstaunt, »das ist ein schlechter Platz für Rendezvous!« wobei er Berta packte und zur Seite riß, weil eben ein Hagel von Ziegeln und brennenden Holzstücken niederprasselte. Jetzt liefen auch Wilm und Takel-Jan herbei, die, ohne ein Wort zu sagen, das nasse Segel über das Mädchen warfen, deren Kleider bereits an mehreren Stellen glimmten und sie so in Sicherheit brachten, denn die Hintergebäude fielen eben krachend über dem Schuppen zusammen. Die Trümmer flogen um Schwarz. Er mußte mit Jakob den Männern eilig folgen und den gefangenen Stubborn seinem Schicksal überlassen.

Es gelangten alle glücklich aus der brennenden Straße und suchten auf dem Rödingsmarkt Schutz und Erholung. Hier erzählte Schwarz, wo Stubborn sei und sprach die Hoffnung aus, ihn lebend in dem Versteck zu finden, sobald man in das Haus kommen könne.

Takel-Jan, der ein Brot, ein großes Stück Speck und einige Flaschen Wein irgendwo geholt hatte und dies mit dem Polizeimann einträchtig verzehrte, teilte diesem die leise Bemerkung mit, daß man den Alten wohl etwas gebraten finden würde. Herr Stork murmelte: »Der Geiz, der Geiz!« worauf er bedauerte, daß Herr Trick nicht bei seinem Prinzipal sei, oder noch lieber, seine Stelle allein eingenommen habe. Mit diesem Wunsch fiel er in ein Packen Wäsche zurück, um einzuschlafen.

Nielsen war gekommen. Er sagte Schwarz, daß er in der Hoffnung gekommen sei, den Malaien zu finden, der bei dieser Gelegenheit seine Räubernatur nicht verleugnen werde. Er hielt sich bei der Sachlage für sicher, da die Polizei mehr zu tun habe, als auf ihn zu fahnden. Der Malaie müsse aber, tot oder lebendig, wieder in seine Hände kommen. Als er Stubborns Lage erfuhr, flog ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht, das jedoch verschwand, sobald er auf Berta blickte, die Schwarz nach Haus führte, nachdem man einen Ort der Zusammenkunft in St. Pauli besprochen. Der Lotse ging in die brennenden Straßen, um seinen Feind zu suchen.

Es war Abend, aber die Nacht, die ihm folgte, brachte keine Dunkelheit mit, denn die brennende Stadt leuchtete weit über ihre Wälle hinaus.

Das Feuer fraß nach der Windrichtung fort. Der Widerstand war fast gänzlich aufgegeben. Alle flüchteten wild durcheinander und trugen mit sich fort, was sie eben aufraffen konnten. War in einigen Straßen die größte Verwirrung, eine Menschen- und Wagenflut zu finden, so standen andere, in denen noch kein einziges Haus brannte, gänzlich verlassen und totenstill. Die Türen der Häuser und Wohnungen waren weit geöffnet. Einzelne Diebe trugen in aller Ruhe daraus fort, was ihnen gefiel, und niemand hielt sie dabei an oder störte sie. In der Bohnenstraße standen die Fenster größtenteils offen, aus denen die Vorhänge wie Gespenster hingen oder im Winde wehten.

Hier schlich der Malaie in ein Haus, wie er dies schon auf der Neuen Burg getan. Er blieb eine Weile und kam dann vorsichtig wieder heraus, worauf er die Straße eilig verließ und sie von der Ecke aus beobachtete. Bald nach seiner Entfernung drang Rauch aus dem Hause und die Flammen brachen durch das Dach und die Fenster. Der Mordbrenner sah nach seinem Kompaß und ging weiter, um das Feuer nach der Bank zu leiten.

Es war eine furchtbare Nacht. Viele Hamburger, die im Vertrauen zu ihren Löschanstalten an diesem schönen Festtag weite Landpartien gemacht hatten, fanden, als sie abends zurückkehrten, weder ihr Haus noch ihre Straße wieder und wußten nicht, wo die Angehörigen hingekommen waren, oder wo sie selbst ihr Haupt niederlegen sollten.

Auch Bernhart und Schnepfe verließen schon bei Tagesanbruch die Stadt. Sie trieben in dem Boot des lustigen Maklers einige Stunden weit stromab, wo Bernhart Studien machte, während Schnepfe auf derselben Unglücksinsel, die Wöllers damals in Besitz genommen, eine Stegreifküche errichtete und ein wunderliches Mahl aus den Vorräten des Bootes herstellte. Er wurde von keinem Räuber gestört, denn die Finkenwärder waren alle nach Hamburg gesegelt. Die Freunde verbrachten den ganzen Tag ahnungslos in der tiefsten Einsamkeit und wurden erst gegen Abend von einem herabkommenden Ewer angerufen, der sie fragte, ob sie Hamburger wären. Als sie dies bejahten, rief man ihnen zu, ob sie denn nicht wüßten, daß die ganze Stadt brenne, der Nikolaiturm stehe in Flammen.

Die jungen Leute sprangen sogleich in ihr Boot und setzten das Segel auf, um hinaufzukommen. Sie fuhren gegen den Ebbestrom und brauchten sehr lange, bis sie die Biegung erreichten, wo sie die Stadt sehen konnten. Es war Nacht geworden, als sie bei Altona ankamen und das Flammenmeer erblickten. Sie gaben das Boot in Verwahrung und liefen eilig zur Stadt, wo sie etwas Unerhörtes fanden. Die Tore standen weit offen, aber die Beamten verlangten keine Torsperre und sahen müßig und staunend auf den Menschen- und Wagenstrom, der sich brausend durchwälzte. Es gab zwar einige Verrückte, die aus langer Gewohnheit an die Fenster gingen und ihre Schillinge hinlegten. Der Einnehmer nahm sie auch mechanisch, aber die Markenabnehmer sahen dem Wahnsinnigen erstaunt nach, der die Marke abgab. Auch die Akzise hatte ihre Fänge eingezogen und ihre Beamten sahen verblüfft in das Gedränge.

Herr Scapin wandelte seit Mittag in der brennenden Stadt umher und trug einen chinesischen Lehnstuhl von Bambusrohr, den er in einer Straße fand, auf den Kopf gestülpt. Er hielt dieses Möbel für einen sehr guten Schutz gegen herabfallende Dachziegel, während er an stilleren Plätzen zum Ausruhen diente. Unter dem Arme trug er einen chinesischen Regenschirm von Papier, der auf dem Stuhl gelegen, und einen Schinken, über den er gestolpert war. Mit diesen Gegenständen beladen, wand er sich nach dem Groß-Neumarkt durch, um nach St. Pauli zu gehen. Der Brand des Nikolaiturmes und der Kirche hatte alle seine Ansprüche an das Schrecklich-Schöne vollkommen befriedigt, weshalb er eine brennende Straße nicht für interessant genug hielt, um sich in seiner Nachtruhe stören zu lassen. Er war ein so ausgebildeter, konsequenter Egoist, daß ihn selbst eine brennende Stadt nicht aus seinem Gleichmut bringen konnte.

Auf dem Neumarkt traf er Bernhart und Schnepfe, die er anrief.

»Haben Sie alles glücklich fortgebracht?« fragte er.

»Fortgebracht?« fragte Bernhart. »Wir kommen eben von der Elbe zurück, wo wir weit unten waren, und wollen nach Hause.«

Scapin nahm den Stuhl vom Kopf und schlug die Hände darüber zusammen.

»Oh, ihr Unglücksvögel!« schrie er. » Nach Hause wollt ihr? Es gibt für euch kein ›Nachhause‹ mehr. Daß euch der Kuckuck aber auch gerade heute auf das Wasser führen muß! Dann habt ihr wohl die Kirche gar nicht brennen sehen? Das ist Pech! Da habt ihr wahrlich viel versäumt.«

Die Freunde gelangten bis zu einem Punkt, wo sie mit Schrecken ihr Haus erblickten, oder vielmehr nicht erblickten, denn es war bloß noch die Mauer des Parterres und die sehr kenntliche alte Haustür mit den Treppenstufen übrig. Der ganze obere Teil war verschwunden, mit ihm alles, was die jungen Leute besaßen. Sie standen und schwiegen bestürzt.

»Meine Studien!« jammerte endlich Bernhart.

»Laß dich's nicht kümmern!« rief Schnepfe, ihn fortziehend. »Es ist ein Glück, daß ich meine Papiere noch beim Prinzipal habe. Komm! Ich will sie holen und zu mir stecken, denn er kann auch abbrennen. Gräme dich nicht. Du sollst bald andere Studien machen. Ich werde dafür sorgen. Weißt du, was der Dichter sagt:

Einen Blick
nach dem Grabe
seiner Habe
sendet noch der Mensch zurück –
greift fröhlich dann zum Wanderstabe.

Komm, damit uns die Mauern hier nicht auf die Köpfe stürzen.«

Bernhart warf noch einen Blick nach der Höhe, wo sonst sein Atelier war und wo jetzt die Flammenspitzen in der Luft spielten. Ein Krachen in seiner Nähe schreckte ihn auf. Er verließ mit Schnepfe die brennende Straße und ging nach der Petrikirche zurück.

»Was fangen wir jetzt um Gottes willen an!« rief Bernhart. »Wir haben nichts, als was wir auf dem Leibe tragen!«

» Omnibus mea mecum porto, würde Herr Henri sagen«, sprach Schnepfe.

»Nun wahrhaftig, wenn du noch Lust zum Spaßen hast, dann muß es nur die Aussicht auf die Erbschaft machen«, bemerkte Bernhart seufzend. »Ich habe aber gar nichts mehr! Zum Glück indes doch noch etwas Malzeug im Boot.«

»Und dein Landgut«, lachte Schnepfe.

»Das mag meinetwegen auch der Teufel holen!« rief Bernhart ärgerlich.

»O nein, der Himmel erhalte es dir. Ich denke, wir ziehen nächstens hinaus, denn wenn es so weiter brennt, werden die Wohnungen rar werden. Was meinst du?« fragte Schnepfe.

Bernhart gab keine Antwort und konnte Schnepfes gute Laune nicht begreifen. Die Freunde fanden Scapin an der Kirchenmauer, wo sie ihn verlassen. Um ihn tobte die Flucht über die nächsten Straßen. Er war jedoch durch einige Fässer geschützt und schlief so ruhig, als sei der ganze Brand eine Theatervorstellung und er sitze im Parterre.

Die Freunde setzten sich neben ihn und blickten stumm in das Gewühl und den Funkenregen, der wie Schneeflocken von den Dächern in die Straße flog. Es kam ein Gefühl der Verlassenheit über sie, als sie daran dachten, wie ihre Wohnstätte mit allem Besitztum so plötzlich während ihrer kurzen Abwesenheit von der Erde vertilgt und sie jetzt ganz heimatlos waren.

Ein dumpfer Knall, der den Erdboden zittern machte und vom Sprengen eines Hauses herrührte, erweckte gegen ein Uhr den schlafenden Scapin. Er stand auf und erklärte, es wäre Zeit nach Hause zu gehen.

Die Freunde berichteten, daß von ihrem Haus nur noch die Tür und die dazu führenden Stufen vorhanden seien.

»Das ist allerdings sehr wenig«, bemerkte Scapin. »Es ist aber immer noch besser, als wenn von euch nur noch die Stiefel da wären; deshalb seid froh, daß ihr gesund darin steckt und kommt mit mir.«

»Auch alle unsere Wäsche ist dahin!« klagte Bernhart. »Es ist ein gräßlicher Gedanke, nur mit einem Hemd in der Welt zu stehen, und anschaffen kann ich mir in der nächsten Zeit nichts.«

»Trösten Sie sich mit Spickmann, dessen einen Ölspeicher ich heute nachmittag brennen sah. Es wäre ein Studium für Sie gewesen, die verschiedenen Farben der Flammen zu sehen. Das waren auch Ölfarben. Da brannte Rüböl, Leinöl, Provenceröl, Terpentinöl, Palmöl, Zitronen-, Nelken-, Lavendel- und sogar Rosenöl, jedes mit einer andern Farbe und einem andern Geruch. Ein paar hundert Fässer Leinsamen flogen brennend in die Luft, und wie mir einer sagte, ging dort ziemlich eine Million verloren, da sich Spickmann junior gerade des Rosenölgeschäftes bemächtigt und alle Vorräte davon aufgekauft hatte, was ungeheuer ins Geld läuft. Trösten Sie sich deshalb über Ihre paar Ölfarben, denn in diesem Augenblick brennt wahrscheinlich schon das zweite Spickmannsche Öllager, und es scheint mir, daß ich einige Millionäre nicht mehr zu verachten, sondern zu bedauern haben werde.«

Bei diesen Worten hatte der Zyniker den Bambusstuhl wieder auf den Kopf gestülpt und den Schinken nebst dem Schirm in den Arm genommen, worauf er den Vorschlag machte, nach der Lombardsbrücke an der Alster zu gehen, wo man einen Überblick nach dem Feuer haben könne. Man ging dorthin und sah, daß keine Hoffnung sei, den Flammen ein Ziel zu setzen.

Bernhart und Schnepfe erklärten, in der Stadt bleiben zu wollen, um zu helfen und zu beobachten.

»Gut, so bleibt!« sprach Scapin. »Da man euch aber weder beim Retten noch bei den Spritzen helfen lassen wird, denn ich bin dort wiederholt weggejagt worden, so beobachtet und bleibt hier in den Promenaden sitzen. Ich lasse euch den Stuhl und den Schinken hier und hoffe beides morgen früh unversehrt wiederzufinden, obgleich ich dies vom Schinken bezweifle.«

Scapin stellte den Lehnstuhl auf einen erhöhten Rasenplatz, auf dem schon eine Menge Gegenstände lagen, bei denen einige junge Damen saßen und weinend nach der Glut hinüberblickten, die sich in der Alster spiegelte. Er nahm den Schirm unter den Arm und drängte sich zwischen dem Strom der Menschen und Fuhrwerke zum Dammtor hinaus, von wo er nach St. Pauli hinüberging, um sich in sein Bett zu legen.

Schnepfe konnte den Jammer der jungen Damen nicht lange mit ansehen, ohne teilnehmend zu fragen, ob er helfen könne und wo es fehle. Die armen Kinder waren gleichfalls um ihren Wohnsitz gekommen und wußten nicht, wo die Eltern waren, dazu plagte sie noch der Hunger, denn sie gestanden, daß sie seit Vormittag nichts gegessen hatten. Der Schinken mußte hier aushelfen, während Bernhart nach St. Georg ging, um Wein und Brot zu holen.

Das Geschick waltete furchtbar über der Stadt. Wo sonst Komfort und froher Lebensgenuß war, lag jetzt Schutt und Asche. Die heimatlosen Bürger saßen auf den Wällen neben den Trümmern ihrer Habe, getrennt von den Ihrigen, ohne Lebensmittel und Kochgeschirr, so daß Szenen wie die, als Bernhart und Schnepfe den Schinken unter die jungen Damen teilten und die Flasche dabei herumgehen ließen, hundertfach vorkamen. Das entfesselte Element schritt vernichtend weiter. Bei Tagesanbruch fiel ihm das alte ehrwürdige Rathaus zum Opfer, das man, um die Stadt zu retten, in die Luft sprengte. Das Feuer fraß sich jedoch gierig durch seine Trümmer und wälzte sich unaufhaltsam vor dem Winde fort.


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