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Nasenspuren im Elbsand
So günstig auch der Umstand für die Schurken Trick und Stubborn war, daß der Lotse den Durst seines Feindes Jörs durch die Flut für immer gestillt, sosehr ängstigte sie doch das gleichzeitige Wiedererscheinen Nielsens und Kerns, von denen sie das Schlimmste erwarteten.
Stubborn wußte, daß er von Spionen umlagert wurde und keinen Schritt tun konnte, ohne beobachtet zu sein. Er traf auf allen seinen Wegen verdächtige Gestalten, die sich an ihn drängten, sobald er versuchte, sich irgendeiner Reisegelegenheit nach auswärts zu nähern.
War es eine Landgelegenheit, so trat sicher im Augenblick, wo er sich nach Preis und Fahrt erkundigte, einer jener falschen Zimmerleute an ihn, die ihre Heimat im Tiefen Keller hatten, und brachte ihm ein Billett mit einer dringenden Einladung von Herrn Trick, der ihn augenblicklich zu sprechen wünschte, welcher Wunsch durch die Anwesenheit einiger anderer Herren mit schmalkrämpigen hohen Hüten und etwas wilden Backenbärten unterstützt wurde, indem sie sämtlich die Adresse laut kundgaben, wo Herr Trick zu finden sei, sich vertraulich um Stubborn drängten und jedenfalls geneigt waren, ihn mit Gewalt zu seinem Kompagnon zu führen.
War es eine Schiffsgelegenheit, so standen wiederum stets einige Gentlemen mit Teerhosen und Glanzleinwandmützen bereit, die Zimmerleute, die ihm wie sein Schatten folgten, ihn in ihre Boote zu nehmen und zu Trick zu bringen, mochte er sich auch noch so heimlich und unbemerkt auf ein Schiff geschlichen haben. Das Billett von Herrn Trick erhielt er doch, er konnte die Dampfschiffbrücke betreten, das Neumühlener Ufer zur Abfahrt wählen oder sich an Post und Omnibus einfinden. Immer aber waren es nur die Zimmerleute, die erschienen. Die Gentlemen vom Wasser blieben fern und unterstützten diese unsichtbar, wie sie sie samt Herrn Trick fortwährend im geheimen beobachteten.
Der Schutenführer Wilm, der aus Spickmanns Dienst in den von Schwarz getreten war, wo er in der Beschäftigung, den Akzisebeamten eine Nase zu drehen, das größte Vergnügen fand und dabei von den sämtlichen Schutenführern und Leichterschiffern unterstützt wurde, war gewissermaßen Hauptmann der Schmugglerbande und bezog eine Tantieme, die ihm monatlich an fünfhundert Mark einbrachte. Die Masse von Lebensmitteln, die man zu Land und Wasser einschmuggelte, war so bedeutend, daß Schwarz monatlich gegen zweitausend Mark dabei gewann, während Jakob, der Hauptspion, sich auf zwei bis dreihundert stand, auch die übrigen Helfer, Händler und Abnehmer, noch viel profitierten.
Der alte Wolf bemerkte seit einiger Zeit mit großem Verdruß, daß Stubborn seine außenstehenden Gelder einzog und immer weniger und weniger zu dem hundertprozentigen Wechselgeschäft herausgab. Er brachte dies mit der Erscheinung Kerns zusammen und faßte die Vermutung, daß Stubborn etwas vorhabe. Nur wußte er nicht was, er belauerte deshalb alle seine Schritte, ohne zu wissen, daß er bereits von zwei Seiten beobachtet wurde.
Stubborn beabsichtigte wirklich einen Fluchtversuch zu machen und zunächst über Hamburg nach Bremen, von dort nach Amerika zu gehen. Daß er mit den gewöhnlichen Reisegelegenheiten nicht fortkommen würde, wußte er nur zu genau. Er beschloß deshalb, einen Versuch zu unternehmen, ob er über die Insel Wilhelmsburg zu Fuß nach Harburg kommen könne, ohne von den Spionen Tricks belästigt zu werden. Gelang dieser Versuch, so stand ihm der Weg offen. Er wollte es dann wagen, mit allen verborgenen Wertpapieren hinüberzugehen und zu verschwinden.
So schlecht auch Stubborn war und so wenig er sich um seine Töchter bekümmerte, die Notwendigkeit fiel ihm doch ein, daß er vor seinem Verschwinden etwas für sie tun müsse, um sie nicht ganz mittellos zurückzulassen. Es kostete ihn eine ungeheure Überwindung, von seinem Mammon zwölftausend Taler zu nehmen und sie derartig anzulegen, daß die Töchter eine Rente erhielten, bei der sie nicht zu verhungern brauchten. Nachdem dies bittere Geschäft besorgt war, dachte er daran, seine noch übrige Barschaft aus dem eisernen Geldkasten in das Versteck zu dem Hauptkapital zu bringen, denn er wollte bei dem Übergangsversuch nach Harburg nur einige Taler einstecken, damit sich, im Fall man ihn anhielte, nichts bei ihm fände.
Er wartete deshalb, bis die Dunkelheit eintrat. Dann ging er die Treppen hinab und trat aus der Haustür. Eine Gestalt an der Ecke und eine andere an der nahen Brücke richteten sofort ihre Aufmerksamkeit auf ihn.
Er murmelte einen Fluch und trat in das Haus zurück, wonach der Mann auf der Brücke einen leisen Pfiff in das Flet hinab hören ließ.
Stubborn ging an die Treppe, die nach dem Wasser führte und bemerkte, daß ihn dort ein Mann in einem Boot scharf beobachtete. Er trat zurück und ging nach der Hinterseite des Hauses, wo sich eine Tür zu dem Nebenhof befand. Er sah aber auch diesen von zwei Männern besetzt, die er schon oft auf seinen Wegen erblickte, worauf er wieder umkehrte und nach vorn ging.
Dann schlich er in den Hof und verschwand hinter einigen Tonnen, die vor dem Eingang des Schuppens lagen, in dem sich die alte Dampfmaschine befand.
Er stand hier eine Weile, horchte, spähte mit langgestrecktem Hals und öffnete endlich leise das Schloß und die Tür des Schuppens, die er wieder hinter sich zuzog, als er eintrat. Dann tappte er vorsichtig nach dem Dampfkessel, an dem er die Klappe suchte und ohne Geräusch aufmachte, worauf er hineinkroch und sie wieder zulehnte. Hierauf hing er ein Stück Segeltuch von innen vor den Spalt, den die nicht ganz geschlossene Klappe offen ließ. Er horchte wieder und kroch nun auf den Knien nach dem hinteren Teil des Kessels, da beim Gehen der leiseste Tritt seiner Stiefelsohlen einen solchen Widerhall in dem geschlossenen Raum erweckte, daß er glaubte, man müsse es draußen auf der Straße hören. An der Rückwand angekommen, griff er in die Öffnung des Dampfrohres und zog eine kleine Blendlaterne heraus, die er anzündete. Er leuchtete damit auf einen Haufen Kesselstein, der sich in der Ecke des Kessels, vom letzten Ausputzen her, angesammelt hatte und zog unter diesem ein eisernes Kästchen hervor, bei dessen Anblick sich ein Lächeln der Befriedigung über sein fahles Gesicht zog.
Er horchte nochmals eine Weile und schloß dann das Kästchen auf, dessen Inhalt er mit gierigen Blicken durch seine Finger laufen ließ. Dann zog er eine Brieftasche heraus und legte noch verschiedene Summen dazu, denen einige Händevoll Goldstücke folgten.
Er besah und befühlte die Wände des Kästchens, die aus doppelten Eisenplatten bestanden, deren Zwischenräume Asche ausfüllte. Es war ein Meisterstück von einem Schlosser, der behauptete, es sei feuerfest. Stubborn schloß es und verbarg es unter dem Schutt, worauf er die Laterne auslöschte und durch die Klappe wieder hinauskroch und sie schloß.
Als er den Riegel vorschob, hörte er das Echo im Kessel hinrollen. Es klang wie ein Hohngelächter böser Geister, die den Schatz drinnen bewachten.
Er schlich vorsichtig aus dem Schuppen und in den Hof, wo er sich abermals an den Ausgängen zeigte und die Wachen nach wie vor stehen sah.
Als er das Haus betrat, fand er Trick auf der Treppe, der ihm ärgerlich zurief: »Machen Sie doch keine vergeblichen Spaziergänge, Kompagnon. Es hat ja keinen Zweck. Seien Sie vernünftig und teilen Sie endlich ehrlich mit mir. Es wird mir hier zu heiß, ich möchte mich davonmachen, sonst kommen noch mehr Leute, die mit uns teilen wollen.«
»Ich habe nichts mehr zu teilen und möchte wissen, wer noch in der Absicht kommen könnte«, sprach Stubborn höhnisch.
»Wer noch?« flüsterte Trick. »Kommen Sie herein zur Lampe und lesen Sie diesen Brief. Ein Freund meldet sich darin zum Besuch an, um zu teilen.«
Dabei gab er Stubborn einen Brief.
Dieser nahm ihn und betrachtete die Adresse und den Poststempel – er wurde blaß und murmelte: »Batavia! Auch der noch!«
Dann las er den Brief durch und sank in den Stuhl zurück. Trick nahm ihm den Brief aus der Hand und verbrannte ihn an der Lampe.
»Er hilft mir nichts und kann uns nur schaden«, sprach er. »Jetzt aber in allem Ernst, heraus mit meiner Hälfte, Kompagnon! Ich mache mich fort.«
»Soll mir sehr angenehm sein, wenn Sie je eher je lieber zum Teufel gehen. Reisegeld kann ich Ihnen aber nicht dazu geben. Sie haben mich schon vollständig ausgeraubt«, erwiderte. Stubborn.
»Hilft Ihnen alles nichts. Machen Sie mir nicht weis, daß Sie nichts haben. Sagen Sie nicht, daß Sie bestohlen worden sind. Sie sind selbst der Dieb. Sie haben wenigstens noch achthunderttausend Mark in Ihrem Versteck. Wenn ich es erst weiß, so haben Sie die Stunde darauf gar nichts mehr darin. Also ist es besser, Sie geben die Hälfte gutwillig her. Deshalb heraus damit! Heute abend brauche ich wenigstens so eintausend Mark. Morgen das übrige.«
Stubborn warf Trick auf diese Forderung ärgerlich den Schlüssel des Geldkastens vor die Füße und brummte grinsend: »Nehmen Sie sich!«
Herr Trick griff nach dem Schlüssel und schloß die Kasse auf. Er griff mit beiden Händen hinein und stieß einen Laut der Überraschung aus, als er sie leer fand. Er blickte nach Stubborn und schrie: »Es ist nichts mehr hier!«
»Ah!« rief dieser, »wirklich? Haben Sie wieder Ihre Fenster ausbessern lassen? Oder haben Sie einen anderen Weg in die Kasse gefunden? Nun, Sie haben nicht viel erwischt, denn ich disponierte glücklicherweise gestern über eine Summe. Geben Sie sich keine Mühe mehr, ich habe jetzt nichts. Wenn ich morgen aus der Stadt gehe, so strapazieren Sie sich und Ihre Spione nicht umsonst, denn ich will nur ein Wort mit meinen Töchtern sprechen. Ich muß dies ja wohl meinem Wächter melden und hoffe, Sie erlauben es mir?« schloß Stubborn höhnisch.
Trick gab keine Antwort, sondern ließ nur seine Blicke rundum laufen, sah in alle Winkel und betrachtete seinen Kompagnon dann ein Weilchen scharf, worauf er den Hut nahm und ohne Gruß grimmig fortging.
Auf der Brücke trat er an den Mann, der am Geländer lehnte, und sprach: »Paßt gut auf. Er hat etwas vor.«
Ein Gedanke stieg plötzlich in Trick auf.
»Die fidelen Seehunde!«
Er schlug sofort den Weg nach dem Klublokal ein, das sich in einem Keller der Reichenstraße befand. Der Keller war verschlossen.
Herr Trick stand verwundert vor der Tür und wandte sich endlich in einen Nachbarkeller, wo er fragte, ob nicht nebenan ein Austernkeller gewesen sei.
»Allerdings«, war die Antwort. »Das Nest ist aber vor zwei Tagen von der Polizei ausgenommen worden.«
Trick schlich fluchend davon und sprach: »Das Geschick hat also auch die fidelen Seehunde ereilt. Schade um die guten Jungen! Aber verdammt! Es geht alles schief, und wer weiß, ob die Kerle nicht schwatzen.«
In den Vormittagsstunden des nächsten Tages steckte Stubborn einige Papiere zu sich und verließ seine Wohnung. Er ging mit einem finsteren Blick an seinen Aufpassern vorbei, die vor dem Hause lauerten, und schlug den Weg nach Altona ein.
Herr Trick, der durch die Leere des Geldkastens wachsamer denn je geworden war, beobachtete ihn schon seit Tagesanbruch mit einigen seiner Spießgesellen und verfolgte ihn sofort auf seinem Wege. Diese Wachsamkeit wurde zufällig vom Schutenführer Wilm bemerkt, der sogleich schloß, daß Trick etwas vorhaben müsse, worauf er einen Trupp Schmuggler zusammenholte und sich ebenfalls auf die Lauer legte.
Die Bande der Viktualienschmuggler hielt stets einige Boote an verschiedenen Plätzen des Hafens bereit, die auf ein ihnen bekanntes Zeichen sofort stromauf oder stromab gingen und sich durch gewisse Stellungen eines aufgesteckten Ruders durch eine Flotte anderer Boote verstärken konnten. Man hatte einen vollständigen Dienst und ein Telegraphenwesen eingerichtet, das am Lande von einer Anzahl Hanseaten unterstützt wurde, die zu der Genossenschaft gehörten und für die Winterzeit von großer Wichtigkeit für das Geschäft waren. So gab die Höhe des Stintfangs Stintfang hieß am Ende des 18. Jahrhunderts das Wasser vor der Kurtine, zwischen den Bastionen Johannes und Albertus, vermutlich weil dort früher Stinte gefangen wurden. Später wurde im Volksmund der Name auf die Bastion Albertus übertragen. Offiziell heißt sie seit 1834 Elbhöhe. eine gute Signalstation, auf der ein alter Besen die unten Vorbeifahrenden belehrte, ob sie vor- oder rückwärts fahren müßten, während im Hauptlager der Akzise, am Blockhaus, ein Stück geteertes Segeltuch die Boote schon von weitem benachrichtigte, ob die Beamten sehr beschäftigt und der Augenblick zum Durchwischen geeignet sei oder nicht. Andere Sicherheitszeichen waren am Ufer verteilt. Unter ihnen spielte eine am Wasserrand irgendwo aufgehängte Wachstuchmütze eine große Rolle, da sie die Nähe von Polizei- oder Akzisebeamten anzeigte, wobei die Richtung des Mützenschildes Land- oder Wasserpolizei bedeutete.
Sobald Wilm die Gewißheit hatte, daß Stubborn elbabwärts und wahrscheinlich nach Neumühlen gehe, beorderte er ein paar Boote dorthin, um ihn zu verhindern, etwa einen englischen Dampfer zu besteigen; dann behielt er Herrn Trick im Auge, weil er wußte, daß dieser seinerseits Stubborn nachfolgte.
Der so umstellte Bösewicht ging in stillem Grimm nach einem Landhaus, um den Töchtern die Papiere zu bringen, die ihnen eine kärgliche Rente sicherten.
Er fand Julie in höchstem Unmut und Berta in stiller Trauer. Als er beiden eröffnete, daß er wahrscheinlich für lange Zeit verreisen müsse, weil er ein ruinierter Mann sei, daß er aber dennoch väterlich für sie gesorgt und ihnen ein Kapital gesichert habe, dessen Zinsen sie jeden Monat erheben und wovon sie gerade leben könnten, sah Julie gespannt auf die Papiere, die er herauszog und auf den Tisch legte, während Berta bitterlich zu weinen begann.
»Was ist dabei zu weinen?« fuhr Stubborn sie an.
»O Vater! Wenn dieses Geld etwa von dem ist, was Schwarz zukommt? Dann gib es ihm. Gib es ihm um Gottes willen! Ich rühre keinen Pfennig davon an und will mir mein Brot gern durch meine Hände verdienen!«
»Von dem, was Schwarz zukommt?« keuchte Stubborn, vor Wut bebend. »Stehst du noch mit Schwarz in Verbindung? Du nichtswürdige Kreatur! Und hat dir Schwarz auch von seinen verrückten Einbildungen in den Kopf gesetzt? Ha, kommt mir nicht!« schrie er plötzlich. »Bringt mir Beweise – Beweise! Was weißt du von Schwarz?« sprach er, die Tochter schüttelnd.
»Ich habe nicht mit ihm gesprochen. Er wendet sich verächtlich von mir. Der alte Buchhalter Kern traf mich und hat mir nur einige Worte gesagt, die schreckliche Vermutungen in mir weckten. O Vater, gib –«
»Bringt mir Beweise!« schrie Stubborn, sie unterbrechend. »Beweise! Also auf das Geschwätz dieses verrückten Buchhalters hörst du? Ich will dich ver–«
»Halt!« sprach die Tochter entschieden. »Nicht weiter, Vater. Du hast uns nie wie ein Vater geliebt und brauchst uns nicht auch noch zu verfluchen.«
»Laß ihn doch, wenn es ihm Spaß macht«, fuhr jetzt Julie mit höhnischem Grimm dazwischen, denn sie hatte indes die Papiere durchgesehen und war über die geringe Summe, die er ihnen zum Leben ausgesetzt, in großen Zorn geraten.
»Laß ihn doch! Er hat uns so gestellt, daß wir als Nebenbeschäftigung das Kartoffelschälen treiben können, und bei dem Geschäft kommt es auf ein bißchen Verfluchung nicht an. Ha, ha! Wir werden ihn dann wieder verfluchen, wie ich alle Männer verfluchen möchte, denn alle scheinen nur darauf auszugehen, mich um die Mittel zu betrügen, durch die ich meine Jugend genießen kann. Und ich will meine Jugend genießen, solange ich jung bin!« schrie der schöne Dämon, indem sie mit beiden Händen in ihr volles, blondes Haar griff und im halben Wahnsinn daran riß und zerrte. »Ich will genießen, ehe ich ein altes Weib werde und nicht mehr genießen kann. Alle haben mich betrogen, und jetzt kommt mein eigener Vater und betrügt mich noch dazu! Was willst du mit deinem Geld anfangen, du alter, elender Mann? Es gehört uns! Du machst dich verächtlich durch deinen Geiz.«
»Schwester, Schwester!« bat Berta händeringend, »was sprichst du für gräßliche Worte aus! Ich kann hier nicht mehr bleiben. Leb' wohl, Vater! Ich nehme jedes dankbar an, was du mir von deinem ehrlichen Eigentum bietest. Sonst nichts!«
Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer, von einem grimmigen Fluch Stubborns begleitet, der nun mit der wütenden Julie den Streit fortsetzte.
Berta flüchtete in das Weidengebüsch unter dem Hause, wo sie oft die Einsamkeit suchte und still weinend der schönen Stunden gedachte, die sie früher hier mit Schwarz verlebte.
Als sie in das dichte Gebüsch nach dem Schilf hinunterkam, hörte sie eine Männerstimme, die jemand etwas sehr eindringlich zu erklären und keine Einwendungen zu dulden schien. Sie blieb stehen und sah lauschend durch die Blätter, denn was sie hörte, war von höchstem Interesse für sie.
Durch die Zweige blickend, war sie ungemein erstaunt, Herrn Trick auf dem Bauch liegend zu sehen, während auf seinem Rücken der Schutenführer Wilm saß, ihn bei den Haaren festhielt und mit der Nase in den nassen Sand drückte, sobald er den Mund zum Sprechen öffnete.
Herr Trick war eben erst in diese mißliche Position geraten. Er hatte das Haus umstellt und schlich nun durch die Weiden, um an das Haus zu kommen und zu horchen, weil er die Stimme Stubborns hörte. Wie er nun so durch das Gebüsch kroch und eben einen sehr dichten Busch auseinanderbog, befand er sich plötzlich einem roten Gesicht gegenüber, das er mit Schrecken als dem Schutenführer zugehörig erkannte, dessen Faust ihn sofort am Kragen packte und tiefer in die Weiden zog, wo sich ein kleiner Flutdeich, von Schilf umsäumt, fand, dessen Ufer ein feiner schlammiger Sand bildete. Hier warf Wilm Herrn Trick ohne weiteres auf die Nase und setzte sich auf seinen Rücken, wonach er eine gemütliche Unterhaltung führte, die damit begann, daß er seinem früheren Vorgesetzten in die Haare griff, und als er schreien wollte, einen Abdruck seiner Galgenphysiognomie in dem nassen Sand herstellte, der sich dazu vortrefflich eignete.
»So, du olle Spitzboov! Heff ick di nu an en gooden Platz! Kiek an, dat is 'n scheunen Platz, um eenen to vitzliputzlin, un nu warst du vitzliputzlit!« sprach er.
Herr Trick, der von der ersten Abformung, die Wilm mit seinem Gesicht vorgenommen, den Mund voll Sand hatte und diesen heraussprudelte, versuchte nochmals, um Hilfe zu schreien. Er brachte aber kaum einen Ton hervor, als sich seine Nase auch schon wieder in den Sand vergrub.
»Vitz – li – putz – lit!« fuhr Wilm fort, indem er bei jeder Silbe die Nase des Herrn Trick in den Sand bohrte und damit vier Löcher nebeneinander herstellte. »Aha, dat smeckt di nich so good as Austern un Poortwin. Ah, ick gleuv di dat. Smeckt aber ümmer noch beeter, as de Suppen, de du anner Lüd inbrockt hest. He? Denk' man an Schwarz sinen Vadder, denn hest du doch von de Franzosen mit Blei traktieren laten! Du Halunk, du Mörder. Denk' an die Schiffe, die du mit falscher Fracht in See schickt hest un an die Seeräubers verkauftest, um die Assekuranz zu betrügen und die armen Seeleute mit Salzwasser zu traktieren! Du und der Schurke Stubborn! Denk' an Nielsen, den du um Haus und Hof gebracht hast und um das Leben bringen wolltest wie den jungen Schwarz, un Stubborn seinen Sohn, der heimlich mit en Schiff fortging und den Alten dröben betrügen wollte. Denk' an Schwarz, dem du dann beim abwesenden Lotsen seine Papiere gestohlen hast, die du mit dem alten Dieb verbranntest, worauf ihr Schwarz in den Verdacht des Diebstahls brachtet und ihn einsperren ließet – em, den gooden Jung, den allns tohört, watt ji Deev hebbt!«
Trick gab jetzt, halb erstickt, einen Schreckenslaut von sich, den ihm die Angst erpreßte, als er hörte, daß sich Wilm im Besitz aller dieser Geheimnisse befand, und der einen neuen Abdruck hervorrief.
»Du wullt weeten, wo ick dat von weet?« fragte Wilm, indem er Trick ein Stückchen weiter rückte, um neuen Platz für Gesichtsabdrücke zu gewinnen. »Ick heff dat heurt, as se dor in de Kajüt öber snaken dehn, un ik segg di dat, damit du weetst, worum du vitz – li – putz – lit warst.« Hier bohrte er wieder bei jeder Silbe ein Loch mit Herrn Tricks Nase in den Sand. »Na, ick weet dat ja man alleen, un du brukst –«
Bei diesen Worten fühlte sich Wilm gepackt und von Trick herabgeworfen. Er sah den großen Zimmermann neben sich stehen, der Herrn Trick aufsetzte, und während dieser Sand spuckte, über Wilm herfallen wollte. Wilm war jedoch ein echter Hamburger Wassermann, der Tod und Teufel durchgeprügelt haben würde, wenn sie ihm greifbar vor die Hände gekommen wären.
Der Zimmermann war deshalb kaum zu dem Entschluß gelangt, über Wilm zu kommen, als er auch schon zwei Püffe von diesem erhielt, die selbst für seine Zimmermannskonstitution zu stark waren und ihn auf den Bauch warfen. Den ersten Puff versetzte ihm Wilms respektable rechte Faust zwischen die Augen auf die Nasenwurzel, worauf er sofort etwa fünfzig Wilms in der Luft tanzen sah, deren jeder ein paar Armleuchter mit vier Lichtern trug, die wie Sternschnuppen flimmerten. Eine halbe Sekunde später fuhr ihm Wilms linke Faust gerade vor den Magen, was ihm alle Luft benahm und wie ein Taschenmesser zusammenklappen machte. Kurz, er lag in weniger als zwei Sekunden bewußtlos auf dem Sande und wurde von Wilm »ge–vitz–li–putz–lit«, solange der Sand zum Abdrücken ausreichte, worauf sich der Schutenführer in höchster Befriedigung zurückzog, die also Behandelten zu ihrer Erholung allein ließ, und abends seinen Freunden erzählte, daß es ihm heute endlich gelungen sei, Herrn Trick und einen seiner Spießgesellen zu »vitzliputzlin«.
»Segg mal, Wilm, wat is dat eentlich, un wonehm is dat Mod?« fragte ein Wassermann.
Wilm erklärte mit der Überlegenheit der Intelligenz: »Dat stammt ut Mexiko, wo de Vanille herkummt. Dor weer mal en gewissen Vitzliputzli Polizeisenater, und wenn se eenen vor den brochen, ja, dann hebbt se em vitzliputzlit.«
»Ah so,« riefen die Schutenführer, die Sachlage erkennend, »dat heet fief Mark veertein!«
»Ganz richtig! Fief Mark veertein is vitzliputzlit. Aber dat gifft noch anner Arten.«
»Und wie ward dat makt?« forschten die Wasserleute.
»Oh! Dat kümmt ganz op de Umstänn' an«, bemerkte Wilm und erzählte dann die heutige Art und Weise, wozu ihm der nasse Sand die Gelegenheit geboten habe. Man sei aber nicht an dieses Verfahren gebunden und könne jemand ebenso gut mit einem Teerquast, einem Tau oder einem Laken vitzliputzlin, je nachdem es Zeit und Ort erlaubten.
Während Herr Trick mit seinem Freunde in den Weidenbüschen saß und sich, Sand sprudelnd, erholte, stand Berta, bleich und von Entsetzen gelähmt, auf der Stelle, wo sie alles gehört. Ihr Vater ein Mörder – ein Dieb – ein Betrüger, ihr Geliebter nebst seinem Bruder und Vater seine Opfer. Ein Tränenstrom brach aus ihren Augen. Sie ging händeringend nach dem Haus und sank dort besinnungslos auf ihr Bett.