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siehe Bildunterschrift

Dachlogis am Burstah

Einundfünfzigstes Kapitel
Am alten Platz

Bernhart und Schnepfe verließen beim Eintritt der kurzen kalten Tage, denen der Winter bald folgte, ihr Quartier in St. Pauli, wo sie sich nicht recht sicher vor dem Patron dieser Vorstadt fühlten und zogen wieder in ihr altes Dachlogis, in dem sie glückliche, hoffnungsvolle Stunden verlebt hatten.

Der Maler bückte sich tief, als er unter jenem Balken wegging, an dem er sich, im Bau seines Luftschlosses begriffen, einen Puff holte, der ihm vom Schicksal gewissermaßen als Warnungszeichen gesandt wurde.

»Nun, Freund?« lachte er. »Da sind wir ja am alten Fleck. Unsere Karriere bei den Millionären wäre gemacht. Fangen wir nun von vorn an, aber diesmal nicht als Doktor und Professor.«

»Hm«, brummte Schnepfe sinnend. »Als Doktor vielleicht nicht, aber als Barbier durchaus gar nicht. Höchstens als mein eigener Barbier!«

»Willst du den Doktor aufgeben?« fragte Bernhart verwundert.

»Habe ihn vor der Hand aufgegeben. Habe etwas Besseres. Ein famoses Geschäftchen, sobald ich meine Erbschaft erhalte«, erklärte Schnepfe ganz ernsthaft.

»Ah!« rief Bernhart lächelnd. »Wirst du in Öl oder Wein machen? Hast du schon Speicher gemietet?«

»Ich brauche keine Speicher. Mein Artikel geht aus der Hand weg«, bemerkte Schnepfe ernsthaft.

»Ah!« rief Bernhart nochmals. »Geräucherten Stör vielleicht?«

»Mit dem Räuchern kannst du recht haben. Aber Stör ist's nicht. Gib dir keine Mühe. Es ist mein Geheimnis, und du bist mein Kompagnon, du magst wollen oder nicht!«

Bei diesen Worten stand Schnepfe auf und ging mit einer vielversprechenden Geschäftsmiene fort. Er besuchte verschiedene Bauplätze und forschte nach Plätzen, die sich zum Bebauen eigneten. Dann konferierte er mit Baumeistern und Maurern, um sich nach den Preisen der Materialien zu erkundigen. Da seine Kapitalien jedoch noch nicht flüssig waren, so sah er vor der Hand vom Bau ab und wandte sich nach einigem Besinnen der Stadt zu, wo er die Barbierläden besuchte und nach einer Kondition forschte, die er bald erhielt.

Bernhart begann indes unter dem Schutz seines neuen Mäzens eine Reihe von Bildern zu entwerfen und auszuführen, die alle dem Hamburger Leben entstammten.

Eines Tages kam Schnepfe um die Nachmittagsstunde, in der sich auch Scapin und sein treuer Diener Jean einzufinden pflegten, nach Hause und warf seine Mappe lachend in die Ecke, wo ihr gewöhnlicher Platz war. Er mußte noch einigemal laut lachen, als er sich neben den Ofen setzte und Vorbereitungen zu einem frugalen Abendessen traf.

»Was ist Ihnen denn Heiteres passiert, daß Sie so zum Lachen geneigt sind? Haben Sie vielleicht Ihre Erbschaft bar ausgezahlt erhalten? Wenigstens lassen Ihre luxuriösen Einkäufe darauf schließen! Ah, sieh mal! Weiß Gott! Kaviar!« sprach Scapin, indem er das Messer ergriff und etwa ein viertel Pfund der schwarzen Masse verschluckte, was Schnepfe bewog, das Papier mit dem Rest in Sicherheit zu bringen, da der treue Diener ebenfalls zulangen wollte.

»Ich muß lachen,« erklärte Schnepfe, »weil ich mit dem jungen Spickmann zusammentraf, den ich lange nicht sah, und weil dieser mir mit einigen ›Ähs‹ und ›Sehr‹ in großer Entrüstung erklärte, daß ich weder ein Doktor noch ein Freimaurer sei und gewagt habe, ihn an der Nase herum zu führen. Ihn, Spickmann, mit so und so viel im Vermögen! Äh! äh! äh! Dabei rannte er in großer Wut weiter, weil ich ihm gerade ins Gesicht lachte.«

»Mit mir hat er es noch schlimmer gemacht«, sagte Scapin. »Ich grüße ihn letzthin ganz gemütlich auf dem Jungfernstieg, da sieht mich dieses Kalb mit offenem Munde stier an und stottert endlich: ›Äh, äh, Krabitsch? Nicht wahr? Habe nicht die Ehre zu kennen! Äh!‹

Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und sah ihn mit einem so vernichtenden Blick an, daß er ganz verlegen wurde. Dann schrie ich mit Donnerstimme: ›He da, Herr Spickmann junior! Was führen Sie jetzt für Schund von Ware? Schneller und Kompagnie in Berlin lassen Ihnen durch mich sagen, daß die zwanzig Faß Provenceröl elende Mohnölschmiere sind und zu Ihrer Disposition dort liegen. Können's jeden Tag abholen lassen. Werden uns anderswohin wenden. Hilft Ihnen alles nichts‹, fuhr ich fort, als er etwas entgegnen wollte. ›Versenden Sie keinen solchen Schund. Abgemacht!‹ Damit ließ ich ihn stehen und nach Luft schnappen, bis er sah, daß ihn die Anwesenden lachend betrachteten, worauf er beschämt die Flucht ergriff. Nun wartet aber. Morgen gehen wir alle in den Alstersalon, wo er Kaffee trinkt, da will ich ihn bei seiner empfindlichsten Seite anpacken und zum besten haben, daß es eine Lust ist. Wir kennen ihn natürlich nicht, er mag sagen, was er will. Ich habe ihn für einen dummen, guten Kerl gehalten; da ich aber sehe, daß er ein dummer, boshafter Esel ist, so hören die Rücksichten gegen ihn auf. Wir lassen ihn fallen.«

Spickmann junior saß am nächsten Tage kaum auf seinem Platz im Alstersalon, als auch Bernhart und Schnepfe erschienen, die sich in seiner Nähe niederließen und ihn mit einer Art Verwunderung betrachteten, worauf sie die Köpfe schüttelten und leise Bemerkungen austauschten. Bald darauf trat der treue Diener Scapins ein, der das Kalb ebenfalls stutzend ansah, als sei es eine Seejungfer oder dergleichen, und sein Erscheinen an diesem Ort ganz ungewöhnlich. Spickmann glaubte, es müsse etwas an seiner Garderobe in Unordnung sein und besah sich, so weit ihm dies möglich war, worauf er vor einen Spiegel trat und das schöne Bild musterte, das ihn aus dem Glas genau so dumm ansah, wie das Original hineinblickte. Es war alles in der besten Ordnung. Der strohgelbe Scheitel und Backenbart regelrecht. Die Krawatte ohne Fehler und das übrige genau nach dem Modejournal. Herr Spickmann konnte sich deshalb beruhigt niedersetzen und die kritischen Blicke sämtlicher Elegants von Europa mit dem Bewußtsein seiner Untadeligkeit ertragen, womit er jetzt seinen Kaffee umrührte.

Da erschien Scapin in der Tür. Er trug wie gewöhnlich beide Hände in die etwas hochgezogenen Hosentaschen gesteckt, womit er andeuten wollte, daß er es nicht der Mühe wert halte, der Menschheit wegen auch nur einen Finger zu rühren. Er drückte die Augen vornehm zusammen und besah die Gäste mit einer herablassenden Nachlässigkeit, die fast Ärgernis erregen konnte. So kam er, die gewöhnliche Menschheit ohne Interesse betrachtend, bis zu Spickmann, wo er plötzlich zurückprallte, ihn ungläubig anstarrte, dann das Lorgnon hervorzog und nun das Kalb wie ein seltenes Kunstwerk von allen Seiten so auffallend betrachtete, daß die Umgebung das Lachen kaum zurückhalten konnte.

Spickmann saß in unendlichem Grimm da und starrte seinerseits Scapin lautlos an. Er war unter seinem Blick gebannt wie ein Vogel der Schlange gegenüber und konnte kein Wort aus dem offen stehenden Munde bringen.

Scapin wandte sich an Bernhart und zeigte auf Spickmann, wobei er sagte:

»Äh! äh! Wachsfigur? Schneiderfirma vom Altenwall! Wie kommt hierher?«

Ein Gelächter der Nachbarn war die Folge dieser Worte, denn zu jener Zeit stand im Schaufenster eines Schneiders am Altenwall eine Wachsfigur in Mannesgröße, die stets nach der neuesten Mode angezogen war und allerdings einige Ähnlichkeit mit Spickmann junior hatte, so daß schon mancher, der ihm begegnete, glaubte, die Figur aus dem Fenster habe ihren Posten verlassen und promeniere ein wenig.

Das Kalb konnte in seiner Wut nichts weiter vorbringen, als: »Äh! äh!«

»Ah! Es kann auch sprechen!« rief Scapin, sich in höchster Verwunderung umblickend, was ein neues Gelächter hervorrief.

»Äh! äh! Krabitsch!« schrie Spickmann durch die Fistel den Gästen zu.

»Ah! Krabitsch heißt es also!« erklärte Scapin vermittelnd.

»Schauspieler!« quiekte Spickmann, auf ihn zeigend, gegen die Umstehenden.

»Richtig!« erklärte Scapin weiter. »Ich erkenne ihn jetzt. Er ist erster Liebhaber beim Direktor Kümmelhanne. Spielen im Sommer in Buxtehude und im Winter in Pinneberg. Nennt sich auf Zettel Isidor Boomöl, heißt aber eigentlich Tran und hat seinen Namen für Theater idealisiert. Ist ein Modeluder und kriegt immer die Sachen von der Figur des Schneiders am Altenwall, wenn sie aus der Mode sind. Muß dafür in Buxtehude und Pinneberg als lebendiges Aushängeschild des Schneiders herumlaufen und Landkunden fangen. Hatte doch recht, als ich dachte, es wäre Figur aus Fenster vom Schneider!«

Spickmann war von der ungeheuren Unverschämtheit Scapins gänzlich niedergeschmettert und ergriff die Flucht vor dem losbrechenden Gelächter. Der größte Teil der Anwesenden wußte genau, wer er war und kannte seine Verhältnisse. Aber gerade dies trug zur komischen Wirkung bei.

Spickmann war von diesem Tage an der Lächerlichkeit verfallen. Der Name Boomöl ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und fand großen Beifall, da er zugleich eine feine Anspielung auf das Geschäft der Spickmanns enthielt. Wo sich das Kalb sehen ließ, hörte er den Ruf Boomöl, oder man machte ihn aufmerksam, daß er doch seinen Posten im Fenster am Altenwall einnehmen und nicht in der Stadt umherlaufen solle. Der Jungfernstieg wurde ein Marterstieg für ihn, und endlich wurde er sogar von den Nachtwächtern als »Boomöl« nach Hause geschafft.


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