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Vor Schaarhörn

Achtundvierzigstes Kapitel
Wer hängen soll, ersäuft nicht

Über die Finkenwärder Viktualienbrüder war große Betrübnis gekommen, denn die Hamburger Polizei hatte sie wegen des Geschäftes mit Stubborn in die Acht erklärt, und das Stadtgebiet war ihnen verschlossen.

Als Peter Wübbe eines Tages in seiner Unschuld mit der Flut beim Blockhaus hineintrieb und an der Akzise die Fische klarierte, fragte ihn ein Beamter, ob er Peter Wübbe aus Finkenwärder sei. Er nickte ihm die Bestätigung zu, daß die Quaste an der Zipfelmütze wackelte. Sie war aber noch nicht wieder ruhig geworden, als auch schon ein Boot von der Hafenrunde an seiner Seite lag, dessen Fährleute ihn in das Schlepptau nahmen und unbekümmert um alle Vorstellungen und Lamentationen in den äußersten Winkel innerhalb des Pfahlwerkes an den Vorsetzen schleppten, wo sie seinen Ewer an die Kette legten und ihn zu bleiben baten, bis sie Anzeige von seiner Erlangung gemacht hätten.

Wübbe stellte sich sehr ungebärdig und fragte die Polizei, was mit seinen Fischen in dieser Brühe werden solle, in die man ihn hier gebracht? Da die Fische der Polizei nicht in einer Brühe vorgesetzt wurden, so war ihr die Sache sehr gleichgültig, und sie ruderte in völliger Gemütsruhe durch das schwimmende Stroh u. dgl. davon, weil sie Peter Wübbe in der Ecke so sicher wußte wie Robinson auf seiner Insel.

Die Polizei übersah jedoch etwas, und das war Wübbe jun., der bei dem Blockhaus vom Ewer stieg, ehe man ihn packte, und der sich vorsichtig hinter den Pfählen hielt und dort beobachtete, wohin man den Alten brachte.

Sobald er das Polizeiboot wieder aus dem Winkel an den Vorsetzen kommen sah, nahm er einen Jollenführer und ließ sich hineinrudern, um zu dem teuren Vater an Bord zu steigen.

Dieser saß, ein Bild der Verzweiflung, auf dem Ewer und sah trostlos um sich. Seit ihn Krischaan an der Holzbrücke mit dem Tau gefangen und fast erwürgt hatte, war er nicht so in der Klemme gewesen. Er merkte wohl, weshalb man sich seiner versicherte, und es wollte ihm scheinen, als ob die Sache nicht gut gehen werde. Er wäre um den Preis seiner ganzen Fische gern wieder draußen gewesen, und blickte die kleine dünne Kette, mit der man ihn an einen der Pfähle geschlossen, ingrimmig an, ohne jedoch zu wagen, die Hand an sie zu legen.

Er schob die Hände tief in die Hosentaschen, um sie in Sicherheit zu bringen, denn er gehörte noch zur alten Schule, die, einmal gefangen, sich ruhig in ihr Schicksal ergibt.

Nicht so Wübbe jun., der der neueren Richtung angehörte, einem anderen Geschlecht, das sich nicht eher gefangen gibt, als bis es hinter eisernen Türen und dicken Mauern sitzt, die es nicht durchbrechen kann. Er stand kaum auf dem Ewer und sah die Lage der Sache, als er in die Kajüte kroch und mit einer großen Zange wieder heraufkam, mit der er ohne weiteres die dünne Kette, zum Entsetzen seines Alten, durchbrach.

»Herrgott! Jung! Jung! Wat makst du?« jammerte der Vater leise, indem er sich vorsichtig umsah.

Wübbe jun. gab gar keine Antwort, sondern nahm den Haken und zeigte auf einen anderen, indem er kommandierte: »Man too!« und den Ewer in Bewegung setzte.

»Oh, Herrgott! Wi komt nich bied Blockhuus dör«, klagte Wübbe sen., den Haken unentschlossen ergreifend.

»Oberbaum«, sagte Junior leise, und der Alte, diese Idee sofort verstehend, schob nun aus Leibeskräften, wodurch das Fahrzeug bald in den Binnenhafen, durch die Brooksbrücke in das Dovenflet und dann nach dem Oberbaum gelangte, wo man die Stadt verließ und die Elbe gewann. Die Finkenwärder setzten sogleich auf das andere Ufer über und gingen dann durch den Reiherstieg nach Harburg, um vor allen Dingen den Hamburgern aus den Händen zu kommen, denn sie wußten, daß der Kettenbruch sehr schlecht für sie ablaufen werde, wenn sie der Hafenrunde jetzt in die Hände fielen. Da jedoch die Hamburger mit den Nürnbergern darin übereinstimmen, daß sie keinen eher henken, als bis sie ihn haben, so beschlossen Wübbes, vorderhand den Hamburger Markt zu meiden und ihre Fische nach Harburg, Stade und Glückstadt oder höchstens nach Altona zu bringen, wo man Gelegenheit fand, den Hamburgern hie und da etwas abzuzwacken und zu entführen, um doch etwas von ihnen zu haben.

Die Entrüstung der Hafenrunde, als sie in den Winkel kam und Peter Wübbe samt der Kette nicht mehr fand, war freilich unbeschreiblich.

»Es ist ganz unerhört«, sprach einer der Beamten kopfschüttelnd. »Ich habe es immer gesagt: die Finkenwärder sind die größten Seeräuber. Sie sollen von Störtebeker abstammen. Kein großer englischer Dampfer würde gewagt haben, mit der Kette durchzugehen, und die Engländer sind doch große Spitzbuben, aber die Finkenwärder gehen noch weit darüber.«

Mit dieser Überzeugung ging die Hafenrunde ab. Es war jedoch von Stund' an ihre Lieblingsbeschäftigung, auf Wübbe und Sohn sowie auf alle Finkenwärder zu vigilieren, was zur Folge hatte, daß ihr der alte Stiefelmann und einige Freunde von Wübbe in die Hände fielen und so arg gerupft wurden, daß sie alle Lust verloren, nach der Stadt zu kommen.

Der alte Stiefelmann saß deshalb in sehr übler Laune neben Peter Wübbe auf der Segelkiste vor dessen Haus und blickte über den Deich und die Elbe hin, wobei er versuchte, seine Nase in einen Schinken zu verwandeln, denn sie hing unmittelbar über der kurzen Tonpfeife, aus der er rauchte.

Die Elbpiraten warfen ihre durstigen Blicke spekulierend stromauf und stromab, um etwas zu finden, aus dem sich Genever ziehen ließe. Die Aufmerksamkeit beider richtete sich plötzlich auf ein kleines Fahrzeug, welches abwärts segelte und die Admiralitätsflagge an der Gaffel führte. Es war ein kleiner Ewer mit Schwertern an der Seite, der unter den Fischern der »Tonnenewer« genannt wurde, weil er zum Legen und Bergen der Tonnen diente, die unten das Fahrwasser anzeigen. Diese Tonnen holt man im Herbst, ehe das Eis kommt, von ihren Ankerplätzen, um sie den Winter über in Sicherheit und im Frühjahr wieder an ihre Plätze zu bringen.

Peter Wübbe erblickte das Fahrzeug kaum, als er einen schnellen Blick auf das Gesicht seines Nachbars warf und ihn eine Sekunde mißtrauisch beobachtete, dann sah er nach Hamburg zu und nahm gar keine Notiz von dem Ewer. Der alte Stiefelmann warf jetzt einen ebenso raschen forschenden Seitenblick nach Wübbe und sah gleichfalls stromauf, ohne sich um das Schiff zu kümmern oder es überhaupt zu bemerken.

Es war die Zeit, in der die Herbststürme hereinzubrechen pflegen, und die Leuchttürme von der Admiralität aus mit dem Ölbedarf für den Winter versehen werden. Der Tonnenewer brachte eben die Ölfässer für die Lichter von Cuxhaven und Neuwerk hinab. Er führte aber auch verschiedene dickbauchige Steinkrüge voll Rum und Genever an Bord, zu denen ein respektables Stück Speck gehörte, mit dem sich ein lediger Mann wie Peter Wübbe die Zeit im Winter angenehm vertreiben konnte. Außerdem waren noch eine Partie Schiffszwieback sowie einige dicke wollene Decken dabei, was alles in den Kopf der Schaarhörnbake gebracht und dort für Schiffbrüchige niedergelegt wurde, denen es etwa gelang, sich in der bösen Winterzeit dahin zu retten.

Diese alten Vitalienbrüder, die sich nur in der Art von den Genossen Störtebekers unterschieden, als diese den Leuten im Anfang Viktualien zuführten, während jene den Leuten welche zu entführen suchten, wußten so genau, daß sich alle diese Gegenstände an Bord des Ewers befanden, als sei er von Glas und sie durch seine Planken sehen könnten. Sie wußten auch, daß die Sachen nach der Schaarhörnbake gebracht wurden und waren deshalb entschlossen, sich hinunterzuschleichen, um dort einzubrechen und sich auf Kosten der Hamburger für den Winter zu verproviantieren. Was mit den armen Schiffbrüchigen wurde, die ihre Hoffnung und Rettung in der Bake suchten, danach fragten die alten Piraten nicht.

Als das Fahrzeug verschwunden war, stand der alte Stiefelmann von der Segelkiste auf, knurrte etwas neben seiner Pfeife heraus, was ein Abschiedsgruß sein konnte, und schlotterte in seinen großen Stiefeln auf dem Deiche hin, wobei er von Zeit zu Zeit stehenblieb und sich nach Wübbe umsah. Dieser saß auf der Kiste und blickte ihm nach, indem manchmal ein schlaues Lächeln seinen breiten Mund umspielte. Dann murmelte er: »Gesehen hat er ihn. Ob er daran dachte, was er hinunterführte? Hm. – Es scheint nicht. Aber Vorsicht ist immer gut. Warte, Junge Du sollst nichts finden, wenn du etwa dahl kommst.«

Bei diesen Worten stand Peter Wübbe auf und ging nach seinem Ewer hinab, um ihn zu einer Fahrt in Ordnung zu bringen. Als Segel und Tauwerk in den Stand gesetzt waren, holte er Torf und Kohlen herbei und brachte von Lebensmitteln an Bord, was sich im Haus vorfand. Das war freilich nicht viel und ließ keine Gedanken an schwelgerische Mahlzeiten aufkommen, wie sie etwa an Bord des verschollenen »Seehund« von Meister Wöllers gehalten wurden. Ein großes Schwarzbrot, ein Sack voll Kartoffeln und einer voll Schiffszwieback, ein Korb voll getrockneter Bütt und Schollen sowie ein Rest Butter in einem kleinen Fäßchen war alles, was die Küche enthielt. Nachdem er dies beiseitegestaut, warf Wübbe einen hoffnungslosen Blick auf den Geneverkrug und ging mit einem großen Seufzer daran, die Wassertonnen für den Ewer mit Elbwasser zu füllen und sie dann auf dem Fahrzeug festzumachen. Zuletzt brachte er einen alten Kompaß aus dem Haus und befestigte ihn vor dem Steuer, worauf er sich wieder auf die Segelkiste setzte, um auf Wübbe jun. zu warten, der mit dem Boot auf irgendein Unternehmen ausgegangen war.

Der hoffnungsreiche jüngere Wübbe kam endlich in seinem Boot dahergeschlichen und kroch mit vergnügtem Gesicht an das Land. Er brachte einige Flaschen mit, bei deren Anblick der alte Wübbe auftaute und zu schmunzeln begann.

»Nehm büst du so lang west, min Jung?« fragte er, nach dem Boot sehend, wo er noch verschiedene Gegenstände bemerkte, die ihn interessierten.

»In Hamborg«, antwortete Junior lachend.

»Düwel noch mol!« rief Senior verwundert. »Wie büß du 'rin komen?«

»As wi damals rutkomen sünd, bi'n Öberboom, denn bün'k in de Stadt rümfohrt un heff allerhand funnen. Hier dree Buddel Rum.«

»Ah!« sagte der Alte, eine Flasche ergreifend, von der er den Stöpsel zog, um erst hineinzuriechen, denn er war ein sehr vorsichtiger Mann, was fremde Flaschen betraf, weil er einmal Brennöl erwischt hatte, dann tat er aber einen Zug, der sicher zum Beifall seines Ahnherrn Störtebeker ausgefallen wäre, worauf er sich in der Gegend umblickte, als sei nun erst wieder das Gleichgewicht in der Natur hergestellt worden.

»Ah!« sagte er nochmals. »Un wonehm hest du den her, min Jung?«

»Nich wiet af von de Holtbrüch is Wilhelm Grahmke, de lüttje dicke vergneugte Steenkohlenhöker, kennst em jo. He hett en Kutter, wo he ümmer mit utfohrt. Da brochen se grad Buddels rin. Se leegen noch op't Deck, un dor lang ick mi dree von rünner, as ick vorbifohrn deh.«

»Hm!« brummte der Alte mißbilligend, »worüm man dree?«

»Güng nich mehr, de Huusknecht keum«, entschuldigte sich Junior.

»Wat hest sünst?« fragte Senior, in das Boot blickend.

Wübbe jun. stieg schmunzelnd hinunter und sprach vom Boot aus:

»Hee! Wat's dütt hier?«

»Warraftig! En Holländer Käs', as he lacht un levt. Seine guten zehn Pfund wert. Das is was!« schrie der Alte. »Nehmher is he?«

»Ein Endchen von der Holzbrücke trieb ich bei einer Schute vorbei, die voller Käse war, da ist der hier in mein Boot gefallen.«

Beide lachten und Junior hielt nun eine Handvoll großer schwarzer Schoten empor.

»Was ist das?« fragte Senior.

»Sie nennen es Bockshörner oder Johannisbrot Bockshörner oder Johannisbrot. In Hamburg ist nur der Ausdruck Johannisbrot üblich. Bockshornbaum ( Algarova) scheint in Reinhardts Heimat, Sachsen, geläufiger gewesen zu sein.. Man kann es essen, das heißt, wenn man Zähne hat«, antwortete Junior lachend.

»Zu was hast du das Zeug genommen?« brummte der Alte, der aus dem angeführten Grund keinen Gebrauch davon machen konnte.

»Ich strich es von der nächsten Schute, um den Käse darunter zu verstecken, und dann, warum sollte ich nicht? Man kann es verkaufen, man kann es kauen – wenn man Zähne hat«, erwiderte Junior.

»Was ist das? Ah! Ein nettes End' Tauwerk. Ungeteert, gut zu laufendem Zeug. Wenigstens zwanzig Faden. Woher?«

»Von einem Torfewer«, erklärte Junior, indem er einen Eimer emporhielt. »Dies hier hat mir die meiste Mühe gemacht. Den Eimer fand ich auf einer Treppe, und da ich doch etwas drin haben mußte, so legte ich mich im Hafen neben eine Schute mit Zuckerfässern, zog den Maiskolben aus einem Luftloch und stocherte mit dem Messer den Zucker heraus, bis der Eimer voll war, als gerade die Schutenführer vom Frühstück kamen und mich beinahe erwischt hätten. Er ist gut zum Grog und Tee«, schloß Junior, indem er eine Handvoll von dem Rohzucker in den Mund steckte.

Der Alte brachte das Gleichgewicht des Universums durch einen zweiten Zug aus der Flasche des kleinen, lustigen Kohlenhändlers Grahmke vollends in Ordnung und kommandierte dann:

»Bring' alles in den Ewer un maak Füer in de Kajüt. Wi seilt.«

»Nehmhen?« fragte Junior verwundert.

Der Alte sah sich vorsichtig um und sagte leise:

»Siems war vorhin hier und sah den Hamburger Tonnenewer hinuntersegeln. Er tat, als habe er ihn gar nicht bemerkt. Der alte Spitzbube. Er wird ein Fahrzeug nicht sehen. Ich wußte aber gleich an seiner Nase, daß er auf die Schaarhörnbake spekulierte, als er es sah. Er ist nach Haus, und ich wette darauf, daß er seinen Ewer klarmacht!«

»Teuf!« sprach Wübbe jun. und verschwand an der Binnenseite des Deiches, an dem er sich hinschlich, bis er an des Stiefelmanns Haus kam. Hier duckte er sich in das Weidengebüsch und kroch dann auf allen vieren vorwärts, bis er einen Platz erreichte, von dem aus er das Treiben des Nachbars beobachten konnte. Er sah diesen eben aus dem Haus kommen und eine runde Schachtel unter dem Arm tragen.

»Aha!« murmelte der Lauscher. »Der Kompaß. Du willst also nach unten, mein Junge.« Dann warf er einen Blick nach dem Fahrzeug und erkannte sogleich, daß dieses zur Fahrt hergerichtet war, worauf er sich zurückzog und beim alten Wübbe angekommen erklärte, man müsse sofort unter Segel gehen und sich unten auf die Lauer legen, damit der alte Siems nicht zuvorkäme.

Peter Wübbe war damit ganz einverstanden und beide gingen daran, das Boot auf den Deich zu ziehen, was sie mit einer kleinen Winde bewerkstelligten. Als sie es oben hatten, kehrten sie es um. Dann brachten sie die »gefundenen« Gegenstände in den Ewer, schlossen das Haus zu und trieben mit ihrem Fahrzeug am Deich hin, bis sie außer der Sehweite des alten Stiefelmannes waren, wo sie das Segel aufzogen, und in den Strom steuerten.

Der alte Wübbe saß beim Steuer und blickte oft rückwärts, als erwarte er, Siems folgen zu sehen. Dann sah er wieder vorwärts nach dem Ofenrohr, aus dem der Rauch zog, denn Junior saß unten vor dem Ofen und kochte Kartoffeln und Tee zum Mittagbrot, wobei Senior kalkulierte, daß sich aus Tee recht gut Grog machen lasse, wenn man Rum und Zucker hineintue. Er segelte sorglos fort, indem er mit Junior das Mahl verzehrte, das aus Kartoffeln und Käse bestand, wozu man Grog trank.

Peter Wübbe fühlte sich nach dem dritten Glas Grog sehr behaglich, was er dadurch anzeigte, daß er auf den Bauch klopfte und dann eine kurze Tonpfeife mit Tabak stopfte und anzündete. Da ihm Junior noch ein viertes Glas vor den Kompaß hinstellte, so zog er den Mund breit und lachte still, denn er dachte an den Stiefelmann, der nun doch hinten war und wenn er kam und mit seinen schweren Stiefeln mühsam in die Bake hinaufkletterte, das Nest dort ausgenommen fand. Der alte Elbpirat steuerte in einem angenehmen Dusel fort, bis er am Horizont den Leuchtturm von Cuxhaven erblickte. Nun wurde er aufmerksam, denn es galt, sich in Cuxhaven nicht sehen zu lassen. Er sprach deshalb einige Worte zu seinem Sohn, der das Segel etwas anzog, worauf das Fahrzeug nach Backbord abfiel und direkt nach Nord lief, als wollte es nach Tönning hinüber. Als Cuxhaven außer Sehweite passiert war, steuerte Wübbe wieder nach West und segelte auf Neuwerk zu, in dessen Nähe er in die Watten und vor Anker ging, als wolle er fischen.

Hier lauerten die beiden nun geduldig auf den Hamburger Ölewer. Sie wußten sehr genau, daß er jetzt in Cuxhaven lag und bald kommen mußte. Um sich die Zeit zu vertreiben, fingen sie bei der Ebbe Krabben und verspeisten diese dann zur Abwechslung mit Holländer Käse und Grog, wonach sie Bütt fingen und diese mit Grog und Käse verzehrten.

Auf diese Weise verloren sie die Geduld nicht und blieben auch ruhig liegen, als das Ölschiff erschien und seine Fracht bei der Insel auslud. Auch als es dann wieder hinaussteuerte und nach der See zuging, blieben sie ruhig auf ihrem Ankerplatz und verfolgten das Fahrzeug mit den Augen. Sie erwarteten dann ebenso ruhig, bis es wieder zurückkam, und hoben erst ihren Anker, als es bei der Kugelbake aufwärts verschwand.

Das Ölschiff wurde indessen nicht allein von Peter Wübbe beobachtet. Es gab noch mehr Augen, die danach ausschauten, denn bei Cuxhaven lag der alte Stiefelmann und wartete auf die Abfahrt und Rückkehr des Fahrzeuges.

Das Wetter begann sich in der Zeit zu ändern, und indem der Wind, der bisher südlich wehte, sich nach West umsetzte, stiegen Wolken am Horizont auf, die in den Schiffern eine Idee an Öljacken und Südwester erweckten. Der Wind fing an, die Wellen vor sich herzurollen und ihnen weiße Kämme aufzusetzen, während der Regen den Blick in die Ferne verwehrte. Peter Wübbe hielt dies Wetter für sein Unternehmen sehr günstig und segelte gerade vor dem Winde in die Elbe hinaus, um den Beobachtern auf dem Neuwerker Turm den Glauben beizubringen, das Fahrzeug wolle nach der schleswigschen Küste. So steuerte er, bis er außer Sicht des Feuerturms war, was bei den Regenschauern bald geschah, und ging dann hinter Vogelsand seewärts, um von dort nach der Schaarhörnbake aufzusegeln.

Das Schiffchen kletterte gehorsam die Wogen hinauf, stürzte sich dann drüben hinab, um wieder hinauf zu steigen und die Kämme zu durchbrechen, die es nicht mehr tragen konnten, deren Schaum dann über Wübbe sen. und jun. hinflog und sie salzte wie Heringe.

Obgleich man rundum nichts als Wasser sah, hielt Peter Wübbe doch seinen Kurs so sicher, daß man die Schaarhörnbake bald über das Chaos von Schaum und Wirbel herausragen und sich fast gespenstig erheben sah.

Die Wellen rollten bei der Bake nicht so arg, weil die Ebbe eingetreten war und die Schaarhörnsandbank den Seegang brach, der mit dem Wind von Südwest kam. Es war trotzdem kein kleines Kunststück, das Fahrzeug so hart an die Bake zu bringen, ohne daran zerschmettert zu werden. Es gelang jedoch der Geschicklichkeit der Fischer, so nahe zu kommen, daß sie ein Tau um einen Stamm brachten, worauf sie das Fahrzeug nach Belieben an und ab bringen konnten, da es der Wind von den Stämmen wegtrieb.

Peter Wübbe stand ganz vorn am Steven und ließ den Ewer mit einer günstigen Welle von seinem Sohne heranbringen, worauf er schnell in die Hölzer stieg, um hinaufzuklettern, während Wübbe jun. das Fahrzeug einige Klafter abtreiben ließ.

Das Hinaufsteigen wollte indes zur Zeit nicht so leicht gehen, weil sich an den unteren Querhölzern eine Menge Seetang angesetzt hatte, der naß und schlüpfrig wie Seife war, weshalb er dem Fuß keinen Halt bot. Peter Wübbe kroch trotzdem einige Sprossen dieser Leiter in die Höhe, worauf er anhielt und sich umblickte.

»Alle Teufel!« schrie er plötzlich, denn er entdeckte in der Ferne ein Segel, das nach der Bake zu kommen schien. Als er aber nach dem Ewer hinunter blickte, schrie er nochmals: »Alle Teufel! Junge! Heran! Wirf mir ein Tau zu und mach' eine Laufschlinge dran! Verdammt! Schnell! denn das Tau an der Bake ist schamfielt und hängt nur noch an einem Garn. Es wird gleich brechen, und dann sitze ich hier oben wie die Maus in der Falle. Das Tau! Das Tau!«

Wübbe jun. ergriff das gestohlene Tau und machte eine Schlinge daran, dann legte er es in lange Ringe durch die Hand und schleuderte diese, wie es die Schiffer tun, zu dem Alten hinauf. Er wurde dabei aber von dem Segel gehindert, das oben geblieben war, damit man augenblicklich in Fahrt kommen konnte. Man hatte nur die Schote losgemacht und es um den Mast gewickelt, der Wind blies es jedoch wieder auf, und es flabbte und schlug nun mit dem Schotblock so um sich, daß Wübbe jun. mehrere sehr empfindliche Püffe erhielt, und um sich zu sichern, das Segeltau packte.

Alle diese Umstände trafen aber zum Verderben des alten Diebes zusammen, denn das geworfene Tau kam dadurch unklar hinauf, und es gelang ihm nur noch, das letzte Ende mit der Schlinge zu fassen, die er sich der Sicherheit halber um den Leib legen wollte. Da sein Sohn in diesem Augenblick den herumschlagenden Block ergriff, so faßte das Segel den Wind und das Fahrzeug erhielt einen Stoß, der das defekte Tau sprengte, mit dem es an der Bake fest lag.

Peter Wübbe hatte gerade den Kopf durch die Schlinge gesteckt und wollte sie weiter herunterziehen, als dies geschah. Er wurde infolgedessen von den Querhölzern heruntergerissen und stürzte in die Wellen, durch die ihn das Tau hinter dem Ewer herschleppte, wobei sich die Schlinge um den Hals ganz so zuzog, wie es ihr Träger noch vor kurzem von ihr erwartete.

Der junge Wübbe konnte ihm in diesem Moment nicht beistehen, denn er mußte mit Segel und Steuer kämpfen, um das Fahrzeug in dem hohlen Wasser nicht umstürzen zu lassen. Da er das Tau straff und den Kopf seines Alten hinter sich aus dem Wasser schauen sah, so hielt er ihn für geborgen, denn auf das Naßwerden kam es nicht an und der Alte würde sich, wie er dachte, schon heranholen, wie dies in ähnlichen Fällen geschehen war.

Er kümmerte sich deshalb nicht weiter um ihn, sondern wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Segel zu, das er festlegte, weil eine neue Bö heranstürmte und die Wellen hoch aufpeitschte, während zugleich ein Regenguß niederbrach. Es bedurfte aller Kraft und Geschicklichkeit des Fischers, den Ewer quer durch die Wellen zu führen, da er nicht vor den Wind gehen durfte, weil ihn diese Richtung gerade auf den großen Vogelsand brachte, wo die Brandung jetzt haushoch donnernd emporspritzte. Alles, was er tun konnte, bestand darin, daß er das Tau, an dem sein Alter hing, schnell durch einen starken Zug ein Stück anholte und dann festlegte, worauf er sogleich wieder mit beiden Händen nach der Steuerpinne greifen mußte. Sobald ihm eine Welle einen Augenblick Zeit ließ, zog er wieder und brachte endlich den Alten nahe an das Steuer. Hier schrie er ihm zu, nun selbst an Bord zu klettern, er müsse jetzt den Ewer beim Winde halten, um nicht auf den kleinen Vogelsand zu kommen, der das Segel, das er gesehen, zum Umkehren gezwungen habe.

Peter Wübbe kam aber nicht an Bord.

Wübbe hatte einmal in der Jugend ein alter Schulmeister gedroht: »Was hängen soll, ersäuft nicht.« Die Prophezeiung war erfüllt. Peter Wübbe war nicht ertrunken. Er hatte keinen Tropfen Wasser geschluckt, denn das Tau zog ihm die Kehle so eng zu, daß er erstickte. Er wurde im Wasser erhängt.

Wübbe jun. war nun Waise und merkte dies erst, als er in den Windschutz von Neuwerk kam, wo die Wellen nicht so arg waren und er daran denken konnte, dem Alten hinein zu helfen. Als er sich umdrehte, faßte ihn Entsetzen, denn er bemerkte nun, daß das Tau um den Hals des Alten zugezogen war und daß dieser mit glasigen Augen gespenstig in den Ewer starrte, wenn ihn eine Welle emporhob und gegen diesen trieb, sobald ihn das Wasser etwas in der Fahrt hemmte. Ging das Fahrzeug wieder vorwärts, so stemmte sich Peter Wübbe draußen dagegen und tauchte unter, bis er plötzlich abermals heranschoß und hart am Steuer hoch auftauchte und hineinstarrte, so daß der Sohn vor Entsetzen hätte über Bord springen mögen. So ging die grausige Fahrt fort bis Cuxhaven, wo es Wübbe jun. erst gelang, in ruhiges Wasser zu kommen, indem er hinter die »Alte Liebe« lief.

Hier traf er den Stiefelmann, der eben erst vor ihm eingelaufen war und dessen Segel Peter Wübbe auf der Bake so erschreckte.

Man zog nun Peter Wübbe an Bord, machte die Schlinge los, rieb ihn mit Rum, goß ihm Rum in den Mund, denn wenn ein Mittel in der Welt imstande gewesen wäre, ihn lebendig zu machen, so war es dieses. Aber er blieb tot, so hartnäckig tot, wie nur ein Mann bleiben kann, den man eine Stunde lang in einer Schlinge um den Hals mit der Schnelligkeit von acht Knoten nachschleppt.

Der alte Stiefelmann sagte »Joo«, kroch in seine Kajüte und suchte Trost bei der Steinflasche, wodurch er endlich in eine weiche Stimmung geriet. Im Anfang war er geneigt, sich über Peter Wübbes Geschäftsaufgabe zu freuen, denn er war von allen Finkenwärdern und Blankenesern der geriebenste. Dann bedachte er aber, was für ein guter Kamerad er gewesen sei, wenn es das Geschäft nicht betraf, denn »Handel und Wandel leiden keine Freundschaft«. Jetzt sei er tot und aller Hader vorbei. Beim sechsten Glas war der Stiefelmann so weich, daß er ein paar Tränen vergoß und den besten Freund auf der Welt verloren zu haben glaubte, worauf er eine alte hannoversche Flagge hervorsuchte, mit der er hinaufkroch, um sie über seinen Freund zu breiten, der still und steif auf dem Verdeck seines Ewers lag, während sein Sohn und Erbe ihm zu Häupten saß und ihn nicht mehr mit Rum einrieb, sondern diesen selbst trank, wobei ihm der Stiefelmann half und trotz aller Weichheit das Geheimnis seiner Steinflasche nicht verriet.


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