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Das fromme und gläubige Wien schwelgte noch immer in Entzücken über die Anwesenheit des Papstes. Es folgte ihm in andächtigen Schaaren, so oft er sich zeigte, es strömte ihm jubelnd nach, so oft er spazieren oder nach der Stephanskirche zur sonntäglichen Messe fuhr, es sank auf seine Kniee nieder, so oft er die Hände erhob, um dem Volk mit seinem milden, bezaubernden Lächeln seinen Segen zu ertheilen.
Der Papst, entzückt über die Begeisterung der guten Wiener, zeigte sich daher täglich entweder auf der Straße oder auf seinem Balkon, und niemals war in Wien so viel Segen gespendet, so viel Ablaß geschenkt, so viel Vergebung verkündet, wie in diesen glückseligen Wochen der Anwesenheit des Papstes.
Aber diese zufälligen Segnungen genügten weder dem leutseligen Papst, noch dem frommen Volk. Pius wollte bei ganz besonderer Gelegenheit sich dankbar zeigen für so viel Andacht und Ehrfurcht, und das Volk sehnte sich, auf eine recht feierliche Weise den Segen des Papstes zu erhalten, und ihn zu sehen und zu bewundern in aller seiner Herrlichkeit.
Pius wollte diesem Sehnen genügen, und große Anschlagszettel an allen Kirchthüren und allen Mauern verkündeten den Wienern, daß der heilige Vater morgen dem Volk im Hof der Kaiserburg den »großen Segen« ertheilen würde.
In ungeheuren Schaaren strömten die Wiener am andern Tage hin, diesen »großen Segen« zu erhalten. Eine unabsehbare Menschenmenge füllte den ungeheuren Raum, alle Dächer rings umher waren mit Menschen angefüllt. Jeder wollte Theil haben an dem großen Segen des heiligen Vaters, Jeder wollte den erhabenen Greis sehen, wie er, im vollsten Schmuck seiner heiligen Würde, das ehrwürdige schöne Haupt geschmückt mit der dreifachen Krone, im glänzenden Geleit der Cardinäle, unter dem Geläut aller Glocken, mit feierlichen, langsamen Schritten über den Platz dahin schritt, um mit seinen beiden hoch erhobenen Armen diesen Tausenden, welche durchschauert von heiliger Andacht auf ihren Knieen lagen, den Segen zu ertheilen, und ihnen die Gnade des Ewigen zu erflehen.
Aber auch dieser große und feierliche Act hatte der frommen Begeisterung der Wiener noch nicht Genüge gethan. Sie hatten ihn bei dem »großen Segen« auf dem Hofe gesehen und angebetet als den Herrn der Kirche, aber sie wünschten ihn nun auch noch zu sehen als den Diener Gottes.
Papst Pius selber wünschte sich dem Volk auch noch als ausübender Priester, als Diener Gottes zu zeigen.
Und abermals erschienen große Anschlagszettel an den Kirchthüren und an den Straßenecken, und verkündeten dem Volk von Wien, daß der Papst morgen am ersten Tage des heiligen Osterfestes das Hochamt abhalten werde. Das Volk empfing diese Nachricht mit jubelndem Entzücken, und erwartete mit Ungeduld den kommenden Tag.
Die Cardinäle, Bischöfe und Geistlichen aber hielten am Vorabend des heiligen Festes im St. Stephans-Dom eine Generalprobe vom Hochamt; Friedel's Briefe aus Wien. Th. I. S. 217. der päpstliche Ceremonienmeister übernahm bei dieser Probe die Rolle des Papstes, und statt der Bibel hielt er einen ungeheuren Folianten in der Hand, das Ceremonienbuch, aus welchem er den fungirenden Cardinälen und Bischöfen und dem ganzen Schwarm der Prälaten und Geistlichen ihre Rollen vorlas, und ihnen ihre Stelle anwies bei dem großen Fest des morgenden Tages. Friedel's Briefe aus Wien. Th. I. S. 217.
Dank dieser Generalprobe fand die große Ceremonie am andern Tage mit aller Pracht statt. Hoch oben auf seinem Thron saß der heilige Vater in seinen goldenen Gewändern, die dreifache Krone auf dem Haupt, das große Brillantenkreuz seines höchsten Ordens auf der Brust, beschattet von einem goldgestickten Purpurbaldachin, umringt von den Cardinälen und Bischöfen, die in ihren violetten und purpurnen Gewändern ihn umgaben und deren ganze Seele mit allen ihren Gedanken heute nur dem Papst und dem vorgeschriebenen Ceremoniell zugewandt war.
Hoch oben auf seinem Thron saß der Papst, mit begeistertem Angesicht hinschauend auf das heilige Crucifix, das erhabene Bildniß des Gottes, den zu celebriren der Papst gekommen war, demuthsvoll sich neigend, er, der erhabene Fürst der Kirche, vor dem segenspendenden, lebengebenden Gott, dessen Statthalter auf Erden er selber war, und in dessen Namen er Segen zu spenden und Gnade zu verkünden hatte.
Und das Volk, das zu ganzen Schaaren zur Andacht in die Kirche geströmt war, das auf seine Kniee niederstürzte, als der Papst auf seinem hohen Thron sich von seinem goldenen Sessel erhob, und den Segen ertheilte, und das Gebet sprach, das andächtige Volk schauete bewundernd auf den schönen, erhabenen Papst, und entzückte sich an seiner stolzen Würde, an seiner edlen Majestät und seiner Hoheit, und betete inbrünstiger wie jemals, als es den Papst mit so tiefer Andacht und Demuth das Wundergeheimniß des Altars celebriren sah.
Aber es gab so Viele, welche an diesem Tage nicht die Kirche besuchen konnten, welche, von Krankheit und Gebrechlichkeit an ihr Haus gefesselt, nicht dem Papst persönlich ihre Huldigung hatten darbringen dürfen, so viele vornehme Damen und Cavaliere, welche nicht des großen Glückes hatten theilhaftig werden können, den Pantoffel des Papstes zu küssen.
Mit flehender Bitte wandten sich diese Damen und Cavaliere an den heiligen Vater und flehten ihn um die Gnade an, ihnen, da sie ihrer Krankheiten und Gebrechen wegen nicht zu dem Papst wallfahrten könnten, den Pantoffel Seiner Heiligkeit in ihr Haus zu senden, damit sie ihre andachtsvollen, Gebete murmelnden Lippen auf denselben drücken könnten.
Dies war selbst für den Papst, den an alle Arten der Huldigung gewöhnten Statthalter Gottes, eine neue, überraschende und schmeichelhafte Huldigung, welcher er indessen mit sehr freudiger Bereitwilligkeit willfahrte.
In der großen Staatskutsche des Papstes ward also eines Tages der Pantoffel Sr. Heiligkeit umhergefahren zu den vornehmen Gläubigen, der päpstliche Ceremonienmeister, im vollen Ornat, trug ihn hinein in die Paläste, in deren Vorhallen die ganze Dienerschaft, mit Wachsfackeln in den Händen, Spalier bildete, um den auf goldener Schüssel ruhenden Pantoffel zu geleiten, ihm vorzutreten und vorzuleuchten bis hinein in die Gemächer der Herrschaften, die auf ihren Knieen den Pantoffel willkommen hießen, und wenn der Ceremonienmeister ihnen denselben zum Kusse darreichte, mit glühendster Inbrunst ihre Lippen auf denselben hefteten. Friedel's Briefe aus Wien. Th. I. S. 221.
Aber alle diese Huldigungen, diese Schmeicheleien, diese Anbetungen, so sehr sie auch immer das edle Herz des Papstes erfreuten, vermochten doch nicht ihn zu befriedigen, denn es gab zwei Männer in Wien, welche sich dieser Vergötterung nicht anschlossen, zwei Männer, welche Pius zu widerstehen wagten und ihm entgegentraten mit dem Stolz ihrer eigenen Persönlichkeit und dem Bewußtsein ihrer eigenen Würde und Bedeutsamkeit.
Der erste dieser beiden Männer war der Kaiser. Freilich hatte er es niemals an der Ehrfurcht und Rücksicht mangeln lassen, die er Pius als dem erhabenen Kirchenfürsten, als dem frommen und ehrwürdigen Greise schuldete. Aber Pius fühlte doch, daß er das Herz, und noch viel weniger den Kopf Joseph's nicht für sich gewonnen, daß er nicht dem Rufe seines frommen Vaters gehorsamend in voller Zerknirschung des verlorenen Sohnes heimgekehrt war zu der Mutter Kirche, um reuige Abbitte zu leisten und seine Fehler zu widerrufen.
Der Kaiser hatte ihn geehrt als Gast, aber er hatte den Papst doch fühlen lassen, daß Joseph immer noch alleiniger und unumschränkter Herr sei in seinen Landen, selbst wenn das Oberhaupt der Christenheit in denselben sich befinde.
Joseph hatte befohlen, daß alle geistlichen Breven, bevor sie gedruckt und publicirt würden, ihm zur Unterschrift vorgelegt würden, damit er ihnen das Exequatur ertheile. Als daher Papst Pius während seiner Anwesenheit in Wien ein Breve erließ, in welchem er der neuerbauten Michaelis-Kirche Beneficien und Indulgenzen verlieh, weigerte sich die Staatsdruckerei, dieses Breve zu drucken, da es noch nicht die Unterschrift des Kaisers trüge, und auf ausdrücklichen Befehl Josephs mußte auch dieses Breve, gleich allen übrigen, ihm erst zur Unterschrift vorgelegt werden.
Noch andere Kränkungen hatte der stolze Kirchenfürst von dem Kaiser erfahren. Vielleicht hatte er sich gefreut, bei den beiden großen Feierlichkeiten, bei dem Segen auf dem Hofe und dem Hochamt in der Stephans-Kirche den gläubigen und anbetenden Wienern auch den Kaiser zu zeigen, wie er in Demuth und Gehorsam, als ehrfurchtsvoller, gläubiger Sohn, sich beugte vor seinem erhabenen Vater, und in dem Statthalter Gottes seinen Herrn und Vorgesetzten anerkannte, dem er überall den Vortritt und den ersten Rang einräumte.
Aber der Kaiser vereitelte ihm die Freude. Er hatte nicht sobald erfahren, daß auf ausdrückliche Anordnung des päpstlichen Ceremonienmeisters der päpstliche Thron in der Stephanskirche eine Stufe höher sein sollte, wie der neben demselben errichtete Thron des Kaisers, als er befahl, sofort seinen Thron fortzunehmen, da er dem Hochamt nicht beiwohnen werde. Bei dem Papst entschuldigte er sich mit einem Augenübel, das ihn den Glanz der vielen Lichter bei dem feierlichen Hochamt scheuen lasse. Und dieses Augenübel war sehr hartnäckiger Natur, denn der Kaiser hatte schon daran gelitten, als der Papst den großen Segen auf dem Hofe ertheilte, und schon damals hatte er wegen desselben dieser Ceremonie nicht beiwohnen können, bei welcher er hinter dem Papst hätte einherschreiten müssen.
Der andere Mann, welcher es gewagt hatte, sich dem Papst als freier, selbstständiger Character gegenüber zu stellen, das war der Fürst Kaunitz, der » ministro eretico«, wie der Papst ihn oft in seinen Breven genannt, der Mann mit dem eisernen Kopf und dem starken Willen, welche beide Rom schon so viel Leid zugefügt.
Vergeblich hatte der Papst an jedem Tage den Besuch des Fürsten erwartet; Kaunitz war nicht gekommen, dem heiligen Vater seine Huldigung darzubringen; vergeblich stand der päpstliche Pantoffel auf goldgesticktem Kissen in dem Vorsaal des Papstes; alle hohen Staatsbeamten, der ganze hohe Adel kam, diesen Pantoffel zu küssen, Kaunitz allein kam nicht.
Und so war endlich der Tag der Abreise des Papstes herangekommen, und Kaunitz hatte Pius noch immer vergeblich auf sich warten lassen, und der Papst, der persuasore, hatte noch immer nicht den ministro eretico die Macht seiner Beredtsamkeit können empfinden lassen, noch immer nicht versuchen können, durch seine Güte und Gnade den Fürsten zu gewinnen, und ihn zu einem Freund der Kirche umzuwandeln.
Heute um die Mittagsstunde sollte die Abreise des Papstes stattfinden. Pius hatte schon alle Abschiedsbesuche empfangen, alle Cardinäle und Bischöfe beurlaubt. Um zwei Uhr erwartete er den Kaiser, der ihn abholen und ihn bis Mariabrunn begleiten wollte. Jetzt war es eilf Uhr, Pius hatte also noch einige unbeschäftigte Stunden vor sich. Er konnte also endlich zur Ausführung bringen, was er schon lange beabsichtigt hatte.
Er schellte seinem Kammerdiener und befahl ihm, sofort einen Boten zu dem Fürsten Kaunitz zu senden, um Sr. Durchlaucht zu vermelden, daß der Papst in einer halben Stunde ihm seinen Besuch machen werde.
Der Kammerdiener eilte fort, aber wenige Minuten später öffnete sich wieder die Thür und der Ceremonienmeister des Papstes trat ein.
Pius empfing ihn mit einem sanften Lächeln. Ich weiß, weshalb Ihr kommt, sagte er. Ihr habt von Brambilla erfahren, daß ich beabsichtige, dem Fürsten Kaunitz meinen Besuch zu machen, und Ihr wollt mich bitten, dies nicht zu thun!
Ja, ich wollte Ew. Heiligkeit beschwören, nicht einen Schritt zu thun, der –
Der ganz und gar nicht der päpstlichen Würde entspricht, unterbrach ihn der Papst. Ihr könnt denken, daß ich mir das Alles schon selbst gesagt, daß ich lange gekämpft und überlegt habe, wie es demüthigend für mich ist, zu diesem stolzen Manne zu gehen, der es verschmäht hat, zu mir zu kommen. Aber demüthig zu sein, ist die Pflicht des Dieners Gottes, und der Hochmuth der Welt darf mich nicht verhindern, einen Schritt zu thun, der vielleicht für die Kirche von ersprießlichen Folgen sein kann. Denn diese Aufmerksamkeit, welche der Papst dem Minister zollt, wird ihn vielleicht rühren, wird sein Herz erschüttern und ihm beweisen, daß wir nicht so herrschsüchtig und stolz sind, als er vermeint, daß wir gern Jedem Anerkennung und Ehre schenken, und nur wünschen, daß man auch uns das thue, was wir gethan haben unserm Nächsten.
Aber wenn denn Ew. Heiligkeit dem Fürsten solche ungeheure, niemals dagewesene Ehre erzeigen wollen, so hätten Ew. Heiligkeit mindestens den Fürsten früher davon benachrichtigen, hätten es ihn schon gestern wissen lassen müssen, damit er seine Vorbereitungen treffen konnte zu einem würdigen Empfang Eurer Heiligkeit.
Der Papst lächelte traurig. Kurzsichtiger Freund, sagte er, meine Augen sehen weiter als die Eurigen! Ich habe dem Fürsten so spät meinen längst beschlossenen Besuch angekündigt, um mir noch größere Demüthigungen zu ersparen; hätte ich Kaunitz schon gestern vermelden lassen, daß ich ihn heute besuchen wolle, so hätte die Höflichkeit und Schicklichkeit erfordert, daß er mir zuvorkomme, und mir zuerst seinen Besuch mache. Ich fürchte aber, der rücksichtslose Mann würde diese Höflichkeit nicht erfüllt haben. Hätte ich ihm heute um einige Stunden früher meinen Besuch angekündigt, so würde er Zeit gehabt haben, Vorbereitungen zu treffen, um den Kirchenfürsten, den Statthalter Gottes, mit einer Feierlichkeit zu empfangen. Ich fürchte aber, er würde von dieser Zeit keinen solchen Gebrauch gemacht, er würde keine Vorbereitungen getroffen haben. Es war also besser, unerwartet zu kommen, um meiner Würde eine Demüthigung zu ersparen.
Aber weshalb wollen Ew. Heiligkeit überhaupt diesem hochmüthigen Mann eine solche hohe Ehre angedeihen lassen? fragte der Ceremonienmeister eifrig. Weshalb ihn mit einem Besuch begnadigen, da er den Werth dieser Gnade vielleicht gar nicht in dem rechten Maaß erkennen und würdigen wird?
Weshalb! Weil mir mein Amt befiehlt, nichts unversucht zu lassen, was zum Heil und zur Ehre der Kirche förderlich sein könnte. Weil eine Demüthigung meiner Person nicht gescheut werden kann, wenn es gilt, das Heil zu fördern und der Kirche einen verlornen Sohn wieder zu gewinnen. Eilt Euch, sendet rasch meinen Boten hin, denn die Zeit verfliegt, und ich will diesen Mann aufsuchen, der mich vermeidet, und seinem Gotte trotzt!
Eine halbe Stunde später hielt eine kaiserliche Hof-Equipage vor dem Hôtel des Fürsten Kaunitz an, und der Papst, nur gefolgt von seinem Caplan, kam, dem Fürsten Kaunitz seinen Besuch zu machen.
Aber diesmal schien der weise Pius sich doch geirrt zu haben, denn Fürst Kaunitz schien die kurze Zeit gleichwohl zu einigen Vorbereitungen benutzt zu haben, um Se. Heiligkeit würdig und festlich zu empfangen.
Auf dem Flur des Hôtels stand die fürstliche Dienerschaft in reichster Gallalivrée, an der Treppe, welche mit kostbaren Teppichen belegt war, empfing die Gräfin Clary in reichster Toilette den Papst, und ihre Kniee beugend vor Sr. Heiligkeit, bat sie ihn um seinen Segen.
Pius neigte sich zu ihr nieder mit einem sanften Lächeln, und legte segnend seine Hände auf ihr Haupt, und gestattete es, daß die Gräfin alsdann diese schöne weiße Hand, welche den Ring St. Peters trug, an ihre Lippen preßte. Dann bat er sie, sich von ihren Knieen zu erheben, und ihn zu ihrem Oheim, dem Fürsten, zu geleiten.
Die kleine Gräfin Clary stand auf, und während sie den Papst durch eine Reihe glänzend decorirter Säle führte, bat sie in demüthigen Worten um Entschuldigung, daß der Fürst nicht selber Sr. Heiligkeit entgegen gekommen, weil er nicht wagen dürfte, der kalten Luft sich auszusetzen, und seit einigen Wochen sein Zimmer nicht verlassen habe.
Pius neigte sanft sein Haupt zur Zustimmung und schritt weiter. Jetzt endlich standen sie vor einer geschlossenen Thür, und indem die Gräfin sie öffnete, sagte sie: Hier erwartet mein Oheim den gnädigen Besuch Eurer Heiligkeit.
Pius trat ein, aber nicht, wie er erwartet hatte, empfing ihn Fürst Kaunitz an der Thür. Nein, er stand da drüben an der andern Seite des großen Gemachs vor dem Kamin, in welchem ein helles Feuer brannte, er stand da, den Hut auf dem Kopf, in seinem einfachen Hausrock, dessen Schöße er zurückgeschlagen hatte, um sich zu wärmen. Groß-Hoffinger III. S. 38.
So ganz vertieft in seine Gedanken schien der Fürst zu sein, daß er das Eintreten des Papstes und seines Gefolges gar nicht bemerkte, sondern ruhig stehen blieb, bis die Gräfin Clary mit lauter Stimme sagte: Se. Heiligkeit der Papst!
Nun schritt Kaunitz, ohne daß indeß sein Antlitz irgend eine Ueberraschung, ein Aufschrecken aus seinem Nachdenken verrathen hätte, langsam vorwärts. Grade in der Mitte des Salons traf er mit dem Papst zusammen, und indem er sich ehrfurchtsvoll verbeugte, nahm er endlich jetzt seinen Hut ab.
Pius neigte sein Haupt zum Gruß und reichte mit einer hoheitsvollen Bewegung dem Minister seine Hand zum Kusse dar. Aber Kaunitz, statt seine Lippen auf diese Hand, welche seinem Munde dargereicht ward, zu pressen, ergriff sie mit seiner Rechten, und schüttelte sie, à l'anglaise, auf das Kräftigste und Herzlichste, indem er ausrief: De tout mon coeur! De tout mon coeur! Historisch. Siehe: Groß-Hoffinger III. S. 39.
Ueber das edle, schöne Antlitz des Papstes flog ein düsterer Schatten hin, und das Lächeln seiner feinen Lippen verblaßte. Ich bin gekommen, weil ich wünschte, Ew. Durchlaucht Lebewohl zu sagen, und Ihnen meinen Segen zu bringen, auch ohne daß Sie ihn fordern!
Ich danke Ew. Heiligkeit für die Ehre, welche Sie mir erzeigen, indem Sie mein Haus besuchen, erwiderte der Fürst mit vollkommen ruhiger, gleichmäßiger Stimme. Aber vor allen Dingen bitte ich Ew. Heiligkeit, mir zu erlauben, daß ich meinen Hut wieder aufsetzen darf. Die Luft ist hier etwas kühl, und ich habe einen schwachen Kopf. Des Fürsten eigene Worte. Siehe: Bourgoing, Pius VI. und sein Pontificat. S. 225.
Und war's nur die Furcht vor der kühlen Luft, oder vor dem Segen des Papstes, – Fürst Kaunitz setzte schnell seinen Hut wieder auf, ohne nur die Erlaubniß des Papstes abzuwarten.
Pius gab sich den Anschein, dies nicht zu bemerken, und indem er sich langsam auf einen Lehnstuhl niedergleiten ließ, bat er den Fürsten mit sanfter Stimme, neben ihm Platz zu nehmen.
Kaunitz setzte sich ihm gegenüber, und richtete seine großen blauen Augen mit kalter, starrer Ruhe auf das Angesicht des Papstes, und erwartete mit vollkommener Gelassenheit, daß dieser die Unterhaltung beginne.
Eine Pause trat ein; diese eisige Ruhe des Fürsten schien den Papst zu verwirren und zu betrüben, denn er bewegte sich unruhig hin und her, und ein Ausdruck tiefer Trauer flog über seine Züge hin. Aber er raffte sich gewaltsam zusammen, und rief wieder sein sanftes, so oft gepriesenes Lächeln auf seine Lippen zurück.
Ich bin zu Ew. Durchlaucht gekommen, weil ich wünschte, Ihnen einen hohen Beweis meiner Achtung und Anerkennung zu geben, sagte Pius endlich.
Kaunitz verneigte sich leicht. Und ich bin von diesem Besuch um so mehr überrascht worden, als ich aus den Breven Eurer Heiligkeit niemals die Achtung und Anerkennung herauslesen konnte, die ich als Staatsmann und treuer Diener Oesterreichs zu verdienen glaube.
Vielleicht haben wir uns Beide mißkannt, sagte Pius sanft, und deshalb eben bin ich selbst hierhergekommen nach Wien, um alle Mißverständnisse zu lösen, alle Hindernisse bei Seite zu schieben, welche dem Kaiser, meinem geliebtesten Sohn in Christo, den Weg zu der allein seligmachenden Kirche zu versperren schienen. Vielleicht ist es mir gelungen, vielleicht werden auch Ew. Durchlaucht, wie ich es mit heißen Gebeten vom Himmel erflehe, diesen Weg wiederfinden.
Ich hoffe, daß ich mich niemals von meinem rechten Wege verirrt habe, sagte Kaunitz fest. Die Größe, Freiheit und Unabhängigkeit Oesterreichs ist das Ziel und Streben meines ganzen Lebens gewesen, und immer bin ich meinem edlen Kaiser behülflich gewesen, die Ketten zu zerreißen, mit welchen man ihn binden und ihn abhängig machen möchte von einem fremden Willen. Jetzt giebt es in diesem Staat kein anderes Gesetz, als das Gesetz des Kaisers, keinen andern Willen, als den seinen, er ist unumschränkter Gebieter in seinem Reiche, und da er immer nur das Gute will und das Große erstrebt, geht Oesterreich jetzt einer herrlichen, stolzen und freien Zukunft entgegen. Diese Zukunft aber hat es gefunden auf dem Wege, den Ich mit dem Kaiser wandelte!
Pius blickte mit einem Ausdruck tiefen Kummers in das Antlitz des stolzen Ministers. Sie sprechen nur von Dem, was Sie als Staatsmann und als Politiker gethan, sagte er, und nur mit weltlichen Gedanken ist Ihre ganze Seele erfüllt. Und doch ist Ihr Haar schon weiß wie Schnee, doch sind Sie ein Greis, welcher dem Grabe zuwankt, doch wäre es Ihrem hohen Alter wohl ersprießlich und angemessen, sich auch mit Gott zu versöhnen, und etwas zu thun zum Besten der Kirche. Des Papstes eigene Worte. Siehe: Pius VI. und sein Pontificat. S. 226.
Das Angesicht des Fürsten war bleich geworden, selbst die stark aufgelegte Schminke genügte nicht, dies zu verschleiern. Seine Stirn legte sich in düstere Falten, und der Athem kam laut und fieberisch aus seiner Brust hervor. Pius hatte ein Wort genannt, welches Kaunitz streng verboten hatte, in seiner Gegenwart zu nennen, und welches jetzt seine Brust wie ein Dolchstoß getroffen hatte. Dieses Wort war: das Grab! Pius hatte den eiteln Fürsten an seiner Achilles-Ferse verletzt, denn er hatte von seinem hohen Alter gesprochen, er hatte ihn einen Greis genannt!
Aber nach einigen Minuten hatte Kaunitz seinen Zorn und seine Empörung bekämpft und sein Antlitz ward wieder so ruhig und ehern, wie es immer zu sein pflegte.
Ich hoffe, sagte er mit lauter, fester Stimme, ich hoffe, daß ich nicht nöthig habe, mich mit Gott zu versöhnen, weil ich niemals etwas gethan habe, weshalb er mir seine Gnade entziehen müßte. Zum Besten der Religion glaube ich auch Vieles gethan zu haben, und es ist nicht meine Schuld, wenn das Beste der Religion nicht immer im Einklang ist mit dem Besten der Kirche. Aber verzeihen mir Ew. Heiligkeit, daß unser Gespräch durch meine Schuld eine so ernste Wendung genommen, denn sicher lag es nicht in der Absicht Eurer Heiligkeit, mit mir eine Geschäftskonferenz zu halten, sondern Sie wollten mir die Gnade eines freundschaftlichen Besuchs erzeigen, und solchen Besuchen müssen die Staats-Angelegenheiten immer fern bleiben, denn die Geschäfte des grünen Tisches passen nicht für das Gesellschaftszimmer. In diesem sollte man sich nur von den heitern Dingen des Lebens unterhalten, von den Wissenschaften, den Künsten und Allem, was das Leben schmückt und verschönt. Ew. Heiligkeit sind ja auch ein gnädiger Gönner der Wissenschaften und Künste!
Ich liebe die Künste, sagte der Papst sanft, liebe besonders die Kunst, welche zur Verschönerung der Kirche und zur Erweckung einer heiligen und andächtigen Freude am Meisten beiträgt. Es ergeht mir damit, wie mit den Menschen, denn ich schätze auch diejenigen Menschen am höchsten, welche die Kirche schmücken und zieren und zu ihrer Verherrlichung beitragen.
Aber es können sich doch nicht alle Menschen zu Pinseln machen, um die Kirche mit Heiligenbildern und Wundermährchen auszumalen, rief Kaunitz, denn, nicht wahr, ich habe recht gerathen, die Malerei ist die Kunst, welche Ew. Heiligkeit am meisten lieben?
Ja, die Malerei, welche die eigentliche christliche Kunst ist!
Ach, wenn Ew. Heiligkeit die Malerei lieben, sagte Kaunitz rasch, so darf ich hoffen, Ihnen auch in meinem Hause einen kleinen Genuß zu gewähren, denn ich besitze eine ziemlich bedeutende Gemälde-Sammlung und ich bitte Ew. Heiligkeit um das Vergnügen, Ihnen dieselbe zeigen zu können.
Er stand auf, bevor noch Pius seine Zustimmung gegeben, die Gemälde zu sehen, und bat den Papst, ihn in den anstoßenden Saal zur Besichtigung seiner Gemälde zu begleiten.
Pius erhob sich langsam aus seinem Lehnsessel und folgte dem Fürsten, der mit rascherem Schritt ihm vorauseilte und die Thüren zu dem Saal öffnete. Ehrerbietig folgte dem Papst sein Caplan, und die Gräfin Clary, und der Staatsreferendar Baron von Binder, welche während des Gesprächs zwischen Pius und dem Fürsten sich ehrfurchtsvoll bis an die Thür zurückgezogen hatten.
Sie traten ein in den großen Saal, dessen hohe Wände rings mit den schönsten Gemälden geziert waren. Kaunitz beeiferte sich, jedes dieser Gemälde dem Papst zu erklären.
Sehen Sie, da habe ich ein Gemälde, um welches mich selbst der Vatican beneiden kann, sagte er, auf das große Bild hindeutend, vor welchem sie eben anlangten. Es ist ein Werk von Murillo, diesem großen Meister, welcher Madonnen und Betteljungen gleich herrlich zu malen verstand. Sehen Ew. Heiligkeit nur! Kann es ein schöneres Erdenweib, eine lieblichere und üppigere Mutter geben, als diese Madonna hier?
Es ist wahr, dies ist ein sehr schönes Bild! sagte Pius, näher zu dem Bilde herantretend.
Ah, Ew. Heiligkeit haben nicht den richtigen Standpunkt, um es sehen zu können, rief Kaunitz. Sie müssen hier links herkommen.
Und im Eifer seines Kunst-Enthusiasmus ganz und gar des Ceremoniells vergessend, ergriff der Fürst den Arm des Papstes und zog ihn hinüber nach der linken Seite.
Pius zuckte erschreckt in sich zusammen, und einen Moment blitzte ein Funke des Zorns in seinen Augen auf über diese unehrerbietige Berührung seiner geheiligten Person, aber wieder überwand er sich und betrachtete mit theilnahmvoller Aufmerksamkeit das Bild.
Kaunitz schien die Erregung des Papstes gar nicht gewahrt zu haben, er führte ihn weiter von Bild zu Bild, bald ihn rückwärts drängend, bald ihn vorwärts schiebend, bald ihn rechts wendend, oder nach links ihn drehend, je nachdem er es zur wirkungsvollen Beschauung seiner Gemälde nothwendig erachtete. Bourgoing, Pius VI. S. 227.
Der Papst ließ es geschehen, vielleicht weil er betäubt war vor Erstaunen, vielleicht, weil er den stolzen Minister nicht ahnen lassen wollte, daß er sich gekränkt fühle. Zum ersten Mal hatte es eine profane Hand gewagt, ihn zu zerren und zu stoßen, ihn, dem man sich sonst nur mit tiefster Ehrerbietung nahte, den man nur berührte, um ihm zu huldigen! – Mühsam rang er nach Fassung, aber seine Lippen zitterten, und er warf fast einen ängstlichen, hülfeflehenden Blick auf seinen Kaplan, der mit wahrhaft entsetzten Blicken dieser unerhörten Scene zugeschaut hatte, und sich jetzt beeilte, den Papst aus dieser peinigenden Situation zu erlösen, indem er sich hastig ihm näherte, und Pius mit halblauter Stimme daran mahnte, daß die Stunde seiner Abreise heranrücke, und daß der Kaiser ihn erwarten werde.
Ihr habt Recht, meine Zeit ist abgelaufen, sagte Pius rasch, und indem er sich an den Fürsten wandte, sagte er freundlich: Ich muß fort, und kann nicht einmal die Freude haben, alle Ihre Bilder zu beschauen. Hätte ich geahnt, daß Sie so viele Schätze besitzen, so wäre ich schon eine Stunde früher gekommen, um sie mit mehr Muße beschauen zu können. Ich danke Ihnen indeß für die große Gefälligkeit, welche Sie mir erwiesen, und für das viele Neue und Unerwartete, welches Sie mir gezeigt haben!
Er grüßte Kaunitz mit einer tiefern Neigung des Hauptes, aber er hütete sich wohl, ihm nochmals seine Hand darzureichen, um statt des Kusses seinen kräftigen Händedruck zu empfangen. Auf den Arm seines Kaplans gelehnt, wandte er sich der Thür zu, aber als er an der Gräfin Clary vorüberkam, blieb er stehen, und legte mit einer Bewegung voll Hoheit und Anmuth zugleich seine Hand auf ihr Haupt.
Ich lasse meinen besten Segen in diesem Hause und auf Ihrem Haupt zurück, sagte er, möge er Ihnen und diesem Hause Früchte tragen, und möge Gott in seiner Gnade und Barmherzigkeit auch allen Denen helfen, welche ihm ein störrig und unwillfährig Herz entgegen halten, als einen Schild, mit dem sie sich gegen ihn wappnen. Möge er sie erleuchten, und zur Demuth zurückführen, denn die Demuth ziemt dem wahren Christen, und wer die Demuth nicht hat, ist klein vor ihm selber und seine Werke sind unnütz, denn sie haben nicht das ewige Leben!
Er ging weiter, ohne nur ein einziges Mal sich umzuschauen, ohne nur ein einziges Wort noch an Kaunitz zu richten, oder ihn zum Abschied zu begrüßen. Mit stolzem Schritt, mit hochgehobenem Haupt, jetzt wieder der erhabene, unnahbare Fürst der Kirche, schritt er durch die Säle dahin, und schien es ganz vergessen zu haben, daß es da neben ihm einen Fürsten Kaunitz gab, und schien es gar nicht zu hören, daß dieser jetzt zu ihm sprach und sich beurlaubte, weil er die kalte Luft nicht vertragen und daher Se. Heiligkeit nicht zur Treppe geleiten könne.
Ruhig und stolz schritt der Papst weiter, die Treppe hinunter, und durch das Spalier der fürstlichen Diener dahin nach seinem Wagen, der ihn rasch zurück trug zu der Burg.
Der Ceremonienmeister empfing ihn am Portal, und geleitete ihn hinauf in seine Gemächer. Ein einziger Blick auf das bleiche, kummererfüllte Angesicht des Papstes hatte ihm genügt, um ihm das Resultat seines Besuches zu verrathen.
Ew. Heiligkeit haben den Minister eben so halsstarrig und schroff gefunden, als er immer gewesen, nicht wahr? fragte er theilnahmevoll. Pius ließ sich seufzend und ganz erschöpft von der innern Aufregung auf einen Sessel nieder gleiten.
Ihr hattet Recht, sagte er matt, ich hätte nicht zu diesem Manne gehen sollen. Gott hat mich gestraft für meine Eitelkeit und meinen Stolz, er hat diesen Mann zu seinem Werkzeug gemacht, um mich zu demüthigen, und mich daran zu mahnen, daß ich nur ein armer, schwacher Mensch bin, welcher sich Vielerlei vorgesetzt hat, und doch so wenig davon erreichen wird! Ach, Battista, was habe ich nicht alles Großes und Segenbringendes von dieser Wiener Reise mir erhofft, und wie wenig ist davon in Erfüllung gegangen! Wenig! Wir sind allein, Niemand hört uns, als Gott, und Ihr seid mein ältester und treuester Freund, Euch darf ich die Wahrheit sagen! Nichts ist in Erfüllung gegangen von Allem, was ich hoffte, nichts habe ich erlangt! Ich habe Alles versucht, damit die Dinge auf dem alten Fuß bleiben, oder wieder dahin gebracht werden möchten. Aber bis jetzt ist Alles umsonst gewesen! Des Papstes eigene Worte. Siehe Hübner I. S. 129. Nur Eins habe ich gewonnen auf dieser Pilgerfahrt: die Ueberzeugung, daß der Kaiser ein guter und edler Mensch, wenn auch kein guter Christ ist. Ach, Battista, ich bin gekommen, um den Kaiser zu bekehren zu mir, und nun ist er es, der mich fast zu sich bekehrt hat. Man hat mir viel falsche Schilderungen von dem Charakter des Kaisers gemacht, und nun finde und erkenne ich ihn als einen edlen und großherzigen Fürsten, der, was er thut, doch nicht thut als Feind der Kirche, sondern nur aus dem, wenn auch falschen und irregeleiteten Drang nach dem Rechten und Guten. Joseph ist kein Feind der Religion und der Kirche, wie man mich zu Rom wollte glauben machen!
Der Ceremonienmeister warf einen düstern, vorwurfsvollen Blick auf das sanfte Angesicht des Papstes. Ew. Heiligkeit wissen also nichts von den neuesten Verordnungen des Kaisers? fragte er.
Was sind dies für Verordnungen? rief Pius angstvoll.
Der Kaiser hat den Orden der Bettelmönche aufgehoben, das Decret ist gestern erschienen. Er hat ferner, wie man sagt, ein Decret erlassen, durch welches er alle Klostergüter einzieht, um sie zu Staatszwecken zu verwenden, und er will den Geistlichen eine Pension geben. Zum Dritten hat er den Cardinal-Erzbischof zur strengsten Verantwortung gezogen, weil er den letzten von Ew. Heiligkeit verliehenen Ablaß ohne Bewilligung des Kaisers durch den Druck ankündigte. Groß-Hoffinger III. S. 41.
Pius stieß einen tiefen, schmerzvollen Seufzer aus, und ließ ganz zerbrochen sein Haupt auf seine Brust sinken. In diesem Moment klopfte es leise an die Thür, welche dann sofort geöffnet ward, und der Kaiser trat ein.
Er kam, wie er immer zu thun pflegte, unangemeldet, ohne alles Ceremoniell und Gefolge, und begrüßte den Papst mit offnem, heiterm Angesicht.
Der Ceremonienmeister zog sich leisen Schrittes, mit demüthig gesenktem Haupt, einen grollenden Seitenblick auf den Kaiser werfend, zurück in das Vorgemach, in welchem das Gefolge des Papstes und des Kaisers versammelt war und des Befehls zum Aufbruch harrte.
Der Papst und der Kaiser blieben allein, und sofort näherte sich Joseph dem Papst, und reichte ihm ein Etui dar, indem er ihn bat, zum Zeichen ihrer Freundschaft und als Andenken an die schönen Tage ihres Zusammenseins ein Andenken von ihm anzunehmen.
Pius, ganz verwirrt von allen diesen verschiedenen, auf ihn eindrängenden Empfindungen, öffnete schweigend das Etui, und selbst seine heiligen und frommen Lippen konnten einen leisen Schrei der Ueberraschung nicht zurückhalten über dieses herrliche und strahlende Geschenk, welches der Kaiser ihm darbot. Es war ein großes Kreuz von den reinsten und größten Brillanten, das ihm da entgegenblitzte, und das ganze Gemach wie mit Sternenglanz zu durchfunkeln schien. Dieses Brillantkreuz hatte einen Werth von 200,000 Gulden. Siehe Hübner I. S. 128.
Ich bitte Ew. Heiligkeit, dies Kreuz zu meinem Angedenken tragen zu wollen, sagte Joseph mit fast zärtlicher Stimme.
Pius hob nun den Blick von den funkelnden Juwelen empor und schaute sinnend zu dem Kaiser auf, der lächelnd vor ihm stand. Oh, mein theuerster Sohn in Christo, sagte er wehmuthsvoll, wird dies das einzige Kreuz sein, welches Ew. Majestät mich zurücktragen lassen nach Rom?
Ew. Heiligkeit nehmen noch außerdem meine Liebe mit, sagte Joseph ausweichend, und diese Liebe möchte ich Ihnen gern noch durch einen anderweitigen kleinen Freundschaftsdienst beweisen. Wollen mir Ew. Heiligkeit also erlauben, Ihrem Neffen Luigi Braschi das Diplom eines Fürsten zu verleihen?
Pius schüttelte leise sein Haupt. Ich danke Eurer Majestät für diese Gnade, die Sie meinem Neffen erzeigen wollen, sagte er, aber ich kann sie nicht annehmen, denn ich will nicht, daß man glauben könnte, ich hätte mich hier in Wien mehr mit der Erhebung meiner Familie, als mit den Interessen der Kirche beschäftigt! Des Papstes eigene Worte. Siehe: Groß-Hoffinger III. S. 46. Ew. Majestät wollen meinen Neffen zu einem Fürsten erhöhen, aber seinen Oheim, den Fürsten der Kirche, den wollen Ew. Majestät erniedrigen, dem wollen Sie die Ehre nicht gönnen, welche ihm gebührt, und welche Ew. Majestät Vorfahren dem Statthalter Gottes niemals verweigert haben!
Ah, ich sehe, man hat mich wieder einmal bei Ew. Heiligkeit verleumdet, rief der Kaiser. Was ist es, was hat man gesagt? Sagen Sie es mir, vielleicht vermag ich mich zu rechtfertigen.
Ew. Majestät haben den Orden der Bettelmönche aufgehoben?
Ja, das habe ich gethan, denn es ist ein träger und unnützer Orden, welcher der Menschheit keinen Gewinn, der Kirche aber Schaden bringt durch das sittenlose, wüste und verächtliche Leben seiner Mönche.
Ew. Majestät haben den Cardinal Migazzi zur Verantwortung gezogen, weil er meinen Ablaß ohne Ihre Einwilligung hat drucken lassen?
Ich habe das thun müssen, weil ich will, daß die Gesetze in meinem Lande aufrecht erhalten werden, ohne Ansehen der Person, und das Gesetz befiehlt, daß nichts gedruckt werde ohne Zustimmung der Censur.
Der Papst seufzte tief auf und fuhr mit zitternder Stimme fort: Und endlich, ist es wahr, wollen Ew. Majestät die Klostergüter einziehen, das Vermögen zu Staatszwecken verwenden und den Geistlichen Pensionen aussetzen?
Das Letztere ist mein Ziel, ich habe es aber noch nicht erreicht, und von dem Letztern hängt das Erstere ab. Ich will in dieser Scheidestunde ganz offen und ehrlich zu Ew. Heiligkeit sprechen. Ja, es ist mein Plan, alle Kirchengüter einzuziehen und den Geistlichen, vom Cardinal bis zum Kaplan, Besoldungen aus der Staatskasse zu geben. Aber, wie gesagt, noch bin ich fern von diesem Ziel, und die Kirchengüter, welche ich bis jetzt eingezogen, sind nur diejenigen der aufgehobenen Mönchs- und Nonnenklöster. Diese habe ich bereits zum Eigenthum des Staats gemacht.
Wehe über Ew. Majestät, daß es so ist, rief Pius, indem er bleich vor Schmerz und Zorn zugleich sich aufrichtete, und stolz und hoch dem Kaiser gegenüber stand. Ich kann mich nicht enthalten, Ew. Majestät zu sagen, daß Sie der Kirche eine wehevolle Wunde schlagen, und bei den Frommen ein unversöhnliches Aergerniß erregen durch ein solches Thun. Ich muß sagen, was ich Gewissens halber nicht in meinem Herzen verschließen kann. Ich muß sagen, daß der Kirche und den Priestern ihr weltliches Eigenthum nehmen, nach der Lehre der katholischen Kirche ein öffentlicher Irrthum sei, verdammt von den Kirchenräthen, verflucht von den heiligen Vätern und mit dem Namen einer giftigen, einer gottlosen Lehre von erlauchten Schriftstellern gebrandmarkt. Soll ich Ihnen anführen, was Johann, der Patriarch von Antiochien, im zwölften Jahrhundert den weltlichen Fürsten zugerufen hat, welche die Güter der Geistlichen einziehen wollten? Dies sind seine Worte: »Da Du ein vergänglicher, sterblicher, kurze Zeit lebender Mensch bist, wagst Du es, einem andern Menschen das zu geben, was nicht Dein ist? Und wenn Du sagest, Du wollest das geben, was Gott gehört, so wirfst Du Dich selber zum Gott auf! Welcher mit Menschenverstand begabte Mann wird dieses Weisheit nennen und nicht vielmehr eine Uebertretung, den äußersten Ungehorsam und schändliche Ungerechtigkeit? Wie kann einer sich einen Christen heißen, der die unserm Gott und dem himmlischen Christus geheiligten Sachen entweiht?« – Also hat Gott gesprochen, und ich kann seine Worte nicht verwerfen, sondern muß sagen, daß sie gut sind, und angewandt werden müssen auf Ew. Majestät! Diese ganze Rede enthält des Papstes eigene Worte. Siehe: Hübner I. Seite 285.
Die Stimme des Papstes erlosch fast in Thränen bei seinen letzten Worten, und ganz zerschmettert, seine ganze Gestalt durchbebt von Schmerz, glitt er wieder auf den Sessel nieder und senkte sein Haupt auf seine Brust.
Der Kaiser hatte ihm mit größter Gelassenheit und Ruhe zugehört. Es war nicht das erste Mal, daß er Zeuge gewesen solcher heftigen Zornesausbrüche des heiligen Kirchenfürsten, und immer hatte er sie dadurch zu beschwichtigen gewußt, daß er ihnen ruhig zuhörte, bis der Papst ermattet von seiner eigenen Aufregung verstummte, und dann, beschämt über dieselbe, einen mildern und versöhnlichern Ton anschlug. Als der Kaiser später nach Rom kam, um dem Papst seinen Gegenbesuch zu machen, sagte er eines Tages, als er sich mit dem Cardinal Bernis unterhielt und sie von dem Papst sprachen: »Ich halte etwas auf Pius, er ist ein guter Mann, obwohl sehr heftig. Sie hätten lachen müssen, wenn Sie Zeuge unserer Wiener Conferenzen gewesen wären. Der Papst ward oft sehr hitzig, manchmal böse; ich ließ ihn reden, behielt mein kaltes Blut und meinen Entschluß.« – Und daß dies so war, geht aus den eigenen Worten des Papstes hervor, denn als er sich mit dem spanischen Gesandten Azara über seine Wiener Reise und deren Resultate unterhielt, sagte er: »Wir mußten ihm doch allezeit, was wir denken, zu wissen thun, um vor Gott und Menschen vorwurfsfrei zu sein. Wir sind vollkommen überzeugt, daß Vorwürfe ihn nicht aufbringen können, denn mit vieler Gelassenheit hört er Alles an, was man ihm sagen mag, und thut hinterher doch, was er will.« Dem spanischen Gesandten kam diese Aeußerung sehr komisch vor, der Papst aber meinte sie ganz ernsthaft und ohne alle Ironie. Siehe: Groß-Hoffinger III. S. 58 und 59.
Ew. Heiligkeit gehen zu weit in Ihrem apostolischen Eifer, sagte Joseph nach einer Pause. Ich will Ihnen nicht Texte der heiligen Schrift und der Kirchenväter anführen, denn diese können bekanntlich auf sehr verschiedene Art ausgelegt werden, ich will Eurer Heiligkeit nur dies sagen, daß ich trotz Ihres Zürnens in meinem Innern eine Stimme höre, welche mir zuruft, daß es mir als dem Gesetzgeber und Beschützer der Religion so und nicht anders zu handeln gezieme. Diese Stimme, vereint mit dem Beistand von Oben und meinem geraden, biedern Sinn kann mich nicht irre führen! Des Kaisers eigene Worte. Siehe: Hübner I. S. 287. Aber ich bitte Ew. Heiligkeit, zu glauben, daß ich mit kindlicher Ehrfurcht und Liebe Ihnen zugethan bin, und daß ich stets freudig und bereitwillig auf die Wünsche Ew. Heiligkeit eingehen werde, wenn diese nicht meinen Regierungspflichten geradezu entgegengesetzt sind. Es kann sein, daß Ew. Heiligkeit nicht das erreicht haben, was Sie von dieser Reise erhofften, aber die Ueberzeugung werden Sie wenigstens mit zurücknehmen, daß ich ein ehrlicher Mann und – nicht wahr? – daß ich nicht so freigeistig und verderbt bin, als meine Feinde es Sie glauben lassen wollten. Denn ich frage Ew. Heiligkeit, ob Sie in irgend einer meiner Verordnungen nur eine einzige Stelle gefunden haben, welche die Glaubenslehre angeht, ob Ew. Heiligkeit nicht vielmehr selbst gestehen müssen, daß meine Verordnungen alle nicht die Religion, sondern nur die Kirchenzucht anbetreffen?
Ja, sagte Pius nach kurzem Sinnen, ja, ich muß es bekennen, daß es so ist.
Nun denn, rief der Kaiser lächelnd, so bin ich doch nicht ein Ketzer, wie man in Rom behauptet. Groß-Hoffinger III. S. 42. Man hat uns Beide über einander getäuscht, und deshalb ist es immer ein unverlierbarer Gewinn, daß wir uns kennen, lieben und achten gelernt haben. Wir werden, so hoffe ich, hinfort immer doch Freunde sein, wenn wir auch verhindert sind, wie Freunde an einander zu handeln. Die einander feindlich gegenüberstehenden Principien des weltlichen Staats und der Kirche mögen feindlich zwischen uns stehen, aber unsere Herzen können doch zu einander stehen, und über dem Abgrund, der uns trennt, können wir uns doch zuweilen die Hände reichen und uns einen Gruß der Freundschaft zurufen. Nicht wahr, Ew. Heiligkeit, so soll es sein? –
Er reichte Pius seine beiden Hände dar und schaute ihn freundlich an aus seinen großen, offenen Augen.
Ja, so soll es sein, sagte Pius, seine Hände in die des Kaisers legend, ja, wir wollen in unserm Innern Freunde bleiben, trotz der Feindseligkeiten, die uns von außen umtoben werden! Und dies sei unser Scheidegruß, mit diesem Gruß lassen Sie uns von hinnen gehen, denn es ist Zeit zum Aufbruch! Dies Kreuz, welches die verschwenderische Freundschaft Ew. Majestät mir gegeben, werde ich als ein strahlendes Pfand Ihrer Neigung mit mir nehmen nach Rom, und werde es tragen zu der Erinnerung des hochherzigen Kaisers, für den ich alle Tage zu Gott beten werde, daß er Ihr großes Herz erleuchten und wenden möge von den Pfaden des Irrthums zurück zu dem Pfade der Kirche. Denn in der Kirche allein ist das wahre Heil und die wahre Erlösung, und wer wider die Kirche streitet, der streitet wider Gott, denn die Kirche ist sein auserkorenes Haus, und in ihr wohnen heißt: bei und mit Gott sein! Leben Sie wohl, und Gott sei mit Ihnen und lehre Sie seine Wege finden und erkennen!
Schluß des dritten Bandes.