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Mit einer nachlässigen Verbeugung und einem leichtfertigen Lächeln bot der Graf der Unbekannten, deren ganze Gestalt ein schwarzer Mantel verhüllte, deren Gesicht sich unter dichten schwarzen Schleiern barg, den Arm, und führte sie in den Salon. Der Haushofmeister schloß hinter ihnen die Thür, und inmitten dieses leuchtenden, glänzenden Raums stand jetzt der Graf der schweigenden, ernsten Gestalt gegenüber.
Sind wir hier allein? fragte sie mit zitternder, leiser Stimme.
Ganz allein, meine reizende Sphinx, sagte der Graf, nur Gott Amor wird hier die süßen Geheimnisse belauschen, die Dein reizender Mund mir verkünden wird. Aber zuerst erlaube mir, diese neidischen Schleier zu lüften und Dein himmlisches Antlitz zu schauen, mein geheimnißvoller Engel! Gestatte mir, unter der Nacht dieser Hüllen die Sonne Deiner Schönheit hervorleuchten zu lassen!
Er zog die Dame weiter vor in den Saal, gerade zu dem Candelaber hin, der neben dem Eingang zu dem Cabinet aufgestellt war, und von welchem zwanzig Wachskerzen ihr Licht ausströmten.
Die Dame sträubte sich nicht, sie wehrte es dem Grafen nicht, als er jetzt seine Hände zu ihrem Haupt erhob, um die Schleier von demselben fortzuziehen und ihr Antlitz zu erhellen.
Sie stand unbeweglich, wie erstarrt da und ließ es geschehen, daß er ihren Mantel öffnete, daß er die Schleier zurückschlug.
Aber wie er den letzten Schleier hob, tönte ein Schrei des Entsetzens von des Grafen Lippen, und rückwärts taumelnd ächzte er: Meine Mutter! Oh, meine Mutter!
Hinter der Portière hervor erschallte ein leises, höhnisches Lachen, aber die Beiden achteten nicht darauf, sie hörten nichts als das stürmische Klopfen ihrer Herzen, sie sahen nichts als ihre beiden bleichen tiefbewegten Gesichter.
Ja, Deine Mutter ist es, welche zu Dir kommt! sagte die bleiche, hohe Frauengestalt, Deine Mutter, welche einst feierlich gelobt hat, niemals wieder die Schwelle Deines Hauses zu überschreiten, niemals wieder Dir ihr Haus zu öffnen! Aber ein Mutterherz kann nicht ewig zürnen, es verzeiht selbst dem Verbrecher! Ich komme, mein Sohn, um Dir meine Vergebung zu bringen! Ich komme, um Dich zu warnen, um Dich zu retten, wenn ich es noch vermag!
Der junge Graf antwortete noch immer nicht. Er war wie entsetzt zurückgewichen von seiner Mutter, und schaute sie jetzt aus der Ferne mit starren, traurigen Blicken an. Ihre Worte machten keinen Eindruck auf ihn, vielleicht hatte er sie gar nicht gehört; in sich erschauernd murmelte er leise vor sich hin: ist das meine Mutter? Oh, ihr Haar ist so weiß geworden, ihre Stirn ist so tief gefurcht!
Die Gräfin lächelte traurig. Du findest mich verändert seit den zwei Jahren, die Du mich nicht gesehen? Thränen und schlaflose Nächte machen alt, und ich habe viel um Dich geweint und um Dich gewacht! Aber die Liebe läßt sich nicht hinwegweinen, sondern nur der Zorn, und in den schlummerlosen Nächten ist in dem Mutterherzen die Sehnsucht nach ihrem einzigen Sohn immer mehr erwacht, und hat mit angstvollen Augen um sich geschaut nach ihrem Liebling, und hat sich entsetzt, als sie ihn endlich gefunden, umgeben von Pracht und Glanz, in der Fülle des Reichthums und des Ueberflusses! Oh, mein Sohn, Dein Reichthum ist es, der mich hergetrieben, Deine Pracht hat mein Herz mit solcher Angst, solchem tödtlichen Schrecken erfüllt, daß ich alles Andere vergaß, und nur die Eine Pflicht noch fühlte, zu Dir zu eilen, Dich zu warnen!
Und weshalb willst Du mich warnen, meine Mutter? fragte der junge Graf, der jetzt seine sichere, sorglose Haltung wieder gefunden.
Ich will Dich warnen, mein Sohn, weil vielleicht sonst das Unglück bald mit furchtbarer Gewalt über Dich herein brechen könnte!
Ah, ich fürchte das Unglück nicht, rief der Graf mit einem übermüthigen Lachen. Woher sollte mir auch jetzt in der Fülle des Glücks und des Reichthums das Unglück kommen?
Von Deinem Vater, mein Sohn, sagte seine Mutter ernst, und indem sie dicht zu ihm herantrat und ihre Hand auf seine Schulter legte, sagte sie mit leiser hastiger Stimme: Dein Vater weiß nicht, daß ich hier bin, er würde es mir nie verzeihen, wenn er erführe, daß ich unsern Schwur gebrochen, daß ich dem Gelübde untreu geworden, welches wir vor zwei Jahren in jener fürchterlichen Stunde geleistet haben! Ich muß Dich heute an jene Stunde erinnern, Carl, ich muß Dir Alles das zurückrufen, was damals zwischen uns geschah, muß Dir die Veranlassung vergegenwärtigen, weshalb ein unglückliches Elternpaar den einzigen Sohn von seinem Herzen verstieß.
Warum wollen Sie diese Vergangenheit heraufbeschwören, da wir sie doch Beide kennen, und schwerlich vergessen haben? fragte der Graf achselzuckend. Ich habe wenigstens nichts vergessen, ich sehe noch meinen Vater, blaß vor Wuth, mit geballter Faust auf mich zuschreiten, ich sehe meine Mutter, welche mit flammenden Augen neben ihm steht, und ihre Hand nicht erhebt, um die Faust meines Vaters aufzuhalten, und sie fällt nieder auf die Schulter ihres Sohnes, der, in Ehrfurcht vor seinem Vater, sich nicht zur Wehre setzt, sondern nur mit einem Schrei des Entsetzens zurücktaumelt, und wie zerschmettert in seine Kniee sinkt. Ah, meine Mutter, fuhr der Graf mit zitternden Lippen, mit einem wilden höhnischen Lächeln fort, gehen Sie doch zu meinem Vater, und erinnern Sie ihn an jene Stunde, wo ein unnatürlicher Vater den Fluch aussprach über seinen unglücklichen Sohn, und ihn mit Verwünschungen fortstieß von der Schwelle seines Hauses, wo er in seiner Wuth die Faust aufhob gegen den Sohn, den die Ehrfurcht wehrlos machte! Oh, Mutter, Mutter, bis dahin war ich nur ein Leichtsinniger gewesen, aber in jener Stunde empfing ich von meinem Vater den Ritterschlag des Verbrechers. Sagen Sie ihm das, sagen Sie ihm, daß ich ihn verantwortlich mache für Alles, was geschehen, für Alles, was noch geschehen kann, daß Er der böse Dämon ist –
Still, unterbrach ihn seine Mutter mit gebieterischem Ton, Du lästerst Deinen Vater, Du willst die Schuld auf ihn wälzen, und weißt wohl, daß Du allein der Schuldige bist. Du sprichst von den Schrecknissen dieser Stunde, aber nicht von den Ursachen dieser Schrecknisse! Du sagst nicht, weshalb Dein Vater seiner Liebe vergessen und Dir fluchen mußte, Du sagst nicht, was es war, das ihn in so schmerzliche Wuth versetzen konnte! Sage auch das, sprich es aus, damit diese glänzenden Räume es hören, damit diese Kerzen auslöschen, damit die Brillanten Deines Kleides ihren Glanz verlieren vor Entsetzen: weshalb fluchte Dir Dein Vater? Was hattest Du gethan? Ich befehle Dir, es mir zu sagen, denn ich will wissen, ob der reiche Graf Carl Podstadzky es nicht vergessen hat. Sprich, was hattest Du gethan, weshalb Dein Vater Dir fluchte?
Ich hatte falsche Wechsel gemacht, murmelte der Graf, ganz beherrscht von dem stolzen gebieterischen Wesen seiner Mutter, und vor ihren flammenden Blicken die Augen niederschlagend.
Ja, Du hattest falsche Wechsel gemacht, wiederholte sie drohend. Du hattest die Handschrift Deines Vaters unter Papiere gesetzt, welche Du Deinen Gläubigern gegeben, Du hast mit dem trügerisch nachgeahmten Namen Deines Vaters Dir eine Million erschwindelt. Du warst ein Fälscher und Betrüger, der Sohn Deines Vaters war zu einem Verbrecher geworden!
Warum erkannte mein Vater seine Unterschrift an? fragte der Graf mit erzwungener Harmlosigkeit. Es stand ja bei ihm, die Handschrift als unächt zu erklären. Er würde sich dadurch eine Million erspart haben!
Er würde seinen Namen der Schande überliefert haben, rief die Gräfin energisch. Er würde seinen einzigen Sohn den Gerichten haben überliefern müssen, und das Verbrechen, welches jetzt nur heimlich das Glück Deiner Eltern mordete, wäre dann vor aller Welt zu unserer Schande bekannt geworden! Dein Vater schwieg also und bezahlte die Wechsel. Aber um es zu thun, mußte er seine Güter verpfänden, mußte er Alles hingeben, was er besaß. Wir sind arm geworden, um uns die Ehre zu retten, wir haben bisher schweigend und in der Stille uns allen Entbehrungen unterzogen, wir haben es lächelnd erduldet, daß man uns geizig nannte, daß man unsern Geiz als die Ursache des Zerwürfnisses zwischen uns und Dir anführte, wir haben es Niemand verrathen, daß unsere Güter verkauft und verpfändet sind. Man hält uns noch immer für die reichen Leute, die wir einst waren, man lacht und verspottet uns um unsers Geizes willen! Wir haben dazu geschwiegen, und auch Dein Vater würde noch ferner schweigen, wenn nicht jetzt ein neuer furchtbarer Verdacht gegen Dich in ihm erwacht wäre. Ganz Wien spricht von dem Glanz Deines Hauses, erzählt von Deinem Reichthum, Deinen Festen, und mit Schaudern fragt sich Dein Vater, woher Dir dieser Reichthum kommt? Woher Du, der Du Dein eigenes Vermögen vergeudet, der Du nichts besitzest, und nichts zu erben hast, als die bezahlten Wechsel Deines Vaters, woher Du plötzlich wieder diesen Reichthum genommen, der ganz Wien in Erstaunen versetzt?
Ich habe einen Schatz entdeckt, das ist klar, rief ihr Sohn mit einem rauhen Lachen.
Wenn es so ist, dann antworte das der Welt, sobald sie die Erklärung Deines Vaters gelesen!
Die Erklärung meines Vaters? Was will er thun?
Er will öffentlich und freimüthig in den Zeitungen die Welt über den Irrthum aufklären, in dem sie befangen ist, wenn sie ihn für reich hält. Er will es laut bekennen, daß wir arm und mittellos sind, daß wir nichts mehr besitzen, als eine Revenue von sechstausend Gulden, die auch nach unserm Tode unsern Gläubigern anheim fällt, er will mit seinem Ehrenwort versichern, daß sein Sohn nichts mehr von ihm zu erben hat, daß er arm und mittellos ist, wie sein Vater.
Wenn er das thut, bin ich verloren, rief der Graf, überwältigt von dem ersten Schrecken.
Ach, es ist also wirklich so wie ich ahnte, schrie die Mutter verzweiflungsvoll. Du bist verloren, wenn Dein Vater bekennt, daß er nicht reich ist, daß er Dir nichts zu hinterlassen hat. Du hast also Andere getäuscht mit dieser Erbschaft, Du hast Vortheil davon gezogen, daß man Deinen Vater einen reichen Geizhals nennt? Sieh mich an, Carl, sieh mir in das Auge, in das Auge Deiner Mutter, welche Dich einst so grenzenlos geliebt hat, ach, Dich vielleicht noch grenzenlos liebt. Sieh mich an, und sage mir, woher hast Du diesen Reichthum? Von wem kommt Dir diese Pracht und dieser Glanz?
Der Graf versuchte es, seine Augen auf das bleiche angstvolle Antlitz seiner Mutter zu heften, mit offenem Blick ihrem Anschauen zu begegnen, aber er vermochte es nicht. Vor ihren flammenden durchbohrenden Augen senkte er den Blick zu Boden.
Die Gräfin sah es und ein tiefes Aechzen quoll aus ihrer Brust hervor, ihre ganze Gestalt schwankte und zitterte, aber sie faßte sich gewaltsam zusammen. Dicht zu ihrem Sohn hintretend, legte sie ihre beide Hände an seine Wangen, hob sein Gesicht empor und starrte ihn an in athemloser, fürchterlicher Angst.
Es war eine stumme Scene voll grauenvoller Beredsamkeit, voll entsetzlicher Pein, und selbst der Graf Podstadzky fühlte sein Herz bewegt davon.
Woher hast Du Deinen Reichthum, mein Sohn? zischelte die Gräfin, deren Zähne auf einander schlugen, wie im Fieberfrost. Woher kommt Dir all dies Gold und die Pracht? Sage es mir, ich bin immer noch Deine Mutter, und ich werde Dich nicht verrathen, aber ich werde suchen, Dich zu retten.
Du kannst mich nicht mehr erretten, meine Mutter, flüsterte der Graf dumpf in sich hinein.
Ah, das heißt, Du bekennst, daß Du schuldig bist! rief seine Mutter mit einem lauten Schmerzensschrei. Aber nein, nein, ich will's nicht glauben, ich kann's nicht glauben! Ich will Dich auch nicht mehr fragen, woher Dir der Reichthum gekommen! Ich will nichts mehr wissen von der Vergangenheit, sie soll ausgelöscht sein aus meinem Gedächtniß und auch aus dem Deinen, mein Sohn. Ich will nur noch wissen, ob Dir Gefahr droht, und ob ich meinen Sohn erretten kann. Dein Vater ist unbeugsam, Du weißt es, er wird diese Erklärung geben, er wird es laut vor aller Welt sagen, daß er arm ist, daß Du nichts von ihm zu erben hast, und dann wird das Unwetter über Dir zusammenbrechen, ich fühle das, ich weiß es, Gott flüstert es meinem Mutterherzen zu, damit es den Sohn errette, der einst unter ihm gelegen!
Gott! rief ihr Sohn, sich gewaltsam noch einmal aufraffend aus der tiefen Bewegung, die ihn fast überwältigte. Gott kümmert sich nicht um mich und weiß wenig davon, ob ich sterbe und verderbe!
Aber Gott hat Erbarmen mit den Schmerzen und der Verzweiflung einer Mutter, rief die Gräfin, und er wird Dir vergehen um Deiner Mutter willen, welche bereit ist, um Deinetwillen Alles zu verlassen, ihre Heimath, ihren Namen, ja selbst den Gemahl, den sie liebt, und mit dem sie dreißig Jahre des Lebens Last und Qual getragen hat. Komm, mein Sohn, laß uns entfliehen, weit, weit fort in die Welt gehen, wo uns Niemand kennt, Niemand von uns weiß. Verlasse diesen stolzen Palast, der bald in Trümmer über Dir zusammenfallen und Dich zerschmettern wird. Folge mir in irgend ein stilles Thal der Schweiz, da wollen wir uns niederlassen unter irgend einem fremden Namen, da wollen wir als einfache Bauersleute uns hingeben an die Stille und den Frieden der Natur, da wollen wir neue Menschen werden und ein neues Leben beginnen.
Ach, meine Mutter, wenn ich das könnte, rief der Graf, wenn ich mich erretten könnte von dem Verbrechen und der Schande! wenn – Thränen erstickten seine Stimme, Thränen, die er nicht mehr im Stande war, zurückzuhalten, die Bächen gleich sein Antlitz überströmten, das er jetzt schamvoll und zitternd in seinen Händen barg.
Ein Ausdruck seligen Entzückens flog über das Gesicht seiner Mutter hin. Er weint, rief sie, ich habe sein Herz gerührt, denn er weint seine ersten Thränen der Reue. Um dieser Thränen willen wird Gott Dir vergeben, mein Kind. Nun komm, fliehe dieses Haus des Verbrechens, sage, daß Du es willst, und in dieser Nacht noch reisen wir ab. Sieh, ich habe heimlich meine alten Familienbrillanten verkauft, damit wir ein kleines Capital haben, mit dem Du Dein neues Leben beginnen kannst, dafür wollen wir uns in irgend einem abgelegenen Thal der Schweiz einen Bauernhof kaufen, und da sollst Du Bauer werden!
Ein helles melodisches Lachen erschallte hinter ihr und eine spöttische Stimme rief: Bauer! Der Graf Podstadzky soll Bauer werden!
Die Gräfin wandte sich um und sah hinter sich eine junge Frau von blendender Schönheit, strahlend im Glanz der Jugend, funkelnd von Brillanten und Geschmeide, welche mit einem harmlosen anmuthigen Lächeln der Gräfin in das erstaunte, fragende Antlitz sah.
Arabella! flüsterte der Graf, und mit einer raschen Bewegung nahm er sein Tuch und trocknete die Thränen aus seinen Augen fort.
Die beiden Frauen blickten einander noch immer an, die Eine lächelnd, sieggewohnt, die Andere finster und mit drohendem Zürnen. Dann wandte die Gräfin langsam ihr Haupt nach ihrem Sohn hin. Wer ist diese Frau? fragte sie, mit erhobenem Finger auf Arabella hindeutend.
So komm doch her zu mir, Carlo, und stelle mich der Frau Gräfin Mutter vor, rief Arabella lachend. Beobachte noch ein wenig die Formen und Ceremonien der Welt, denn noch bist Du ja nicht der idyllische Bauer des einsamen Schweizerthals!
Sie hat uns belauscht! rief die Gräfin verächtlich.
Ja, ich war dort in jenem Cabinet, sagte Arabella lächelnd, ich hatte das Glück, dieser ganzen erhabenen Scene beizuwohnen. Frau Gräfin, Sie haben gespielt wie eine Heldin, aber wie mir scheint, wurden Sie von Ihrem Sohne schlecht unterstützt. Die Rolle eines zerknirschten Sünders zu spielen, ist ein sehr undankbares Geschäft, und als verlorner Sohn heimgeholt zu werden, hat immer den Anschein des Lächerlichen. Und dieser verlorne Sohn soll noch dazu zur Sühne einen Bauernkittel tragen und sich in eine Idylle auflösen!
Wer ist diese Frau? fragte die Gräfin zum zweiten Mal.
Ihr Sohn hatte jetzt vollkommen seine Fassung und Ruhe wieder gewonnen. Er näherte sich Arabella, und ihre Hand fassend, sagte er: meine Mutter, ich habe die Ehre, Ihnen hier die Gräfin Baillou vorzustellen, die Dame Patroneß meines heutigen Festes.
Die alte Gräfin erwiderte die tiefe Verbeugung Arabellens nur mit einem stolzen Kopfnicken und wandte sich wieder an ihren Sohn. Wirst Du jetzt mit mir kommen, mein Sohn? fragte sie.
Aber, gnädigste Gräfin, rief Arabella lächelnd, wie könnte der Graf Podstadzky jetzt wohl sein Hôtel verlassen, jetzt in dem Augenblick, wo er die ganze Aristokratie Wiens, wo er den Kaiser selbst in diesen glänzend geschmückten Sälen empfangen wird.
Höre nicht auf sie, mein Sohn, höre nicht auf die Stimme des bösen Engels, der Dich in's Verderben stürzen wird, bat die alte Gräfin, ihre Augen mit einem flehenden, zärtlichen Ausdruck auf ihren Sohn heftend. Denke an Alles das, was ich Dir gesagt habe, mein Sohn, denke an das Verderben, welches Dich bedroht, und folge mir, rette Dich vor dem Verbrechen und der Schande! Wirf all diesen leeren Tand des Luxus, diesen gleißnerischen Plunder des Reichthums von Dir und komm! Oh mein Sohn, steh' nicht so bleich und unentschlossen da! Raffe Dich auf und sei ein Mann!
Ja, wiederholte Arabella lachend, raffe Dich auf und sei ein Mann, und laß Dich nicht schelten wie ein Schulknabe, sondern habe den Muth, frei zu sein! Was kümmert es diese Dame, woher Du Deine Reichthümer nimmst, und wie viel Schulden Du machst, da sie dieselben nicht bezahlen will? Was kümmert sie überhaupt der Graf Podstadzky, da diese unnatürlichen Eltern sich von ihm losgesagt und den Sohn von ihrer Schwelle verstoßen haben?
Höre nicht auf sie, mein Sohn, sie ist Dein böser Dämon! sagte die Gräfin. Antworte mir, willst Du mit mir kommen?
Eine Pause trat ein. Arabella heftete ihre großen Augen mit einem lächelnden zärtlichen Blick auf den Grafen. Er begegnete diesem Blick und schien aus demselben sich Muth und Entschlossenheit zu erschauen.
Nein, meine Mutter, sagte er endlich, nein, ich bleibe! Weshalb sollte ich auch gehen? Ich bin hier glücklich, geehrt und zufrieden, ich bin reich und unabhängig, ich bleibe! Lassen wir es genug sein dieser tragi-komischen Scene! Das Glück lächelt mir entgegen mit allen seinen Genüssen, ich wäre ein Thor, ihm den Rücken zu kehren! Ich bleibe!
Zum ersten Mal heut hast Du gesprochen wie ein Mann, sagte Arabella, ihm mit den Spitzen ihrer rosigen Finger einen Kuß zuwerfend.
Du hast gewählt zwischen mir und ihr, rief die Gräfin feierlich. Noch einmal bot Dir das Schicksal die Hand, Du hast sie verschmäht, jetzt wird das Verderben über Dich hereinbrechen! Lebe wohl, unglücklicher, verlorner Sohn! Möge Gott Dir gnädig sein!
Sie wandte sich ab, warf ihren Mantel wieder um und ließ ihren Schleier wieder über ihr Antlitz niedergleiten.
Ihr Sohn wagte es nicht, ihr behülflich zu sein, denn obwohl er sie nicht ansah, fühlte er doch, daß Arabella ihn anschauete mit ihrem fascinirenden, spöttischen Blick, und dieser Blick hemmte seinen Fuß und bannte ihn an seine Stelle. Er ließ es schweigend geschehen, daß seine Mutter sich entfernte; sie that es ohne einen weitern Gruß oder Blick; hochaufgerichtet, ernst und langsam schritt die schwarze, verhüllte Gestalt durch die glänzenden prachtvollen Säle dahin, und die flammenden Kerzen, und die funkelnden Lustres, an denen sie vorüberschritt, warfen ihre Schattengestalt über diese goldenen Tapeten, diese funkelnden Spiegel, und unter diesem dunklen Schatten der entfliehenden Mutter erbleichte der Glanz und die Pracht dieser Säle.
Immer weiter und weiter entfernte sich die dunkle Gestalt. Der Graf blickte ihr athemlos nach, jetzt, als sie dort hinten den letzten der Säle betreten, als sie der Ausgangsthür sich näherte, machte er eine Bewegung, als wollte er ihr nacheilen, aber sofort legte sich die rosige Hand Arabellas auf seinen Arm.
Bleibe, mein Freund, bleibe, sagte sie zärtlich. Von jetzt an will ich Deine Mutter sein, wenn Du denn durchaus eine Mutter haben willst, Du zärtliches Muttersöhnchen.
Er schloß sie mit einer wilden Leidenschaftlichkeit in die Arme. Nein, ich brauche keine Mutter, ich will keine Mutter haben! Ich brauche nur Dich, nur eine Geliebte, welche mir treu ist, welche mich nie verläßt, und mir überall hin folgt, auch auf das Schaffot!
Pfui, welch ein häßliches Wort, sagte die Gräfin lächelnd, wie schlecht paßt das zu diesen Sälen und zu uns selber! Sieh, mein Carlo, wenn wir einander umschlingen, so ist es eine halbe Million Gulden, welche sich in unsern Brillanten küßt, und mein begeistertes Herz singt wieder sein altes Liebeslied: Vier Millionen, fünf Millionen, sechs Millionen! Heute Abend müssen wir glänzende Geschäfte machen, Carlo! Ich selbst werde Bank halten! Die Dame Patroneß wird wohl das Recht haben, wenn der Kaiser fort ist, beim Pharao zu präsidiren, und Du weißt wohl, meine Karten versagen mir niemals!
Nein, Deine Karten versagen Dir niemals, meine himmlische Zauberin, rief der Graf, einen wilden Kuß auf ihre Lippen drückend. Schaffe uns Millionen, meine Zauberin, und dann laß uns fliehen! Oh, mit Dir will ich fliehen bis an das Ende der Welt, mit Dir auch in ein einsames Schweizerthal!
Aber nicht als Bauern, sondern als Herren wollen wir da leben, Carlo! Die ganze Welt soll uns beneiden um unsers Reichthums willen. Also muthig vorwärts, wir müssen erst unsere Millionen haben! Und höre, Carlo, sei vernünftig und mache nicht wieder ein eifersüchtiges Gesicht, wie neulich. Der alte Obrist Szekely liebt mich bis zur Raserei, und er ist reich. Er soll heute Abend beim Pharao neben mir sitzen, und ich versichere Dich, dieser Platz wird ihm viel Geld kosten!
Ich glaub's, ich glaub's, denn Du hast Deine Karten gut gemischt, und –
Eben trat der Haushofmeister in den Saal. Ein Laufer des Kaisers ist soeben angelangt, gnädiger Herr!
Was bringt er?
Se. Majestät bedauern, heute Abend nicht hierher kommen zu können, Se. Majestät ist verhindert!
Es ist gut, Duval! Wie, noch sonst Etwas?
Es sind noch einige andere Boten gekommen, gnädiger Herr! Die beiden Fürstinnen Lichtenstein, die Gräfin Thun und die Fürstin Esterhazy haben gleichfalls geschickt und sich entschuldigen lassen.
Gut, gut, Duval! Gehen Sie, unsere Gäste werden bald kommen!
Der Haushofmeister entfernte sich, und die Beiden blieben wieder allein. Jetzt war das Lächeln von Beider Antlitz verschwunden, und mit trüben, verstörten Mienen schauten sie einander an.
Der Kaiser läßt absagen? fragte der Graf leise.
Und auch die vier ersten Damen der Gesellschaft, die tonangebenden Damen, in deren Gesellschaft der Kaiser immer seine Abende zuzubringen pflegt, auch sie lassen sich entschuldigen? flüsterte Arabella. Seltsam! Was bedeutet das?
Ja, was bedeutet das? wiederholte der Graf, und wie er jetzt mit scheuem Blick vor sich hinstarrte, war es ihm, als sähe er wieder durch diese glänzenden Säle da vor sich die dunkle Trauergestalt seiner Mutter dahin gleiten, die mit einem schwarzen Schatten seine Pracht und seinen Reichthum verdunkelte.
Das bedeutet, daß das Unheil über uns kommt, Arabella, flüsterte er leise.
Nein, Deine Gäste kommen, rief sie lachend. Hörst Du nicht das Heranrollen der Equipagen! Jetzt Muth, Carlo, Muth! Weg mit den Falten und dem trüben Blick! Ein klares Auge, eine wolkenlose Stirn und ein heiteres Lächeln für Deine Gäste, Graf Liechtenstein Podstadzky!
Die Thüren des ersten Saals flogen eben auf, und die Damen rauschten herein in ihren glänzenden Toiletten, begleitet von ihren Cavalieren in den reichen Uniformen, mit den funkelnden Ordenssternen auf ihrer Brust.
Graf Liechtenstein Podstadzky eilte ihnen entgegen mit wolkenloser Stirn und klarem Blick, und die Gräfin Baillou, die Dame Patroneß, empfing sie mit einem bezaubernden Lächeln.