Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

IV.
Die Dame Patroneß

Feste drängten sich auf Feste. Wie ein ununterbrochener Strom von Glück, Genuß und Wonne flossen die Tage der Gräfin Baillou dahin. Jeder brachte ihr neue Triumphe, neue Huldigungen, neue Siege. Sie war der Mittelpunkt aller Gesellschaften, die leuchtende Sonne aller Soiréen, aller Concerte und Bälle. Selbst die Damen schienen dieser siegreichen Schönheit gegenüber aufgehört zu haben, eifersüchtig und neidisch zu sein, und priesen laut die Liebenswürdigkeit, die Grazie und die strenge unnahbare Sittsamkeit der Gräfin Baillou, und fanden es ganz natürlich, daß die Männer entzückt von ihr waren. Sogar der Kaiser schien nicht ganz unempfindlich gegen die Liebenswürdigkeit dieser bezaubernden Frau zu sein, und hatte auf dem großen Ballfest beim Fürsten Esterhazy sie sogar zwei Mal zum Tanz aufgefordert. Es war daher natürlich, daß alle Diejenigen, welche durch ihren Rang und ihre Stellung auf das Glück hoffen durften, den Kaiser bei ihren Festen erscheinen zu sehen, sich auch beeilten, die schöne Gräfin Baillou einzuladen, von der Joseph gesagt, daß sie die interessanteste und geistvollste Dame in ganz Wien sei.

Heute wollte auch der junge Graf Liechtenstein Podstadzky dem aristocratischen Wien ein Fest geben; die Gräfin Baillou hatte es übernommen, die Dame Patroneß desselben zu sein und in dem Salon des unverheiratheten Grafen für einige Stunden die Rolle der Dame vom Hause zu übernehmen, um es dadurch den Damen möglich zu machen, in dem Hôtel des jungen Grafen zu erscheinen. Freilich wäre es natürlicher gewesen, daß die Mutter des Grafen, die alte Gräfin Liechtenstein Podstadzky, diese Rolle der Dame Patroneß übernommen hätte, allein man wußte, daß das alte gräfliche Paar seit lange schon nicht mehr im besten Einvernehmen mit seinem einzigen Sohn lebte, und sich in letzter Zeit ganz und gar von ihm zurückgezogen hatte. Die große Prachtliebe und Verschwendungssucht des jungen Grafen war seinen Eltern ein Aergerniß, und man erzählte sich, daß dies der einzige Grund des Zerwürfnisses zwischen dem alten Grafenpaar und ihrem Sohn sei, und daß, jemehr der junge Graf verschwende, der alte Graf desto geiziger werde. Der Geiz des alten Grafen war in ganz Wien eben so anerkannt, als die Verschwendung des jungen Grafen, und mit demselben moquanten Lächeln, mit welchem man erzählte, daß der junge Graf Podstadzky sein Hôtel immer prächtiger eingerichtet, die Zahl seiner Lakayen verdoppelt, neue Equipagen und herrliche arabische Pferde angeschafft habe, mit demselben Lächeln sprach man von dem stets zunehmenden Geiz des alten Grafen, der sein Hôtel vermiethet, seine Dienerschaft zum Theil entlassen, seine Equipage verkauft und in einem einfachen Fiacre mit seiner Gemahlin zu Hofe fahre, obwohl es allgemein bekannt war, daß der alte Graf Liechtenstein Podstadzky zu den reichsten Aristocratenfamilien der Monarchie gehörte, und herrliche große Besitzungen in Ungarn hatte.

Niemand wunderte sich also darüber, daß die alte Gräfin nicht bei dem Fest ihres Sohnes die Rolle der Dame vom Hause übernommen, und selbst die Damen waren es zufrieden, daß die Gräfin Baillou sich dieser wichtigen Charge unterzogen hatte, denn nun durfte man gewiß sein, von einer anmuthigen und zuvorkommenden Wirthin empfangen zu werden, und auch den Kaiser bei diesem Fest erscheinen zu sehen, bei diesem Fest, von dessen wunderbarer Pracht und Herrlichkeit man sich in Wien wahre Mährchen erzählte, und auf welches Jedermann gespannt war.

Schon einige Stunden vor Anfang des Festes begann daher das Volk sich in der Straße, in welcher das Palais des jungen Grafen lag, zu sammeln, und mit neugierigem Staunen schauten hundert und aber hundert Augen auf die lange Reihe dieser Fenster hin, welche im Glanz der schon angezündeten Kronleuchter strahlten, und durch welche die glückliche Menge hier und da einen Blick in die reiche mit Blumen, Gold, Sammet, Seide und Spiegeln drapirten Säle werfen konnte. Mitten in diesem Schauen und Spähen ward das Publikum der Straße auf einmal von dem raschen Heranrollen eines Wagens gestört, der, gezogen von vier köstlichen Schimmeln, daherbrauste, grade hinein in die Menschenmenge, die entsetzt und schreiend auseinander stiebte, und sich an die Häuser drückte, um nicht übergefahren zu werden. Die Equipage hielt vor dem Hôtel des Grafen an, zwei Lakayen in himmelblauem Sammet mit reicher Silberstickerei sprangen von dem hintern Tritt und eilten, den Kutschenschlag zu öffnen. Zu gleicher Zeit flogen die beiden Flügel der Thür des gräflichen Hôtels auf, und eine Schaar goldfunkelnder Lakayen eilte heraus und breitete einen kostbaren Teppich vor dem Hôtel bis zu dem Wagen hin, sich dann in ernster, feierlicher Haltung zu beiden Seiten des Teppichs aufstellend.

Und jetzt schwebte aus der geöffneten Kutsche eine Frauengestalt hervor, ganz eingehüllt in durchsichtigen Silberstoff, ganz übersäet mit Brillanten, die wie Sterne sie umfunkelten, und doch verdunkelt wurden von den wunderbaren, großen, flammenden schwarzen Augen, die in diesem reizenden bleichen Gesicht strahlten. Die Menge, bezaubert von dem Anblick dieser schönen feenhaften Erscheinung, brach aus in ein lautes Ach! der Bewunderung; die Dame hörte es, und blieb auf der ersten Stufe der Marmortreppe, die zu der Thür des Hôtels führte, stehen. Mit einer zugleich stolzen und anmuthigen Bewegung wandte sie ihr Haupt rückwärts, dem Publikum zu, und dankte ihm mit einem liebreizenden Lächeln für dieses Gemurmel, dessen schmeichelhafte Bedeutung sie gar wohl verstanden hatte. Das Publikum, ganz in Extase über dieses Lächeln, über diesen flammenden Blick der Dame, brach jetzt in ein lautes Jubelrufen aus, und begann Bravo! Bravo! schreiend zu applaudiren, als ob es sich nicht auf offener Straße, sondern im Theater befände, und der reizenden Prima Donna seine Huldigung darbringe.

Unter diesem Beifallrufen, diesem Applaudiren und Zujauchzen überschritt die Dame die Schwelle des Hôtels, und trat in den Flur ein. Die Zuschauer der Straße reckten die Köpfe empor, um ihr nachzuschauen, um diese mit Blumenfestons, mit Teppichen, Kronleuchtern und Statuen gezierte Vorhalle zu sehen, in der eine Unzahl von Livréebedienten auf- und niederschwirrte, und durch deren Mitte jetzt die funkelnde und blitzende Feengestalt, gefolgt von ihren Lakayen, langsam dahin schwebte.

Auf einmal indeß wurden die Thüren des Hôtels geschlossen, und die Menge, welche nur Aug' und Sinn für das glänzende Bild da vor sich gehabt, fand sich jetzt ernüchtert und fröstelnd auf der kalten, feuchten Straße wieder, und blickte fast grollend nach den Thüren des Hôtels, hinter denen die wunderbare Lichterscheinung verschwunden war.

Sie sahen nicht mehr, wie die reizende Frau jetzt an dem Fuß der Treppe von dem jungen Grafen Podstadzky empfangen ward, der athemlos die breite, wundervoll geschmückte, von duftenden Wachskerzen erhellte Treppe herunter eilte, und sich tief und demüthig vor der schönen Frau verneigte.

Sie dankte ihm nur mit einem Lächeln und nahm seinen Arm, um sich von ihm die Treppe hinauf führen zu lassen in die obern Säle. Schweigend schritt sie an seiner Seite dahin, und auch der junge Graf schien, befangen und zerstreut, kein Wort der Anrede finden zu können. Schweigend traten sie in den Vorsaal, und ihn durchschreitend in die lange Reihe dieser strahlenden, mit wahrhaft fürstlicher Pracht ausgestatteten Säle ein. Aber weder der Graf noch seine Begleiterin hatten einen Blick, einen Gedanken für diese Pracht, welche sie umgab; wie von Einem Wunsch geleitet, wandten sie ihre Schritte diesem kleinen halbdunkeln Cabinet zu, das da neben dem großen Empfangssaal sich befand.

In demselben angelangt, ließ der Graf die schweren Sammetportièren vor der Thür niederfallen, und dann schaute er mit einem scheuen, raschen Blick in dem Cabinet umher, als müsse er sich überzeugen, daß sie wirklich allein seien.

Keine Furcht, Carlo, flüsterte die Gräfin Baillou mit einem seltsamen Lächeln, wir sind allein, Niemand hört uns! Du kannst mir ungehindert sagen, daß ich bezaubernd schön bin, denn daß Du das sagen wolltest, lese ich in Deinen Augen.

Meine Augen können eben so wenig als meine Lippen nur den hundertsten Theil von dem Entzücken sagen, das mein Herz bei Deinem Anblick erfüllt, Arabella, sagte der Graf, die reizende Frau mit leuchtenden Blicken anschauend. Du bist so schön, Arabella, daß es mir scheint, die Frauen müssen Dich hassen, und die Männer müssen bezaubert von Dir sein und Dir Alles gewähren, was Du nur fordern möchtest!

Sie thun es auch, Carlo, sagte die Gräfin stolz. Sie sind wirklich solche närrischen Thoren, sich von einer schönen Larve blenden zu lassen, und um ein paar schöner Augen willen ihre Besonnenheit und Nüchternheit zu verlieren.

Und Du, mein Engel, meine Fee, Du läßt sie Alle grausam zu Deinen Füßen schmachten und erhörst keinen von allen Deinen Anbetern! Das ist es gerade, was sie unwiderstehlich an Dich fesselt, was sie zu Deinen Sclaven, Dich zu ihrer Herrin macht, daß Du ihnen nicht die kleinste Gunst gewährst! Oh, Arabella, und ich Glückseliger, Beneidenswerther, ich allein bin es, den Du begnadigst mit Deiner Gunst, für mich allein hat diese stolze, siegreiche Gräfin Baillou ein Herz!

Ein Herz! rief sie mit einem lauten, spöttischen Lachen. Glaubst Du noch an solche alberne Chimäre, Carlo? Du irrst, mein armer Freund, ich habe kein Herz, ich habe keine Liebe, und an der Stelle, wo bei andern Frauen ein Herz schlagen mag, da sind bei mir allerliebste kleine Barren von Gold und Silber aufgehäuft, und statt der Liebesseufzer flüstern meine Lippen Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen! Sechs Millionen, sieben Millionen, acht Millionen, das sind die Seufzer meiner Liebe!

Einst warst Du anders, Arabella, einst sah ich Dein Antlitz in Liebe leuchten, hörte ich Deinen Mund Worte der Liebe, der Verzweiflung flüstern!

Einst! Du sprichst von meinem vergangenen Leben, von den Tagen, die jenseits des kalten Tiberstromes lagen. Still von ihnen! Die Arabella, die ich damals war, liegt in der Tiber begraben, und jener Thörin, die an Liebe, an Treue, an Glück und Unschuld glaubte, ist damals ganz Recht geschehen. Die Gräfin Baillou hat nichts gemein mit ihr. Sie ist in der Tiber getauft für die Welt der Sünde, des Verrathes, des Egoismus, der Lüge und des Verbrechens, und Du, Carlo, Du hast bei ihrer Taufe Gevatter gestanden. Du hast die neue Weltbürgerin unterrichtet in der Kunst des Lebens, und jetzt, Du allzu empfindsamer Lehrer, jetzt verlangst Du auf einmal von Deiner Schülerin, daß sie noch ein Herz habe!

Das kommt daher, daß Deine unvergleichliche Schönheit, Deine Anmuth und Liebenswürdigkeit mich plötzlich hat empfinden lassen, daß ich noch ein Herz habe, Arabella.

Sie lachte wieder laut und spöttisch, und doch lag etwas finster Drohendes in ihren Augen. Du empfindest, daß Du ein Herz hast, Carlo? Du hast davon gerade so viel wie der Hase, der immer in der Ferne das Knallen der Flinte zu hören glaubt und davon rennt, noch bevor der Jäger sichtbar ist!

Du siehst indessen, Arabella, rief der Graf lachend, ich bin nicht davon gerannt, ich bin hier geblieben, obwohl mir zuweilen ist, als ob ich schon ganz nahe an meinem Ohr das Knallen des mörderischen Gewehrs vernähme, und als ob der Jäger, der mich erlegen wird, schon dicht hinter mir stände!

Hasenphantasie, sagte sie achselzuckend. Sieh doch um Dich, Carlo, gedenke doch daran, was wir waren, und was wir jetzt sind. Alle unsere Pläne sind geglückt, unsere kühnsten Wünsche haben sich erfüllt.

Wir tanzen über einem Abgrund, den wir uns mit Blumen überdeckt haben, murmelte er leise.

Aber wir tanzen doch, sagte sie lachend, und je länger wir tanzen, desto weiter werden wir uns von dem Abgrund entfernen, bis wir uns endlich hinein tanzen in den Hafen des Glückes, der Sicherheit und des Reichthums.

Ah, Du spottest meiner, Arabella, sagte er düster. Ich fürchte, ich habe mich verrechnet, und meine Pläne werden dereinst als meine Ankläger wider mich aufstehen!

Hasenphantasie! sagte sie wieder, aber dies Mal nicht mehr lächelnd sondern verächtlich und zürnend. Anfangs warst Du so kühn, so siegesgewiß, und jetzt zitterst Du? Und doch begünstigt das Glück jeden unserer Schritte, doch leben wir in seinem vollen Sonnenschein und kein Schatten des Mißtrauens umdüstert unsere hellen Lichtgestalten. Jedermann bewundert, liebt und beneidet uns, Jedermann drängt sich zu unsern Festen und selbst der Kaiser verliebt sich in die schöne Gräfin Baillou, und hält es nicht unter seiner Würde, das Hôtel des Grafen Liechtenstein Podstadzky zu besuchen und Theil zu nehmen an dem Fest, von welchem ganz Wien seit acht Tagen spricht, und dem die Gräfin Baillou als Dame Patroneß vorstehen wird! Oh, Carlo, ist das nicht eine Geschichte, über welche die Götter im Olymp, wenn sie es hörten, in ein homerisches Gelächter ausbrechen müßten?

Du hast Recht, Arabella, rief der Graf schnell erheitert, es ist eine Geschichte zum Lachen, und daß der Kaiser meine Einladung angenommen, das ist das Schild der Medusa, welches wir unsern Gläubigern vorhalten wollen und welches sie versteinern wird.

Gläubiger! sagte sie achselzuckend; haben wir denn Gläubiger?

Leider haben wir deren, rief der Graf lachend. Die guten Schafe sind willig hineingegangen in die Netze, die wir ihnen gestellt. Die bezahlten Rechnungen des ersten Vierteljahrs haben sie sicher gemacht, und uns einen unbegrenzten Credit eröffnet. Ach, Arabella, tritt doch einmal hinein in die Reihe dieser Säle, schau auf die fürstliche Pracht, die uns umgiebt, auf die fünfzig Lakayen, die da unten in ihren goldstrotzenden Livréen meiner Gäste harren, auf meinen Marstall, in dem zwanzig der köstlichsten Pferde stehen, in meine Küchen, in denen französische Köche ein Heer von Küchenjungen commandiren und Speisen für unsere Tafel bereiten, Speisen, von denen eine Schüssel oft mehr als fünfhundert Gulden kostet, und endlich sieh auf mein Gewand, das mit seinen Brillanten wohl funfzigtausend Gulden werth ist, Solche kostbaren Herrentoiletten waren damals nichts Seltenes. Bei einem der Hoffeste zum Beispiel trug der Graf Palm ein Gewand, das siebenzigtausend Gulden gekostet hatte, und der Fürst Liechtenstein eine Uniform, die über hunderttausend Gulden Werth hatte. und auf Deinen Schmuck, der eben so viel gilt. Und dies Alles, mein holder Engel, dies Alles gehört uns, und ist doch das Eigenthum dieser guten Schafe, die so dumm waren, sich von uns überlisten zu lassen, und welche dafür den Ehrentitel »Gläubiger des Grafen Liechtenstein« gewonnen haben!

Ein wahrer Edelmann muß Schulden haben, sagte die Gräfin lächelnd. Haben nicht die Fürsten Lobkowitz, Schönborn, Colloredo und wie sie Alle heißen mögen, Schulden, die noch ungeheuerlicher sind als ihre Einkünfte, umlagern nicht Tausende von Gläubigern ihre Paläste, daß selbst das Heer ihrer Lakayen kaum im Stande ist, sie von der Thür ihres Herrn zurückzuhalten? Ein ordentlicher Cavalier muß Schulden haben, und je mehr Gläubiger er hat, desto mehr muß man ihn für reich halten, denn nur wer viel Geld hat, hat viel Credit! Und dann, Carlo, wer hindert Dich, Deine Gläubiger zu bezahlen?

Zu bezahlen? fragte der Graf fast ängstlich. Du meinst doch nicht, daß –

Daß Du bezahlen solltest, wie Du es schon einmal gethan hast? Ja, das meine ich, Carlo! Deine Banknoten sind gut, bezahle, mein Freund, bezahle! Und dann, wenn alles Dies unser eigen ist, alle diese Schätze uns gehören, dann führen wir unsern letzten großen Plan aus, dann verkaufen wir Alles, unsere Meubles, unsere Paläste, unsere Silberservices, unsere Pferde und unsere Brillanten, verkaufen Alles, aber nicht gegen Banknoten, sondern nur gegen schönes, klingendes Silbergeld! Dann fort, fort in die Welt, fort nach der schönen Zauberstadt Paris, das sich, wenn wir reich, ungeheuer reich sind, zu unsern Füßen hinschmiegen wird, wie der bezähmte Löwe zu den Füßen der reinen Jungfrau. Oh, mein Freund, Geld macht unschuldig und mächtig, glücklich und geehrt, Geld bedeckt die Schande, und entschuldigt das Verbrechen! Geld –

Ein leises Klopfen an der Außenthür des Cabinets machte sie verstummen. Der Graf eilte hin, zu öffnen, während die Gräfin Baillou rasch durch die Portière in den großen Saal zurücktrat.

Es war der Haushofmeister des Grafen, welcher kam, seinem Herrn zu melden, daß so eben eine tief verschleierte Dame vorgefahren sei, welche durchaus begehre, den Grafen in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen.

So führen Sie dieselbe hier herauf in den Empfangssaal, sagte der Graf. Die Gräfin Baillou wird gewiß die Gnade haben, sie zu empfangen.

Gnädiger Herr, die Dame begehrt durchaus, Sie ganz allein zu sprechen. Sie sagt, sie habe Ihnen eine Mittheilung von der äußersten Wichtigkeit zu machen.

Der Graf stutzte. Eine Mittheilung von der äußersten Wichtigkeit? wiederholte er. Nun denn, so führe die geheimnißvolle Dame hier herein!

Der Haushofmeister eilte fort und Graf Podstadzky trat in den Saal. Die Gräfin Baillou stand neben der Portière und empfing ihn mit einem Lächeln.

Ich habe Alles gehört, sagte sie, ihm leicht mit dem Finger drohend, aber ich erkläre, daß ich dieses Rendezvous im Halbdunkel des Cabinets nicht dulden werde. Haben Sie die Güte, mein Jupiter, diese geheimnißvolle Schöne hier im Saal beim Glanz des Kerzenlichtes zu empfangen, und mich in das Boudoir eintreten zu lassen. Das ist weniger gefährlich für uns Alle und erlaubt uns, das Antlitz dieser Dame zu erkennen, die es wagt, ihre Tugend und Unschuld hierher in den Löwenrachen zu tragen! Ich ahne, wer die Dame ist, und es gelüstet mich, diese stolze Spröde einmal in der Nähe zu sehen!

Sie meinen, daß es Rahel Eskeles ist? fragte der Graf.

Gräfin Baillou nickte. Sie kommt ohne Zweifel, um ihres Geliebten Verzeihung anzuflehen für die Schmach, welche ihr Vater ihm angethan! Fort also! Eile der Dame entgegen, Carlo, und führe sie hier herein, während ich mich in das Cabinet hier flüchte. Aber sei auf Deiner Huth, denn sobald ich Gefahr für mich wittere, trete ich zwischen Euch!

Sie nickte dem Grafen lachend zu und trat in das Cabinet ein, die Portière sorgsam hinter sich zuziehend. Graf Podstadzky aber eilte nach der Thür des Salons und begegnete an derselben der geheimnißvollen Unbekannten, die eben, gefolgt von dem Haushofmeister, den Corridor herauf schritt.


 << zurück weiter >>