Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Die ganze Nacht hindurch hatte der Kaiser mit seinem vertrauten Secretair Günther gearbeitet. Der Morgen war herein gebrochen, es war heller Tag geworden, und noch immer schien der Kaiser nicht geneigt, sich Ruhe zu gönnen, und seine Geschäfte zu unterbrechen. Er war seit einigen Tagen erst von seiner Reise nach den Niederlanden zurückgekehrt. Ueberall dort hatte ihn das Volk mit begeistertem Jubel empfangen, überall hatte er die Herzen gewonnen durch seine Leutseligkeit und Güte. Nur die Priester, die Bischöfe und Geistlichen hatten finster dreingeschaut, denn der Kaiser, welcher allen seinen Landen dieselben Gesetze, dieselben Freiheiten und dieselbe Aufklärung geben wollte, der Kaiser hatte auch in Belgien seine neuen Religionsgesetze verkünden lassen. Auch dort sollte die Priesterschaft ihre tyrannische Herrschaft über die Gewissen der Menschen verlieren, auch dort sollte das Volk befreit werden von der Herrschaft der Kirche, und die Geistlichkeit unterthänig werden dem Kaiser und den Gesetzen des Landes. Das war ein Donnerschlag gewesen für die mächtige und hochmüthige Priesterschaft Belgiens, und zornige Blitze waren in ihren Augen aufgeleuchtet. Aber der Kaiser hatte sich den Anschein gegeben, ihre zornigen Blitze nicht zu sehen, und ihre Klagen, die sie, so lange Joseph da war, doch nur halblaut zu murmeln wagten, gar nicht zu hören. Er war nicht gekommen um der Priester und Mönche, sondern nur um des Volkes willen, er buhlte nicht um die Gunst der mächtigen Bischöfe, sondern nur um die Liebe des armen machtlosen Volkes, und wenn die Priester ihn leise einen stolzen Tyrannen nannten, so begrüßte das Volk ihn als den frommen und leutseligen Kaiser, besonders seit es ihn demüthig und fromm in einer der Kirchen den ihm vorbehaltenen Ehrenplatz hatte verschmähen und mitten unter dem armen Volke hatte knieen sehen. In Luxemburg wohnte der Kaiser dem Hochamt bei, und kniete nicht unter dem ihm errichteten Baldachin nieder, sondern mitten unter seinem Volk. »Vor dem Höchsten, sagte er, sind wir Alle gleich.« Hübner I. S. 233.
Und begleitet von diesen Grüßen und Segenswünschen des Volks war der Kaiser heimgekehrt nach Wien, aber nicht um auszuruhen von seiner beschwerlichen Reise, sondern um weiter zu arbeiten an dem großen Werk, das er begonnen, um weiter zu bauen an seinem neuen Oesterreich.
Mit unermüdlichem Eifer hatte er seit seiner Rückkehr sich wieder den Regierungsgeschäften hingegeben, alle während seiner Reise eingegangenen Bittschriften und Rescripte selbst lesend und prüfend, und dann auch für alle selbst die Antwort bestimmend.
Seit zwei Tagen hatte daher der Kaiser kaum sein Cabinet verlassen, aber der erste expedirende Secretair hatte alle zwei Stunden in dasselbe eintreten müssen, um die abgefertigten Briefschaften in Empfang zu nehmen und zu befördern. Vier Secretaire hatten den ganzen Tag vollauf zu thun gehabt, um die Briefe auszuführen, deren Inhalt der Kaiser in kurzen Sätzen am Rande der Briefe und Bittschriften entweder selbst geschrieben, oder von Günther hatte schreiben lassen. Und diese Secretaire mußten sehr genau und pünktlich arbeiten, denn der Kaiser begnügte sich nicht, ihnen Arbeit zu geben, sondern er prüfte auch ihre Arbeit, und alle von ihnen während des Tages ausgearbeiteten Briefe und Rescripte mußten am Abend dem Kaiser in sein Cabinet gebracht werden. Dort prüfte er dieselben mit der größten Genauigkeit, ließ sich dieselben von Günther vorlesen oder las sie selbst. Alsdann mußte Günther sie in Gegenwart des Kaisers adressiren und siegeln, und damit Joseph sicher war, daß auch keins dieser Papiere unterschlagen werden könne, that er dieselben eigenhändig in eine große Mappe, die er verschloß, indem er dem Boten, welcher sie zu expediren hatte, den Schlüssel übergab, zugleich mit einer Liste, auf welcher die Namen der Adressaten verzeichnet waren. Neben diesen Namen mußten diejenigen, welche die Briefe erhielten, bei Empfang derselben eine Bescheinigung hinzufügen, und dieser Quittungsbogen der Bestellungen mußte alsdann an jedem nächsten Morgen dem Kaiser vorgelegt werden.
Aber dieser regelmäßige Gang der Geschäfte hatte dem Kaiser seit seiner Rückkehr aus den Niederlanden nicht genügt. Die Rescripte, Bittschriften und Vorlagen hatten sich während seiner Abwesenheit zu Bergen angehäuft, also mußte auch die Arbeit verdoppelt werden, um diese Berge abzutragen. Da die Tage nicht dazu genügten, mußten die Nächte zu Hülfe genommen werden.
Der Kaiser, in dem Eifer seiner rastlosen Thätigkeit, empfand gar keine Erschöpfung, keine Abspannung, sein Auge leuchtete nach dieser langen, angestrengten Nacht noch eben so hell und klar, sein Geist war noch eben so frisch und kühn, und erst, als das letzte Actenstück abgefertigt war, erhob sich der Kaiser von seinem Schreibtisch und machte einige Gänge im Zimmer auf und ab, während Günther mit eiliger Hand die Papiere zusammenlegte und sie in die Mappe that.
Der Kaiser hatte ihm, ohne daß der junge Mann es gewahrte, zugesehen, und blieb jetzt, mitten in seinem Gang durch das Zimmer, vor ihm stehen.
Günther, sagte er, Sie sehen leidend und blaß aus. Was fehlt Ihnen?
Der junge Mann hob die Blicke langsam zu dem Kaiser empor, und ein trübes Lächeln trat auf seine Lippen. Sire, sagte er, mir fehlt gewiß nichts als ein wenig Schlaf, und nur davon bin ich blaß.
Das ist nicht wahr, sagte der Kaiser ruhig, Sie verleumden sich selbst, wenn Sie so sprechen, denn Sie sind der beste und unermüdlichste Arbeiter, und niemals noch habe ich Sie erschöpft und unlustig gesehen. Ach, sehen Sie wohl, Sie schlagen vor meinen Blicken die Augen nieder! Sie verbergen mir Etwas, Günther! Wie? Haben Sie kein Vertrauen mehr zu mir, mein Freund?
Ich habe zu Ew. Majestät das heiligste und freudigste Vertrauen, sagte Günther ernst, aber, wenn denn Ew. Majestät die Wahrheit wissen wollen, ich ängstige mich um Sie!
Der Kaiser sah ihn erstaunt an. Sie ängstigen sich um mich? wiederholte er erstaunt. Und weshalb diese Angst, Günther?
Weshalb? fragte Günther erregt. Weil Ew. Majestät zu kühn, zu unerschrocken sind, weil Sie keiner Gefahr achten und vor keinem Schreckniß zurückbeben, weil Sie Ihre Hände kühn hineinstecken in die lodernden Flammen, um daraus Ihren Völkern das Heil zu erretten! Aber es wird doch in den Flammen verbrennen, und Ew. Majestät werden zum Dank für Ihr edles Bestreben sich nur schlimme Brandwunden holen!
Immer dasselbe Lied, sagte der Kaiser achselzuckend. Sie sprechen wie Lacy und Rosenberg. Immer zögern, immer hinhalten, immer temporisiren, das ist Eure Taktik! Ich aber will rasch vorwärts, und was ich heute thun kann, das will ich nicht auf morgen verschieben, denn wer weiß, ob ich den Morgen noch erlebe, um meinen Willen ausführen zu können!
Freilich, rief Günther fast erzürnt, wenn Ew. Majestät so fortleben, dann ist es ungewiß, ob Sie noch viele Morgen erleben werden, denn Ew. Majestät werden sich aufreiben. Ew. Majestät vergessen, daß die menschliche Kraft auch ihre Grenzen, daß die Natur auch ihre Rechte hat. Oh verzeihen mir Ew. Majestät diese kühne und übermüthige Sprache, aber Sie selber haben mich dazu ermächtigt! Ich habe, als ich mein Amt antrat, in Ihre Hand feierlich geschworen, Ihnen allezeit die Wahrheit zu sagen und Ew. Majestät meine innersten Gedanken mitzutheilen, auch niemals etwas zu verschweigen, was ich in Bezug auf Ew. Majestät erfahren habe! Und deshalb, getreu meinem Schwur, Ew. Majestät immer die Wahrheit zu sagen, muß ich auch heute Ihnen sagen: Ew. Majestät thun Unrecht! Sie strengen sich mehr an, als es die Menschennatur erlaubt. Sie sind es aber Ihren Völkern schuldig, mit äußerster Sorgfalt auch auf Ihr leibliches Wohl zu achten, Sie müssen sich für Oesterreich gesund erhalten, Sire, denn was sollte aus diesem neuen, stolzen Riesenbau Oesterreich werden, wenn sein kaiserlicher Baumeister von dannen ginge, ehe er vollendet ist. Es ist ja Niemand da, der zu Ende führen könnte, was Ew. Majestät begonnen, und also müssen Ew. Majestät den Bau selbst vollenden, damit er fest da stehe, und stark genug sei, den Stürmen aller Zeiten zu trotzen!
Darin, mein Freund, haben Sie Recht, sagte der Kaiser mit einem sanften Lächeln, ich darf nicht einen Moment meinen begonnenen Riesenbau verlassen, damit mir die Priester nicht meine Bausteine stehlen, und damit mir der hochmüthige Adel nicht von der Arbeit wegläuft. Und auch darin haben Sie Recht, daß ich keinen Nachfolger habe, der meine Pläne versteht und den guten Willen haben wird, sie zu Ende zu führen. Ich werde und will also leben, bis ich fertig bin mit meinem Werk!
Dann aber müssen Ew. Majestät sich auch schonen, rief Günther eifrig, dann müssen Ew. Majestät wenigstens die Nächte sich Ruhe gönnen. Oh, Ew. Majestät werden mich nicht für einen so kleinlichen Egoisten halten, daß ich dies sagen sollte in meinem eigenen Interesse, denn Sie wissen wohl, daß mein ganzes Leben dem Dienst Eurer Majestät geweiht ist, und daß nichts mir so schwer scheint, daß ich es nicht freudig thun würde, um mir dadurch die Zufriedenheit meines Kaisers zu erwerben!
Joseph legte sanft die Hand auf Günthers Schulter. Ich glaube Ihnen, Günther, sagte er ernst. Sie gehören nicht allein zu meinen besten Arbeitern, sondern auch zu meinen besten Freunden, und ich vertraue Ihnen, wie ich Wenigen vertraue, und ich mache Sie zum Mitwisser meiner größten politischen Geheimnisse!
Ew. Majestät wissen wohl, daß ich eher sterben würde, als nur Ein Wort Ihrer Geheimnisse verrathen, sagte Günther, dem Kaiser mit festen, leuchtenden Augen in's Antlitz schauend.
Aber da Sie alle meine Geheimnisse wissen, fuhr der Kaiser fort, da Sie meine Pläne für die Zukunft kennen, sollten Sie mir auch nicht von Ruhe, von Erholung und Müßiggehen sprechen! Ich habe so viel zu thun, daß ich oft bang und angstvoll vor meiner Arbeit dastehe, und daß mich eine fröstelnde Angst überfällt, ich möchte wirklich nicht die Kraft haben, Alles zu vollenden. Oh, es wäre fürchterlich und entsetzlich, wenn ich zu früh abgerufen würde, wenn ich stürbe, bevor mein Gebäude noch unter Dach ist und geschützt gegen Regen und Wind. Günther, Günther, die Priester würden mir dann doch wieder meinen großen freien Volkspalast in eine finstere Kirche umwandeln, und auf dem Dach, wo ich die große Uhr anbringen will, welche den Fürsten und Völkern Oesterreichs immer verkünden soll, was die Glocke geschlagen hat, würden sie mir wieder ein großes Kreuz aufrichten, das nur die Zeit, welche gewesen ist, wieder herauf beschwören möchte. Es wäre ein grausamer Hohn des Schicksals, wenn ich sterben und vor meinen sterbenden Sinnen das Zusammenfallen meines Gebäudes, das ich nicht vollenden konnte, hören müßte! Nein, nein, ich will leben, bis mein Tagewerk vollbracht ist!
Deshalb also, weil Ew. Majestät eine so heilige Mission erhalten haben, gerade deshalb müssen Sie sich schonen, sich Erheiterung gönnen, Sire, und nicht der Arbeit alle Ihre Zeit und Ihre Freuden zum Opfer bringen! Ew. Majestät leben aber jetzt nur noch der Arbeit und den Geschäften!
Und Sie meinen, ich sollte, wie der Weise von Sanssouci oder die Semiramis des Nordens, darauf bedacht sein, mir noch einen andern Ruhm zu erwerben, als den, ein guter Geschäftsführer meines Volkes zu sein? rief Joseph lächelnd. Es kränkt Sie, nicht wahr, daß Sie einem Fürsten Ihre Dienste widmen, der nur Acten zu schreiben, Rescripte zu erlassen und Gesetze zu geben versteht, und Apoll und die neun Musen niemals in seine Studirstube ladet!
Nun, wenn auch nicht alle neun, Sire, so könnten Sie doch einige der Musen bei sich dulden, wie Ew. Majestät es sonst gethan. Aber auch die Concerte haben aufgehört und das Violoncell steht seit Monaten schon unberührt in seiner Ecke!
Und nun können meine Feinde sagen, ich äffe den König von Preußen nach, und da er nicht mehr die Flöte blase, wolle ich nicht mehr das Violoncell spielen. Nein, nein, mein Freund, ich werde keine der Musen mehr in mein Studirzimmer einladen! Ein Fürst hat wahrlich andere Dinge zu thun, als nach solcher leichtfertigen Bekanntschaft zu streben, denn er ist nicht da, um sich zu amüsiren, sondern um zu arbeiten! Ich begreife deshalb auch nicht, wie einige Monarchen auf die kleinliche Begierde gerathen sind, sich literarische Vorzüge erwerben zu wollen, eine Art von Größe darin zu suchen, wenn man Verse macht, oder einen Riß zum Theater zeichnet, der ein Pendant für die Werke des Palladio sein soll. Es sollen die Könige freilich im Reich der Wissenschaften nicht ganz unbekannt sein, aber daß ein Monarch die Zeit damit zubringe, Madrigals zu schreiben, das finde ich überflüssig. Des Kaisers eigene Worte. Siehe Joseph II. Briefe S. 54.
Und doch giebt es in dieser Zeit gar viele Fürsten und Herrscher, welche vermeinen, es ließen sich die Völker mit Sinngedichten glücklich machen, sagte Günther lächelnd.
Das ist wahr, rief der Kaiser heiter. Der Markgraf von Brandenburg ist das Haupt einer Königssekte geworden, die sich damit beschäftigt, Memoiren, Gedichte und Abhandlungen über verschiedene Gegenstände zu schreiben. Die Kaiserin von Rußland folgte ihm nach, las Voltaire, schrieb Schauspiele und Verse an d'Alembert, dann einige Oden an ihre Alciden; Stanislaus Lesczinsky Friedensbriefe, und der König von Schweden Hymnen und Briefe an die Freundschaft. Ich werde ihnen nicht nacheifern. Mir sind weder die großen Griechen, noch Römer unbekannt; ich kenne die Geschichte des deutschen Reichs und jene meiner Staaten insbesondere; aber meine Zeit wird mir nie erlauben, Epigramme zu machen und Vaudevilles zu schmieden. Ich lese, um mich zu unterrichten, ich reise, um meine Kenntnisse zu erweitern, und indem ich die Gelehrten unterstütze, erzeige ich ihnen einen größern Dienst, als wenn ich und einer derselben an Einem Pult Sonette faselten. Des Kaisers eigene Worte. Siehe Joseph II. Briefe S. 57. Reden Sie mir also nicht wieder vom Herrn Apoll und seinen leichtfüßigen Begleiterinnen! Mag der Resonanzboden meines Violoncells vor Aerger platzen, daß ich ihm nicht mehr das eitle Vergnügen gönne, die Luft hier zu entzücken mit seinen schmeichlerischen, süßen Tönen, wenn nur mein Gebäude keinen Riß bekommt und keine Todtenwürmer ihr Lied darin ertönen lassen. Lassen wir die Talente bei Seite; ich will nur ein Staatsarbeiter sein, und da thue ich, was ich kann, und man wird mir nicht den Vorwurf machen können, daß ich nicht Alles thue, was in meinem Vermögen ist. Aber freilich, fuhr der Kaiser mit umdüsterten Mienen fort, ich finde bei all meinem Thun und Arbeiten gar wenig Unterstützung, sowohl in der Anlage, als in der Ausführung. Staatsbeamte, Dikasterien, Große, Kleine, der Adel, die Bürger, die Priester, die Mönche, Alles häuft Hindernisse auf Hindernisse, und so wird der Gang der Maschine gehemmt. Außerdem sind die Quellen des Staats auch nicht so groß, als man meint. Ich habe unglaubliche Schulden vorgefunden, und nur mit der äußersten Oekonomie kann ich die Ausgaben meines Staats, die Unterhaltung meiner Armee bestreiten. Des Kaisers eigene Worte. Siehe Hübner I. S. 198. Dafür nennt mich das Volk jetzt einen Geizhals; die großmüthige Verschwendung Maria Theresias legt mir die Pflicht auf, gut hauszuhalten und mich nach neuen Einnahmequellen für den Staat umzuschauen! Um meinem Lande keine neuen Schulden aufzubürden, mußte ich darauf bedacht sein, mir auf außerordentliche Weise Geldmittel zu schaffen!
Und diese Geldmittel fanden Ew. Majestät unglücklicherweise in den Klöstern und Wallfahrtsorten, sagte Günther seufzend.
Unglücklicherweise? fragte Joseph. Glücklicherweise wollen Sie sagen! Diese todten Schätze der Klöster und Wallfahrtsorte haben mein Land und mein Volk vor großem Unheil bewahrt, denn sie haben uns Geld gegeben, ohne Schulden zu machen. Hat uns nicht Mariataferl allein dreißig Centner Gold und Silber geliefert, die jetzt als gute ausgeprägte Millionen in die Religionskasse geflossen sind, und den todten Sumpf, in welchen Aberglaube, Dummheit und Bigotterie ihre Schätze versenkten, in einen lebendigen, frischen Quell des Volkswohlstandes verwandeln werden? Oh, aus dieser Religionskasse, welche alle Schätze der aufgehobenen Klöster und Kirchen aufnimmt, soll meinem Lande Heil und Segen erblühen, und Gott wird es mit Wohlgefallen sehen, wie die Opfer des todten Aberglaubens sich nun verklären sollen zu Opfern der lebendigen Liebe, und er wird seinen Segen geben zu dem Werk des Lichts! Freilich werden die Helden der Finsterniß, die Mönche und Priester in ihrer bekannten christlichen Liebe und Duldsamkeit ihren Fluch wider mich schleudern, freilich wird es ein großes Geschrei geben!
Ein Geschrei, wie wenn ein neuer Hercules den Vorhof des Tartarus bestürmt! sagte Günther lächelnd.
Sie haben Recht, rief der Kaiser glühend, es ist eine Hercules-Arbeit, aber mit Gottes Segen wird sie gelingen. Mögen die Mönche schreien, mögen sie mich einen Abtrünnigen und Ungläubigen schelten, mögen sie mich verketzern und verleumden, ich werde mich nicht dadurch irre machen lassen, und zuletzt wird ihr Geschrei doch verhallen unter den Liebesrufen meines Volkes, welches einsehen wird, daß ich nur sein Gutes will, nur lebe, um ihm die Freiheit und das Glück zu bringen. Licht! Licht! Es soll Licht werden in meinen Staaten, und austreiben wollen wir alle Dunkelmänner und Nachtgestalten, und lachen wollen wir zu ihrem Geschrei, ihrem Zetergeheul und ihren Pasquillen. Sehen Sie da, Günther, welche allerliebste Sinngedichte und Bilder man mir gestern gebracht hat.
Und der Kaiser nahm seine Schreibtafel und holte einige Papiere daraus hervor. Sehen Sie zuerst dies Gemälde hier, sagte er lachend. Es bezieht sich auf ein anderes großes Verbrechen von mir, darauf, daß ich den Hofdamen und Hofbeamten ihr freies Quartier in der Burg entzogen und ihnen jährliche Quartiergelder gegeben habe, um in der Stadt sich selber eine Wohnung zu miethen. Sehen Sie nur, hier wandern die Hofdamen, jede mit ihrem Bündel unter dem Arm, zur Burg hinaus. Der Oberhofmeister kehrt mit dem Besen hinterher, und dieses allerliebste Herrchen hier in der Ecke, mit der Hetzpeitsche in der Hand, soll, wie mir scheint, mein Conterfei sein. Und nun diese Unterschrift: »Allhier sind im ersten und zweiten Stock Zimmer zu überlassen. Wer solche miethen will, hat sich beim Hauswirth im ersten Stock zu melden.« Hübner I. S. 190. Nun, was sagen Sie zu dieser Satyre?
Sie ist eben so abscheulich, ungerecht, als gemein und beißend!
Mich beißt sie gar nicht, sagte der Kaiser lachend, nicht einmal die Haut fühle ich mir davon verletzt. Ich habe eine heile Haut, wen es juckt, der kratze sich, ich hab's nicht nöthig. Des Kaisers eigene Worte. – Dies andere Pasquill hier hatte man mir gestern zum Vergnügen meines Spazierritts im Augarten angeheftet, gerade in der Allee, in welcher ich, wie man weiß, immer zu reiten pflege. Hören Sie: » Joseph premier, aimable et charmant, Joseph second, Scorpion et Tyran!«
Und zu solchen Abscheulichkeiten können Ew. Majestät noch lachen, rief Günther, glühend vor Zorn.
Aber was wollen Sie, sagte Joseph heiter, die Leute, die das geschrieben, haben Recht. Den Mönchen und Nonnen gegenüber bin ich ein Tyrann, denn ich habe sie ausgetrieben aus den Freischlössern der Faulheit, des Hochmuths und des Wohllebens, in denen sie die Herren und Gebietenden waren. Ich habe sie angegriffen, sie vertheidigen sich, und da sie keine andern Waffen haben, als ihre Zungen, so muß man ihnen wohl gestatten, diese zu gebrauchen. Ich habe meinem Volk die Rede- und die Schreibfreiheit gegeben, die Mönche und Priester müssen eben so gut Gebrauch davon machen dürfen, wie jeder Andere.
Nun, wenn Ew. Majestät das in der Ordnung finden, sagte Günther, ein Papier aus seinem Busen hervorziehend, wenn Ihnen diese Unverschämtheiten der sogenannten Himmelsfechter keinen weitern Aerger bereiten, Sire, so muß ich Ihnen, treu meinem Gelöbniß, Ew. Majestät nichts zu verschweigen, auch dies Pasquill hier mittheilen, das gestern an den Mauern des ehemaligen Königsklosters angeheftet war.
Ach, dies Königskloster ärgert also die Himmelsfechter noch immer! rief der Kaiser lächelnd. Sie können es mir noch immer nicht verzeihen, daß ich das Kloster an den Banquier Fries verkauft habe, der sich einen Palast daraus bauen will, und daß die Kirche jetzt der evangelischen Gemeinde zu ihrem Gottesdienst überlassen worden! Nun lassen Sie hören, was sagt das Pasquill?
Sire, meine Zunge sträubt sich, das zu lesen! Wollen Ew. Majestät nicht die Gnade haben, selbst –
Nicht doch! Sie müssen Ihre Zunge schon daran gewöhnen, solche Schmähungen wider mich zu lesen, denn ich denke, Sie werden mir noch öfter dergleichen vorzutragen haben. Lesen Sie also!
Der Kaiser ließ sich in einen Fauteuil niedergleiten, und streckte sich behaglich in demselben aus.
Günther las: »Dieser Tempel war erst zum Dienst des allmächtigen Gottes von den frommsten Beherrschern Oesterreichs eingerichtet, war die Wohnung heiliger Jungfrauen des unbefleckten Lammes; aber es plünderte darin die Kirchenschätze, es zerstreute in alle Welt die Gottgeheiligten Nonnen, – jener Verführer der Braut Christi und Schwächer reiner Jungfrauen, des Martin Luthers treuer Anhänger und Nachfolger, Joseph II., ein Lutheraner, uneingedenk der göttlichen Barmherzigkeit, die ihn auf den Thron erhoben, ein berüchtigter Verächter heiliger Kirchengesetze, begünstigt und befördert alle Ketzereien, und ist selbst ein Mann von keiner Religion. Nun hat er, – ein seit Jahrhunderten unerhörtes Beispiel! – eben diesen Tempel unter der Maske der Tugend zum Sammelplatze der Greuel angewiesen und verkauft.« Hübner I. S. 81.
Günthers Antlitz war, während er las, immer glühender, seine Stimme immer erregter geworden, aber der Kaiser hatte ihm mit vollkommener Ruhe, mit heitern lächelnden Mienen zugehört.
Ich beschwöre Ew. Majestät, rief Günther, als er zu Ende gelesen, dies Mal nur haben Sie die Gnade, Strenge zu üben und diesen Uebermüthigen zu zeigen, daß auch die Milde ihre Grenzen hat, und daß, wenn die Preßfreiheit in eine Preßlicenz ausartet, Ew. Majestät dies nicht dulden werden!
Und weshalb sollte ich das? fragte der Kaiser lächelnd. Weshalb sollte ich diesen Leuten nicht erlauben, ein wenig an mir ihr Müthchen zu kühlen? Wenn ich dies Pamphlet unterdrückte, würde das nicht den Anschein haben, als ob ich es fürchtete, und in dieser Anklage eine Gefahr für mich sähe? Nein, im Gegentheil, ich will, daß alle Menschen es lesen, um darnach beurtheilen zu können, ob es die Wahrheit enthält. Ich beauftrage Sie also, Günther, dies Pasquill sofort drucken und in allen Buchhandlungen verkaufen zu lassen. Wir wollen für das Exemplar einen Kaufpreis von sechs Kreuzern festsetzen und den Erlös dieses Unternehmens wollen wir den Kirchenvorstehern als Beisteuer für die Armen übergeben. Historisch. Es wurden schon am ersten Tage, als dies auf Befehl des Kaisers gedruckte Pamphlet erschien, fünftausend Exemplare davon verkauft.
Oh, rief Günther tiefbewegt, wenn Ihre Feinde jetzt hier wären, und die hochherzigen Worte Ew. Majestät hören könnten, müßten sie da nicht beschämt und gerührt zu Ihren Füßen niedersinken, und zerknirscht von Ihrer Größe und Ihrem Edelmuth um Vergebung flehen?
Still, still, sagte Joseph, sonst würden meine Feinde, wenn sie jetzt hier wären, mit allem Grund vermuthen können, ich sei wie all die andern Fürsten auch; ich liebe es, Ostentation zu treiben mit meinen wenigen guten Eigenschaften, und umgebe mich mit Schmeichlern, welche die allergewöhnlichste gute und vernünftige Handlung gleich mit dithyrambischen Lobliedern besingen müßten! – Aber es ist jetzt genug des Plauderns und der Erholung, fuhr der Kaiser fort, indem er sich aus dem Lehnstuhl erhob. Die Arbeit des Tages ruft mich, und die armen Leute, die mich im Controlorgang erwarten, werden schon ungeduldig sein, denn wie ich sehe, ist es schon eine Viertelstunde über die festgesetzte Zeit! Gehen Sie also, Herr Günther, und lassen Sie zum Besten der Armen das Pamphlet drucken; ich will gehen, die Bittschriften der Armen entgegen zu nehmen und ihre Klagen anzuhören!