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VI.
Obrist Szekuly

Arabella lauschte noch immer, lauschte, bis das Rollen des Cabriolets, welches den Grafen entführte, in der Ferne verklang, dann brach sie in ein lautes, höhnisches Lachen aus. Er glaubt mir, er vertraut mir! rief sie höhnisch, denkt, daß ich eine solche Thörin bin, mit ihm entfliehen, mein Schicksal mit ihm theilen zu wollen. Als ob nicht dies Alles vorher gesehen, dies Alles berechnet, als ob ich nicht gewußt hätte, daß es so kommen müßte, daß dies das Ende des leichtsinnigen Grafen Liechtenstein Podstadzky sein würde! Wozu denn wäre sonst meine Contremine gewesen, wozu hätte ich mir die Qual auferlegt, die lächerliche Liebe dieses alten Obristen Szekuly zu dulden, wozu, wenn er mir nicht in seiner blinden Greisenliebe goldene Schätze hätte graben müssen! Was kümmert's mich, woher er's genommen hat, ich weiß nichts davon, brauch' nichts davon zu wissen. Greise sind freigebig, wenn sie lieben, der alte Obrist von Szekuly liebt mich, und er hat's mir bewiesen mit fünfzigtausend Gulden. Und seine Gulden waren nicht von Papier, sondern von reinem, gutem Silber, das ich mir umgesetzt in schöne, blitzende Dukaten. Meine Dukaten werden in Paris eben so gut klingen und singen wie in Wien. Nach Paris, oh nach Paris! Jetzt bin ich frei! Frei von meinem gefährlichen Mitschuldigen, frei von meinem langweiligen, alten Anbeter, vor dessen Liebe ich mich fast ängstige, denn sie ist über ihn gekommen wie ein Wahnsinn, und in seinen Fieberphantasieen mag er Dinge gethan haben, die ihn gefährden können. Aber mich nicht, oh nein, mich nicht! Niemand ahnt von meinem Verhältniß mit ihm, Niemand auch von meinem Verhältniß mit Podstadzky. Ich bin noch immer die keusche, tugendhafte Gräfin Baillou.

Sie war, während sie so sprach, mit hastigen Schritten auf und ab gegangen, die Arme ineinander geschlagen, das Antlitz leuchtend und hell, die purpurnen Lippen umspielt von einem diabolischen Lächeln.

Aber jetzt blieb sie stehen, und das Lächeln schwand allmälig von ihrem Antlitz. Wie sie da stand in ihrem goldgestickten Gewande, ihr Haupt umstrahlt von dem brillantenen Diadem, ihr Antlitz so schön, so düster, so drohend, wie sie da stand, das Haupt stolz aufgerichtet, das große Auge voll boshafter Tücke, mochte man sie für eine böse Fee halten, die ihr finsteres Reich verlassen und auf die Erde gekommen war, die Menschen zu verlocken und zu verderben.

Es ist klar, sagte sie nach langer Pause dumpf vor sich hin, es ist klar, der Kaiser hat ihn warnen wollen. Wenn er nicht heute, nicht sogleich entflieht, ist er verloren. Und er soll verloren sein! Ich will seiner los sein! Er soll nicht an meinen Fersen hängen wie eine Kette, die mich festhält und bindet. Ich will frei sein, will nicht, was ich mir mühsam erworben habe, mit ihm theilen müssen. Er muß gefangen sein, damit ich frei bin. Er würd's nimmer dulden, daß ich Wien verließe ohne ihn, würde mich nimmer aufgeben, und so müßte ich nicht blos ihn, sondern auch die Liebe Szekuly's ertragen.

Nein, Podstadzky muß gefangen sein, denn erst dann bin ich frei. Oh, willkommen, Du süße, Du goldene Freiheit, willkommen! Noch heute Nacht wirst Du mein! Noch heute Nacht entfliehe ich, ehe irgend ein Verdacht auf mich fällt, irgend ein leichtsinniges Wort des Grafen mich verrathen hat. Aber wie, wenn er noch nicht diese Nacht gefangen wird, wenn der Kaiser ihm wirklich noch eine Nacht Aufschub gönnt? Wie, wenn er noch einmal heute hierher kommt, wenn er Argwohn faßt?

Sie flog zur Klingelschnur und schellte heftig, daß der Kammerdiener ganz erschreckt aus dem Vorzimmer hereinstürzte.

Wenn der Graf Liechtenstein Podstadzky kommt, befahl sie, so sagen Sie ihm, ich sei nicht zu Hause. Sagen Sie dasselbe allen meinen andern Dienern. Der Graf wird nicht vorgelassen, niemals wieder, hören Sie? Derjenige, welcher ihn eintreten läßt, ist sofort aus meinem Dienst entlassen! Merken Sie sich das!

Der Kammerdiener verneigte sich schweigend und zog sich zurück.

Und jetzt an's Werk, sagte sie dann lächelnd. Jetzt meine Schätze aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorgeholt, meine Juwelen gepackt, und dann fort, fort! Sobald die Nacht anbricht, reise ich ab!

Nun nahm sie das Diadem aus ihrem Haar und löste die Spangen von Hals und Armen, dann flog sie in ihr Toilettenzimmer und holte aus dem verschlossenen Schrank ihre Schmuckkasten hervor. Mit einem glücklichen Lächeln öffnete sie die Deckel, und ließ ihre verborgenen Schätze aufleuchten, und labte ihr Herz an dem Anblick dieser herrlichen Juwelen und Perlen.

Diese drei Steine, sagte sie, auf die drei größten und funkelndsten Brillanten eines Colliers deutend, diese drei Steine verdanke ich der Fürstin Garampi. Ich bat sie, mir ihr Armband auf eine Stunde zu leihen, damit ich es meinem Juwelier zeigen und mir eins darnach fassen lassen könnte. Ich schwur, das Armband nicht aus den Händen zu lassen, und ich that's auch nicht, und so wurden die drei Steine mein. Was geht's mich an, daß sie sich nicht besser auf Brillanten versteht, und die unechten nicht von den echten zu unterscheiden vermag. Diese Schnur kostbarer Zahlperlen mit dem herrlichen Rubinschloß, die schulde ich der Fürstin Palm. Mein Gott, ich liebe sie so zärtlich, wie sie mich, ich umarmte sie eines Tages herzinnig in der Gluth meiner Freundschaft, und schäkerte mit ihr, während ich's that, und dabei drückte meine Hand aus Versehen an dem Schloß des Perlenhalsbandes, und es öffnete sich. Die gute Frau merkte es nicht, denn es ist wahr, ich war gar so liebenswürdig, gar so witzig. Ich erzählte ihr eine allerliebste Geschichte von der Maitresse ihres Mannes, und sie hörte mir zu, und leise glitt das Halsband über ihren Nacken nieder und fiel zur Erde. Niemand hörte es fallen, denn wir standen im Tanzsaal, und die Musik schmetterte eben einen neuen Tanz. Sie merkte nicht, wie das Perlenhalsband, ein Vermögen! von ihrem Nacken niederglitt, ich aber merkt' es wohl, und ließ leise mein Schleppkleid darüber hingleiten, und winkte Carlo. Er führte die Fürstin fort zum Tanz, und ich bückte mich und hob das Perlenhalsband auf, und schob es in meine Tasche. Nachher hieß es, sie habe es beim Nachhausefahren verloren, ganz Wien sprach davon, große Belohnungen wurden ausgesetzt, aber das Halsband kam nicht wieder. – Diese Nadel hier –

Aber ich Thörin, unterbrach sie sich selber, verliere mich hier in die lustigen Geschichten meiner Perlen und Brillanten, und der Abend dunkelt schon herauf, und ich muß eilen, einzupacken.

Mit hastiger Hand verschloß sie jetzt alle die einzelnen Etuis, und schob sie dann alle in den großen mit Bronceplatten und Nägeln beschlagenen Schmuckkasten, den sie nun sorgfältig verschloß, worauf sie den Schlüssel in ihren Busen schob.

In dem Kasten ist ein Landgut, oder ein Palast verborgen, je nachdem ich das eine oder das andere haben will, sagte sie lächelnd. Jetzt zu meinem Schatz!

Sie flog durch das Zimmer nach der Wand dort drüben, und nahm ein dort hängendes Bild vom Nagel. Dann drückte sie an dem Nagel, und eine kleine verborgene Thür in der Wand öffnete sich, eine Mauervertiefung ward sichtbar, in welcher ein Kasten stand.

Arabella nahm diesen Kasten, und trug ihn langsam und keuchend zu dem Tisch hin, und stellte ihn neben dem großen Schmuckkasten auf. Dann öffnete sie den Deckel, und ein strahlendes Lächeln flog über ihr Antlitz, als sie sich über den Kasten beugte.

Oh, meine schönen, liebreizenden Dukaten, flüsterte sie, Ihr seid noch alle da, Ihr schaut mich an mit zwanzigtausend Liebesaugen, und weissagt mir eine köstliche Zukunft voll Ehre, Genuß und Freude! Mit Euch will ich hinausziehen in die Fremde, mit Euch werde ich überall geehrt, geliebt und gesucht werden, denn überall liebt man Euch, überall geltet Ihr für den besten Empfehlungsbrief, den man nur vorzuzeigen braucht, um allenthalben eingeladen und willkommen zu sein. Und Ihr wißt, daß ich Euch liebe, denn ich habe Euch gehegt und gepflegt, und hab' immer darnach getrachtet, Euch neue Gesellschaft zuzuführen, damit Ihr Euch nicht langweilen solltet in dem düstern Kasten. Und so seid Ihr Euer zwanzigtausend geworden. Zwanzigtausend Dukaten! Ich denke, ich kann mit mir zufrieden sein, es sind genug der Ersparnisse in einem Jahr! Ersparnisse! Ha, ha, ein köstliches Wort! Der gute alte Szekuly hat mir das Ersparen leicht gemacht, denn die Hälfte meiner siegreichen Armee verdanke ich ihm, zehntausend Mann Dukaten hat er mir zugeführt. Freilich, fuhr sie mit einem schalkhaften Lächeln fort, ich habe ihm dafür Documente gegeben, Documente über ein Fideicommiß, das ich in Italien besitze, und das er leicht verkaufen kann, wenn er will. Er hat mir also eigentlich nichts geschenkt, sondern mir nur auf sicheres Unterpfand zehntausend Dukaten geliehen. Und also bin ich ihm eigentlich gar keinen Dank schuldig; und also lebe wohl, mein Herr Obristlieutenant von Szekuly, ich nehme Deine Dukaten mit, Du behältst meine Dokumente hier, wir sind quitt!

Sie schloß den Kasten, und eilte dann, sich umzukleiden, ihr schimmerndes Gewand mit einem unscheinbaren Reisekleid, ihre goldgestickten Schuhe mit festeren und haltbareren zu vertauschen, und ihre ganze Toilette zu wechseln.

Der Abend war tiefer herabgesunken, die große Uhr auf dem Kamin verkündete schon die achte Stunde. Arabella hatte jetzt alle ihre Vorbereitungen beendet, alle die Dinge in einem Koffer geordnet, welche sie mitnehmen wollte auf ihrer Reise. Niemand hatte ihr helfen dürfen bei dieser Arbeit, bei verschlossenen Thüren hatte sie allein Alles zu Stande gebracht, sich selber die Lichter angezündet, selber den Koffer herbeigeschleppt.

Jetzt, wie Alles fertig war, eilte sie in ihr Wohnzimmer und schellte rasch und heftig Einmal. Das bedeutet, daß ihr erster Kammerdiener erscheinen sollte. Nach wenigen Minuten öffnete sich die Thür und ein Greis mit silberweißem Haar, mit den schwarzen Augen und der dunkeln Gesichtsfarbe des Italieners, trat ein.

Arabella befahl ihm, die Thür zu schließen und bis in die Mitte des Zimmers zu kommen.

Er that es, ohne Befremden, ohne Ueberraschung, und murmelte nur leise vor sich hin: die Wände haben Ohren.

Giuseppe, sagte die Gräfin, als er dicht vor ihr stand, bist Du mir immer noch treu? Gedenkst Du noch immer des Schwurs, welchen Du meiner sterbenden Mutter geleistet?

Ich habe ihr, welche meine Wohlthäterin war, auf ihrem Sterbebette geschworen, Euch, so lange ich lebe, nie zu verlassen, und ich werde meinen Schwur halten, Signora.

Dank Dir, Amico! Jetzt hör'! Ich muß Wien verlassen.

Ich weiß es, Signora! Hab' es gemerkt an dem Befehl, den uns der Kammerdiener brachte, den Grafen Podstadzky nicht wieder vorzulassen, und meine Sachen sind schon gepackt.

Du bist ein treuer und kluger Diener, Giuseppe. Jetzt höre! Sogleich wollen wir aufbrechen! Eile auf die Post und bestelle Postpferde, aber natürlich nicht hierher. Du weißt ja, draußen in der Leopold-Vorstadt habe ich mir eine Remise gemiethet, und da steht mein Reisewagen.

Ich habe den Schlüssel zur Remise, ich schiebe den Wagen heraus, der Postillon legt die Pferde vor, dann kommen wir hierher gefahren, bis zur nächsten Straßenecke. Ich komme herauf, benachrichtige Euch, nehme die Kasten, Ihr geht zu Fuß bis nach der Ecke, wo der Wagen steht, steigt ein, und vorwärts geht es. Nicht wahr, das wollt Ihr sagen, Signora?

Ja, das wollte ich sagen, Giuseppe. Eile Dich!

Macht Euch bereit, Signora, in einer Stunde ist Alles gethan, und erwartet Euch der Reisewagen.

Mit unhörbaren Schritten eilte Giuseppe von dannen, und Arabella war wieder allein. Das ist auch ein Juwel, welches ich besitze, sagte sie, Giuseppe nachblickend, und noch dazu eins, welches ich mir nicht – geliehen habe, sondern welches Mein ist durch heiligen Erbvertrag. Jetzt bin ich fertig und jetzt kann ich ausruhen, bis Giuseppe kommt.

Sie glitt mit einem tiefen Aufathmen der Befriedigung auf den Divan nieder, und lehnte sich zurück in die Polster, und schloß die Augen, um zu träumen. Eine tiefe Stille umgab sie. Plötzlich aber ward diese Stille durch rasch herannahende Schritte unterbrochen, die Thür flog auf, und der Lakay meldete: Der Herr Obrist-Lieutenant von Szekuly!

Wird nicht angenommen! rief die Gräfin rasch und ohne sich emporzurichten.

Wird angenommen, Frau Gräfin! sagte eine tiefe Stimme hinter ihr, und als sie rasch sich emporlehnte, sah sie da die hohe Gestalt des alten Obrist-Lieutenants der Garde, welcher, tief eingehüllt in seinen Militairmantel, den Federhut tief in die Augen gedrückt, neben dem Divan stand.

Ehe sie Zeit hatte, ein Wort zu sagen, befahl der Obrist dem Diener mit einer gebieterischen Handbewegung und einem hastigen Wort, hinauszugehen und die Thür zu schließen. Dieser gehorchte.

Ah, Sie trotzen viel auf Ihre Allgewalt und auf meine Nachsicht, rief Arabella halb lächelnd, halb zürnend. Weil Sie über mein Herz gebieten, dünken Sie sich auch der Gebieter meines Hauses und meiner Diener! Weil –

Still, unterbrach sie der Obrist rauh. Ich bin nicht gekommen, um auf's Neue Gift von Ihren Lippen einzuathmen. Es ist genug, ich habe schon so viel Gift geathmet, daß ich daran sterben werde, sterben oder verderben. Ich bin gekommen, um Ihnen auch jetzt noch, obwohl Sie mein böser Dämon sind, meine Liebe zu beweisen! Unterbrechen Sie mich nicht, hören Sie!

Ich höre, sagte Arabella, indem sie ihn mit einem so bezaubernden Lächeln anblickte, daß der Obrist die Augen niederschlug, um dieses Lächeln nicht zu sehen.

Sie wissen, sagte er leise, der erste Polizei-Director ist mein naher Verwandter und mein Freund. Ich hatte ihn auf heute Abend zu mir eingeladen, und er hatte die Einladung angenommen. Jetzt eben war er bei mir, um mir abzusagen, weil er diesen Abend dringende Dienstgeschäfte habe. Ahnen Sie, welche Dienstgeschäfte?

Wie sollte ich das ahnen? fragte sie, immer noch ihn anblickend mit ihrem zauberischen Lächeln. Ich habe gar keinen Zusammenhang mit der Polizei.

Gott gebe, daß es so bleibt, sagte er dumpf in sich hinein. Hören Sie, was den Polizei-Director verhindert hat, zu mir zu kommen. Er hat so eben den Grafen Carl Podstadzky verhaftet und in's Gefängniß geführt.

Er sah, wie er das sagte, die Gräfin mit starren, festen Blicken an. Sie lächelte noch immer, und ihr Antlitz blieb unverändert.

Ah, verhaftet! sagte sie. Und weshalb hat man den Grafen Podstadzky Liechtenstein verhaftet?

Weil er, hören Sie, Gräfin, weil er falsche Banknoten gemacht hat, Banknoten für mehr als eine Million Gulden an Werth.

Ich wußte, daß er das that, sagte Arabella ruhig. Er hat mich selber mehr als einmal beim Spiel mit seinen Tausend-Gulden-Banknoten betrogen.

Betrogen, Gräfin? Ist das der richtige Ausdruck? fragte der Obrist mit einem seltsamen Ton.

Ich denke, es ist der richtige, sagte sie ruhig. Und sind das alle Ihre polizeilichen Nachrichten, Herr von Szekuly?

Nein, Gräfin, nicht alle. Der Graf Podstadzky ist gefangen, aber –

Nun, aber?

Aber seine Mitschuldigen noch nicht!

Sie schreckte leicht zusammen und ihre Wimper zuckte ein wenig, aber sie faßte sich schnell wieder. Hat er Mitschuldige? fragte sie leicht.

Ja, er hat Mitschuldige, sagte der Obrist rasch und leise. Sie sind seine Mitschuldige. Still, Arabella, kein Leugnen jetzt, kein Ausweichen, die Zeit ist kostbar, jede Minute bringt Sie dem Verderben näher. Vielleicht kam der Polizei-Director zu mir, weil er wußte, daß ich Sie geliebt habe, und weil er Sie retten will. Hoffen wir das! Er sagte mir, daß er ferner den Befehl erhalten habe, die Gräfin Baillou, die Mitschuldige und Helfershelferin des Grafen Podstadzky, gefangen zu nehmen.

Wann? fragte sie, und nur die Blässe, welche auf einmal ihre Wangen bedeckte, verrieth ihre innere Aufregung. Wann?

Bei Anbruch der Nacht sollte Ihre Verhaftung stattfinden, sagte mir mein Freund. Erst wenn es ganz dunkel sei, damit alles Aufsehen vermieden werde.

Arabella warf einen raschen Blick nach den Fenstern hinüber. Es ist ganz dunkel! rief sie, und jetzt sprang sie mit einer wilden Bewegung empor.

Ja, es ist ganz dunkel, sagte der Ungar mit einem langen traurigen Blick. Aber ich hoffe, daß es noch Zeit ist. Hören Sie! Sobald mein Freund mich verlassen hatte, eilte ich fort, um Alles zu Ihrer Rettung zu besorgen. Jetzt bin ich fertig. Mein Wagen, mit Postpferden bespannt, harret Ihrer an der nächsten Straßenecke. Kommen Sie, ich führe Sie dahin, und rasch, wie die Pferde laufen können, verlassen Sie Wien. Der Postillon fährt Sie zwei Stationen weit die Richtung nach Westen. Sie mögen sagen, wohin die Reise geht. Nur fort, fort!

Ja, fort! rief Arabella. Ich kehre gleich zurück.

Sie flog nach ihrem Toilettenzimmer und zu den beiden Kasten hin, die ihre Schätze enthielten. Beide wollte sie sie in ihre Arme nehmen, aber sie vermochte es nicht.

Ich muß das Geld hier lassen, es ist zu schwer für mich, flüsterte sie, und raffte mit ihren beiden Händen den Kasten empor, und trug ihn zu dem geheimen Wandschrank hin. Hastig schob sie ihn hinein und drückte die Thür zu und hing das Bild wieder auf.

Niemand wird es da entdecken, flüsterte sie. Wenn ich frei bleibe, wird Giuseppe es mir holen.

Kommen Sie! rief Szekuly aus dem andern Zimmer.

Ich komme, sagte sie, indem sie Hut und Mantel überwarf, und, den Kasten mit den Juwelen unter ihren Arm nehmend, schnell vorwärts stürzte.

Geben Sie mir die Last, welche Sie da tragen, damit wir rascher vorwärts kommen, sagte er, die Hand nach dem Kasten ausstreckend.

Sie hielt ihn nur noch fester, und blickte den Obrist mit einem scheuen Blick an. Nein, sagte sie, ich trag' ihn selber. Es sind meine Juwelen, mein einziges Besitzthum.

Ah, und Sie fürchten, ich könnte Ihnen dieselben rauben und Sie um Ihr Eigenthum betrügen? fragte er mit einem bittern Lächeln. Nein, Arabella, es ist nur mein Schicksal, betrogen zu werden. Aber daß dies Schicksal von Ihnen kommen mußte, daran sterbe ich!

Es stirbt sich nicht so leicht, sagte sie mit keuchendem Athem, denn während sie zu einander sprachen, waren sie in wilder Hast die Treppe hinunter geflogen, über den Flur und zur Hausthür hin.

Der Portier öffnete ihnen mit verwunderten Blicken die Thür. Nun waren sie auf der Straße, einen Schritt näher zur Freiheit. Jetzt hinüber über die Straße, hinüber!

Aber halt, da auf einmal diese finstern Gestalten, die von den Mauern der Häuser sich abzulösen scheinen, die mit wilden Sätzen heranspringen, wer sind sie? Was wollen sie? Wie dürfen sie es wagen, mit ihren rauhen Händen die zarten Arme der hochgebornen Gräfin zu fassen, sie mit rauher Gewalt zurückzuziehen nach ihrem Hôtel.

Zu spät! Ach, zu spät! murmelte der Obrist, sich ganz ohne Widerstand der Führung Derer überlassend, die auch ihn gepackt hatten.

Jetzt schritten sie wieder über die Schwelle des Hôtels der Gräfin, jetzt beleuchtete der brennende Kronleuchter des Flurs ihr bleiches Angesicht, ihre glühenden, zornigen Augen, ihre zuckenden Lippen.

Frau Gräfin Arabella Baillou, sagte jetzt eine dieser dunkeln Gestalten, welche die Beiden hierher geführt, im Namen des Kaisers, ich verhafte Sie!

Sie schaute ihn an mit einem finstern, trotzigen Blick. Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht!

Er nahm seinen Hut ab und verneigte sich mit einem spöttischen Lächeln. Ich bin der Polizei-Director von Fuchs, Gräfin, und hier ist meine Ordre, Sie zu verhaften, vom Kaiser selbst geschrieben.

Er wollte ihr das Papier hinreichen, sie stieß es unwillig zurück, und ihr Auge suchte mit zornigen Blitzen den Obrist Szekuly, der bleich und wie zerbrochen an dem Pfeiler der Hausthür lehnte.

Das ist Ihr Vetter und Ihr Freund, nicht wahr? fragte sie mit scharfer, schneidender Stimme. Sie haben dem Polizei-Director als Spürhund gedient, welcher das Edelwild auftreibt und es in die aufgestellten Netze jagt? Sie sind gekommen, um mich mit List zu bereden, daß ich entfliehe, damit ich den Anschein der Schuld auf mich häufte?

Der Obrist stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, der unheimlich widerhallte in dem weiten Raum des Flurs. Ich wollte Sie retten, bei Allem, was mir heilig ist! rief er verzweiflungsvoll.

Und dafür muß ich Sie jetzt auch gefangen nehmen, mein armer, großmüthiger Freund, sagte der Polizei-Director traurig. Aber es wird nur auf kurze Zeit sein, Sie werden schnell beweisen können, daß Sie nicht der Mitschuldige dieser Dame, sondern nur der von ihr Betrogene sind. Lassen Sie sich von zweien meiner Leute nach Hause führen. Sie haben Hausarrest bis auf Weiteres. Und Sie, Madame, kommen Sie, der Wagen erwartet Sie ja!

Erlauben Sie mir noch zuvor, Ihrem Freund ein paar Worte des Abschieds zu sagen? fragte die Gräfin.

Thun Sie das immerhin, aber eilen Sie sich.

Arabella nickte dankend mit dem Kopf und schritt zu dem Obristen hin, der immer noch an der Thür lehnte, und mit bleichen, verzweiflungsvollen Mienen sie anstarrte.

Herr Obrist Szekuly, sagte sie leise flüsternd, Sie haben mir auf meine Documente funfzigtausend Gulden geliehen. Diese Documente sind falsch. Ich habe sie nachgemacht, so gut wie meine Empfehlungsbriefe und alle meine Papiere.

Obrist Szekuly starrte sie einen Moment an mit entsetzlichen Blicken, dann faßte er hastig nach seinem Herzen, und sank mit einem leisen Aechzen wie eine gefällte Eiche zu Boden nieder.

Gräfin Baillou lachte laut auf. Er ist ohnmächtig geworden! sagte sie zu den herantretenden Polizei-Beamten. Verächtliche Welt, wo die Männer ohnmächtig werden, und nur die Frauen allein noch Muth haben! Kommen Sie, mein Herr Polizei-Director, ich bin nun bereit Ihnen zu folgen. Aber Sie werden bald erkennen müssen, daß ich unschuldig bin, und der Kaiser selber wird mich um Verzeihung bitten müssen!


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