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Der Controlorgang, dieser breite Corridor, welcher sich unmittelbar vor dem Cabinet des Kaisers befand, und in welchem sich alle diejenigen aufstellen durften, welche dem Kaiser eine Bittschrift zu übergeben, oder ihn persönlich zu sprechen wünschten, war heute ganz angefüllt von Menschen. Leute jedes Alters, jedes Standes, die vornehmsten Damen der hohen Gesellschaft, die obersten Staatsbeamten standen da neben den armen Tagesarbeitern, den hülfsbedürftigen Wittwen und Waisen und harrten sehnsuchtsvoll des Moments, wo der Kaiser die Thür öffnen und zu ihnen hinaustreten würde, und Joseph that dies von neun Uhr Morgens bis zur Mittagszeit jede Stunde. Unermüdlich in dem Eifer, seinem Volk zu dienen, war er jede Stunde bereit, die Klagen der Unglücklichen, die Bitten der Bedürftigen anzuhören und ihnen Abhülfe zu schaffen, so weit er es vermochte, oder ihnen wenigstens den Trost seiner Theilnahme darzubringen.
Viele Leute, wie gesagt, waren heute im Controlorgang versammelt, mit sorgenvollen Mienen und trüben Blicken schauten sie Alle hinüber nach jener Thür dort, durch welche der Kaiser zu ihnen eintreten mußte. Auf einmal entstand eine Bewegung unter ihnen, suchte jeder sich mit geschickten Wendungen vorwärts zu drängen, nahmen Aller Mienen einen feierlichen Ausdruck an.
Die Ohren derer, die auf Audienzen warten, oder Bitten vorzutragen haben, sind scharf, und sie Alle hatten daher Schritte gehört, welche sich der verhängnißvollen Thür näherten.
Die Thür öffnete sich jetzt und der, Kaiser trat heraus.
Sofort streckten sich die Hände aller derer, welche eine Bittschrift zu überreichen hatten, mit dem weißen Blatt vorwärts. Der Kaiser grüßte mit freundlichen Mienen nach allen Seiten hin, und machte die Runde durch das Gemach, um alle die dargereichten Bittschriften in Empfang zu nehmen, und hier und dort mit den Bittstellern ein freundliches Wort zu sprechen.
Der letzte, welcher ihm jetzt ein Papier darreichen wollte, war ein Greis in der Tracht der ungarischen Bauern. Das weiße Haar quoll ihm in langen Locken unter dem breitgeränderten braunen Hut hervor, der kurze braune, mit kleinen Muscheln und Silberflittern gestickte Mantel bedeckte die breiten Schultern der riesigen Gestalt, welche selbst das Alter und die Sorgen noch nicht zu beugen vermocht. Das kräftige, sonnenverbrannte Antlitz zeigte noch nichts von dieser Runenschrift der Runzeln, mit der die Jahre sich auf der Stirn des Menschen zu verzeichnen pflegen, und wäre das silberweiße Haar nicht gewesen, würde man geglaubt haben, einen vollkräftigen, starken Mann in der Blüthe seiner Jahre vor sich zu haben.
Der Kaiser betrachtete ihn mit Wohlgefallen, und redete ihm freundlich zu, als er ihm das offene Papier darreichte.
Woher kommst Du, Alter? fragte er.
Komm aus dem Banat, Herr Kaiser, sagte der Bauer mit einem Lächeln, welches zwischen seinen braunen Lippen zwei Reihen perlenweißer Zähne hervorleuchten ließ. Bin acht Tage gewandert, hab' Nachts auf offenem Felde geschlafen, kein anderes Kopfkissen gehabt, als meinen Arm; des Morgens keinen andern Frühtrunk, als das Wasser des Quells.
Und hattest Du denn so Nothwendiges hier in Wien auszurichten? fragte der Kaiser.
Ich hatte dem Herrn Kaiser diese Bittschrift da zu überreichen.
Blos deshalb hast Du die beschwerliche Reise unternommen?
Ja, blos deshalb, Herr! Hab' es den Bauern in unserm Kirchsprengel versprochen, und feierlich zugeschworen, daß ich die Bittschrift in des Herrn Kaisers eigene Hände niederlegen wollt'. Es stehen die Namen aller Bauersmänner aus unserm Kirchsprengel darunter, aber ich sag's Euch, Herr Kaiser, hätten wir Zeit gehabt, das Blatt Papier im ganzen Ungarland umherzuschicken, so würd' jeder Bauer seinen Namen darunter gesetzt haben. Es ist ein Nothschrei vom ganzen Ungarvolk, den ich Euch in diesem Papier da bringe, Herr Kaiser, und zu Hause in unsern Hütten beten jetzt alle unsere Frauen und Kinder, daß der allmächtige Herr und Gott unsers Kaisers Ohr unserm Nothschrei öffne, damit er, welcher sogar der Juden sich erbarmte, auch den armen ungarischen Bauer und Leibeigenen erlösen möge! Wir haben's daheim schon so ausgerechnet, daß ich jetzt zu dieser Stund' vor dem Kaiser stehen und die Bittschrift überreichen würde, und deshalb beten sie just zu dieser Stund' auch in allen Kirchen des Banats!
Es ist also für Euch Alle eine gar wichtige Sache, von der Ihr in Eurer Bittschrift redet? fragte Joseph.
Herr Kaiser, es ist die wichtigste Sach' unsers Lebens, denn es handelt sich darum, ob wir immer noch Knechte und Leibeigene bleiben, oder ob wir Menschen werden sollen! Und da ich nun doch hier bin, und vor dem Kaiser steh', und da sie doch zu Hause jetzt noch beten, so will ich denken, daß Gott diese Stunde segnet, und will Euch noch etwas bitten, Herr Kaiser.
Bittet, mein guter Freund, wenn ich's vermag, werde ich's erfüllen.
Sie haben uns daheim gesagt, daß der Kaiser wohl alle Tag' im Controlorgang alle Bittschriften annimmt und verspricht, sie zu lesen, daß er das aber nicht thun könne, weil er sonst nichts weiter würd' thun können, als Bittschriften lesen. Die ersten vier, fünf Bittschriften läse der Herr Kaiser also wohl selbst, die andern aber gäb' er seinen Schreibern, daß die sie läsen und darauf antworten, als ob's der Kaiser selber thät. Nun aber hab' ich, den die Bauern ausgewählt, Euch die Bittschrift herzutragen, nun hab' ich versprochen, den Herrn Kaiser so lange anzuflehen, bis er die Bittschrift gleich in meiner Gegenwart liest, und also, damit ich weiß, daß Ihr das thut, wollt' ich den Herrn Kaiser bitten, daß er sie laut lesen möge, damit ich höre, was Ihr leset, und ob Ihr das auch zu lesen versteht, was wir geschrieben haben.
Der Kaiser lächelte traurig. Man hat mich also auch dort in Ungarn schon verleumdet? fragte er. Man hat Euch gesagt, daß ich die Bittschriften nicht lese, und also kein Herz und keine Augen habe für die Noth meines Volkes? Ich sag' Dir, mein Freund, und Du kannst es daheim überall mir nachsagen: Der Kaiser liest jede Bittschrift selbst, und wenn's ihm freilich auch viel Zeit kostet, so weiß er doch, daß Gott die Zeit segnet, die er seinem Volk weiht, und darum, wenn die Tage nicht ausreichen, nimmt der Kaiser die Nächte zu Hülfe, um zu arbeiten für sein Volk. Denn der Kaiser liebt sein Volk, er möcht' sein Herzblut hingeben, um sein Volk glücklich zu machen! Sag' das meinen Ungarn, und sag' ihnen, sie sollen getrost mir Alles schreiben, was sie plagt und bedrückt. Ich werd's immer selbst lesen, und wenn ich kann, werde ich ihnen helfen!
Ich werde den Ungarn Eure Worte wiederholen, Herr Kaiser, und ich werde ihnen sagen, daß ich in Eurem Antlitz gelesen, daß es Euch Ernst gewesen mit Euren Worten. Zur mehreren Sicherheit aber möcht' ich den Herrn Kaiser ersuchen, mir doch lieber die Bittschrift laut vorzulesen.
Und zur mehreren Sicherheit will ich es thun, rief der Kaiser lächelnd. Kann ich sie Euch hier vor den Leuten vorlesen, oder wollt Ihr mit mir in mein Cabinet gehen?
Es kann hier geschehen, Herr Kaiser. Die Noth des ungarischen Bauern schreit zum Himmel empor und soll kein Geheimniß sein vor den Menschen!
Der Kaiser nickte dem Bauer freundlich zu, und die Bittschrift auseinander schlagend, las er: »Barmherzigster Kaiser! Vier Tage Frohndienst, den fünften Tag auf die Fischerei, den sechsten Tag mit der Herrschaft auf die Jagd; der siebente gehört Gott. Erwäge, barmherzigster Kaiser, ob wir Steuern und Abgaben zahlen können.« Hübner I. S. 100.
Ja, ja, murmelte der Bauer vor sich hin, er hat's richtig gelesen, und jetzt kann er nicht mehr sagen, daß er unsere Noth nicht kennt, und nicht weiß, wie's uns ergeht, und was wir leiden!
Ich will das auch nicht sagen, mein Freund, sagte der Kaiser tiefbewegt. Die ganze Leidensgeschichte des ungarischen Bauern steht in den zwei Zeilen aufgezeichnet, die Ihr mir da geschrieben. Ich kenne Eure Leidensgeschichte. Ich weiß, daß Ihr geknechtet werdet von Euren Tyrannen, die Euch mit Peitschenhieben zur Arbeit treiben, wenn Ihr zusammensinkt. Ich weiß, daß man Euch wie Lastthiere behandelt, die nur dazu da sind, ihren Herrn Brod zu verdienen. Ich weiß, daß Ihr kein Eigenthum habt, daß Ihr Euer Gut, welches Ihr Euch erworben im Schweiß Eures Angesichts, nicht auf Eure Kinder vererben könnt, sondern daß es immer zurückfällt an Euren Gutsherrn. Ich weiß, daß bei Euch die Gerechtigkeit eine feile käufliche Dirne ist, und daß es da viele Beamte giebt, welche die Einkünfte der Monarchie, den Schweiß und das Blut der Armen, wie die Vampyre verschlingen. Ich weiß auch, daß der Ackerbau darnieder liegt, weil man Euch tausend Hindernisse in den Weg legt, und daß Ihr vor lauter Herrendienst nicht dazu kommen könnt, Gott zu dienen und das Land zu bauen, das Gott gesegnet hat mit Fruchtbarkeit und Ueppigkeit. Ich weiß das Alles, und ich schwöre Euch bei dem Gott, zu welchem in dieser Stunde daheim Eure Weiber und Kinder beten, ich schwöre, daß ich Eurer Noth Abhülfe und Linderung bringen will! Ich schwöre, daß ich den Bösen ein Racheengel, den Guten ein Helfer und Erlöser sein will! Glaubt nur, hofft nur auf Euren Kaiser. Er will und wird Euch erlösen von der Willkühr Eurer Tyrannen, er wird die Ketten der Leibeigenschaft von Euch nehmen, und den armen ungarischen Bauer frei machen!
Frei! rief der Ungar mit einem so lauten Jubelruf, daß er widerhallte an den Wänden, die vielleicht noch niemals ein solches Wort vernommen. Frei! Ihr wollt den ungarischen Bauer frei machen? wiederholte er, den Kaiser mit glühenden Augen anstierend.
Ich will den ungarischen Bauer frei machen, so wahr mir Gott helfe! rief der Kaiser feierlich. Die Leibeigenschaft soll aufhören, und eine neue Frohnverordnung soll Euch vor den alten Bedrückungen schützen. Eine neue Steuertabelle soll ausgearbeitet werden, und Euren Vorgesetzten und Herren soll es nicht mehr erlaubt sein, Euch nach ihrem Belieben und Bedürfniß Steuern aufzuerlegen. Recht und Gerechtigkeit soll für Euch so gut da sein, wie für Eure Herren, denen ich nicht gestatten will, Eure Tyrannen zu sein. Wo irgend Einer Euch bedrückt, da kommt getrost zu mir und klagt es mir, ich werde Euch schützen und werde Eure Bedrücker strafen nach der Schwere des Gesetzes, welches nicht für Einzelne, sondern für Alle da ist, und vor welchem Alle gleich sind.
Der Bauer hatte dem Kaiser mit leuchtenden Augen, mit angehaltenem Athem zugehört, jetzt, als der Kaiser schwieg, stürzte er auf seine Kniee nieder, und ein Strom von Thränen entrollte seinen Augen.
Herr Kaiser, rief er, ich habe noch niemals vor Freuden geweint; jetzt thu' ich's! Ich habe noch niemals vor einem Menschen meine Kniee gebeugt, auch dann nicht, als mein Gutsherr mich peitschen ließ, weil ich's nicht thun wollte, jetzt thu' ich's freiwillig und mit Freuden. Ich kniee vor Euch, Herr Kaiser, um Euch zu danken im Namen aller ungarischen Bauern, die Ihr frei machen, denen Ihr ihre Menschenrechte und ihre Menschenwürde wieder geben, und die Ihr erlösen wollt von dem Druck ihrer Tyrannen! Oh, oh, wie werden sie erzittern in ihren stolzen Schlössern, wie werden sie aufschreien vor Wuth, unsere hochmüthigen Tyrannen, wenn sie das Wort vernehmen, das unser Kaiser gesprochen hat! »Die Leibeigenschaft soll aufhören, der Bauer soll frei sein, und Recht und Gerechtigkeit soll für Euch so gut da sein, wie für Eure Herren!« – Gott segne, und behüte und beschütze den Kaiser für dieses große Wort, mit dem er den armen ungarischen Leibeigenen zu einem freien Menschen gemacht, und den Edelmann gebeugt hat unter das Gesetz, welches von nun an für Alle da sein soll, auch für den Edelmann!
Er neigte sich und küßte die Füße des Kaisers; dann sprang er mit jugendlicher Hast empor.
Lebt wohl, Herr Kaiser, sagte er, Joseph lebhaft zunickend, lebt wohl! Es ist die höchste Zeit, daß ich gehe!
Aber unmöglich willst Du jetzt gleich wieder umkehren und nach Hause wandern, sagte Joseph. Bist ja erst heute angekommen, wie Du sagst. Bleib' also auf meine Kosten hier, ruh' Dich aus und beschau' Dir unser Wien.
Nein, Herr Kaiser, ich muß sogleich fort; keine Stunde läßt mich's hier ruhen, denn ich weiß, daß Die zu Haus mich erwarten mit Sehnsucht und Angst. Ruhe bedarf ich nicht, und was könnt' ich hier zu Wien wohl beschauen, das schöner und prächtiger wär', als die weißen Schneeberg' und die grünen und schwarzen Seen daheim im schönen Ungarland? Nein, nein, ich muß fort, denn ich hab' acht Tage zu wandern, ehe ich daheim bin im Banat, um meinen Brüdern die Freudenbotschaft zu bringen, daß der Bauer frei sein soll!
Nun so nimm wenigstens dies Geld hier, sagte Joseph, ihm einige Goldstücke darreichend, miethe Dir dafür ein Fuhrwerk, damit Du rascher heim kommst.
Nicht doch, sagte der Bauer, das Gold mit einer stolzen Handbewegung zurückweisend. Ich kann in dieser heiligen Stund' kein Geld von Euch annehmen, Herr Kaiser, kann mir meine Müh' nicht bezahlen lassen, und muß heimkehren zu Fuß, wie ich gekommen bin, denn also hab' ich gelobt es zu thun. Es war eine Pilgerfahrt, Herr Kaiser. Die guten, gläubigen Christen pilgern nach Rom zum heiligen Vater, die guten, gläubigen Unterthanen pilgern nach Wien zu ihrem Kaiser, der auch ihr Vater ist, und den die ungarischen Bauern von heut' an lieben werden als dankbare und glückliche Kinder. Genug des Plauderns jetzt! Lebt wohl, Herr Kaiser!
Er nickte dem Kaiser noch einmal zu, und wandte sich dann, auf seinen Wanderstab gestützt, der Thür zu. Der Kaiser legte sanft die Hand auf seine Schulter. Ich seh' wohl, daß ich nicht die Macht habe, Dich hier aufzuhalten, sagte er lächelnd, und ich will's also nicht versuchen. Aber bevor Du gehst, sag' mir Deinen Namen, damit ich doch einen meiner guten Freunde in Ungarn benennen kann.
Der Bauer wandte sich halb zu ihm um. Meinen Namen wollt Ihr wissen, Herr Kaiser? fragte er. Ich heiße Horja!
Horja! Gut! Ich werde diesen Namen nicht vergessen, sagte der Kaiser freundlich.
Sollt ihn auch nicht vergessen, den Namen Horja, sagte der Bauer ernst. Es ist der Name eines Mannes, der Euch Dankbarkeit schuldig ist, und Euch beweisen wird, daß er Eure edlen und schönen Worte begriffen hat. Lebt wohl, Herr Kaiser, Ihr sollt eines Tages von Horja hören!
Leb' wohl, Horja, und laß mich Gutes von Dir hören! rief der Kaiser, der hohen herkulischen Gestalt nachblickend, die raschen Schrittes sich der Thür zuwandte.