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Der Hofrath von Schrötter, noch ganz entzückt über den kaiserlichen Befehl, der ihn zu der Ehre einer Audienz beschied, trat in das Kabinet der Kaiserin. Sein Herz klopfte hoch in freudiger Erwartung, alle seine Pulse schlugen, und das Blut kreiste mit hastiger Ungeduld durch seine Adern.
Die Stunde der Anerkennung und der Belohnung war endlich erschienen. Er hatte so lange sie erhofft, so lange ihr entgegen geseufzt. Sein ganzes Leben war Arbeit, Studium und Resignation gewesen; unter dem Actenstaub und hinter dem grünen Tisch der Kanzlei war seine Jugend verblüht; jetzt war er ein Mann von mehr als vierzig Jahren, und war doch niemals ein Jüngling gewesen, und hatte niemals in seinem Herzen einen andern Wunsch gehegt, als den Ehrgeiz, sich einen Namen zu machen, mit Ehre und Anerkennung in der Reihe der Gelehrten eine Stelle einzunehmen, und eine Autorität zu werden in der juristischen Welt.
Und schon sah er sich dem Ziel so vieler Nachtwachen, so vieler unter Actenstaub, in düstern Archiven durchlebten Tage näher geführt, schon nannten die Juristen seines Vaterlandes ihn einen großen Mann, schon begann man in Deutschland den Namen des Schriftstellers zu nennen, der auf eine so geschickte Weise die Rechte Oesterreichs auf die baierische Erbschaft dargelegt. Es hatte nur noch an der Anerkennung des Kaiserhofes gefehlt, um seinen Namen mit dem hellen Sonnenglanz des Ruhms zu verklären, und ihm endlich den herrlichsten Lohn zu geben für seine treuen Dienste, für so viel Arbeit, Entsagung und vernichtete Jugendblüthen eines im strengen Dienst der Bureaukratie zerriebenen Herzens.
Und jetzt, dachte er, sollte ihm dieser herrliche Lohn werden, jetzt sollte er aus den Händen seiner Kaiserin den Lohn seiner Arbeit empfangen, von ihren Lippen das Lob seines Namens hören!
Dieser Gedanke war so überwältigend, daß der starke Mann davon seine hohe Gestalt zittern fühlte, und ein gewisses schlotterndes Beben seiner Kniee empfand, wie er es niemals zuvor gehabt, selbst damals nicht, als er vor den Herren Examinatoren stand, seine Examina machte und zum Doctor juris promovirte! Matt und bleich, und doch unendlicher Freude voll, lehnte daher der Hofrath von Schrötter jetzt an der Thür des Kabinets der Kaiserin, und erwartete hochklopfenden Herzens die Erlaubniß der Kaiserin, sich ihr zu nähern.
Aber Maria Theresia öffnete ihre stolzen Lippen noch immer nicht zu dieser Erlaubniß. Sie saß unbeweglich auf ihrem Lehnstuhl und schoß zornvolle Blicke auf den gelehrten Herrn von Schrötter. Schwerer und immer schwerer zogen sich die Wolken auf ihrer Stirn zusammen, und endlich waren diese Wolken herangereift zu einem Ungewitter, das bereit war, sich mit Donner und Blitz über dem Haupt des unglücklichen gelehrten Juristen zu entladen.
Die Kaiserin ergriff die Broschüre, welche neben ihr auf dem Tisch lag, als sei sie ein Schwert, mit dem sie einem verhaßten Feind entgegen treten wollte, und sich langsam von ihrem Sitz erhebend, schritt sie durch das Gemach gerade auf den Herrn von Schrötter hin.
Hat Er das geschrieben? fragte die Kaiserin, indem sie ihm die Broschüre darreichte.
Ja, sagte Herr von Schrötter freudig, ich habe das geschrieben.
Lese Er einmal laut den Titel, befahl die Kaiserin.
Herr von Schrötter las: »Ihro Kaiserlich Königlich Apostolischen Majestät Gerechtsame und Maßregeln in Absicht auf die baierische Erbfolge.« –
Und Seine erste Schrift, wie heißt die?
Sie führte den Titel: »Unparteiische Gedanken über verschiedene Fragen bei Gelegenheit der Succession Maximilian Josephs.«
Er bekennt sich also zu beiden Schriften?
Ich bekenne mich freudig dazu, Ew. Majestät.
Demzufolge ist Er also der Mann, welcher die Mitschuld trägt an diesem unseligen Streit, der jetzt wieder einmal Deutschland durchrast? fragte die Kaiserin mit flammenden Blicken. Er ist es, der sich unterstanden hat, Seine Feder zu einem Schwert zu machen, welches die Bande des Friedens zerhaut und das Blut tausender bis dahin friedliebender und glücklicher Menschen kostet? Was hat Er, frage ich Ihn, zu schaffen gehabt mit dieser Sach'? Unparteiisch nennt Er Seine Gedanken? Und hat doch Seine Nas' nur in meine Archive gesteckt, um da etwas hervorzusuchen, was Seinem Zweck dienlich war, und es ist Ihm richtig gelungen, da einige verstaubte Actenstücke zu finden, aus denen Er der Welt meint beweisen zu können, daß Oesterreich ein Recht hat auf Baiern. Und da hat Er's austrompetet in alle Welt, und hat Wunder gemeint, was für ein Heldenstück Er ausübt, und wie schön Er meine Sach' geführt hat.
Auch hatten Ew. Majestät mich selber durch den Herrn Fürsten von Kaunitz Ihrer Zufriedenheit versichern lassen, sagte Herr von Schrötter schüchtern, und des Kaisers Josephs Wunsch war es, daß ich eine zweite Schrift in dieser Sach' erließ.
Ich dank's Ihm nimmer, daß Er den Wunsch des Kaisers erfüllt hat, rief die Kaiserin heftig, denn Seine Tinte hat sich in Blut verwandelt, und was Er in behaglicher Ruhe in seiner Studirstube ausgeheckt, das treibt jetzt meine armen Soldaten hinaus in Sturm und Kälte, es kostet ihren Müttern und Vätern Kummer und Sorge. Was hat Er, frag' ich Ihn, sich zu scheeren um all' diese Dinge? Was kümmert Ihn der Churfürst von Baiern und seine Erbschaft? Hat wohl gemeint, ich würd' aus Dankbarkeit für Ihn von der baierischen Erbschaft ein klein Stückel abfallen lassen, und Seine Schriften da würden Ihm zum Mindesten ein Landgut abwerfen?
Nein, Majestät, das hab' ich nicht gemeint, rief Herr von Schrötter erglühend, ich bin nur der Ansicht gewesen, daß es meine heilige Pflicht als Jurist und als Staatsdiener wäre, den Beweis zu führen, daß Oesterreich mit seiner Forderung an Baiern in seinem Recht sei!
Und in Seinem Hochmuth bildet Er sich ein, daß Ihm das auch gelungen ist? fragte die Kaiserin hohnlächelnd. Denkt wohl, die Welt kümmert sich um Sein Geschreibsel und wird Raison annehmen von dem Hahn, der da auf seinem Strohhaufen steht und kräht, und sich einbildet, ein Adler zu sein und in die Sonne zu fliegen, blos weil er eine Feder hinterm Ohr hat? Beweisen wollt' Er der Welt, daß Oesterreich im Recht sei mit seiner Forderung? Was geht es Ihn an? Was hat Er zu schaffen mit Oesterreich?
Es war meine Pflicht als Schriftsteller und Publicist, die Sache meines Vaterlandes zu führen, rief Herr von Schrötter bebend und erglühend vor Aufregung und Zorn.
Ja, ja, kenne diesen Hochmuth der Herren Schriftsteller, sagte die Kaiserin verächtlich. Bilden sich ein, daß sie der Riese Atlas sind, der das Vaterland auf seinen Schultern trägt, und daß Alles über den Haufen fallen muß, wenn sie ihren Kopf fortziehen. Muß Ihm aber sagen, daß ich nicht so gar viel von den aufgeblasenen Herren Scribenten halte, und daß mich bedünken will, die Welt wäre viel glücklicher und die Regierungen hätten ein viel bequemeres Leben, wenn es gar keine Schriftsteller auf der Welt gäbe. Und müßt Ihr denn einmal durchaus schreiben und kommt's über Euch wie die Krankheiten, welche die Kinder durchmachen müssen, um gesund zu werden, nun meinetwegen, so singt den Mond an und die Sonne, erfindet Euch Romane, und macht Theaterstücke zum Amüsement der Leute, aber laßt Eure Händ' fort von dem, was Euch nichts angeht, und scheert Euch nicht um die Regierungen, von deren Thun und Treiben Ihr gar nichts versteht, und die ganz und gar nichts darnach fragen, daß Eure neugierigen Augen und Eure superklugen Zungen da sind. Er hat's für Seine Pflicht gehalten, als Schriftsteller die Sach' Seines Vaterlandes zu führen? Das Vaterland wird wohl nit nöthig haben, mit seiner Sach' auf die Feder eines Schriftstellers zu warten, und wenn seine Sach' schlimm ist, wird Seine Tinte und Sein Gänsekiel daran nichts bessern können. Da hat er geschrieen in die Welt hinaus, und auf Seinem Actenbündel und Seinen Documenten gegackert, daß Jedermann neugierig worden ist und Sein Geschreibsel gelesen hat. Und was ist der Erfolg davon gewesen? Daß hundert andere Schriftsteller in andern Landen auch gemeint haben, es sei ihre Pflicht, die Sach' in die Hand zu nehmen und Euch zu beweisen, daß Ihr Unrecht habt, und daß sie Recht haben. Und ein Federkrieg ist daraus geworden, daß man vermeinen sollt', der böse Geist sei unter die Gänse gefahren und habe ihnen die Federn ausgerupft, um sie Euch Schriftstellern hinter die Ohren zu stecken. – Und so habt Ihr Schriftsteller jetzt mit Eurem Geschreibsel die Köpfe verwirrt, daß Niemand mehr weiß, wer Recht und wer Unrecht hat, und daß, wenn Einer aufsteht und schreit: »Oesterreich hat Recht, der Herr von Schrötter hat's gesagt,« gleich zehn Andere da sind, die schreien: »Preußen hat Recht, der Herr von Herzberg hat's bewiesen!«
Aber dieser Kampf gerade ist nothwendig, um endlich aus den gährenden Elementen die Wahrheit siegreich hervorsteigen zu lassen, sagte Herr von Schrötter mit lauter, vor Aufregung zitternder Stimme. Und deshalb bereue ich es auch nicht, jene beiden Schriften verfaßt zu haben, und deshalb bin ich noch immer überzeugt, daß sie genützt haben!
So? Er ist immer noch davon überzeugt? rief die Kaiserin, indem sie, von der kühnen Entgegnung Schrötters auf das Aeußerste gebracht, mit zornblitzenden Augen und glühenden Wangen einen Schritt ihm näher trat, als wollte sie ihn durchbohren mit ihren Blicken und ihn mit ihrer drohend erhobenen Hand zerschmettern. Er meint immer noch, daß Seine Schriften genützt haben? Hör' Er denn, ich will Ihm sagen, was sie genützt haben! Sie haben dazu genützt, daß der Kaiser, welcher ein Gelüst' auf Baiern hatte, sich damit vermeint rechtfertigen zu können, wenn er den Krieg um diese Erbschaft anfinge; sie haben dazu genützt, daß alle Welt Gelegenheit gehabt hat, die Documente, auf die wir unsere Ansprüche gründen, genau kennen zu lernen und zu prüfen, um sich zu überzeugen, daß sich gar Mancherlei sagen ließ gegen unsere Ansprüche. Sie haben dazu genützt, daß das Unheil des Krieges über mein Land ausgebrochen ist, daß das Blut meines Volkes vergossen wird um eine zweifelhafte Sach'! Sie haben dazu genützt, daß meine Nächte schlaflos und meine Tage voll Kummer sind, und daß ich endlich jetzt in der Verzweiflung meines Herzens, um das Unglück und den Krieg abzuwenden und meinem Oesterreich den Frieden wiederzugeben, mich so weit gedemüthigt hab', den Beistand Rußlands anzurufen, und die stolze und übermüthige Czarin zu bitten, daß sie diese Angelegenheit in die Hand nehme und Schiedsrichterin sei in diesem Streit, der ganz Deutschland zerfleischt und in Aufruhr setzt. Daran ist Er schuld, Er mit Seiner Juristen-Klugheit und Seinem superklugen Schriftstellerwesen, Er hat dies Elend und diesen Jammer verschuldet, und Er auch wird Schuld sein an meinem baldigen Tode. Denn ich sag's Ihm, dieser unselige Krieg hat mein Herz gebrochen und ist der letzte Nagel worden zu meinem Sarg. Der Kaiserin eigene Worte. Wenn dann mein Volk weint und klagt, und ich hoff', es wird weinen und mich bedauern, dann zähl' Er die Thränen und freu' Er sich an dem Kummer, denn Er hat das verschuldet, Er hat mir mein Grab graben helfen, und ich werd' Ihm das gedenken, und aus der Stille meines Grabes hervor werde ich Ihn anklagen und meine zürnende Stimme soll Ihn verfolgen und Ihm keine Ruhe geben und keinen Frieden, denn –
Majestät, nicht weiter, ich beschwöre Sie, nicht weiter, rief Herr von Schrötter, indem er bleich, zitternd und angstvoll bis an die Thür zurückwich und mit weit aufgerissenen stieren Augen die drohende, hochaufgerichtete Gestalt betrachtete, welche mit ihren zornblitzenden Augen, mit ihrem glühenden Antlitz ihm als die zerschmetternde Göttin der Rache erschien.
Schonen Sie mich, ächzte er matt und zusammenbrechend, oder ich werde todt zu Ihren Füßen niederfallen.
Und das, meint Er wohl, würde ein rechtes Unglück für Oesterreich sein, sagte die Kaiserin verächtlich, und es würd' gar nicht mehr vorwärts gehen können, wenn der Schriftsteller Hofrath von Schrötter die Feder nicht mehr führt! Sterben wird Er nicht von dem, was ich Ihm gesagt hab', aber daran gedenken soll Er Sein Leben lang, und merken soll Er's sich, daß ich nit will, daß Er noch einmal in dieser Sach', die Ihn gar nichts angeht, Seine Stimme zu erheben wagt, und daß ich Ihm ernstlich befehl', Seine Feder ruhen zu lassen. Das wollt' ich Ihm blos sagen, und dazu hab' ich Ihn herrufen lassen! Jetzt kann Er gehen, ich habe Ihm nichts mehr zu sagen!
Aber ich habe Ew. Majestät noch Etwas zu sagen, rief Herr von Schrötter, ich muß mich vertheidigen!
Er muß sich vertheidigen? sagte die Kaiserin, indem sie mit einem Blick glühender Verachtung die ganze Gestalt Schrötters überflog. Vertheidige Er sich vor Gott, wenn Er es vermag, ich bin nicht gewillt, Seine Vertheidigung anzuhören!
Aber Ew. Majestät –
Still, unterbrach ihn Maria Theresia. Wer wagt es, noch zu reden, wenn die Kaiserin ihn entlassen hat? Es war an Ihm zu hören, aber nicht zu reden! Die Audienz ist zu Ende! Geh' Er heim, und ich rath' Ihm als gute Freundin, beherzige Er meine Worte wohl!
Sie nickte ihm kaum merklich mit dem Kopf einen Abschiedsgruß zu und that einige Schritte rückwärts. Aber als Herr von Schrötter auch jetzt noch nicht ging, als er es wagte, die Lippen zu öffnen, als er mit leiser, aber fester Stimme sagte: Ew. Majestät müssen mich hören, – da trat die Kaiserin heftig zu dem Tisch und schellte so laut, daß das Tönen der Glocke die Worte des Sprechenden überdeckte.
Der Herr Hofrath von Schrötter ist entlassen, sagte die Kaiserin zu dem eintretenden Kammerhusaren. Man öffne ihm die Thüren, daß er hinaus gehen kann.
Herr von Schrötter stieß einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus; einen langen, traurigen Blick auf die Kaiserin werfend, verneigte er sich tief und trat dann schwankenden Schrittes und todesbleich in den Vorsaal zurück.
Maria Theresia schaute ihm nach, bis die Thür sich hinter seiner hohen, gebeugten Gestalt geschlossen hatte, dann sagte sie aufathmend: Ah, das hat mir wohl gethan, und ich fühle mich leicht und frei, wie ich's seit langer Zeit nit gewesen bin. Und jetzt, da ich mir die Last des Zorns von meiner Seel' herunter gewälzt hab', jetzt werd' ich auch wieder inbrünstigen und demüthigen Herzens zu meinem Herrgott beten und ihn in Demuth und Unterwürfigkeit anflehen können, daß er mir seinen Segen geb', damit das wohl gedeih', was ich heute unternommen hab'. Ja, beten will ich, und sogleich! Eine Mess' will ich hören, meine ganze Seele sehnt sich darnach!
Sie schellte die Diener herbei, befahl ihren Hofstaat zusammenzurufen und den Hauscaplan zu benachrichtigen, daß die Kaiserin sofort eine Messe zu hören wünsche.
Eine Viertelstunde später begab sich Maria Theresia, gefolgt von ihren Damen, in den neben ihrem Wohnzimmer belegenen kleinen Vorsaal. Nichts war in demselben enthalten als einige Betpulte, und über dem großen Marienbilde da drüben brannte eine nie verlöschende Lampe. Maria Theresia ging feierlichen Schrittes zu dem ersten der Betpulte hin und ließ sich langsam auf demselben niedergleiten. Die Hofdamen knieten vor den andern Schemeln und hinter ihnen die minder hochgestellten Dienerinnen. Eine tiefe Stille trat ein, man hörte nichts als die leise gemurmelten Gebete der Kaiserin und ihrer Frauen. Auf einmal ließ sich ein Ton vernehmen gleich dem Ton des Glöckleins in der heiligen Messe, ein schrillendes Geräusch folgte, wie von unsichtbaren Geisterhänden fortgeschoben öffnete sich auf einmal der mittlere leer gelassene Raum des kleinen Saals und verschwand seitwärts unter dem getäfelten Fußboden, auf dem die Kaiserin mit ihren Damen knieete. Durch den weiten nun geöffneten Raum befand man sich plötzlich jetzt auf dem hohen Chor der neuen kaiserlichen Hauskapelle. Drunten vor dem Altar stand der Priester, hinter ihm die Chorknaben mit den Weihkesseln; leise ziehende, immer höher anschwellende Orgelklänge ließen sich vernehmen, aus den Weihkesseln stiegen blaue Wolken auf und kräuselten sich empor bis zu den Füßen der Kaiserin, die ganz Andacht und Frömmigkeit dem heiligen Dienst ihr Herz und ihren Sinn zugewandt hatte.
Während die Kaiserin also betete und ihrer Frömmigkeit Genüge that, kehrte Herr von Schrötter in seine Wohnung zurück, die er vorher mit so jauchzendem Herzen, so seligen Hoffnungen verlassen hatte. Nicht Einen Blick hatte er gehabt für seine alte treue Haushälterin, die ihm die Thür seines Hauses geöffnet hatte, und die er sonst immer mit einem freundlichen Wort zu begrüßen pflegte, mit einer zornigen Handbewegung hatte er den Diener zurückgewiesen, der ihm, da es die Stunde seines gewöhnlichen Mittagsmahls war, die Thür zu dem kleinen Eßsalon geöffnet hatte; ohne ein Wort zu sagen, war er an der geöffneten Thür vorüber die Treppe hinaufgegangen, langsam, schwankenden Schrittes, sich mühsam an dem Geländer haltend, als fürchte er rückwärts zu fallen, als sei ihm der Weg zu schwer, um ihn ohne Stütze zu gehen.
Drunten am Fuß der Treppe standen die alte Haushälterin und der langjährige Diener des Hofraths, und schauten starr vor Verwunderung ihrem Herrn nach, den sie niemals noch so bleich, so stumm, so schwach gesehen, und der ihnen jetzt nur wie der grausige Schatten dieses hohen, stolzen, thatkräftigen Mannes erschien, welcher vor kaum einer Stunde dieselbe Treppe so raschen, mächtigen Schrittes hinabgekommen war.
Auf einmal schreckten sie Beide zusammen und horchten. Es war ihnen gewesen, als ob sie da aus dem Studirzimmer ihres Herrn ein Gelächter gehört hatten, aber ein so lautes, wildes, fürchterliches Gelächter, wie nur ein Wahnsinniger es ausstoßen kann. Dann wieder ward Alles still; die alte Haushälterin und der Diener, von seltsamen Schauern ergriffen, standen immer noch und lauschten. Jetzt ließ sich ein lautes Geräusch vernehmen, es war, als ob man mit Ungestüm die Meubles hin- und herrückte, dann klang es schwer und dumpf, als ob ein schwerer Gegenstand zur Erde fiel
Das ist unser Herr! Es ist ihm ein Unglück geschehen! riefen Beide zugleich, und sie eilten die Treppe hinauf und stürzten in das Studirzimmer ihres geliebten Herrn.
Da, mitten in dem Zimmer, umgeben von Büchern und Acten, den einzigen treuen Gefährten und Freunden seines arbeitsvollen, studienreichen Lebens, da lag Herr von Schrötter am Boden, bleich, keuchend wie ein Sterbender, überfluthet von seinem eigenen dampfenden Blut, das in hellen Strömen aus seinem Munde floß.
Er hat einen Blutsturz gehabt, jammerte die alte Haushälterin. Hülfe, schnell, schnell, Hülfe!
Der Diener stürzte von dannen, um den Arzt zu rufen; aufgelöst in Thränen kniete die alte Haushälterin am Boden neben ihrem geliebten Herrn.
Er starrte sie an mit halberloschenen Augen, und um seine Lippen zuckte ein seltsames, geisterhaftes Lächeln.
Das ist Fürstendank! murmelte er so leise, daß seine Worte wie Seufzer verhallten. So lohnen es die Fürsten, wenn die Schriftsteller sich erinnern, daß sie ein Vaterland haben!
Was sagen Sie? fragte die alte Frau, die sich vergeblich bemüht hatte, seine Worte zu verstehen. Oh mein theurer, geliebter Herr! Sehen Sie mich nicht so starr an! Was ist es, das Sie beunruhigt?
Er machte eine Bewegung, als wollte er sich aufrichten, und hob den Kopf rasch empor. Das ist die Dankbarkeit Oesterreichs! sagte er mit lauter, schallender Stimme, das ist –
Sein Kopf sank kraftlos zurück und auf seinen Lippen zeigten sich wieder diese purpurrothen Tropfen, mit denen das Leben und der Geist aus dem gebrochenen Körper des schwer gedemüthigten Mannes zu entfliehen trachtete.
In diesem Moment trat der Arzt herein, gefolgt von dem athemlos keuchenden Diener. Leise hob man den Kranken empor und trug ihn auf sein Lager.
Der Doctor neigte sich zu ihm nieder und prüfte seinen Puls, und ein tiefer Schatten flog über sein Antlitz. Er winkte die Haushälterin und den Diener in eine Fensternische.
Es ist keine Hülfe mehr, sagte er leise. Irgend eine furchtbare Nervenerschütterung, eine ungeheure Aufregung hat ihn überwältigt, und dieser Zustand ist die Folge davon. Es ist ein Blutsturz, von dem er sich nicht wieder erholen wird. Er hat nur noch einige Stunden zu leben! –
Maria Theresia, die fromme Kaiserin, lag noch auf ihren Knieen und betete die frommen, christlichen Gebete voll Liebe und Demuth, und Friede, Ruhe und Ergebung war in ihrem Herzen und leuchtete von ihrem Angesicht. Die Messe war noch nicht beendigt, und kein Gedanke der edlen frommen Kaiserin richtete sich reuevoll auf das arme Opfer ihres kaiserlichen Zorns, auf den beklagenswerthen Mann, der, während Maria Theresia betete, seinen letzten Todesseufzer aushauchte. Diese ganze Scene ist historisch. Siehe: Hormayr, Oesterreichischer Plutarch, Bd. 6.