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In den Galagemächern der kaiserlichen Hofburg zu Wien bewegte sich eine glänzende, von Brillanten, Ordensbändern und Sternen funkelnde Gesellschaft auf und ab. Nicht allein der ganze hohe Adel Wiens, sondern die Aristokratie der ganzen österreichischen Monarchie war an diesem Abend in der Hofburg erschienen, um der Kaiserin Maria Theresia und dem erst kürzlich von seiner Reise heimgekehrten Kaiser Joseph ihre Huldigung darzubringen. – Es war der 1. Januar des Jahres 1778, und da der Neujahrstag der einzige Galatag war, den Kaiser Josephs neue Verordnungen dem Kaiserhofe gelassen hatten, so beeilte sich Jedermann, diesen Tag zu benutzen und sich im reichsten Costüm und allem Schmuck der Brillanten und Orden darzustellen.
Die Kaiserin Maria Theresia war wie immer in ihren dunklen Trauerkleidern geblieben, und die große Einfachheit ihres dunkelgrauen langschleppigen Gewandes, das durch keine Verzierung, keinen Schmuck gehoben ward, contrastirte seltsam zu den schimmernden Gewändern, den Blumenguirlanden, den funkelnden Brillanten der übrigen Damen. Aber dennoch, trotz ihrer Einfachheit und ihrer unscheinbaren Gewänder, erkannte man in dieser hohen, stolzen Gestalt, welche da umgeben von den kaiserlichen Prinzessinnen die Säle durchschritt, die Kaiserin, die gebietende Frau. Niemand außer ihr trug das Haupt so erhoben und aufrecht, keine andere Frau hatte einen so flammenden, gebieterischen Blick. Maria Theresia war noch immer die Kaiserin und Herrin, aber – sie war eine alte Frau geworden.
Das Alter hatte mit unerbittlichem Finger seine geheimnißvolle Runenschrift durch das einst so strahlende und schöne Antlitz der österreichischen Kaiserin gezogen, und die Sorgen und Mühen ihres sechszigjährigen Lebens waren auf ihrer hohen umwölkten Stirn verzeichnet. Und nicht blos das Alter und die Sorgen hatten das Antlitz der Kaiserin verändert, sondern ein schlimmer Unfall hatte die letzten Spuren einstiger Schönheit, welche Alter und Sorgen vielleicht noch geschont hatten, zerstört. Maria Theresia war, von dem Preßburger Schloß herabfahrend, umgeworfen und so ungestüm gegen einen Stein geschleudert worden, daß sie leblos und blutend neben demselben liegen blieb. Der harte Schlag hatte besonders ihr Antlitz getroffen, das aus mehr als einer, von dem spitzigen Gestein verursachten Wunde blutete, und diese verharrschten, gerötheten Wundennarben entstellten ihr Gesicht und nahmen selbst ihrem Lächeln den Zauber, den es bis dahin trotz ihres Alters immer noch besessen. – Außerdem hatte auch die schöne, hoheitsvolle Gestalt der Kaiserin sich verändert, die schlanke Taille, die ebenmäßige Fülle war untergegangen in der Ueberfülle des Fleisches, und nur langsam, schwerfällig und keuchend bewegte diese colossale, ungewöhnlich corpulente und fette Gestalt der Kaiserin sich jetzt durch die Säle, in welchen sie einst, umstrahlt von Jugend, Schönheit, Glück und Liebe, an der Seite eines angebeteten Gemahls leicht und anmuthig dahingeschwebt war.
Nur Eines war unverändert geblieben an der Kaiserin, das waren ihre Augen, diese großen, brennenden Augen, welche im raschen Wechsel bald aufleuchteten im Blitz der Heiterkeit und des Wohlwollens, bald sich verfinsterten zu flammenden Zornesblicken.
Aber heute war in diesen großen, kühnen Augen der Kaiserin weder Heiterkeit noch auch Zorn oder Unmuth zu lesen, sie blickten vielmehr trübe und gedankenvoll bald im Saal umher, oder hefteten sich zerstreut und theilnahmlos auf die Karten hin, welche die Kaiserin, die sich eben an den Spieltisch gesetzt hatte, in ihrer Hand hielt. Zuweilen schweiften ihre Augen mit einem raschen, forschenden Blick zu ihrem Sohne, dem Kaiser, hin, der neben ihrem Stuhl stand und sich lebhaft und angelegentlich mit einigen Cavalieren unterhielt. Das heitere, blühende Aussehen des Kaisers, seine unbefangene, sorglose Miene schienen alsdann Maria Theresia zu beruhigen, sie wandte sich jetzt mit mehr Aufmerksamkeit den Karten zu und folgte mit theilnahmsvoller Lebhaftigkeit dem Gang des Spiels, das sich eben zu ihren Ungunsten zu entscheiden schien.
In dem großen von Gold und Spiegeln funkelnden Saal war jetzt eine allgemeine Stille eingetreten, denn gleich der Kaiserin hatten auch die Prinzessinnen sich zum Kartenspiel niedergelassen, und zwischen den vier Spieltischen bewegte sich die übrige Gesellschaft nur langsam und vorsichtig umher, und stand in einzelnen Gruppen leise flüsternd da, um das Spiel der Kaiserin nicht zu stören.
Maria Theresia, wie gesagt, war jetzt ganz und gar mit ihren Karten beschäftigt, und in dem Eifer dieser Beschäftigung bemerkte sie gar nicht, daß sich soeben einer der Kammerherren dem Kaiser genähert und ihm leise einige Worte gesagt hatte. Diese Worte schienen aber auf den Kaiser einen tiefen Eindruck zu machen, denn er hatte sich sofort mit raschen Schritten entfernt und durch eine Seitenthür den Saal verlassen.
Niemanden indessen war dieses Fortgehen des Kaisers aufgefallen, denn Joseph, welcher niemals spielte, pflegte, sobald die Kaiserin allabendlich sich an den Spieltisch gesetzt hatte, sich in seine Gemächer zurückzuziehen, und Niemand zweifelte, daß er auch an dem heutigen Galatage dieser Gewohnheit gefolgt sei, welche ihn heute überdies von dem lästigen Zwange der Etikette befreite.
Auch die Kaiserin Maria Theresia, welche eben bei einem flüchtigen Umblicken die Entfernung des Kaisers bemerkt hatte, schien dieselbe ganz ordnungsmäßig zu finden, sie spielte ruhig weiter und wandte sich dabei mit scherzenden Worten über ihr unglückliches Spiel an den Oberhofmeister von Dietrichstein, der jetzt neben ihren Stuhl getreten war.
Aber in diesem Moment öffnete sich da drüben die Seitenthür, und der Kaiser trat wieder in den Saal ein. Sein Antlitz war bleich und erregt, seine Augen flammten, seine Lippen zuckten vor innerer Bewegung, und mit hastigen Schritten näherte er sich dem Spieltisch der Kaiserin.
Maria Theresia hatte ihn nicht bemerkt; sie hatte eben den Grafen Dietrichstein beauftragt, statt ihrer die Karten zu vertheilen, und lehnte sich, das Ende der Vertheilung erwartend, in ihren Fauteuil zurück. In diesem Augenblick stand der Kaiser hinter ihr, und sich zu seiner Mutter niederneigend, flüsterte er hastig einige Worte in ihr Ohr.
Maria Theresia zuckte zusammen, und die Karten, welche sie eben vom Spieltisch genommen, entsanken ihrer Hand. Mit ungewöhnlicher Leichtigkeit und Hast erhob sie sich von ihrem Lehnsessel, und ohne ihren Mitspielenden nur ein Wort der Entschuldigung und des Bedauerns zu gönnen, verließ sie den Spieltisch und schritt rasch, kaum sich lehnend auf den Arm des Kaisers, durch den Saal dahin nach jener kleinen Seitenthür, durch welche Joseph eingetreten war.
Dieses Fortgehen der Kaiserin war so schnell, so unerwartet geschehen, daß nur der kleinste Theil der Gesellschaft dasselbe bemerkt hatte; selbst die Erzherzoginnen, deren Tische umringt waren von Damen und Cavalieren, hatten nichts davon geahnt und spielten ruhig und gelassen weiter. Aber wie der Kaiser sich seiner Mutter genähert und ihr einige Worte zugeflüstert hatte, so näherte sich jetzt den Prinzessinnen der Oberhofmeister Graf Dietrichstein und flüsterte ihnen einige Worte zu. Sofort ließen die Prinzessinnen die Karten fallen, und sich von ihren Sitzen erhebend, verließen auch sie ohne Entschuldigung und ohne Gruß den Saal, um sich zurückzuziehen.
Staunend und verwundert schaute die zurückgebliebene Gesellschaft einander an, und leise flüsterte hier und dort Einer dem Andern in's Ohr: etwas Außerordentliches muß geschehen sein! Ein unerwartetes, folgenreiches Ereigniß muß eingetreten sein, sonst würde die Kaiserin nicht auf so ungewöhnliche Art sich entfernt haben!
Aber worin konnte dies Ereigniß bestehen? War es die Aussicht auf einen nahen Krieg, welche des Kaisers Antlitz so aufleuchten machte in Freude und Stolz, war es eine Todesbotschaft, welche der Kaiserin Augen so umdüsterte und eine trübe Wolke auf ihre Stirn herniedersenkte?
Niemand wußte dies zu sagen; in sich gekehrt, verstimmt und sorgenvoll der Zukunft entgegenblickend, zog die glänzende, auserlesene Gesellschaft, welche einige Minuten zuvor noch mit so heiteren, glückstrahlenden Gesichtern sich um die kaiserliche Familie gedrängt hatte, sich zurück, und das Rollen der Wagen, das bald darauf sich von dem Hof der Burg vernehmen ließ und wie ein langanhaltender, grollender Donner die jetzt vereinsamten, glänzenden Säle durchhallte, verkündigte, daß das Galafest beendigt sei und die Hofgesellschaft nach Hause eile, ihre Brillanten Und glänzenden Gewänder abzulegen.
Während dies in den Empfangssälen geschah, hatte Maria Theresia, wie gesagt, auf den Arm ihres Sohnes gestützt, sich durch die Seitenthür in das anstoßende Gemach begeben. Sie durchschritt es rasch und trat mit Joseph in das nächste Zimmer ein.
An der Thür desselben trat ihr Fürst Kaunitz entgegen, dicht eingehüllt in einen bis auf die Füße herabwallenden Pelz, die Hände und Arme versteckt in einem Muff, den er zum Schutz gegen die Kälte, welche immer in den Wohnungen der heißblütigen Kaiserin zu herrschen pflegte, sorgsam bis zu seinen Lippen emporgehoben hatte.
Die Kaiserin erwiderte seinen ehrfurchtsvollen Gruß nur mit einem raschen Kopfneigen und schritt vorwärts zu dem Fauteuil hin, der da neben dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers stand. Athemlos, erschöpft von dem raschen Gang, mehr noch von der inneren Aufregung, ließ Maria Theresia sich in den Lehnsessel niedergleiten und warf keuchend und nach Athem ringend ihr Haupt zurück an die hohe Lehne des Stuhls. Schweigend und mit ernsten Mienen stand der Kaiser ihr gegenüber, und auf einen Wink seiner Hand schritt Fürst Kaunitz mit seiner gewohnten langsamen und ernsten Würde zu ihnen heran.
Maria Theresia heftete auf ihn ihre großen Augen, in denen ein trübes Feuer glühte. Sage Er, Herr Fürst, sprach sie dann hochaufathmend, ist's wirklich wahr, was mir der Kaiser sagt, ist der Churfürst von Baiern wirklich gestorben?
Ja, Majestät, der Churfürst Maximilian Joseph herrscht nicht mehr in München, er hat es auf immer verlassen, sagte Kaunitz feierlich. Hier ist die Depesche, die unser Gesandter in München sofort nach diesem Ereigniß an mich hat abgehen lassen. – Er wollte der Kaiserin das Papier überreichen, sie lehnte es indessen mit einer raschen Handbewegung ab. Bin jetzt nicht aufgelegt, die Depesche zu lesen. Gebe Er sie meinem Herrn Sohn hin, daß der sie lese, und hab' Er die Güte, nur rasch zu erzählen, wie Alles sich so schnell und unerwartet begeben hat?
Des Fürsten Stirn bewölkte sich, und die Lippen fest aufeinander pressend, reichte er die Depesche dem Kaiser dar. Joseph nahm dieselbe, und indem sein Auge den trüben, angstvollen Blicken des Fürsten begegnete, flog ein sanftes Lächeln über des Kaisers Antlitz hin.
Ich bitte Ew. Majestät, den Herrn Fürsten von dieser Erzählung zu entbinden, und sie mir zu übertragen, sagte der Kaiser fast bittend. Se. Durchlaucht ist ohne Zweifel auch ein wenig erschöpft von dem Weg hierher, und da er die Depesche bereits kennt und gelesen hat, so ist es nicht nöthig, daß er ihr noch einmal zuhört. Ew. Majestät werden daher gewiß erlauben, daß der Fürst sich dort drüben auf dem Fauteuil, der in der Fensternische steht, ein wenig niederlasse, und es dort abwarte, bis ich Ew. Majestät mit dem Inhalt der Depesche bekannt gemacht habe.
Die Kaiserin nickte hastig Gewährung, und der Fürst, dessen Stirn sich jetzt wieder aufgeklärt hatte, wandte sich ab und schritt nach dem von Joseph bezeichneten Lehnstuhl hin, der an der äußersten Ecke des großen Gemaches und weit genug entfernt stand, um den Fürsten nicht zu zwingen, das zu hören, was der Kaiser mit seiner Mutter zu sprechen hatte.
Joseph schaute sinnend und lächelnd der hohen, steifen Gestalt des alten Fürsten nach, und erst als dieser sich langsam auf dem Fauteuil in der Fensternische niedergelassen und die schweren seidenen Vorhänge hinter sich zugezogen hatte, so daß er ganz und gar hinter denselben verschwunden war, wandte Joseph sich wieder der Kaiserin zu.
Verzeihen Ew. Majestät, sagte er leise, aber Sie wissen ja, welch einen Abscheu der Fürst vor einigen Worten und Ideen hat, und daß er es nicht vertragen kann, wenn man zu ihm vom Tode und von den Blattern spricht. Beide Worte aber sind der Hauptinhalt dieser Depesche, deshalb bat ich Ew. Majestät, dem Fürsten zu erlauben, daß er sich ein wenig zurückziehen dürfe.
Es war schön von Dir, mein Sohn, daß Du nicht vergaßest, was mir in der Aufregung des Momentes entfallen war, rief die Kaiserin hastig. Aber Du sagst, es sei in dieser Depesche von den Blattern die Rede? Ist denn der Churfürst Maximilian Joseph an den Blattern gestorben?
Ja, Majestät, an den Blattern, wie seine Schwester, meine unglückliche Gemahlin Josepha, sagte der Kaiser ernst.
Seltsam, flüsterte Maria Theresia sinnend. Die Josepha hat mir oft erzählt, daß ihr Bruder die bestimmte Ahnung habe, er werde eines Tages an den Pocken sterben, und daß er deshalb mit ängstlicher Sorgfalt sich vor jeder Ansteckung zu sichern trachte.
Ew. Majestät sehen also, daß man sein Geschick ahnen und wissen, und ihm doch nicht entrinnen kann. Das Schicksal zeichnet dem Menschen seinen Lebensweg vor, und er muß ihn wandern, ob er ein Fürst oder ein Bettler sei! Der Churfürst ahnte, daß er an den Blattern sterben werde, er suchte sorgfältig sich vor jeder Ansteckung zu sichern, und er ist doch an den Blattern gestorben!
Die Kaiserin schüttelte sinnend ihr Haupt. Und wie ist denn die Krankheit zu ihm gekommen? fragte sie.
Durch Ansteckung, Majestät; Sie sehen wohl, Niemand entrinnt seinem Schicksal. Eine junge Dame, Frau von Riva, die Tochter des churfürstlichen Oberhofmarschalls, war zum Besuch nach München gekommen, und logirte bei ihrem Vater im Schlosse selbst. Dort überfiel sie diese unheilvolle Krankheit, die man indeß dem Churfürsten sorgsam zu verbergen suchte. Er hatte in der That keine Ahnung davon, daß der Feind, dem er so angstvoll auszuweichen strebte, bereits mit Posaunenschall in sein Schloß eingeschritten sei, und er war in heiterster Stimmung in Gesellschaft einiger Freunde beim Billardspiel beschäftigt, als der Oberhofmarschall, welcher eben von dem Krankenbett seiner Tochter kam, zu ihm in das Zimmer eintrat. Der Churfürst spielte ruhig weiter; auf einmal aber sah man ihn erbleichen und schwanken, und mit dem Ruf: »Eine Person hier im Zimmer hat die Blattern, ich fühle es!« sank er ohnmächtig zusammen. Man trug ihn sofort auf sein Lager, und den Bemühungen seiner Aerzte gelang es, ihn nach einigen Stunden wieder zum Leben zu erwecken, aber bald darauf zeigten sich auch schon die Symptome dieser fürchterlichen Krankheit, welcher der Churfürst nach wenigen Tagen der Qualen erlegen ist. Wraxall: Memoirs of the Courts of Berlin, Vienna etc. Vol. I. Seite 306. Das, Ew. Majestät, ist der Inhalt dieser Depesche, welche Graf Hartig sofort nach dem Ableben des Churfürsten an Kaunitz abgesandt hat. Befehlen Ew. Majestät, daß ich die Depesche vorlese?
Nein, mein Sohn, ich danke Ihnen, sagte die Kaiserin trübe. Wir wissen, was uns zu wissen nöthig ist. Der Churfürst ist todt, der Sohn meines Feindes, welcher mir einst mein Erbe entziehen wollte und mit mir als Kaiser Karl VII. um meine Lande und um meine Kaiserkrone kämpfte, er ist todt, und seine Herrlichkeit ist in Staub zerfallen, wie die Herrlichkeit seines Vaters.
Ja, er ist todt, der Churfürst Maximilian Joseph, sagte Joseph ernst, der Bruder meiner Feindin, welche zwei Jahre lang den harten Kampf der Ehe mit mir gekämpft hat, ist heimgegangen zu seiner Schwester, der Kaiserin Josepha, zu seinem Vater, dem Kaiser Karl, denen Beiden die Kaiserkrone von Deutschland das Haupt so schwer niedergebeugt hat, daß der Tod allein es wieder aufzurichten vermochte. Ich habe es Josepha, so lange sie lebte, niemals verzeihen können, daß sie meine Gemahlin geworden und mich mit der Schmach dieser schauerlichen Ehe belastet hatte; jetzt aber in dieser Stunde vergebe ich es ihr, vergebe ihr alles Leid, das ich durch sie erduldete, denn in dieser Stunde reicht mir die todte Kaiserin aus dem Grabe den Brautschatz dar und ernennt mich zu ihrem Erben. Dieser Brautschatz heißt Baiern, und wir müssen uns beeilen, ihn anzunehmen, bevor Andere uns zuvorkommen.
Die Kaiserin erbebte und heftete ihre großen Augen mit einem Ausdruck des Schreckens und der Furcht auf das strahlende Antlitz ihres Sohnes.
Will mir der Herr Kaiser ein Gegenstück liefern zu der unglücklichen Theilung Polens? fragte sie hastig. Hab' noch auf meiner Seele und meinem Gewissen diese Last der polnischen Erbschaft liegen,, die wir auch ohne Testament und Recht an uns genommen, kann's noch immer nit verwinden, daß ich, blos weil wir die Stärkeren und Kräftigeren waren, dem kleineren unglücklichen Nachbarn Polen nahmen, was sein war, und was er nur nit festhalten konnte, weil seine Hände schwach und fieberkrank waren. Werd' aber nimmer meine Einwilligung geben, daß wir abermals so handeln und uns bereichern auf Kosten eines schwächern Nachbarn. Lasse der Herr Sohn sich das gesagt sein, und versuche Er nit wieder, mich zu Seinem Willen zu bekehren, denn ich sag Ihm, diesmal wird es Ihm nicht gelingen, und mein' doch, daß ich noch immer die Kaiserin bin, und daß Mein Wille allein mein Land lenkt und regiert.
Der Kaiser verneigte sich. Ew. Majestät müssen mir das Zeugniß geben, daß ich niemals gewagt habe, mich gegen den gebieterischen Willen meiner Kaiserin aufzulehnen, sondern mich demselben immer in Demuth und Gehorsam unterworfen habe. Aber, da wir jetzt mit dem Inhalt der Depesche fertig sind, werden Ew. Majestät wohl erlauben, daß ich den Fürsten aus seinem Versteck hervorhole, damit er Theil nehme an unserer Berathung?
Maria Theresia nickte leicht mit dem Kopf, und indem der Kaiser rasch das Zimmer durchschritt, schlug er die Vorhänge zurück, hinter welchen der Fürst sich verborgen hatte, um nichts von der fürchterlichen Unterredung zu vernehmen.
Kommen Sie, Durchlaucht, flüsterte Joseph leise und hastig. Helfen Sie mir die Kaiserin überzeugen, daß Baiern unser werden muß. Ich fürchte, es wird einen harten Kampf geben.
Bei welchem wir indeß siegen werden, sagte Kaunitz gelassen, sich von seinem Sitz aufrichtend und dem Kaiser folgend, der sich jetzt wieder seiner Mutter näherte.
Maria Theresia schaute Beiden mit finsteren Blicken und einem trüben Lächeln entgegen. Seh's wohl an Euren Gesichtern und an Euren Mienen, daß Ihr Beide einig seid, sagte sie hastig, daß der Kaiser und der Fürst zwei Bundesgenossen sind, welche es sich vorgenommen haben, meinen Widerstand zu besiegen. Ja, Ihr seid Eurer Zwei, und ich, – ich bin allein, bin immer allein, seit mein schöner und lieber Kaiser Franz mich verlassen hat, bin immer einsam und allein, und muß meinen Willen durchfechten gegen Euch Zwei, oder muß nachgeben wider meinen Willen. Es ist aber nicht rühmlich, denk' ich, sich Zwei gegen Einen zu stellen, und sollt' eigentlich vermeinen, daß des Fürsten Platz an meiner Seite ist, und nit da drüben bei dem jungen Kaiser, der es macht, wie alle Nachfolger es ihren Vorgängern thun, der mir opponirt, und meint, daß er Alles besser weiß, als seine Kaiserin und Mutter. Sag' Er doch, Herr Fürst, will er mir auch opponiren und wider mich sein? Will Er auch Seine Kaiserin verlassen und ihr die Treue brechen?
Es lebt Niemand auf der Welt, welcher sagen kann, daß Fürst Kaunitz ihm die Treue gebrochen hat, sagte Kaunitz feierlich. Ganz Europa weiß, daß Kaunitz ein Mann von Wort und von Ehre ist, und geleistete Versprechen niemals zurücknimmt. Ich habe Ew. Majestät eines Tages geschworen, daß ich mein ganzes Leben und die ganze Kraft meines Geistes und meines Kopfes dem Dienste Oesterreichs weihen wolle, und ich werde mein Wort treulichst erfüllen, es sei denn, daß Ew. Majestät mich meines Schwurs entbinden und mich gehen heißen.
Ach, das heißt, Er droht mir schon wieder mit seiner Amtsniederlegung? rief die Kaiserin heftig. Er will sich wieder einmal zurückziehen, wenn ich Ihm nit beistimme und will nit mehr mein Minister bleiben, wenn ich Meinem Willen und nit dem Seinen folge. Laß Er es sich aber gesagt sein, daß die Maria Theresia fest entschlossen ist, bis an das Ende ihres Lebens die regierende Kaiserin zu sein, und daß weder ihr Mitregent, noch ihr Minister sie daran hindern sollen. Und jetzt, da Ihr Beide das wißt, jetzt laßt uns frei und offen mit einander reden, und uns zu einer Staatsconferenz mit einander vereinigen. Ich ersuche den Kaiser, hier an meiner Seite Platz zu nehmen, und Er, Herr Fürst, wird die Güte haben, sich mir da gegenüber zu setzen. Mag Ihm gern Aug' in Auge schauen, in Seinem Antlitz lesen, ob sein Herz wahr und aufrichtig meint, was die diplomatischen Lippen sprechen. Und jetzt, da wir Alle unsere Plätze eingenommen, jetzt ersuche ich zuerst den Herrn Kaiser, mir grade und offen seine Meinung zu sagen, und was Er meint, das wir zu thun haben bei diesem unerwarteten Ableben des Churfürsten von Baiern?
Grade und offen denn, rief Joseph rasch, ich meine, daß wir sofort unsere Regimenter marschiren lassen müssen, um Baiern, welches jetzt, nach dem Aussterben des Wilhelminischen Mannesstammes, zum Mindesten ein eröffnetes Reichslehen ist, zu besetzen, und es dem Hause Oesterreich, welches unbezweifelte Rechtsansprüche auf dieses Reichslehen hat, zu erhalten.
Hat Oesterreich wirklich unbezweifelte Rechtsansprüche an das Churfürstenthum Baiern? fragte Maria Theresia mit erzwungener Ruhe.
Der Kaiser sah seine Mutter mit staunenden und fragenden Blicken an. Haben Ew. Majestät nicht die Gnade gehabt, die Schriften und Actenstücke zu lesen, welche unsere Geschichtsschreiber und Historiographen auf meinen Wunsch verfaßt haben, und welche ich die Ehre hatte, Eurer Majestät zu übergeben?
Ich habe sie gelesen, sagte die Kaiserin traurig, ich habe diese Documente gelesen, aus welchen man zu beweisen sucht, daß Oesterreich wohlbegründete Ansprüche an Niederbaiern habe, weil Kaiser Siegmund im Jahre 1419 seinen Schwiegersohn Albrecht von Oesterreich damit belehnt habe. Ich habe ferner gelesen, daß Oesterreich Ansprüche habe auf die schwäbische Reichsherrschaft Mindelheim, worauf Kaiser Matthias schon im Jahre 1614 dem Erzhause die Anwartschaft gegeben, und welche nachher, als der Churfürst von Baiern 1706 in die Acht fiel, auch wirklich vom Kaiser von Oesterreich in Besitz genommen ward. Hab' ferner all die Actenstücke gelesen, welche beweisen, daß die Oberpfalz mit allen ihren Grafschaften jetzt nach dem Absterben der Wilhelminischen Linie offenes Reichslehen ist, welches der deutsche Kaiser als Reichseigenthum beanspruchen müßte.
Und alles dies hat Ew. Majestät nicht von der Gültigkeit und dem Recht unserer Ansprüche auf Baiern überzeugt? fragte der Kaiser.
Alles dies hat mich nicht überzeugt, daß wir berechtigt und gezwungen sind, aus eitler Habgier und übermüthiger Herrschaft uns Länder zuzueignen, welche nicht nach unbestreitbarem Erbrecht uns zufallen, und deren Besitz wir vielleicht nur mit Gewalt der Waffen und mit Strömen von Menschenblut erzwingen könnten.
Deren Besitz uns aber eins der schönsten Länder Deutschlands zu Eigen gäbe, rief Joseph feurig, deren Besitz Oesterreich seinem großen Ziel, ein deutsches Kaiserreich zu werden, immer näher führen würde. Wenn die Pfalz, wenn Schwaben und Niederbaiern unser ist, dann fließt die Donau nur noch durch Oesterreichische Lande, dann ist unser der Handel der Levante, dann bis zum schwarzen Meer hinab trägt die Donau unsere Handelsschiffe, und eines Tages wird auch der Bosporus sich uns öffnen, und Constantinopel sich gefallen lassen müssen, ein Hafen für Oesterreichische Schiffe, ein Stapelplatz für Oesterreichische Waaren zu werden. Wenn Baiern unser ist, gehört bald ganz Süddeutschland unserm Hause an, denn wie von einem Magnet angezogen werden auch Würtemberg und die kleinern Lande und Grafschaften uns anheimfallen und sich zu Eins verschmelzen mit unserm Österreichischen Kaiserstaat, welcher alsdann als ein einiges großes Deutschland dem nordischen Preußen gegenübertreten und fragen wird: ob Preußen den Muth habe, sich loszusagen von Deutschland und allein dazustehen, oder ob es die patriotische Seelengröße hat, aufzugehen in dem großen Ganzen, und das Preußenthum aufzugeben, um Deutschland anzugehören? Oh, ich beschwöre Ew. Majestät, wollen Sie jetzt nicht wanken und zaudern, unser Recht anzuerkennen, und die Hand auszustrecken nach dem, was unser ist. Wollen Sie auch bedenken, daß Baiern selbst uns mit angstvollen hoffenden Blicken entgegenschaut, daß es zittert vor den Erbansprüchen des Churfürsten Carl Theodor von der Pfalz, welcher der einzige noch lebende Erbnachfolger des verstorbenen Churfürsten ist. Baiern weiß, daß es von diesem Mann nichts zu hoffen hat, daß er ihm nicht Glück, Wohlstand und die Aussicht auf eine dauernde Dynastie mitbringt, sondern daß er einziehen wird in sein neues Erbe Baiern, umgeben von seinen Maitressen, welche einen ganzen Schwarm natürlicher Kinder mitbringen. Baiern weiß, daß Carl Theodor zu deren Bereicherung, da er ein zärtlicher Vater ist, die baierischen Lande aussaugen und plündern wird, um seinen Kindern, denen er keine Krone, keine Ehre und keinen Namen geben kann, mindestens Geld und Besitz zu hinterlassen. Oh, wollen sich Ew. Majestät also des unglücklichen Baierns erbarmen, wollen Sie es erretten aus den Händen der Wüstlinge, der Pfaffen und Finsterlinge, welche das Ohr Carl Theodors umlagern und mit ihren unzüchtigen Liedern und ihrem frommen Geplärr ihn betäuben und verwirren, daß er ein willenloses Werkzeug in ihren Händen wird. Ew. Majestät haben die Jesuiten aus Ihren Landen verjagt, vollenden Sie jetzt Ihr Werk, verjagen Sie dieselben auch aus Baiern, wo sie Zuflucht und Schutz gefunden haben, und wo sie herrschen würden, wenn Carl Theodor von der Pfalz der Nachfolger des verstorbenen Churfürsten werden könnte. Haben Sie Mitleid mit dem unglücklichen Baiern, erlösen Sie es von den Wirren und neuen Unruhen und Erbfolgestreitigkeiten, die es unvermeidlich bedrohen, wenn der entnervte, kraftlose, alternde Carl Theodor sterben würde und Baiern abermals nach einem Nachfolger zu suchen hätte.
Nun ich mein' doch, daß der Nachfolger für Carl Theodor nit so schwer zu finden ist, und daß der Herzog Carl von Zweibrücken wohl bereit ist, sein Erbe in Anspruch zu nehmen, rief Maria Theresia heftig. Wenn's aber wahr ist, was der Kaiser sagt, wenn die guten Baiern wirklich so gar groß Verlangen hegen, unsere Unterthanen zu werden und sich Oesterreicher zu nennen, so mögen sie doch den Muth haben, das frei und offen zu bekennen und uns zu ihren selbstgewählten Herrschern auszurufen. Denn ich sag's und wiederhol's, ich will's nit machen, wie der König von Preußen einst uns gethan, will nit aus meinen Archiven alte vergilbte Documente hervorsuchen, und damit beweisen, daß das Land, was seit Jahrhunderten Andere besitzen, eigentlich Mein sei, will auch nit für zweifelhaft Recht das Blut meiner Unterthanen vergießen, und mit frevlerischen Händen die Fackel des Kriegs entzünden, daß er abermals den Wohlstand meines Landes und das Glück meiner Unterthanen in Asche lege. Hab' damals aus tiefster Seele und bester Ueberzeugung den König von Preußen einen bösen und ungerechten Mann genannt, weil er also gethan, will jetzt nit thun, wie er gethan hat, und nit an Baiern handeln, wie er an Schlesien gehandelt hat.
Und also soll Oesterreich diese Erbschaft verlieren, welche ihm gebührt, auf welche es ein unbestreitbares Recht hat? rief Joseph schmerzvoll. Also soll ich abermals verdammt sein, mit unthätigen Händen, in müßiger Ruhe von ferne und im Dunklen zu stehen, während die Weltgeschichte mit ehernem Schritt durch Deutschland dahin schreitet, und ihre spähenden Blicke umherirren läßt nach einem Mann, der Deutschland liebt, der den Muth hat, es groß, mächtig und einig machen zu wollen, und ohne Scheu vor dem Gerede der Welt den Augiasstall der deutschen Reichskammer zu reinigen, all das kleine Gewürm und Geschmeiß, welches sich da fest genistet, zu verjagen, und die kleinen Kronen einzuschmelzen, auf daß daraus die einige große Kaiserkrone Deutschlands hervorgehe? Oh, sagen Ew. Majestät nicht, daß ich diesen schönsten Traum meines Lebens wieder aufgeben muß, daß es mir nicht vergönnt sein soll, zu thun, was ich muß und kann, dem armen Deutschland seine Einheit und Kraft wiederzugeben, und ihm in Wahrheit ein Kaiser zu sein. Nehmen Sie Ihr Wort zurück, Majestät, sagen Sie nicht, daß Sie Baiern aufgeben wollen, weil es möglich sei, daß man unsere Rechte auf Baiern bezweifeln kann. Und wären unsere materiellen Rechte noch zweifelhafter, als sie es sind, so haben wir dennoch moralische und politische Rechte auf Baiern, welche Jedermann anerkennen wird und muß, moralische Rechte, denn wir bringen Baiern zum Ersatz für einen despotischen, wollüstigen Herrscher, dessen Ohr von Jesuiten, Maitressen und Wucherern belagert wird, das edle, keusche und uneigennützige Regiment einer tugendhaften Kaiserin, welche den Baiern statt der Finsterniß das Licht, statt der Heuchelei die Wahrheit, statt des Despotismus die Freiheit geben will. Wir haben politische Rechte auf Baiern, denn die alten Erbverträge unseres Hauses scheinen in ahnungsvoller Weisheit den Moment vorhergesehen zu haben, wo Oesterreich nach Innen so groß, sicher und fest steht, daß es nach Außen an Vergrößerung und Machterweiterung denken kann, und deshalb haben unsere Vorfahren uns gewissermaßen schon eine Thür geöffnet, und uns den Weg geebnet, der uns über die Grenze Baierns nach dem Thron und Besitz dieses Landes führt. Oh, Majestät, es sind unsere erlauchten Ahnen, welche aus diesen bestäubten, mit ihrer Unterschrift gezeichneten Documenten die Hand hervorheben und hinüber deutend nach Baiern uns zurufen: »nehmt, was Euer ist, und was unser Wort und unser Gedanke schon vor Jahrhunderten für Euch bestimmt hat!«
Wollt' in Wahrheit mein Sohn, daß ich diesen Zuruf meiner Ahnen so deutlich vernehmen könnte, wie Du, rief die Kaiserin. Aber mein Herz ist zaghaft; wenn ich dieser Sach', die wir vorhaben, gedenke, ertönt vor meinen alten Ohren nur wüstes Kriegsgeschrei und das Jammern und Klagen meines armen Volkes, das der Maria Theresia seine Liebe entziehen und sie verwünschen würde, wenn sie es wieder seines Friedens und seiner Ruhe berauben möchte. Will nit in die Ewigkeit gehen, belastet mit dem Fluch meines Volkes, will auch nit als eine ländergierige, zanksüchtige Fürstin verzeichnet werden in den Büchern der Geschichte, sondern will heimgehen zu meinem Fränzel, begleitet von dem Segen und den Thränen meines Volkes, und von der Geschichte aufgezeichnet als eine friedliebende und gerechte Fürstin! Und sag' Er, Herr Fürst, könnt' ich noch Ansprüche machen auf diesen Namen, wenn ich jetzt trachtete, Baiern seinem rechtmäßigen Erben zu entziehen, und Oesterreich vergrößerte auf Kosten Carl Theodors von der Pfalz? Red' Er jetzt, Durchlaucht, sag' Er uns, was Er denkt von dieser Sach'! Im Namen Oesterreichs und Seines eigenen Gewissens fordere ich Ihn auf, daß er uns frei und unverhüllt die Wahrheit sage!
Ich werde sie sprechen, Majestät, sagte Kaunitz mit stolzer Würde. Ew. Majestät weiß wohl, daß keine Macht der Erde mich dazu bringen könnte, sie zu verschweigen. Ich werde die Wahrheit auch jetzt sprechen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie Ew. Majestät unangenehm ist.
Das heißt, Er ist der Ansicht des Kaisers? fragte Maria Theresia unwillig, während der Schimmer eines Lächelns über das Antlitz des Kaisers hinfuhr, und er seine Augen mit einem freudigen Ausdruck auf das ernste, strenge Gesicht des Fürsten heftete.
Ja, ich bin der Ansicht des Kaisers, erwiderte Kaunitz langsam. Oesterreich hat das Recht und die Pflicht, sich diese Erbschaft anzueignen, welche der Wille Ihrer Ahnen und die Gunst der Verhältnisse Ihnen darbietet, und welche zurückzuweisen ein Unrecht und ein Fehler wäre. Man muß sich aber in der Politik vor allen Dingen hüten, Fehler zu begehen, weil diese sich immer am bittersten an Demjenigen rächen, der sie begangen hat, und selten auf Andere zurückfallen. Ein Fehler aber wäre es, wenn Oesterreich diesen Moment unbenutzt vorübergehen lassen wollte, wo es seine Macht in Deutschland befestigen und stärken, seine Grenzen erweitern könnte, indem es ohne Schwertschlag eines der schönsten und gesegnetesten Lande Deutschlands sich zu eigen macht.
Ohne Schwertschlag? fragte Maria Theresia hastig. Ew. Durchlaucht meinen also, daß unsere Feinde ganz geduldig zuschauen würden, wie wir uns zueignen, was uns doch sicher nit durch unbestrittenes Recht gehört? Ohne Schwertschlag sollte Baiern unser werden?
Ohne Schwertschlag, wiederholte Kaunitz langsam. Und wer, ich frage Ew. Majestät, wer sollte denn das Schwert nehmen, um uns zu bekämpfen? Frankreich hat durch politischen und Familienbund dem Recht entsagt, feindlich gegen uns aufzutreten.
Ich will Ihm indeß nicht rathen, allzusehr auf Frankreichs Freundschaft zu zählen, unterbrach ihn Maria Theresia. Maria Antoinette herrscht wohl über das Herz König Ludwigs, aber seine Minister herrschen über seinen Kopf, und die werden, wenn es ihre Politik erfordert, gar gern geneigt sein, den Familienbund zu brechen.
Aber Frankreich ist dennoch außer Stande, wider uns aufzutreten, fuhr Kaunitz fort. Seine Finanzen sind erschöpft und es rüstet sich außerdem so eben, einen Krieg zu unternehmen für Nordamerika's Freiheit, einen Krieg, von dem es nur dann Erfolg hoffen kann, wenn seine Kräfte nicht noch durch einen Landkrieg geschwächt werden. Auch von Rußland haben wir nicht zu befürchten, daß es unsern Plänen entgegentrete, denn es ist mit eigenen großen Entwürfen beschäftigt; und wenn wir ihm in der Türkei nicht feindlich gegenübertreten, und allenfalls noch seiner Ländergier den Rest von Polen Preis geben, wird Rußland wenig darauf achten, was sich hier im Innern Deutschlands begiebt, und über das zu sprechen gewiß der Czaarin kein Recht zusteht. England liegt uns zu ferne, und der König von Preußen hat es erfahren, was Englands Bundesgenossenschaft in einem Kriege gelten kann. England braucht außerdem seine Soldaten und sein Geld gleich Frankreich für diesen Krieg mit Nordamerika. Wer also sollte uns in den Weg treten und uns hindern, sofort die Lande Baiern von Oesterreichischen Soldaten als Oesterreichs Eigenthum in Besitz nehmen zu lassen?
Wer uns hindern sollte? fragte Maria Theresia hastig. Er hat Frankreich, England und Rußland genannt, aber den ersten und größten Feind meines Hauses, den hat Er vergessen, den Feind, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, überall auf unsern Wegen uns entgegen zu treten, bei jeder Gelegenheit mit der Hardiesse eines echten Parvenue uns zu beweisen, daß er gar keinen Respect hat vor unserer Kaiserkron' und vor unsern Rechten und Documenten, sondern daß es ihm grad' nur Freud' macht, das Alles zu verleugnen; diesen bösen Mann, der mir so viel Thränen und schlaflose Nächte, meinem Lande so viel Menschenleben und Blut, meiner Krone die schönste Provinz gekostet hat, diesen bösen Mann hat Er vergessen!
Ew. Majestät wollen von dem König von Preußen sprechen, sagte Kaunitz mit einem leichten Achselzucken. Es ist sehr erhaben und sehr gnädig, daß Ew. Majestät den Markgrafen von Brandenburg immer noch als einen gefährlichen und furchterregenden Feind betrachten wollen.
Und wenn er's wäre, rief der Kaiser ungestüm, wenn Friedrich der Zweite noch immer der Held, der Feldherr wäre, der er einst gewesen, um so mehr Ehre alsdann für mich, ihn zu besiegen, und die Lorbeeren wieder von seinem Haupte zu nehmen, die er sich einst in seinen Siegesschlachten erworben!
Der Fürst richtete seine großen Augen mit einem seltsam warnenden Ausdruck auf das erregte Antlitz des Kaisers und schüttelte leise mißbilligend das Haupt.
Der König von Preußen ist aber nicht mehr der Held, der Feldherr, der er gewesen, sagte Kaunitz langsam, er bangt sehr für die Lorbeeren, die von seinem gebeugten Haupte herabsinken könnten. Er kennt und fürchtet die Energie des Kaisers Joseph und wird durchaus nicht geneigt sein, seinen Ruhm in die Gefahr zu bringen, von dem Kaiser besiegt zu werden. Er findet es bequemer, auf seinen Lorbeeren zu ruhen, die Flöte zu blasen, schlechte Gedichte zu machen und den Schmeichelreden seiner philosophischen Freunde zuzuhören, bequemer, als in das Feld zu ziehen und zu kämpfen für eine Sache, die ihn gar nichts angeht. Denn was, ich frage Ew. Majestät, was kümmert es den König von Preußen, ob Oesterreich sich im Einverständniß mit dem einzigen berechtigten Erben Baierns zum Herrscher Baierns mache? Mit welchem Rechte sollte er es wagen, in dieser Sache gegen uns aufzutreten, wenn Niemand da ist, der ihn um Hülfe anruft? Er wird geschehen lassen, was er nicht ändern kann, und was zu ändern er überdies kein Recht hat. Wir haben unsere Urkunden und Documente, welche uns Baiern als Erbe geben, und der König von Preußen wird sie willig anerkennen, wenn wir auch seine Urkunden und Documente, welche ihm Baireuth und Anspach als Erbe geben, dafür anerkennen wollen. Der König von Preußen war ein Held, jetzt ist er nur noch ein alter Handelsmann und Krämer, welcher mit Tabak handelt und nach Vermehrung seines Besitzes trachtet.
Maria Theresia schüttelte unwillig ihr Haupt. Er weiß wohl, Herr Fürst, sagte sie hastig, daß ich den König nimmer geliebt, vielmehr ihm immer in meinem Herzen gegrollt habe. Er ist ein böser Mann und hat mir viel Leids gethan, aber kann's doch nit zugeben, daß Er so geringschätzend und verachtungsvoll von ihm spricht; man wird nit größer dadurch, daß man seine Feinde kleiner hinstellt, und es ist allzeit besser, gegen große Feinde zu kämpfen, als gegen solche, die man verachten kann.
Der König von Preußen ist ein Held, ein Weiser und ein Herrscher, rief der Kaiser begeistert. Gönnen mir also Ew. Majestät das Glück, gegen ihn zu kämpfen und mir Ruhm und Ehre zu erkämpfen, indem ich ihn besiege!
Werd' nimmer solcher eitlen Ruhmbegierde nachgeben, wenn's nit klar und erwiesen ist, daß wir ein Recht auf Baiern haben! sagte die Kaiserin.
Das Recht ist klar und erwiesen, sagte Kaunitz ruhig. Unsere Juristen haben es erwiesen und ihre Schriften darüber drucken lassen. Ich habe Sorge getragen, daß Exemplare dieser Schriften in ganz Deutschland vertheilt werden, damit ganz Deutschland sich von dem Recht des Kaisers überzeuge, die verfallenen Reichslehen einzuziehen. Ich habe außerdem bereits einen geschickten Diplomaten an Carl Theodor von der Pfalz abgesandt, um mit ihm zu unterhandeln, daß er unser Recht anerkenne und freiwillig für sich und seine Erben dem Besitz Baierns entsage. Auch habe ich schon von seinem Geschäftsführer, dem Herrn von Ritter, die Zusicherung, daß der Churfürst Carl Theodor von der Pfalz mit Freuden bereit sein werde, unsere Wünsche zu erfüllen und die Vortheile anzunehmen, die wir ihm bieten.
Und was sind das für Vortheile, die wir dem Churfürsten für Baiern bieten können? fragte Maria Theresia.
Wir bieten ihm zu Ersatz für Baiern unsere Niederländischen Provinzen an, sagte Joseph hastig, er mag sie zu einem Königreich Burgund erheben und über sie herrschen als König. Wir bieten ihm außerdem für das Heer seiner unehelichen Kinder Fürstentitel und Orden, und außerdem einige Millionen Gulden an.
Und putzen die Schande und fröhnen dem Laster, aller Tugend und aller guten Sitte zum Hohn, rief die Kaiserin unwillig.
Der Churfürst liebt seine Kinder leidenschaftlich, fuhr Joseph fort, aber er hegt wenig Liebe für Baiern; er wird auf unsere Pläne eingehen, und Baiern wird unser werden!
Unser, ohne Schwertschlag und Blutvergießen, fügte Kaunitz hinzu, und indem er ein zusammengefaltetes Papier aus seinem Busen hervorzog, legte er dasselbe auseinander und breitete es auf dem Tisch vor der Kaiserin aus.
Sehen Ew. Majestät, da ist eine Karte von Baiern, sagte Kaunitz ruhig, mit dem schlanken weißen Vorderfinger über die Karte hinstreichend. Hier unten sind die Districte, welche wir beanspruchen kraft des Lehnsbriefes Kaiser Sigismunds an Albrecht von Oesterreich.
Wir müssen diese Districte von Oberbaiern sogleich durch unsere Soldaten besetzen lassen, sagte der Kaiser hastig. Niemand wird unser Recht auf diese Erbschaft bestreiten können, und wir müssen eilen, sie in Besitz zu nehmen.
Die Kaiserin seufzte und blickte mit trübem Sinnen auf die Karte hin. Ja, seufzte sie leise vor sich hin, auf dem Papier sieht Alles gar friedlich und schön aus, und auf dem Papier läßt sich Alles beweisen und erklären! Der Herr Fürst erobert da mit seinem Vorderfinger ganz Oberbaiern und es ergiebt sich ihm auf dem Papier. Im Leben mag's anders kommen. Ihr habt da die Berge und die Flüsse, die Wälder und die Landebenen vorgezeichnet, aber nit die Herzen und die Gesinnung der Menschen; davon steht nichts auf dem Papier, und doch werdet Ihr das Land nimmer gewinnen, wenn Ihr die Herzen nit gewonnen habt.
Wir werden uns die Herzen gewinnen durch offenes und herzliches Entgegenkommen, rief der Kaiser glühend. Wir werden den Baiern ihr kleines Vaterland freilich nehmen, aber wir werden ihnen ein größeres dafür bieten, wir werden ihnen Deutschland bieten, wir werden die Baiern in Deutsche verwandeln und eines Tages werden sie stolz darauf sein, daß sie zuerst den Impuls gegeben, die kleinen zerstückelten deutschen Lande zu einigen zu einem großen, freien, mächtigen Deutschland!
Die Kaiserin antwortete nur mit einem Seufzer, und blickte auf die Karte hin, über welche der schlanke Finger des Fürsten wieder seine Linien zog.
Hier sind die Güter und Länder, sagte Kaunitz ruhig, welche das ausgestorbene Churhaus vom deutschen Kaiser zu Lehen getragen.
Und welche zurückzufordern und zu nehmen ich als deutscher Kaiser berufen und ermächtigt bin, rief Joseph ungestüm.
Und hier endlich, fuhr Kaunitz fort, seinen Finger auf einen andern Theil der Karte heftend, hier ist die Herrschaft Mindelheim, auf welche der Kaiser Matthias dem Hause Oesterreich nicht allein die Anwartschaft gegeben, sondern die bereits schon kraft dieser Anwartschaft Oesterreich zugefallen war, und welche Oesterreich nur aus allzufreigebiger Großmuth dem Churfürsten von Baiern zurückgegeben hat! – Ew. Majestät werden doch ohne Zweifel nicht Willens sein, Ihr Erbgut Preis zu geben, damit der Erste Beste es sich nehmen kann?
Maria Theresia antwortete nicht sogleich, sie hatte ihr Haupt gesenkt und ihre Stirn berührte fast das Papier, auf welchem die baierischen Lande verzeichnet waren. Neben ihr stand der Kaiser, seine großen blauen Augen in athemloser Erwartung und Spannung auf die Kaiserin gerichtet, ihr gegenüber an der andern Seite des Tisches Kaunitz mit seinem ehernen gleichgültigen Gesicht, seinen kalten undurchdringlichen Mienen. Keiner von ihnen wagte es, die feierliche Stille dieses Momentes nur durch ein Wort, einen lauten Athemzug zu unterbrechen. Beide waren sich bewußt, daß dieser Augenblick berufen sei, über ein großes und folgenreiches Ereigniß zu entscheiden und Deutschland den Krieg oder Frieden zu geben.
Auf einmal richtete Maria Theresia ihr Haupt wieder empor, und ihre Augen hefteten sich mit einem raschen Blick auf den Kaiser und Kaunitz hin.
Hab's ja gesagt und gewußt, daß Ihr Zwei einig seid, und daß ich nichts werd' ausrichten können gegen Euch Zwei, sagte sie mit einem tiefen Seufzer. Fühl's wohl, daß in dieser Sach' nit Alles so ist, wie es sein sollt', und weiß gewiß, daß man uns des Länderraubes und der Willkür anklagen wird, wenn wir nit durchkommen und nit siegen in dieser Angelegenheit, aber glaub' auch, daß man unsere Rechte anerkennen und uns für befugt halten wird, die Erbschaft Baierns zu beanspruchen, wenn es ein fait accompli ist, und wenn es uns gelingt, zu behalten, was wir beanspruchen. Der Erfolg entscheidet in den Augen der Menschen auch über das Recht, und nur wer unterliegt, den schmähen sie. Hat die Welt es dem König von Preußen verziehen, daß er uns Schlesien nahm, wird sie uns auch verzeihen können, daß wir uns Baiern nehmen. So mög's denn geschehen in Gottes Namen, wie der Kaiser und der Fürst es wollen und für Recht erkennen. Das Eine aber bitt' ich, nehmt nichts, was wir nicht das Recht haben zu nehmen. Ich sehe es voraus, werde doch zum Krieg kommen und ich möchte meine Tage so gerne in Frieden beschließen! Der Kaiserin eigene Worte. Siehe: Wraxall I. S. 311.
Ew. Majestät sollen sie in Frieden und Glück beschließen, aber möge dieser Zeitpunkt noch recht lange auf sich warten lassen! rief Joseph glühend, indem er die Hand der Kaiserin nahm und sie innig küßte. Möchten Sie noch lange leben, damit Sie sehen, wie Oesterreich sich verklärt zu Deutschland, und wie in Oesterreich's Herrlichkeit aufgehen alle die deutschen kleinen Lande, die jetzt verstückelt und einsam umher liegen, ausgesogen und beherrscht von ihren kleinen Tyrannen, die der Reichsgesetze und des deutschen Kaisers spotten, mit frecher Willkür das Mark und den Lebenssaft ihrer Unterthanen aussaugen und in üppiger Lust schwelgen, während ihr Volk vergeht in Hunger und Elend. Das Alles soll anders und besser werden, und dazu haben Ew. Majestät jetzt den ersten Impuls gegeben, indem Sie das unglückliche Baiern bewahren vor dem Schicksal, von einem wollüstigen, verschwenderischen, von schlaffen Beichtvätern und Maitressen beherrschtet! Fürsten unterjocht zu werden, indem Sie Baiern retten und es Ihrem Scepter unterwerfen!
Möge Gott uns gnädig sein und unser Vorhaben segnen, seufzte die Kaiserin. Ich werde meine Tage in Gebet und frommer Andacht hinbringen, bis diese unglückliche Sach' geordnet ist, und auf meinen Knieen liegend werd' ich zu Gott flehen, daß er mein Volk bewahre vor Krieg und Unheil und mein Gewissen nit belaste mit dem Blut meiner Unterthanen.
Und während Ew. Majestät den Segen des Himmels herabrufen, sagte Joseph heiter, wollen Kaunitz und ich Alles dazu thun, daß unserm Unternehmen auch der Segen der Erde nicht fehle, damit unsere Thaten vom Erfolg geheiligt werden. Sie, Herr Fürst, werden uns Baiern erobern mit Ihrer Feder und den Waffen der Diplomatie, und wenn die nicht ausreichen, so werde ich Ihnen zu Hülfe kommen mit andern Waffen, welche hunderttausende unserer Soldaten allen Denen entgegentragen sollen, die es wagen wollen, uns Baiern zu entreißen. Noch in dieser Nacht sollen einige unserer Regimenter marschiren, um zunächst Unterbaiern zu besetzen.
Oh oh, ich sehe es wohl, es wird doch zum Krieg kommen, murmelte die Kaiserin leise vor sich hin.
Aber bevor der Herr Kaiser seine Soldaten marschiren läßt, sagte Kaunitz mit seiner gewohnten Ruhe, ist es nöthig, daß Ihre Majestät die Kaiserin einige Edicte erlasse, welche Ihre Unterthanen und die ganze Welt von dem Stand der Dinge und von Ihrem Recht in Kenntniß setze. Ich habe diese Edicte vorläufig schon aufgezeichnet und sie haben die Billigung Sr. Majestät bereits erhalten. Es fehlt nur noch die Genehmigung und die Unterschrift Eurer Majestät.
Und der Fürst zog aus seinem großen Muff ein Papier hervor, das er der Kaiserin darreichte. Maria Theresia nahm es seufzend und überflog das Geschriebene mit flüchtigen Blicken.
Es ist nur eine kurze gedrungene Auseinandersetzung der rechtmäßigen Ansprüche Oesterreichs auf Baiern, sagte Joseph hastig.
Ich sehe es wohl, seufzte die Kaiserin, Ihr habt's verstanden, die Rechtmäßigkeit auf dem Papier zu beweisen, Gott gebe, daß Ihr's auch im Leben könnt! Aber ich will Eure Edicte unterzeichnen, und Euch den Willen thun! Ueber Euch Zwei komme das Blut meiner Unterthanen, wenn die Sache mißlingt!
Sie griff hastig nach der Feder, welche Kaunitz ihr darreichte, und schrieb mit festen energischen Zügen ihren Namen unter das Papier.
Jetzt, rief Joseph aufjauchzend, jetzt ist Baiern unser Eigenthum!
Ja, auf dem Papier! sagte die Kaiserin seufzend. Wer weiß, ob es jemals in Wirklichkeit dahin kommen wird!