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VII.
Die Revanche

Feldmarschall Lacy hatte das Kabinet des Kaisers verlassen, und die Generäle und Stabsoffiziere zu sich berufend hatte er ihnen den Beschluß des Kaisers milgetheilt und mit ihnen die nöthigen Verabredungen getroffen.

Der Kaiser war allein geblieben, und ganz seinen trüben und schmerzlichen Gedanken hingegeben, war er lange in seinem Kabinet auf und ab gegangen. Dann trat er ans Fester und schaute mit düsterm Blick hinaus auf das Treiben seiner Soldaten.

Jetzt wissen sie es schon, sagte der Kaiser leise vor sich hin, jetzt ist es schon wie ein Unkenruf durch das Lager gegangen: »der Kaiser will keine Schlacht! Wir werden nicht über die Elbe gehen! Im Moment der That hat der Kaiser Furcht bekommen und wagt es nicht, dem alten Heldenkönig gegenüber zu treten!« – Ja, ja, so sagen und denken sie, meine tapfern Soldaten, ich seh's an den finstern Mienen, mit denen sie ihre schon halb abgebrochenen Zelte wieder ordnen. Sie singen nicht mehr bei der Arbeit, wie vorher, sie sind nicht mehr fröhlich und guter Dinge. Ihr Muth ist gebrochen, ach, und der meine auch! Und diese Schlacht, welche wir nicht geschlagen haben, nützt dem König von Preußen mehr, als es ein neuer Sieg würde gethan haben. Denn jetzt denken meine Soldaten: der Kaiser fürchtet sich vor dem König von Preußen, und da sinkt ihnen der Muth, und Friedrich der Zweite wird wieder das Schreckbild, vor dem die Oesterreicher fliehen! Oh Friedrich, Friedrich, wann wird denn für mich die Stunde der Vergeltung schlagen?

Ein leises Klopfen an der Thür ließ sich gerade in diesem Moment vernehmen, und auf das Herein des Kaisers erschien einer seiner Adjutanten, um zu melden, da draußen stehe ein Husar von den galizischen Regimentern, die unmittelbar an der Elbe, dem Lager des Königs von Preußen gegenüber, postirt seien, und verlange durchaus und mit dringendem Flehen, den Kaiser in's Geheim zu sprechen, weil er ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe.

So lassen Sie ihn eintreten und ziehen Sie sich alsdann zurück, sagte Joseph gelassen.

Der Adjutant zögerte. Sire, sagte er, dieser Mann hat ein gar finsteres und tückisches Ansehen, und ich wollte mir daher erlauben, Ew. Majestät anzuflehen, nicht allein mit ihm zu bleiben, sondern mir gnädigst zu gestatten, daß ich ihm zur Seite bleibe.

Ach, Sie glauben, daß dieser Mann hierher gekommen sei mich zu ermorden? fragte Joseph lächelnd.

Der Soldat ist ein Pole, bemerkte der Adjutant schüchtern.

Nein, er ist ein Oesterreicher, sagte der Kaiser stolz, denn Galizien ist eine österreichische Provinz. Ich fürchte meine Oesterreicher nicht. Lassen Sie also diesen Mann eintreten, ich will mit ihm allein sprechen.

Der Adjutant verneigte sich und trat in das Vorzimmer zurück. Alsbald hörte man da draußen das Klirren von Sporen, das Auftreten eines festen Schrittes, und in der Thür erschien eine hohe muskelkräftige Gestalt in der kleidsamen, phantastischen Tracht der galizischen Scharfschützen.

Der Kaiser erwiderte den militairischen Gruß des Soldaten mit einem leichten Kopfneigen und winkte ihm mit der Hand, näher zu treten. Ein zweiter Wink gebot dem Adjutanten, die Thür nach dem Vorzimmer zu schließen, und der Kaiser war jetzt allein mit dem Soldaten.

Jetzt sprich, sagte der Kaiser, und wenn Du mir etwas Wichtiges zu sagen hast, so sage es, denn ich habe Deinen Wunsch erfüllt, Du bist ganz allein mit mir.

Der Soldat richtete sein Haupt, welches er bis dahin ehrfurchtsvoll geneigt hatte, höher empor und blickte Joseph mit großen, blitzenden Augen an.

Bin gekommen, Ew. Majestät einen großen Dienst zu leisten, sagte er, aber Ew. Majestät müssen mir auch versprechen, daß Sie mich dafür belohnen wollen, wie es einem Kaiser geziemt.

Wenn Du mir wirklich einen großen Dienst leisten kannst, so soll auch Dein Lohn groß sein, mein kaiserliches Wort darauf, sagte der Kaiser ernst.

Der Soldat nickte. Ich nehm' Ihr Wort an, Herr Kaiser, und also hören Sie! Hab' die Wache auf dem Vorposten dicht an der Elbe. Hab' da oft gelegen, hinter dichtem Gebüsch versteckt, und während mich Niemand sehen konnt', hab' ich Alles gesehen und auf Alles Acht gehabt! Hab' also oft gesehen, daß der König von Preußen, so alt und gebrechlich er auch aussieht, doch ein gar muthiger und unerschrockener Herr ist, denn er wagt sich beim Recognosciren sehr weit vor, kommt oft ganz nahe heran bis zum Elbufer. Freilich weiß er und denkt er nicht, daß da drüben hinterm dichten Gebüsch Scharfschützen liegen, und daß ein guter Schütze ihn, wenn er so sorglos da drüben reitet, leicht vom Pferd holen könnt'. Was aber der König von Preußen nit gedacht hat, das habe ich gedacht.

Und was hast Du gedacht? fragte der Kaiser mit gespannten, erwartungsvollen Mienen.

Hab' gedacht, daß ich ein guter Schütze bin und daß meine Kugel noch nimmer ihren Mann verfehlt hat, und hab' auch darüber nachgedacht, was für ein berühmter, großer und reicher Mann ich doch werden müßt' und werden würd', wenn ich mir den König da drüben vom Pferd schöss' und damit Oesterreich von seinem schlimmsten und aufsässigsten Feind befreite und uns Allen endlich einen dauernden Frieden gäbe. Und wie ich das gestern wieder dacht', Herr Kaiser, da kommt just der König da drüben hervorgeritten auf seinem Schimmel. Grad' der Stelle gegenüber, wo ich, hinterm Gebüsch versteckt, auf Vorposten stand, macht er Halt; ganz deutlich konnt' ich sein blasses, runzlichtes Gesicht sehen, mit den großen, fürchterlichen Augen darin, die wie ein helles Höllenfeuer zu mir herüberblitzten. Den Krückstock hielt er in der Hand, und damit zeigt er vom Pferd aus herüber nach uns und fuchtelte mit dem Stock hin und her, just als wenn er seinen Generälen vormacht', wie er den Feind da drüben durchprügeln wollt'. Und wie ich das sah, da stieg mir's Blut in's Gesicht und ich richtet' mich auf in meinem Versteck und zog den Hahn an meinem Gewehr auf. Bin ein guter Scharfschütz, Herr Kaiser, und auf was ich anlege, das treffe ich auch.

Weiter, weiter, murmelte der Kaiser, als der Soldat jetzt schwieg und einen wohlgefälligen, lächelnden Blick auf seine Büchse warf, die ihm im Arme ruhte.

Nun also, ich hob meine Büchse und wollt' eben auf den König anschlagen, da fiel mir ein –

Da fiel Dir ein? fragte der Kaiser, dem der Angstschweiß in hellen Tropfen auf der Stirn stand.

Da fiel mir ein, daß es am Ende doch besser sein möcht', erst den Kaiser zu fragen, ob er's erlaubt, daß ich den König todt schieße, und was er mir dafür zum Lohn verspricht.

Ach, rief der Kaiser aufathmend, das war ein guter Gedanke von Dir!

Der Husar nickte. Hab' also still mein Gewehr wieder zurückgezogen, fuhr er fort, und gleich nach der Ablösung hab' ich den Hauptmann gebeten, mir auf sechs Stunden Urlaub zu geben, weil ich gern in's Lager gehen und da einen alten Bekannten von mir sprechen möcht. Das war keine Unwahrheit, Herr Kaiser, denn ich kenne Sie schon von damals her, als Sie Ihre Reise in Galizien machten. Da haben Sie ein Nachtquartier genommen im Dorfe Zacopane bei meinem alten Vater und haben ihn am andern Tage reichlich beschenkt, daß er noch ein Stück Ackerland mehr kaufen konnt' und mir erlaubte, mein Mädel zu heirathen und das Ackerland zu bewirtschaften. Bin also blos in's Hauptquartier gekommen, um meinen alten Bekannten, den Herrn Kaiser, zu sprechen, und nun bin ich da und frage: Wollen Ew. Majestät mir erlauben, daß ich meinen Anschlag ausführe? Wenn Sie's erlauben, so stehe ich Ihnen mit meinem Kopf dafür, daß der König von Preußen nicht acht Tage mehr leben soll. Ich hab' einen festen Arm, ein scharfes Auge und ich weiß ganz genau, wie weit meine Büchse mit Sicherheit trägt, denn sie hat schon manchem Bosniaken das Lebenslicht ausgeblasen.

Und was hat Dein Hauptmann zu Deinem Vorhaben gesagt? fragte Joseph.

Mein Hauptmann? Hab' ihm gar nichts gesagt von meinem Vorhaben. Werd' nit so dumm sein, irgend einem Menschen etwas davon zu verrathen, könnt' ja ein Anderer meinen schönen Einfall sich zu Nutze machen und mich um Lohn und Ehre bringen.

Demzufolge, fragte der Kaiser aufathmend, demzufolge bin ich der Einzige, den Du in Dein Vertrauen gezogen hast?

Der Allereinzige, Herr Kaiser, und ich denk', Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrauchen.

Nein, ich werde das nicht und zum Dank, daß Du Deinem Kaiser vertrautest, schenke ich Dir hier diese zwei Goldstücke.

Der Soldat nahm hastig das von dem Kaiser ihm dargereichte Geld und betrachtete es mit einem freudigen Lächeln, dann aber verfinsterte sich sein Gesicht und unter seinen buschichten Augenbrauen hervor einen düstern Blick auf den Kaiser werfend, sagte er: ist der Kopf des Königs von Preußen nicht mehr werth, als zwei Dukaten?

Er ist mehr werth als alle Dukaten, die ich in meinem Schatz hab', sagte der Kaiser ernst, und kein Mensch auf Erden kann ihn bezahlen. Hab' Dir blos den Weg bezahlen wollen, den Du hierher gemacht hast in's Hauptquartier, um mich zu sprechen. Aber ich werde Dich auch noch ferner belohnen, wenn Du mir feierlich zuschwören willst, daß Du keinem Menschen auf der Erde auch nur ein Wort von Dem verrathen willst, was Du mir anvertraut hast, und daß Du niemals wieder ein Wort davon über die Lippen bringen willst. Wenn Du mir dies feierlich zuschwören willst, so will ich Dich frei geben vom Dienst und Dich heute noch in Deine Heimath schicken, wo ich Dir eine Anstellung als Grenzjäger verspreche. Wenn Du aber Deinen Schwur brichst, so bist Du verloren und mußt Deine Schwatzhaftigkeit mit dem Tode büßen.

Herr Kaiser, ich werd' meinen Schwur nimmer brechen. Ich gelobe und schwöre, daß ich nimmer und zu keinem Menschen auch nur ein Wort von Dem erzählen will, was ich Ew. Majestät gesagt und anvertraut hab', und daß ich, so lange ich lebe, es als ein Geheimniß in meinem Herzen begraben will.

Schwöre mir das bei Gott und der heiligen Jungfrau.

Ich schwöre es bei Gott und der heiligen Jungfrau, rief der Soldat feierlich, indem er seine rechte Hand emporhob zum Himmel. Und jetzt, Herr Kaiser, da ich den Schwur geleistet hab' und Niemand also jemals außer uns Beiden etwas erfahren wird von Dem, was ich thun will, selbst nicht der Beichtvater in der letzten Beicht' – jetzt frage ich Ew. Majestät: wann soll ich den König herunter schießen und wann kann ich dann zurückgehen in meine Heimath?

Ein zürnender, glühender Blick des Kaisers traf den Soldaten. Soldat, sagte er mit lauter, feierlicher Stimme, das Geld, das ich Dir gegeben, bewahre zum ewigen Andenken daran, daß Dein Schutzgeist Dich gewarnt und noch zu rechter Zeit Deine Hand gehalten hat, als Du auf den König schießen wolltest. Siehst Du denn nicht ein, welche abscheuliche That Du begangen hättest, wenn dies gekrönte Haupt durch Dich gefallen wäre? Ich hoffe und glaube wohl, daß jeder brave Soldat sein Leben wagen wird, um in der Schlacht und im Gefecht den König gefangen zu nehmen, aber keiner, sage ich, wird so gottlos und heimtückisch sein, ihn aus dem Hinterhalt vom Pferde zu schießen und sich selber zu einem feigen Mörder zu erniedrigen.

Der Soldat starrte den Kaiser mit maßlosem Erstaunen an und kein Wort der Erwiderung kam über seine Lippen.

Der Kaiser fuhr fort: Ich will Dir aber Deinen bösen Gedanken diesmal noch verzeihen, weil Du ihn noch nicht zur Ausführung gebracht und weil Du Niemanden etwas davon gesagt hast außer mir. Wenn aber Dein Gedanke zur That geworden wäre, so hätte ich Dich noch heute als einen gemeinen und niederträchtigen Mörder ohne Absolution am Galgen aufknüpfen lassen. Danke also Gott, daß er Dich errettet und erlöst hat. Und nun kein Wort weiter davon! Es ist schon spät und Du kannst diese Nacht hier bleiben.

Aber ich hab' nur sechs Stunden Urlaub vom Hauptmann bekommen, sagte der Soldat hastig, ich muß also gleich wieder zurück.

Der Kaiser betrachtete ihn mit finstern, mißtrauischen Blicken. Ich werde selber dem Hauptmann Deine Entschuldigung bringen, sagte er. Zudem habe ich Dich ja eben vom Kriegsdienst freigesprochen und Dir zum Lohn für Deine Verschwiegenheit erlaubt, wieder in Deine Heimath zurückzukehren.

Und es bleibt wahr? rief der Soldat aufjauchzend; und das wollen der Herr Kaiser mir doch erfüllen, obwohl Sie mich eben so sehr gescholten haben, daß mir das Herz im Leib noch zittert?

Das will ich Dir gewähren, wenn Du mir versprichst, ein ordentlicher Mensch zu bleiben und niemals mehr einen Menschen, und wär's auch nur einen Bosniaken, aus dem Hinterhalt und anders als im offenen Krieg zu erschießen.

Das verspreche ich Ew. Majestät von ganzem Herzen, rief der Soldat feurig.

Dann kannst Du jetzt gehen, um zu essen und der Ruhe zu pflegen. Warte, ich will Jemand beauftragen, für Dich zu sorgen.

Der Kaiser klingelte und sofort öffnete sich die Thür und der Kammerdiener Günther trat ein. Günther, sagte der Kaiser, ich übergebe Dir diesen Mann, und so lange er hier bleibt, wirst Du ihn nicht einen Augenblick verlassen. Er wird mit Dir essen und bei Dir schlafen, und Du wirst dafür sorgen, daß er gut gepflegt wird!

Günther verbeugte sich und gab dem Soldaten einen stummen Wink, ihm zu folgen.

Joseph schaute den Beiden nach, bis die Thür sich hinter der hohen, muskulösen Gestalt des Soldaten schloß, dann hob der Kaiser seine großen, blauen Augen mit einem Blick unendlicher Dankbarkeit zum Himmel empor.

Mein Gott, flüsterte er, ich habe heute viel geklagt, und doch bist Du mir heute gar gnädig gewesen! Du hast meinen Namen vor ewiger Schande und vor dem Fluch der Mit- und Nachwelt bewahrt, denn wenn dieser Mensch seine entsetzliche That ausgeführt hätte, würde doch Niemand geglaubt haben, daß er sie allein ersonnen hätte! Was für ein Zetergeschrei würde man in der ganzen Welt erhoben haben, wenn ein österreichischer Soldat den König von Preußen erschossen hätte, fuhr der Kaiser fort, indem er mit großen Schritten, die Arme über der keuchenden Brust zusammengeschlagen, auf und ab ging; und wie würde man mit hohnlachender Verachtung auf mich gedeutet und gesagt haben, ich hätte den König feig aus dem Hinterhalt erschießen lassen, weil ich nicht den Muth gehabt, ihm auf offenem Felde entgegen zu treten! Mein Gott, das Leben des Königs von Preußen ist mir jetzt kostbarer, als mein eigenes Leben, denn sein Leben ist meine Ehre! Ich weiß es ja, die Verleumdung und der Neid der Welt ist immer bereit, wenn irgend ein außerordentlicher Todesfall in unserer Nähe geschieht, ihn Oesterreich aufzubürden. Hat nicht der Parteihaß den Kaiser Ferdinand beschuldigt, als Gustav Adolph bei Lützen fiel? Und als zu Ende des vorigen Jahrhunderts der baierische Churprinz Joseph Ferdinand, welcher Spanien als Erbschaft erhalten sollte, plötzlich starb, hat man da nicht in ganz Europa gesagt, der österreichische Gesandte in Madrid, Fürst Mansfeld, habe dem Tod den Weg gezeigt zum Schlafzimmer des kleinen Erben von Spanien? Oh, die Welt ist immer bereit gewesen, Oesterreich zu verleumden, und sie würde uns auch jetzt angeklagt haben, wenn dieser Unglückliche seine That ausgeführt hätte. Mein Gott, ich danke Dir, daß Du diese Schmach von mir abgewandt und meinen Namen behütet hast vor so furchtbarer Verleumdung! –

Aber wie? fuhr der Kaiser nach einer Pause fort, während er noch immer mit großen Schritten auf und ab ging, wie, wenn nun ein Anderer von den Scharfschützen das ausführte, was dieser nur beschlossen hatte? Wenn einer dieser wilden Grenzjäger in seiner Rohheit und Unwissenheit sich einbildete, daß es ein ebenso lohnenswerthes und gutes Stück Arbeit wäre, den König von Preußen zu erschießen, als die Pascher, Räuber und Wilddiebe, gegen die er an den Grenzen von Ungarn und Galizien Jagd zu machen hat?

Und wie der Kaiser das dachte, erbleichte er und der Angstschweiß stand auf seiner Stirn.

Ich muß durchaus ein Mittel ersinnen, den König und mich selber vor dieser furchtbaren Gefahr zu behüten, murmelte der Kaiser angstvoll in sich hinein, sein Leben und meine Ehre steht auf dem Spiel.

Lange noch, bis spät in die Nacht, vernahmen die Diener im Vorzimmer den raschen, unruhigen Schritt des Kaisers, und vergeblich harrte Günther des Rufs seines kaiserlichen Herrn, um ihm beim Auskleiden behülflich zu sein. Als er endlich es wagte, schüchtern und unhörbar die Thür des Cabinets zu öffnen, sah er den Kaiser in voller Uniform da drüben in dem Lehnstuhl sitzen. Das bleiche Haupt zurückgesunken an die hohe Lehne des alten Lederstuhls, die beiden Hände auf die breiten Seitenarme des Stuhls gelegt, war Joseph eingeschlafen. Ein bleicher Strahl der eben aufgehenden Sonne beleuchtete das Antlitz des Kaisers, das selbst im Schlummer noch den Ausdruck der Angst und Sorge beibehalten hatte.

Der treue Kammerdiener wagte es, sich dem Kaiser zu nähern und ihn leise zu berühren. Sire, sagte er mit flehender Stimme, Ew. Majestät sollten die Gnade haben, sich entkleiden zu lassen und ein wenig auf dem Feldbett auszuruhen. Es ist jetzt die vierte Nacht, daß Ew. Majestät die Kleider nicht verlassen haben.

Joseph hatte langsam seine Augen aufgeschlagen und schaute Günther mit sinnenden Blicken an. Hätte freilich die andern drei Nächte ruhig in mein Bett gehen und schlafen können, wie ein ehrsamer Spießbürger, der weiß, daß es nichts auf der Welt giebt, was seinen Schlaf beunruhigen wird, sagte er seufzend. Diese Nacht aber durft' ich mich nicht behaglicher Ruhe hingeben, und ich bin in den Kleidern geblieben, weil ich früh auf sein mußte. Mein Gott, fuhr der Kaiser wie von heftigem Schrecken ergriffen fort, was ist aus dem Grenzjäger geworden, den ich Dir zur Bewachung übergeben, und wie konntest Du es wagen, ihn so lange allein zu lassen?

Sire, er ist nicht allein, der zweite Kammerdiener schläft mit ihm zusammen auf einem Lager, und ich hatte die Thür, welche vom Vorzimmer in unsere Schlafkammer führt, geöffnet, so daß ich, während ich aufblieb und den Ruf Ew. Majestät erwartete, den Soldaten doch immer im Auge behielt. Er schläft ruhig und fest und scheint sehr glückliche Träume zu haben, denn er lacht und singt im Schlaf.

Laß ihn schlafen, Günther, und wecke ihn nicht, sagte der Kaiser aufathmend. Aber wenn er erwacht, so hab wohl Acht auf ihn, laß ihn mit Niemand sprechen und bleib immer an seiner Seite. Jetzt aber gieb mir einen Trunk frischen Wassers zum Frühstück.

Günther eilte hinaus und kehrte nach wenigen Minuten mit dem Verlangten zurück. Der Kaiser leerte das Glas auf einen Zug. Oh, sagte er dann erleichtert, wie wohl mir das thut, wie köstlich dieses Frühstück ist, welches mir der liebe Herrgott da unten in den geheimnißvollen Tiefen seiner Erde brauen läßt. Keiner meiner Köche ist im Stande, mir ein so wohlschmeckendes und gesundes Frühstück zu bereiten.

Und doch würde der Aermste von Ew. Majestät Unterthanen nicht damit zufrieden sein, sagte Günther, und Jammer und Noth würden sie schreien, wenn sie mit einem Glase Wasser zum Frühstück sollten abgefunden sein.

Die Menschen sind niemals zufrieden mit Dem, was sie leicht haben können, sagte der Kaiser lächelnd, und nur was zu erlangen ihnen Beschwerde macht, das scheint ihnen reizvoll und begehrenswerth. Wenn ich ihnen eines Tages die Brunnen zudeckte und verböte ihnen, Wasser zum Frühstück zu trinken, so würden sie von Stund an schreien, es gäbe kein schöneres Frühstück als Wasser, und ich sei ein Barbar, es ihnen zu verbieten. Wenn ich wollte, daß meine Unterthanen allesammt Assafödita zu ihrer Lieblingsspeise machten, so hätte ich nur nöthig, es ihnen zu verbieten, um sie rasend darnach zu machen. Aber siehe, da schickt die Sonne mir einen Strahl in's Fenster herein, der mich mahnen soll, daß es die höchste Zeit zum Aufbruch ist. Eile Dich, Günther. Man soll mein Pferd vorführen, einige Ordonnanzen sollen aufsitzen, und den Feldmarschall Lacy lasse ich bitten, sofort zu mir zu kommen, um mich auf einer Inspectionstour zu begleiten.

Eine Viertelstunde später verließ der Kaiser in Begleitung des Feldmarschalls Lacy und gefolgt von nur wenigen Ordonnanzen das Hauptquartier.

Sie werden sich schnell entschließen müssen, Freund Lacy, einen ziemlich weiten Ritt mit mir zu machen, sagte der Kaiser, indem er mit ungeduldiger Hand sein Pferd zu rascherem Lauf anfeuerte. Und hatten wir es nicht gestern schon im Sinne, heute früh auf zu sein, und aufzusitzen? Wir haben also Wort gehalten, nur daß unsere Armee nicht hinter uns ist, und daß die Fanfaren unser Herz nicht schwellen machen in Glück und Siegesvorahnung. Ach, Freund, was für schwache, thörichte Kinder sind wir Menschen doch alle! Meinen immer, uns selber unser Schicksal zu bestimmen, dünken uns so kühn, daß wir uns selbst unsern Himmel über uns wölben könnten, und sind doch gar armselige, winzige Geschöpfe, Liliputer vor den Augen Gottes, denn unsere Schwerter zerbricht er wie Stecknadeln, und meine glorreiche Kaiserkrone ist vor ihm nicht mehr werth, als das Stückchen Eierschale auf dem kahlen Kopf des Küchleins, das eben aus dem Ei gekrochen ist. Ach, Lacy, und was vermeint' ich nicht für einen schönen Himmel über mir gewölbt zu haben, einen Himmel, der mir nicht voll Geigen, sondern voll Schwerter und Lorbeerkränze hing, und nun genügt das bloße Rauschen eines Weiberrockes, um meinen Himmel mit solchem Gewitter zu verfinstern, daß die Schwerter alle zur Erde fallen und stumpf werden, und die Lorbeerkränze zu nichts mehr gut sind, als sich Suppe damit zu kochen für den verdorbenen Magen. Gestern hoffte ich, heute ein Held zu werden, und heute bin ich gar nichts, als ein Schulknab, der zur Strafe für einen übermüthigen Streich auf Erbsen knieen muß. Ach, und diese Erbsen thun meiner kaiserlichen Majestät so weh, daß ich schier aufschreien möcht' vor Jammer und Weh, wenn's nicht eigentlich gar so sehr zum Lachen wär', daß einem Kaiser, dem Feldherrn einer Armee, das geschieht. Mein Gott, so lachen Sie doch, Lacy, denn Sie sehen ja, daß ich mir alle Mühe gebe, Sie zu erheitern und Ihnen den Morgenschlaf aus den Augen zu bringen.

Ich sehe, Sire, daß Sie traurig sind, und ich kann nicht lachen, wenn Ew. Majestät leiden, sagte Lacy weich.

Der Kaiser schwieg eine Zeit lang und ritt langsam vorwärts. Lacy, sagte er dann ernst, fast feierlich, Lacy, ich habe Unrecht zu murren gegen mein Schicksal, das sich mir heute gar gnädig erwiesen hat. Ich erzähle Ihnen das ein andermal. Jetzt sagen Sie mir nur dies: glauben Sie, daß die Disciplin bei unsern Soldaten so mächtig ist, daß sie sogar die Gedanken des Menschen in ihnen zu unterdrücken vermöchte?

Ich glaube es nicht, Sire, ich bin davon überzeugt, erwiderte der Feldmarschall. So lange der Soldat im Dienst und in Reih und Glied ist, so hört sein freies, denkendes Menschenthum auf, und er ist nichts als ein willenloses Werkzeug in der Hand seines Vorgesetzten.

Darauf hatte ich gerechnet, und darauf habe ich meinen Plan gemacht, sagte der Kaiser leise vor sich hin. Kommen Sie rascher, Freund, wir wollen heute die ganze Kette der Vorposten besichtigen; ich habe da einen Befehl zu ertheilen, dessen Veranlassung ich Ihnen später mittheilen will.

Eben hatten sie den äußersten Vorposten erreicht; der Kaiser sprengte voraus bis dicht an das Ufer der Elbe und schaute mit spähenden, scharfen Blicken hinüber zu dem jenseitigen Ufer. Nichts ließ sich dort erblicken, öde und kahl lag das Land da, und nur am äußersten Horizont bemerkte man einzelne schwarze Punkte, welche vielleicht die äußersten Vorposten der Preußen bezeichnen mochten.

Der Kaiser winkte den commandirenden Officier der Vorposten zu sich heran. Wagen die Preußen sich über jene Linie da hinten hinaus? fragte er.

Es nähern sich täglich bedeutende Trupps weit vorwärts, Sire, sagte der Officier. Wahrscheinlich preußische Generäle, die der König zum Recognosciren ausgeschickt hat, und die einen Uebergangspunkt über die Elbe erspähen sollen. Oft kommen die Herren Preußen sogar dem Ufer ziemlich nahe, und die Grenzjäger, welche schärfere Augen haben als das beste Fernrohr, behaupten, daß fast immer der König selber unter den Recognoscirenden sei.

Es ist möglich, daß sie Recht haben, sagte Joseph rasch, und daß der König sich unsern Vorposten im Eifer der Recognoscirung nähert. Für diesen Fall will ich Ihnen einen Befehl ertheilen. Sobald die äußersten Wachen den König erkennen, sollen sie das Gewehr präsentiren, mit dem Säbel salutiren, und so lange stehen bleiben, bis der König nicht mehr zu sehen ist. Meine Soldaten sollen durch dies Salutiren die hohe Achtung bezeugen, die dem gekrönten Haupt, dem berühmten Feldherrn und meinem persönlichen Freund, gebührt. Ich verlange daher, daß dieser Befehl auf das Genaueste und Pünktlichste befolgt und jedesmal dem ablösenden Officier mitgetheilt werde. Des Kaisers eigene Worte. Siehe: Groß-Hoffinger I. S. 431.

Der Kaiser grüßte den Officier mit einem leichten Neigen des Hauptes und ritt weiter, die Elbe hinunter. Bei jedem neuen Vorposten blieb er stehen, überall wiederholte er ernst und scharf denselben Befehl, den er dem ersten Wachtposten gegeben, überall machte er es den Posten zur Pflicht, unterm Gewehr zu stehen, so lange sie des Königs ansichtig wären.

Spät erst am Nachmittag kehrte der Kaiser heim von dem beschwerlichen Ritt, dessen Anstrengung er indessen gar nicht empfunden zu haben schien, denn sein Antlitz war jetzt wieder so heiter und ruhig, wie es vor der Ankunft des Großherzogs von Toscana gewesen, und seine Augen strahlten im Feuer edler Begeisterung.

Lacy, sagte er, indem er den Arm des Feldmarschalls nahm und ihn in sein Gemach führte, ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig wegen meines heutigen Befehls, der Sie, wie ich wohl bemerkt habe, überraschte, und Ihnen eine zu weit getriebene Höflichkeit gegen meinen verhaßten Feind däuchte. Nicht wahr, es kommt Ihnen sonderbar vor, daß ich heute meinen Vorposten die äußerste und schmeichelhafteste Artigkeit gegen diesen Mann anempfehle, den ich als meinen gefährlichsten Feind betrachte, von dem ich Ihnen gestern noch mit so glühendem Haß sprach, und Ihnen schwur, daß ich Revanche an ihm nehmen wollte?

Wenn ich Ew. Majestät die Wahrheit sagen soll, so war ich allerdings ein wenig erstaunt über Ihre Sinnesänderung, sagte Lacy lächelnd. Ich dachte mir, Ew. Majestät hätten mir beweisen wollen, daß dieser Haß gar nicht so ernst gemeint sei und daß Ihr edles Herz gar nicht mehr daran denke, Revanche nehmen zu wollen.

Doch, Lacy, es ist mir gar sehr ernst mit meinem Haß, rief der Kaiser hastig, und ich halte meinen Schwur. Ich habe meine Revanche an dem König von Preußen schon genommen. Ich habe ihn vor der Kugel eines Mörders bewahrt! Diese ganze Begebenheit ist historisch. Siehe darüber Riedlers Archiv für 1831 und Groß-Hoffinger I. S. 427.


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