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IV.
Die heimlichen Friedensunterhandlungen

Finstere Trauer, stummes Entsetzen herrschte, seit der Kaiser zur Armee gegangen war, in der Kaiserburg in Wien. Die festlichen Räume und Gesellschaftssäle waren geschlossen, kein Ton der Freude, kein Lachen und Scherzen ward vernommen, bleich und verstört schlüpften die Diener und Dienerinnen über die Corridore, bleich, ernst und schweigsam weilten die Erzherzoginnen in ihren Gemächern, traurig und niedergeschlagen lag die Kaiserin Maria Theresia ihren Geschäften ob.

Aber nicht blos in der Kaiserburg, sondern auch in Wien war die Freude verstummt, begegnete man nur ernsten, sorgenvollen Gesichtern. Seit der Courier die Nachricht gebracht, der König von Preußen habe die böhmische Grenze überschritten und also den Angriff begonnen, war ganz Wien in banger Sorge, und angstvoll flüsterte Einer dem Andern in's Ohr: diesmal wird der König sich nicht begnügen, uns eine Provinz fortzunehmen! Diesmal wird er hierher kommen und Wien belagern, wie es vor hundert Jahren die Türken gethan!

Und dieses Geflüster erhob sich bald zum lauten Angstschrei, das seine unheimlichen Klagetöne durch alle Gänge und Zimmer der Kaiserburg erschallen ließ. Die Reichen und Besitzenden begannen schon ihre Pretiosen einzupacken und nach verborgenen Schlupfwinkeln zu suchen, wo sie ihr Geld vergraben könnten, und die Erzherzoginnen und die Damen des Kaiserhofes beschworen schon Maria Theresia mit Thränen der Angst, sie solle Wien verlassen und mit ihrem Hof und ihrer Familie nach Preßburg flüchten. Vergl. Dohms Denkwürdigkeiten Th. I. S. 137.

Aber Maria Theresia widerstand mit stolzem Muth diesem angstvollen Flehen ihrer Töchter und ihres Hofes. Ihr Auge, das jetzt fast immer von Thränen umdüstert war, blitzte einmal wieder auf in dem kühnen Jugendfeuer früherer Tage, und das Haupt stolz zurückwerfend, sagte sie: »Ich bleib' in Wien, und wenn der König von Preußen wirklich hierher kommen sollt', so will ich sterben als Kaiserin mit der Kron' auf dem Haupt und nicht als eine landflüchtige Frau, die um Alles gern ihr bischen Leben retten möcht'! Hab' just keine Freud' mehr am Leben, und liegt mir nichts dran, meine Tag' noch weiter zu schleppen, wenn sie meinen Kindern, meinem Land und meinem Volk nit mehr nutzen können. Schweigt also jetzt still, und red' mir Keiner mehr von Furcht, und wenn ich wein' und klag', so soll doch Niemand denken, daß die Maria Theresia jammert um ihr eigen Geschick, und zittert in feiger Furcht! Hab' nimmer in meinem Leben gezittert und nimmer persönliche Furcht gehabt! Aber jetzt zittre ich, denn dieser Krieg bedroht nicht mich, sondern mein armes Volk; es ist nit mein Blut, das vergossen werden wird, sondern das meines Volkes. Deshalb wein' ich und bin traurig, und deshalb wollen wir jetzt auch hingehen und zu Gott flehen, daß er diesen Jammer von uns abwenden, daß er Erbarmen haben möge mit mir und meinem Volk! Kommt, meine Töchter und Ihr Alle, meine Damen, laßt uns zur Kapelle gehen und beten.

Und zu beiden Seiten gelehnt auf den Arm der beiden Erzherzoginnen Christina und Elisabeth, schlug die Kaiserin den Weg nach der Kapelle ein. Hinter ihr her schlichen die Hofdamen und Kammerfrauen und der ganze Troß ihrer Dienerschaft mit niedergeschlagenen und gelangweilten Gesichtern, ganz entsetzt, schon wieder zu der Kapelle gehen zu müssen, welche man erst vor wenigen Stunden verlassen hatte.

Wann wird denn die Hauskapelle der Kaiserin vollendet sein? flüsterte eine der Hofdamen der andern ins Ohr. Wann werden wir endlich von dieser Marter erlöst werden, die Kaiserin vier bis fünfmal zur Kapelle begleiten zu müssen, um dort jedesmal beinahe eine Stunde auf den Knieen zu liegen und zu beten?

Eine Stunde lang? flüsterte die Andere. Danken Sie Gott, daß Sie gestern so glücklich waren, Ihre Migraine zu haben, und Ihr Zimmer nicht verlassen konnten. Ich hatte die Ehre, die Kaiserin mit der Erzherzogin Elisabeth zur Kapelle zu begleiten, und wir verweilten da so lange, daß mir die Prinzessin versicherte, sie sei zuletzt ihrer Sinne kaum noch mächtig gewesen und habe gar nicht mehr gewußt, was sie betete und antwortete. Und wie geht es der Erzherzogin Marianne heute? Wird sie nicht bald genesen sein und unsere finstern Vergnügungen theilen können?

Glauben Sie mir, flüsterte die erste Hofdame, die Erzherzogin Marianne ist zu gescheidt, um bald zu genesen. Aber für den Moment ist sie wirklich noch leidend; das Geschwür auf der Wange hat sich geöffnet und sich in eine große, tiefe Wunde verwandelt. Aber sie erträgt Alles mit vieler Fassung und Heiterkeit. Gestern empfing sie den englischen Gesandten, der kam, ihr eine Condolenz-Visite zu machen, und ihr in sehr beredten Worten sein Beileid ausdrückte, aber die Erzherzogin lachte. »Glauben Sie mir, sagte sie, für eine Erzherzogin, die vierzig Jahre alt ist und nicht verheirathet, ist ein Loch in der Wange ein Amüsement; denn kein Ereigniß, welches die Langeweile und die Gleichförmigkeit meines Lebens unterbricht, kann ein Mißgeschick genannt werden!« Der Erzherzogin eigene Worte. Siehe: The Courts of Europe at the Close of the last Century. By Henry Swinburne. Vol. I. p. 342.

Die beiden Damen lachten leise, aber als in diesem Moment die Kaiserin still stand und langsam ihr Haupt umwandte, verschwand sofort der frohe Ausdruck aus ihren Gesichtern, und eine frömmelnde Miene annehmend, falteten sie ihre Hände.

Waren Sie es, meine Damen, welche es wagten, die heilige Stille durch Geflüster und Gespräch zu unterbrechen? fragte Maria Theresia strenge.

Ja, Majestät, wir waren es, sagte die erste Hofdame. Wir bereiteten unsere Seelen durch gemeinschaftliches Gebet vor zu der heiligen Messe, und wiederholten uns die Gebete des Trostes und der göttlichen Barmherzigkeit.

Die Kaiserin nickte lebhaft mit dem Haupt. Weiß es wohl, daß Sie ein gar frommes und tugendhaftes Fräulein ist, sagte sie, und es freut mich absonderlich, daß Sie auch die Comtesse Julie auf einen bessern Weg gebracht hat, denn die pflegt sonst allzeit nit viel zu beten, und es ist mir lieb, daß sie jetzt sich geändert und erkannt hat, daß das Gebet und die Andacht allein im Stande sind, uns den Weg der Tugend wandeln zu lassen, und uns ohne Anfechtung zu erhalten auf der Bahn des Heils. Werd' Sie Beid' nit vergessen und schon dafür sorgen, daß Sie eine gute und standesgemäße Partie machen! Da ist der Baron von Palmöden, welcher eine Frau bedarf, und der Graf –

Aber die Kaiserin, welche über ihrem Lieblingsthema der Heirathen sogar einen Augenblick ihren Kummer und den Zweck ihrer Wanderung, vergessen hatte, unterbrach sich jetzt selbst und sagte mit ernstem Ton: Gehen wir zur Kapelle, meine Damen!

Länger als drei Stunden verweilte die Kaiserin dies Mal in der Kapelle, und während die Mehrzahl ihrer Damen, überwältigt von Ermattung und Langeweile, eingeschlafen waren, oder sich wach zu halten suchten, indem sie leise mit einander plauderten, lag die Kaiserin noch immer auf ihren Knieen, und betete mit aller Inbrunst einer gläubigen Seele. Indem sie betete, entstürzten Ströme von Thränen ihren Augen, und das laute Schluchzen, das krampfhaft aus ihrer Brust hervorquoll, unterbrach zuweilen die flehenden Worte, welche ihre zitternden Lippen stammelten.

Aber allmälig legte sich dieser Sturm ihrer leidenschaftlichen Traurigkeit, allmälig stockten ihre Thränen, und ihre Züge nahmen einen ruhigen, nachdenklicheren Ausdruck an; die Arme, welche sie bisher flehend empor gehoben zum Himmel, sanken herab in ihren Schooß, und die Lippen bewegten sich zu langsameren friedlicheren Gebeten.

Als die Kaiserin alsdann endlich von ihren Knieen sich erhob, hatte ihr Antlitz einen ernsten, entschlossenen Ausdruck, aber nichts von der trostlosen Traurigkeit und der tiefen Verzweiflung der verflossenen Stunden war mehr in demselben zu lesen. Sie schien einen entscheidenden Entschluß gefaßt zu haben, oder resignirt zu sein über ihr Geschick. Mit raschern Schritten, kaum noch gestützt auf die Arme ihrer Töchter, durchwandelte sie die Corridore, tief in Gedanken verloren, das leuchtende Auge in die Ferne und Weite gerichtet. Erst als sie vor der Thür ihrer innern Gemächer angelangt waren, wandte Maria Theresia sich an ihre Lieblingstochter, die Erzherzogin Christina.

Gelt, Christina, sagte sie mit einem Blick voll unendlicher Zärtlichkeit, hast viel geweint die letzten Wochen her? Bist trostlos und verzagt gewesen in Deinem armen Herzen?

Und kann das wohl anders sein, meine gnädigste Mutter? fragte Christine mit schnell hervorbrechenden Thränen. Hat nicht mein grausamer und ländergieriger Bruder meinen geliebten Gemahl gezwungen, ihn in diesen schlimmen und gefährlichen Krieg, den der Joseph wider göttliches und menschliches Recht begonnen, zu begleiten? Oh, meine Mutter, wollen Sie doch gnädigst bedenken, daß, wenn Ew. Majestät nicht ein Machtwort sprechen, und den Kaiser zwingen, Frieden zu machen, mein armer, theurer Gemahl vielleicht genöthigt ist, als Feind in Sachsen, in sein Vaterland einzubrechen, und zu kämpfen gegen die Söhne seines eigenen Landes.

Und indem die Erzherzogin sich auf ihre Kniee niederwarf, und ihre gefalteten Hände flehend zu der Kaiserin erhob, fuhr sie fort: oh meine Mutter und meine Kaiserin! Haben Sie Erbarmen mit dem Schmerz Ihrer unglücklichen Tochter! Ihre Güte und Liebe ist es, welche mir den Gemahl geschenkt hat, den ich grenzenlos liebe, schenken Sie mir ihn jetzt zum zweiten Mal, indem Sie diesem Krieg Einhalt thun, der ganz Deutschland mit Verderben bedroht, und meinen Gemahl zu einem Verräther an seinem eigenen Vaterlande, oder zu einem meineidigen Soldaten machen wird, der die Fahne verlassen muß, welcher er Treue geschworen! Haben Sie Erbarmen mit Ihren Kindern und Ihrem Lande, enden Sie diesen ungerechten Krieg, zwingen Sie den habgierigen Kaiser, die ungerechte Beute fahren zu lassen, und sich dem Willen Ew. Majestät unterzuordnen, wie es einem gehorsamen Sohn geziemt!

Die Kaiserin neigte sich mit einem sanften Lächeln zu ihrer Tochter nieder, und hob sie auf. Weine nicht mehr, meine Tochter, sagte sie, zärtlich ihre beiden Hände auf die Wangen Christinens legend. Es soll, so Gott will, noch Alles gut werden. Hab' heute mit aller Kraft meines Herzens zu Gott gefleht, daß er meine Seele erleuchte und mir sage, was ich thun und lassen soll. Und mein' auch, daß ich seine Antwort vernommen hab', und daß es seine Stimme gewesen, welche meinem Herzen Rath und Trost zugeflüstert. Was diese Stimme gesagt hat, das will ich thun, und wenn es uns zu einem glücklichen Ziele führt, so ist das alsdann Gottes Werk! Sei also ohne Furcht für Deinen schönen Gemahl, meine Tochter, Gott wird Alles zum Guten lenken! Aber laß auch in Deinem armen geängsteten Herzen keinen Groll aufkommen gegen Deinen Bruder Joseph! Er ist nit so schlimm und so störrisch, als Du sagst, sondern ist uns allzeit ein guter und gehorsamer Sohn gewesen, zweifle auch nicht, daß er es ferner sein wird! Geht jetzt, meine Töchter, überlaßt alle Eure Sorge Gott allein, er wird's schon machen.

Sie küßte Christine zärtlich auf die hohe, weiße Stirn, nickte der Erzherzogin Elisabeth einen freundlichen Abschiedsgruß zu und trat in ihr Cabinet zurück.

Als die Thür desselben sich hinter ihr geschlossen hatte, und sie allein und unbeachtet war, durcheilte die Kaiserin mit raschen Schritten das Gemach und trat zu dem Bilde ihres Gemahls hin. Lange schaute sie es an mit großen, starren Augen, und grüßte es mit einem sanften Neigen ihres Hauptes.

Hab' zu Gott gebetet, sagte sie leise, und jetzt bet' ich noch zu Dir, mein Franzel! Wenn das, was ich thun will, nit recht und gut ist, so sag mir's, mein Franzel, so flüstere mit Deiner lieben Engelsstimme ein einzig Nein, und ich werd's lassen, und meine Händ' in den Schooß legen, und Alles geschehen lassen. Oh mein Franzel, wenn ich schier verzagen wollt' und mich so einsam fühlt' und allein, da hab' ich oft in meinem Herzen Deine liebe Stimme gehört, und es ist mir gewesen, als ob ich auf meinen Lippen den sanften Hauch Deines Kusses fühlte, und als ob Du in mein Ohr flüstertest: »hebe Dein Haupt empor, meine Theresia, und geh' muthig weiter auf Deiner Bahn! Gott ist mit Dir, und das Auge Deines Franzel wacht über Dir!« – Oh sprich, sprich, mein Geliebter, gieb mir ein Zeichen, wenn ich das lassen soll, was ich vorhab'! –

Sie verstummte, und schaute mit gefalteten Händen und sehnsuchtsvollen Blicken zu dem Bilde des Kaisers empor. Eine lange Pause trat ein, nichts regte sich, kein Laut unterbrach die tiefe Stille in dem Gemach der Kaiserin.

Schaust mich immer noch an so mild und zärtlich, wie Du es sonst gethan, sagte sie endlich, und ein wunderbares Lächeln flog jetzt über Maria Theresia's Antlitz hin. Schüttelst nit Dein Haupt und räthst mir ab, flüsterst kein Nein in meinem Herzen? Will's denn glauben, daß Du mit mir zufrieden bist, und daß das, was ich thun will, das Rechte ist! So soll's denn auch rasch und eifrig gethan sein, und Deine Maria Theresia wird es noch einmal wieder beweisen, daß sie die regierende Kaiserin ist!

Sie nickte dem Bilde einen Abschiedsgruß zu und trat dann von demselben zurück. Eine feste Entschlossenheit, eine feurige Thatkraft leuchtete jetzt aus ihrem Angesicht, alle ihre Bewegungen hatten jetzt wieder die stolze, hoheitsvolle Energie früherer Tage.

Mit entschlossener Hand griff sie nach der silbernen Klingel, die auf ihrem Schreibtische stand, und schellte heftig. Sofort zeigte sich an der geöffneten Thür des Vorsaals das demüthige, fragende Gesicht des Kammerhusaren.

Mein Geheimsekretair Koch soll sogleich zu mir kommen, befahl die Kaiserin hastig. Auch soll man sofort meinen Wagen nach dem Baron Thugut senden. Ich lasse den Baron bitten, sofort zu mir zu kommen.

Das Gesicht des Kammerhusaren verschwand und wenige Minuten nachher trat der Geheimsekretair Koch, der vertraute und treue Diener der Kaiserin, in das Cabinet der Kaiserin ein. –

Eine halbe Stunde später wollte der Wagen der Kaiserin wieder in den Hof der Burg ein, der Kammerhusar trat in das Cabinet, und meldete den Baron von Thugut.

Die Kaiserin winkte hastig mit der Hand, ihn einzulassen, und auf der Schwelle ihres Arbeitszimmers erschien jetzt die kleine, gedrungene Gestalt des Baron Thugut.

Maria Theresia ging ihm mit ungewohnter Lebhaftigkeit einige Schritte entgegen ihre Wangen glühten vor innerer Erregung, und ein kühnes Feuer blitzte aus ihren Augen.

Hör' Er, und antwort' Er mir auf das, was ich Ihn fragen will, sagte die Kaiserin rasch. Aber eh' Er's thut, bedenk' Er wohl, daß Gott Seine Antwort hört, und daß er Ihn strafen wird, wenn Er eine Lüge spricht.

Ein seltsames, spöttisches Lächeln flog durch die harten eisernen Züge des Barons Thugut hin, und mit dem Tone leisen Spottes erwiderte er: Ew. Majestät wissen wohl, ich bin so lange im Reich der Ungläubigen gewesen, daß ich in gewissem Sinne selber ein Ungläubiger geworden bin! Ich glaube daher nicht ganz fest, daß Gott meine Antwort hören wird, aber ich weiß, daß Ew. Majestät sie hören wird, und das genügt! Ich werde also, das schwöre ich Ew. Majestät, aus wahrer und offener Ueberzeugung auf die Frage antworten, welche Ew. Majestät die Gnade haben wollen, mir vorzulegen!

Nun denn, was denkt Er von diesem Krieg um die baierische Erbfolge? Meint Er, daß es ein gerechter Krieg ist, und daß wir in demselben auch den Sieg erlangen werden?

Der Baron blickte die Kaiserin erstaunt an, und ließ dann seine kleinen dunklen Augen hinüber gleiten zu dem Tisch, an welchem der Geheimsekretair Koch saß, und eifrig mit Schreiben beschäftigt war.

Red' Er ohne Scheu, sagte die Kaiserin, welche diesen Blick Thuguts verstanden hatte. Der Koch ist ein treuer und verschwiegener Diener, und er kennt das Geheimniß, welches ich jetzt vorhabe. Sprech' Er also nur frei heraus! Was hält Er von diesem Krieg? Meint Er, daß wir im Recht sind, wenn wir Baiern nehmen?

Im Recht, Majestät? fragte Thugut mit seiner scharfen, schneidenden Stimme. Nur Der ist im Recht, der den Erfolg für sich hat, denn nur der Erfolg allein entscheidet. Der Herr von Schröter hat in einer gar gründlichen und gelehrten Schrift und mit vielen Actenstücken bewiesen, daß Oesterreich der natürliche und berechtigte Erbe Baierns ist; Kaiser Joseph und mein erhabener Protecor, der Fürst Kaunitz, haben den Deductionen des Herrn von Schröter Glauben geschenkt, und wollen, was der auf dem Papier bewiesen, jetzt auch durch die Praxis beweisen. Der König von Preußen hat natürlich Schröters herrliches Werk nicht gelesen, denn er liest keine deutschen Schriften, und haßt die deutsche Sprache, obwohl er jetzt für die sogenannte deutsche Freiheit ins Feld gerückt ist, und mit seinem Schwert einen Strich durch Herrn von Schröters Rechtfertigung Oesterreichs ziehen will. Alles kommt darauf an, wer von beiden Parteien nun siegen wird, denn der Siegende hat immer Recht. Wenn wir das Glück haben, den König von Preußen zu besiegen, und Baiern zu behalten, dann haben wir Recht gehabt, es zu nehmen, und Deutschland wird es zufrieden sein, denn Deutschland ist immer zufrieden mit dem fait accompli. Wenn aber unglücklicher Weise der König von Preußen uns besiegen und aus Baiern zurückdrängen wird, dann haben wir Unrecht gehabt, diesen Streit anzufangen, und durch ganz Deutschland, durch ganz Europa wird man Zeter schreien über Oesterreichs Habgier und Ungerechtigkeit!

Will mich der Möglichkeit solcher Gefahr nicht aussetzen, sagte die Kaiserin rasch. Will's nicht erleben, daß man uns anklagt der Habgier und des ungerechten Guts, sondern will Frieden haben mit Gott, meinem Gewissen und der ganzen Welt! Dazu soll Er mir behülflich sein!

Ein leises boshaftes Lächeln flog über Thuguts Antlitz hin. Ich zweifle, Ew. Majestät, sagte er, daß ich Gott und dem Gewissen gegenüber ein annehmbarer Vermittler bin, aber mit der Welt nehm ich's wohl auf, und wenn mich Ew. Majestät der gegenüber gebrauchen können, so habe ich die Ehre, Ew. Majestät meiner eifrigsten Dienstbeflissenheit zu versichern.

Er soll mir jetzt beweisen, sagte die Kaiserin, daß ich damals wohl Recht hatte, als ich Ihn im Knabenseminar traf, und um Seines schmucken Aussehens willen, und wegen Seiner guten Censur, Ihm seinen schlimmen Namen »Thunichgut« in den bessern »Thugul« verwandelte. Hoff' jetzt, daß er meinem Namen Ehre machen, und pünktlich und gut thun wird, was ich Ihm auftragen werd'! Will Ihn zu König Friedrich von Preußen als Unterhändler schicken.

Selbst der Baron Thugut, der Mann, welcher sonst sich zu rühmen pflegte, daß es nichts mehr auf der Welt gäbe, was ihn in Erstaunen zu setzen vermöchte, selbst Thugut konnte einen leisen Ausruf der Verwunderung nicht unterdrücken. Zu dem König von Preußen wollen mich Ew. Majestät senden? fragte er hastig.

Die Kaiserin nickte bejahend.

In diesem Augenblick ward die Thür des Vorzimmers geöffnet und der Kammerhusar brachte auf einem goldenen Teller zwei Briefe.

Die Antwort Sr. Durchlaucht des Fürsten Gallitzin, sagte er, indem er der Kaiserin die Briefe präsentirte.

Maria Theresia nahm sie hastig, und indem sie das eine nicht versiegelte Papier auseinander schlug, rief sie: jetzt haben wir Alles, was wir bedürfen, und Er kann und muß jetzt auf der Stelle abreisen. Da ist ein Paß für Ihn, als den Geheimsekretair des russischen Gesandten Fürsten Gallitzin; da ist ferner ein Brief von Gallitzin an den König, und Er ist der Ueberbringer dieses Briefes. Das ist der Vorwand, unter welchem Er zu dem König von Preußen geht!

Und die eigentliche Absicht dieser Reise? fragte Thugut.

Die wird Er wissen, sobald Er den Brief kennt, den Ich selber an den König geschrieben, und dessen Ueberbringer Er sein soll. Lese Er dem Herrn Baron jetzt sogleich mein Schreiben an den König vor, Koch!

Der Geheimsekretair erhob sich sofort und las: »Mein Herr Bruder und Vetter! Durch die Abberufung des Baron von Riedesel und durch das Einmarschiren der Truppen Eurer Majestät in Böhmen sehe ich mit äußerster Empfindlichkeit das Herannahen eines neuen Krieges. Mein Alter und meine Wünsche für die Erhaltung des Friedens sind aller Welt bekannt, und ich kann davon keinen reelleren Beweis geben, als durch den Schritt, den ich jetzt vorhabe. Mein mütterliches Herz ist geängstigt von dem Gedanken, zwei Söhne und einen geliebten Schwiegersohn bei der Armee zu haben. Ich thue diesen Schritt, ohne den Kaiser, meinen Sohn, davon in Kenntniß gesetzt zu haben, und welches auch der Erfolg desselben sein wird, so fordere ich doch, daß er vor aller Welt ein Geheimniß bleibe! Meine Wünsche gehen dahin, die Negotiationen wieder anzuknüpfen, welche der Kaiser bis jetzt dirigirt, und die er zu meinem lebhaftesten Bedauern wieder abgebrochen hat. Der Baron Thugut wird Ew. Majestät dieses Schreiben zu eigenen Händen übergeben; ich habe ihn mit den nöthigen Instructionen und Vollmachten versehen. Indem ich sehnlichst wünsche, daß Ew. Majestät meine Wünsche unserer Würde und Zufriedenheit gemäß erfüllen könnten, bitte ich Sie mit denselben Gefühlen dem lebhaften Verlangen zu entsprechen, welches ich hege, unser gutes Einvernehmen für immer wieder herzustellen zum Wohl der Menschen und auch unserer Familien, und verbleibe Eurer Majestät wohlgeneigte Schwester und Cousine Maria Theresia.« Das Original dieses Briefes, der in französischer Sprache geschrieben ist, befindet sich in Groß-Hoffinger: Lebens- und Regierungsgeschichte Josephs II. Th. IV. S. 39.

Jetzt begreift Er, nicht wahr, was ich von Ihm will? fragte die Kaiserin.

Ew. Majestät wollen, daß ich den Frieden zu Stande bringe, sagte Thugut. Aber welche Art von Frieden? Bedingungsweisen Frieden, oder Frieden um jeden Preis?

Ein zorniger Blitz ihrer glühenden Augen traf das Antlitz des verwegenen Fragers. Ist Oesterreich in der Lage, daß es den Frieden um jeden Preis annehmen muß? fragte sie stolz.

Nein, Majestät, es ist in der Lage, daß es sogar den Krieg um jeden Preis annehmen kann, und wie mir scheint, hat sich der Kaiser einen ziemlich hohen Preis gestellt. Das schöne Baiern ist es wohl werth, einen Krieg für dasselbe zu wagen! Aber, erlauben mir Ew. Majestät noch Eine Frage: was wird der Kaiser, was werden Lacy und Laudon mit der Armee thun, während wir unterhandeln?

Sie werden warten, sagte die Kaiserin hastig. Hab' an meinen Sohn, den Herzog von Toscana, geschrieben, der soll zum Kaiser in's Lager reisen und sein Gemüth besänftigen, denn er wird zuerst gar zornig werden, wenn er erfährt, was wir gethan haben. Bin aber immer noch die regierende Kaiserin, und bin Gott allein verantwortlich für meine Thaten! Werd' also dem Kaiser und meinen Feldmarschällen und Generälen befehlen, alle feindlichen Attaquen zu vermeiden und keinen Angriff zu machen. Erst wenn, was ich nit fürchten mag, die Unterhandlungen sich wieder zerschlügen, erst dann müssen wir den Krieg mit Ernst und Nachdruck führen. Dann ist für den Kaiser die Zeit gekommen zu handeln, und für mich zu beten! Aber wir wollen zuerst für unsere kranken Zustande die heilsame Arznei der Friedensunterhandlungen versuchen, und erst wenn die nit anschlagen, ist's Zeit, mit einer blutigen Operation die Heilung zu wagen.

Ew. Majestät haben Recht, sagte Thugut mit einem grausamen Lächeln, was Arzeneien nimmer heilen, das heilt das Eisen, und wo kein Eisen mehr hilft, hilft das Feuer. Thuguts eigene Benutzung des alten ärztlichen Spruches. Siehe Hormayr: Beiträge zur Vaterländischen Geschichte. Sind die Bedingungen, welche ich im Namen Ew. Majestät dem König von Preußen zu machen habe, lindernde Arzenei, Eisen oder Feuer?

Sie sind Balsam, wie ich hoffe, rief die Kaiserin, und ich denk' damit die Wunden zu heilen, welche der unselige Krieg schon jetzt meinem Lande geschlagen hat. Hab' dem Koch meine Propositionen dictirt, und Er kann sie jetzt mit mir durchgehen. Dann aber eil' Er sich abzureisen, denn mich verlangt sehr eine baldige Antwort vom König von Preußen zu erhalten, und der Welt den Frieden zu sichern.


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