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V.
Der Bruderzwist

Alle Vorbereitungen waren beendet, alle Ordres und Parolen ausgetheilt. Noch einmal war der Kaiser im Laufe des Tages in Begleitung Lacy's und seines Generalstabes durch das Lager geritten, um Alles selbst zu prüfen, und selbst in Augenschein zu nehmen. Ueberall hatten sie ihm freudig entgegen gejauchzt, und überall hatten ihm die Officiere versichert, daß die Soldaten glühten vor Kampfbegier und sich danach sehnten, der preußischen Armee entgegen zu ziehen, um eine entscheidende Schlacht zu wagen.

Und dieser Wunsch der Soldaten sollte endlich in Erfüllung gehen! Sechs Monate waren vergangen mit Unterhandlungen, mit kleinen Scharmützeln und einem unnützen Federkrieg. Die deutschen Gelehrten hatten sich die Hände wund geschrieben über das Recht oder Unrecht Oesterreichs, die Höfe und Cabinette aller europäischen Staaten hatten ihre Diplomaten in Bewegung gesetzt, um mit den Künsten der Diplomatie die Zwistigkeiten der beiden größten Staaten Deutschlands zu schlichten. Aber diese Künste sowohl, als die Gelehrsamkeit der Juristen war dies Mal zu Schanden geworden, und hatte nicht ein Haarbreit an der Sachlage des Streits geändert. Oesterreich behauptete nach wie vor im Recht zu sein, indem es Baiern als Erbschaft sich zu eigen machte, und Preußen, das sich zum Ritter und Retter des bedrohten Baierns aufgeworfen, erklärte nach wie vor, es werde es nicht dulden, daß Oesterreich der deutschen Reichsverfassung und, allem göttlichen und menschlichen Recht zum Hohn sich ein deutsches Land mit Gewalt zueigne, für dessen Besitz natürliche und berechtigte Erben vorhanden seien.

Aber jetzt sollte dieser Zwist endlich sich zu einem offenen und ehrlichen Schwerterkampf erheben, endlich sollte es vorbei sein mit der Zauderpolitik und der Unschlüssigkeit. Der König von Preußen hatte die Entscheidung herbeigeführt, er hatte die Grenzen Oesterreichs überschritten, und dieses hatte jetzt wohl das Recht und die Pflicht, diese ihm angethane Beleidigung zu rächen und den Feind aus seinem Lande zu vertreiben.

Endlich also sollte es jetzt zur Schlacht kommen! Selbst Lacy's abmahnende Stimme war verstummt, und er wagte es nicht mehr, dem Kaiser von weiser Zurückhaltung und klugem Zaudern zu predigen. Er las in den flammenden Augen und dem freudigen, stolzen Lächeln des Kaisers, daß alle Abmahnungen der Weisheit jetzt vergeblich sein, oder daß sie nur zur Folge haben würden, den ungestümen Sinn des Kaisers zu reizen und ihn zu voreiligen Thaten und zu allzuraschem Handeln zu verleiten. Mit kühnem Geist und tiefer Sachkenntniß hatte der Kaiser selbst den Schlachtplan entworfen, und seine Generäle hatten ihn gutgeheißen.

Drüben am andern Ufer der Elbe stand der König von Preußen mit seinem Heer bei Lauterwasser, wohin er es von Nachod vorgeschoben, vergeblich nach einem Uebergangspunkt über die Elbe spähend und überall der Gefahr ausgesetzt, bei solchem Uebergang von der österreichischen Armee, die jenseits hinter Redouten und hinter dem Wall stand, den die Natur ihr in dem steilen Elbufer aufgeworfen, überfallen und mit einer Niederlage zurückgeworfen zu werden.

Was der König von Preußen daher nicht wagen durfte, das wollte der Kaiser jetzt unternehmen. Er wollte mit seiner Armee über die Elbe gehen, alsdann dem König entgegenziehen und ihn zu einer Schlacht zwingen. Sobald also die Nacht angebrochen war, sollten die Colonnen sich in Bewegung setzen, um weiter abwärts an einer seichten und bequemen Stelle die Elbe zu durchwaten und dann am jenseitigen Ufer im Geschwindmarsch so weit vorzurücken, daß, wenn der Tag anbrach, die Armee den Preußen schlagfertig gegenüber stand.

Der Kaiser hatte also, wie gesagt, noch einmal mit seinen Generälen einen Ritt durch das Lager gemacht, um zu sehen, ob alle seine Befehle und Anordnungen pünktlich ausgeführt worden. Ueberall hatte er die prompteste Ordnung und Kriegsbereitschaft gefunden, überall hatten ihm die Truppen entgegen gejubelt und ihm mit lautem Zuruf dafür gedankt, daß er sie endlich zur Schlacht führen wollte.

Wir werden siegen, ich fühl's, wir werden siegen, sagte der Kaiser zu Lacy, als er sich wieder mit ihm in seinem Cabinet befand. Eine unaussprechliche Freudigkeit ist in mir, wie ich mir denke, daß man sie nur nach einer gewonnenen Schlacht oder vor seinem Tode empfinden kann!

Vor seinem Tode? fragte Lacy erstaunt. Ew. Majestät meinen, daß man seinem Tode mit Freudigkeit entgegen geht?

Und warum sollte man das nicht? rief der Kaiser mit einem schönen Lächeln. Wenn man stirbt, hat man da nicht die größte und blutigste Schlacht gewonnen, hat man da nicht das Leben überwunden und besiegt? Muß man da also nicht voll Freudigkeit sein, und in jauchzender Siegerlust?

Solche Worte klingen traurig aus dem Munde Ew. Majestät, sagte Lacy seufzend. Ihnen muß das Leben noch in allem Glanz einer strahlenden Hoffnung entgegenleuchten, und nur ein Greis, der viel gelitten hat in einem langen und entblätterten Leben, nur der kann einen so düstern Ausspruch über das Leben thun.

Ich habe auch viel gelitten, Lacy, sagte der Kaiser, indem er seine Hand sanft auf des Grafen Schulter legte und ihn freundlich anschaute. Ich bin noch jung, meinen Sie, aber glauben Sie mir nur, ich habe mehr gelitten in meinen jungen Jahren, als ein Greis im Lauf eines langen Lebens, und alle meine persönlichen Wünsche und Träume von Glück sind schon entblättert. – Aber alles dies ist jetzt vergessen, der morgende Tag wird Alles ausgleichen! Ich werfe meine Vergangenheit zu den Todten und beginne ein neues Dasein, und trete ein in eine neue Welt. Oh, mein Freund, begreifen Sie denn mein ganzes Glück? Ich soll nicht mehr dazu verdammt sein, ein müßiger Zuschauer zu sein, und zu zehren von den Titeln und Würden, welche der Zufall mir in meine Wiege gelegt? Ich soll es endlich versuchen dürfen, mir selber ein wenig Ruhm zu erwerben, und zu beweisen, daß ich es wohl werth bin, von einem Lacy und einem Laudon Freund genannt zu werden. Jetzt bin ich nicht mehr blos der Mitregent, jetzt bin ich der Soldat, und will's Gott, werde ich mir morgen einen Lorbeer erobern, den ich als herrlichsten Schmuck um meine durchlöcherte Krone legen will. Oh wie lange habe ich einem solchen Tage entgegen geseufzt, und wie habe ich dem Schicksal gegrollt, daß es mir denselben nicht schenken wollte! Wie vieler Jahre hat es bedurft, um mich jenen fürchterlichen Tag vergessen zu lassen, wo die Kaiserin die mir schon gewährte Erlaubniß zurücknahm, und mich nöthigte, daheim zu bleiben, statt in's Feld zu rücken gegen König Friedrich von Preußen, der uns Schlesien nahm. Damals empfing mein Herz einen Stoß, von dem es sich nie wieder ganz erholt hat, und der mich jedesmal geschmerzt hat, wenn ich der Kaiserin, meiner Mutter, zur Seite stand. Aber heute ist diese alte Wunde verharrscht, und das Bewußtsein, einer neuen schönen Zukunft entgegen zu gehen, erfüllt mich jetzt mit einer unendlichen Wonne und Genugthuung. Jetzt möchte ich meiner Kaiserin alle die Vorwürfe und den Groll, den ich früher heimlich in meinem Herzen gehegt, vergeben, und selbst den Jesuiten und Priestern, die damals Schuld daran waren, daß ich nicht zur Armee durfte, selbst Denen könnt' ich heute ein freundlich Gesicht machen! Heute liebe ich die ganze Welt und –

Der Kaiser unterbrach sich und schaute starren Blickes hinüber nach der Thür, welche sich eben geöffnet hatte, und auf deren Schwelle jetzt ein junger Mann erschien, dessen Antlitz, obwohl ihm die glänzenden Augen des Kaisers fehlten, doch eine große Familienähnlichkeit mit dem Josephs zeigte.

Der Großherzog von Toscana! rief Feldmarschall Lacy erstaunt.

Mein Bruder Leopold! sagte Joseph mit leiser, zitternder Stimme, aber ohne dem Großherzog entgegen zu gehen, ohne ihm die Hand zur Begrüßung darzureichen.

Das bleiche, kränkliche Antlitz des Großherzogs verfinsterte sich, und das Lächeln verschwand von seinen blassen schmalen Lippen.

Ew. Majestät laden mich nicht ein, näher zu treten? Sie heißen mich nicht willkommen? fragte er düster.

Der Kaiser hielt noch immer seine großen flammenden Augen starr und unverwandt auf ihn gerichtet, und vor seinen scharfen, forschenden Blicken schlug Leopold jetzt die Augen nieder.

Mein Bruder, rief Joseph heftig, Sie sind hierher gekommen, um mir eine schlimme Botschaft zu bringen!

Ich bin gekommen, um Ew. Majestät zu begrüßen und einige Stunden des Zusammenseins mit Ihnen zu genießen, sagte der Großherzog gelassen, indem er, ohne eine weitere Einladung seines Bruders abzuwarten, die Thür hinter sich schloß und weiter in das Zimmer vorschritt.

Nein, nein, rief der Kaiser, das ist nicht wahr! Es ist nicht die bloße Sehnsucht, mich zu sehen, welche Sie veranlaßt hat, hierher zu kommen. Sie sind mir niemals ein so zärtlicher Bruder gewesen, daß ich das glauben dürfte! – Und indem er jetzt dem Großherzog hastig einige Schritte entgegen trat, fuhr er fort: Ich beschwöre Sie, mein Bruder, haben Sie Mitleid mit mir, sagen Sie mir, weshalb Sie kommen? Sie haben Aufträge und Briefe von der Kaiserin, nicht wahr?

Ich bin allerdings der Ueberbringer eines Briefes von unserer kaiserlichen Mutter, sagte Leopold sanft, auch geruhten Ihre Majestät, mir mehrere mündliche Aufträge an Ew. Majestät zu ertheilen, aber –

Nun, – aber? fragte Joseph, als sein Bruder stockte.

Aber ich muß wünschen und bitten, daß Ew. Majestät mir für dieselbe eine geheime Audienz bewilligen wollen!

Wenn Ew. Majestät erlauben, werde ich mich zurückziehen, sagte Lacy, rasch auf die Thür zuschreitend.

Joseph nickte ihm stumm einen Abschiedsgruß zu und blickte ihm nach, bis die Thür sich hinter ihm schloß. Dann wandte er seine Augen, in denen jetzt ein düsteres Feuer glühte, wieder auf das blasse, verlegene Angesicht seines Bruders hin.

Jetzt, mein Bruder, sind wir allein, sagte er athemlos, jetzt, – aber nein, sprechen Sie noch nicht! Gönnen Sie mir noch einen Moment der Sammlung! Mein Gott, es müssen sehr schlimme Aufträge sein, wenn die Kaiserin Sie sandte, um sie auszurichten! Still, ich bitte, still, sagen Sie kein Wort! Lassen Sie mich erst Ruhe gewinnen!

Ich erwarte Ihre Befehle, reden zu dürfen! sagte Leopold, sich ehrfurchtsvoll verneigend.

Der Kaiser ging mit hastigen Schritten einigemal auf und ab, seine Wangen waren bleich geworden, seine Lippen zitterten, und schwer und keuchend kam der Athem aus seiner Brust hervor.

Luft, Luft, murmelte er leise. Ich habe ein Gefühl, als sollte ich ersticken! – Er näherte sich dem Fenster, und es öffnend, athmete er in langen Zügen die kalte Winterluft ein, die sich wie kühlender Balsam auf seine brennend heiße Stirn legte.

Alsdann drückte er das Fenster wieder zu und wandte sich an den Großherzog, welcher mit übereinandergeschlagenen Armen ruhig neben der Thür an der Wand lehnte.

Jetzt, mein Bruder, sagte Joseph beklommen, jetzt bin ich bereit, zu hören. Haben Sie die Güte, zu sprechen.

Nun denn, Ew. Majestät, so bitte ich vor allen Dingen um Entschuldigung, wenn das, was ich zu sagen gezwungen bin, nicht den Beifall Eurer Majestät gewinnen sollte, bat Leopold mit sanfter einschmeichelnder Stimme.

Joseph warf einen raschen, forschenden Blick auf das verlegene Antlitz seines Bruders. Sie sind vollkommen entschuldigt, mein Bruder, sagte er fast verächtlich. Ihre Botschaft scheint Ihnen selber schwer genug zu werden. Führen wir die Dinge also rasch zu Ende! Geben Sie mir die Briefe der Kaiserin, und sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben!

Der Großherzog nahm einen dicken versiegelten Brief aus seiner Brusttasche hervor und reichte ihn dem Kaiser.

Hier ist der Brief der Kaiserin, oder vielmehr die Briefe, welche sie Ew. Majestät zur Einsicht sendet! Aber um dieselben zu verstehen, müssen Sie erlauben, daß ich einige erläuternde Worte vorausgehen lasse. Die Kaiserin hat es vorgezogen, statt Ihnen selber ausführlich zu schreiben, mich zu beauftragen, Ihnen alles das zu sagen, was sich schwer schreiben läßt.

Die Kaiserin hat Furcht gehabt, murmelte Joseph in sich hinein.

Ja, Furcht, eine ungerechte Handlung zu begehen, sagte Leopold mit leiser, frömmelnder Stimme, Furcht, Gott zu beleidigen, indem sie einen Krieg begönne, dem der Segen Gottes fehlte, Furcht, wider die Gebote Gottes zu sündigen, welche verbieten, seines Nachbars Hab und Gut sich widerrechtlich anzueignen!

Oh, mein Bruder, jetzt sind Sie wieder ganz Sie selbst, rief Joseph höhnisch, ganz der Sohn und Diener der frommen Priester, deren schönes baierisches Nest ich bedrohte, und die darum Tod und Verderben gegen mich speien! Ich sehe es schon, wenn ich morgen das Unglück haben würde, in der Schlacht zu fallen, so werden Sie, mein Erbe und Nachfolger, sich beeilen, Frieden zu schließen, und dem König von Preußen, und der wahnwitzigen Amazone Herzogin Clemens und den armen Baiern ihren Willen zu thun, indem Sie unser Erbe fahren ließen und das schönste Stück von Deutschland den Jesuiten und Pfaffen als Beute überließen. Oh, das würde Ihnen Heil und Ehre bringen bei den heiligen Schwarzröcken, die Ihnen ohne Zweifel dann ewigen Ablaß gewähren würden für alle Ihre großen und kleinen Sünden, von denen Ihre Gemahlin nichts wissen darf! Aber hoffen Sie nichts, ich werde den morgenden Tag überleben, ich werde dem König von Preußen eine Schlacht liefern, in der ich Sieger zu bleiben hoffe.

Sie wollen morgen eine Schlacht liefern? fragte Leopold.

Das denke ich zu thun, rief Joseph mit strahlenden Augen.

Dann war es die höchste Zeit, daß ich kam, sagte Leopold feierlich, die Gnade Gottes hatte meine Schritte noch zur rechten Zeit hierher geleitet, um den Gräueln des Krieges zuvor zu kommen! – Mein Bruder, die Kaiserin läßt Sie beschwören, nicht weiter zu gehen auf Ihrem Wege. Mit den Thränen und Gebeten einer zärtlichen Mutter fleht sie zu Ihnen, abzulassen von Ihrem Werke. Mit dem Ernst und der Macht einer regierenden Kaiserin befiehlt sie Ihnen, das Schwert in die Scheide zu stecken und zu warten auf das Resultat der Unterhandlungen, welche die Kaiserin so eben mit dem König von Preußen begonnen hat.

Der Kaiser stieß einen wilden Schrei aus und eine dunkle Gluth ergoß sich über sein Angesicht. Die Kaiserin hat Unterhandlungen angeknüpft? fragte er. Ohne mein Wissen, ohne meine Zustimmung?

Die Kaiserin bedarf keiner Zustimmung zu Dem, was sie unternimmt, sie allein ist die Selbstherrscherin; kraft ihres Willens und ihrer Macht hat sie die Unterhandlungen wieder aufgenommen und hofft sie zu einem glücklichen Ende zu führen.

Das ist nicht wahr, das ist nicht möglich! rief Joseph glühend. So fürchterlich kann mich meine Mutter nicht demüthigen, so grausam kann sie mich nicht verhöhnen wollen, daß sie das Schwert, welches sie selbst in meine Hand gelegt, jetzt zu einer Ruthe machen will, mit welcher sie meine Ehre zu Tode geißelt. Nein, es ist nicht wahr, es ist eine elende, erbärmliche Priesterlüge, und ich glaube ihr nicht. Maria Theresia hat ein edles, großmüthiges Herz, eine starke, muthige Seele, sie wird nicht feige zurückbeben vor der Gefahr! Dieses Alles ist eine elende List der Pfaffen und Jesuiten, und Maria Theresia weiß nichts davon, nur mein frommer Bruder Leopold war es fähig, eine solche Botschaft von seinen Beichtvätern, den Herren Jesuiten, zu übernehmen, die eine solche List erfunden haben. Aber diesmal sind Sie gescheitert mit Ihrer frommen Weisheit, mein Bruder, ich glaube Ihrem frommen Mährchen nicht. Nehmen Sie hier Ihr Paket zurück! Es ist nicht die Handschrift der Kaiserin, welche die Adresse geschrieben hat.

Es ist die Handschrift ihres Geheimschreibers Koch.

Ich bin nicht verpflichtet, seine Handschrift zu respectiren, und habe jetzt keine Zeit, mich mit albernen Späßen zu belästigen. Warten wir damit bis übermorgen. Nach einer gewonnenen Schlacht ist man mild und versöhnlich gestimmt, und deshalb verspreche ich Ihnen, übermorgen herzlich zu lachen über diese Intrigue, welche Sie da mit Ihren frommen Pfaffen ausgeheckt haben, und dann auch dieses Paket zu entsiegeln und die Aechtheit oder die Unechtheit seines Inhalts zu prüfen. Aber heute nicht! Nehmen Sie Ihr Paket zurück, denn ich habe keine Zeit, mich damit zu beschäftigen, ich habe ernstere Dinge zu thun! Aber bleiben Sie bei uns, nicht als der Abgesandte der Priester und Frommen, sondern als der Bruder des Kaisers, welcher morgen das Glück haben wird, seine erste Schlacht zu schlagen und seine ersten Lorbeeren zu gewinnen. Um dieser schönen Aussicht willen bin ich bereit, Alles zu vergessen, was Sie gesagt haben, und Sie nur anzusehen als meinen geliebten Bruder, der gekommen ist, Zeuge zu sein von den Heldenthaten der Armee und von dem wenn auch geringen Talent seines Bruders, Schlachten zu führen! Geben Sie mir Ihre Hand, Leopold, vergessen wir alles Andere, am Vorabend einer Schlacht wollen wir uns erinnern, daß wir Brüder sind und daß wir uns lieben!

Aber dies ist nicht der Vorabend einer Schlacht, rief Leopold heftig, die Kaiserin befiehlt Ihnen inne zu halten und das Ende der Unterhandlungen abzuwarten.

Ich sagte Ihnen schon, daß ich diese Intrigue durchschaue und an dieses Märchen nicht glaube.

Und ich brachte Ihnen diese Papiere, welche Sie überzeugen sollen, daß dieses Märchen Wahrheit ist! Sie wollen diese Papiere nicht lesen?

Nein, ich will es nicht!

Nun denn, so werde ich es thun, rief Leopold, indem er mit einer heftigen Bewegung das Couvert öffnete und die Papiere herausreißend eines derselben dem Kaiser darhielt.

Hier, lesen Sie! sagte er laut und hart. Die Kaiserin befiehlt es Ihnen durch meinen Mund, und als ein guter und gehorsamer Unterthan werden Sie gehorchen!

Ich werde Allem gehorchen, was die Kaiserin mir befiehlt, rief Joseph, nur muß ich gewiß sein, daß sie es wirklich ist, welche befiehlt. In diesem Falle aber zweifle ich nicht allein, sondern ich bin überzeugt, daß nicht meine Mutter, nicht die hochherzige Maria Theresia es war, welche Ihnen diese Aufträge gegeben.

Ueberzeugen Sie sich, sagte Leopold ruhig, ihm immer noch das Blatt darreichend. Es ist ein von der Kaiserin eigenhändig geschriebenes Billet an Sie, mein Bruder. Wenn Sie kein Rebell sind, werden Sie es lesen!

Joseph warf auf das bleiche, harte Antlitz seines Bruders einen angstvollen, flehenden Blick. Sie wollen also kein Erbarmen haben, mein Bruder? fragte er. Sie wollen meine Angst, meine Weigerung, meine Verzweiflung nicht verstehen? Hören Sie, Leopold, noch ist es Zeit, beweisen Sie mir ein einzig Mal, daß Sie mich lieben, oh nur dies Eine Mal. Bedenken Sie mein armes, freudenloses Leben, meine einsame Jugend, haben Sie Mitleid mit meinem armen oft gedemüthigten und enttäuschten Dasein, gönnen Sie mir endlich einen Tag des Triumphes, des selbstständigen Handelns, einen Tag des Ruhms und der Freude!

Und was verlangen Ew. Majestät von mir? Was soll ich thun? fragte der Großherzog.

Der Kaiser trat dicht an ihn heran, und ihm beide Hände auf die Schultern legend, schaute er ihn mit tiefen zärtlichen Blicken an. Die Majestät verlangt nichts von Dir, sagte er sanft, aber der Bruder bittet Dich, habe Mitleid mit ihm. Einmal in Deinem Leben zeige Dich ihm als Freund, einmal beweise Dich ihm hülfreich, es ist ein großer und feierlicher Moment, dem wir gegenüberstehen, bedenke das wohl! Die Pfaffen haben von unserer Jugend an zwischen uns gestanden, sie haben unsere Herzen einander entfremdet, sie haben Dich gelehrt, den armen Joseph zu hassen, den sie Dir als einen Gottesleugner und Religionsverspötter geschildert haben. Oh, ich weiß ja, alles Ueble, das ich erduldet, alles Unglück, das ich gelitten habe, ist mir immer von den Pfaffen gekommen, und ich rechne es zu meinem Unglück, daß sie mir auch das Herz meines Bruders entfremdet haben! Aber die göttliche Liebe, hoffe ich, ist doch stärker als der Priesterhaß; und kraft dieser göttlichen Liebe flehe ich Dich an, Leopold, öffne mir Dein Herz, gieb mir meinen Bruder wieder, gieb mir endlich die Liebe, welche unsere Feinde mir entzogen haben! Und dann, wenn Du mich liebst, wirst Du mir auch meine Bitte erfüllen wollen. Sieh, Leopold, es ist zu spät, ich kann nicht mehr zurück! Die Armee kennt bereits meinen Entschluß, und jauchzend hat sie erfahren, daß es morgen endlich zur Schlacht geht. Alle Vorbereitungen sind getroffen, alle Ordres ertheilt. Die Entscheidung ist vor der Thür, ich kann nicht mehr zurück. Mit höhnendem Uebermuth ist der Feind in unser Land eingedrungen, derselbe Feind, der einst mit frecher Verspottung alles Völkerrechts und aller Verträge uns Schlesien genommen hat, und der sich jetzt geberdet, als wären es das Völkerrecht und die Verträge, welche er zu vertheidigen komme! Seine Anwesenheit in diesem Lande ist ein uns angethaner Hohn, eine Beschimpfung Oesterreichs, und ganz Europa schaut auf uns, und ist begierig zu sehen, wie Oesterreich diese Beschimpfung rächen wird. Wenn ich jetzt noch unthätig und feige bei Seite trete, wenn ich dem Feind den Rückzug aus der schwierigen Position gestatte, in welche er sich hineingewagt, dann ist es auf ewig um meinen Ruf gethan, und alle Welt wird schreien, daß ich die gute Gelegenheit vorübergehen ließ, daß ich es nicht verstanden, den Krieg zu leiten, daß ich meine Armee in's Feld geführt, wie die Kinder ihre bleiernen Soldaten, um damit Krieg zu spielen, aber den blutigen Ernst feig vermeidend. Bedenke das Alles, mein Bruder, bedenke, daß es nicht blos meine, sondern Oesterreichs Ehre ist, welche auf dem Spiel steht! Sieh, in Deiner Hand allein liegt es, sie zu bewahren. Rette mich, rette Oesterreich durch eine großmüthige Lüge! Kehre zurück zu der Kaiserin, sage, Du habest das Unglück gehabt, das Dir anvertraute Briefpaket zu verlieren, und Deinen mündlichen Aufträgen hätte ich keinen Glauben schenken wollen. Fordere also von der Kaiserin neue schriftliche Instructionen! Während der Zeit wird Alles gethan sein! Ich werde weiter gehen können auf der Bahn des Ruhms und der Ehre, ich werde den Feind über unsere Grenzen zurückdrängen, und Maria Theresia wird sich von den Ereignissen bestimmen lassen, die sie nicht mehr ändern kann! Laß uns also diese unseligen Papiere verbrennen, mein Bruder, Niemand außer uns hat sie gesehen, und Gott wird Dir wohl diese kleine Nothlüge verzeihen, mit der Du die Ehre und die Zukunft Deines Bruders gerettet hast!

Gott würde es mir nicht verzeihen, wenn ich gegen mein Gewissen und gegen meine Pflicht handelte, und das fordern Ew. Majestät von mir, sagte Leopold, vollkommen ungerührt von dem leidenschaftlichen, angstvollen Flehen des Kaisers. Ich soll diese mir anvertrauten Papiere vernichten und diese Ehrlosigkeit mit einer Lüge begleiten? Und diese Lüge soll Ihnen Zeit verschaffen, um diesen so ungerechten, so fluchwürdigen Krieg weiter zu führen! Nimmermehr! Im Namen Ihrer Kaiserin und Herrin, der Sie Gehorsam schuldig sind, gleich wie der Geringste ihrer Unterthanen, fordere ich Sie auf, diesen Brief der Kaiserin zu lesen und die darin enthaltenen Befehle zu erfüllen! Oh haben Sie doch Erbarmen mit Sich, mein Bruder, bedenken Sie, daß es Ihr ewiges Heil ist, welches auf dem Spiel steht, bedenken Sie –

Still, unterbrach ihn Joseph mit lauter, gebieterischer Stimme. Antworten Sie mir auf meine Frage: wollen Sie meine Bitte erfüllen?

Nein, das will ich nicht! Die Kaiserin verlangt, daß dieser unselige Zwist friedlich beendigt werde, sie will alles Blutvergießen vermeiden, und Sie müssen ihr gehorchen!

Aber ich werde es nicht! rief Joseph mit flammenden Blicken, mit hoher Zornesröthe auf den Wangen. Ich bin der Mitregent der Kaiserin, und mir, als dem Mann und dem Soldaten, liegt es ob, die Ehre Oesterreichs zu wahren gegen alle ihre Feinde, und säßen diese Feinde auch auf Oesterreichs eigenem Thron! Ich werde diese Papiere nicht lesen, und ich werde thun, was Sie verweigerten. Niemand außer Ihnen, der Kaiserin und mir, wissen bis jetzt von diesen Papieren und von den Befehlen der Kaiserin, ich werde also nur in Ihren und in den Augen der Kaiserin ein Rebell sein, aber Gott wird mir verzeihen, und die Welt wird sagen, daß ich Recht gethan, dem Feinde Oesterreichs mit dem Schwert entgegen zu treten. Sie wollten die Papiere nicht, wie ich Sie darum anflehte, behalten, Sie verlangten, daß ich sie an mich nehmen sollte, nun denn, so geben Sie sie mir und genügen Sie dem Befehl der Kaiserin!

Nein, sagte Leopold, welcher längst schon die Papiere wieder in seine Brusttasche geschoben hatte, nein, jetzt werde ich Ihnen dieselben nicht geben, denn ich weiß, daß Sie sie vernichten wollen.

Es ist nicht Ihre Sache, davor zurückzuschrecken; geben Sie die Papiere her!

Nein, ich werde es nicht thun!

Der Kaiser stieß einen dumpfen Schrei aus, und mit flammenden Blicken, mit zuckenden Lippen und hoch gehobenem Arm näherte er sich dem Großherzog.

Gieb her die Papiere, sagte er mit dumpfer Stimme.

Wie, Sie wollen mich schlagen? rief Leopold, entsetzt zurückweichend.

Gieb her die Papiere, oder ich schlage Dich zu Boden, wie man ein Thier niederschlägt, das uns beißen will, schrie der Kaiser, mit hoch erhobener, drohender Faust jetzt dicht vor Leopold stehend.

Schweigend, mit keuchendem Athem, mit todesbleichen Wangen standen sich einen Moment so die Brüder einander gegenüber, sich anstierend mit Blicken voll tödtlichen Hasses, voll zorniger Drohung.

Sag' noch einmal Nein, sagte Joseph mit leisem, unheimlichem Geflüster, wage es noch einmal, mir diese Papiere zu verweigern, und meine Hand trifft Dein feiges, heuchlerisches Gesicht und entehrt Dich auf ewig, denn ich werde Dir niemals Genugthuung geben!

Leopold antwortete nicht, unverwandt die starren Blicke voller Haß auf Joseph gerichtet, wich er zurück, immer weiter, und immer gefolgt von dem Kaiser, der in athemloser Spannung die Antwort seines Bruders erwartete.

Jetzt war Leopold dicht an der Thür, jetzt stand der Kaiser vor ihm mit hoch erhobener Hand, ihm drohend mit wilden Blicken, jetzt senkte sich seine Hand schon nieder, jetzt – mit einem raschen, wilden Ruck riß der Großherzog die Thür auf und stürzte in's Vorzimmer. Schnell, wie eine gereizte Tigerkatze, sprang er vorwärts, gerade zu dem Feldmarschall Lacy hin, welcher, der Befehle des Kaisers gewärtig, im Vorzimmer geblieben war.

Auf der Schwelle der Thür stand der Kaiser, bleich, athemlos, mit wuthblitzenden Augen seinem Bruder folgend, die Hand noch immer drohend gegen ihn erhoben.


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