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XIV

Als Lohmann dem Kriminalrat Bericht erstattet hatte, erhob sich dieser und ging lange im Zimmer auf und ab. Nun, wo der Fall abgeschlossen war und die Entspannung erfolgte, bemächtigte sich Lohmanns eine grenzenlose Müdigkeit. Zwei Nächte hatte er nicht geschlafen, und auch die Tage waren bis aufs letzte ausgefüllt gewesen.

Nur noch eine halbe Stunde, redete sich Lohmann gut zu, dann kannst du schlafen, schlafen.

Der Kriminalrat beendete sein Umherlaufen und blieb vor Lohmann stehen. »Daß alle Fälle, die uns seit langem so schwere Kopfschmerzen bereitet haben, auf einen Schlag ihre Klärung finden würden, das habe ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet; nicht einmal in einer stillen Ecke meines doch sonst nicht gerade wunschlosen Dienstgemütes …«

Der Kriminalrat lächelte fragend seinen Kommissar an: »… zu hoffen gewagt. Wenn dieser Kent nicht gewesen wäre, oder noch wichtiger, die Tochter Borns – denn sie war es ja wohl, die die Wandlung bei Kent zuwege brachte –, dann hätte Born für die Durchführung seiner verbrecherischen Pläne vermutlich genügend Zeit gehabt.«

Lohmann wiegte verneinend den Kopf: »Ich war ihm auch so dicht auf den Fersen, seit ich gestern die Nachricht bekam, daß es Born war, der die Aktien der Textil AG aufgekauft hat und dann wieder abstieß, um eine Panik an der Börse zu erzeugen.«

Der Kriminalrat war überrascht. »So? Das haben Sie mir noch nicht gemeldet.«

»Ich erfuhr es gestern nachmittag telefonisch, die schriftliche Bestätigung ist auch jetzt noch nicht da«, entgegnete Lohmann. »Jedenfalls hätte ich mich noch am gleichen Tage näher mit Dr. Born beschäftigt, auch ohne die überraschende Mitteilung Kents. Zumal ja die Aktion in der Nacht zuvor in dem leeren Fabrikgebäude durch die Tatsache, daß dahinter das Sanatorium Borns liegt, deutlich auf ihn hinwies. Trotzdem, Kent hat uns große Dienste geleistet, das soll nicht verkannt werden.«

»Aber es ist beruhigend zu wissen, daß wir auch so weitergekommen wären, denn immer kann die Kriminalpolizei nicht mit dem Glücksumstand rechnen, im gegnerischen Lager Menschen zu finden, die im rechten Augenblick zu sich selbst zurückfinden und einen neuen, sauberen Weg so konsequent beschreiten wie dieser Kent.«

Der Kriminalrat nahm seine Wanderung wieder auf. »Wissen Sie, Lohmann, es ist das Unsichere, Zerrissene, das Gärende in dieser Zeit, die all das Schlechte und das Verbrecherische nach oben spült. Wir sprachen ja schon oft darüber. Ich glaube nicht einmal, daß die Menschen selbst um soviel schlechter geworden sind, durchaus nicht. Es ist die innere Haltlosigkeit, das Arbeitslosenelend, die Hoffnungslosigkeit, was die Zukunft anbelangt, und das Labile unserer Zeit, das auch die Menschen labil macht und ihnen jeden Auftrieb, jeden Willen zum Guten nimmt. – Ja, ja, ich weiß«, winkte der Kriminalrat eine Zwischenbemerkung des Kommissars ab. »Sie sind für eine starke Hand. Nun, Sie wissen, ich bin mehr für die alte Schule. Ich bin in ihr groß geworden. Aber darin sind wir uns einig, es fehlt ein großes Ziel, das allen gemeinsam einen Auftrieb gibt. Das hätte auch einen überbegabten Dr. Born rechtzeitig von seiner Überspanntheit retten können.«

»Überspanntheit ist ein lahmes Wort für den Sachverhalt«, verbesserte ihn Lohmann. »Nach den Aussagen seiner Anstaltswärter muß Born schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren, fest unter dem Einfluß Mabuses gestanden haben. Das Wort ›hypnotische Bindung‹ ist gefallen … und da es sich dabei um Mabuse gehandelt hat, kann ich es nicht als Verstiegenheit abtun. Wir wissen ja, welche hypnotischen Kräfte Mabuse in seiner Blütezeit besaß … und ich glaube, so was vergeht nicht. Aber wirken konnte es wohl nur, weil Borns Vernunft schon zerstört war.«

Der Vorgesetzte zuckte die Achseln. »Vielleicht, Lohmann, vielleicht … es wird sich jetzt schwer feststellen lassen, da sie beide tot sind.«

»Ja.«

Lohmann reckte sich müde. »Ich bin sonst nicht roh«, sagte er, »aber ich bin froh, daß sie beide tot sind. Es ist besser so. Meinen Sie nicht auch, Herr Kriminalrat?«

*

Für Borns Tochter kam eine Zeit, in der die Hölle nahe war. Aber es war eine Übergangszeit. Sie lebt heute mit Kent fern vom Schauplatz der bösen Begebenheiten und der düstern Zeit, jenseits des Meers, ein Leben, in dessen fruchtbarem Wesen sich die alten Dinge allmählich verzehrt haben. Kent, durch die Liebe versöhnt und geheilt, hat sich in die Gemeinschaft zurückgefunden.


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