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In den Montagsblättern, die in der Nacht vom Sonntag auf Montag erschienen, stand eine Mitteilung, die Aufsehen und Bestürzung erregte, obschon man in dieser Zeit mit ganz schlimmen Nachrichten kommen mußte, um aufrüttelnd zu wirken. Einer der bekanntesten Wirtschaftsführer des Landes, Dr. Ihnen, der Generaldirektor des Textilstoff-Konsortiums, hatte sich das Leben genommen. Zugleich meldete New York, das Konsortium habe seinen großen Prozeß verloren.
In diesem Prozeß handelte es sich um zwanzig Millionen Dollar, die von der Gesellschaft als Entschädigung für die Benutzung ihrer Patente und Einrichtungen in den Vereinigten Staaten während des Krieges verlangt wurden.
Diese Meldung kam sehr überraschend, weil bisher die prozessuale Lage für die Gesellschaft als sehr günstig gegolten hatte.
An die Mitteilung des »Selbstmordes Ihnen« waren Bemerkungen über den Zusammenhang mit dem New Yorker Telegramm und der allgemeinen finanziellen Lage geknüpft.
Die an der Börse interessierten Kreise hatten ein schlechtes Erwachen an diesem Montag. Man war darauf gefaßt, daß einem in ein paar Stunden etwas verlorengehen würde. Schon seit mehreren Tagen machte sich ohnehin an der Börse ein leises Schwanken der Kurse bemerkbar.
Willkürliche Käufe und Abstoßungen unerkannt bleibender Spekulanten hatten eine Atmosphäre geschaffen, die das Schlimmste befürchten ließ, wenn einmal ein Einbruch käme.
Was aber dann an den Börsen geschah, hatte niemand erwartet. Es begann damit, daß gleich am Anfang ein so großes Paket Aktien des Textilstoff-Konsortiums angeboten wurde, wie man es nicht in einer Hand vermutet hatte. Und zwar wurden diese Papiere sofort mit fünfundzwanzig Prozent unter dem letzten Kurs feilgeboten. Eine Bank kaufte sie im Auftrag eines Kunden, der ungenannt blieb.
Dabei konnte es sich nicht um Spekulationen handeln, sondern um den Beginn einer Panik, und um diesen Verkauf entstanden sofort Mutmaßungen und Behauptungen. Die Größe des Verkaufsobjektes machte die erregten Gemüter rasch für das Gerücht bereit, der Verkauf stehe im Zusammenhang mit der Gesellschaft selber.
Der Sturz dieses Papiers, das als eines der sichersten galt, stürzte alle in ungeheure Erregung. Alle anderen Papiere wurden sofort weit unter dem Kurs zum Verkauf angeboten.
Da hinein wirkte aufs verhängnisvollste ein befremdendes und die Unsicherheit steigerndes Versagen der telefonischen Verständigungsmöglichkeiten mit den Börsen in Hamburg und Frankfurt. Verbindungen kamen entweder überhaupt nicht zustande oder wurden frühzeitig unterbrochen. In anderen Fällen mischten sich plötzlich andere Gespräche hinein. Minutenlang, wo es auf Sekunden ankam, versagte der ganze Dienst. Die Fernsprecher blieben tot und stumm. War die Verbindung wieder da, so hörte man am anderen Ende einen Teilnehmer, mit dem man nichts zu tun hatte.
Dann kam der große Krach. Der Käufer des Aktienpaketes warf auf einmal wieder das ganze Bündel heraus. Es wurde sofort nochmals mit fünfundzwanzig Prozent unterboten. Flucht, Angst, Geschrei beherrschten die Börsen. Es war, als rutsche der Boden fort. Niemand wollte mehr »in einem Papier« bleiben. Alle schoben ab. Alle verkauften, um zu retten, was noch zu retten war. Mutige kauften zu Kursen, deren Rekordtiefen ihnen nicht mehr unterbietbar erschienen und hatten eine halbe Stunde später dennoch die Hälfte verloren.
Die Finanzschlacht hatte in den drei ersten Stunden vier Opfer, die durch Selbstmord in den Börsenräumen selber, und zwei, die vor Aufregung durch einen Schlaganfall ihr Leben verloren.
Die Abendzeitungen brachten den Widerruf der nächtlichen Meldungen. Das Textilstoff-Konsortium hatte den Prozeß gewonnen. Dr. Ihnen hatte sich nicht das Leben genommen.
Sofort setzten Untersuchungen ein. Die Montagsblätter hatten die beiden Meldungen von einer ernsthaften Agentur bekommen. Die Agentur wies an den Originalen der Telegramme nach, daß das eine von ihrem Vertreter in New York, einem bekannten und zuverlässigen Publizisten, das andere von dem augenblicklichen Aufenthaltsort Ihnens gekommen war. Diese Untersuchung ließ ungewiß, ob es sich um einen verbrecherischen Unfug oder um ein wirkliches Verbrechen handelte. Immerhin mußten die untersuchenden Polizeibeamten aus dem Zusammenspiel der beiden Meldungen den Verdacht eines planmäßig angelegten Komplotts schöpfen.
Auch dieses Geschehnis verwies Kriminalkommissar Lohmann in den Kreis der Verbrechen um den Mabuse-Mythos. Er leitete selber eine sehr strenge und genaue Untersuchung gegen die beteiligten Fernsprechämter, deren Versagen den Umfang der Katastrophe herbeigeführt hatte. In dieser Nacht kam er nicht ins Bett. In das Fernsprechkästchen auf seinem Tisch mündeten zwei direkte, nur von ihm benutzbare Leitungen nach Hamburg und Frankfurt.
Als es tagte, wußte er weiter nichts, als daß die Beamten ihre Pflicht erfüllt hatten und schuldlos waren. Die Störungen waren irgendwie von außen herbeigeführt worden. Ein geheimnisvoller Inspektor, der die Fernsprechapparatur der Berliner Börse während der Katastrophenstunden kontrolliert hatte, konnte nicht ermittelt werden. Aber die Feststellungen in den Fernsprechämtern ergaben klar, daß es sich nicht um einen Unfug handelte, sondern um das Werk planvoll zusammenarbeitender Verbrecher.
Als Lohmann so weit mit seinen Ermittlungen gekommen war, ging er zu seinem Vorgesetzten und teilte ihm das Ergebnis mit.
Der Kriminalrat machte eine bedenkliche Miene und klopfte nervös mit dem Bleistift auf die Schreibtischplatte.
»Es haben sich jetzt etwas viel ungeklärte Fälle angehäuft, Lohmann«, sagte der dann. »Was berechtigt Sie zu der Annahme, daß diese in dieser Form noch nie dagewesenen Ereignisse an der Börse mit denen, die Sie bereits bearbeiten und bei denen ich einen inneren Zusammenhang untereinander gar nicht abstreiten will, in Verbindung zu bringen sind? Sie denken an eine große Bande und nennen den Namen Mabuse. Aber Mabuse ist tot, praktisch tot. Sie haben sich selbst davon überzeugen können. Wir drehen uns im Kreise und kommen nicht weiter. Die Öffentlichkeit ist stark beunruhigt. Jetzt fehlen nur noch ein paar geheimnisvolle Morde, die wir nicht auf Anhieb klären können.« Der Kriminalrat stand auf und ging unruhig hin und her. »Wer aber hat bei dem Börsenkrach einen Gewinn gehabt? Niemand. Absichtlich von irgendwelchen Finanzkreisen kann er also auch nicht herbeigeführt worden sein. Auch in dieser Richtung kommen wir nicht weiter. Wie weit sind Sie eigentlich in der Geldfälscheraffäre? Hat sich etwas Neues ergeben?«
Lohmann glaubte aus den Worten des Kriminalrates Vorwürfe herausgehört zu haben. »Sie wissen«, sagte er, »daß ich das Dunkel um unseren Hoffmeister von einer anderen Seite zu klären versuchen will. Das Verhalten Dr. Borns erscheint mir langsam merkwürdig. Ich wollte Hoffmeister sehen. Born verbietet jedoch jeden Besuch. Hoffmeisters Zustand sei noch zu labil. Ich beschäftige mich seitdem etwas genauer mit dem Mann, der seit Jahren unser uneingeschränktes Vertrauen genießt. Dabei gelang es mir, festzustellen, daß er ein Doppelleben führt …«
Der Kriminalrat war ruckartig stehengeblieben und fragte erstaunt: »Wie?«
Lohmann winkte beruhigend ab. »Es ist kein verbrecherisches Doppelleben. Er ist der immerhin nicht ganz unbekannte Chemiker Rauschmann. Das Interesse und das Können Dr. Borns scheint recht vielseitig zu sein. Das spricht nur für ihn, gewiß. Aber ich glaube, daß die Anstalt Dr. Borns einige Geheimnisse birgt. Er braucht von diesen Geheimnissen nicht einmal etwas zu wissen. Meine Ansicht wurde zunächst durch die Tatsache bestätigt, daß die Tochter Borns unseren Kent besucht hat.«
Wieder unterbrach der Kriminalrat überrascht mit einem langgezogenen »Wie?«
Und abermals winkte Lohmann beruhigend ab. Enttäuschung schwang in seinem Ton. »Unser Kent scheint sich wirklich allen Ernstes um Arbeit zu bemühen. Er war auf dem Wohlfahrtsamt, dort muß er Fräulein Born, die dort tätig ist, kennengelernt haben. Jedenfalls besuchte sie ihn im Auftrag ihres Amtes.«
»Sehen Sie«, sagte der Kriminalrat etwas unmotiviert. Dann ging er mit langen Schritten auf und ab, um schließlich vor seinem Kommissar stehenzubleiben. »Haben Sie mal etwas von der sagenhaften Balkanbande gehört, die man uns avisiert hat? Nein? Zusammenhang mit den Geschehnissen an der Börse ausgeschlossen? Glaube ich auch. Dazu können sie hier noch nicht warm genug geworden sein.« Seine Stimme wurde energischer. »Lohmann, suchen Sie nach dem Mann, der das Aktienpaket der Textilstoff-AG aufgekauft und dann wieder abgestoßen hat. Vielleicht kommen wir so weiter. Dann müssen wir auch die Öffentlichkeit einspannen, das wird sie beruhigen. Veranlassen Sie eine Durchsage über alle Rundfunksender, in der die Bevölkerung zur Mitarbeit und zur Bekanntgabe aller Beobachtungen aufgefordert wird. An die Zeitungen dasselbe. Wir müssen die letzten Vorkommnisse so schnell wie möglich klären, wenn das Vertrauen zur Polizei nicht erschüttert werden soll.«
*
Der rothaarige, einfach aussehende Mann, der die Lara seinerzeit so wenig offiziell auf dem Bahnhof empfangen hatte, stand an einer belebten Straßenecke und blätterte in einem Packen Zeitungen. Ab und zu schaute er auf die Uhr und dann in eine der belebten Straßen hinein. Plötzlich hielt nicht weit von ihm eine Kraftdroschke. Der Schlag öffnete sich, und die Lara stieg heraus, nachdem sie drinnen den Fahrer bezahlt hatte. Die Droschke fuhr wieder an, während die Lara stehenblieb, wo sie ausgestiegen war. Der Rothaarige kam auf sie zu und stellte sich neben sie.
»Nun, wie weit bist du?« fragte er nach einer Weile. »Wir müssen uns ranhalten, wenn wir hier etwas werden wollen. Das mit der Börse haben unsere unbekannten Kollegen meisterhaft gemacht, wie?« Er schlug mit der flachen Hand auf seine Zeitungen. »Also noch mal, wie weit bist du? Wann bekommen wir das Testament des Mabuse?«
»Was ist mit der Börse?« fragte die Lara, die nie Zeitungen las und von den Vorgängen vom vorigen Tag nichts wußte.
»Lies doch Zeitungen«, antwortete der andere ungeduldig. »Also wie weit bist du mit dem …«
Aber die Lara hörte nicht zu, sondern riß ihm eine Zeitung aus der Hand und las gleich unter einer fetten Überschrift auf der ersten Seite: Über den Anschlag auf die Börse ist nach den letzten Feststellungen zusammenfassend zu sagen, daß es sich dabei um ein planmäßiges Ineinanderarbeiten einer ausgedehnten Verbrechergesellschaft handeln muß. Durch Falschmeldungen, die in einem bestimmten System kombiniert wurden, ist eine Atmosphäre geschaffen worden, die die Gemüter für eine Katastrophe reif machte …
Die Lara erblaßte, als sie das las. Der Rote wollte sie etwas fragen, aber sie schob ihn weg und starrte mit fiebrig werdenden Augen in die Zeitung.
… Auf künstlichem Wege und mit großen Mitteln wurde eine Baissestimmung hervorgerufen. Die Verbrecherbande verhinderte dann die Verständigungsmöglichkeiten zwischen den einzelnen Börsen, indem sie zeitweilig die Fernsprechverbindungen störte. Dadurch ist die Verwirrung und die Unsicherheit bis zu dem Ausmaß getrieben worden, das zur Katastrophe wurde …
»Wann bekommen wir das Testament?« hörte die Lara in ihre Gedanken hinein.
»Nie!« zischte sie zurück.
»Was heißt das?« fragte der Rote drohend. »Das ist Verrat! Du weißt, daß es dann schlimm mit dir enden kann.« Er schaute die Lara lange prüfend an. Dann faßte er mit einem harten Druck ihren Arm. »Höre zu. Ich glaube, ich muß dir einiges ins Gedächtnis zurückrufen. Denke an die kleine rumänische Kaffeestube. Ich saß dort mit zwei Leuten von uns, um eine Kleinigkeit zu besprechen, als du hereinkamst und dich zu uns setztest.
Das fiel auf, denn dort verkehrten bisher nur Männer. Du hattest ein Anliegen an uns. Du wolltest zu uns gehören. Wir waren erstaunt und bestritten natürlich, etwas anderes als kaffeetrinkende Bürger zu sein. Aber du wußtest etwas von uns, eine unbedeutende Winzigkeit. Du hast uns regelrecht erpreßt. Ich sprach dann mit dem Chef über dich. Wir waren uns darüber im klaren, daß du nur aus Abenteuerlust zu uns kommen wolltest, um deinen Drang nach dem Absonderlichen, dem Gefährlichen zu befriedigen. Das wußten wir wohl, denn, wie du inzwischen sicher gemerkt hast, wir sind nicht dumm.«
Der Rote grinste. »Außerdem warst du gut zu gebrauchen. Wie gesagt, damals wußtest du nur eine Kleinigkeit. Wir hätten dir wahrscheinlich kein Haar gekrümmt, auch nicht, wenn du nicht zu uns gekommen wärst. Aber heute weißt du zuviel. Wir sind in dieses Land gekommen, auf meinen Vorschlag. Hier bin ich zu Hause, hier ist noch etwas zu machen. Ich kann hier vieles arrangieren. Wenn du uns jetzt in den Rücken fällst … Ich erinnere dich an den Fall Zinsky. Auch er hatte andere Pläne. Nur konnte er sie nicht ausführen, weil er plötzlich unter seltsamen Begleitumständen starb – der arme Kerl!«
Die Lara starrte den grinsenden Roten haßerfüllt an, dann machte sie impulsiv kehrt und lief davon. Sie ging rasch in die Nebenstraße weiter und rief eine Taxe an, in der sie davonfuhr.
Als die Lara etwas später in ihr Hotel kam, kaufte sie unten in der Halle einen Packen Zeitungen und schloß sich mit ihnen in ihr Zimmer ein. Sie ließ sich keine Zeit, Mantel, Hut und Handschuhe abzulegen. Gleich begann sie zu lesen. Sie suchte die Schlagzeilen, die die Berichte über das Börsenattentat hervorhoben. Zeitung für Zeitung …
Plötzlich warf sie den ganzen Packen zu Boden. Sie preßte die Handrücken auf die Augen. Jetzt wußte sie, was sie in diesen Zeitungen las: das, was auf dem letzten Blatt des Mabuse gestanden. Und obschon sie Mabuse gesehen, als einen wirklich bestehenden Menschen gesehen, sein Werk in den Händen gehabt hatte …, so bestand Mabuse in Wirklichkeit doch nicht. Es war ein anderer. Einer, der eine Wahnsinnskraft des Geistes hatte zu diesem Doppelleben: Professor Born.
Sie war ihm verfallen. Er war der Ihrige, wie sie die Seinige war – ganz. Ja, mit allen dunklen Mächten ihres Innern war sie jetzt zu ihm gerissen, ihm ergeben, Leben und Tod konnte es für sie beide nur mehr zusammen geben, nachdem sie dies wußte.
Denn was war all die verwegene Abenteuerlichkeit in ihrem bisherigen Leben, als das Tanzen am Rande des Abgrundes? Nichts, als ein hilfloses Suchen nach dem, den sie jetzt gefunden hatte und der die Kraft und die Macht des Geheimnisses ihres immer unruhigen, siedenden und explodierenden Innern war.
Sie verließ sofort das Hotel und fuhr zu Born.
Aber sie wurde nicht zu ihm gelassen. Der Diener sagte, es sei unmöglich, den Professor jetzt zu sprechen.
»Wenn er hier ist, ist es nicht unmöglich, sobald Sie ihm meine Karte geben«, antwortete die Lara heftig.
»Trotzdem, gnädige Frau. Es tut mir leid. Wir haben die strengste Anweisung, den Professor nicht zu stören.«
»Ist etwas geschehen?« fragte die Lara, die nur mit Mühe die Fassung behielt.
»Ich weiß das nicht, gnädige Frau. Ich erfülle nur meinen Auftrag.«
»Der Herr Professor hat nicht gesagt, wann er wieder zu sprechen ist.«
Die Lara stand stumm und verzweifelt da. Sie ballte die Fäuste und lehnte sich auf gegen diesen Diener, gegen diese Türen, die Born von ihr, in der alles nach ihm brannte, trennten. Dann drehte sie sich plötzlich um und entfernte sich. Sie lief. Ihr ganzer Körper bebte.
Der Diener schaute ihr nach und stieß einen kleinen Pfiff des Staunens und der Bewunderung aus. Einem Wärter, der den Auftritt mit angesehen hatte, sagte er: »Eine, die etwas sehr Dringliches auf dem Herzen hat! Was nun?«
»Er ist noch immer bei Mabuse drinnen.«
Am Abend vorher war der Wärter Dominik, dem Mabuse anvertraut war, plötzlich mit allen Zeichen einer großen Aufregung zum Professor gekommen und hatte ihm mitgeteilt, es müßte etwas Besonderes mit »ihm« los sein. Er liege zurückgesunken auf dem Kissen, das Gesicht nach oben, und die Augen starrten reglos zur Decke hinauf. Auch schreibe »er« nicht mehr.
Born begab sich sofort zu Mabuse. Er fand ihn, wie Dominik es geschildert hatte. Der Kopf lag zurückgesunken in dem Polster. Die Augen waren leblos und weit geöffnet nach oben gerichtet. Diese Augen hatten sich Born stets entzogen. Hinter fast ganz geschlossenen Lidern waren sie immer unablässig auf das Papier gerichtet gewesen, über das die Hand mit dem Bleistift ging.
Leblos und hart lag auch jetzt diese Hand auf dem Block. Der Bleistift war ihr entglitten.
Es war Born, als ob eine Kralle in sein Herz griffe. Er riß dem Liegenden das Hemd über der Brust auf, hielt sein Ohr über das Herz … Es schlug.
Born zog den Block unter der bewegungslos lastenden Hand fort. Er bemerkte, daß das oberste Blatt noch bis an den unteren Rand vollgeschrieben war. Ja, hinter dem letzten Wort sah er einen heftig hingepreßten Punkt.
Der Wärter Dominik wußte, daß er den Professor allein lassen mußte und daß er von niemandem gestört werden durfte, wenn er bei Mabuse war. Er hatte den Professor nur herbegleitet und die Tür zugezogen. Er wartete jetzt draußen, ob er benötigt werde.
Es vergingen Stunden. Nichts regte sich in dem Zimmer. Kein Laut drang heraus. Dominik setzte sich auf den Stuhl, der draußen stand. Er wartete, und bald kämpfte er vergeblich mit dem Schlaf. Als er wieder erwachte, sah er auf die Uhr. Es war vier Uhr früh. Wann er eingeschlafen war, wußte er nicht. Er hatte auch nicht gehört, ob der Professor weggegangen war.
Schließlich trat er an das kleine Guckfenster, das in der Tür angebracht war. Er preßte ein Auge auf das Glas und sah etwas, wovor er erschrak. Sein Kopf zuckte gleich zurück, als sei er nicht berechtigt, Zeuge von dem zu sein, was da drinnen vor sich ging. Er hatte gesehen, wie der Professor tief über den Kranken niedergebeugt stand. Seine Stirn berührte die des im Bett Liegenden, und seine Hände schüttelten mit einem wilden Grimm Mabuse an den Schultern.
*
Nachdem Born das Blatt gelesen, das er unter der Hand des Kranken fortgezogen hatte, fand er sich für eine Weile außerstande, irgend etwas zu tun. Fast betäubt starrte er auf das Bett nieder, als sollte ihm von dort eine Aufklärung kommen über das, was sich seinen Gedanken nicht fügen wollte. Plötzlich ließ dieses Hinstarren einen Wechsel in seine zerstreut dahingleitenden Vorstellungen eintreten. Was er oft bei chemischen Arbeiten gesehen, wenn er die kochende Gärung einer Flüssigkeit durch Hinzugabe einer anderen Substanz plötzlich unterbrach und die Aufregung in dem Gefäß in einem Augenblick zu einem reglosen Gebilde sich kristallisieren ließ, das vollzog sich jetzt in ihm. Das gärende Auseinanderschweifen seines Innern verband sich zu einem klaren Bild.
Es war der so absichtsvoll und breit an den Schluß des Blattes geschriebene Punkt. Aus ihm glaubte Born auf einmal zu erkennen, daß er eine Mitteilung des Hirns bedeutete, in dem ein Wechsel sich so sichtbar vollzogen hatte.
Er sah auf die letzte Zeile und erkannte, daß bis hinter diesen Punkt das Gehirn Mabuses sich klar in dem Kreis bewegt hatte, von dem sein Leben während der letzten drei Jahre umschlossen gewesen war … daß er nun den Zirkel verlassen hatte, in dem er Verbrechen auf Verbrechen häufte, im Wahn, das Erfinden und Aufzeichnen dieser Taten sei zugleich die Vollendung.
Mit klarer Durchsichtigkeit stand diese Erkenntnis in Borns Gedanken. Dann las er den letzten Satz, den dieser Punkt abschloß: »Nachdem meine Cholera die Menschheit zerstört hat, sie in Eitopomar neu aufbauen nach meinem Willen.«
›Nach meinem Willen‹, waren die letzten Worte des Testaments des Dr. Mabuse. Ja, seit drei Jahren hatte hinter dieser Stirn, von weißen Haaren umrahmt, nichts gelebt als der zornige Wahn dieses einen Willens.
Er hatte keine Widerstände gefunden, da alles andere um dieses einzige im Hirn erhalten gebliebene Eiland versunken war.
Es war die nüchterne Erkenntnis Dr. Borns, daß hier ein krankes Hirn, außerhalb der Vernunftmäßigkeit des Lebens stehend, klar und folgerichtig gedacht hatte, wenn auch im verbrecherischen Sinne. Das Testament bewies es.
Aber entsprach diese Erkenntnis der wirklichen Wahrheit, die sich bisher hinter den halb geschlossenen Augen verborgen hatte?
Ein fieberhafter Drang bemächtigte sich der Phantasie Dr. Borns. Er stellte ihn vor die weitere ergänzende Frage: Geschah dieses Aufhören der Gehirntätigkeit, weil die Sinne Mabuses zum Normalen zurückkehrten? Oder war es der Beginn des Verfalls, der dieses Ende verursachte? Von wo hatte Born auszugehen, um zur Wahrheit zu gelangen, die er seit drei Jahren an diesem Bette suchte?
Er quälte sich mit vielen Ungewißheiten. Feindselig schaute er das leblos erstarrende Gesicht an.
Da fiel ihm zum erstenmal auf, daß diese Augen, die sich immer gegen ihn verschlossen hatten, jetzt weit und wehrlos sich vor ihm öffneten und sich ihm widerstandslos darboten. Fiebrig beugte Born sich nieder über Mabuses Gesicht. Die Augen, die in der erstarrten Weiße ihrer Gewölbe lagen, waren unfähig, sich ihm zu entziehen. Born kam ihnen immer näher, dann berührte sein Gesicht den regungslosen Kopf. Auf einmal fand seine Stirn den Widerstand der anderen Stirn. Da schlug Born seinen Schädel mit einem jähzornigen Schlag an den, den er ergründen wollte. Der Zwang eines ebenso furchtbaren wie lebensheißen Geheimnisses lag in seinem Tun. Denn jetzt fragte er sich, beeinflußt von gespenstigen Vertauschungen, die durch die warme Nähe des Kopfes Mabuses hervorgerufen wurden: Ist das alles nur er? Ist nicht schon etwas von mir darin?
Er glaubte, das Geheimnis erschließe sich, wenn er ganz da hinein, in diese weiß und leer starrenden Höhlen zu dringen vermöchte. Ein roher Wille und eine entfesselte Ungeduld drohten ihm die eigenen Augen zu sprengen, die in die des anderen hineinbohrten. Sein Hirn schien aus den Schläfen zu platzen. Seiner nicht mehr mächtig, riß er den Liegenden an den Schultern, als könnte er die Wand wegschütteln, die ihn noch immer von dem da drinnen trennte.
Da berührte ein Atemzug seine Stirn, kaum fühlbar, und unter diesem Odem strömte in ihm eine Vision auf:
In den unerforschlichen Gründen des Innern bestand ein Bund zwischen ihm und dem, der sein Werk abgeschlossen hatte. Und nun erlebt das hinter den ausdruckslosen Augenhöhlen liegende Gehirn Mabuses eine geheimnisvolle Auferstehung. Es entweht dem fremden Kopf und kehrt unter Borns Schädeldecke ein. Es will weiterleben.
Born wartete Stirn auf Stirn, daß sich die Vision ganz vollziehe. Sein Wesen nahm etwas schwebend sich Auflösendes an und bildete sich in einem neu: er dachte mit dem Hirn Mabuses. Wie eine heiße Welle ging es von dem vor ihm Liegenden aus und begrub sein eigenes Wesen in der Tiefe seines Innern. Endlich richtete er sich von dem Liegenden auf. Alle Sinne überanstrengt, mit wankenden Beinen, bebenden Gelenken, fiel er in den Sessel, den er sich damals in das Zimmer hatte stellen lassen, als er Mabuse zu beobachten begann. Im selben Augenblick fiel er in einen todesähnlichen Schlaf.