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IV

Kriminalkommissar Lohmann kam Punkt acht Uhr in sein Zimmer, wo sein Kollege Arndt auf ihn wartete.

»Ich habe einen gewissen Kent herbestellt«, sagte er. »Ich möchte mir den Mann mal anschauen. Er hängt vielleicht irgendwie mit dem Überfall auf unseren Hoffmeister zusammen. Sie wissen, daß Hoffmeister in einem etwas obskuren Hotel abgestiegen war, vermutlich, weil er jemandem auf der Spur war. Dort geschah dann das Unglück. Ich habe nun selbst in seiner Wohnung nachgesehen, ob sich dort nicht Anhaltspunkte finden ließen, die uns in dieser dunklen Geschichte weiterhelfen. Tatsächlich fand ich einige Notizen über die Geschehnisse in der Spielbank.

Etwas anderes von Bedeutung als der Name Kent war aber nicht herauszulesen. Ich habe gleich nachschauen lassen. Dieser Kent ist hier tatsächlich gemeldet.«

Er unterbrach sich und gab telefonisch die Anweisung, den Akt Kent herauszugeben.

»Wenn der Mann wirklich etwas mit dem Attentat auf Hoffmeister zu tun hat, das doch sicher auf Vorgänge in der Spielbank zurückgreift, warum tritt er dann dort unter seinem richtigen Namen auf. Das versteh' ich nicht. Es ist doch nicht üblich.«

»Nichts Neues in der Wahlgeschichte?« fragte Lohmann nach einer Pause.

»Die Nummern der Autos waren gefälscht. Und über das Aussehen der Wahlstörer gehen die Angaben so auseinander und sind so unbestimmt, daß sie ebensogut auf Sie und mich, wie auf unseren Chef passen könnten.«

»Olle Kamellen!« antwortete Lohmann. Er zündete sich die Zigarre umständlich an. »Es wird ein bißchen viel, lieber Kollege. So auf einmal ein bißchen viel. Da ist in der Nacht noch ein Bericht von einem ausländischen Agenten gekommen, aus dem Balkan. Eine internationale Bande wolle sich in Berlin etablieren, nachdem ihr der Boden in ihrer Heimat zu heiß geworden ist. Was sie hier vorhat, weiß er nicht. Wer die Mitglieder dieser Bande sind? Vielleicht bekannte Größen? Weiß er nicht, nächstens wird man uns wohl mobil machen gegen Anschlaggelüste der Wolken auf das Polizeipräsidium. Wir müssen eine fliegende Stratosphärenpolizei einrichten.

Ich frage Sie: Ist ein Sinn hinter diesem Anschlag auf die Wahlurnen?«

»Kann ich mir ziemlich klar vorstellen«, antwortete Arndt.

»Bitte!« sagte Lohmann gereizt.

»Eine Partei, die sich unterliegen sah, gegen eine, die mehr Aussichten hatte!«

»Aber das wäre ja nur eine Verzögerung. Und dazu eine Dummheit. Das würde doch nur bewirken, daß die Partei, gegen die der Anschlag gegangen wäre, sich noch heftiger durchzusetzen versuchte. Herr Kollege, ich glaube, wir können unsere Wohnung kündigen und uns für einige Jahre auf einen idyllischen Aufenthalt im Spreewald oder hinter der Oder vorbereiten. Mich wundert es, daß der Herr Polizeipräsident uns noch keine Audienz gewährt hat.«

Ein Beamter trat ein: »Hier ist der Akt Kent.«

Lohmann las laut vor: »Kent, Günther – etc. Früherer Angestellter bei der Bank etc., Veruntreuungen, zwei Jahre Gefängnis, seitdem nicht rückfällig, Adresse – na ja! Aber nun: hat seit Entlassung keine Beschäftigung. Trotzdem führt er ein ordentliches Leben, schuldenfrei, wurde einmal gesehen, wie er eine kleine Limousine steuerte. Beobachtungen ohne Ergebnis.«

Als Lohmann das gelesen hatte, brachte ein Beamter Kent herein.

»Herr Kent, guten Tag«, begrüßte ihn Lohmann. »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Kent antwortete kurz und nicht besonders freundlich: »Was wollen Sie?«

Lohmann lächelte ihn ein wenig an: »Ein Geschäft mit Ihnen machen!« sagte er dann rasch und liebenswürdig.

»Ich weiß nicht, wie die Geschäfte aussehen, die die Polizei macht«, antwortete Kent.

»Das ließe sich bei Gelegenheit zeigen.«

Kent war nicht freundlicher, als er sagte: »Sparen Sie Ihre Redensarten. Was wollen Sie von mir? Meine Zeit ist knapp.«

Da fiel Lohmann rasch ein: »Was für eine Beschäftigung üben Sie denn aus, die Ihre Zeit plötzlich so wertvoll macht. Sie sind sehr elegant, Herr Kent. Wenn man das Wort englisch ausspräche, reimte es sich auf Ihren Namen. Man ist fast versucht, Sie um die Adresse Ihres Schneiders zu bitten.«

Kent antwortete zornig: »Mein Anzug ist bezahlt.«

Lohmann bemerkte nebensächlich, aber mit einem leichten Unterton: »Wir sind unterrichtet, daß Sie keine Schulden haben. Ja, das ist eine der Ursachen, die uns so viel Sympathie für Sie einflößten, daß wir Sie um Ihren Besuch baten.«

»Lassen Sie das Gerede!« entgegnete Kent. »Was soll ich hier?«

Aber Lohmann nahm mit Ruhe den Akt auf, der vor ihm lag, und sagte: »Wir haben hier in Ihrem Akt eine Mitteilung, daß Sie wegen Veruntreuung zwei Jahre gesessen haben. Seitdem Sie entlassen wurden, arbeiten Sie nicht mehr. Wollen Sie mit Hinblick auf diese Tatsache sich nicht etwas freundlicher gegen uns verhalten?«

Kent entgegnete mit finsteren Augen: »Ich habe meine Strafe abgesessen. Damit ist mein Vergehen getilgt!«

»Aber nicht unser Interesse an Ihnen. Sie sind ohne Arbeit, ohne Einkommen, seitdem Sie …«

Jetzt schrie Kent: »Ja! Seitdem nach dem Gesetz, das auch Sie zu beachten haben, mein Vergehen gesühnt ist, stellt mich niemand an, weist mich jedermann ab, zwingt man mich … zwingt man mich …«

»Das zu tun, wovon Sie leben«, fiel Lohmann ein. »Darauf wollte ich ja kommen, auf dem Umweg, daß ich Ihnen ein Geschäft vorschlug. Sagen Sie, ist Ihnen in der vielen freien Zeit, in der Sie Ihren eleganten Anzug spazierenführen, nicht vielleicht ein Mann begegnet, der Hoffmeister heißt?«

Kent machte finstere Augen. Die Nennung des Namens schien ihn nicht zu erschrecken. »Niemand ist mir begegnet. Ich will niemandem begegnen. Ich will kein Geschäft mit Ihnen machen. Ich will etwas zum Arbeiten haben. Wenn Sie mir das nicht geben können, war es überflüssig, daß Sie mich herriefen. Ist es denn so schwer, sich auszumalen, wie einem Menschen zumute ist, der seine Zukunft nur als graues Elend vor sich sieht?

Es ist unter normalen Umständen schon fast unmöglich, eine Arbeit zu finden. Nun erst für mich. Es bleiben mir nicht mehr viele Wege. Vielleicht werden Sie diesen Satz als Schuldbekenntnis aufnehmen. Von mir aus, bitte. Ich muß sehen, wie ich durchkomme. Sie können nur klug reden, aber eine vernünftige Arbeit haben Sie auch nicht für mich.«

Lohmann schaute ihn lauernd und ein wenig spöttisch an. »Ich weiß nicht, ob die Arbeit, die wir Ihnen geben könnten, Ihnen auch paßt. Was wollen Sie denn für eine Arbeit?«

»Straßen kehren … einerlei … nur Arbeit … Plakatkleben … Plakate mit Ihren Steckbriefen meinetwegen … Belohnung fünfhundert Mark … fünftausend Mark … Plakate … kleben …«

Lohmann sagte kurz: »Sie sind aufgeregt. Wir werden diesmal nicht einig. Sie können gehen. Guten Tag. Oder ist Ihnen lieber: auf Wiedersehen?«

Kent hörte nicht zu. Er war von seinem Zorn wie hingeweht. Er schrie nochmals: »Plakate kleben!« … Ein Beamter begleitete ihn dann hinaus.

Lohmann wiegte den Kopf: »Ich habe einen Fehler gemacht, Arndt. Wir hätten den Mann zunächst in aller Ruhe beobachten sollen. Aber ich dachte, wir könnten das, was wir wissen wollen, auch durch ein Verhör erfahren. Ich habe mich geirrt. Nun ist unser Schauspieler gewarnt. Sein letztes Geschrei war geschauspielert, wenn es ihm auch mit der ehrlichen Arbeit ernst sein mag.

Was machen wir nun mit ihm? Die beste Beobachtung wird jetzt nicht mehr viel feststellen können. Aber zweifellos besteht Verdunkelungsgefahr. Wir werden ihn festsetzen.«

Arndt schüttelte ernst den Kopf. »Das geht nicht, Lohmann. Woraufhin denn?«

»Das ist doch einfach. Auf Grund von Hoffmeisters Angaben ist Herr Günther Kent verdächtig, in dem Spielklub in der Bendixstraße Falschgeld in Verkehr gebracht zu haben.«

»Das können Sie nie beweisen, Lohmann.«

»Wahrscheinlich nicht. Dann muß ich ihn eben in ein paar Tagen wieder laufen lassen. Außerdem wird ja Hoffmeister hoffentlich bald so weit hergestellt sein, daß er uns über diesen Kent noch ein bißchen mehr sagen kann.«

Arndt war immer noch nicht zufrieden. »Haben Sie auch daran gedacht«, fragte er, »daß bei uns alle Hafträume überbelegt sind? Wohin wollen Sie Kent stecken, wenn Sie ihn festgenommen haben?«

»Das findet sich dann schon«, entgegnete Lohmann lächelnd. »Schlimmstenfalls schicke ich ihn nach Plötzensee, da ist immer Platz für Untersuchungsgefangene.«

»Wie Sie meinen, Lohmann. Auf Ihre Verantwortung.«

»Natürlich. Und ich möchte Sie gleich mit der Festnahme beauftragen, Arndt. Aber verhaften Sie ihn erst, wenn er wieder in seinem Zimmer ist. Und dann halten Sie gleich in seiner Gegenwart eine kleine Haussuchung, vielleicht finden Sie was.«

Und Lohmann griff, ohne weitere Einwände abzuwarten, schnell zum Telefonhörer, um den Haussuchungsbefehl zu beantragen. Arndt sagte kein Wort mehr, er dachte höchstens, daß Lohmann allen Beteiligten die Scherereien erspart hätte, wenn er den jungen Kent gleich vorhin, nach der Vernehmung, dabehalten hätte. Kein Wort hatte er da gesagt vom Spielklub und von den falschen Fünfzigmarkscheinen.

*

Ein kleiner Mann, der rothaarig war, aber sonst keine besonderen Kennzeichen hatte, stand abends gegen elf Uhr vor einer Litfaßsäule am Anhalter Bahnhof und besah sich aufmerksam das große Plakat:

DIE LARA TANZT!

Besonders genau sah er sich das Bild der berühmten Tänzerin an. Dann schaute er auf seine Armbanduhr, fand, daß er noch ziemlich viel Zeit hatte, und bummelte ein ganzes Stück die Stresemannstraße hinunter und wieder zum Bahnhof zurück.

Er betrachtete noch einmal das Bild der Lara, schnitt ihm eine Grimasse und ging langsam in den Bahnhof hinein. Er durchmusterte die Halle, bevor er die Treppe hinanstieg, die zu den Bahnsteigen führte und auf deren obersten Stufen jeder Ankommende einige Augenblicke lang für die ganze Halle sichtbar wurde.

Als der Zug ankam, entstieg einem Wagen, an dessen Schild »Bukarest« stand, eine hochblonde Frau, die auffallend aussah, reizvoll und sehr einfach gekleidet war.

Der Rothaarige trat einen Schritt auf sie zu, aber er gewahrte, daß sie ihm einen mahnenden Blick zuwarf, und zugleich trat ein behäbiger Herr in einem Pelz zwischen die Frau und ihn.

»Frau Lara!« rief der Herr im Pelz. »Gut gereist? Berlin wartet ungeduldig auf Ihre hähä … Ihre Beine. Das will sagen: Ihre Kunst!«

Es gab eine kurze Aussprache zwischen den beiden, aus der der Rothaarige hörte, daß der Herr der Agent war, der die Abende der Lara in der Scala zustande gebracht hatte. Das eifrige Sprechen des Herrn und die am Ausgang zusammendrängende Menge verschafften dem Roten die Gelegenheit, der Dame unbeobachtet einen eng zusammengefalteten Zettel hinzuschieben.

Der Herr kümmerte sich in der Gepäckhalle um die Koffer der Lara, und diese benützte die Gelegenheit, den Zettel zu öffnen.

Sie las darauf: Fräulein Helli Born, Tochter des Professors Born. Wohlfahrtsamt Nord. Und einen Straßennamen mit einer Hausnummer.

*

Am nächsten Vormittag ging Helli Born, den hellen Filzhut mit der breiten Krempe in der Hand schwingend, vom Saatwinkler Damm in Plötzensee auf den Westhafen zu. Sie trug einen hellen Mantel über dem grauen Straßenkostüm, und alles war aufs einfachste und doch vollkommen geschneidert; für erfahrene Augen eine gewollte und teuer wirkende Schlichtheit. Es war, trotz der winterlichen Jahreszeit, ein heller sonniger Tag mit etwas Frühlingsstimmung; Helli ging schnell und beschwingt, tief die klare Luft der nahen Felder einatmend.

Dennoch wirkte ihr Gesicht ernst und besorgt, als sie jetzt den Weg am Strafgefängnis entlangging. Im stillen machte sie sich Gedanken, die vollauf den Ernst rechtfertigten, der ihre Augen anfüllte. Sie war nämlich in einem Hause gewesen, das sie im Auftrag des Wohlfahrtsamtes besucht hatte. Noch klangen ihr die bitteren Abschiedsworte der Arbeiterfrau nach: »Nee, Fräulein, was soll ick mit Ihre fünf Mark? Ick will keen Jeschenk, ick will Arbeet …«

Helli Born schlug jetzt den Weg zum Bahnhof Beusselstraße ein; es war Samstag, und am Nachmittag hatte sie frei. Noch einmal wandte sie sich um. Mit scheuen Augen blickte sie gegen den Gefängniskomplex, der mit seinen Ziegelsteinmauern und den regelmäßig liegenden Fensterreihen sich düster aus dem Gelände erhob. An den Hunderten von Fenstern wehrten vorgebaute und nur nach oben offene Holzkästen den Menschen, die dahinter lebten, den Blick auf die Straße.

Die war heute menschenleer. Aber das war sie fast immer, und Helli, die bereits mehrere Male diesen Weg gegangen war, hatte dabei stets das Empfinden, als ob die Menschen diese Gegend mieden. Als ob sie sich vor der Atmosphäre des Unglücks und des Verbrechens fürchteten, die das Gefängnis schuf. Man ging dem Gebäude lieber aus dem Weg, weil man vielleicht einmal selbst, auch schuldlos, dahinein kommen könnte.

Plötzlich blieben Hellis Blicke, die neugierig und furchtsam die Fassade absuchten, an einem Bild hängen, das ungewohnt an dieser stets öden, großen steinernen Hausmauer war, ungewohnt und noch mehr: erschreckend.

Sie sah, wie einer der die Fenster verkleidenden Kästen, die den Gefangenen den Blick nur zum Himmel freiließen, aber den zur Straße verwehrten, sich mit ruckenden Bewegungen zur Seite schob, und wie in dem freiwerdenden Spalt ein Kopf erschien. Es war der Kopf eines blonden jungen Mannes, durch den Spalt hinausgereckt, daß Helli schon befürchtete, der Gefangene habe seinen Kopf so festgeklemmt, daß er ihn nicht mehr werde zurückziehen können.

Ihre erste Regung war, dem fürchterlichen Bild zu entrinnen. Doch plötzlich hörte sie, daß von dem festgeklemmten Kopf eine Stimme kam: »Fräulein! Bitte, bitte, Fräulein! …«

Das Eindringliche und Flehentliche in dem Ton ließ sie die Schritte anhalten. Auch ihr Herz stand still. Sie wandte, ohne es zu wollen, den Blick wieder hinauf. Da hörte sie von neuem die Stimme mit demselben geflüsterten Rufen und der gleichen Eindringlichkeit: »Bitte rufen Sie 234 432 an und sagen Sie meinem Freund, ich sei in Plötzensee!«

Und mit gesteigerter Dringlichkeit, ja mit einem bettelnden, unheimlichen Flehen, fügte sie hinzu: »Bitte, bitte, Fräulein: 234 … 432! Haben Sie verstanden? 234 … 432 …«

Helli Born lief davon, überwältigt von dem Schrecken. Sie lief an dem Wasserbecken des Westhafens vorbei, die Seestraße weiter und huschte in den Bahnhof Beusselstraße hinein.

Als sie hier, zwischen den Rudeln sich frei bewegender Menschen zur Ruhe kam, das Erlebte in sich einigermaßen zu ordnen versuchte, faßte sie den Entschluß, in die Fernsprechzelle zu gehen. Es war ihre Pflicht, fand sie. Und außerdem hatte sie die Empfindung, den jungen Gefangenen schon irgendwo gesehen zu haben … vielleicht im Wohlfahrtsamt.

Sie wählte 234 432. Ihre Finger zitterten an der Scheibe. Bebend nahm die Hand den Hörer, und Helli hörte mit klopfendem Herzen das Klingelzeichen. Mit einer unsicheren Stimme sprach sie, worum sie gebeten worden war.

»Danke!« hörte sie eine Männerstimme kurz antworten. Sonst nichts. Auf der anderen Seite war gleich eingehängt worden.

Den ganzen Weg bis nach Hause ging sie mit sich zu Rate, ob sie ihrem Vater das Erlebnis berichten sollte. Zunächst erschien ihr das als selbstverständlich. Aber mit der wachsenden Entfernung vom Ausgangspunkt des Erlebnisses wurde sie zusehends unentschlossener. Eine Regung begann in ihr Oberhand zu gewinnen, jeder Mensch besitze in seinem Innern so etwas wie eine Insel, die zu betreten niemandem gestattet sei.

Durch einen Zufall, den sie nicht herbeigeführt hatte, war sie Zeugin der Not eines andern geworden. Einen Dritten mit diesen Dingen zu belasten, und sei es selbst der Mensch, dem sie näherstand als jedem anderen, war nicht statthaft, war ein Vergehen gegen das Gesetz in ihr. Sie hatte kein Recht dazu.

Als sie zu Hause eintraf, war sie entschlossen, zu schweigen. Lange noch überlegte sie, wo sie den jungen Mann wohl gesehen haben könnte, doch sie fand keinen sicheren Anhalt. Übrigens bewies seine Haft nicht so ohne weiteres etwas gegen ihn; auch Unschuldige wurden manchmal eingesperrt.

Am nächsten Tag, also an einem Sonntag, hatte sie wiederum ein Erlebnis. Es war noch aufwühlender als das gestrige, denn es war an dieses gebunden und hatte darüber hinaus noch die Eigenart, daß sie den Vorgang nicht verstand und seine Ursache nicht erkennen konnte.

Unter der Leitung ihres Amtes fand ein Blumentag statt, an dem in den Straßen künstliche Margeriten und Veilchen zugunsten eines Kinderspeisefonds verkauft wurden. Auch Helli Born beteiligte sich an dem Verkauf in den Straßen.

Sie stand am Nachmittag am Eingang eines der großen Hotels im Zentrum der Stadt und bot aus einem Körbchen die kleinen Blumen an. Plötzlich sah sie, wie ein Mann, der schon an ihr vorbeigegangen war, sich rasch umdrehte und zurückkam, in die Tasche griff und eine Banknote herauszog.

Zunächst erschrak sie vor der Plötzlichkeit des Vorgangs, nicht weniger aber auch vor der Höhe des Geldscheines, der ihr hingehalten wurde.

Es war ein Hundertmarkschein.

Im Gewoge der Menschen schaute sie sich kaum jeden Geber an. Doch dieser Geldschein bewog sie, die Augen zu erheben. Sie sah einen gutgekleideten dreißigjährigen Menschen von blondem Typ, hart und schlank gewachsen und mit einem langen, fettlosen und herben Gesicht. Und dann beobachtete Helli, wie sich die Züge dieses ausgelaugten Gesichts mit einemmal spannten. Ein Zucken ging durch die Augen, die freudlos unfreundlich und gequält dreinschauten. Dann verzerrte sich das Gesicht, und unvermittelt riß der Mann die Hand zurück, die den Schein hatte geben wollen.

Überhastig drehte er sich um und lief davon, als wollte er fliehen. Er sprang in einen Omnibus hinein, der am nahen Halteplatz überfüllt gerade anfuhr.

Und nun erst, da er zwischen den Menschen verschwunden war, die sich im Omnibus drängten, ward es Helli Born bewußt, daß es der Mann gewesen war, der sie gestern aus dem Gefängnis heraus angerufen hatte.

Einer Regung folgend, die ihr Inneres bis ins tiefste verwirrte, entfernte sich Helli gleich von der Stelle, an der sie sich bisher aufgehalten hatte.

Sie blieb erst stehen, als eine Litfaßsäule zwischen ihr und dem Ort lag, wo sich die Begebenheit vollzogen hatte. Sie schaute auf die bunten Plakate der Säule, abwesend und aufgescheucht.

Ihr war, als ob aus der Tiefe der Straße heraus die Augen des Mannes durch die Säule hindurch sie anschauten. Aus dem Ausdruck dieser gepeinigten und unliebenswürdigen Augen sprach die Not eines Herzens.

Ein kleiner Schmerz blieb in Hellis Gemüt und verharrte um so hartnäckiger, als sie an der Begebenheit und ihren Zusammenhängen keinen Sinn erkennen konnte.

Was hatte der Mann gewollt? Weshalb war er geflohen, als erschrecke er vor ihr?

War er vor ihr geflohen? Wäre es möglich gewesen, daß er sie erkannt hätte? … Weshalb vor mir fliehen? fragte sie sich. Vor mir, die gestern sein Vertrauen hatte und es nicht betrog? War dieser Mann nicht etwa doch ein Übeltäter? Hatte sie sich für einen Verbrecher eingesetzt, der gestern noch, von der Umwelt abgeriegelt, im Gefängnis gesessen, vielleicht mit ihrer Hilfe daraus befreit worden und nun von neuem auf die Mitmenschen losgelassen war? …

»Nun, mein liebes Fräulein, verkaufen Sie mir einige Ihrer Blumen?« hörte Helli plötzlich eine Stimme, die fremdländisch klang. Sie empfand einen raschen leisen Unwillen. Denn die fremde Stimme mischte sich unbefugt in die Vorgänge ein, die ihre Vorstellungswelt in so schmerzender Spannung hielten.

Als sie aufblickte, sah sie eine junge, außergewöhnlich wirkende Frau vor sich stehen, die groß, von einer biegsamen Schlankheit war. Unter einem blauen Hütchen sah eine Haarsträhne hervor, so gelb wie Dotterblumen. Irgendwo, wenn auch vielleicht nur auf einem Bild, mußte sie, Helli, dieses Gesicht schon einmal gesehen haben.

Helli hielt eilfertig ihren Korb hin.

»Eine Margerite oder ein Veilchen, gnädige Frau?« fragte sie lächelnd.

»Ich möchte Ihnen für Ihre Kinderspeisung dieses Geld geben – was für Blumen geben Sie mir dafür?«

»Oh, gnädige Frau«, lachte Helli, »den ganzen Korb.« Denn die Dame hielt einen Hundertmarkschein hin.

In dem nächsten Augenblick aber überlief sie ein Schreck.

Was geschah heute?

Der Mann hatte auch einen Hundertmarkschein geben wollen.

Das Mädchen glaubte, daß auch die Dame das Geld zurückziehen und fliehen würde.

Aber der Hundertmarkschein wurde ihr gereicht. Helli fühlte das Papier ihre Finger berühren. Es war diesmal wahr. Sie hatte das Geld in ihrer Hand.

Diese Tatsache führte sie zur vollen Wirklichkeit zurück. In der Freude über die große Spende wurde sie glücklich und liebenswürdig, und sie sagte der Dame, diese Summe reiche ja aus, ein paar Kinder wochenlang zu beköstigen, und sie schulde es der Behörde, der Leiterin des Unternehmens, nach dem Namen der Dame zu fragen, damit man ihr noch besonders danken könnte.

»Meinen Namen?« sagte die schöne blonde Frau. Sie schaute an Helli vorbei in die Höhe und wies mit einer Bewegung des Kopfes über sie hinweg auf die Plakatsäule. »Da!« lächelte sie.

Als Helli Born sich umdrehte und an der Litfaßsäule aufschaute, las sie:

DIE LARA TANZT!

Es war dasselbe Plakat, das sie neulich mit der Freundin gesehen hatte.

Die Lara also! Die berühmte Tänzerin … Ja, jetzt erkannte Helli sie wieder. Wie nett und menschlich die Künstlerin war, und wie herzlich sie sprach! Es war richtig, daß die Lara nicht mehr ganz jung war, aber sie wirkte so interessant, daß sie es mit einem ganzen Rudel junger Schönheiten hätte aufnehmen können: die Männer hätten immer nur die Lara gesehen, die reife, von Geheimnis umwitterte Frau.

Helli und die Tänzerin sprachen noch eine Weile miteinander. Helli machte ihr Komplimente und nannte sich glücklich, daß sie durch einen so schönen Zufall die Bekanntschaft der großen Tänzerin habe machen dürfen.

Liebenswürdig schloß sie: »Nun ist Ihre Spende das Doppelte wert, weil sie von einer so großen Künstlerin kommt.«

»Danke schön«, antwortete die Lara. »Hätten Sie nichts dagegen, wenn ich Ihnen beim Blumenverkaufen helfe? Was meinen Sie?«

»Aber das wäre doch zu anspruchsvoll, nein, gnädige Frau. Das darf ich nicht annehmen.«

»Lalala!« machte die Tänzerin. »Geben Sie mir eine Handvoll ab. Kommen Sie näher zu dem Hotel. Das ist ein besserer Platz als diese Ecke.«

Damit nahm sie mit einem lebhaften Griff das blaue Hütchen mit der schräg nach hinten geneigten Aigrette vom Kopf und füllte es mit Blumen. Das blonde Haar leuchtete wie eine große Sonnenblume zwischen den Menschen, mit denen sie weitergingen. Die Tänzerin lachte die Vorübergehenden an, und die kamen heran und kauften Blumen. Bald waren sie ausverkauft.

Helli begann zu danken.

»Aber nicht doch«, wehrte die Lara ab. »Schauen Sie, ich habe sichere Einkünfte trotz der schlechten Zeit, und es ist meine Pflicht, zu helfen. Was bedeuten die paar Mark, die ich Ihnen einnehmen helfe, neben der Größe der Not. Ich habe die Gewohnheit, in allen Städten, wo ich auftrete, einen Abend der Wohltätigkeit zu widmen, und da wir uns so gut vertragen, meine kleine süße Freundin, werden Sie mir sagen, an wen ich mich deswegen hier wenden soll. Und vor allem, wie Sie heißen.«

»Helli Born«, sagte das Mädchen. »Mein Vater ist der Professor Born.«

»Oh!« machte die Lara. »Der berühmte Psychiater. Fein! Das ist wundervoll. Auch Ihr Vater muß uns seinen Namen leihen. Wird er es tun?«

»Sicher wird er's tun.«

»Und was raten Sie mir? Wer soll alles organisieren? Vielleicht der Verein, der den Blumenverkauf heute betrieben hat.«

»O ja, natürlich!« rief Helli. »Es ist die Fürsorge, das Wohlfahrtsamt Nord. Meine Behörde. Ich bin da angestellt. Sie haben ein gutes Herz, aber trotzdem wissen Sie nicht, wieviel Not wir in unseren Büros und bei unseren Besuchen zu sehen bekommen.«

»Dann schlage ich vor, wir nehmen ein Auto und fahren gleich zu Ihrer Behörde und bringen es in Ordnung.«

»Die Frau Regierungsrätin wird Augen machen«, jubelte Helli.

»Ihre Vorgesetzte ist eine Frau? Trägt sie eine Brille?«

»Nein. Aber nein.«

»Ein Reformkleid?«

»Nicht im geringsten.«

»Aber sie ist eine Vogelscheuche und ihre Zähne wackeln?«

»Die sind so schön und schneeweiß, fast wie die Ihrigen, Frau Lara!«

»Aber sie ist etwa neunzig Jahre alt und griesgrämig?«

»Sie ist eine schöne Frau und sehr liebenswürdig, und wir verehren sie.«

»Dann bin ich beruhigt, kleine Freundin. Und bereit, mit ihr den Fall zu besprechen. Kommen Sie!«

Helli hatte das Erlebnis mit dem unbekannten Mann und dem Hundertmarkschein völlig vergessen.

*

Aber dieser unbekannte Mann, Günther Kent, hatte Helli nicht vergessen. Er hatte an dem jungen Mädchen, das die Blumen verkaufte, vorbeigehen wollen. Aber als er schon an ihr vorüber war, erkannte er sie auf einmal an dem Blick ihrer großen kinderhaften Augen. Er machte sofort halt, fingerte einen der gefälschten Scheine aus der Tasche, hielt ihn hin und sah nun voll in diese Augen. Eine Unberührtheit strahlten sie aus, die ihm wie etwas Sagenhaftes erschien.

Er erschrak vor dem, was er tun wollte. Den Schein zerknitterte er und steckte ihn wieder in die Tasche, er mußte fliehen. Er eilte zu dem Omnibus, der gerade an der nahen Haltestelle vorfuhr. Daß er das Mädchen, das er so sehr gesucht, hier und unter solchen Umständen gefunden hatte, erschütterte ihn aufs tiefste.

Kent war durch Faulebaum aus dem Gefängnis befreit worden. Er war nicht glücklich. Seit einiger Zeit meldete sich immer bezwingender das Begehren, das Leben in der Verbrecherbande aufzugeben und in eine bessere Gesellschaft zurückzufinden. Aber die ersten zaghaften Versuche scheiterten. Die Nöte der Zeit … Arbeitslosigkeit …

Jetzt hatte er wieder einmal die Luft des Gefängnisses gerochen. Er hatte es völlig verzweifelt verlassen und irrte, die Gefahr entdeckt zu werden mißachtend, mit sich ringend, durch die Stadt.

In dieser Stimmung, aus Trotz und Auflehnung gemischt, hatte er der Sammlerin die gefälschte Banknote geben wollen und im letzten Augenblick in ihr das Mädchen erkannt, das er liebte und bewunderte und durch dessen telefonischen Anruf er befreit worden war. Das war die Entscheidung. Keinen Augenblick länger bei diesem Leben!

Er suchte das nächstliegende Wohlfahrtsamt auf, um zu erfragen, ob man ihm nicht eine Beschäftigung verschaffen könnte. Er war bereit zu allem. Ja, er war bereit, die Bande auszuliefern … nur wieder ein ordentliches, klares, offenes Leben.

Einmal wieder würdig werden, daß solche Augen einen anschauen, und daß man selber hineinschauen darf!

Eine Qual zerwühlte ihn. Die Menschen wußten nichts von seinem Sturz aus ihrer Gesellschaft, als er damals verurteilt wurde. Er durfte die Wahrheit nicht sagen. Sie hatten ihn verstoßen, und er fand keinen anderen Weg, als den zu der Verbrecherbande. Die Menschen hatten es ihm leicht gemacht, bei ihr zu bleiben. Denn nie hatten sie ihm die Möglichkeit gegönnt, wieder zu einer anständigen Arbeit und dorthin zurückzugelangen, wo er sie verlassen hatte. Er hatte es oft versucht. Immer wieder war er zurückgewiesen worden. Wie ein Gespenst verfolgte ihn sein Fehltritt. Er schien unsühnbar zu sein. So hatte ihn die Not zu der Verbrechergilde getrieben, und Not und Trotz hielten ihn dort fest.

Jetzt aber stand dieses Mädchen an seinem Weg.

Kent versuchte, sich ihrer Gesichtszüge zu erinnern. Aber sein Gedächtnis gab sie ihm nicht zurück. Nur der Ausdruck der Augen war ihm gegenwärtig. Es kam ihm vor, als seien diese Augen vom Leben unberührt geblieben, als leuchteten sie aus einer anderen Sphäre in diese vom Menschendreck beschmutzte Straße … als bärgen sie das Kostbarste und Erhabenste, das Süßeste und das Unstillbarste.

Er verließ den Omnibus und die Menschen, rannte durch den Tiergarten, sprach laut mit sich selber, fluchte und flehte. Konnte er seinen Sturz noch abfangen? War so etwas noch möglich? Sich selber am Kragen fassen und vom Abgrund wegreißen und sich zwischen die Menschen stellen, um zu versuchen, ob es für ihn eine Möglichkeit gäbe, sich diesem Mädchen zu nähern? Er stöhnte und ächzte. Er biß sich in die Fäuste und hieb sich in die Schenkel. Aber stärker noch schmerzte ihn das, was tief in seinem Inneren tobte.

So ging er zu dem Wohlfahrtsamt, wo er dem geliebten Mädchen schon einmal begegnet war.

*

Eine halbe Stunde vor ihm waren Helli Born und die Lara dort angekommen. Sie hatten mit der Regierungsrätin alles Nähere besprochen, waren auf den Vorschlag der Lara hin übereingekommen, die Wohlfahrtsvorstellung als Nachtvorstellung zu geben und sie erst nach Schluß aller Theater und Lichtspielhäuser beginnen zu lassen.

Es herrschte eitel Freude in dem Zimmer, als die Regierungsrätin in ihren Amtsraum nebenan gebeten wurde, wo jemand sie sprechen wollte. Der Besucher hatte seinen Namen auf den dazu bestimmten Block geschrieben.

»Ich werde gleich zurück sein«, sagte die Regierungsrätin in der Tür und ließ sie ein wenig offen.

Aber gleich lenkte das Gespräch, das im Nebenraum zu hören war, Helli Born und die Lara von ihrer Unterhaltung ab, und schweigend horchten sie zu, indem sie sich dabei wiederholt anblickten.

Den Beginn hatten sie versäumt. Sie hörten, wie eine Männerstimme hart und scharf das Wort ›Arbeit‹ ausrief. Worauf die Regierungsrätin fragte: »Wie lange sind Sie denn arbeitslos, und wo haben Sie die Arbeitslosenunterstützung bezogen?«

Der Mann: »Ich habe keine bezogen.«

Die Beamtin: »Aber Sie hatten ein Recht darauf.«

Der Mann: »Ich verzichte auf alle Rechte außer auf das zur Arbeit.«

Der Tür gegenüber hing ein Spiegel. Als Helli zufällig zu ihm aufblickte, sah sie, daß er einen Winkel des Nebenraumes durch die halboffene Tür wiedergab. Und mitten in diesem Bild gewahrte sie etwas Unerwartetes. Sie erschrak so stark, daß sie blaß wurde.

»Kind, was haben Sie denn?« fragte die Tänzerin besorgt.

Im ersten Augenblick vermochte Helli nicht zu antworten. Dann sagte sie verschüchtert: »Ich bin so erschrocken.«

»Wovor denn? Es ist doch nichts geschehen.«

Mit einem scheuen Nicken des Kopfes deutete sie in den Spiegel.

Nun schaute auch die Lara hin und sah im Glas einen Ausschnitt des Nebenzimmers und mitten drin einen noch jungen Mann in einem blauen Mantel.

Der Mann stand mit zurückgezogenen Armen, wie in einer Angriffsstellung, vor der Regierungsrätin, die dem Spiegel den Rücken kehrte. Die Züge seines hageren Gesichts waren drohend gespannt.

»Ich will arbeiten!« rief er.

»Weshalb erschrecken Sie davor?« fragte die Lara.

Aber Helli Born zuckte nur die Achseln, und auch nachher, als der Fremde gegangen und die Regierungsrätin zurückgekommen war und von dem Besuch erzählt hatte, schwieg Helli über ihr Erlebnis mit dem Fremden und die Begebenheit mit dem Hundertmarkschein.

Sie machte sich Vorwürfe, daß sie die Begegnung verschwieg, aber sie vermochte nicht, darüber zu sprechen, und wagte nicht, sich die Ursache ihrer Hemmung einzugestehen.

»Was ist nun solch ein Mensch?« fragte die Lara die Regierungsrätin. »Wir sahen ihn im Spiegel. Er war doch gut und sorgfältig gekleidet.«

»Er sagte, daß er seit zwei Jahren beschäftigungslos sei. So lange halten Anzüge nicht die Form. Wissen Sie, die Kleider sind stets das erste, was wir hier im Amt anschauen. Sie verraten oft etwas Entscheidendes, was die Besucher ungern preisgeben. Haben Sie den Ton gehört, in dem er nach einer Beschäftigung verlangte? Wenn er anders gesprochen hätte, müßte ich ihn für einen Hochstapler halten.«

»Und so?«

»Ich kann nur annehmen, daß er ein bestimmtes Erlebnis nicht aus seinem Unterbewußtsein verdrängen kann. Er leidet unter diesem Erlebnis.«

»Sie haben einen interessanten Beruf, gnädige Frau«, sagte die Lara, »aber Sie scheinen auch alles zu können, was er verlangt.«

»Man tut sein Möglichstes. Es ist nicht immer sehr viel«, antwortete die Beamtin bescheiden.

»Was werden Sie tun – mit ihm?« fragte Helli, sich mühsam meisternd.

»Sie wissen, was wir als erstes in solchen Fällen tun, tun müssen: bei der Polizei anfragen, ob der Betreffende dort bekannt ist.«

Helli erschrak.

»Ich werde das gleich selber erledigen«, sagte die Regierungsrätin.

Und mit einemmal spürte Helli Born den unheimlichen Drang, davonzulaufen, weit weg von diesem Amt, das jetzt den ganzen Apparat spielen ließ, um Namen und Adresse dieses verzweifelten blonden Menschen festzustellen und mit kalten Verfügungen in sein Leben einzugreifen.

Es war sogar möglich, nein, wahrscheinlich, daß ihr, Helli, die dienstliche Aufgabe zufiel, sich mit der Existenz dieses Mannes zu befassen, ihm zu helfen, ihn zu beraten, ihn auszuforschen.

Unvorstellbar. Lieber gab sie hier ihre Stellung als Sozialhelferin auf … Und jeden Augenblick konnte die Regierungsrätin Fragen an sie richten, sie um Auskünfte ersuchen; gewiß sah man ihr an, wie verwirrt und erschrocken sie jetzt war …

Zum Glück hatte sie mit der Tänzerin vorher ausgemacht, daß man zusammen zum Vater gehen wollte, um ihn um Hilfe und Unterstützung für die Wohlfahrts-Nachtvorstellung zu bitten. Er war in der Universität, wo er heute nachmittag sein Publicum las, jenes Kolleg, worin immer wieder der »Patient M« vorkam, ein aufsehenerregender Sonderfall für alle Psychiatrie-Beflissenen. Wie gut es sich jetzt traf, daß es schon so spät war!

Die Lara ließ sich überzeugen, daß es die höchste Zeit war, wenn sie Professor Born noch in der Universität erreichen wollten, und schnell verabschiedeten sie sich von der Regierungsrätin.


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