Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

VII

Das Wahlattentat hatte folgenreiche und nachhaltige Wirkungen. Es trieb die beiden Parteien, die auf den Sieg gehofft hatten, zu leidenschaftlichen Ausbrüchen gegeneinander, denn sie warfen sich gegenseitig vor, die Urheber der Anschläge zu sein. Ein jeder hatte Angst vor dem Sieg des anderen gehabt. In der Wahlnacht, nachdem der Streich bekanntgeworden war, hatte es bei Zusammenstößen drei Tote und einen Schwerverletzten gegeben.

Tags darauf war die Erregung noch gestiegen, weil keine Aufklärung über die Täter gekommen war. Auch da hatten einige Menschen das Leben gelassen, und noch am dritten Tag war es zu Zusammenstößen gekommen.

Die Ermittlungen der Kriminalpolizei hatten bisher zu keinem greifbaren Ergebnis geführt. Und doch glaubte Lohmann, in dessen Kommissariat der Fall gehörte, aus einigen, wie es zunächst schien, nebensächlichen Beobachtungen Schlüsse ziehen zu können, die seiner weiteren Arbeit wenigstens so etwas wie eine Richtung gaben.

Anfangs hatte er das Attentat auf die Wahlurnen nicht allzu ernst genommen. Eine entscheidende Fälschung des Wahlergebnisses war dadurch nicht erzielt worden. Das wäre in jedem Fall auch nur für das Stadtgebiet wahrscheinlich gewesen. Aber auch hier lagen die Einzelergebnisse der verschiedenen Parteien so weit auseinander, daß die rund fünfzehntausend Stimmen, die durch das Attentat ungültig gemacht worden waren, selbst wenn sie alle nur einer Partei zukämen, nicht ernstlich ins Gewicht gefallen wären.

Die Suche nach den Tätern war ohne Erfolg geblieben. Auf die Aufforderung der Polizei hin meldeten sich eine Anzahl Augenzeugen, die aber fast in allen Punkten widersprechende Angaben machten. Einzig die Personenbeschreibungen stimmten für einige Gestalten überein. Doch damit allein kam man auch nicht weiter.

Lohmann war auch mit anderen Fällen in den letzten Tagen nicht weitergekommen. Es war wie verhext. Hoffmeister sollte noch immer nicht vernehmungsfähig sein. Dadurch verzögerte sich die Falschgeldaffäre, zu der er sicher einiges auszusagen hatte, ebenfalls empfindlich.

Kent, an den man sich in dieser Sache hätte halten können, war aus der Untersuchungshaft entflohen. Eine Tatsache, die dem Kommissar zunächst nicht hatte in den Schädel gehen wollen. Erst als er erfuhr, daß ein Wärter bewußt oder unbewußt diese Flucht unterstützt hatte, wurde sie ihm verständlicher.

Kent hätte schon am nächsten Tag wieder verhaftet werden können, er hatte sein Auffinden der Polizei nicht schwer gemacht. Aber Lohmann verzichtete darauf, er hatte sich zu einer anderen Behandlungsmethode entschlossen. Er ließ ihn beobachten. Da dies, um ihn in Sicherheit zu wiegen, sehr vorsichtig geschehen mußte, er andererseits aber den ganzen Tag unterwegs war, konnte es allerdings trotzdem geschehen, daß er ohne Wissen der Polizei mit Leuten zusammenkam, für die sie sich interessieren müßte.

Auch der Wärter wurde zunächst nur beobachtet. Eine Verbindung mit Kent war bisher nicht festgestellt worden. Und doch war dann etwas Überraschendes geschehen. Der Wärter hatte sich mit einem Menschen getroffen, dessen Äußeres genau mit der Beschreibung übereinstimmte, die mehrere Augenzeugen des Wahlattentats von einer der beteiligten Personen gegeben hatten.

Es war auch mit Sicherheit festgestellt worden, daß dieser Mensch an dem Attentat beteiligt gewesen war. Dabei war man jedoch stehengeblieben. Er hatte jede Aussage verweigert, als man ihn schließlich verhaftet hatte.

So weit war man gekommen. Nun kombinierte Lohmann: Der Zusammenhang zwischen dem Verhafteten und dem Wärter stand fest. Der zwischen Wärter und Kent konnte als sicher gelten. Der zwischen Kent und der Geldfälscherbande ebenfalls. Lag es nicht auf der Hand, die einzelnen Fälle miteinander zu verbinden? War hier eine große Bande am Werk, auf deren Konto all die Verbrechen kamen, die seit einigen Monaten die öffentliche Ruhe so schwer störten? Der Fall des Falschgeldes und der unaufgeklärt gebliebene Angriff auf Hoffmeister erwiesen sich als ganz sicher zusammenhängend.

Diese Theorie veranlaßte den Leiter der Kriminalpolizei, Lohmann die gesamte Behandlung dieser und eventuell weiterer noch hinzukommender Fälle zu übertragen.

Der Gerichtschemiker hatte den Pfeil, den Lohmann in dem Hotelzimmer gefunden und der auf Hoffmeister abgeschossen worden war, untersucht und tatsächlich, was schon Born als Vermutung ausgesprochen hatte, Skopolamin an der Spitze festgestellt.

Bei den Nachforschungen über die Herkunft des Pfeils stieß man auf eine sonderbare Tatsache. Fachleute erklärten, der Pfeil sei aus der Borste eines Stachelschweins hergestellt, und es sei von den Buschmännern in Südafrika bekannt, daß sie solche Pfeile verwendeten. Die Pfeile würden mit einem kleinen Bogen, der ebenfalls aus einer solchen Stachelschweinborste hergestellt war, abgeschossen. Dieser Bogen war jedoch nicht gefunden worden.

Die weiteren Untersuchungen brachten zutage, daß sich in Breslau solche Pfeile und Bögen im Völkerkundemuseum befanden. Als man sich an die Leitung des Museums wandte und diese dann ihren Bestand nachprüfte, stellte sie fest, daß von den in den Listen aufgezeichneten Bögen zwei – und dazu zwanzig Pfeile – fehlten.

Die leeren Lederköcher, die das Aussehen eines mit Glasperlen verzierten Fingerlings hatten, waren zurückgelegt worden. Aber an dem Glaskasten, aus dem sie gestohlen worden waren, konnte von einer gewaltsamen Öffnung nichts entdeckt werden. Das bildete ein neues Rätsel.

Der Vorgesetzte Lohmanns bedrängte ihn: »Sie müssen nochmal zu Professor Born. Sie haben doch ganz deutlich im Fernsprecher Hoffmeister den Namen Mabuse aussprechen hören …«

»Nein, das habe ich nicht, Herr Kriminalrat. Sehen Sie, wie diese Sache selbst Ihnen schon zusetzt. Sie suggeriert Ihnen Dinge, die nicht geschehen sind. Ich habe nur an der Scheibe Zeichen eingeritzt gefunden, die den Anfang des Namens Mabuse bedeuten und die jemand mit der Hand auf dem Rücken eingeritzt hat. Und dieser jemand war aller Wahrscheinlichkeit nach Hoffmeister. Aber sicher ist das nicht!«

»Hoffmeister ist trotzdem der einzige, der Wertvolles zu sagen weiß.«

»Wenn er nicht mit Atropin oder Skopolamin vergiftet worden wäre. Als ich ihn sah, war er nicht bei Sinnen, und als Folge der Vergiftung soll eine Gedankenverwirrung geblieben sein.«

»Das sagt Born?«

»Ja.«

»Wie lange wird sie vorhalten? Es ist doch anzunehmen, daß sie allmählich verschwindet. Sie müssen sich täglich bei Born nach Hoffmeister erkundigen und den ersten Augenblick wahrnehmen, wo er vernehmungsfähig ist.«

»Die Bestimmung dieses Augenblicks steht allein bei Born!«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Kriminalrat mißtrauisch.

»Wir haben auf dem üblichen Weg, den Verstand und Erfahrung uns führten, nichts herausgefunden. Wir müssen nun einmal versuchen, vom Unwahrscheinlichen auszugehen.«

»Von Born, meinen Sie?« rief überrascht und zweifelnd der Kriminalrat.

»Nicht gerade. Ich will nicht genau das sagen. Nur im allgemeinen möchte ich von einer ganz unerwarteten Seite her zu einem neuen Angriff ansetzen.«

»Haben vielleicht irgendwelche Kombinationen oder Konstruktionen, wie Sie sie ja lieben, Sie auf Born gebracht?« fragte hartnäckig der Kriminalrat.

»Kombinationen haben uns dahin gebracht, wo wir jetzt stehen. Vor ein Loch, in dem nichts ist. Hier muß etwas anderes helfen. Intuition!«

»Sehr unzuverlässig! Vage Aussichten! Haben Sie nichts mehr von Dorner gehört?«

»Er hat mir geschrieben. Dasselbe, was er hier aussagte. Ich habe mir das Tor in der Mauer und die Leute, die es benutzen, angeschaut. Es sind die Gärtner der Anstalt, aus denen sein Wahn den Mabuse erfindet … – Sind Ihnen, Herr Kriminalrat, Plakate aufgefallen, die das Auftreten einer Tänzerin namens Lara ankündigen?«

»Ja, ich habe sie gesehen. Aber Ihre intuitiven Kräfte werden doch hoffentlich nicht auch diese Tänzerin in der Affäre spüren?«

»Ich habe festgestellt, daß sie täglich mit Fräulein Born, der Tochter des Professors Born, zusammentrifft … diese Tänzerin Lara.«

»Lirumlarum!« sagte der Kriminalrat nur.

Als das Telefon ging und Lohmann eine Zeitlang mit wechselndem Gesichtsausdruck gehorcht hatte, rief er auf einmal: »Himmelkreuzdonnerwetter! Kommen Sie mit dem Mann her!«

Er warf den Hörer in die Gabel des Telefons.

»In einer Bank wollte jemand für neun gefälschte Hundertmarkscheine Englische Pfund kaufen. Er hat die Scheine gestern nacht in einem Lokal auf einen Tausender herausbekommen und weiß nicht mehr, wo das Lokal liegt.«

»Hat man festgestellt, wer der Mann ist? Vielleicht ein Fang, der Aussichten eröffnet?« fragte der Kriminalrat.

»Es scheint so«, antwortete Lohmann trocken. »Es ist der Kronprinz eines Landes, das er Ihnen gleich selber nennen wird. Die Gesandtschaft hat ihn legitimiert. Weshalb die Fälscher nicht gleich mit den Hundertern angefangen haben, ist mir ein Rätsel. Es ist dieselbe Arbeit, einen Hunderter zu drucken wie einen Fünfziger.«

Der Kriminalrat zuckte nur die Achseln und ging hinaus.

*

Born wartete auf die Lara. Aber sie kam nicht. In der Berührung mit dem Arzt und den Dingen, die ihn umgaben, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Daß Born sie zu Mabuse geführt hatte, war etwas ganz Außerordentliches und Bedeutungsvolles gewesen. Das empfand sie natürlich und hatte auch eine Ahnung von seinen Beweggründen. Er war in Liebe zu ihr gefallen und hielt sich für verpflichtet, dieser Liebe alles von sich zu geben.

Große Persönlichkeiten, wie dieser Arzt, ließen nie einen Teil ihrer selbst allein laufen, sondern faßten alles, was sie anging, schöpferisch in einen Griff zusammen. Er hatte sie, die fremde, aber geliebte Frau, zu diesem von Geheimnis und Schauer umnebelten Wesen Mabuse geführt, gleichsam wie zu einer anderen Verkörperung seiner selbst. In dieser Verkörperung schienen die Dinge zu gipfeln, in denen das Innerste Borns, jenseits von Gut und Böse, einen geheimnisvollen Zusammenhang mit seiner Gedankenwelt hielt.

Die Lara stand in einem Leben voll Abenteuer, nicht des Herzens, sondern der Phantasie, und immer setzte sie sich selbst aufs Spiel. In dem Wunsch eines Spiels mit der Untiefe in ihr hatte sie sich, wenn auch unter äußerem Zwang, zu einer Verbrecherbande geschlagen, die ihr Netz über ganz Europa ausspannte. Die Begegnung mit Born hatte jedoch etwas in ihr geändert. Es war ihr nicht etwa Reue über ihr wildes und anrüchiges Leben aufgestiegen. Reue war ein Begriff, der ihr bei der Unmittelbarkeit ihres Temperaments fremd war.

Sie liebte Born auch nicht so, wie sie fühlte, daß er ihr gehörte. Es war etwas anderes durch ihn in ihrem Inneren angesprochen als das Blut, etwas, was sie erregender, fremder und verstrickender empfand. Aus dem Erahnen verborgener Ähnlichkeiten heraus war so etwas wie eine Geschwisterschaft zwischen diesem Mann und ihr, der doppelt zwischen dem Sichtbaren und Versteckten treibenden Abenteuerin, entstanden.

Wegen des Ungewöhnlichen in ihrer neuen Lage fand sie nach der ersten, mit so bedeutsamen Erlebnissen gesegneten Begegnung mit Born nicht mehr so leicht den Weg zu einer Begegnung im Alltag. Sie suchte einen Ersatz in der Nähe von Borns Tochter. Fast jeden Tag traf sie das junge Mädchen. Sie holte es im Amt ab oder saß plaudernd mit ihr in deren Dienstzimmer. Es gab auch stets Anlässe zu Besprechungen und Vorbereitungen für die Wohltätigkeitsvorstellung.

Lächelnd nahm die Lara zur Kenntnis, daß Helli schon mit einer Freundin im Theater gewesen und sie hatte tanzen sehen. Es schien für das junge Mädchen wirklich eine Art Erlebnis gewesen zu sein, denn Helli konnte nur erregt, ja verstört, von diesem Abend sprechen und schien sich auf die geplante Nachtvorstellung wie auf ein ganz besonders großes Erlebnis zu freuen.

Das Datum war längst festgelegt. Eine große Propaganda wurde jetzt eingeleitet. Man hatte Wege zu Zeitungen, zu Verbänden. Auf die Anregung der Lara hin war das Unternehmen in ganz großem Maß aufgebaut worden, und sie zeigte sich unerschöpflich in Einfällen für Reklame, für Ausstattung, für ungewöhnliche Inszenierung des Nachtfestes.

Aber auch Helli entwickelte bei diesen Vorbereitungen unerwartete Fähigkeiten. Ihr Wesen nahm eine leidenschaftliche Schlagkraft an.

»Das Kind wird noch einmal eine große Frauenbewegung gründen und führen, um die Menschheit zu erretten«, scherzte die staunende Regierungsrätin.

Bei einem ihrer Besuche im Amt fragte die Lara auch nach jenem jungen Mann, dessen stolzes und ungebärdiges Auftreten sie neulich im Spiegel beobachtet hatten.

»Ja«, antwortete die Regierungsrätin, »es ist gut, daß Sie davon sprechen. Ich hatte damals mit meiner Vermutung, ein Erlebnis stehe hindernd in ihm, nur wenig daneben geraten. Ich hatte mich nach der Auskunft der Polizei, offen gestanden, nicht mehr recht an die Sache herangetraut. Ich weiß, es ist unrecht von mir. Aber er gehört zu den Fällen, die unklar und schwer zu behandeln sind. Er ist früher wegen Veruntreuung in der Bank, wo er angestellt war, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden und hat seine Tat abgebüßt. Aber Sie wissen, so etwas bleibt für die anderen wie ein Feuermal auf einem Menschen, und der Betroffene selbst kann sich nur sehr schwer davon freimachen.«

»Ist ihm bekannt, daß Sie das von ihm wissen?« fragte die Lara.

»Ich habe nichts mehr von ihm gehört.«

»Sie wollen den Fall übernehmen?« fragte die Regierungsrätin. »Ich?« dachte Helli erschrocken. Aber sogleich sagte sie: »Ja.«

»Das wäre schön von Ihnen, Helli. Sie haben gesehen, daß er wie ein Verwundeter behandelt werden muß.«

»Ich weiß«, antwortete Helli. »Ich werde ihn in seiner Wohnung aufsuchen.«

Für sich sagte sie: »Ich habe ja selber auch noch etwas mit ihm auszumachen.«

*

Auf dem Wege zu Kent, gleich am nächsten Tag, fragte Helli sich, warum sie eigentlich so bereitwillig, nein, so gern, die Aufgabe übernommen hatte, sich um ihn zu kümmern. Dabei gestand sie sich ganz offen ein, daß ihr an der beruflichen Seite der Sache wenig lag, daß dieser Kent sie menschlich interessierte, wenn auch bei weitem nicht etwa im Sinne von Verliebtheit. Das konnte schon deshalb nicht sein, weil Kent so offensichtlich unglücklich war, in Verzweiflung geradezu. Und das ist kein Zustand, der verliebte Regungen begünstigt.

Sein ganzes Verhalten während des Gesprächs mit der Regierungsrätin hatte bewiesen, daß er eher in seelischer als in materieller Not war. Er hatte zwar »Arbeit« geschrien, aber gemeint hatte er etwas anderes: Frieden vielleicht, oder innere Freiheit. Er hatte den Eindruck eines Menschen gemacht, der hilfesuchend um sich schlug, weil eine polypenhafte Macht ihn würgend umschlang und ihm das Herz abdrückte. Nicht nach Brot hatte er geschrien, sondern nach Luft zum Atmen. Es mußte sehr schlimm um ihn stehen, wenn er trotzdem »Arbeit« gerufen hatte, wenn er die Macht, die ihn würgte, nicht mal zu nennen wagte.

Was Helli Born von seinen früheren Vergehen und von seiner Gefängnisstrafe gehört hatte, legte freilich gewisse Deutungen nahe, besonders wenn sie die beiden persönlichen Erlebnisse hinzurechnete, die sie mit Kent gehabt hatte: seinen flehenden Auftrag, den er aus dem Gefängnisfenster gerufen hatte, und den Vorfall mit dem zurückgezogenen Hundertmarkschein am Blumentag.

Für diesen Vorfall gab es eigentlich nur zwei Erklärungen: entweder hatte er in ihr das Mädchen erkannt, dem er aus dem Gefängnis seine Bitte zugerufen hatte, und schämte sich nun … oder sein Hundertmarkschein war gefälscht gewesen, und er hatte es für gefährlich gehalten, ihn jemandem zu geben, der über das Gefängnis leicht seine Personalien feststellen und ihn damit vielleicht für Jahre ins Zuchthaus bringen konnte.

Daß falsche Banknoten im Umlauf waren, stand jeden Tag in der Zeitung, und bei Kents gegenwärtigen Lebensumständen war es durchaus möglich, daß er mit der Fälscherbande in Verbindung stand oder gar zu ihr gehörte.

Helli wußte nämlich mehr von Kent, als daß er wegen Unterschlagung eine zweijährige Strafe verbüßt hatte. Die polizeilichen Auskünfte, die die Regierungsrätin über ihn dienstlich eingeholt hatte, lauteten ziemlich bedenklich: obwohl Kent ohne Stellung sei und kein Vermögen, keine Ersparnisse besitze, kleide er sich auffallend gut und kostspielig und treibe einen, wenn auch maßvollen Aufwand, dessen Kosten von dunkler Herkunft sein dürften.

Es sei von ihm bekannt, daß er in einem gewissen Spielklub im Westen verkehre, und es bestehe sogar der Verdacht, daß er Teilhaber oder einer der leitenden Angestellten dieses Spielunternehmens sei. Ferner stehe Kent im Verdacht, an den Wahlattentaten teilgenommen zu haben; er sei auch vermutlich mit Hilfe eines bestochenen Gefängniswärters aus der provisorischen Haft im Strafgefängnis Plötzensee ausgebrochen oder befreit worden.

Alles Erwähnte deute daraufhin, daß Kent eine kapitalkräftige Unterweltsgruppe hinter sich habe; beim Auftauchen überzeugender Beweise sei er zweifellos als eine »öffentliche Gefahr« anzusehen. Man empfehle dem Genannten gegenüber Vorsicht, obwohl es nicht den Anschein habe, als neige er zu Gewalttätigkeiten, und bitte um Nachricht, wenn die soziale Betreuung Kents etwas ergebe, was zur Aufklärung über die Herkunft seiner Mittel beitragen könne …

Ein schöner Bericht war das nicht gerade, und Helli empfand dunkel, daß es in den meisten Punkten schon so sein werde, wie die mißtrauische Kriminalpolizei vermutete. Dann war also Kent eine Art Berufsverbrecher, ein asozialer Mensch, und dazu bestimmt, den größten Teil seines Lebens, vielleicht sogar sein ganzes noch vor ihm liegendes Leben, hinter Zuchthausmauern zu verbringen.

Und wenn seine Verbrecherbande erst einmal unschädlich gemacht war, dann fand sich nicht so leicht ein »bestochener Wärter«, der ihm die Freiheit wiedergab.

Mit einem nachträglichen Schreck fiel Helli ein, daß sie selbst, durch ihren Anruf bei der Nummer, die Kent ihr zugerufen hatte, an seiner Befreiung aus der Haft mitgewirkt hatte – wenn auch ohne bösen Vorsatz. Eigentlich müßte sie jetzt den Vorfall bei der Polizei melden.

Mit Erleichterung stellte sie aber fest, daß sie die fragliche Telefonnummer nicht mehr sicher wußte; es hatte also keinen rechten Sinn, würde zu nichts führen, wenn sie so spät mit einer unbrauchbaren Meldung kam.

Wie düster es aber auch um das Leben dieses jungen Mannes aussah: es sprach doch vieles dafür, daß er, wenn er wirklich solche verbrecherischen Verbindungen hatte, sehr entschieden darum kämpfte, sich aus ihnen zu lösen. Er schien unter einem gefährlichen Drang zu stehen und diesen Drang zu hassen.

Weshalb sonst wäre er im Wohlfahrtsamt erschienen und hätte Arbeit, eine bürgerliche Stellung gefordert? Nein, darin glaubte Helli sich nicht zu täuschen: Kent war entschlossen, dem ganzen Verbrechermilieu den Rücken zu kehren und sein Leben neu und anständig zu beginnen. Er war aus Not in diese Kreise geraten, nicht aus eigener Neigung. Vielleicht hielten ihn diese Leute mit Drohungen und Gewalt … man mußte ihm helfen, – wenn er sich helfen ließ. Freilich machte er einen starrköpfigen Eindruck, es würde vielleicht schwer sein, ihn davon zu überzeugen, daß man es gut mit ihm meinte …

Kent tat ihr in der Seele leid, und sie war sicher, daß er ihrer Hilfe wert war. In diesem Augenblick fand Helli Born ihren Beruf wieder schön.

Als sie die Treppe zu dem Stockwerk hinaufging, wo Kent wohnte, kam dieser gerade von oben herab. Sie trafen zwischen den Stockwerken aufeinander. Helli hatte ihn gleich erkannt. Kent aber bemerkte das Mädchen erst, als er nur mehr einige Stufen über ihm war. Er schaute starr geradeaus und wollte schnell vorbei.

Aber sie stellte ihn. »Herr Kent, ich wollte Sie besuchen. Ich bin im Wohlfahrtsamt. Mein Name ist Helli Born«, sagte sie und stellte sich quer vor ihn.

Er sah sie erstaunt an. »Sie sind beim Wohlfahrtsamt? Ich hatte mich einmal dorthin verirrt, ich weiß. Meine Beziehungen zu dem Amt, und also auch zu Ihnen, sind gegenstandslos geworden. Es tut mir leid, daß Sie sich vergeblich bemüht haben.«

Er sagte das in einem verächtlichen und wenig freundlichen Ton. Helli antwortete ihm: »Ich würde mich freuen, wenn Sie erkennen würden, daß es passend ist, mich höflich zu behandeln, wie ich das Ihnen gegenüber tue. Ich komme nicht nur vom Amt. Ich komme auch, weil zwischen Ihnen und mir noch etwas Persönliches zu erledigen ist.«

Nun stand Kent mit einem rotangelaufenen Gesicht und etwas unbeholfen da. Er wehrte sich gegen seine Unsicherheit, indem er grob fragte: »Was denn?«

»Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben, unsere Aussprache von dieser kalten Treppe weg in Ihre Wohnung zu verlegen?« sagte Helli. Sie trat eine Stufe höher, und Kent widerstand nicht. Stumm geleitete er sie in sein Zimmer. Er bot ihr einen Stuhl an. Sie nahm gleich Platz.

»Sie wünschen?« fragte er.

»Sie werden sich an einen bestimmten Anruf erinnern, den ich neulich für Sie erledigen mußte. Aber davon will ich gar nicht reden. Doch denken Sie bitte an den Blumentag, als wir vor dem Hotel eine kurze Begegnung hatten, die etwas unerwartet verlief. Sie wollten mir einen Hundertmarkschein geben. Sie reichten mir den Schein hin und dann …«

»… steckte ich ihn wieder in die Tasche«, unterbrach sie Kent.

»Ich hatte mich anders besonnen. Ist das nicht erlaubt?«

»Doch, ich verstehe das. Aber wieso kamen Sie zwei Stunden später zu uns aufs Amt, um als Mittelloser eine Anstellung zu suchen?«

Kent schaute schweigend zum Fenster hinaus. Nun saß dieses Mädchen vor ihm, dessen Anblick in ihm jene Kräfte wieder erstarken ließ, die er nach dem Abbüßen seiner Strafe, als er erkennen mußte, daß die menschliche Gesellschaft ihn ausgestoßen hatte und er aus Trotz immer tiefer in Verbrecherkreise hineingeriet, ein für allemal verschüttet hielt. Er hatte es nicht geglaubt, daß er sie noch einmal wiedersehen würde. All die durchgestandenen seelischen Kämpfe der letzten Tage belebten sich von neuem. Er zerbiß sich erregt die Lippen. Schließlich sagte er, noch immer starr, aber etwas ruhiger: »Ich mag Sie nicht belügen.«

»Ich fragte Sie ja auch, um die Wahrheit zu hören«, antwortete Helli. Auch ihre Stimme war weicher geworden.

Kent stand lange stumm vor ihr. Schließlich sagte er: »Sie heißen Helli Born, wenn ich richtig verstanden habe?«

»Ja.«

»Die Tochter des Professors Born?«

»Ja. Aber das hat wirklich gar nichts damit zu tun.«

»Vielleicht doch«, sagte Kent und verfiel wieder in Schweigen.

»Nun?« erinnerte Helli ihn schließlich.

Kent stritt sichtbar mit sich. Nach einer Weile antwortete er leise, fast demütig: »Ich kann es Ihnen nicht sagen.«

»Und Sie können mir auch nicht sagen, weshalb nicht?«

Kent schüttelte den Kopf. Dann schwiegen beide eine Zeitlang. Kent stand bewegt da. Plötzlich schrie er laut auf: »Wer sind Sie? Wer bin ich? Sie sind die Tochter des berühmten Arztes. Ihr Leben liegt glatt vor Ihnen. Sie haben, was Sie wollen. Oder wenigstens: Sie können wünschen. Sie fügen zu Ihrem Wohlergehen noch die freiwillige Tätigkeit im Wohlfahrtsamt. Ich nehme an, daß Sie ein gutes Herz haben, und daß nicht Afferei und Snobismus Sie veranlaßt haben, Ihren Dienst zu übernehmen. Nachher sind Sie vielleicht in einer interessanten Gesellschaft. Sie haben ein schönes Kleid an. Alle Menschen finden Sie liebenswürdig, verehren Sie … sagen Ihnen angenehme Dinge. Sie sonnen sich an sich selber und an dem Ruhm Ihres berühmten Vaters. Später gehen Sie schlafen und wissen, der nächste Tag wird ebenso sicher und ruhig dieselben schönen Dinge bringen. Sie haben nur eine Aussicht: daß dieser Tag noch ruhiger oder schöner für Sie verläuft …«

»Und Sie?« unterbrach ihn Helli.

»Ich?« schrie Kent auf, als habe man in eine Wunde gestoßen. »Von mir weiß niemand, wo und wie ich meine Tage und meine Nächte verbringe. Und niemand kümmert sich darum, höchstens einer, der sie mir stören will. Ich warte ständig auf eine Störung. Und zwar von einer Seite, die Sie sich sicher denken können, wenn Sie sich an unser erstes Zusammentreffen erinnern, von dem Sie nicht sprechen wollen. Warum diese Störung bisher nicht gekommen ist, bleibt mir unklar, denn ich tue nichts, um sie zu verhindern.«

»Herr Kent«, sagte Helli, »ich bin hergekommen, um mich um Sie zu kümmern, ohne daß ich Sie stören will.«

Bei diesen Worten ging in Kent eine jähe Veränderung vor. Die Erinnerung an die Stunde, die er nach der Begebenheit mit dem Hundertmarkschein, von Gedanken um dieses Mädchen zerrissen, im Tiergarten verlaufen hatte, kam über ihn: wieder wert zu sein, daß man die Augen zu einer Frau wie dieser erheben darf … daß man auch ihre Blicke reinen Gewissens empfangen darf … Er sah sich, wie er ihr den falschen Schein hinhielt, und wollte das Bild aus sich herausreißen und zerstampfen. Er war unfähig, ein Wort zu sprechen. Er dachte auch nicht daran, denn er war dem grausamen Sturm, der über sein Gemüt raste, unterlegen.

Nur mit Mühe hielt er sich aufrecht. Er wäre am liebsten in die Knie niedergefallen und hätte den Kopf auf den Boden gelegt.

Er sah zur Seite, in eine Ecke des Zimmers. Aber auch dort schauten die Augen heraus, die ihn an jenem Tag anhielten, und in denen die Unberührtheit eines Kindes und die Süße einer Frau ihm entgegenleuchteten. Und diese Augen gehörten zu dem Gesicht, dessen Mund zum erstenmal seit vier Jahren ein Wort des Mitgefühls an ihn richtete. Das war fast ein Glück, wenn es nicht so rasend geschmerzt hätte.

Plötzlich hörte er ihre Stimme sagen: »Wenn die Menschen mehr Vertrauen zueinander hätten, wäre es besser um alle bestellt. Ist es möglich, daß wir offen miteinander sprechen, Herr Kent? Und daß Sie es nicht mißdeuten, sondern als einen richtigen Weg ansehen, wenn ich Ihnen sage, daß mir Ihr Vergehen von damals …«

Weiter kam sie nicht. Sie sah, wie der große hagere Kent zusammenfiel, wie er sich gerade noch auf einen Stuhl werfen konnte und seinen Kopf, in den Händen vergraben, über den Tisch fallen ließ. Aus seiner Kehle stieg ein rauhes Schluchzen.

Es erschütterte sie. Denn auch sie war am Ende ihrer Kräfte, und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Aber sie stand auf, trat zu Kent und streichelte ihm beruhigend übers Haar. Mit beiden Händen hob sie ihm behutsam den Kopf und sah sein von Qualen zerrissenes Gesicht, seine hilflosen, flehenden Augen, die von undurchsichtiger Helligkeit waren.

Sie erschrak über das, was sie in diesem Augenblick fühlte. »Ich liebe ihn ja«, dachte sie bestürzt, »wie ist denn das möglich, daß ich einen ganz fremden Mann … bloß aus Mitleid … liebe?«

»Haben Sie doch Vertrauen«, bat sie mit leiser Stimme, »Sie wissen doch, daß ich das nicht gesagt habe, um Sie zu kränken. Ich mußte es sagen, denn ich habe das Gefühl, daß es gerade diese Gefängnisstrafe ist, die Ihnen … den Weg verlegt. Nun muß doch etwas geschehen … ich … oder Sie … oder wir müssen etwas finden, was diese Behinderung … unschädlich, ungültig macht.«

Günther Kent richtete sich im Sitzen auf. Ohne Helli anzusehen, sagte er mit rauher Stimme: »Da gibt es kein Mittel, da kann niemand etwas erfinden. Eine Gefängnisstrafe ist ein bürgerlicher Tod … jedenfalls für unsereinen aus bürgerlichen Kreisen.«

»Ich weiß, daß es schwer ist. Aber unmöglich ist es nicht. Wir haben schon manchem helfen können … unter ganz ähnlichen Umständen.«

»Oh, sicher. Für zwei, drei Monate … das mag schon vorkommen.« Er trommelte erregt mit den Fingern auf der Tischplatte. »Aber dann!« schrie er plötzlich. »Dann! Wenn es die lieben Kollegen rauskriegen … und sie kriegen es immer raus! Dann wird es furchtbar: mit hämischen Bemerkungen, mit Getuschel und warnenden Blicken, mit abgeschlossenen Pultdeckeln … und dann werden sie alle solidarisch und drohen mit Kündigung, wenn der ›Zuchthäusler‹ nicht entlassen wird …

Oh, man kennt das. Jeder kennt es, der einmal da drinnen war. Das ist schlimmer als alles andere, schlimmer als Gefängnis. Von morgens bis abends wird man angespuckt … Natürlich in Ihren Akten nimmt sich das gut aus: soundso viele Stellen beschafft für Vorbestrafte … aber was die durchmachen, was die leiden, das steht nicht mehr in Ihren Akten. Wohlfahrtsamt! Wohlfahrts …«

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Helli ging hin, öffnete sie spaltbreit und nahm einen schmalen Brief, den die Hand der Wirtin hereinhielt. Sie brachte ihn zu Kent, der inzwischen vom Stuhl aufgestanden war. Erschrocken, mit zuckender Handbewegung, steckte er ihn in die äußere Rocktasche, sobald er nur einen Blick auf die Adresse geworfen hatte.

Helli beschloß, keine Notiz davon zu nehmen. Scheinbar ganz unbefangen, nahm sie das Gespräch wieder auf.

»Ich verstehe ja, Herr Kent«, begann sie, »daß Sie verbittert sind. Ich glaube Ihnen, daß Sie sehr schmerzliche Erfahrungen gemacht haben bei dem Versuch, wieder Fuß zu fassen im bürgerlichen Leben. Sie haben ganz recht: im Durchschnitt und in der Regel geht es meistens, auch mit unserer Hilfe, nicht gut. Aber Ausnahmen kommen vor, ich kenne welche … und darum meine ich, wir müßten es jedenfalls versuchen.«

»Sehr freundlich. Aber ich mag nicht mehr. Ich mag mich nicht bewerben … mit Empfehlungsbriefen von einem Wohlfahrtsamt. Denn natürlich weiß ja Ihr Amt … und wissen also auch Sie … mehr von mir als diese Unterschlagung vor vier Jahren und die Gefängnisstrafe. Die Polizei ist sehr tüchtig. Die hat Ihnen auch gesagt, daß ich bald wieder fällig bin, daß ich in Verbrecherkreisen verkehre … keine Angst, es stimmt! Ich bin einer. Ich …«

»Nein, Sie sind keiner!« fiel ihm Helli ins Wort. »Aber ich möchte nicht … wir möchten nicht, daß Sie vielleicht einer werden, bloß weil Sie allein nicht den richtigen Weg finden.

Und ich will ganz offen zu Ihnen sein: Ja, die Polizei weiß allerlei Bedenkliches über Sie. Sie haben keine nachweisbaren Mittel und treiben einen zu großen Aufwand – wenigstens mit Ihrer Kleidung.«

»Stimmt«, sagte Kent trocken, »aber das hat seinen Grund.«

»Sie sollen in einem eleganten Spielklub verkehren und vielleicht sogar zu den Unternehmern gehören … denn Sie spielen selber nicht oder nur sehr selten und mit kleinen Einsätzen … Sie stehen auch in dem Verdacht, bei den Wahlattentaten mitgewirkt zu haben … und als Sie neulich in Plötzensee in Haft waren – im Polizeigewahrsam nennt man es wohl –, da sollen Sie oder Ihre ›Hintermänner‹ einen Wärter bestochen haben und mit seiner Hilfe ausgebrochen oder entflohen sein.«

Unwillkürlich mußte Kent lächeln. »Nicht nur mit seiner Hilfe, Fräulein Born.«

»Ja, ich weiß, auch mit meiner. Aber das weiß die Polizei nicht, ich habe den Herren die Nummer nicht genannt, die Sie mich anzurufen baten.«

»Warum eigentlich nicht?« fragte Kent kühl und sah Helli forschend in die Augen.

Sie wurde auch gleich verlegen.

»Weil ich … weil ich … Ich hab's eben nicht getan. Warum das braucht Sie nicht zu kümmern.«

»Oh, verzeihen Sie, Fräulein Born.«

»Natürlich Ihretwegen«, erklärte Helli jetzt mit einer Art Trotz. »Aber immerhin wußte ich nicht, daß mein Anruf das Signal zu Ihrer Befreiung sein sollte.«

»Natürlich nicht. Und nun – ist das alles? Oder weiß das Wohlfahrtsamt … ich meine, die Polizei … noch was von mir?«

Helli kämpfte einen Augenblick mit sich, dann platzte sie heraus: »Sie stehen im Verdacht, mit den Banknotenfälschern in Verbindung zu stehen …«

Das war unwahr. In dem Auskunftsschreiben der Kriminalpolizei stand kein Wort von diesem Verdacht. Es war Hellis eigener Gedanke, in ihr aufgestiegen am Blumentag, als Kent ihr einen Hunderter hatte geben wollen und ihn im letzten Augenblick zurückgezogen hatte.

»Was die Polizei nicht alles weiß!« sagte Kent nachdenklich. Ganz mechanisch zog er dabei den schmalen Brief aus der Rocktasche und steckte ihn hastig wieder hinein, als sei er aufs neue darüber erschrocken.

»Nein. Ich habe Sie belogen«, gestand Helli unvermittelt. »Die Polizei hat diesen Verdacht nicht, er ist in der Auskunft überhaupt nicht erwähnt.«

»Wie günstig für mich, Fräulein Born. Dann ist es also Ihr eigener, Ihr persönlicher Verdacht?«

»Er war es wegen des Hundertmarkscheins, den Sie mir am Blumentag geben wollten … und dann doch nicht gaben.«

»Richtig … Ich meine, ich erinnere mich sehr gut daran. Sie glauben also, daß ich mit den Banknotenfälschern …«

»Damals glaubte ich das, aber nicht lange. Eigentlich war ich schon nach ein paar Minuten überzeugt, daß ich Ihnen unrecht getan hatte. Auch jetzt bin ich davon überzeugt.«

»Gewiß. Es hätte ja auch leicht sein können, daß ich falsches Geld mache … oder unter die Leute bringe. Und vielleicht haben Sie eine zu gute Meinung von mir. Vielleicht bin ich doch ein Falschmünzer …«

»Oh, nein …«

Es kam nicht ganz überzeugend heraus, obwohl Helli sich große Mühe gab, Kent zu zeigen, wie lachhaft sie den erwähnten Verdacht fand.

Sie hatte sich längst wieder gesetzt, aber Günther Kent stand noch immer am Tisch und machte seine bitteren Bemerkungen reglos und ein bißchen von oben herab. Jetzt ging er sogar zum Fenster, drehte seiner Besucherin den Rücken zu und blieb so stehen, stumm durch die Scheiben starrend.

Schließlich sagte er, ohne seine Haltung im geringsten zu verändern: »Das war ja sehr schön und liebenswürdig, daß Sie mir alles erzählten, was die Polizei gegen mich hat … aber warum eigentlich? Neu war es mir durchaus nicht.«

»Ich wollte«, entgegnete Helli schnell, »damit erreichen, daß Sie einsehen: dies muß aufhören. Das ist kein Leben für einen jungen Mann wie Sie, daß jeden Augenblick ein Kriminalbeamter kommen und Sie fragen kann, wovon Sie leben und was Sie im Spielklub tun, und ob Sie bei den Wahlattentaten dabei waren … das ist eine unmögliche Situation für Sie, Herr Kent.«

Jetzt wandte der junge Mann sich wieder um: »Halb so schlimm, Fräulein Born. Man gewöhnt sich an alles.«

»Das glaube ich Ihnen nicht. Es muß widerlich und ärgerlich sein, gerade für Sie. Nein, Herr Kent, Sie müssen heraus aus diesem ganzen Milieu, aus dieser zweifelhaften und verdächtigen Gesellschaft. Und Sie müssen sich von uns helfen lassen, wir haben schon oft …«

»Das ist es eben«, sagte Kent düster und kam langsam auf Helli zu. »Wenn Sie das so sagen: wir helfen … und: wir haben schon oft … Nein, dann habe ich schon genug. Ich war zweimal auf Ihrem Wohlfahrtsamt, und das genügt mir. Ein drittes Mal gehe ich nicht hin. Ihre Regierungsrätin ist sicher eine ganz reizende Dame, im Privatleben aber dienstlich habe ich genug von ihr. Natürlich geht in solch einem Amt alles nach Schema F, Akten, Auskünfte, Nachfragen … nein, ich will nicht mehr, ich habe es satt bis obenhin. Lassen Sie mich so, wie ich bin, es ist genug für mich. Und offen gestanden, ist mir die Kriminalpolizei sympathischer als ein Wohlfahrtsamt.«

Helli war fest entschlossen, nicht nachzugeben, sich nicht mit seiner grausamen Verbitterung abzufinden und ohne jeden Erfolg wegzugehen. »Dann mache ich Ihnen einen anderen Vorschlag«, sagte sie sachlich.

»Ach, lieber nicht. Es hat keinen Zweck.«

»Warum denn nicht. Bilden Sie sich doch nicht ein, daß Sie immer alles vorher oder besser wissen! Wollen Sie meinen Vorschlag wenigstens anhören?«

»Bitte, Fräulein Born.«

Helli atmete tief und seufzend aus Verlegenheit, denn sie ahnte, daß Kent wieder vor Entrüstung explodieren würde, wenn er ihren Vorschlag gehört hatte.

»Ich schlage Ihnen folgendes vor«, begann sie. »Ich melde meiner Dienststelle, daß Sie jede Hilfe ablehnen, und gebe Ihre Akten einfach zurück.«

»Großartig. Ich bin einverstanden!«

»Statt dessen, Herr Kent, erlauben Sie mir, daß ich ohne jede Verbindung mit dem Amt, rein als Privatperson, Ihren Fall weiterbehandle, selbstverständlich immer in Verbindung mit Ihnen, immer mit Ihrem Einverständnis. Ich habe nämlich gute private Beziehungen, oder vielmehr: mein Vater hat sie, was aber praktisch auf dasselbe herauskommt. Und ich bin sicher, daß ich in ein paar Wochen eine Stellung für Sie finde, außerhalb Berlins am besten … irgendwo weit weg, wo niemand Sie kennt. Und selbstverständlich wird niemand etwas aus Ihrer Vergangenheit erfahren, was Sie in Verlegenheit setzen könnte.«

»Hab' ich richtig verstanden?« sagte Kent mißtrauisch. »Ohne Ihr Amt? Ganz als Privatperson wollen Sie mir …«

»Sie haben ganz richtig verstanden. Es ist, in Ihrem Falle, wirklich das beste. Ich begreife, daß eine Behördenbetreuung einen empfindlichen Menschen wie Sie verletzt.«

»Aber erlauben Sie!« fiel ihr Kent ins Wort. »Das mag ja alles sein, Fräulein Born … nur: warum sollten Sie das für mich tun? Beziehungen aus dem Privatleben Ihres Vaters spielen lassen … für mich … Briefe schreiben, Empfehlungen … für mich? Warum? Warum sollten Sie das tun? Es könnte doch leicht sein, daß ich Sie enttäusche, daß ich bei einem Freund oder Bekannten Ihres Vaters wieder Geld unterschlage …«

»Darauf lasse ich's ankommen«, entgegnete Helli lächelnd. »Ich weiß, daß Sie so etwas nie wieder tun werden … und daß Sie es ganz bestimmt dort nicht tun werden, wohin ich Sie empfohlen habe.«

»Nun gut, vielleicht nicht. Aber warum sollten Sie mich überhaupt jemandem empfehlen, da Sie doch nur Schlechtes von mir wissen? Welchen Grund haben Sie … hören Sie, Fräulein Born: haben Sie das schon mal getan, daß Sie einen, der zum Wohlfahrtsamt kommt und auf die sogenannte Betreuung verzichtet … daß Sie dem dann privat geholfen haben? Oder bin ich etwa der erste?«

»Natürlich sind Sie der erste«, gab Helli zu und schaute auf die leere Tischplatte.

»Und warum ich?«

Darauf gab es natürlich keine Antwort, so gründlich Helli auch nachdachte.

»Was wollen Sie eigentlich auf solch eine Frage hören?« sagte sie, ein bißchen ungehalten. »Sehen Sie nicht, daß ich Ihre Frage als peinlich empfinden könnte?«

»Ja, ich sehe es jetzt. Verzeihen Sie mir, ich habe es zu spät bemerkt. Ich danke Ihnen, Fräulein Born, für Ihre Bemühungen. Für die dienstlichen, meine ich, und für die gute Absicht, die in Ihren privaten liegt. Ich möchte beide nicht in Anspruch nehmen … und mein Leben so weiterleben, wie es offenbar sein soll. Noch einmal: verzeihen Sie mir … und vielen Dank.«

Helli war aufgestanden und konnte mit Mühe die Tränen zurückhalten. »Guten Abend«, sagte sie.

»Guten Abend.«

Er öffnete ihr die Zimmertür, brachte sie über den Flur und machte ihr an der Wohnungstür eine stumme Verbeugung.

Als sie gegangen war, eilte Kent in sein Zimmer zurück, riß den Brief aus der Tasche, öffnete ihn und las, nahe beim Fenster stehend:

»Freitag 11 Uhr nachts.
Dr. Mabuse.«

Grimmig biß Kent die Zähne zusammen. »Ich werde es euch zeigen!« murmelte er, »das ist euer letzter Befehl …«

Er warf sich auf sein Bett, starrte zur Decke hinauf und sah in der Erinnerung Hellis Augen. Wie zwei einsame klare Sterne leuchteten sie. Wenn er die Lider schloß, sah er ihre Augen noch deutlicher.


 << zurück weiter >>