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III

Helli Born, die Tochter des Professors, fühlte in sich eine seltsame Unruhe, als sie von einem Fenster der Villa ihren Vater in jenen Hof gehen sah, den sie seit ihrer frühesten Schulmädchenzeit nicht betreten durfte.

Immer wenn sie den Vater dort hineingehen sah, litt sie an bösen Ahnungen und sah fürchterliche Dinge voraus, ohne daß sich jemals eine dieser Ahnungen auch nur zu einem winzigen Teil erfüllt hätte. Es war töricht, solchen Stimmungen nachzugehen, die aus ihrer Kinderzeit stammten und wahrscheinlich auf den Einfluß einer unwissenden, abergläubischen Kinderfrau zurückzuführen waren.

Aber immer wieder trat dieser Zustand ein, und sie konnte ihn nicht bekämpfen: es war einfach Angst um den Vater. Ihre Mutter hatte sie kaum gekannt, und der Vater hatte nie wieder geheiratet. Er war ihr alles, und wo sie ging und stand, war sie um ihn besorgt.

Heute war sie nicht ins Wohlfahrtsamt gegangen; dafür mußte sie am nächsten Sonntag Außendienst für eine Kollegin tun. Eine neue und zusätzliche »Erfindung«, wie die Mädchen das nannten; man mußte abwarten, wie sich die Sache bewähren würde. Arme Leute, überhaupt Menschen in Not, sind entsetzlich empfindlich, wenn man in ihr Privatleben eingreift, um ihnen zu helfen. Es ist eigentlich Männersache, dachte sie. Meine Kolleginnen und ich, wir sind viel zu jung und lebensfremd … auch Vater war immer dagegen, daß ich die Stellung im Amt annahm …

Helli Born war sehr jung, aber eigentlich doch nicht so jung, daß sie als Berliner Mädel noch gar keine eigenen Erfahrungen in Liebesdingen hätte haben dürfen. Und doch hatte sie keine, nichts, was man Erfahrungen nennen konnte. Da waren ein paar flüchtige Verliebtheiten in der Tanzstundenzeit gewesen, eine Beinahe-Verlobung in ihrem ersten Semester als stud. phil., durch rätselhafte Gründe des viel zu jungen Mannes, Gott sei Dank, schnell wieder gelöst, – und dann nichts mehr. Nichts mehr als Arbeit und Ernst.

Vielleicht war ihr ganzes Leben falsch gewesen. Fast kam es ihr so vor, wenn sie an ihre gleichalterigen Freundinnen dachte, von denen einige sogar schon verheiratet waren und ein Kind hatten oder erwarteten.

Eine andere, sehr gute Freundin war immerhin verlobt gewesen, und während Helli Born jetzt an sie dachte, empfand sie ganz stark den Wunsch, sie wiederzusehen, und zwar heute noch, jetzt gleich. Gerade diese Grete Kelter war die richtige, man konnte sie befragen, ohne sich schämen zu müssen, und Grete wußte immer kluge Antworten.

Eine halbe Stunde später war Helli Born bei ihr, und die Freundinnen waren schon tief im Gespräch. In gewissem Sinne war Grete Kelter Hellis Gegenfigur, äußerlich wie innerlich: sie war blond und lustig und gar nicht auf den Mund gefallen und wußte für alles Zweifelhafte, wenn sie es nur klar erkennen konnte, Ausweg und Entscheidung. Sie studierte Germanistik und wollte »Studienrätin oder sonstwas« werden; ihr Vater war ein mittlerer Beamter, und Überflüssiges gab es in der Familie nicht.

Daß Grete und ihre Eltern und Geschwister dennoch immer glücklich und gut gelaunt und niemals verzweifelt waren, gehörte zu den Dingen, die Helli Born nie verstehen konnte und die ihr die Überzeugung beibrachten, sie selber, Helli, sei entweder falsch erzogen oder schon mit einem verkehrten Denkapparat geboren.

»Entschuldige«, sagte Grete jetzt, während sie ihrer Freundin in dem kleinen Hinterzimmer, das ihre Studierstube war, Kaffee kochte, »entschuldige, ich finde es noch immer komisch, daß du beim Wohlfahrtsamt arbeitest und dich in Arbeiterfamilien um Dinge kümmerst, die dich nichts angehen. Wie lange willst du das eigentlich noch tun?«

Helli, auf einer Sofalehne sitzend, entgegnete langsam: »Es geht einen etwas an, Grete, wenn man erst weiß, wie schwer es manchmal solch eine Frau mit vielen Kindern hat. Aber natürlich nur, wenn man es weiß. Wenn man es, wie du, nicht weiß, ist man entschuldigt.«

Grete lachte offen heraus. »Dann erzähl es mir nicht«, bat sie, »ich muß nämlich zunächst mal mir selber helfen, ehe ich andern helfe. Aber das kannst sogar du verstehn, nicht wahr? Du brauchst dir bloß vorzustellen, dein Vater hätte kein Geld …«

»Natürlich, dann müßte ich mir welches verdienen und außerdem noch sehr sparsam sein. Und könnte niemandem helfen. Nein, Grete, das ist es ja nicht, worum ich mir Sorgen mache.«

»Sondern?«

Grete Kelter wurde das Lächeln nicht mehr los! Es war einfach komisch, wie Helli, bloß weil ihr Vater Geld hatte, eine gegenteilige Weltanschauung praktizierte und sie sofort würde aufgeben müssen, wenn kein Geld mehr da wäre.

»Sondern?« fragte sie noch einmal.

»Sondern Vater«, entgegnete Helli düster.

»Was ist mit ihm? Erzähle doch!«

Helli seufzte, nahm die Tasse Kaffee, die Grete ihr bereitet hatte, und trank davon. Dann setzte sie sich auf den mit vielen Büchern bedeckten Tisch und begann: »Man wird sich immer fremder, Grete. Manchmal glaube ich, mein Vater hätte wieder heiraten sollen. Das mit den Stiefmüttern ist alles halb so schlimm.«

»Oh, sicher. Nimmt er Junggesellenmanieren an?«

»Nein. Ja. Er schließt sich immer mehr ab und arbeitet viel zu viel. Und dann hat er Geheimnisse und merkwürdige Bekanntschaften … Männer, meine ich.«

»Ja?« fragte Grete ermunternd. »Was für Männer?«

»Das weiß ich eben nicht. Da ist zum Beispiel dieser Doktor Rauschmann, der Chemiker …«

»Kenn ich nicht, Helli, nie gehört.«

»Sein Grundstück mit dem Laboratorium grenzt an unsere Klinik. Vater ist oft drüben und arbeitet viel mit Rauschmann, beinahe täglich. Und wenn ich mal nach diesem Rauschmann frage, dann verbittet Vater sich's und wird ganz grob, wie ich ihn früher nicht gekannt habe.«

»Naja«, sagte Grete tröstend, »die beiden werden gemeinsame Forschungen betreiben. So was ist immer geheim, und Männer sind dann wie kleine Jungen. Sie wünschen eben nicht, daß über ihre Entdeckung zu früh gesprochen wird. Ein Psychiater und ein Chemiker – vielleicht kochen sie irgendein neues Medikament aus. Was macht er denn für einen Eindruck, dieser Doktor Rauschmann?«

»Das ist es ja gerade!« rief Helli erregt. »Ich kenne ihn gar nicht. Er kommt nie zu uns. Und Vater ist täglich viele Stunden bei ihm. Das ist doch unnatürlich!«

»Ach, das möcht' ich nicht sagen, Helli. Dazu müßte man diesen Rauschmann erst kennen. Wohnt er auch auf seinem Grundstück?« Helli Born schüttelte den Kopf. Sie habe, erzählte sie, schon Nachforschungen angestellt, bei der Meldepolizei sogar, und danach gab es in Groß-Berlin überhaupt keinen Chemiker namens Dr. Rauschmann. Also sei es klar, daß er außerhalb Berlins wohne, etwa in Babelsberg oder Potsdam oder sonstwo. Frage sie aber einmal ihren Vater, wo Rauschmann wohne, so sei gleich der Teufel los. Der Vater tue dann, als sei es ein Staatsgeheimnis. Und durch solche lächerlichen Streitigkeiten habe das ganze Familienleben gelitten; der Vater, früher zärtlich und lieb, sei nun kühl und mißtrauisch zu ihr. Außerdem sei er oft ganz geistesabwesend, was natürlich für eine neue medizinische Entdeckung spreche; aber sie seien nun beide unglücklich, und sie, Helli, wisse überhaupt nicht mehr, wie sie sich verhalten solle.

»Aber das ist doch ganz einfach«, entschied Grete Kelter fröhlich. »Du hast eben sein blödes Geheimnis zu respektieren. Weiter gar nichts. Misch dich nicht mehr ein, und du wirst sehen, daß alles wieder wie früher wird.«

»Ich glaube es nicht, Grete.«

»Ich weiß es aber. Männer sind so. Ich sage dir: laß ihn mal ein paar Monate ungeschoren, und du wirst erstaunt sein, wie lieb er wieder zu dir ist.«

»Manchmal denke ich, er interessiert sich gar nicht mehr für mich.«

»Dann zwinge ihn dazu, indem du etwas tust, wofür er sich interessieren muß!«

»Zum Beispiel?«

»Verliebe oder verlobe dich. Da kann er wirklich nicht sagen, daß es ihn nichts angehe.«

Jetzt muß auch Helli Born lachen. »Wie denkst du dir das, Grete? Wo ist der Mann, in den ich mich verliebe … oder gar der, der sich mit mir verlobt?«

»Das mußt du natürlich selbst wissen, Herrgott, du bist doch jung und hübsch, und hast einen reichen berühmten Vater mit Privatklinik, Villa und Auto hast du auch … da wird sich doch, zum Donnerwetter, wenn du es drauf anlegst, ein junger Mann finden, dem du Hoffnungen machen kannst! Du brauchst ihn ja nicht gleich zu heiraten. Nur ein bißchen nett zu ihm sein … und ihn ins Haus holen, damit dein Alter darüber stolpert. Dann wird er schon Notiz davon nehmen, verlaß dich drauf.«

»Oh, sicher. Aber ich wüßte gar nicht, woher ich einen jungen Mann nehmen sollte. In die Tanzstunde geh ich nicht mehr, und die jungen Leute, die ich durchs Wohlfahrtsamt kennenlerne, die kann ich wirklich nicht ins Haus bringen. Und wo soll ich sonst einen kennenlernen? Du weißt ja, daß ich schüchtern bin.«

»Ja, ich weiß es, Helli. Du bist hoffnungslos. Na, ich werde mir das mal durch den Kopf gehen lassen. Vielleicht kenne ich jemanden.«

Damit war dieser Punkt vorläufig erledigt. Grete war ohnehin durch den Besuch aus ihrer Arbeitsstimmung gekommen und schlug einen Bummel durch die Stadt vor.

Da die Kelters im nördlichen Teil von Schöneberg wohnten, war das, was man »die Stadt« nennt, gar nicht weit; es fing, wenn man wollte, schon mit der Potsdamer Straße an; oder mit der Tauentzienstraße, wenn man mehr an den Westen dachte.

So bummelten die beiden Mädchen denn gemächlich plaudernd und Schaufenster betrachtend nach Westen. Am Wittenbergplatz blieben sie wie auf Verabredung vor einer Litfaßsäule stehen, an die ein »Klebemax« gerade ein großes, leuchtend gelbes Plakat geklebt hatte. Der Mann strich noch einmal senkrecht und waagerecht mit der ganzen Handfläche drüber, dann schwang er sich auf sein Rad und fuhr in Richtung Kleiststraße davon.

DIE LARA KOMMT!

verkündeten fußhohe schwarze Buchstaben.

Wer die Lara war, das wußte sogar Helli Born. Die Lara, eine schöngewachsene große Blondine, Rumänin von Geburt, war gegenwärtig die berühmteste Tänzerin Europas. Überall, wo sie auftrat, erregte sie Aufsehen. Wer sie noch nicht hatte tanzen sehen, wußte freilich nicht, ob ihre Tänze so aufregend waren, oder ob vielleicht ihre Persönlichkeit diese Wirkung hervorbrachte.

Die Boulevardblätter und die Illustrierten brachten oft ihre Bilder: Eine schöne Frau, vielleicht sogar eine große Künstlerin, jedenfalls eine Persönlichkeit, die durch ihr bloßes Vorhandensein das öffentliche Interesse auf sich zog. Nach diesem Plakat sollte sie vom nächsten Sonntag an täglich in der Scala mit neuen Tänzen auftreten.

»Findest du sie schön?« fragte Grete Kelter, auf das ziemlich gut ausgefallene Klischeebild deutend.

»O ja, sehr schön. Sie ist, wenn sie wirklich so aussieht, ein Typ, den man bei uns gar nicht kennt.«

»Nicht mehr ganz jung, nein?«

»Wohl kaum. Aber eine solche Frau, mit solcher Figur und solchen Augen, wirkt immer … auch wenn sie schon Vierzig wäre. Vielleicht ist es gerade ihr Reiz, nicht mehr blutjung und mädchenhaft zu sein, sondern reif … eine reife und wissende Frau.«

»Ja, vielleicht, Helli. Sicher hast du recht.«

Jetzt wanderten Grete Kelters Augen über die Kartenpreise, die die Verwaltung der Scala in kluger Voraussicht dem Plakat beigedruckt hatte. Grete pfiff durch die Zähne.

»Vier Mark der billigste Sitzplatz, und der teuerste zwölf! Ehren- und Studentenkarten ungültig … Na ja, wieder mal nichts für unsereinen. Schade.«

Helli ergriff sie plötzlich beim Arm. »Darf ich dich einladen, Grete? Willst du mit mir hingehen?«

Grete Kelter wehrte sich ein bißchen, aber dann gab sie doch nach. Eilig liefen die jungen Mädchen zur Scala-Kasse, doch die lange Menschenschlange, die bis tief in die Lutherstraße hineinreichte, belehrte sie, daß keine Aussicht mehr war, Premierenkarten für den Sonntag zu bekommen. In einem Kartenkiosk an der Rankestraße bekamen sie später gute Plätze für einen späteren Tag.

*

Nicht fern von dem hinteren Ausgang aus den Gemüsegärten der Bornschen Anstalt und auf derselben Seite lag das einstöckige Gebäude, das Helli so beunruhigte. Ursprünglich hatte es als Lager für die Fabrik gedient, die im Vorderhaus betrieben worden war, seit einigen Jahren aber nicht mehr arbeitete. An die Tür des Gebäudes war ein einfaches Schild geschraubt:

 

DR. RAUSCHMANN
Chem. Laboratorium

 

Entgegen der Überzeugung Helli Borns, die diesem Dr. Rauschmann ein mehr oder minder begründetes Mißtrauen entgegenbrachte – gab es diesen Mann gar nicht. Er wohnte nicht etwa außerhalb von Großberlin, sondern er wohnte nirgends.

Aber wenn Dr. Rauschmann auch nicht richtig körperlich existierte, so gab es ihn doch in der Idee. Er lebte in der Vorstellung einiger Menschen, und insofern war er Wirklichkeit. Professor Born hatte ihn zu gewissen Zwecken erfunden oder erschaffen, und wenn es notwendig wurde, daß Dr. Rauschmann ein Lebenszeichen gab, so lieh ihm Professor Born die Gestalt.

Mit anderen Worten: Dr. Rauschmann war eine zweite Existenz Borns, der Professor hielt es aus gewissen Gründen, wobei auch persönlicher Ehrgeiz mitspielte, für gut, daß ein Dr. Rauschmann existiere. Dieser führte für ihn eine Existenz, die unter bestimmten Umständen recht energische Willensäußerungen von sich geben konnte.

Natürlich halfen dem Professor bei der Errichtung dieser zweiten Existenz die Gegebenheiten, zum Beispiel die nachbarliche Lage der beiden Grundstücke; die glaubwürdige Einsamkeit eines chemischen Forschers, der sich ganz ohne Assistenten und Laboranten behalf; die beiden Ausgänge, die nie von einer Person zugleich beobachtet werden konnten; die Tatsache, daß das Rauschmannsche Grundstück seit einigen Jahren laut Katastereintragung dem Professor gehörte und an »Dr. H. Rauschmann« nur verpachtet worden war.

Aber es war anzunehmen, daß Dr. Born auch ohne diese günstigen Umstände die Existenz eines Chemikers Rauschmann etabliert hätte, – irgendwie anders und bestimmt sehr ähnlich, und wenn die günstigen Umstände zufällig gefehlt hätten, so darf man unbedenklich annehmen, daß Born sie sich geschaffen hätte.

Wie die Dinge lagen, war alles aufs beste eingerichtet: es gab niemanden, der die Existenz des Dr. Rauschmann angezweifelt hätte, obwohl ihn eigentlich niemand von Angesicht zu Angesicht gesehen oder anders als telephonisch mit ihm gesprochen hatte. Da der Chemiker Rauschmann all die kleinen Rechnungen, die ihm ins Haus geschickt wurden, prompt zu bezahlen pflegte, war es klar, daß es ihn gab.

Wer zahlt, lebt auch.

Es läßt sich also nicht leugnen: Professor Born führte ein heimliches Leben, das er vor allen Menschen, selbst den ihm zunächst Stehenden, verborgen hielt. Es hatte fast als ein Scherz begonnen, ein Scherz gegen sich selber. Dieser, in seinem Fach über die Grenzen des Landes berühmte Mann, dem die Wissenschaft unserer Zeit neue Befruchtungen verdankte, dessen Name neben den historischen Namen der Fachgelehrten erschien, wenn von psychiatrischen Dingen gesprochen der darüber verhandelt wurde, übte einen zweiten Beruf aus, und für diesen Beruf trug er einen anderen Namen.

Seine gelegentliche Tätigkeit für die Polizei hatte es mit sich gebracht, daß er sich ab und zu mit chemischen Problemen befassen mußte. Gifte spielen im kriminellen Leben eine bedeutende Rolle.

Born hatte sich, zunächst nur von gegebenen Stellen aus, wie sie von Gerichtschemikern behandelt wurden, mit der neuen Wissenschaft beschäftigt, und zwar lediglich in einer nach nichts zielenden liebhaberischen Spielerei … bis er, von plötzlich auftauchenden Möglichkeiten der Forschung verlockt, sich diesem Weg besessen und mit ganzer Hingabe überließ.

Als Psychiater hatte er sich stets mit dem Dunkel in fremden Gemütern zu befassen, Unwägbares zu behandeln. Als Chemiker aber hatte er in Versuchen und Erfolgen eine durchsichtige und sehr konkrete Tätigkeit.

Da überkam ihn in dem Maße, wie er der neuen Betätigung immer tiefer verfiel und neue Erfolge erzielte, die Begierde, mit den Menschen zu spielen und ihnen, die ihn mit Ehren für seine Leistungen als Psychiater auszeichneten, in einer zweiten Identität, von der sie nichts wußten, dieselbe Anerkennung abzuringen.

Er erschuf aus sich selbst einen zweiten Menschen und stellte ihn, getrennt von seiner ursprünglichen Erscheinung, als ein neues Wesen in das Bewußtsein der Öffentlichkeit.

Doch die innerste Anregung hierzu kam nicht aus Spielsucht und nicht aus Ruhmgier. In der Namenlosigkeit und Vereinsamung seines Laboratoriums trat bei ihm etwas in Erscheinung, was in ihm früher schon gewaltet hatte. War er nämlich damals an einem tiefen Wasser vorbeigegangen, so hatte ihn jedesmal der kaum abweisbare Drang befallen, in einer widervernünftig erscheinenden Handlung Geldstücke hineinzuwerfen.

Oder war das Wasser halb zugefroren, so lockte ihn eine dunkle Macht, das Eis zu betreten und sich bis an den blattdünnen Rand zu schieben.

Als er später versuchte, die Wesensart dieser seelischen Erscheinungen zu erkennen, kam er auf den Glauben an einen Zusammenhang mit dem Begriff des Opfers … Er wollte der Tiefe opfern, Sachopfer oder sich selbst, und dann nannte er die Erscheinung: Das Spiel mit der Tiefe.

*

Nicht rechts noch links blickend, wie auf einer Flucht, eilte Born durch die Gärten und verließ sie durch die hintere Tür. Er trat in den Hof der früheren Fabrik, durchquerte ihn überhastig und verschwand hinter der Tür mit dem Schild, worauf »Dr. Rauschmann« stand. Ein kurzes Flurstück endete an einer Tür, die er aufschloß.

Nun war er in einem großen, mit chemischen Apparaten und Retorten, Flaschen und Gläsern gefüllten Raum. Die Mappe warf er auf einen Tisch, riß sie auf und zog ein Bündel handgroßer Blätter heraus.

Er fühlte ein Erzittern im Gelenk der Hand, die die Papiere hielt. Er beruhigte es, indem er mit der anderen Hand das Gelenk umspannte. Das Bündel legte er auf den Tisch und ließ sich auf dem Sessel nieder. Auf dem Deckel, der die Papiere enthielt, las er stumm die mit flüchtigen Buchstaben hingeworfene Schrift:

TESTAMENT DES DR. MABUSE.

Ein Mensch, dessen Lebensaufgabe es ist, dem Geheimnis der seelischen Funktionen seiner Mitmenschen nachzuspüren, hat zu einem Verbrecher von der Wesensart Mabuses ein ganz besonderes Verhältnis.

Born hatte eine Zeitlang die Widerstandskraft seines Patienten unterschätzt und daran gezweifelt, ob die Wiederherstellung so weit gelingen könnte, daß der Kranke wenigstens ein Dasein im Bett zu führen vermöchte.

In dieser Zeit der Ungewißheit hatte Professor Born einem jungen Bildhauer den Auftrag gegeben, eine Büste des Verbrechers herzustellen. Der Künstler hatte sich an das Überdimensionale, das auch Mabuses äußere Erscheinung kennzeichnete, verloren und ein Werk von einer gleichermaßen bedeutenden wie abstoßenden Kraft geschaffen. Er hatte aus Ton den riesenhaft-quadratischen Schädel nachgebildet, und es schien, als hätte er dem Kopf geradezu Leben verliehen, eine Seele des Bösen, wie sie einmal hinter dieser Stirn gewesen war, des Schädels, der nur noch leerer Behälter zu sein schien.

Born hatte das Werk, als es fertig war, gleich an sich genommen. Seitdem hatte niemand mehr die Büste gesehen.

Aber mit dem gelähmten Verbrecher war eine Wandlung vor sich gegangen. Fünf Jahre hatte er in seinem Bett gelegen, ohne ein Zeichen zu geben, daß in seinem Hirn auch nur Spuren einer Betätigungsmöglichkeit erhalten geblieben wären.

Fast wie auf einen geheimen inneren Befehl wurde es mit einemmal anders, und in den Papieren, die zwischen dem Deckel lagen, worauf Testament des Dr. Mabuse stand, waren die Zeichen dieser Änderung enthalten. Sie waren das Merkwürdigste, das Erregendste und Unbegreiflichste, was dem Professor während seiner langen und erfahrungsreichen Tätigkeit in seiner Anstalt begegnet war.

Obwohl alles, was auf diesen Blättern stand, Ausfluß des Wahnsinns war und Äußerung eines Menschen, mit dem Born nie einen Gedanken getauscht hatte, mußte er sich eingestehen, daß die schriftlichen Bekundungen Mabuses ihn, Born, in der Tiefe seiner Vorstellungswelt aufwühlten.

Wenn er sich diese geheimnisvolle Tatsache vergegenwärtigte, verspürte er einen heftigen Schauer. Es gab Augenblicke, wo Dr. Born eher die Empfindung hatte, er sei ein Patient, statt ein Meister seiner Fachwissenschaft.

Es hatte unvermittelt damit begonnen, daß Mabuse mit dem speichelgenäßten Finger, mit dem Daumennagel, schließlich mit Blut aus einer Wunde, die er sich mit einem Biß beigebracht hatte, an die Wand oder auf die Bettücher zeichnete. Was er zeichnete, war unerklärlich.

Der Wärter hatte Born auf die plötzlich beginnende Tätigkeit des kranken Hirns sofort aufmerksam gemacht, und Born verbrachte von da an Tage am Bett Mabuses. Der Kranke schien Borns Anwesenheit nicht zu merken. Er stierte nur auf seine eigenen Finger, die sich zu schreiben bemühten.

Da kam Born auf den Gedanken, ihm Bleistift und Papier in die Hand zu geben. Und nun beschrieb Mabuse Tag für Tag diese Blätter.

Aus dem bis dahin öden und zerstört geglaubten Gehirn strömten ununterbrochen Ideen neuer Verbrechen, wurden auf diesen Blättern festgehalten. Alles war vernichtet in diesem Schädel, nur ein Trieb war noch da, die Menschheit mit Verbrechen zu unterjochen.

Jedes Verbrechen hatte seine Nummer, und Nummer fügte sich an Nummer. War auf einem Blatt ein Verbrechen zu Ende dargestellt, so beachtete es der Kranke nicht mehr. Er ließ es sofort liegen. Es fiel vom Bett zu Boden und schien für ihn nicht mehr vorhanden zu sein.

In seiner leidenschaftlichen Einbildungskraft stellte Born sich vor, wie die Genugtuung über den sich immer mehr steigernden Machtrausch hinter dieser grauen, kahlen, großen Stirn den Wunsch hervorrief, diese Verbrechen alle zu realisieren. Born hatte die Blätter in der Mappe gesammelt, die jetzt vor ihm lag und die er langsam aufzublättern begann.

Die Schrift begann mit Beschreibungen von Anschlägen gegen das Geld, als gegen die Urnotwendigkeit zur Existenz und zur Sicherheit des Daseins einer kapitalistisch funktionierenden Zeit. Attentate gegen das Geld mußten die ersten Unsicherheiten in das Zusammenleben der Menschen bringen, die ersten Ängste.

Diese Beschreibung stand hier, in dem Testament, unter Nr. 12. Die ersten elf der aufgezeichneten Anschläge richteten sich gegen den Besitz von Sachwerten. Diese Nummer zwölf eröffnete die Gruppe der Attentate, die gegen Sicherheit und Freiheit des Lebens der Menschen gingen.

Born kannte jeden Satz dieser Schrift auswendig. Denn die Beschäftigung mit ihr war der hauptsächliche Inhalt seiner letzten Jahre. Die einzige Tochter, die er hatte, liebte er zärtlich. Früher stahl er sich manchmal eine halbe Stunde, um von seinen Kranken weg zu Helli zu laufen. Er fühlte sich einsam, schon viele Jahre, seit dem Tode seiner Frau.

Aber seitdem Mabuse diese Papiere Blatt für Blatt von seinem Bett fallen ließ, gehörte alle Zeit, die er sich von seiner allgemeinen Beschäftigung erübrigte, dieser Schrift, die er Testament des Dr. Mabuse nannte.

Zugleich wurden auch seine Besuche im verheimlichten chemischen Laboratorium regelmäßiger und ausdauernder.

Das geschah in einem Maße, daß er, gewohnt, den geheimen Dingen des Innern nachzuspüren, an mystisch anmutende, verborgen bleibende Zusammenhänge zwischen der Schrift und seinem zweiten Dasein glauben mußte. Bisweilen zweifelte er ernstlich daran, daß er diese zweite Existenz aus eigenem freiem Willen führe.

Born las weiter: »Nr. 13. Politische Wahlen sind zu benützen, da in Zeiten politischer Hochspannung die Menschen besonders reizbar gegenüber Andersgläubigen sind. Scheinbar bedeutungslos, sinnlos. Erzielt aber Erschütterung des öffentlichen Lebens, wenn Wahlgang etwa durch Entfernung der abgegebenen Stimmzettel an verschiedenen Orten ungültig gemacht wird … gegenseitige Verdächtigung, Anschuldigung derer, die sich im Erfolg wähnen, gegen die anderen. Gift absondernde Reibungen, lang hinebbende Wirkung. Verätzen des Anstandsgefühls im politischen Kampf … der Erfolg für mich: Menschen durch die Hetze gegeneinander zermürbt. Zustand der Unachtsamkeit gegen alle anderen Dinge, gegenseitige Beschuldigung bei Verbrechen … Ich springe sie dann unvermutet und ungehindert an.«

Das Unheimlichste an den zerstörerischen Anleitungen Mabuses war, daß niemals auch nur ein einziges Blatt außerhalb der Klinik geriet – und daß gelegentlich trotzdem Verbrechen begangen wurden, die genau dem Mabuseschen Entwurf entsprachen. Es war nicht zu erklären, höchstens als »Zufall«, und der ist nie eine gute Erklärung.

Born vermochte nicht mehr weiterzulesen. Er mußte an die Luft, wollte sich im Park der Anstalt ergehen. Dort traf er aber auf einen Trupp harmloser Kranker, die ihn mit Lachen, Zurufen, Klagen und Fragen belästigten. Er ging auf die Straße. Ein großer Lastwagen fuhr eben langsam an ihm vorbei. Er war gespickt mit Fahnen, verklebt mit Plakaten: Wählt … wählt … las er überall an dem Auto. Er fühlte sich wie von einer unsichtbaren Hand berührt, ging weiter. Ein Wahllokal war in einer Schule … Wählen! Wählen! las er überall. Und überall stand geschrieben oder wurde geschrien: »Wählt! Wählt!«

Dr. Born eilte durch die Straßen.

Man schrieb das Jahr 1931. Die politische und wirtschaftliche Unsicherheit des allgemeinen Lebens steigerte sich von Tag zu Tag. Das gewaltige Heer der Arbeitslosen wuchs ständig. Es bedurfte nur der Lunte, um die angehäuften Zündstoffe zur Explosion zu bringen, das Chaos zu schaffen, das einem großen Verbrecher Möglichkeiten über Möglichkeiten bot.

Ein Mabuse hätte diese Lunte legen können, für ihn wäre die heutige Zeit fast günstiger, als es die vor zehn Jahren gewesen war. Aber Dr. Mabuse war so gut wie tot. Dr. Born wiederholte sich diesen Satz immer wieder.

Kurz darauf trat er wieder in das Laboratorium ein, auf dessen Tür das Namensschild des Dr. Rauschmann befestigt war. Er war erstaunt, daß er sich wieder vor dieser Tür befand, denn es war nicht seine Absicht gewesen, in das Laboratorium zu gehen.

Im Arbeitsraum begann er hin und her zu schreiten, ruhelos. Aus einer verkrampften Spannung seines Innern löste sich eine Schicht und bildete eine neue Wesenhaftigkeit in ihm.

Und plötzlich geschah es, daß er im wachen Zustand gewahrte, wie sich neben ihm, wie in einem Traum, ein zweiter Mensch bewegte, der alle seine Schritte ihm nachmachte, der dieselben Züge hatte wie er, dieselbe Erscheinung …

Mit wehrlosem und unendlichem Staunen sah er dieses zweite an ihn gefesselte Wesen, das er war und nicht war, Handlungen vollziehen, in die er keinen Einblick und über die er keine Macht hatte.

Er verstand es nicht. Er war ein berühmter Psychiater, wußte alles, was über Persönlichkeitsspaltung und Dämmerzustände gewußt werden konnte. Aber so etwas gab es doch nur bei Kranken, bei Patienten? Wieso denn jetzt bei ihm, dem Arzt. Er war nicht krank, er war körperlich, geistig und seelisch kerngesund. Es blieb rätselhaft.

Während Born, in sein Laboratorium eingeschlossen, dies erlebte, trat Kent von der Straße her rasch in das Vorhaus, zu dem das Lagergebäude gehörte. Dieses Vorhaus war ein altes vergrautes Gebäude, das einmal eine Kartonagenfabrik enthalten hatte. Firmennamen waren noch an der Fassade in großen schwarzen Buchstaben auf weißem Untergrund erhalten. Sie bröckelten ab. Über den Fensterscheiben lag eine dicke Staubschicht, die das Glas undurchsichtig machte. Die Fenster des Erdgeschosses waren mit eisernen Läden verschlossen.

Der junge Mann stieg die Treppe hinan. Auf jedem Stockwerk traten, wenn er an der Tür vorbeiging, Männer heraus, sagten: Guten Tag, Kent! und schlossen sich ihm an.

Als sie oben an einer eisernen Tür ankamen, wo die Treppe endete, mochten sie zu zwölf bis fünfzehn sein, jemand schloß die Tür auf, man trat in einen langen rechteckigen Doppelraum. Er hatte keine Fenster und war in der Mitte durch eine Schiebetür geteilt. Diese war nicht ganz zugezogen, und in diesem Spalt, in einem düsteren Licht, dessen Quelle man nicht sah, konnte man die Gestalt eines sitzenden Mannes wahrnehmen. Man erblickte die Umrisse eines kahlen Kopfes.

Doch gerade, als die Männer um Kent in den Raum eintraten, verlosch die Lichtquelle hinter der Schiebetür und eine grelle elektrische Lampe erhellte den Teil des Raumes, wo sich die Eingetretenen scheu und stumm zusammenscharten.

In demselben Augenblick sprach auch schon der Mann jenseits der Tür. Er sprach leise mit einer sonderbar zitternden und zugleich harten und metallischen Stimme, der alles Menschliche genommen schien, die keinen Widerspruch duldete: »Die neuen Hundertmarkscheine sind auf dieselbe Weise in Verkehr zu bringen, wie ich das für die Fünfziger befahl. Morgen sind meine auswärtigen Agenten zu verständigen.« Nach einer kurzen Pause fuhr die Stimme fort: »Jemand hat sich in mein Geheimnis eingeschlichen. Er ist unschädlich gemacht. Die Mitglieder, durch deren Schuld es ihm ermöglicht wurde, habe ich bestrafen lassen …« Wieder eine kurze Pause, dann sprach die Stimme weiter: »Heute sind Wahlen. Ihr habt sofort einen Anschlag gegen die Abstimmungslokale zu organisieren. Die Abzählung der Stimmzettel muß unmöglich gemacht werden. Es genügt, daß dies in den sechs Lokalen vorgenommen wird, denen die größte Anzahl von Stimmberechtigten zugewiesen ist. Aber in diesen Lokalen muß es überall zu gleicher Zeit und auf einen Schlag geschehen. Der Wahlakt schließt um sechs Uhr. Um fünf Uhr fünfzig muß mein Befehl überall ausgeführt sein. Schluß!«

Die Tür wurde zugeschoben.

Nach einer Weile, während der sich alle stumm verhalten hatten, sagte eine Stimme zwischen den Versammelten: »Er ist fort!«

»Wie machen wir's?« fragte dann jemand.

Einige sprachen leise durcheinander. Eine Stimme drang heraus: »Was hat das für einen Sinn? Man riskiert seine Haut für einen Zettel Papier, auf dem einige Namen aufgedruckt sind, die uns einen Dreck angehen. Mit den Hundertern ist's etwas anderes. Quatsch! Gar keinen Sinn hat das mit diesen Stimmzetteln!«

Aber einer verwies ihn: »Mit Mabuse hat alles einen Sinn!«

»Halt's Maul!« sagte Kent ungeduldig. »Wir verteilen uns zu zwei und zwei. Man muß es mit Autos machen!«

Er zog eine Zeitung heraus.

»Da stehen die Wahllokale und bei jedem die Zahl der dazugehörigen Stimmberechtigten. Wie für uns gedruckt! Also, Herr Nickel und ich nehmen das Lokal in der Nordenstraße, Runkel und Augenflaps die Albertschule …«

Er verteilte die Rollen. Als er damit fertig war, erklärte er: »Wir haben unsere Erfahrungen mit den Arbeitslosen, auch wenn sie nicht zu uns gehören. Ihr wißt, unter ihnen sind immer ein paar bereit, wenn es zum Zuschlagen geht, und je zahlreicher sie auftreten, um so mehr Aussicht hat der einzelne, durchzuwischen, wenn die Polizei irgendwo zugreifen sollte. So, und jetzt werden wir für jede Gruppe die notwendigen Maßnahmen einzeln durchsprechen.«

Als die Männer sich nach einer guten Stunde anschickten, einzeln oder in kleinen Gruppen den Raum zu verlassen, hielt Kent einen von ihnen an. Der Mann trug Uniform, war Gefangenenwärter in Plötzensee.

»Faulebaum«, sagte Kent, »einen Augenblick! Du machst nicht mit.«

»Ich habe aber Urlaub!« entgegnete der andere. »Ich ziehe Zivil an!«

»Du gehst in die Zimmerstraße und hältst dich am Telefon bereit, du bist wertvoller in Plötzensee. Wenn es für den einen oder anderen von uns schief geht, kannst du in deiner Stellung im Gefängnis mehr leisten als in den Wahllokalen … Ihr!« wandte sich Kent nun wieder an die übrigen, »… wenn es bei einem schief geht – Anruf Friedrichstraße 234 432.«


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