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IX

Es war eine Unverschämtheit! Die blanke Unverschämtheit!« sagte Helli Born aufgeregt. Sie saß wieder einmal auf der Kante von Grete Kelters Schreibtisch.

»Na und?« fragte die Freundin ungerührt. »Wahrscheinlich hast du ihn dazu gereizt. Es liegt eine gewisse Anmaßung darin, wenn ein Mädchen einem jungen Mann sagt: dienstlich werde ich mich nicht mehr um dich kümmern, aber privat! In Zukunft darfst du keine Geheimnisse mehr vor mir haben, ich ordne jetzt dein Leben, und du hast alles zu tun, was ich dir sage …«

Helli schüttelte energisch den Kopf. »Du übertreibst, Grete. So war es denn doch nicht.«

»Herrn Kent jedenfalls dürfte es sich so dargestellt haben, und ich kann seine Frage ›Warum tun Sie das für mich?‹ … gar nicht so unverschämt finden. Es lag eigentlich nahe, so zu fragen, nicht wahr?«

»Nein. Es lag nahe, alles andere zu fragen, bloß nicht das. Was soll man denn auf so was antworten? … ›Weil ich mich in Sie verliebt habe, Herr Kent?‹ …«

»Ach, das weiß er sowieso«, sagte Grete Kelter trocken, »das hat er schon nach den ersten fünf Minuten gemerkt, verlaß dich drauf.«

»Er hat mir leid getan, und persönlich war er mir nicht unsympathisch. Das war alles.«

Grete lachte. »Und warum hast du es nun wirklich getan? Warum hast du ihm solch einen blödsinnigen Vorschlag gemacht, anstatt ihn in Ruhe zu lassen? Mir kannst du es ja sagen.«

Helli mußte eine Weile nachdenken, dann sagte sie ziemlich verlegen: »Aus Mitleid natürlich.«

»Und hättest du dieses Mitleid … genau dieses, ich meine deinen Vorschlag, seinen Fall privat weiterzubearbeiten … auch mit ihm gehabt, wenn er fünfzig Jahre alt wäre und häßlich … und Familienvater?«

»Wenn er das alles wäre«, entgegnete Helli nicht ganz logisch, »dann hätte er sich ja nicht gesträubt, sich vom Wohlfahrtsamt betreuen zu lassen.«

»Du bist ein hoffnungsloser Fall«, stellte Grete Kelter fest. »Und dazu ist die Sache nicht ungefährlich, soweit ich sie übersehe. Du mußt immerhin bedenken, daß du es sehr wahrscheinlich mit dem Mitglied einer Verbrecherbande zu tun hast. Auf den Eindruck, daß er unter Zwang steht und moralisch dagegen ist, würde ich nicht viel geben. So was täuscht, wenn einem ein Mann gefällt.«

»Ich wette, es steckt eine Frau dahinter«, sagte Helli mit einem Tone düsterer Mißbilligung.

»Du meinst, hinter seiner Gefängnisstrafe wegen Unterschlagung?«

»Ja, dahinter auch. Sicherlich hat er sich für ein Weib ruiniert und in Schulden gestürzt … und hat sich dann an fremdem Geld vergreifen müssen. Aber ich meinte eigentlich den Verdacht der Polizei. Was heißt Verbrecherbande? Wahrscheinlich hat ihn so eine … Person zum zweiten Male ruiniert … und ihn gezwungen, ihr Pelze und Brillanten zu schenken. Und nun spielt er eben in verbotenen Klubs oder macht krumme Sachen, um all die Tausende heranzuschaffen, die so ein Weibsstück für sich verlangt. Ich wette, daß es so ist – und nicht anders.«

»Woher weißt du das so genau? Hat er etwas angedeutet, Helli?«

»Nein, das nicht gerade. Aber ich schließe es aus zwei Reaktionen, die ich an ihm beobachtet habe. Das eine Mal war, als ich ihm erzählte, was die Polizei von ihm vermutet. Da ist er innerlich richtig zusammengebrochen. In diesem einen lichten Moment muß er wohl begriffen haben, daß es sich nicht lohnt, sich für so eine kaltherzige Kokotte zugrunde zu richten und für viele Jahre ins Zuchthaus zu gehen.

Und das zweite Mal war, als der Brief kam. Da zitterte er förmlich und steckte ihn schnell in die Tasche, damit ich nur ja nichts fragen konnte. Wahrscheinlich braucht die Bestie ein neues Brillantenarmband oder so was.«

Wieder mußte Grete Kelter lachen. »Mit jedem Wort«, sagte sie, »beweist du mir, daß du eifersüchtig, also verliebt bist. Aber ich warne dich noch einmal. So gern ich es sonst von dir gehört hätte, daß du dich verliebt hast … dieser Kent ist eine Gefahr. Er ist nicht der Richtige für dich – und du nicht für ihn. Oder könntest du dir vorstellen, daß du solch einen Menschen heiratest?«

»Ich glaube, daß ich ihn besser machen könnte – wenn er mir Gelegenheit dazu gäbe.«

»Vorläufig hat er dazu ›nein‹ gesagt. Und wenn du klug bist, läßt du ihn in Zukunft in Ruhe.«

*

Kent hatte den Befehl befolgt. Er betrat mit seinen Genossen den geheimnisvollen Versammlungsraum in dem verlassenen Fabrikgebäude. Wieder standen sie in dem langen, rechteckigen, in der Mitte durch eine Schiebetür abgeteilten Doppelraum. Keiner der Männer wagte zu sprechen. Eine geheimnisvolle Spannung lag über allen. Länger als sonst konnte man heute durch die nicht ganz zugezogene Schiebetür die in ein düsteres Licht getauchte Gestalt eines sitzenden Mannes wahrnehmen. Der kantige Kopf schien weiter vornübergeneigt zu sein als sonst.

Kent hatte den Eindruck, als husche von Zeit zu Zeit ein diabolisches Grinsen über die fahlen Gesichtszüge. Oder lag es an dem abwechselnd stärker und schwächer werdenden Licht?

Der heutige Tag mußte etwas Besonderes bringen, jeder spürte es. Das ungewisse Licht um die Silhouette des Mannes in dem Nebenzimmer erlosch. Gleichzeitig wurde der Vorderraum von grellem Licht überflutet.

Kent biß verächtlich und gespannt die Lippen zusammen. Da erscholl schon die bekannte Stimme. Er haßte sie jetzt. Denn sie und das Geheimnis, aus dem sie sich kundtat, waren die Kraft gewesen, die ihn so lange von dem Weg fortgerissen hatte, auf den es ihn mit Kräften des Herzens zurückzog.

»Heute beginnt die Reihe meiner wirklich großen Taten«, erscholl es. »Ihr habt zunächst die Tänzerin Lara verschwinden zu lassen, die heute um Mitternacht im Phönix-Theater tanzt. Alle Mittel sind anzuwenden. Sie ist in das dunkelblaue Auto zu schaffen, das am hinteren Eingang steht. Dann habt ihr euch um nichts mehr zu kümmern.«

In der Pause, die nun entstand, schrillte die Stimme Kents: »Nein!« Aber die Schiebetür schloß sich schon.

Kent brach sich gewaltsam einen Weg durch die Männer, die der unerwartete Vorgang betroffen gemacht hatte.

Bevor sich jemand um ihn kümmern konnte, war er auf der Straße. Er schritt schnell weiter. Das Sichauflehnen gegen diese aus dem Dunkel kommende Stimme hatte eine Last von ihm gewälzt, einen bösen Traum beendet. Sein ganzes Wesen hatte sich mit einem Male geändert.

Er lief eine unbestimmte Zeit umher. Die Straßen, die Menschen, die Welt sahen neu aus nach seiner Tat.

Dann ging er heim, mit dem Vorsatz, die Wohnung aufzugeben, da sie zu teuer war. Er wollte es gleich der Wirtin sagen. Aber diese teilte ihm mit, ein Herr sei dagewesen, der ihn sprechen wollte. Er sei schon zweimal gekommen.

»Ein Herr?« fragte Kent enttäuscht. Als Verkörperung einer neuen Welt stand das Bild eines Mädchens unablässig vor ihm.

Sie kenne ihn nicht, fuhr die Wirtin fort. Da läutete die Flurglocke. Die Frau ging öffnen. Kent war im Flur stehengeblieben. Ein Mann kam durch das Dunkel von der offenen Tür her auf ihn zu.

»Ich soll Ihnen den Brief persönlich abgeben!« sagte er. »Ich war schon zweimal da. Es scheint zu eilen.«

Auch Kent war der Mann fremd.

»Warten Sie auf Antwort?«

»Man hat nichts gesagt.«

Er ging.

Kent sagte noch nichts von der Kündigung und trat mit dem Brief in sein Zimmer ein. Er riß den Umschlag gleich auf.

Ein Zettel lag darin:

»Sie haben sich gegen meine Gesetze vergangen. Es ist Ihnen bekannt, daß unter Umständen ohne Urteil Todesstrafe darauf steht. Sie haben heute Punkt neun Uhr abends zu erscheinen und sich zu rechtfertigen. Dr. Mabuse.«

Kent faltete den Zettel wieder zusammen und steckte ihn in den Umschlag zurück. Dann ging er auf und ab. »Das kommt mir gerade recht!« sagte er wiederholt und laut. »Ich werde gehen!« Es war etwas über ihn gekommen, fast wie ein Glück. Denn er hatte viel von sich abzuwälzen, und die Gelegenheit, einen Kampf auszutragen, wie er ihm in dem Zettel angedroht wurde, war das, was er brauchte, um frei von der Vergangenheit zu werden.

Nach einer Weile schloß er eine Lade auf. Er zog eine großkalibrige Pistole heraus, untersuchte das Magazin. Es war voll. »Mein Leben ist etwas wert geworden!« dachte er. »Es wird nicht billig sein.«

Er legte die Waffe nieder und probierte eine Taschenlampe, die einen starken Scheinwerfer hatte. Er setzte eine neue Batterie ein. Dann nahm er aus der Lade eine Gasmaske hervor, probierte sie auf und prüfte die Schnallen und Nähte nach. Sie hatten ihn gelehrt, sie mit eigenen Mitteln zu bekämpfen. Er faltete die Maske zusammen und schob sie in seinen Mantel. In die andere Brusttasche dieses Mantels steckte er den Browning. Dann wollte er gehen.

Als er mit einer raschen Wendung auf die Tür zutrat, hörte er draußen ein Geräusch. Jemand stolperte. Er öffnete die Tür rasch und sah seine Wirtin, die sich vom Boden erhob.

»Gerutscht, in der Dunkelheit!« sagte sie.

Aber in Wirklichkeit hatte sie durch das Schlüsselloch geschaut, weil die Dringlichkeit, mit der der Fremde seinen Brief hatte anbringen wollen, sie auf diesen Brief, auf die Folgen des Lesens bei ihrem Zimmerherrn neugierig gemacht hatte. Da Kent sich unvermutet rasch zur Tür begeben hatte, war sie zu hastig zurückgetreten und über einen Pantoffel gestolpert.

Der Anblick der Wirtin hatte für Kent eine besondere Folge. Auf einmal ward er sich bewußt, daß es noch andere Menschen auf der Welt gab als ihn und Dr. Mabuse. Er schloß die Tür wieder.

Er sah auf der Uhr, daß es erst acht war. Nun setzte er sich an den Tisch und schrieb auf ein Blatt Briefpapier:

»Es ist möglich, daß ich Sie nie wiedersehen werde. Wenn Sie diese Schrift lesen, so sollen Sie wissen, daß ich Ihr Bild mit in den Tod genommen habe. Denken Sie manchmal an einen verunglückten Menschen, der Sie verehrt hat und durch Sie von seinem Fluch errettet werden könnte. Dieses Ende wäre der letzte Trost meines Lebens.

Kent.«

Er steckte das Blatt in einen Umschlag, klebte ihn zu und schrieb darauf: »An Fräulein Helli Born« und die Adresse des Wohlfahrtsamtes. Den Brief legte er mitten auf den Tisch. Noch eine Weile sah er auf ihn herab und hatte die Empfindung, seine Augen dürften die Finger liebkosen, die ihn morgen vielleicht öffnen würden. Es war jetzt Viertel nach acht auf seiner Uhr. Er verließ das Zimmer, rief draußen vor der Tür seiner Wirtin zu: »Ich komme in zehn Minuten zurück!« und ging aus dem Haus.

Als er um drei Viertel neun Uhr noch nicht heimgekehrt war, erfaßte die Wirtin eine bange Sorge. Sie hatte durch das Schlüsselloch gesehen, wie er den Revolver und die Taschenlampe untersucht und eingesteckt und wie er die ihr unerkenntliche Kappe über den Kopf gezogen, probiert und ebenfalls in den Mantel geschoben hatte.

Nach seinem Weggehen war sie in sein Zimmer gegangen. Da lag ein Brief an ein Fräulein auf dem Tisch. Was hatte das alles zu bedeuten?

Ihre geängstigten Vorstellungen verbanden das, was sie gesehen hatte, und den Brief miteinander, und ihre Erregung steigerte sich, als sie sich keine Erklärung für das Ungewöhnliche in diesen Dingen ausdenken konnte.

Da sie ein Herz hatte, das ebenso gutmütig und weich wie neugierig war, ging sie in die Kneipe hinunter, die unten im Hause betrieben wurde und ließ sich von dem Wirt die Nummer des Wohlfahrtsamtes heraussuchen und rief Fräulein Born an. Sie hatte Glück. Helli war noch da. Sie telefonierte gerade mit Lara über die letzten Anordnungen für die Nachtvorstellung.

»Kommt dein Vater?« fragte die Lara dazwischen.

»Ich hoffe!« antwortete Helli etwas kleinlaut.

»Weshalb weißt du es denn nicht?«

»Vater ist die Nacht über in der Anstalt gewesen. Es muß etwas Besonderes geschehen sein. Er ist auch heute nicht in die Villa gekommen«, antwortete Helli. »Niemand wird zu ihm gelassen, hat mir heute mittag der Wärter Dominik gesagt, als ich Vater sehen wollte. Ich weiß gar nicht, was ich denken soll. Er hat strengen Auftrag gegeben, daß er nicht gestört werden darf. Ich weiß deshalb nicht … es tut mir so leid … Ich bin unglücklich …«

Die Lara hatte es nicht verwunden, daß der Sturm ihres Gemütes, der sie zu Born getrieben hatte, an der Abweisung durch den Anstaltsdiener gebrochen worden war. Aber die Mitteilungen Hellis beruhigten sie nun wenigstens darüber, daß an ihrer Abweisung Born selber wirklich keine Schuld hatte, man ließ ja nicht einmal seine Tochter zu ihm.

Sie tröstete nun Helli: »Du wirst sehen, er macht sich frei und kommt doch! Und jetzt muß ich ruhen, Helli. Wir sehen uns hinter der Bühne, heute nacht …«

Da dieses Gespräch eine sofortige Verbindung mit Fräulein Born verhinderte, steigerte sich die Erregung der Frau am Fernsprecher in der Kneipe. Und als Helli Born nach Beendigung ihres Gespräches mit der Lara sofort wieder angerufen wurde, hörte sie eine unbekannte Frauenstimme, deren Erregung das Mikrophon noch verschärfte: »Ach Frollein«, hörte sie. »so kommen Sie doch man gleich! Es geschieht etwas!«

»Wer ist denn am Apparat?« fragte Helli zurück, noch ruhig, da das Wohlfahrtsamt manchmal sonderbare Telefonunterhaltungen zu führen hatte.

»Seine Zimmervermieterin! Kommen Sie gleich, Frollein, es geschieht etwas!«

»Wen wollen Sie denn sprechen?«

»Ach Gott, nee, nu sind Sie am Ende gar nicht das Frollein Born, für die ein Brief oben uff seinem Tisch liegt.«

»Doch, ich bin Fräulein Born. Auf welchem Tisch liegt ein Brief für mich?«

»Nu, auf dem von meinem Zimmerherrn, vom Herrn Kent …«

»Ich komme!« rief Helli heiser zurück.

Um neun Uhr fünf war Helli in Kents Wohnung. Die Wirtin erzählte ihr, was sie gesehen hatte, und daß Kent mit den Worten: »In zehn Minuten bin ich wieder da!« gegangen sei, und nun sei schon eine Stunde vorbei. Und auf dem Tisch liege der Brief für sie.

Helli betrat das Zimmer und sah den Brief. Sie las ihren Namen und die Adresse darauf. Etwas hielt sie davon ab, ihn gleich zu lesen. Vielleicht war es nur die Gegenwart der fremden Frau. Diese umgab sie mit klagendem Mahnen und mit den Äußerungen unbestimmter wilder Vermutungen und ließ Helli nicht zur Klarheit mit sich selbst und zu einem Entschluß kommen. Sie saß kleinlaut, in ihren Pelz gehüllt, auf einem Sessel und strengte sich an, über das Gestöhne der Frau ihren eigenen Gedanken nachzugehen. So wurde es halb zehn Uhr, Kent kam nicht zurück. Da faßte Helli die Wirtin am Arm und schob sie hinaus, indem sie sagte: »Lassen Sie mich einen Augenblick allein!« Sie riegelte die Tür zu. Dann öffnete sie den Brief und las ihn. Einen Augenblick hatte sie die Anwandlung, sich ohnmächtig auf den Boden sinken zu lassen, doch sie widerstand. Sie erholte sich rasch und begann mit einem fieberhaften Eifer nachzudenken, was jetzt zu tun wäre.

*

Kent kam um halb neun Uhr in die Straße, in der das verlassene Fabrikgebäude lag. Er ging bis zu der Destille, die hundert Schritte vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße lag und beobachtete die Gäste, während er einen Schnaps trank. Er kannte niemanden. Dann trat er wieder auf die Straße hinaus und ging langsam zurück und kam wieder auf das Haus zu. Er sah nichts Auffälliges, nichts, was ihm einen Anhaltspunkt irgendeiner Art hätte geben können. Die Vorübergehenden schritten alle geradeaus, einem Ziel zu, das nicht das Haus war, wie er feststellte. Er schaute auf die Uhr. Er hatte noch fast zehn Minuten bis neun. Also ging er einmal über das Haus hinaus. Er bemerkte nur, daß alles finster war. Aber das war ja der regelmäßige Zustand des Hauses.

Als er wieder zurückkam, sah er einen Mann in einem abgetragenen Straßenanzug in einer dem Haus gegenüberliegenden Toreinfahrt lehnen und sich gelangweilt eine Zigarette anzünden. Auch diesen Mann kannte er nicht.

Er trat nun schnell in den Tordurchgang und durch die bekannte Tür ins Treppenhaus. Es war dunkel. Er nahm in eine Hand seinen Revolver und in die andere die elektrische Taschenlampe, drehte sie aber nicht an, sondern stieg durch die Finsternis und eng an die Wand gedrückt vorsichtig die Treppe hinauf. Die Eisentür oben, die in den gewohnten Versammlungsraum ging, in dem er erwartet wurde, war verschlossen. Er steckte Lampe und Waffe in die Manteltaschen und wartete.

Er stand dicht neben der Tür, dort, wo sie sich öffnete. Eine lange Zeit verging, wenigstens erschien sie ihm lang, und er wollte nicht auf seine Uhr schauen, um kein Licht machen zu müssen. Er ward ungeduldig und schlug mit dem Fuß an die Tür.

Kurz danach hörte er, daß sie sich öffnete, und einen Augenblick später fiel auch Licht heraus in den Flur. Nun trat er ein und hatte die Hand in der Tasche um den Revolver. Die Tür schloß sich hinter ihm von selber, sobald er eingetreten war. Er faßte, als er das Einschnappen des Schlosses hörte, rückwärts nach der Klinke, ohne sich umzudrehen. Die Tür war zu. Er bekam sie nicht mehr auf.

Also war doch jemand im Haus, sagte er sich noch, als er schon aus dem Spalt der Schiebetür die bekannte Stimme hörte: »Was haben Sie zu sagen, Kent?«

»Nichts.«

»Sie werden um neun Uhr fünf tot sein.«

»Nein!« schrie auf einmal Kent und sprang unversehens auf die Tür zu, zwischen deren Öffnung er die Silhouette des Mannes, der ihn richten wollte, in undeutlichen Umrissen erkannte. Zugleich hatte er den Revolver aus der Tasche gerissen und schoß auf ihn. Das Licht verlöschte in diesem Augenblick. Er hörte, wie die Tür sich zuschob. Aber er war schon bei ihr und klemmte sich dazwischen.

Er schoß nochmals in die Dunkelheit auf den Unbekannten vor sich und holte zugleich seine elektrische Taschenlampe heraus, drückte sie an, sah in der Lichtscheibe des kleinen Scheinwerfers die breit hockende Gestalt des Mannes grell beleuchtet und reglos nur auf Armlänge entfernt und schoß zwei-, dreimal in sie hinein.

Plötzlich fühlte Kent seine Nasenschleimhäute von einem ätzenden Dunst gereizt. Hastig riß er die Gasmaske über den Kopf, schnürte sie zu, und als er nun mit drohend vorgehaltener Waffe an den Mann herantrat, der sich trotz der Schüsse aus der Nähe noch aufrecht auf seinem Stuhl hielt, stellte er fest, daß die Gestalt eine Puppe aus Holz und hinter ihrem Kopf ein kleiner Lautsprecher angebracht war. Die Kugeln hatten Kopf und Lautsprecher durchbohrt.

Kent stutzte nur einen Augenblick vor dieser unerwarteten Feststellung. Dann stieß er mit dem Fuß gegen die Puppe. Sie fiel vom Stuhl und schlug mit dem Kopf gegen die Wand; der Kopf zerbrach. Er war aus Wachs.

Nun besah sich Kent seine Umgebung. Am Rücken der Puppe entlang gingen die Drähte des Lautsprechers in den Fußboden. In diesem Fußboden war neben den Drähten eine andere kleine Öffnung, in die ein Rohr eingeschoben war. Ach so, sagte sich Kent, als er dieses Rohr sah, da blasen sie das Gas herein.

Für alle Fälle … Er nahm von dem Wachs, aus dem der Kopf der Puppe gemacht war, einen Klumpen und verstopfte damit das Rohr.

Nun wandte er seine Aufmerksamkeit dem Zimmer zu. Es war bis auf die Puppe und ihren Stuhl leer. Links an der Seite hing hinter einem Schirm eine elektrische Birne, und im Vorderraum stand eine Jupiterlampe. Die Wände zeigten sich glatt. Hatten sie einmal Fenster gehabt, so waren sie zugemauert worden, und es war nicht zu erkennen, wo sie gewesen sein konnten. Er untersuchte die Wände ganz genau. Es gab nirgends einen Zugang in den Raum, außer durch die Eisentür, durch die er gekommen war.

»Gut«, sagte sich Kent bei der Überlegung, was er nun anzufangen hätte. »Diese Tür muß sich wieder öffnen. Denn es ist unwahrscheinlich, daß sie mich in diesem Zimmer verfaulen lassen wollen, wenn sie mich durch ihr Giftgas getötet zu haben glauben.«

Ja, die Sache kam ihm durch diese Aussicht und die Entlarvung des Räuberhauptmanns als einen mit einem Lautsprecher redenden Popanz fast humoristisch vor, und er sah sich schon außerhalb jeder Gefahr und gerettet.

Er sagte sich: »Ich nehme an, daß sie zu einer runden Zeit sich vergewissern kommen, wie mir das Gas geschmeckt hat. Um neun Uhr fünf hatten sie die Erledigung angesetzt. Es ist jetzt … neun Uhr achtzehn. Um halb zehn werden sie die Tür öffnen. Vermutlich habe ich also noch zwölf Minuten, wenn ich mich jetzt so still verhalte, daß die zur Kontrolle Bestellten draußen in ihrem Glauben an meinen Hingang nicht getäuscht werden.«

Er stellte sich an die Tür, indem er die gelöschte elektrische Lampe wieder einsteckte; und zwar stellte er sich zu der Seite, von der aus sie sich öffnete. Sie ging nach innen. Nun zog er vorsichtig seine Schuhe aus und steckte in jede Manteltasche einen. Wie oft er geschossen hatte, konnte er nicht sicher sagen. Aber die Waffe hatte zehn Schüsse. Gewiß war die Hälfte noch drin. Für den äußersten Fall, mit dem er aber nicht rechnete, mußten die genügen.

»Halt«, sagte er sich plötzlich, »wenn sie auf den Einfall kämen, das Licht wieder anzudrehen, so würden sie mich sofort neben der Tür zur Flucht bereit entdecken.«

Unter Aufbietung aller Vorsicht schraubte er, auf dem Stuhl stehend, von dem er die Puppe heruntergeworfen hatte, die zwei Glühbirnen aus, die in dem Raum waren.

Dann begab er sich an die Stelle neben der Tür zurück. Eine brütende Hitze trieb ihm jetzt den Schweiß aus dem Haar, der in den Halsverschluß der Gasmaske rann und ihn durchnäßte. Dort erkaltete er, und das Band saß Kent wie Eis auf der Haut.

Es ist Zeit, daß sie kommen, schimpfte er. Es wird ungemütlich. Auf einmal hörte er einen Laut draußen an der Tür. Dann kam eine Stimme: »Ist das Licht wieder angedreht?«

»Jawohl«, antwortete jemand.

Schnell öffnete sich die Tür. Kent hörte Bewegungen und Tritte von Menschen dicht neben sich. Eine Stimme schimpfte. Sie klang wie in einer Kiste.

»Sie haben auch Gasmasken an«, sagte sich Kent. »Dieselben wie ich. Sie kommen ja von einem Lieferanten.«

»Du hast ja nicht angedreht!« schimpfte die Stimme.

»Gewiß hab' ich das!« rief der andere zurück.

»Dann hat er die Birnen kaputt gemacht …«

Kent hörte an den Stimmen, daß die beiden schon im Raum waren. Unhörbar auf den Socken schlich er in die Öffnung der Tür, und als er schon draußen auf dem Flur war, sagte eine der Stimmen drinnen:

»Nimm rasch deine Taschenlampe, daß wir sehen, wo er liegt.« Aber Kent war schon auf der Treppe und hielt die Pistole entsichert in der Rechten. Mit der Linken packte er das Geländer, raste hinab und war bald unten, ohne daß jemand ihm in den Weg getreten wäre. Er steckte die Waffe ein, riß im Tordurchgang die Gasmaske vom Kopf und warf sie in eine Ecke. Mit dem nächsten Schritt trat er auf die Straße. Dort stieß er überraschend mit einem Menschen zusammen, der am Haustor gestanden haben mußte. Kent griff zur Pistole, in dem anderen einen neuen Gegner sehend. Doch dieser wich zur Seite. Kent lief auf die andere Straßenseite und zog die Schuhe wieder an.

Jetzt gleich zur Polizei! Wenn die in der nächsten halben Stunde zugreift, wird sie das Nest ausheben. Die Drähte des Lautsprechers werden den Weg zum Chef zeigen, zu dem großen Unbekannten, dem Pseudo-Mabuse.

Er rief einen leer daherkommenden Taxameter an.

Als er schon im Wagen saß und das Ziel angeben wollte, dachte er plötzlich an den Brief, den er auf seinen Tisch gelegt hatte. Es darf kein Unfug damit geschehen, sagte er sich, und er nannte dem Fahrer seine Adresse.

Er war sich im klaren darüber, daß er verfolgt werden würde, daß man ihn suchen würde. Andererseits glaubte er einige Berechtigung zu der Hoffnung zu haben, daß man ihn in seiner Wohnung am allerwenigsten vermuten würde. Seine Gegner mußten sich sagen, daß er alle Orte, die ihnen bekannt waren, meiden würde, wenn er schon nicht direkt zur Polizei gegangen war.

Aber wo sollten sie ihn suchen, wenn nicht in der Wohnung? Kents Gedanken arbeiteten fieberhaft. Vielleicht würden sie ihn auch gar nicht verfolgen und lieber den sicheren Weg wählen, alle Spuren, die sie verraten konnten, zu beseitigen. Sie mußten damit rechnen, daß er sofort zur Polizei gelaufen war. Also galt es zunächst, alle Anhaltspunkte, die der Polizei dienen konnten, zu beseitigen. Ihn konnte man sich für später aufsparen.

Als er bei dieser Überlegung angekommen war, fragte er sich, was es wohl für Männer waren, die die Ausführung seines Todesurteils überwachen sollten. Er kannte sie nicht. An den Versammlungen hatten sie nicht teilgenommen. Was würden sie sagen, wenn sie die umgestürzte Puppe sahen? Kannten sie das Geheimnis? Über wieviel Männer mochte dieser Pseudo-Mabuse eigentlich verfügen?

Fragen über Fragen. Kent war sich nun durchaus nicht mehr sicher, daß man ihn in seiner Wohnung vorerst ungeschoren lassen würde. Vielleicht erwartete man ihn dort schon?

Kent schwankte, ob er die Taxe nicht doch zum Polizeipräsidium fahren lassen sollte. Aber da sah er wieder das frische Gesicht mit den hellen gläubigen Augen vor sich. Er sah, wie es sich angstvoll verzerrte, er sah, wie sich die klaren Augen verdunkelten, die auf seinen Brief niederschauten, er spürte, wie dieses Mädchen, das ihn errettet hatte, das an ihn glaubte jawohl, an ihn glaubte, bestätigte sich Kent beglückt – vor Angst vergehen würde … und ließ die Taxe laufen.

Aber er bekam erneut Bedenken, holte ein leeres Blatt Papier und einen Bleistiftstummel aus der Innentasche seiner Jacke und schrieb eilig einige Sätze hin. Dann suchte er nach einem Briefumschlag. Schließlich fand er einen. Er war zwar beschrieben, ließ sich aber wenigstens noch zukleben. Er durchstrich die alte Anschrift und schrieb darüber: Kriminalkommissar Lohmann. Sehr dringend. Das »sehr dringend« unterstrich er mehrfach.

Kurz vor seiner Wohnung ließ er den Wagen halten und übergab dem Fahrer den Brief mit der Weisung, weiter zum Präsidium zu fahren und ihn direkt beim Kommissar vom Dienst abzugeben.


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