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X

Helli kam schwer zu einem Entschluß. Sie sah auf ihrer Armbanduhr, daß es Viertel vor zehn war. Er war also schon dreiviertel Stunden fort. Sie fand keinen anderen Weg, als sich an die Polizei zu wenden. Sie rief die Wirtin herein: »Wo kann ich in der Nähe telefonieren?«

Doch da hörte sie schon, daß die Flurtür draußen geöffnet wurde. Die Wirtin antwortete nicht, sondern rief: »Da ist er, Gott sei Dank, Fräulein!« und eilte hinaus.

Helli schoß das Blut in das blaß gewordene Gesicht. Sie hörte draußen die Stimme der Wirtin: »Das Fräulein ist in Ihrem Zimmer, Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind. Fehlt Ihnen nichts?«

»Wer? Wer ist in meinem Zimmer?« rief Kent.

»Ja, da staunen Sie, Herr Kent!« gluckerte die Frau, »nu ist ja alles wieder gut!«

Kent stand schon in der Tür. Er sah Helli. Von ihr weg schaute er gleich auf den Tisch. Der Umschlag lag dort. Den Brief hielt das Mädchen in der Hand.

Kent schloß die Tür hinter sich. Er blieb daran stehen, und auf den Brief deutend, fragte er fast tonlos: »Haben Sie gelesen?«

Helli schaute ihn stumm an. In ihrem Blick war Vorwurf, Frage, Hingabe. Ihr Herz wartete auf eine Lösung und Erlösung, denn je mehr Zeit seit ihrem letzten Besuch in diesem Zimmer verflossen war, um so bedingungsloser hatte sie sich ihren Gefühlen zu diesem Mann überlassen.

Aus einem Mitgefühl, einer Verliebtheit war in ihrem von Erfahrungen und Entsagungen noch nicht geformten Herzen rasch ein Wille zur leidenschaftlichen Hingabe entbrannt. Wohl vermochte sie den Ausbruch ihres Herzens unter Beobachtung und mit dem natürlichen Stolz ihres Wesens in Damm zu halten. Aber sie wußte, daß über ihr Blut hinaus eine Aufgabe auf sie wartete, deren Erfüllung als einem menschlichen Gesetz sie sich nicht entziehen konnte. Ja, sie fühlte auch, daß sie hinter dieser raschen, aber von Ernst gefestigten Leidenschaft etwas Schwerem und Ungewissem zuging.

Kent erkannte in den großen, so unberührt schimmernden Augen etwas von diesen verborgenen Vorgängen. Wohl flammte es in ihm auf beim Anblick dieses Mädchens und der verheißungsvollen Augen. Wohl packte ihn der Sturm eines sehnsüchtigen Begehrens nach Nehmen und Geben. Aber er bewältigte diese Erregungen in dem Gefühl, das ihn zwang, zuerst Klarheit zwischen diesem Mädchen, sich und der Vergangenheit zu schaffen. Nur dann, fühlte er, war es möglich, die Zukunft für ihn neu zu gestalten. Er dachte an den Brief für den Kommissar, der jetzt wohl schon an Ort und Stelle war.

Er ging auf Helli zu und nahm ihr stumm den Mantel ab. Den Brief nahm er ihr aus der Hand und legte ihn auf den Tisch. Er schob ihr einen Stuhl hin, und nachdem sie sich gesetzt hatte, nahm er in ihrer Nähe Platz und sagte: »Ich muß Ihnen Ihretwegen und meinetwegen viel sagen. Ich weiß nicht, ob Sie dann noch … ob Sie es verstehen werden. Aber ich muß!«

»Ja,« sagte Helli nur.

Kent wandte keinen Blick von ihr, als er nun mit sparsamen Worten sein Leben zu erzählen begann: »Sie wissen, daß ich verurteilt wurde. Ich hatte nach Beendigung meiner juristischen Studien eine Anstellung in einer Bank bekommen. Mein Vater war höherer Beamter. Meine Mutter ist eine stille, duldsame Frau gewesen. Die Veruntreuungen, deretwegen ich verurteilt wurde, habe ich begangen, um eine Schuld zu bezahlen, die mein Vater, halb aus Leichtsinn und halb unter dem Einfluß eines schlechten Menschen gemacht hatte. Meine Mutter bat mich, zu helfen. Der Vater hätte Stellung und Ehre verloren. Deshalb tat ich es. Meine Mutter starb an den Aufregungen. Mein Vater erlitt einen Nervenzusammenbruch und nahm sich das Leben.

Als ich sah, daß ich das Geld nicht wieder beschaffen konnte, denn meine Eltern und alle meine Verwandten waren durch die Inflation um ihr Vermögen gekommen, meldete ich meinen Fehltritt. Es wurden mir keine mildernden Umstände zuerkannt, denn vor der Öffentlichkeit des Gerichtes wollte ich das Andenken meines Vaters schonen. Ich bekam die schwere Strafe von zwei Jahren.

Dann wurde ich aus dem Gefängnis entlassen, und ich hatte den Mut verloren und keinen Menschen mehr, der auf meiner Seite stand. Ich habe es mit allem versucht. Immer kam es heraus, daß ich verurteilt worden war, und sobald das bekannt wurde, war ich am nächsten Tag wieder ohne Beschäftigung.

Durch all diese grausame Ungerechtigkeit hatten sich rasch in mir Zorn und Haß gegen die Menschen angesammelt. Ich litt auch Not. Oft hatte ich nichts zu essen und kein Bett und kein Dach für die Nacht.

Da habe ich mich schließlich aus Not und Zorn gegen die Härte der Menschen verleiten lassen, bei einer Gesellschaft von Verbrechern mitzumachen. Ich war bis heute ein halbes Jahr bei ihnen. Ich habe nun die Entschuldigung, daß zu den schon genannten Gründen der kam, daß diese Gesellschaft mit einem abenteuerlichen Geheimnis zusammenhing und Ziele verfolgte, die nicht auf rohen Raub gerichtet zu sein schienen. Seitdem ich Sie gesehen habe, Fräulein Helli, ist mir zum Bewußtsein gekommen, daß ich dieses Leben nicht weiterführen konnte, und ich habe mich heute von diesen Leuten getrennt. Das mußte ich Ihnen sagen.«

Helli nahm Günther Kents Geständnis mit Ruhe auf. An das von ihr erfundene »Weibsstück« hatte sie auf die Dauer doch nicht glauben können, sondern hatte sich die Umstände, denen er erlegen war, schon so oder ähnlich gedacht, wie er sie jetzt geschildert hatte, und also konnte seine Erzählung nichts an dem Zustand ändern, der ihre Bindung an ihn bewirkt hatte.

Darum sagte sie jetzt auch ganz ruhig: »Ich glaube Ihnen, Herr Kent. Ich glaube Ihnen alles. Aber da es so ist, wie Sie sagen, finde ich doch, daß Sie sich das Schwerste allein zuzuschreiben haben. Die Schuld Ihres Vaters … verzeihen Sie mir, ich finde es nicht recht, daß Sie sie mit Unterschlagungen gedeckt haben … kein Vater kann das beanspruchen …«

»Ich weiß nicht«, unterbrach Kent sie nachdenklich, »ich habe oft darüber nachgedacht … als es zu spät war. Sie hätten es nicht getan, Fräulein Helli, für Ihren Vater?«

»Nein. Bestimmt nicht. Und dabei liebe ich meinen Vater sehr. Es ist einfach zuviel verlangt, finde ich. Auch daß Sie ihn vor Gericht geschont und sich dadurch alle mildernden Umstände verscherzt haben, finde ich falsch. Wo liegt da der Sinn? Daß Sie so schwer verurteilt wurden, hat der Ehre ihres Vaters kaum weniger geschadet, als es die Aufdeckung seines sträflichen Leichtsinns getan hätte. Ich finde, daß ein Mensch, und besonders ein Mann, für sich selber einstehen muß.«

»Ja, vielleicht«, sagte Kent. »Vielleicht haben Sie recht … obwohl Sie ja richtige Einzelheiten nicht kennen … zum Beispiel, daß ich unsagbar an meiner Mutter hing, daß ich es viel eher für sie als für meinen Vater getan habe. Aber natürlich das eine ist so bedenklich, wie das andere. Sicherlich haben Sie recht: es war falsch von mir.«

»Ja, das war es wohl«, bestätigte Helli.

»Aber nicht das ist das Wichtige, Fräulein Helli«, fuhr er erregt fort, »das Wichtige ist, ob Sie mir glauben, daß ich diese mildernden Umstände hatte.«

»Davon bin ich überzeugt. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich Ihr Verhalten nicht richtig finde. Daß Sie mich nicht belügen, weiß ich.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Kent.

Eine Zeitlang schwiegen beide, dann wandte Helli sich ihm zu, deutete mit dem Kopf auf den Brief, der noch zwischen ihnen auf dem Tisch lag, und fragte: »Werden Sie noch mal in die Lage kommen, mir einen Brief zu schreiben wie diesen hier?«

»Ich muß meine Pflicht bis zu Ende tun«, antwortete Kent rasch. »Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird. Seitdem ich die Bande verlassen habe, bin ich vogelfrei. Ich werde der Polizei helfen, habe es schon getan, aber … Das letzte halbe Jahr ist nicht aus der Welt zu schaffen. Wie wird die Polizei dieses halbe Jahr beurteilen?«

»Ist in dieser Zeit etwas so Schlimmes geschehen?« Hellis Augen hatten sich angstvoll geweitet.

Kent schüttelte den Kopf. »Nichts, auf dessen Abbüßung man nicht warten könnte.«

Hellis Stimme klang ruhig und bestimmt: »Ich werde warten, wenn es nötig werden sollte.«

Und das war der Anfang zeitloser Stunden, in denen ein verirrter Mann über die Güte, Bereitwilligkeit und Duldung eines Frauenherzens zu den Menschen zurückgefunden hatte.

Kent vergaß darüber alles, auch, daß er ein Verfolgter war und seine Gegner jeden Augenblick über ihn herfallen konnten. Helli stand auf, um zu gehen, doch Kent bat so flehentlich mit den Augen, daß sie sagte: »Gut, ich bleibe …«

Er nahm sie in die Arme und küßte sie auf den Mund. Helli fühlte, daß es in ihrem ganzen Leben keinen Augenblick gegeben hatte, der diesem glich. Er erfüllte sie mit neuem heißem Leben, mit neuen Kräften.

*

In der Zeit, wo Helli bei Kent war, fuhr ein Auto am Bühneneingang des Phönix-Theaters vor. In einen weißen Pelzmantel gehüllt, stieg die Lara aus und trat durch die Eisentür in die Bühnenräume ein. Ein Beamter des Theaters führte sie zu ihrer Garderobe.

»Ist Fräulein Born schon da?« fragte sie.

Der Beamte wußte nichts von Helli.

Vor dem Theater begann bereits die Wagenauffahrt. Die Menschen drangen in den Vorraum und verteilten sich an die Garderobe und über die Stockwerke, suchten ihre Plätze im Theater.

An den Kassen hingen Schilder: »Ausverkauft.«

Es fehlten noch zehn Minuten bis Mitternacht und zum Beginn der Vorstellung. Die Lara ließ wiederholt nach Helli Born fragen. Man fand sie nicht.

»Und der Professor?« rief sie. Eine zitternde Erregung würgte sie im Hals. Ein Druck lag auf ihren Schläfen, und sie rieb sich mit Kölnischem Wasser ein. Dann mußte sie sich wieder pudern. Auch Born wurde nicht gefunden.

»Was bedeutet das alles?« fragte sich die Lara. Sie geriet in eine Stimmung von Trotz und Auflehnung und widersetzte sich der Lage. Drohend schwoll in ihr der Vorsatz an, das Auftreten unterbleiben zu lassen und davonzugehen.

Doch ehe sie sich entscheiden konnte, wurde ihr ein riesenhafter Blumenstrauß von schwärzlichroten Rosen gebracht. In dem Umschlag, der damit überreicht wurde, lag ein Kärtchen, auf dem nichts stand als »Geliebte Frau!«

In einer wilden Aufwallung preßte sie die Karte in den Ausschnitt ihres Kleides und fühlte, wie das kantige Papier heftig in ihre Brust über dem Herzen einschnitt.

Vier Minuten vor zwölf fuhr Born allein in seinem Wagen in die dunkle Seitengasse ein. Er stellte ihn an den Bordstein. Als er die Tür abschloß und sich dem Theater zuwenden wollte, wurde er durch eine Spiegelung in der Scheibe zurückgehalten. Aus einem Fenster des Theaters fiel schwaches Licht auf diese Scheibe, und er sah sein Gesicht. Aber es war nicht sein Gesicht, das ihm aus dem schwarzen angeleuchteten Glas entgegenstarrte – es war das Gesicht Mabuses.

Da ging ein Zucken durch ihn. Er zog die Schultern mit einer starren Bewegung hoch. Mit Grausamkeit füllten sich die Fältchen, die um die Winkel des aufeinandergebissenen Mundes standen. Er schaute auf seine Armbanduhr, indem er mit einer Bewegung, als wolle er etwas wegstoßen, den Arm hochriß.

Es fehlten zwei Minuten bis zwölf Uhr.

Nun ging er hastig zum Eingang und ins Theater. Die Vorräume waren bereits leer. Eine Glocke läutete zum Zeichen, daß der Beginn bevorstand. Die Diener eilten zu den Türen, um sie zu schließen.

Als Helli Born aus ihrer ersten seligen Verzauberung erwachte, erinnerte sie sich auf einmal an die Lara und die Nachtvorstellung. Es war sicherlich noch Zeit, aber man mußte daran denken.

»Liebster, wie spät ist es denn?«

»Ach, ist das nicht gleich!« antwortete Kent.

»Ja, wohl ist das gleich!« sagte Helli, und sie plauderten eine weitere Weile. Aber schließlich wurde Helli doch wieder unruhig, und auf eine neue Frage antwortete Kent erstaunt: »Schau, nun ist es wirklich fast Mitternacht geworden.«

Helli zuckte zusammen.

»Wie spät?« rief sie.

»In acht Minuten zwölf, Helli.«

Erschrocken sprang sie auf.

»Ich muß gehen. Verzeih mir. Mein Gott, ich müßte mich noch umziehen. Aber das ist ja ganz unmöglich jetzt, sonst komme ich überhaupt nicht vor ein Uhr hin. Lara wird mich auch so annehmen.«

Nun fuhr Kent hoch.

»Wer?« rief er.

»Ich muß ja in die Wohltätigkeitsvorstellung im Phönix-Theater. Wir haben das doch von unserem Amt aus organisiert.«

»Nein!« schrie Kent.

»Was ist, Liebster! Weshalb willst du nicht?«

»Du darfst nicht. Es geschieht etwas. Ich muß zur Polizei. Gleich! An diese Sache habe ich gar nicht mehr gedacht.«

»Nein«, überschrie er sich dann, »dafür ist es schon zu spät. Ich fahre gleich ins Theater. Mein Gott, das ist mir alles entfallen, weil du … Komm Helli! Nein, bleib hier, bis ich zurück bin … Rasch …«

»Aber ich gehe doch selbstverständlich mit«, bestimmte Helli. »Was soll denn geschehen?«

»Komm! Unterwegs!« rief Kent. »Es ist keine Zeit zu verlieren.« Er zog ihr den Mantel über. Sie eilten auf die Straße. Es kam nicht gleich ein Wagen, und als sie in der Taxe saßen, fehlten nur noch sechs Minuten bis Mitternacht. Glücklicherweise war das Theater nicht allzu weit entfernt.

*

In demselben Augenblick, als Born in seine Loge trat, wich der Vorhang auseinander, und die Lara kam auf die Bühne, ein blondes Wunder, aus einem langen und engen schwarzen Kleid aufblühend. Sie trug mit beiden Armen die schwarzen Rosen an sich gedrückt. Aus Borns Kehle schlug ein stöhnender Ton, ein kaum beherrschtes Begehren.

Auf einmal knallte ein Schuß oben in der Galerie, und von dem großen Kronleuchter spritzten Glasscherben ins Parkett. Einen Augenblick später erlosch dieser Kronleuchter und mit ihm auf einen Schlag die Rampenlichter und alle übrigen Beleuchtungen. Durch die Finsternis gellten Hilfeschreie aus dem Mund einer Frau.

Die Theaterbesucher sprangen auf, preßten sich in der Finsternis aus den Bänken, schrien, stießen. Frauen kratzten, wo sie Widerstand fanden, mit den Nägeln, Männer rangen miteinander. Der Lärm war ohrenbetäubend. Das Ungewisse, das über der Masse der Besucher hing, zerriß die Nerven. In der Lichtlosigkeit der Flure stürzten alle, denen es gelungen war hinauszukommen, die Treppe hinab. Born saß in der finsteren Loge und hatte das Gesicht in die Hände geborgen.

Auf einmal wurde es wieder hell. Mit einem Schlag, wie die Lichter vorhin ausgelöscht waren, gingen sie wieder an. Nun kam etwas Ruhe unter die Fliehenden, aber die Flucht aus dem Theater dauerte an. Das Ungewisse der Ereignisse hielt die Menge in den Zangen der Angst.

Die Bühne war leer, als die Lichter wieder angingen. Nur wenige der Hinausdrängenden schauten zu ihr hinauf. Diese wenigen sahen bald, wie oben Bühnenarbeiter erschienen, umherschauten, gegeneinander Bewegungen machten, die andeuteten, daß sie nicht verstanden … wieder zwischen die Kulissen liefen, zurückkamen, und dann schrie eine Stimme von der Bühne: »Die Lara ist nicht mehr da!«

Aber von den Hinausdrängenden wurde es nicht gehört. Nur Born schnellte nun empor, richtete sich auf, und einen Augenblick lang zeigte sein Gesicht eine Verzerrung, die ihm den Ausdruck teuflischer Grausamkeit gab. Aber rasch lockerte sich dieser Krampf, und mit geglätteten Mienen verließ er die Loge und zwängte sich in die Menge, die jetzt, wenn auch ungeduldig, so doch geordnet zu den Ausgängen drängte. Er war unter den letzten.

Und gerade in diesen letzten Strom von Menschen drangen Helli und Kent ein, deren Taxe soeben vor dem Theater angekommen war. Helli bemerkte gleich ihren Vater in der Menge. Sie zwängte sich bis zu ihm durch, Kent dicht hinter ihr.

»Was ist geschehen?« rief sie Born an. »Wo ist Lara?«

Mit kühler und abweisender Miene antwortete Born: »Man weiß nicht recht. Es wurde plötzlich geschossen. Dann erloschen die Lichter, und eine Panik entstand im Publikum.«

Kent zuckte nur mit einer wilden und jähen Bewegung zu dem Mund hin, der diese Worte sprach. Mit erstarrenden Augen schaute er Borns Lippen an, die dünn und verschlossen aufeinanderlagen und in einem herben schönen Schwung voll strenger, ja bitterer Männlichkeit über dem starken Kinn ausschwangen.

»Ich werde gleich gehen und nach ihr suchen!« fügte Born noch hinzu. Dann ließ er sich von der Menge mitziehen und strebte, draußen auf der breiten Freitreppe angekommen, hastig beiseite und davon. Er schien gar nicht bemerkt zu haben, daß Helli in Begleitung war.

Helli und Kent waren stehengeblieben, von den letzten Theaterbesuchern umwirbelt. Helli hatte Kents Hand erfaßt und fand sie glühend heiß. Sein Gesicht war wachsbleich geworden. Er versuchte zu reden, aber die Sprache versagte ihm. Erst als er und Helli allein im Vorraum standen, und Helli verzagt und kleinlaut meinte, man solle ins Bühnenhaus gehen, fand er die Gewalt über sich wieder.

»Wer war das?« fragte er.

»Mit dem ich sprach?« fragte Helli. »Aber das ist doch mein Vater!«

Kent hatte die Stimme erkannt, die er so oft aus dem Lautsprecher im Versammlungslokal der Verbrecher gehört und die ihm vor drei Stunden den Tod angekündigt hatte.


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