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XIII

Kent war nicht ganz beruhigt aus Lohmanns Zimmer gegangen. Er fühlte, daß ihm der weitere Verlauf aus der Hand genommen war und nun von einer Kraft bestimmt wurde, deren geringste Sorge die Schonung Hellis sein mochte. Aber wie hätte er es anders machen sollen?

Er saß lange in einem Café und überdachte seine Lage. Es gab noch einen Weg für ihn, einen Weg, den Helli vielleicht mit ihm zusammen gehen würde. Den ins Ausland, die Flucht. Aber war das nicht Feigheit?

Nein, er durfte keinen erneuten Verrat an sich selbst begehen, er mußte durchhalten. Er wollte zeigen, daß er dieses Mädchen, das seine Wandlung herbeigeführt hatte, auch verdiente.

Und … sie wollte ja auf ihn warten, so oder so. Er war voller Zuversicht.

Später folgte er seiner Sehnsucht nach Helli und fuhr zu der Bornschen Anstalt. Er ging in der Dunkelheit zur Villa. Zwei zusammenhängende Fenster sah er beleuchtet. Aber plötzlich erschrak er. Eine neue Wolke überzog sein Gemüt. Beleuchtete dieses Licht nicht vielleicht ihren Vater und … den Polizeikommissar, der schon bei ihm war? Was geschah in diesem Augenblick in dem Licht da oben? Solche Vorstellungen machten ihm die Nähe des Hauses unerträglich. Er entfernte sich rasch und mäßigte erst die Schritte, als das Haus hinter einer Biegung der Umfassungsmauer der Anstalt verschwand. Er ging an dieser Mauer nun langsam weiter und sah, daß die Anstalt ein großer abgesonderter Komplex inmitten des Stadtteils war.

Vor dem Vollmond trieben Wolken. Bald verdeckten sie ihn, und unheimlich durchleuchtete Schatten jagten dann über die Erde. Bald glänzte der Mond frei, und die Umgebung stand in einem grün-weißen Licht, das nicht vom Mond herab, sondern von dem Weiß des Schnees aufzusteigen schien. Ihn fröstelte. Oder war es ein Schauer aus dem Inneren, der seine Haut überrieselte?

So war er unvermutet in die Straße gekommen, die er kannte, weil er sie oft zum Versammlungslokal in dem verlassenen Fabrikgebäude gegangen war. Und obschon nun in dieser Gegend die Erinnerungen ihn erst recht nicht wohl sein ließen, folgte er der Straße. Er ging auf das Haus zu und war erstaunt, weil er sich nie darüber Rechenschaft gegeben hatte, daß diese Mauer gewissermaßen die Rückseite der Anstalt war.

Er folgte zunächst der Straße eigentlich nur, weil ihn ein plötzlicher Zorn überkam, daß er so ohnmächtig in dieser Stunde war, in der es um seine Zukunft und seine Liebe und das Schicksal von zwei Menschen ging, die ihm, der eine im Guten, der andere im Bösen, gleich nahe waren.

Er gehorchte der zornigen Empfindung, daß er nur durch eine Tat sich wieder selbst in die Hand bekommen konnte. So eilte er dahin, an der Mauer entlang, an dem kleinen Tor vorbei, das er immer verschlossen gesehen hatte, und drang in die Durchfahrt ein und bis zu der Tür, die an ihrer rechten Seite ins Haus führte. Er sah sich schon im Sturmschritt die Eisentreppe nehmen.

Doch die Tür war verschlossen. Er kam nicht hinein. Also trat er in den Durchgang zurück. Der Schatten einer Wolke lief wieder, wie ein Gespenst, dunkler als die Erde, über den Hof, und gleich lag dieser Hof im Licht des vollen Mondes. Eigentlich hatte Kent nie in den Hof hineingeschaut. Jetzt sah er, vom Mondlicht beschienen, ein einstöckiges Gebäude darin, und da erst gewann der Antrieb, der ihn hergezwungen hatte, Klarheit in ihm: daß dieses Gebäude einen Zugang zu der Anstalt haben und der Ort sein müsse, von dem aus Born seine verhängnisvolle Tätigkeit leitete.

Er ging rasch über den Hof und auf die Tür des niedrigen Bauwerkes zu und las ein Schild:

 

DR. RAUSCHMANN
Chem. Laboratorium

 

Nein, das war ein Fremder. Das half zu nichts. Aber wenn sein erster Verdacht sich nun wirklich bestätigt hätte und dieses Laboratorium der Ort wäre, wo Born als Verbrecher gefunden werden könnte, dann hätte er ihm auflauern, ihn zur Rechenschaft ziehen, zur Selbstrichtung zwingen können. Dann wäre Helli erlöst gewesen, und auch er, Kent, und die Menschen, und alles wäre vorbei und im richtigen Geleis.

Mit diesen Vorstellungen war er wieder durch die Durchfahrt gegangen und stellte schon einen Fuß in die Straße. In der Nähe schlug die helle Glocke einer Uhr. Er hielt die Schritte an, um die Schläge nachzuzählen: Elf!

Jetzt trat er hinaus auf die Straße. Aber gleich zuckte er wieder zurück, denn er sah, wie jemand herangelaufen kam, so schnell er nur laufen konnte. Kent preßte sich dicht an die Wand im Durchgang, wo es finster war. Er war auch geschützt durch eine fußbreite Säule, an der früher mal ein Tor befestigt gewesen war, und er sah, daß die laufende Gestalt ohne Besinnen in den Durchgang einbog, dann in den Hof hineinstürzte, diesen ebenso hastig überquerte und in der Tür des Laboratoriums verschwand, bevor Kent Zeit gehabt hatte, die Erscheinung genauer anzusehen.

Er blieb stehen, wo er stand, gebannt von dem Tempo des Ereignisses. Rätselhaft! dachte er.

Dann aber fuhr ihm die Erkenntnis als gewaltsamer Schreck durchs Herz: Born auf der Flucht!

Der Schrecken hatte ihn aus dem dunklen Winkel herausgetrieben. Aber ohnmächtig blieb er stehen.

Plötzlich prallte ein Mann gegen ihn. Er hörte sich von einer dringlichen Stimme angesprochen: »Haben Sie nicht gerade einen …«

Aber die Stimme unterbrach sich und rief in höchstem Erstaunen: »Herr Kent! Sie!! …«

Es war Lohmann. Kent hob nur wie unter einer verhängnisvollen Last den Arm und zeigte auf das Laboratorium im Hof. Er wußte nicht, als er die Stelle verließ, wo er gestanden hatte, ob Lohmann noch etwas gesagt hatte oder ohne ein weiteres Wort in den Durchgang hineingegangen war. Er wußte auch nicht sicher, ob er genau gesehen hatte, daß ein zweiter Mann mit Lohmann in die Dunkelheit hineingestürzt war.

Er ging an der Mauer weiter, geschlagen und hoffnungslos und dachte an Helli. Er kam an die Stelle, wo er das stets geschlossene kleine Tor wußte. Es stand offen. Er zauderte einen Augenblick. Dann trat er hinein und ging durch den Garten und die Anlagen, bis er an den Eingang der Anstalt kam.

Hier stieß er in eine große Aufregung. Viele Menschen drängten sich durch den Eingang. Er hörte sie rufen. Lichter leuchteten auf. Ein Auto schaltete im Hof. Neue Menschen stürzten herbei.

Kent ging nicht bis zum Eingang, sondern setzte sich abseits auf eine niedere Mauer. Er schaute in das erregte Durcheinander. Eine heimliche Hoffnung ließ ihn auf etwas warten. Da hörte er am Eingang jemand rufen: »Ist Fräulein Born verständigt worden?«

Er verstand nicht, was geantwortet wurde. Jetzt drangen drei Polizeibeamte in Uniform in den Eingang. Und dann kam jemand angelaufen, in einem Pelzmantel, ohne Hut, mit fliegendem Haar. Kent stieß sich mit einem Ruck von der Mauer ab, lief nach vorn und schrie: »Helli! Helli!«

Sie stürzte durch die Menge auf Kent zu, fiel ihm in die Arme und rief: »Du!«

Kent preßte sie fest an sich, so fest, daß er kaum ihren Namen nennen konnte, der sich ihm von den Lippen drängte.

»Hilf mir«, jammerte Helli, »sag mir, was das alles bedeutet … Was geschieht eigentlich hier? Die Lara … es ist furchtbar … du weißt es, Günther?«

Kent ließ sie erschrocken los. »Ich weiß gar nichts … was ist mit der Lara?«

»Tot«, sagte Helli weinend, »erschossen … jemand hat sie erschossen …«

Kent schien es nicht glauben zu wollen. »Das kann doch nicht sein, Helli … die Lara … dein Vater hat sie doch von der Bühne weg …«

Er brach jäh ab. Erst im letzten Augenblick war ihm bewußt geworden, daß er im Begriff stand, etwas auszusprechen, was Helli nie erfahren durfte. Er mußte alles daran setzen, daß sie nie den Glauben an ihren Vater verlor … Schon jetzt wußte Kent, daß es nicht leicht sein würde, das Geheimnis zu bewahren, gegen Presse und Polizei, die beide ein Interesse daran hatten, den »postumen« Fall Mabuse in aller Öffentlichkeit zu klären.

Glücklicherweise schien Helli gar nicht richtig hingehört zu haben, und für den Augenblick wenigstens war Kent aller Sorgen enthoben.

Noch einmal fragte sie: »Was geht denn hier vor? Sag es mir doch! Wo ist mein Vater?«

Kent schluckte stumm die Worte hinunter, die er nicht sagen durfte.

»Weißt du etwas?« fragte Helli, drängender als je. »Ist ihm etwas geschehen?«

Mit einer Stimme, die sich gleichsam durch die Zähne zu klemmen schien, entgegnete Kent, während er Helli wieder an sich zog: »Ich weiß nichts Genaues, Helli … ich hörte nur, er soll einen Anfall gehabt haben … er muß wohl schon längere Zeit … eine Art geistige Verwirrung … ich weiß nichts Näheres, Helli …«

Er spürte, wie in seinem stützenden Griff Hellis Schultern bebten, und hörte ihr ratloses Schluchzen.

Vielleicht hatte sie schon begriffen, vielleicht ahnte sie mehr, als er wußte.

Auch dies wird vorübergehen, dachte er und fand etwas wie Trost darin, daß Helli weinte.

*

In seinem Laboratorium ging Born zwischen den Apparaten mit wilden, wie auf einen fernen Horizont zueilenden Schritten auf und ab. Sein Kopf reckte sich hoch, sein Hirn arbeitete wie eine Maschine.

Was ihn in diesem Augenblick innerlich so erhob, war die kühne Tat der Lara; er konnte es nur als das Wunder seiner hochgesteigerten Liebe empfinden. Aber als solches fand er es wieder ganz natürlich. Es mußte jedem einleuchten, daß seine Liebe etwas Gewaltigeres war als die Liebe anderer Leute. Er war nicht nur Born, der große Psychiater, er war auch Mabuse –, wenn er Mabuse sein wollte. Verstand es sich nicht von selbst, daß seine Liebe eine Frau zu ungeahnten Taten steigern konnte, nein: mußte?

Ja, die Lara, die berühmte Tänzerin, hatte ihn mit ihrer Vergangenheit, mit ihrem genialen Einfall gerettet. Wieviel neue Kraft ihm das jetzt gab! Wie es seinen Willen neu belebte! Nun ging es nur noch darum, den Verfolgern zu entkommen, sie endgültig und für immer hinter sich zu lassen.

Im Grunde hatte er das von langer Hand vorbereitet, ohne es eigentlich je bewußt gewollt zu haben.

Wie folgerichtig zeigte sich jetzt, wo es darauf ankam, seine Entwicklungsreihe vom Professor Born über den Chemiker Dr. Rauschmann (welch ein Name!) zu seiner wirklichen innersten und letzten Identität – dem Dr. Mabuse. Es ging auf wie eine mathematische Konstruktion, die von Anfang an diese Ereignisse vorausgesetzt hatte. Er würde alles aufgeben, was einmal gewesen war. Verschwinden wird der Professor Born. Aber weiterleben wird an der Seite des blonden Geistes in der Hülle des Chemikers Rauschmann der Dr. Mabuse.

Er riß aus der Mappe, die das Testament Dr. Mabuses enthielt, aufs Geratewohl ein Blattbündel heraus und schwenkte es wie eine Fahne hoch in die Luft dieses Raumes, den er aus sich selber und für sich allein geschaffen hatte, ohne die Hilfe eines anderen Gottes. Ein Rausch durchwirbelte sein Blut. Das Wagnis des kommenden Spieles erfüllte ihn mit einem dämonischen Glück.

In seiner jetzigen Verwandlung erst, das spürte er, war er Er selbst. Eine unbezwingbare Macht war in seine Hände gelegt. Er würde die Welt beherrschen. Oh, er würde sie ihr zu Füßen legen, ihr, die durch ihre verwegene Tat bewiesen hatte, daß sie mehr wert war als diese ganze Welt, für ihn mehr wert war. Was bedeutete schon die Welt, sie würden sich eine neue aufbauen, auf den Trümmern der alten. Und er würde die alte zertrümmern, es stand in seiner Macht. Aber mitten in diesen ekstatischen Wahn fiel auf einmal ein Bedenken … als stimme etwas nicht … als schließe ein Glied nicht, als habe er vielleicht etwas versäumt, etwas, was gegenüber dem Flug seiner Phantasie so unbedeutend war! … Oder war es doch vielleicht nicht so bedeutungslos, obschon es nur ein Schlüssel war, der draußen an der Haustür, und zwar nach der Hofseite hin im Schloß steckte? … vergessen von ihm in der Eile, das bergende und rettende Haus zu erreichen. Er hatte den Schlüssel da draußen sozusagen in den Händen der Öffentlichkeit, die ihn verfolgte, stecken lassen.

Unvermittelt nahm diese Tatsache die Bedeutung von etwas Sinnbildlichem an, von etwas schicksalhaft Beschworenem … Mit einem Schlag gerann das kochende Überschäumen seiner Phantasie zu einem Klotz aus Eis. Von der Stelle aus, an der das Bewußtwerden seines Vergessens ihn festgehalten, sah er in den Flur, zu dem er die Tür offen gelassen hatte. Und durch diesen Flur auf die Haustür und auf das Verhängnis, das in dem kleinen Schloß Gestalt zu gewinnen drohte.

Er stand wie festgebannt. Mit gelähmtem Willen starrte er in den Flur hinaus und auf die Klinke der Haustür, auf die das Licht aus dem Arbeitsraum wie eine erregende Lockung fiel. Gespenstisch erhob sich neben ihm die Drohung, daß sich jetzt diese Klinke niederdrücken, daß sich die Tür öffnen würde …

Diese Vorstellung und Erwartung gewannen eine solche Kraft in ihm, daß er sie nicht mehr auszuhalten vermochte. Um zu versuchen, ob er ihr entgehen könnte, schloß er die Augen.

Im selben Augenblick hört er das Aufklinken des Schlosses und das Öffnen der Tür. Im selben Augenblick auch wurde alles um ihn und in ihm zu einer entsetzensvollen Leere, und durch diese Leere hörte er donnernde Schritte herankommen.

Er zuckte mit den Schultern und er duckte den Kopf auf die Brust. Dann kam die erwartete Stimme: »Setzen wir uns. Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Professor Born.«

Lohmann schloß die Tür des Arbeitsraumes hinter sich.

»Ich nehme an, daß Sie es für überflüssig halten zu leugnen«, fuhr er fort. »Sie haben da in Ihrer Hand das Testament des Doktor Mabuse, das Sie vermutlich zu den Taten getrieben hat, deretwegen ich Sie verfolgen muß.«

Born stand noch immer mit geschlossenen Augen da. Er mußte auf einmal, wie ein Ertrinkender, mit Atemnot kämpfen. Alles um ihn war in eine Sturzflut geraten. Aus dem Untergang tauchte noch einmal, zwischen Leben und Tod verfließend, auf dem obersten Kamm der Brandung eine menschliche Gestalt auf. Es war eine Frau. Fast besinnungslos von einer Angst, die ihn zu erwürgen drohte, schrie er: »Lara …«

»Sie haben sich selber«, sagte Lohmann, ungerührt von dem verzweifelten Ruf, »und mit Ihnen ein Dasein von Erfolg, Bedeutung und Wert für die Menschheit zerstört.«

»Wo ist sie? Ich will wissen, wo sie ist!«

»Tot«, antwortete Lohmann ruhig.

Born sackte unter dem Schlag dieses kleinen Wortes auf dem Stuhl zusammen, den Lohmann ihm hingeschoben hatte.

»Sie haben auch die Zukunft Ihrer Tochter aufs Spiel gesetzt …«, fuhr Lohmann fort und legte ihm dabei die Hände auf die Schultern, mild und wie zu einer Beschwörung.

Nun ließ Born den Kopf sinken, während das Grauen und das Erkennen der Katastrophe über ihm zusammenstürzten. Reglos und schweigend kauerte er da. Sein Gesicht zuckte.

So verging eine Weile. Dann hob Born den Kopf. Seine Züge waren entspannt, wirkten aber grenzenlos müde, wie nach einem schweren Rausch. Lohmann sah in Augen hinein, die wie tot waren. Borns Mund ging eine Zeitlang tonlos, bevor sich die Worte, die er sagen wollte, zu Lauten bilden konnten: »Es ist vorbei …« verstand Lohmann schließlich. »Ich weiß es. Ich habe keine Erklärung und keine Entschuldigung für das, was ich getan habe. Eine fremde Macht hatte mich eingefangen. Erst jetzt kommt mir die Erkenntnis …«

Er mußte eine Ohnmacht niederkämpfen, die seine Stimme zu brechen drohte, bevor er fortfuhr: »Jetzt bin ich frei von der Macht, die mich besaß, und ich habe Ihnen zu danken, daß ich vom Schlimmsten abgehalten wurde. Ohne Sie wären in wenigen Tagen Tausende umgekommen.«

Born wollte sich erheben, aber ein wildes Zittern, das plötzlich durch seine Glieder lief, hinderte ihn daran.

Lohmann legte ihm seine Hände beruhigend auf die Arme: »Bleiben Sie sitzen, Doktor Born. Was hier noch zu erledigen ist, das kann ich allein machen.«

Die Stimme des Kommissars klang milde und begütigend, so wie man zu einem Kranken spricht.

Lohmann war in einer eigenartigen Verfassung. Die tiefe und innere Befriedigung, die sonst nach dem erfolgreichen Abschluß eines Falles nie ausblieb, wollte sich diesmal nicht einstellen. Erst jetzt wurde ihm die ganze Schwere der Tatsache bewußt, daß er einen Menschen verhaften mußte, der ein hochbegabter und allgemein anerkannter Wissenschaftler, ein Genie und doch ein sehr gefährlicher Verbrecher war … vielleicht ein Wahnsinniger.

Der berühmte Schritt vom Genie zum Wahnsinn, sagte sich Lohmann und wußte, daß auch damit nichts erklärt war. Scheu blickte er zu dem vor sich hin starrenden Arzt hinüber.

Dann sah er sich in dem Raum um. Es dauerte nicht lange, und er hatte sowohl die Zuleitung des Rohres, durch das einmal Gas geblasen worden war, wie die Mikrophonanlage entdeckt.

Auf dem Experimentiertisch fand er ein leeres Röhrchen mit dem allen Anschein nach von Born selbst beschriebenen Etikett: Choleraerreger!!! Es war, als ob sich Born mit diesen drei Ausrufezeichen selbst hatte zurufen wollen: Hier liegt deine Macht!

Der Lärm eines fallenden Körpers schreckte Lohmann aus seinen Gedanken auf. Er fuhr herum und sah, daß Born zusammengekrümmt auf dem Boden lag, dicht bei einem kleinen Wandschränkchen. Bevor Lohmann, der herzugesprungen war, sich zu dem Gestürzten niederbückte, sah er vorne in dem geöffneten Schrank ein winziges Röhrchen mit Pillen liegen. Als er dann in die gebrochenen Augen Borns sah, wußte er genug.

Ergriffen schaute Lohmann auf den Toten.

Dann wischte er alle Gedanken mit einer energischen Handbewegung weg und wandte sich zur Tür, um den draußen wartenden Beamten die notwendigen Anweisungen zu geben.

Ein ätzender Geruch ließ ihn dorthin schauen, wo das Testament des Dr. Mabuse lag. Es war vollständig durchnäßt. Daneben stand ein Glasbehälter mit der Aufschrift: Salpetersäure. Langsam bräunten sich die Blätter. Ihr Zerfall war nicht mehr aufzuhalten.

*

In die Gruppe der Menschen, die sich am Eingang der Anstalt zusammengefunden hatte, kam Dominik die Treppe heruntergestürzt. Er warf die Arme in die Höhe und schrie mit einer heißen, von Erregung gebrochenen Stimme: »Wo ist der Professor?«

Als niemand antwortete, fragte er nochmals: »Wo ist er denn?« Und fuhr fort: »Ich muß ihm etwas melden … Mabuse ist gestorben … gerade als es Mitternacht schlug.«


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