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Der Polizeidirektor Vörös war pünktlich.
»Wissen Sie, ich muß Ihnen nun noch einiges über unsere Gastgeber und meine Landsleute draußen bei Nikolassee sagen,« begann er gleich, als das Auto anfuhr. »Es ist ein ehemaliger Fürst von Komor und Komorek, und er hat eine Tänzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie natürlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, daß er ihnen eines Tages sagte: ›Gut! Da habt's ihr euern Fürsten. Ich pfeif' euch drauf. Von heut an heiß' ich Komorek.‹ Und ist dann ausgewandert. Reich war er sowieso und nicht von der Familie abhängig. Das einzige, was er noch vom Fürsten hat, ist eine fürstliche Villa da draußen. Sie werden sie ja sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick und apart. Aparter als eine Fürstin. Nur natürlich nicht mehr ganz jung. Haben Sie schon zu Nacht gegessen?«
»Nein!«
»Ist auch nicht nötig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an Delikatessen erleben.«
Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprächig? und ließ den peinlichen Gefühlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf.
Wenk war heimlich erregt. Es war schwül in seinem Gemüt. Die Augen schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr. In ihren Winkeln saß eine unaufhörlich stechende Wundheit, die ihn unglücklich machte. Die tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrückt gehandhabte Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen, obschon es unmöglich zu machen war.
»Läge ich doch in meinem Bett!« flehte er.
Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar. Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er früher oft gemacht, und er dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und die seit dem Krieg so spärlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine innere Stimmung schuld daran? »Wir müßten doch eigentlich schon in Nikolassee sein!« sagte er.
»Ich kenne mich nicht aus!« antwortete Vörös.
»Früher hatte ich Freunde draußen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber das war ja vor dem Krieg!«
»Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders!« Dann schwiegen sie.
Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine mehr.
Nach längerem Schweigen sagte Wenk: »Der fährt doch nicht etwa drüber hinaus!«
»Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut aus.«
Wenk nahm das Sprachrohr: »Chauffeur, Sie wissen doch. Nikolassee … Villa Komorek?«
In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der Tiefe einer Allee.
»Wir sind da!« sagte der Polizeidirektor.
Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastüren, die sich auf sie öffneten.
Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vörös führte ihn zur Garderobe, die stark mit Kleidungsstücken überfüllt war. Eine Uhr in der Halle schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mühsam mit Zählen nachkommen.
Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fünfundvierzig Kilometer machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwölktes Mißtrauen erfüllte ihn.
Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie auf die große Flügeltür los.
»Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Fürstin bringen!«
Ein Diener zog die Tür auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in einen mäßig großen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bühne klein und halbrund sich aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Stühle und ein Tisch standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal füllten, bewegten sich Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren waren es, und die Damen waren alle auf eine auffällige Art modisch gekleidet.
Da sagte Vörös: »Die Fürstin!« Er stellte Wenk vor.
»Ihr Freund, den Sie uns ankündigten?« fragte die Dame mit einem gewinnenden Lächeln. »Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich glaube, wir brauchen nicht in Sorge darüber zu sein, daß Sie den Abend in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem Mann übergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr! …«
Die Frau trat einen Schritt näher in den Kreis eines der Lichter, die in tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, daß die Frau, die er für sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr Kleid war entsetzlich grell, so daß er erschrak, als sie ihn plötzlich, sich von ihm trennend, mit einem übermäßig freundlichen Lächeln anblickte.
»Mein Gatte!« sagte sie dann.
»Fürst, grüß' Gott!« lärmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse zusammengestellt hatte.
Die Dame des Hauses war verschwunden.
Der Fürst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewöhnlichkeit, war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe, zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprächsstoffe lagen sozusagen außerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen eine Form zu geben. Sonst wären sie unbeachtet liegen geblieben.
Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mäßige Gaben, aber diese feine Sehnsucht nach Form, die die größte Trivialität mit solcher Grazie schaumig macht. Aber wie er aussieht!
Der Fürst leitete ihn in die erste Stuhlreihe.
Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war Weltmann, den Wenk an der Einhändigkeit ja erkannt hätte, nicht zu sehen.
Wenk saß zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien.
Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehänge, und es trat ein breiter, großer Mann mit einem etwas gewölbten Rücken heraus. Er war mit bester Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gästen, die alle im Frack und Dekolleté waren, einen dunkelgrauen Straßenanzug aus englischer Wolle. Man sah gleich, daß die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich Wenk. Trotz des deutschen Namens.
Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an den Enden hängend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen, dunkeln Winkeln rasch über den Aughöhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekämmt und umgelegt.
Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte: Die Gaben, die er vor den Gästen der Fürstin und des Fürsten Komorek zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, daß den Gästen Tatsachen nähergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas zu erklären zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklärt werden könne.
Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorführen und jemanden bitten, einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Fürstin sei vielleicht bereit.
Die Fürstin rief: »Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!«
»Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Fürst die Dame!«
Der Fürst sagte ohne langes Besinnen: »Wen soll ich anders bezeichnen als meine Gattin?«
Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die künstliche Hand in auffälliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der Tasche seiner Jacke.
»Frau Fürstin,« sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt hatte, »habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?«
»Ich wüßte nicht!« antwortete die Fürstin.
»Diese Uhr hat die Nummer 56 403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!«
Die Fürstin zog die Uhr heraus, öffnete den Deckel, schaute und nickte. Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: »Es stimmt!«
»Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!«
Die Fürstin überlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel.
Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zögernd: »Es ist eine Farbe, die Sie in Ihrer Nähe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie ist durchsichtig, also wahrscheinlich von einem Stein. Ich kann nicht genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett ist dabei!«
»Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk,« bat die Fürstin, und man sah, daß der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein durchsichtiges Blauweiß umfärbte.
»Welchen Herrn nannte die Fürstin?« fragte Weltmann.
»Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!«
»Mein Herr, Sie haben,« sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, »in Ihrer Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65 045 der eine und der andere Serie V, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst kontrollieren, ob es stimmt?«
Wenk griff lächelnd nach der Tasche. »Nein,« sagte Weltmann, »ich habe die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.«
Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Fürstin neigte sich herüber. Er roch das Parfüm ihres Puders. Sie sagte: »Nun, Herr von Wenk?«
Der Suggestor lächelte auf ihn herab und sagte noch: »Sie können den Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe erlaubt. Er ist in München erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen zu lassen.«
Höhnte dieser Mensch ihn in einem Traum?
Er legte alles heraus. Es stimmte alles.
»Genug!« sagte Weltmann. »Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der Willensübertragung überzugehen. Bitte einen der Herren!«
Jemand kam auf die Bühne. »Ist der Herr Ihnen bekannt, Fürstin?« »Ja, es ist der Baron Prewitz!«
»Genügt das allen Herrschaften, daß der Baron der Fürstin bekannt ist, um etwa den Glauben an ein Einverständnis zwischen dem Herrn und mir fernzuhalten?«
Es wurde »Ja« gerufen.
Inzwischen schrieb schon Weltmann etwas auf einen Block so, daß der Baron unmöglich lesen konnte, und warf den leichten Block in den Saal. Er schaute Prewitz an, ganz ruhig und nicht lange. Dann setzte sich Prewitz in eine schleichende Bewegung, verließ die Bühne und ging vorsichtig und langsam von Stuhl zu Stuhl, indem er jedem eine Weile ins Gesicht schaute.
Weltmann rief: »Ich bitte vier Herren oder Damen sich rasch zu mir heraufzubegeben. Rasch!«
Ein Rudel stürzte vor. Drei Herren und eine Dame wurden oben behalten; die anderen gingen zu ihren Sitzen zurück. Der Suggestor setzte sie um den Tisch. Er wies auf ein Spiel Karten, das auf dem Tisch lag.
»Sind diese Dame und die drei Herren der Gesellschaft bekannt?«
Die Fürstin winkte Ja. Viele Stimmen riefen: »Jawohl!«
Prewitz näherte sich allmählich dem Stuhle Wenks.
Weltmann schrieb lange wieder auf einen Block und schaute in kurzen, gedrängten Pausen die vier auf den Stühlen Sitzenden an.
Einer von ihnen sagte plötzlich: »Einundzwanzig oder Poker?«
Weltmann schrieb stumm weiter.
Man einigte sich auf Einundzwanzig und begann gleich zu spielen.
»Es fehlt einer,« sagte die Dame.
»Ich komme gleich!« antwortete Weltmann. »Hallen Sie die Bank, Gnädigste!«
Inzwischen war Prewitz an Wenk herangekommen. Er schaute ihn lange an, griff ihm dann mit großer Sicherheit in die linke Brusttasche und zog den Browning heraus. Er stellte sich, die Waffe in der Hand, seitlich von Wenk auf.
Weltmann sagte von der Bühne herab: »Weil Sie so unvorsichtig sind, einen nicht gesicherten Browning in der Tasche herumzutragen! Bitte,« wandte er sich in den Saal, »vorlesen, was ich auf den Block geschrieben habe!«
Jemand las vor: »Der Baron soll die erste Reihe abgehen, Stuhl für Stuhl, und wo jemand einen unentsicherten Browning in der Tasche hat, diesen herausnehmen und sich seitlich damit aufstellen.«
Man klatschte. Weltmann, mit einer kurzen Handbewegung, verbat sich das. Er hielt mit Schreiben ein, reichte der Fürstin den Block hinab und setzte sich zu den Spielenden.
»Seite eins!« sagte er der Hausfrau.
Sie las es für sich, hielt dann ihrem rechten Nachbar den Block hin und schaute gespannt auf die Bühne. Dort ging folgendes vor sich:
Der Suggestor gewann Spiel auf Spiel. Manchmal schaute er fort vom Tisch, und es war dann Wenk, als zwinkerte er ihm zu, heraufzukommen. Wenk wußte wohl, es war eine Täuschung. Irgendein Licht, das sich so sonderbar in Weltmanns Auge brach, mußte schuld daran sein. Aber er fühlte sich dennoch beunruhigt. Es nistete sich dann, immer stärker drängend, bei ihm die Vorstellung ein, hinaufzugehen und dem Mann von nahe in die Augen zu schauen, um sich zu versichern, daß die blinzelnden Blicke nicht ihm galten. Aber das wäre ja närrisch! sagte er sich.
Er versuchte, den Zwang von sich abzuschütteln.
Plötzlich, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre, lehnte sich einer der Spieler zurück und sagte mit kurz aufbellender Stimme, wie laut aus einem Traum sprechend: »Was habe ich jetzt getan? Ich hatte einundzwanzig. Da hat jemand gesagt mit meiner Stimme: Ich habe wieder nichts!«
Er griff seine weggeworfenen Karten wieder auf und zeigte ein Aß, einen Buben und einen Zehner.
»Zu spät!« sagte Weltmann, der Bankhalter.
Wenk faßte sich an die Schläfen. Dieses Begebnis hatte er schon einmal erlebt. Wann! Wo? Mit wem? Er zersiebte seine Erinnerungen. Er quälte sein Hirn ab. Das Bild stand wie eingeschnitten in ihm. Aber es war losgelöst von aller Atmosphäre des Wann und Wo und mit wem?
Hinter seiner Stirn wuchs eine Form auf in einer Gleichzeitigkeit mit dem Nachgrübeln hinter der nicht zu erfassenden Erinnerung, die ihn geisterhaft bedrückte. Die Form … war es ein Mensch, eine leblose Säule, ein Untier … er hätte es nicht sagen können … Da blutete die Form irgendwo, und Wenk sah nun durch die flüchtigen, wie Nebel hingehauchten Bilder dieser neuen Vorgänge, daß die Form einen Mund hatte und diesen Mund plötzlich spitzte und skandierend das Wort sprach: »Tsi...nan...fu!«
Dieses Wort erinnerte sich Wenk nun ganz genau aus dem Mund des alten Professors gehört zu haben, der kein anderer war als der Dr. Mabuse, dessentwegen er nach Berlin gekommen war.
Dr. Mab... Dr. Mab... flüsterten die heimlichen Stimmen. Wenk versuchte sich das Bild des alten Professors zu vergegenwärtigen und fand es nicht mehr genau zurück. Nur der Mund ward ihm deutlich, der den Namen der chinesischen Stadt so sonderbar eindringlich gesprochen hatte.
Weshalb, fragte sich Wenk unter dem Strom von Bildern, die aus diesen Erinnerungen aus ihm auftrieben, denke ich jetzt an diesen verkleideten Professor? Weshalb gerade an den Professor und nicht an Mabuse in einer andern Gestalt, zum Beispiel in seiner wirklichen Gestalt, wie ich sie von dem Abend im Saal der Vier Jahreszeiten gut in Erinnerung habe?
Mabuse als Suggestor! Welche Kühnheit! Als öffentlich auftretender Suggestor! Ob Mabuse von ebenso verblüffenden Fähigkeiten war wie Weltmann, und ob Weltmann ein ebenso von Abgründen durchhöhlter Verbrecher war wie Mabuse? fragte sich Wenk. Immer weiter, unklarer und unwirklicher verglitten ihm die Gedanken. Es waren keine Gedanken. Es waren Dunstgebilde, die aus einem Druck dieser zerreibenden Augen da oben seiner Phantasie entströmten und vor seinem Hirn durchtrieben. Er versuchte und richtete dabei seine Blicke mit zwingender Starrheit auf Weltmann, diesem einen langen, rotblonden Bart umzuhängen, wie jene erste Form, in der Mabuse an seinen Weg getreten war, sie gehabt hatte.
Und da wußte Wenk auf einmal über einen Weg unerkenntlicher Zusammenhänge, woher er die Situation mit dem Spieler kannte, der seine Karten, ohne zu halten, wegwarf, obschon er einundzwanzig und von vornherein gewonnen hatte. Er kannte sie aus der Erzählung des ermordeten Hull. Er hatte sie nach der ersten Unterhaltung mit Hull in seinem Notizbuch wörtlich aufgezeichnet. Sie standen auf einer der ersten Seiten des Buches, das der Chauffeur Mabuses ihm aus der Tasche genommen, als er ihn nachts im Schleißheimer Park abgesetzt hatte. Ja, die Form, an der es blutete, war Hull selber. Sie lehnte sich jetzt über Wenks Stirn wie eine Trauerweide. Leise rannen und raunten die bluttropfenden Blättlein: Von mir … Hull! Von mir … Hull!
Da geschah es in dem bewegten Nebelgebäude, das sich in Wenk ruhelos und so vielgestaltig zusammenbaute, daß, wie ein Knochen aus dem astralhaften Schatten, mit dem die Röntgenstrahlen das Gebein aus dem durchleuchteten Fleisch hervortreten ließen, etwas aufwuchs … ein dunkler Kern, ein wilder, todgeladener Stein … so schwarz … ein Mann!
Die Fürstin reichte ihm den Block Weltmanns. Es schob sich in seinen Vorstellungen etwas zurück. Er kämpfte, um die Worte zu fassen, die er las: »Der Bankhalter gewinnt jedes Spiel. Hat einer der Spieler eine bessere Karte als der Bankhalter, so ist er unfähig, gegen ihn zu halten.«
Kaum hatte Wenk das gelesen, so rief Weltmann mitten aus dem Spiel mit einer Stimme, die Wenk wie ein niederbrechender Felsen durchschlug: »Blatt zwei lesen!«
Entsetzt drehte Wenk um. Er las: »Unter der Macht des Suggestors versucht einer der Mitspieler die Karten falsch zu geben und sich ein Aß nach unten zu legen. Er wird erwischt!«
Da raste Wenk alles Blut ins Herz. Wie eine Lawine riß es ihm durch die Adern. Seine Augen wurden kalt und vereist. Seinen Händen, zitternd, entfiel das Blatt. Eine grauenhafte Erkenntnis wälzte sich über ihn: Das Geheimnis des Falles Told!
Mabuse hatte den Grafen unterhalb des Bewußtseins gezwungen, falsch zu spielen, um ihn vor seiner Frau zu zerstören, die der Verbrecher haben wollte! Das war es, daß die Gräfin damals nachts aus der Wohnung Mabuses kam. Mabuse hatte den Grafen getötet!
Was auf dem Blatt stand, geschah auf der Bühne. Die Dame, die inzwischen die Bank wieder übernommen hatte, mischte falsch und wurde erwischt.
Damit schloß Weltmann dieses Experiment. Er erlöste die vier Leute aus dem Zustand, und sie suchten, verstört und mit Augen, die irgendwo fern sich noch verloren, ihre Stühle wieder auf.
Weltmann schaute auf Wenk herab.
Wenk wußte: Du bist Mabuse!
Die Plötzlichkeit der Erkenntnis hatte seinen Willen gelähmt. Er rang mit sich um Ruhe und Überblick. War er in eine Falle gelockt worden? War der Ungar ein bestellter Zutreiber? War dies ganze, von Siedlungen entfernte Haus, die Gesellschaft drin … ein Hinterhalt, nur seinetwegen geschaffen?
Langsam kämpfte er sich durch.
Er stand zwischen zwei Polen. Entweder war alles um ihn im Bund mit Mabuse. Dann gab es für ihn keine Rettung. Dann war, was er hier erlebte, die Vorbereitung einer Rache, an deren Ende nur sein Tod stehen konnte.
Oder es war nur ein Zufall, daß er in eine Gesellschaft geraten war, in der ebenfalls durch einen Zufall Mabuse auftrat? Es konnte ja sein, daß Mabuse Ungar war. Es konnte ja sein, daß er früher Rechtsanwalt in Pest gewesen. Seine Beziehungen zu Geheimrat Wendel bewiesen, welches Doppelleben er geführt hatte. Das war also alles nicht von vornherein ohne Übereinstimmung mit der Annahme, ein Zufall habe ihn und den Verbrecher hier zusammengebracht.
Die nächste Frage, über die Wenk Klarheit zu bekommen versuchte, war die, ob Mabuse ihn kannte.
Da sagte er sich, rasch, erbleichend: Ja, er kennt mich. Er hat mich bei Schramms gesehen und in den Vier Jahreszeiten. Das ist sicher.
War dieser Mann so tollkühn und über sich gewiß, daß er trotzdem, ja wie zu einer teuflischen Verspottung Wenks, das aufführte, was Wenk soeben droben auf der kleinen Bühne gesehen hatte … ihm geradezu Aufschluß über all die Rätsel gab, mit denen er seine verbrecherischen Handlungen eingekleidet hatte …
An Hilfe der Polizei war nicht zu denken; denn Wenk wußte nicht einmal, wo er war. Aber wenn er den Fürsten ins Einverständnis zöge? Aus der Gesellschaft heraus sich Hilfe holte, um den Mörder dingfest zu machen?
Das aber könnte er nur tun, wenn er der Gesellschaft vollkommen sicher wäre; sonst wäre von vornherein alles verloren. Stimmte es schon mit dem Haus, so war ihm durch Erfahrung bekannt, daß dieser Verbrecher stets von einem Teil seiner Bande schützend umgeben war, und daß dies Leute waren, die vor keinem Teufel zurückschreckten. Um ihn saßen gewiß zahlreiche Helfershelfer Mabuses.
Aber wenn Wenk sich wie unabsichtlich irgendwo an eine Tür machte, hinausginge und im Schutz der Nacht entflöhe, den Gang mit Mabuse für eine Gelegenheit aufsparend, bei der Wenk bessere Waffen zur Verfügung hätte … Oder wenn er unauffällig ein Telephon aufsuchte, im Hause und die Polizei um Hilfe riefe? Aber wohin sollte er sie rufen?
»Grandios, haben der Herr Staatsanwalt jemals Ähnliches gesehen?« fragte Vörös.
Wenk vergaß zu antworten. Er hatte die Frage gehört und sich, noch war sie nicht ausgesprochen, vorgenommen, dem Ungarn harmlos und umständlich begeistert zu antworten. Aber der Vorsatz war rasch in der Flut der Überlegungen und Pläne, die ihn durchtobte, davongeschwommen. Er merkte es nicht einmal.
Vörös warf ihm einen raschen Blick zu. Da erbat der Suggestor neue Mitwirkende.
Wenk, plötzlich zu einem Entschluß kommend, wie mit einem Ruck gefaßt, kühl und kühn, eilte selber hinauf als der erste, lieber den Wolf im Gesicht als im Rücken!
Da sah er, wie der Baron Prewitz, den man vergessen hatte, ihm folgte. Mit automatisch dem seinen angepaßten raschem Schritt sprang er hinter ihm her, den Browning in der Hand.
»Sie wagen sich nur unter Bedeckung in mein Land, Herr Staatsanwalt,« lächelte der Suggestor.
Das ist Hohn! sagte sich Wenk. Er kennt dich!
Wenk verbeugte sich nur, wie um zu sagen, er heule mit den Wölfen. Er stand nun neben dem Suggestor. Die beiden Gestalten maßen sich aneinander. Wenk hatte diesen Werwolf gehaßt und mit der Rachsucht verfolgt, die er dem Feind der Ordnung, in der allein das Volk gesunden konnte, entgegenbringen mußte.
Wie er sich nun aber neben ihm erhob, eine Weile allein mit ihm auf dem Podium, abgesondert von allen andern, und sie beide auf dem Gipfel des Kampfes umeinander standen, war ihm, als seien sie zwei gleich starke Kräfte, die nur nach verschiedenen Richtungen gingen. Die Begriffe Gut und Böse verwelkten an diesem heimlichen Optimismus und fielen ab. Es war nur mehr: Mensch zu Mensch!
Und aus seinem bedrängten Blut stieg etwas wie ein Vertrauen auf die Ritterlichkeit seines Gegners … ein Vertrauen, das auf einen schwingenden, kaum wahrnehmbaren Instinkt zurückging: sie mußten beide kämpfen stets unter dem Einsatz ihres Lebens. Sie hatten sich wohl einer gegen den andern gewandt; aber das mußten sie sich nachsehen jetzt, in dieser aufs letzte getriebenen, feierlichen, heißen Minute.
Wenn ich schlafen könnte, sagte sich Wenk mit einer innigen und zarten Sehnsucht.
Er sah Weltmann von nahe in die Augen. Er übersah sein ganzes Bild. Es war die aus Muskeln zusammengereckte Gestalt, und Wenk riß in Gedanken den aufgeklebten Schnurrbart weg und die Augenbrauen und die schwarze Perücke, und darunter sah er den kahlgeschorenen, hochgeschwungenen Schädel des Dr. Mabuse.
Wenk hätte ihn jetzt unter allen Verkleidungen erkannt. Er schaute Mabuse ruhig an. Die Blicke des andern flackerten gegen ihn. Die grauen Augen verzehrten sich selber in ihrer Größe und dem kalten Feuer, das sie von sich gaben.
Der Suggestor schien dann eine Weile Wenk nicht mehr zu beachten. Er widmete sich den Heraufkommenden. Kaum hatte einer die Bühne betreten, so machte er unversehens kehrt und begann zurück in den Saal zu laufen. Einer nach dem andern! Ein Dutzend, mehr …
Die unten blieben, lachten. Der kleine Saal wollte entzweibrechen vor Gelächter. Es kamen immer mehr. Einer machte es wie der andere.
Wenk erfaßte mit einer Hand das Gelenk der andern Hand und fühlte, ob er noch Bewußtsein über seine Nerven und Muskeln hatte. Er wollte widerstehen. Die Aufwallung von Herzensgröße und Edelmut war rasch verkältet. Er haßte, bedrohte, verwünschte jetzt. Er nahm den letzten Kampf auf.
Sein begieriges Blut flammte den Gegner an, überwachend und zugleich auf Selbstwehr bedacht. Irgendwo in seinem Körper klang eine Saite an, wie von einer Mandoline. Er begann dieser sonderbaren Musik hinzuhorchen. Sie war so zart und fern. Aber gleich schlug er sich zurück auf seinen Posten der Wehr und Wache.
Da überfiel ihn ein geradezu wunderbarer Einfall: Wenn er jetzt so täte wie die andern und liefe wie im Zwangstraum, da … an den Stühlen vorbei … die Allee von Stühlen, die süße, rettende Allee … die Tür war offen, groß, verheißungsvoll … Rettung und Pflicht zugleich … ans erste Telephon draußen in der Nachbarschaft … Polizei rufen … eine glänzende List! und schauen, wie die andern es machten, und es denen gleichtun und harmlos traumumfaßt tuend, zurück in den Saal kommen und warten … auf die Polizei, die helfende … Eine wunderbare List!
Ein Muskel schon zog sich in einem Bein an …
Da rief Weltmann dem Baron streng zu: »Weshalb passen Sie nicht auf? Revolver hoch! Sehen Sie denn nicht, daß dieser Verbrecher fliehen will?«
Er wies auf Wenk, und Prewitz hob den Browning mit einer traumverlorenen Lässigkeit, mit einer Entsetzen gebenden stupiden Gleichgültigkeit. Er hob die Waffe Wenk vors Gesicht. Wenk sah das kleine Loch, und schwarz, tief gefährlich tobte die Hölle da drinnen. Er wußte, die Waffe war entsichert.
»Sie schießen beim ersten Schritt, den er tut, ohne meinen Befehl,« sagte Weltmann mit einem vieldeutigen strengen Lächeln.
Wieder klang aus diesem furchtbaren Augenblick heraus die feine Zupfsaite in Wenk an, an einer andern Stelle als vorhin. Eine milde, wehmütige, gut gekannte Weise erklang, als bliese sein Vater an seiner Wiege auf einer Flöte ein Schlaflied. Er horchte hin und er rutschte in diesen paar Blutschlägen, wo er sich so an das Horchen nach den rätselvollen Klängen verlor, zwei Handbreiten von der Wirklichkeit ab, die er noch gerade ganz klar mit der einen Hand am Puls des andern Handgelenkes gespürt hatte.
Die Flöte ward die Zauberflöte. Was rundum diese eine Vorstellung einbettete, ward ein Zaubergarten; eine hohe, wilde Hecke umschloß seine beängstigende Wirrnis. Aber ein Loch in dieser Hecke war offen. War von ganz weitem offen, unbewacht … der Himmel der Freiheit flutete herein und kam auf ihn zu, wie mit silbernen Zangen aus Äther, um ihn an sich zu reißen und zu befreien.
Und da lief er trotz der Pistole des Barons. Er machte springende Sätze über die Bühne … der Revolver entsank der Hand des Barons … Wenk hetzte mit einem Sprung die Treppen hinab. Er durchraste die Allee der Stühle auf die Tür zu, warf die Beine wie ein Füllen, das auf der Wiese den Sommer spürt.
Der ganze Saal brüllte vor Ergötzen über diesen Streich des Suggestors. Aber Mabuse sandte ihm ein Lachen nach, das greulich berstend an den Saalwänden zerschellte.