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Das Haus, das sie betraten lag am Rand der inneren Stadt in einer der häßlichen, gleichmäßigen Gassen, die Schwabing einleiteten. Von außen zeigte es eine unauffällige Fassade, wie alle Nachbarn. Es war eines der Laden- und Mietshäuser. Die Rollläden vor dem Geschäft zu ebner Erde waren geschlossen. Die Inschriften konnte man in der Dunkelheit nicht lesen. Wenk merkte sich die Nummer. Es war die Nummer seines Geburtsjahrs: 76!
Man ging in ein verschmutztes Stiegenhaus hinein, in dem eine schwärzliche, ausgebrannte Glühbirne mit jener traurigen Gleichgültigkeit leuchtete, ln die sich die paar Dutzend unbekannter, oft wechselnder Bewohner solcher Häuser teilten. Man erstieg zwei Treppen. Eine massive Tür öffnete sich vor ihnen, und aus einem Seitenflur schwamm ein Licht auf die arme Treppe. Der Flur war der Bruder der Treppe. Er war gänzlich leer. Ein billiger Läufer, abgeschabt, melancholisch in seinem Alter und seiner Verwüstung, schwarz und weiß gewürfelt durchlief ihn. Die Wände waren mit gealterten Tapeten beklebt. »Lustig,« sagte die Carozza. »Aber wartet nur!«
Da schwang vom Flur aus eine schmale Tür sich auf. Ein Quell von Licht stürzte in die armselige Düsternis. Ein Schwall von Luxus fiel in den Blick. Ein kleines Foyer mit Polstern, Garderoben, Büfettischchen tat sich auf. Champagner und kalte Platten rochen heraus. Einige Menschen saßen da, fremd. Man legte die Mäntel ab und ging durch in den Spielsaal.
Ja, der war etwas Neues. Er erinnerte, wenn man eintrat, an den Promenadenraum der bekannten Pariser Varietés. Man sah durch Luken oder Logen auf eine von Licht erstrahlende Platte. Diese Platte war der Spieltisch. Er war von enormem Ausmaß.
In der Mitte war eine kreisrunde Öffnung, in der ein breiter Drehstuhl stand. Das war der Platz des Bankhalters. Um den Tisch herum waren die Plätze für die Spieler als Logen eingerichtet. Jede Loge – es gab solche für eine Person, für zwei und für vier – lag in abtrennendes Dunkel versenkt, mit weichen Sitzen versehen. Durch einen Vorhang konnte man sich vollständig abtrennen, und ein Gitter, das man, die Pariser Theater nachahmend, aufziehen konnte, vervollständigte den Apparat.
Man konnte darin wie in einer Maske spielen. Man konnte, ohne erkannt oder auch nur gesehen zu werden, seiner Leidenschaft frönen.
Zwei Miniaturschienchen gingen von jedem Platz aus zum Bankhalter. Auf jeder stand ein Wägelchen. Es war zur Beförderung des Einsatzes und auf der Rückreise des eventuellen Gewinns bestimmt. Die Summe machte man durch verschiebbare Ziffernschilder bekannt. Ein Druck auf einen Knopf beförderte das Fahrzeug zu seinem Bestimmungsort.
An der Decke, die kreisrund über dem Tisch von den Logenwänden umspannt war, stand ein Spiel von Pferden in verschiedenen Farben. Die Pferdchen waren von einem expressionistischen Bildhauer als Silhouetten aus Messing geschnitten und mit Kupferemaille in ihren verschiedenen Farben bemalt worden. Sie wurden vom Bankhalter mit einer Kurbel in Bewegung gesetzt. Unter den Pferden in der Mitte hing ein kleiner Scheinwerfer, der, nach unten abgeblendet, sein Licht gegen die Decke goß.
In diesem Licht liefen die Pferde gegen die Decke, und die Decke war mit dem Spektrum der Farben in Kreisen bunt bemalt, so daß stets ein helles Pferd gegen eine dunkle und ein dunkles gegen eine helle Farbe lief, verfolgt von ihren Schatten. Das brachte ein Durcheinander zustande, das, je rascher der Lauf, um so stärker vervielfacht erschien.
Das Ziel war durch eine dünne Leiste von Glühbirnchen gebildet, die in die Decke eingelassen war. An jeder Loge war ein System von Spiegeln angebracht, durch das man untrüglich den Sieger erkennen konnte.
Wenk und seine Gesellschaft nahmen Platz in einer Loge für vier Personen, die ihnen vorbehalten zu sein schien. Die Carozza und Karstens saßen zusammen vorn, hinter ihnen die beiden andern Herren.
Der Bankhalter, als sich die Logen alle gefüllt hatten, erhob seinen sehr eleganten Frack aus der Mitte des Tisches, und wie auf einer mechanisch rotierenden Scheibe, langsam auf seinem Stuhl rundum gehend, hielt er folgende Ansprache:
»Meine Damen, meine Herren!
Dies ist das Haus ›Fort‹. ›Fort‹ vereinigt die Wurzel von stark und von Glück. Wir leben in einer bunten Zeit, und unser Unternehmen hat versucht, ihren gesteigerten Ansprüchen gerecht zu werden. Sie können hier spielen: Solo! à deux! en compagnie! Wie Sie wollen. Solo, indem sie sich wie in ein Domino in eine Loge zu einer Person verbergen, gleich dieser reizenden Dame, von der ich allerdings nicht mehr sehe, ja ahne, als den rosa Reiherbusch in ihrem Haar … Sie können, wenn Sie sich lieben und in der Verbindung der Herzen eine captatio benevolentiae für das Glück sehen, sich zu zweit von allen Anwesenden in die düstere Laube jener Loge zum Beispiel absondern, in der der elegante Kavalier gerade seine Dame … vermute ich natürlich nur; denn ich sehe von hier aus nicht mehr als die vor dem Einsatztablett errichteten Zahlen, die auf das Glück gesetzt werden … An der Decke finden Sie, meine Damen, meine Herren, unser Spiel, unser Hausspiel möchte ich es nennen, denn außer ihm steht Ihnen jedes andere Spiel zur Verfügung. Les petits chevaux des Hauses ›Fort‹. Einer unserer ersten Künstler, dessen Namen Sie in den Ausstellungen und Zeitschriften ununterbrochen begegnen, hat sie für unser Haus ›Fort‹ geschaffen und sie selber hergestellt. Der Kunst haben wir die Technik vereint, die stärkste Tochter unserer Zeit. Das Spiegelsystem erlaubt Ihnen, von jedem Platz aus sofort und sicher zu erkennen, ob Ihr Pferd das Finish macht. Erlauben Sie mir noch, Sie auf das angenehme, sehr kunstreiche Spiel und Gegenspiel aufmerksam zu machen, das, drehe ich an der Kurbel, über Ihnen sich an der Decke entwickelt. Peter Schlemihl hatte keinen Schatten. Von unseren petits chevaux kann man das nicht sagen. Schauen Sie bitte hin, in welch kunstvoller Weise sich Figuren und Schatten zu einem Werk vereinigen, das in dieser reichen und originellen Absichtlichkeit unserem Hauskünstler höchste Ehre macht …«
Er drehte an der Kurbel. Pferde und Schatten liefen wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Es war ein hübsches, spielerisches Bild.
Langsam liefen die Pferde aus.
»Auf das hätte ich gesetzt!« rief eine Frauenstimme, als der Isabellenschimmel am Zielband hielt. Am Kopf des Schimmels leuchteten auf einmal die Augen wie zwei Sterne. Sie waren von kleinen Glühbirnen gebildet.
Der Bankhalter:
»Ihrem Glück wollen wir nicht länger, Gnädigste, einen Damm der Geduld vorbauen, als bis ich Sie nicht mit der epochalen Neuerung des Hauses ›Fort‹ bekanntgemacht habe. Was« … er erhob die Stimme … »täten Sie jetzt, meine Herrschaften, wenn plötzlich die Polizei in Ihre Logen eindränge und sie wegen verbotenen Spiels Ihres Geldes und Ihrer Freiheit beraubte? Keine Angst. Wir haben eine Einrichtung getroffen, die man einen Garde-Police nennen könnte. Das Haus ›Fort‹ mag ruhig der Polizei verraten werden. Es mag von der Polizei umstellt, erobert werden! Wir sind gesichert. Mit meinem kleinen Finger drücke ich die ganze Polizei der Stadt von Ihnen fort. Sehn Sie …!«
Er erhob hoch die Hand. Dann senkte er sie mit gezierter Eindringlichkeit, den Zeigefinger vorspreizend, auf den schwarzen Knopf neben sich. Einen Augenblick später setzte sich die Platte des Tisches in Bewegung. Sie begann zu sinken. Es ging geräuschlos und rasch. Der Redner sank mit hinab. Die Logen blieben. Aber von der Decke glitt das Spiel mit den Pferden und den farbigen Kreisen herab, an den Logen vorbei, die Decke folgte, und wenige Augenblicke später tanzte auf einem neuen Fußboden ein Quartett von nackten zwölfjährigen Kindern zu einem Spiel von Geigen und Flöten, das irgendwo im Unsichtbaren plötzlich zu erschallen begann.
Ein Trupp von Männern, die in die Uniform der Stadtpolizei gekleidet waren, stürmte auf die Logen zu, schreiend:«Man hat uns gesagt, hier werde gespielt! Wo wird gespielt?«
Überall lachte man in den Logen. Die Mädchen tanzten. Die verkleideten Polizisten warfen die Uniform ab und standen nun als Kavaliere im Frack da, lachend. Der Boden schwebte mit den tanzenden Mädchen hoch. Eines machte eine angelernte Bewegung nach einem einsamen Herrn. Der griff aus der Loge nach der Entschwebenden, etwas rufend, mit einem Lachen und einem knurrenden Fluch. Er erreichte das Mädchen nicht. Der Boden schloß sich an der Decke. Das Pferdchenspiel drehte vor den Spektren, und in der Spielarena war wieder der befrackte Redner.
»Sie sehen, meine Damen und meine Herren, eine Konzession machen wir der Polizei – die nackten Mädchen! Im übrigen, wenn es einmal ernst würde, hätten sie rasch ein Tüchlein um. Außerdem ist wöchentlich Programmwechsel …«
In diesem Ton redete er noch eine Weile.
»Das ist ja dummes Kino«, sagte Wenk, indem er sich zu Karstens vorbeugte, diesem ins Ohr. »Allerdümmstes Kino! Wenn die Polizei käme, hätte sie in zehn Minuten doch den ganzen Schwindel heraus.«
Karstens zuckte nur mit der Schulter.
Wenk fragte sich, was für einen Zweck diese Anstalt habe; denn es ginge unmöglich eine Woche, bis sie entdeckt sei und geschlossen werde. Die Auslagen müßten doch geradezu enorm gewesen sein.
Hull war betroffen. Er fand noch keine Stellung zu dem, was er sah und hörte.
»Entzückend!« lief die Carozza ein übers andere Mal. »Unsere Zeit ist genial, was? Hier werden wir Stammgäste, Gardi, wie? Auf welches setzt du? Ich nehme den Araber, den schwarzen. Ich bin für schwarz, Gardi! Weil du so blond bist!«
Karstens warf Wenk einen belustigten Blick zu.
Es wurde ein Nachtessen gegeben von kleinen, feinsten Delikatessen … Waren, die man vor der deutschen Valuta geflohen glaubte: frische Trüffeln auf Straßburger Gansleber, Kaviar, Krammetsvögel …
Vor dem Gebirg der Gansleber mit Trüffeln, aus denen diese süß hervorduftete, sagte Karstens: »Unsere Mark notiert heut in der Schweiz sieben. Aber Centimes. Was man hier vergessen zu machen besorgt scheint.«
»Hier ist eine Mark noch weniger wert als sieben Centimes!« sagte Wenk. Er war niedergeschlagen. Wohin? Wohin? flehte hilfesuchend sein Herz. Er aß nicht.
Die Carozza trillerte. Hull begann allmählich sich zu schämen, jetzt, wo seine Genußsucht von dem Bewußtsein eines andern sozusagen kontrolliert wurde. Er beschloß, am nächsten Morgen der Carozza ein Abschiedsgeschenk zu schicken. Es sollte die Garnitur australischer schwarzer Opale sein, die, mit goldenen Runen bedeckt, zwischen grau, grün und Feuer schillerten, und die eine russische Fürstin verkaufen wollte. Die Fürstin hatte über die Bonbonniere Anschluß an die Carozza gefunden. Sie versuchte auf die Bretter zu kommen.
Schluß! flehte alles in diesem phlegmatischen Hull. Er war aufgebracht wie eine Glucke. Und zugleich war er melancholisch … Sie soll … sagte er sich … Ich geh' ins Kloster lieber, als …
Eine Trüffel zerging ihm am Gaumen, bevor sie körnig noch einmal ihren Wohlgeschmack zwischen den Zähnen wiederholte und ihn der ganzen Mundhöhle preisgab. Trotzdem, sagte sich Hull! Trotzdem! Und wenn ich kein getrüffeltes Aspik mehr zu essen bekäme … Was ja nicht gesagt ist … übrigens!
Wenk stand plötzlich auf und ging. »Wohin?« rief die Carozza, Sie war mit einem Male erregt.
Karstens wandte sich in demselben Augenblick zu ihr. Er trennte sie von Wenk, der den Saal ungestört verlassen konnte. Im Vorzimmer nahm er rasch seinen Mantel. Er wurde hinuntergeleitet. Der Diener schloß die Haustür vor ihm auf. Bevor er aber öffnete, schaute der Diener durch das Guckloch, das in die Tür eingelassen war, auf die Straße.
Da machte er ungeheuer aufgeregt: »Mein Herr, ein Polizist!«
Aber er öffnete trotzdem. Wenk trat hinaus. Der Polizist grüßte ihn. Wenk sah, daß der Beamte lachte. Der Diener in der Tür lachte auch. Der Polizist war vom Haus »Fort« hingestellt worden. Wenn ein wirklicher Polizist in die Straße wollte, erklärte der Hausdiener rasch dem Davongehenden, sah er, daß sie schon bewacht war, und ging.
Wenk schritt rasch auf die Stelle zu, wohin er sein Auto bestellt hatte. Er war entschlossen, dies Haus schließen zu lassen. Nur wollte er verhindern, daß das Eingreifen der Polizei durch die Zeitungen bekannt gemacht wurde und die Feder eines Reporters der armen Phantasie der Leser mit der ganzen Dummheit einheizte, als seien im Geheimen der Stadt weiß Gott was für raffinierte Lasterhöhlen.
Er überlegte während der Fahrt die Formulierung der Anzeige. Möglichst ohne Bezeichnung des Sachverhalts. Kurz etwa: Grober Unfug, Irreführung des Publikums, schwindelhafte Vorspiegelungen oder so ähnlich.
Er arbeitete lebhaft, versenkte sich immer tiefer in den Kampf mit dem Haus »Fort« und hielt, noch im Auto, ein Plaidoyer als Staatsanwalt, das mit allen geschickten Kniffen, mit scharfen geistigen Schnitten der Öffentlichkeit diese Beule wegnahm, ohne daß sie merkte, was es eigentlich war.
Bevor er einschlief, dachte er auf einmal, scheinbar ohne Zusammenhang mit seinen Vorstellungen, an Hull. Hull war ihm in einer plötzlichen Erleuchtung wie ein Symbol des jungen Mannes der Zeit. Verbunden mit einem aufgedonnerten Nichts von einem Weib, das sich auf einer Bühne mit Talent zur Schau stellte. Elegant gekleidet, ohne elegant zu sein. Ruhelos den nervenaufreibenden Nächten ergeben und in einem Leben zwischen Spieltisch, Nachtlokal und Tänzerinnenbett Erfüllung suchend, wo es ihm gar nicht so ums Herz war und er mit mehr Genugtuung und Selbstverständlichkeit einen Gutshof geführt oder ein angesehenes, ruhiges Amt verwaltet und dazu gesetzliche Kinder gezeugt hätte, wenn er nur den Dreh gefunden …
Sie spielten alle so Kraftmenschen auf ihren Nerven und Sinnen und waren Bürger, zur Behäbigkeit neigend, denen Sinne mehr Qual als Lebensziel waren und die Nerven in kleinen, dünnen Bündeln sich zwischen arme Adern verbargen, zu schwach selbst, dem Leben diesen ruhigen Gang abzuringen, für den es von Haus aus bei ihnen bestimmt war … diese Renaissance-Menschen zwischen Mitternacht und Morgenfrühe!
Er telephonierte dann noch an die Polizei die Adresse des Spielhauses. Der Beamte, der Herrn Hull zu überwachen hätte, sollte sich gleich hinbegeben, aber nichts anderes tun, was er auch sähe, als den Herrn im Auge behalten, sobald der das Haus verließe.
Aber mitten in den festen Schlaf hämmerte das Telephon am Bett. Es war zwei Stunden nach Wenks Heimkehr. Er war gleich ganz wach. »Hier Staatsanwalt Wenk!« rief er, und er wußte, von einem Zusammenhang gepackt, der jenseits seiner klaren Vorstellungen auftrat, aber mit den Gedanken einig ging, unter denen er eingeschlafen war, daß dieses Gespräch, das in dem kleinen schwarzen Kasten auf seinem Nachttisch dort vor ihm seiner wartete, sich um Hull drehte … in irgendeiner verhängnisvollen Weise Hull aus der tiefen Nacht der Stadt geheimnisvoll und gewaltsam hervorzerrte.
»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief er nochmals und war erregt durch seinen ganzen Körper.
»Ja!« antwortete eine Stimme, »hier der diensttuende Polizeikommissar!«
»Rasch!« sagte Wenk. Seine Phantasie durchfieberte ihm die Nerven. Was lauerte? Was lauerte?
Die Stimme jenseits des Drahts überstürzte sich: »Der Herr namens Edgar Hull, der unter dem Schutz der Polizei stand … der ist diese Nacht ermordet worden. Auf der offenen Straße! Um zwei Uhr etwa. Ein anderer Herr namens Karstens schwer verwundet. Der Beamte, der den Ermordeten zu überwachen hatte, ist ebenfalls verwundet. Beide sind ins Krankenhaus transportiert worden. Eine Dame, die bei den Herren war, ist auf Veranlassung des verwundeten Beamten verhaftet worden. Den Ermordeten habe ich am Tatort liegen zu lassen befohlen, bis der Herr Staatsanwalt persönlich erscheint. Das Dienstauto ist unterwegs zum Herrn Staatsanwalt. Schluß!«
»Schluß!« zitterte Wenks Stimme nach.
Er hastete in seine Kleider. Das Auto hupte schon herauf. Wenk stürzte durch den dunklen Treppengang hinab, vergaß Licht zu machen. Dann, als er das Auto in der finsteren Straße hörte, seine Umrisse sah, biß er die Kiefer aufeinander und erkannte die Notwendigkeit, nun mit festem Gemüt diesen Tod hinzunehmen, an dem er beteiligt war, und seiner Pflicht nachzugehen über die Blutlache in der nächtlichen Straße hinweg, sich ganz einsetzend, um ganz handeln zu können.
In der Fahrt zwang etwas ihn immer wieder, sich selber zu bespiegeln: Ich hätte nicht zittern sollen, als die Nachricht mich traf. Ich muß es so weit bringen, daß ich meinen eignen Tod ohne zurückzuschrecken hinnehmen könnte. Ich muß mich weiter erziehen. Ich muß alle Liebhaberei zu Lebensziel erstarken lassen. Dann erst kann ich meinen Plänen gewachsen sein.
... Hulls Leiche lag im Finstern.
Vier Umrisse von schwarzen Männern umstanden sie und traten zurück, als der Staatsanwalt dem Auto entstieg. Wenk bat sie – es waren Polizisten -, die Zugänge zu der Straße zu bewachen und niemanden an den Tatort herangelangen zu lassen. Dieser lag in den finstern Straßenbiegungen hinter dem Wittelsbacher Palast. In den Häusern zeigte sich kein Mensch.
Ein Beamter sagte, Privatpersonen seien seit der Tat nicht vorbeigekommen.
Es war drei Uhr früh.
Mit einer elektrischen Lampe leuchtete Wenk die Leiche ab. Sie hatte einen tiefen Stich vom Hals bis in den Rücken. Sie lag mit dem Gesicht auf der Erde. So hatten die Polizisten sie gefunden, als ihr Kollege blutend, die Augen von Pfeffer erblindet, sie herbeigepfiffen hatte. Die Leiche war starr und wie ein gebogener Baumstamm aufgekrampft. Das Blut, das den Wunden entflossen, glänzte im Licht wie schwarzer Marmor.
Went war durchzuckt von grausigen Vorstellungen, die er zu besiegen trachtete. Er versuchte sich den Ort einzuprägen, die Lage der Leiche, die Hausnummern schrieb er sich auf. Versuchte, ob alle Türen und Fenster in der Nähe geschlossen waren. Ob Fußspuren zu sehen waren. Ob nicht Gegenstände herumlagen oder weiter in der Gasse zu finden waren … Nichts!
Die Täter seien in den Park des Palastes geflüchtet, hatte einer der Beamten gesagt, und darin wie mit einem Schlag verschwunden.
Wenk suchte die Mauern ab. Es war nichts zu bemerken.
Ein Beamter ging ein Auto holen zur Fortschaffung der Leiche. »Bitte niemanden in die Straße lassen! Jeden, der herein will, zur Wache führen. Seien Sie höflich mit den Leuten, nicht wahr?« ordnete Wenk an.
Er fuhr ins Krankenhaus, wo die Verwundeten lagen.
Karstens war bewußtlos. Der Arzt berichtete, er habe einen schweren Stich mit einem schmalen, scheinbar vierkantigen Dolch im Rücken, und von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand sei ihm aller Wahrscheinlichkeit nach die Schädeldecke eingeschlagen. Der Beamte war weniger schwer verwundet. Die Stichwaffe hatte ihm mehrere Fleischwunden verursacht. Schulter und Oberarm waren ihm verbunden. Aber er konnte noch kaum die Augen öffnen.
Er erzählte:
»Etwas vor zwei Uhr kam der Ermordete mit einem andern Herrn und einer Dame aus dem Haus, das mir bezeichnet worden war. Vor dem Haus hat ein Polizeibeamter gestanden. Das kam mir auffällig vor. Ich fragte mich: Weshalb steht der Polizeibeamte da, statt herumzugehen! Ich sah ihn wenigstens eine Stunde so stehen. Dann wollte ich ihn anreden. Ich ging auf ihn zu. Er sagte mir barsch: ›Was wollen Sie? Gehen Sie weiter!‹ und rückte mir bedrohend entgegen. Ich wollte ihm meine Erkennungsmarke zeigen. In diesem Augenblick aber öffnete sich die Tür, und ich sah, daß einer herauskam, in dem ich trotz der Finsternis gleich Herrn Hull erkannte. Der Polizist drängte mich weg. Ich wollte zuerst kein Aufsehen machen und ließ mich abdrängen. Ich sah, daß mit Herrn Hull noch die Dame und ein anderer Herr war.
»Sie gingen rasch in der Richtung der Ludwigstraße davon. Ich war mit dem Polizisten etwa drei Häuser in der entgegengesetzten Richtung. Da wandte er sich zum Haus zurück und sagte mir: »Nun gehen Sie im Guten!' Ich kümmerte mich nun nicht weiter um ihn und folgte in einem Abstand, der ziemlich groß war, den drei Herrschaften. Sie bogen aus der Türkenstraße in die Gabelsbergerstraße ein und verschwanden mir.
»Ich eilte nach und sah sie nicht mehr. Sie konnten aber höchstens bis zur Jägerstraße gekommen sein. Da lief ich. Ich lief in die Jägerstraße hinein. Plötzlich hörte ich Schreie. Sie waren ganz unterdrückt und spitz. Ich wußte vom Feld her, daß so Menschen schreien, die im Todesschrecken sind. Ich begann gleich, bevor ich noch jemanden sah, in meine Signalpfeife zu blasen und lief, was ich konnte, in die Gasse hinein. Zugleich zog ich meinen Revolver.
»Ich kam aber nicht weit. Auf einmal ward ich von hinten umfaßt. Meine Augen brannten mich furchtbar. Ich spürte einen Stich in der Schulter. Ich wollte meinen Revolver abdrücken, aber ich hatte ihn nicht mehr in der Hand. Mein Arm war mir ganz lahm. Da dachte ich, es sei am besten, ich werfe mich nieder und tue so, als ob ich tot sei. Das hatte unser Herr Major uns im Feld so angeraten. Da lag ich dann, und einer saß auf mir und hieb mit etwas auf mich ein, indem er mir den Mund zuhielt. Vielleicht waren es auch zwei. Ich sah es nicht, denn ich schloß die Augen. Sie müssen aus einer Haustür auf mich losgestürzt sein. Ich war dann halb betäubt. »Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich hörte nur Schritte laufen. Ich wurde aufgehoben. Es war ein Kollege. Ich sagte ihm rasch alles, was ich erlebt hatte. Da lief er weiter in die Gasse. Ein zweiter kam angelaufen. ›Polizei?‹ fragte ich ihm laut entgegen. ›Ja!‹ rief er zurück, ›was ist los?‹ – ›Lauf um die Ecke, rasch!‹ rief ich.
»Ich zwang mich aufzustehen und fühlte, daß ich nicht so schwer verwundet sein konnte. Nur die Augen vermochte ich nicht zu öffnen. Sie hatten mir Pfeffer hineingerieben. Ich tastete mich um die Ecke. Ich konnte aber gar nichts sehen.
»Der Lärm führte mich zum Tatort. Ich hörte, wie einer sprach und eine Frauenstimme antwortete. ›Was ist?‹ fragte ich. Da sagte die Stimme: ›Der eine hat gesagt, wir sollten das Frauenzimmer verhaften.‹
›Wer sind Sie, Frau?‹ fragte ich.
Da antwortete die Frauenstimme:
›Ich bin Künstlerin. Ich bin die Freundin von Herrn Hull. Was will man mit mir?‹
Ich sagte: ›Wenn der Herr das gesagt hat, so verhafte sie!‹
Sie wehrte sich. Sie sagte: ›Ich wünsche sofort den Herrn Staatsanwalt von Wenk zu sprechen.‹
›Später!‹ sagte der Beamte.
Da wollte sie fortlaufen. Aber das ging alles viel mehr durcheinander, als ich es so erzählen kann. Dann mußte der Kollege sie fesseln, so wehrte sie sich, und da hörte ich, wie sie ›Georch!‹ rief.
›Verhaftet sie! Verhaftet sie!‹ rief ich da.
Weiter weiß ich nichts mehr. Ich verlor dann das Bewußtsein und bin erst im Krankenwagen wieder zu mir gekommen. Ich bin schwer verwundet. Herr Staatsanwalt, sagen Sie mir die Wahrheit: Muß ich sterben?«
Da lachte ihn der Arzt aus.
»Der Herr Staatsanwalt soll es mir selber sagen. Dem Doktor ist es Beruf zu sagen, daß man nicht stirbt.«
»Aber, Herr Boß, wie können Sie auch nur ans Sterben denken«, sagte ebenfalls lachend der Staatsanwalt. »Sie haben einige heftige Fleischwunden und Beulen. Damit stirbt ein Mann wie Sie nicht!«
»Herr Staatsanwalt, ich hab' meine Pflicht getan!« sagte der Verwundete. Seine Stimme begann zu zittern, dann löste sich die verballte Spannung, und er weinte tief und ruhig.
»Mehr weiß … ich nicht … Ich hab' … meine Pflicht … getan!«
»Das brauchen Sie nicht zu versichern,« sagte ihm Wenk, »wer seine Haut dransetzt, tut immer seine Pflicht. Wertvolleres als das kann niemand dran wagen! Aber, Herr Boß, nicht wahr, eines versprechen Sie mir gegen Handschlag: Es wird nichts von dem, was Sie heute nacht erlebt oder gesehen haben, weitererzählt … Herr Doktor, auch Sie bitte ich darum. Es steht viel auf dem Spiel, und zwar für die Allgemeinheit. Ich lege es Ihnen sehr, sehr ans Herz! Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, sondern um eine Verbrechergeneration.«
Von dem Beamten, der zuerst an Ort und Stelle war, ließ sich Wenk erzählen, daß er einige Gestalten noch an der Mauer des Parks gesehen habe. Die Finsternis verhinderte, ihre Zahl festzustellen. Er konnte sie auch nicht beschreiben. Er ward aufgehalten durch den einen Herrn, der versuchte sich aufzurichten und sich an seinem Beinkleid anhielt, und der ein paarmal sagte: »Frau verhaften … Frau verhaften …«
»Dann erst fiel er hin und ließ mich los,« erzählte der Beamte weiter. »Ich konnte nun erst den Schritten nachlaufen und sah die Gestalten an der Parkmauer. Aber als ich am Fuß der Mauer war, war nichts mehr von ihnen da. Die Täter müssen sich gegenseitig auf die Mauer hinaufgeholfen haben. Ich wollte ihnen gleich nach, kam aber nicht hinauf, denn es war viel zu hoch. Da ging ich zurück zum Tatort.«
»Und die Frau?« fragte Wenk. »Was geschah dann mit der?«
»Ich hatte den Eindruck …«
»Nein, Herr Stamm, nicht Ihren Eindruck will ich kennenlernen, sondern nur, was Sie mit Ihren Augen gesehen und mit Ihren Ohren gehört haben. Seien Sie darin sehr gewissenhaft, nicht wahr?«
»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Als ich zurückkam, hielt ein Kollege die Frau fest. Ich rief ihm zu: ›Verhafte sie! Der Herr dort hat es gesagt. Verhafte sie auf alle Fälle. Halt sie fest! Laß sie nicht fort!‹ Wir waren alle ein wenig aufgeregt. Sie rief, sie wolle den Herrn Staatsanwalt von Wenk sprechen. Sie wollte sich nicht verhaften lassen. Sie setzte uns Widerstand entgegen. Da haben wir ihr die Hände zusammengebunden. Wir waren zu zweit und mußten dem überfallenen und verwundeten Kollegen helfen. Wir wußten noch gar nicht, was los war. Dann erst hatten wir …«
»Wir? Erzählen Sie nur, was Sie gesehen haben …«
»Dann erst suchte ich zu erkennen, was geschehen war. Einer lag im Blut am Boden. Er schien tot zu sein; denn er war ganz starr. Der andere stöhnte. Nun kam ein dritter Polizist. Wir schickten ihn zum Telephon wegen des Sanitätswagens und wegen Benachrichtigung der Kriminalpolizei und des Herrn Staatsanwalts. Darum hatte der Kollege Boß gebeten. Wir sollten das zuerst tun, hatte er gesagt.«
»Was tat die Frau in dieser Zeit?«
»Der zweite Kollege ging mit ihr zur Wache!«
»Unterbrechen Sie Ihre Erzählung, Herr Stamm, bis ich mit diesem gesprochen habe. Wie heißt er? Halten Sie sich weiter bereit, nicht wahr? Und kein Wort über den Vorfall außeramtlich erzählen, auch nicht Ihrer Frau. Sie geben mir Ihr Ehrenwort!«
»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Der Kollege heißt Wasserschmidt.«
Wasserschmidt kam. »Sie haben eine Frau in der Nacht verhaftet, die bei dem Überfall auf die beiden Herren dabei war?« fragte Wenk. »Weshalb taten Sie das?«
»Weil Polizist Stamm sagte, der eine der Überfallenen habe es ihm zugerufen, bevor er ohnmächtig wurde. Und auch der Kollege Boß hat mich dazu aufgefordert.«
In diesem Augenblick ging das Telephon des Amtszimmers in der Kriminalpolizei, in der Wenk diese Berichte entgegennahm. Wenk nahm den Horcher. »Bitte?« fragte er.
»Hier Nachtredaktion der Anzeigen! Es wird uns soeben von einem Mord berichtet …«
»Einen Augenblick,« rief Wenk aufgeregt zurück. »Wer hat Ihnen das berichtet?«
»Ich kann Ihnen das sagen, ohne das Redaktionsgeheimnis zu verletzen, denn es geschah sozusagen anonym. Es klingelte an der Nachtglocke. Ich ging ans Fenster und sah einen Mann sich entfernen. Er rief herauf, als ich öffnete, und fragte, was denn los sei … ›Im Briefkasten!‹ Da ging ich hinunter, und es lag ein Brief im Kasten. Da stand es drin.«
»Können Sie mir vorlesen, was in dem Brief stand? Hier Staatsanwalt Wenk!«
»Ja gewiß, einen Augenblick, Herr Staatsanwalt. Also es steht drin: ›Heut nacht wurde der Privatier Edgar Hull in der Jägerstraße überfallen und ermordet. Die Täter sind entkommen. Es scheint sich um einen Racheakt zu handeln. Der Ermordete verkehrte in Spielerkreisen.‹ Das ist alles.«
»Weiß außer Ihnen jemand in der Zeitung von dem Brief?«
»Nein!«
»Können Sie mir diesen Brief sofort persönlich bringen? Ich schicke Ihnen ein Dienstauto.«
»Herr Staatsanwalt, das hat Schwierigkeiten. Ich bin allein und muß die Redaktion fertigmachen!«
»Wie ist doch Ihr Name, Herr Redakteur?«
»Grube!«
»Also Herr Grube, das hat gar keine Schwierigkeiten, wenn ich Ihnen sehr bestimmt sage, daß Ihr sofortiges Herkommen äußerst wichtig ist und wichtiger, als daß morgen zur schwarzgebacken weißen Semmel der Herr Hubermeier eine solche Nachricht mit verzehren kann.«
»Meine Pflicht ist …«
»Verübeln Sie mir nicht, wenn ich Ihnen aus Mangel an Zeit nichts anderes mehr sage, als daß in diesem Augenblick das Polizeiauto zu Ihnen fährt, um Sie herzubringen. Der Beamte ist ausgestattet mit allen Befugnissen. Schließen Sie die Redaktion Ihrer Depeschen bitte so, daß das Blatt gedruckt werden kann ohne die Mitteilung, die Sie mir gerade über einen Mord machten. Auf Wiedersehen, Herr Grube. Schluß!«
Wenk schickte gleich das Auto.
»Also, Herr Wasserschmidt, bitte weiter. Die Dame hat Widerstand geleistet. Wie machte sie das?«
»Sie lief einige Schritte von mir fort auf die Mauer des Wittelsbachpalastes zu, wohin die Täter gelaufen waren, und rief den Namen: Georg!«
»Das haben Sie gehört?«
»Ja, ganz deutlich. Sie sprach es aus: ›Georch!‹ Ganz genau! Und weil sie auch noch auf diese Mauer zulief, habe ich nicht lange gespaßt und ihr die Hände gebunden.«
»Was tat die Dame dann?«
»Dann war sie ruhig und ließ sich abführen. Unterwegs sagte sie noch: ›Ich kann doch wohl gleich mit dem Herrn Staatsanwalt von Wenk sprechen?‹«
»Da müssen Sie wohl schon warten, bis der Herr Staatsanwalt morgen gefrühstückt hat,« sagte ich.
»Vielleicht telephonisch,« bat sie nun sehr höflich.
Ich sagte: »Wahrscheinlich nicht.«
»Und später? Wo ist die Dame?«
»Noch auf der Wache. Sie sprach ganz ruhig und sagte noch: ›Das ist ein böser Mißgriff von Ihnen, lieber Freund. Ich hoffe, beim Herrn Staatsanwalt ein gutes Wort für Sie einlegen zu können. Denn schließlich erfüllen Sie nur Ihre Pflicht. Ich war ja selber bei den überfallenen Herren, und der Herr Staatsanwalt war auch mit. Er ging nur früher heim. Sonst hätte er alles selber mitgemacht‹ … ›Warten wir ab!‹ sagte ich darauf nur.
»Haben Sie ihr vielleicht gesagt, weshalb Sie sie verhaftet haben?«
»Nein, kein Wort!«
»Das ist gut. Bleiben Sie im Nebenzimmer.«
Wenk bat noch andere Schutzleute herein. Dann kam der Redakteur. Er protestierte laut, es sei eine Vergewaltigung der Presse durch eine Behörde, was man ihm antue, und die Zeitung …
»Wenn für Sie Ihre Zeitung dazu da ist, um den Lesern so rasch und kopflos unzusammenhängend, wie es Ihnen berichtet wird, stets als Klatsch das Allerneueste vorzuschwatzen, sei es ein Mord oder ein mit Unglück endigender Liebeshandel, nur weil es Klatsch ist … , so haben Sie recht. Sie haben aber kein Recht, von vornherein einer Behörde, die dazu da ist, etwas ungleich Wichtigeres zu vollziehen als dumme Leute mit Klatschprimeurs zufriedenzustellen …«
»Sie … ,« stotterte erregt der Redakteur, » … versuchen die Presse zu knebeln. Wir leben nicht mehr im alten System. Der Landtag wird …«
»Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dem Landtag zu befassen. Wollen Sie mir bitte den Brief geben, von dem Sie telephonierten!«
»Ich bedaure,« sagte der Redakteur, jetzt mit sieghafter Schlauheit. »Das ist Redaktionsgeheimnis.«
»Verzeihen Sie, Herr Grube, Sie sind ein Narr. Ich achte jedes Redaktionsgeheimnis, das die Interessen einer Allgemeinheit schützt. Die Weigerung, diesen Brief herzugeben, verletzt sie aber nur. Bevor ich Ihnen nun dieses Redaktionsgeheimnis mit Gewalt aus der Tasche nehmen lasse, indem ich Sie auf die strafrechtlichen Folgen Ihres Widerstandes aufmerksam mache, sage ich Ihnen, daß dieser Brief das einzige Material ist, das uns bis jetzt über eine ungeheuer gefährliche Mordgeschichte zur Verfügung steht. Vielleicht nehmen Sie dann Vernunft an und verbocken sich nicht länger hinter einer Berufspflicht, die ich, wie gesagt, anerkenne, aber sehr weit hinter die Interessen einordne, die mich beschäftigen.«
Grube wurde unsicher. Schließlich langte er das Papier heraus und stammelte dazu: »Unter Protest …«
»Haben Sie noch etwas von dem Mann gesehen, der es brachte? Etwas erkannt an ihm?«
»Es fiel nur wenig Licht aus meinem Fenster auf die Straße. Ich glaubte bloß zu sehen, daß er gut gekleidet war. Jedenfalls trug er einen Zylinderhut. Eine Zeit, nachdem er in der Straße verschwunden war, hörte ich in der Richtung, in der er sich entfernt hatte, ein Auto davonfahren. Ich nehme an, daß es das seinige war.«
»Herr Grube, Sie sind so freundlich und lassen mir diesen Brief. Sie werden in einem der aufregendsten Prozesse der letzten Jahre ein Hauptzeuge sein. Ich bitte Sie um Ihr Ehrenwort, vollkommenes Schweigen über den Brief und alles, was mit ihm zusammenhängt, zu bewahren.«
Grube, nun gefügig unter den Schauern, die ihn überrannen, entflammt für die Sache, gegen die er sich gerade aufgelehnt hatte, sagte laut: »Sie haben es! Ich steh' ganz zu Ihrer Verfügung. Das ist etwas anderes!«
»Mein Auto wird Sie zurückbringen. Bitte hinterlassen Sie Ihrem Herrn Chefredakteur, daß ich ihn zu sprechen wünsche, sobald er mir zur Verfügung stehen kann.«
Der Redakteur ging.