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Wenk erwachte an einem Gefühl von Kälte, das ihn mit Schauern überhüpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich. Ein taumeliges Gefühl bohrte sich, noch Erinnerungen erstickend, durch seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die Schloßgebäude durchleuchteten die Nacht.
Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mußte rechts und links und hin und her springen, um seinem Körper wieder Wärme zuzuführen. Wie spät war es?
Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen. Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein Notizbuch. Er war einem Räuber in die Hände gefallen. Sonderbar … wie war es gegangen, daß er mit dem Leben davongekommen war?
Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er faßte sich an den Kopf und drückte die Schläfen fest, um des verzweifelten Gefühls Meister zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Pläne … Das erste, was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze Geschichte mit Hulls 20 000 Mark stand …
Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen könnte! Er stürmte, daß ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nächsten Bahnhof? Aber wie spät ist es? Vielleicht ist es fünf Uhr, vielleicht erst eins! Und der erste Zug? Warten … vier, fünf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof warten!
Sollte er nicht jemand im Schloß wecken? Dann müßte er erzählen.
Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen, als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von seinem Sitz aus. Natürlich war es so!
Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte.
Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen! Weshalb nur in ein betäubendes Gas?
Sollte es eine Warnung sein?
Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens … Und alle Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde! Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.
Er ging schneller und schneller. Die Häuser schliefen in der Landschaft. Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraßen schliefen. Sie kamen ihm wie blasse Lindwürmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf den flachen Äckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in der Finsternis zur Straße heraufleuchteten, als seien sie in einem geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten, wer darüber ginge. Es schauderte Wenk.
Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam vollkommen erschöpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern aufs Bett und verfiel einer zweiten Bewußtlosigkeit, aus der heraus er unvermittelt in stärkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf.
Der erste Einfall, der ihm kam, war der, daß sein Leben von jetzt an auf dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverständlich. Er kämpfte mit dem Bösen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze zwischen Sein und Zerstören war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nächsten Augenblick:
Darüber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung, mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglückt war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufühlen … sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber auch an ihrer Überwindung.
Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter verschanzen müssen, daß er sein Leben und seine Kraft von vornherein in ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm überlegen. Der Gegner arbeitete im Finstern.
Waren Wenks Hände stark genug, da hineinzugreifen und festzuhalten, was an dunkeln Mächten sich ihnen entgegenwälzte, um sie zu zerquetschen? War er stark genug gegen diese Zeit? Denn sein Gegner war mehr als Falschspieler, Verbrecher … war die ganze Zeit, die von der Kriegskatastrophe losgerissen worden war aus dem Höllenschoß der Schöpfung und heraufbrach über die Welt und seine Heimat.
Er sah ein, daß er gegen einen solchen Gegner die Netze weiter spannen mußte, wenn er dran denken wollte, ihn zu fangen. Er mußte seine Organisation gegen die des Verbrechers stellen. Er durfte dabei nicht, wie bisher, in seinen Bundesgenossen geistige Kräfte berücksichtigen, die er auf einen Klang mit sich selber bringen wollte. Er mußte Helfer im Lager des Feindes holen gehen.
Sofort dachte er an die Frau, der er zu der sonderbaren und zweifelhaften Flucht verhelfen hatte. Er fuhr gleich zu Schramms. Ja, sie saß da. Wie immer schaute sie nur zu. Er setzte sich zu ihr. »Sie spielen nicht, Herr Staatsanwalt?« fragte sie.
»Nein, Ihr Beispiel hat mir das Beobachten interessanter gemacht als das Spiel.«
»Das Beobachten,« lachte sie leis zurück, »ist bei einem Staatsanwalt nicht gut … für die Mitspieler!«
Wenk hatte einen leisen Verdacht, als ob das mit einer Nebenabsicht gesagt sei, spöttisch oder lauernd, darüber fand er sich nicht zurecht; jedenfalls im Dienst eines andern. Der saß wohl da und spielte mit. Ja, vielleicht wirkten die beiden heimlich zusammen.
Er beobachtete sie. Sie saß aber gelassen und untätig da. Sie gab ihre funkelnden Blicke nach allen Richtungen. Er sagte ihr abtastend: »Sie sahen einen Staatsanwalt selber in den Krallen des Spielteufels. Sein Bann ist beschworen für den Mitspieler!«
Er sagte für »den« Mitspieler und dachte: jetzt zuckt sie auf, stutzt, blickt ihn rasch an. Er weiß etwas von ihr. Er wunderte sich, daß er so kühl berechnend mit ihr verkehren konnte.
Aber sie blieb ruhig sitzen und nahm seine Worte nur mit einem gesellschaftlichen Lächeln entgegen.
Sie ist schön, und es ist etwas von heimlicher, zurückhaltender Kraft an ihr. Die Männer spielen um Geld. Es wäre männlicher, wenn sie um diese Frau spielten, dachte er sich.
Nach einer Weile beugte sie sich auf dem Polster etwas zu ihm herüber und sagte leise und mit einer spielerischen Eindringlichkeit: »Ich war an dem Abend hier, als Basch verlor!«
»Ich weiß ja,« antwortete Wenk befremdet und fragend.
»Da haben Sie auch gespielt, Herr Staatsanwalt.«
»Nun ja, ich habe gespielt. Ich sagte das ja eben!«
»Ja, ich meine, da haben Sie gespielt! Am ersten Abend, als Sie mit Hull kamen, haben Sie auch gespielt. Aber das war nicht gespielt. Und am Abend mit dem alten Professor, weiß ich nicht recht, da war eine atmosphärische Störung … Nicht wahr?« fragte sie auf einmal mit einer schmelzenden und ganz damenhaften Liebenswürdigkeit.
Wenk war betreten. Er fragte zurück: »Am Abend mit dem alten Professor? Mit welchem alten Professor?«
»Als Sie als Ihr Onkel aus der Provinz kamen,« lächelte sie schelmisch.
Da sah Wenk ein, daß sie ihn erkannt hatte. Er machte ein enttäuschtes Gesicht. Aber sie bat ihn, nicht darüber traurig zu sein, daß sie ihn erkannt habe.
»Sie waren gut maskiert,« sagte sie. »Aber ich konnte nicht glauben, daß in München zwei solcher kleinen süßen Affen auf einem Pfirsich seien, die ein chinesischer Steinschneider aus einem Amethysten gezaubert hat. Der Ring hatte mir das erstemal, als ich ihn sah, zwischen den dummen Brillanten an den dummen Männerfingern so wohlgetan.«
Wenk blickte sie abwartend an. Wer war sie? Sie fuhr dann fort: »Daß es nämlich auch in unsern Kreisen« – wobei sie rund um den Tisch blickte – »Männer gab, die so etwas wie Geschmack hatten …«
»Ihre sprudelnde Ironie,« entgegnete Wenk, auf ihren Ton eingehend, »verlangt wohl kein Nein oder Ja! Schon daß Ihnen mein Ring auffiel und daß Sie seine Heimat so richtig schätzen, verlegt auch Sie in andere Kreise als die, in denen Sie sich zeigen.«
»Ich war Stewardeß auf einem Ostasiendampfer. Aber der Krieg hat uns ja nun Schiffe und Beruf weggenommen!«
»Darf ich Ihnen dann das Kompliment machen, daß Sie sich von Ihrem früheren Beruf lobenswert fortentwickelt haben?«
»Ich bin nicht dumm!« lächelte sie.
»Es gibt nichts, was unnötiger zu versichern wäre, Frau Gräfin.«
Da gab es einen ganz kurzen Augenblick im Auge der schönen Frau, in dem es wie unmerklich gestaut in ihm stillstand. Hatte er gewußt, wer sie war? Hatte er ein wenig mit ihr spielen wollen, und wird er jetzt sich dick tun mit seinem Wissen, daß sie an solchen Orten heimlich verkehrte?
Wenk lachte heraus: »Oder kommt Ihr mit der Krone verziertes Taschentuch aus dem Koffer einer nach Ostasien gereisten Gräfin? … sagte Sherlock Holmes. Wie sind quitt. Gnädigste. Wir wollen beide uns bessern und vorsichtiger sein, wenn wir unter die Sterblichen gehn. Ich stecke einen dummen Brillanten an den Finger. Sie sticken ein Monogramm ohne Krone in Ihre Taschentücher, Frau Gräfin …«
Sie machte erregt: »Pst!«
»Aber auch dies Mimikry wird nichts nutzen!«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Sie wollen mich zwingen, Ihnen Schmeicheleien zu sagen. Ich suche vergeblich nach einer Fabel, um meinen Gedanken ein Kleid zu geben, das erlaubt, Ihnen unter einem Symbol zu sagen, daß man die 'Gräfin' nicht in sich unterdrücken kann.«
Gleich wird er mich zum Souper einladen! Er will ein Abenteuer mit mir! sagte sie sich. Sie fühlte sich dadurch sehr aufgeheitert. Sie war hierher das Lebensüberschuß stillende Abenteuern um nichts suchen gekommen, unter ihrer Maske, und fand einen Staatsanwalt.
»Den Umweg über Schramms hätte ich dazu nicht nötig gehabt!« lächelte sie bei sich.
Am Tisch ging das Spiel heute ohne Sensation. Sie beschloß den Seitensprung zu machen, wenn der Staatsanwalt dorthin mündete.
Sie sagte ihm spöttisch: »Sie vermögen Ihre Schmeicheleien in eine so gute Maske zu kleiden wie sich selber, Herr Staatsanwalt. Ich muß sie annehmen, da Sie mich unerkannt überrumpeln.«
»Ich meine nur,« beharrte Wenk, »auch die Entfernung der Krone von Ihrem Monogramm entfernt nicht, um ein beliebtes Wort zu gebrauchen, den Adel von Ihrer Stirn.«
»Ich hoffe. Sie maskieren sich noch immer!«
»Als entzückter Leser sentimentaler Romane, meinen Sie. Allerdings, Gnädigste … Aber ist dies der Ort, unser Gespräch fortzusetzen, das vielleicht sich nach einer ernsteren Wendung sehnt?«
Sie antwortete und blickte ihn dabei von oben an, hochmütig und überlegen: »Das will sagen. Sie laden mich zum Nachtessen ein!« »Das wollte ich eigentlich nicht sagen, weil ich es nicht wagte,« wandte Wenk rasch ein, da er sie erkannte. Er spürte, sie meine, er wolle ein Liebesabenteuer mit ihr einfädeln. Mit dem üblichen Weg über das Nachtessen mit Champagner. Jetzt darf ich, sagte er sich, um sie zu gewinnen, ihre Meinung nicht ganz täuschen und zugleich aber auch nicht ihre Vermutungen erfüllen, und da sie mich erraten zu haben glaubt, ihr dann das Gefühl einer Überlegenheit über mich lassen. Sie darf mich nicht als dummen Kerl ansehn. Das Taschentuch mit der Krone scheint echt zu sein. Wegen Geldes kommt sie nicht. Denn sie spielt nie. Also bringt sie einer der Anwesenden her oder irgendein Abenteuer, das ich herausfinden muß. Was es auch sei, ich muß, um sie mir zu gewinnen, stärker sein als das Ungewöhnliche, das sie hierher führt.
»Was können Sie mir anbieten?« fragte sie ein wenig frivol.
Aber es war Wenk, als empfinde er etwas von Wesenhaftem hinter dem leichtsinnigen Ton. Da antwortete er rasch, ganz intuitiv, und sobald er es gesagt hatte, fürchtete er, es sei mißlungen: »Große Abenteuer! Wirklich große Abenteuer!«
»Mit Ihnen?« fragte sie dagegen, ebenfalls ohne sich zu besinnen. »Als Liebhaber oder als Staatsanwalt?«
»Mit mir als Detektiv!«
»Können Sie das?« fragte sie wegwerfend.
»Soll ich Ihnen einige Proben geben? Ich bin gestern nacht in ein Auto gelockt und im Schleißheimer Park durch Gas betäubt bei vier Grad Kälte auf eine Bank abgeladen worden. Schon heute, vierundzwanzig Stunden später, weiß ich, daß der Mann, der es tat oder tun ließ, derselbe ist, den Sie kürzlich als alten Professor spielen sahen, und daß dieses gelehrte alte Haus derselbe Mann ist, der mit einem blonden Vollbart vor Ihren Augen hier Basch sein Geld abnahm.«
»Ist das wahr?« fragte sie mit einer schweren Stimme.
»Ja.«
»Der … da … saß … mit dem rötlich blonden Vollbart!«
»Der wie ein Raubtier vor Basch saß … ja!«
»Und was soll … ich? Was … soll ich dabei tun?«
»Mir helfen diesen Mann suchen, von dem die Menschen befreit werden müssen.«
»Ich bewundere ihn!«
»Ich mißachte seine Kraft nicht. Aber es gibt auch Kräfte, die böse sind …«
»Und menschlicher und größer demnach als die, die sich gut nennen!« rief sie, und ihre Büste, schlank und voll reifster Jugend, straffte sich in Auflehnung vor Wenk auf.
»Ich verstehe Sie jetzt, gnädige Frau. Hören Sie: Nicht menschlicher und nicht größer … Kraft ist Kraft. Man kann nicht ihre Ausmaße zum Abmessen nebeneinander stellen, sondern nur ihre Wesenheiten. Menschlich ist alles, gut wie böse. Die böse Kraft bringt immer nur aus der Zerstörung guter Kräfte Vorteile, und diese Vorteile immer nur für den Zerstörer allein. Die gute Kraft trägt Nutzen zu allen, ohne ihrem Besitzer jenen realen, rohen Gewinn abzuwerfen, den allein der Ausüber böser Kräfte zu erreichen trachtet. Welches ist die edlere? Das müssen Sie sich fragen und ihr folgen, wenn in Ihrem Temperament ein Überschuß an Kräften ist, die Sie in der Gesellschaftsordnung, der Sie angehören, nicht tätig machen können und aber auch nicht brachliegen lassen wollen … Man wird übrigens auf unser Gespräch aufmerksam. Ich vermute, der Blondbärtige hat überall Agenten. Erlauben Sie mir, von Ihnen Abschied zu nehmen und von Ihnen eine Gelegenheit zu erbitten, unsere Unterhaltung fortzusetzen.«
»Kommen Sie mich morgen besuchen! Zum Tee, bitte. Nach Tutzing. Gräfin Told.«
Sie gab ihm die Hand. Wenk, dem der Name die Zusammenhänge bei der Flucht in jener Nacht, da der Graf Told hereingekommen war, überraschend erklärte, küßte die schmalen Finger, mit einem Male hemmungslos ihrer Schönheit hingegeben und wieder mit dem gaukelnden Gedanken spielend: Weshalb Menschen jagen und nicht diese Frau lieben?
Von diesen Vorstellungen erfüllt, ging er.
Als die Gräfin allein war, sagte sie sich: Wir Frauen haben keine Phantasie. Es ist wahr. Das Abenteuer suchte ich zwischen den vom Spiel Aufgefressenen, und als es kam, glaubte ich an einen Liebeshandel. Aber siehe, dieser ist ein Mann! Er setzt sein Leben an seine Aufgabe, und mehr als sein Leben hat kein Mensch zu vergeben, und auch nichts Stärkeres und nichts Schöneres als sein Leben! Wenn mir die Möglichkeit käme, dies zu tun!
Sie war entschlossen, Wenk zu folgen, und war ganz seinen Gedanken anheimgegeben. Sie schob ihr Leben, wie sie es bisher geführt hatte: tagsüber Dame und nachts auf der Jagd nach dem Erleben kühner und dunkler Dinge, die sich nie erfüllten, weit von sich.
Wenk fand am nächsten Morgen unter seiner Post ein kleines eingeschriebenes Paket. Als er es öffnete, lagen seine Uhr und seine Brieftasche drin mit allem Geld. Nur das Notizbuch fehlte. Auf einem Zettel war in Maschinenschrift folgendes zu lesen: »Ich bin kein Leichenfledderer. Die Sachen, die mein Angestellter irrtümlich von Ihnen nahm, erstatte ich Ihnen hiermit zurück. Das Notizbuch behalte ich, weil sein Inhalt mich angeht. Balling.«
Wenk war nicht überrascht. Jener spielte um Zehntausende. Was waren ihm einige hundert Mark und eine goldene Uhr? Auch die Gewißheit, daß der Anschlag wirklich ihm und in engerem Sinne seinem Notizbuch galt, hatte er zu bekommen ja nicht mehr nötig gehabt. Er schob die Uhr und die Tasche ein und setzte seine Gedanken wieder in Trab hinter der lockenden Gräfin her.
Nachmittags wurde er von ihr empfangen. Sie wohnte in einem großen Hause, das sehr reich, aber mit einem Geschmack eingerichtet war, der Wenks Empfinden verletzte. Denn seine Vorstellungen über die Gräfin hatten seit gestern einige Fortschritte gemacht, die es ihm angenehm gestaltet hätten, wenn er sie mit sich in einer stärkeren Übereinstimmung gefühlt hätte, als die Einrichtung dieses Hauses sie bewies.
Gleich an der großen Hallenwand hatte ein Pinsel Menschenakte zu verdehnten Prismen und springenden Kurven, zu Maschinenteilen und Ochsenvierteln zerfleischt. Farbenklatsche standen da aneinander und versuchten den Eintretenden zu zwingen, an die Wut des Temperaments zu glauben, das sie verfertigt hatte. »Ach, ihr seid ja klein und kühl, ihr!« sagte Wenk zu ihnen hinauf. »Man kann irgendeinen unter euch herausnehmen, und der daneben hat nicht so viel Blut in den Adern, daß er das Verschwinden seines Bruders merkte. So kalt seid ihr.«
Der Diener, in einem Kostüm, dessen dunkle Strenge vornehm von einigen kleinen Silberknöpfchen und blauen Litzchen aufstilisiert war, nahm ihm Mantel und Hut ab und ging voran. Die Gräfin erwartete ihn am Teetisch.
»Wir sind nicht lange allein,« sagte sie, »mein Mann kommt um fünf Uhr!«
Aber Wenk war von der Aufplusterung dieses Hauses die Laune genommen worden.
Bevor er antwortete, warf er einen flüchtig hinweisenden Blick auf die Wände des Zimmers.
Die Gräfin lachte nur. »Das ist mein Mann,« sagte sie. »Ich halte das alles für Idiotien. Was soll denn schließlich daraus werden, wenn man eine Bluse malt, an einigen frischgestrichenen Scheunentoren abwischt und dem Beschauer sagt: Sinfonie von Beethoven? Aber, lassen wir jedem das Seine. Oder ist der Herr Staatsanwalt auch expressionistisch?«
»Ich kann das nicht behaupten,« antwortete Wenk. »Sie behaupten, sie seien das Neue und das andere. Aber unter sich führen sie alle doch dieselbe Geheimsprache. Unser Erlösendes aber kommt nur von einer Persönlichkeit!«
»Sie wollen erlöst sein?« fragte die Frau. »Erlösen Sie sich denn nicht selber? In Ihrem Beruf? Ich meine, in Ihrer Tätigkeit? Eine andere Erlösung, eine Erlösung von außen gibt es doch nicht!«
»Das ist wahr,« sagte Wenk einfach und hatte das Bild der Frau wieder eingeholt, das ihn seit gestern verfolgte und ihn beim Betreten des Hauses verlassen hatte. »Das ist übrigens dasselbe, was wir gestern besprachen, als wir von der Wage der Kräfte des Guten und Bösen redeten. Und das wollte ich Ihnen heute nochmals sagen.« »Ich habe Sie wohl verstanden,« entgegnete die Gräfin. »Ich kann es Ihnen ja eingestehen: Anfangs dachte ich, Sie suchten ein Liebesabenteuer. Das war mir sehr lustig. Denn weiß Gott, ich suchte etwas anderes in den Spielhäusern.«
»Sie werden, was Sie suchen, in meinem Werk finden, Frau Gräfin,« wandte Wenk rasch ein.
Da stand lautlos plötzlich der Diener im schwarzen Anzug mit den Silberknöpfchen und den blauen stilisierenden Litzchen hinter dem Sessel der Gräfin und neigte sich flüsternd zu ihr.
Die Gräfin sagte zu Wenk: »Mein Mann!« Sie sah Wenk ruhig und verweilend an, und als der Graf kam, stellte sie die beiden Herren einander vor.
Der Graf Told war ein übermäßig schlanker, mit einer übertriebenen Lebhaftigkeit wirkender Mann. Er war auffallend jung. Er war mit Anspruch elegant gekleidet. Er hatte ein besonderes Spiel der Hände, wobei ein Ring immer wieder in den Vordergrund kam, in dem ein Stein eingelassen war, wie ihn Wenk niemals gesehen hatte.
Es mochte ein Rauchtopas sein, aber von blutigen Blitzen durchzuckt, die, milchig an den Rändern verlaufend, die kleine klare Honigglut des durchsichtigen Gesteins überschrien. Und mittendrin, wo sich all die grellen Blitze trafen, hoben sie ein Perlchen hervor, eine Insel, nicht größer als eine winzige Linse. Die aber war von einem Blau, daß ein Saphir melancholisch wurde und ein … Das dachte sich Wenk und wandte keinen Blick von dem Stein.
»Er ist ein wenig zu groß für meine Hand,« sagte der Graf, der die Blicke des Besuchers auf diese Weise beantwortete, »aber der Stein ist so … wie soll ich seine Ungewöhnlichkeit bezeichnen … nun, ich sage nichts anderes, so wie eine Erzählung von Endivian, der Ihnen gewiß bekannt ist, und von dem ich ihn auch habe. Er brachte ihn mit aus Penderappopimur.«
»Ist das jetzt der modische Edelsteinhändler?« fragte Wenk der ein wenig betroffen und keineswegs im Bild war.
»Herr von Wenk,« sagte die Gräfin ernsthaft … »Endivian ist jetzt der modische junge Goethe dieses Vierteljahrs.« Dann lachte sie: »Nein! Endivian, der Dichter, bekam den Stein am Hof Abtimurksers II. statt des Bechers aus dem Gedicht seines geistigen Vaters … Sie wissen: Die goldene Kette gib mir nicht. Und als er zurückkam, schrieb er ihn aus in Deutschland, sozusagen, wie der Papst die Tugendrose: sein größter Bewunderer sollte ihn haben. Die Wahl traf meinen Mann. Besser, er hätte mir ihn gegeben.«
»Weshalb schwärmst du nicht für ihn wie ich?« fragte mit mildem Lächeln der Graf Told und voll Verliebtheit sie anblickend.
»Peter Resch hat seine papiernen Lenden angedichtet. Das gibt dir darauf die Antwort!« lachte die Gräfin zurück.
»Pfui, Peter Resch,« sagte der Graf. »Er ist einer von den arrivierten Impressionisten. Übrigens habe ich eine neue Erwerbung gemacht, Liebste.«
»Bei den Juryfreien?«
»Kann man anderswo noch Bilder kaufen? Da ist überhaupt nichts mehr … Und man hat die ganz klare, unzweifelhaft eindeutige Empfindung: Wenn dies Malertemperament doch auch noch auf die Farben verzichten könnte … Es ist der Beginn der Abstraktion von allem, was zur Vermittlung der Vision eines fremden Bewußtseins Hilfsmittel braucht, die in der Schöpfung außerhalb der betreffenden Kunst liegen.«
Scheinbar ernsthaft erwiderte die Gräfin: »Gott sei Dank, man kommt weiter. Wenn wir nun auch auf dem Gebiet der Musik das Genie in Aussicht hätten, das auf den Lärm der Töne verzichten kann, um sich mitzuteilen, so wäre die Welt an ihrem Ziel angelangt.«
Der Graf schwärmend: » … Eine hehre Atmosphärenlosigkeit … in zwei Blau … die sich gegenseitig wie auf einer Himmelsleiter zwischen Sturm und Blitz in die Weltharmonie schleudern …«
»Worauf Gott seinen Thron verläßt, lieber Herr Staatsanwalt, sprechend: Mein Geschöpf hat mich überholt, adieu!«
Auf diese Weise ging das Gespräch noch eine Weile weiter, und es blieb Wenk eine Stunde später nichts anderes übrig, als sich zu empfehlen. Er war traurig, als er nach Hause fuhr. Kaum saß er eine Viertelstunde an seinem Tisch, als ihm ein Brief übergeben wurde. Er las:
»Sehr geehrter Herr von Wenk.
es tut mir leid, daß unsere Zusammenkunft anders verlief, als wir beide gedacht hatten. Nicht deshalb schreibe ich Ihnen, denn wir können unsere Gespräche an einem andern Ort und zu einer andern Zeit ja wieder aufnehmen. Aber es könnte sein, daß Sie unser Haus mit der Empfindung verlassen haben, als ob mein Mann so etwas wie ein ›kleiner Narr‹ wäre. Auch in meinen Augen. Ich bin daran schuld, und ich habe deshalb solche Eile, Sie zu beschwören, diese irrtümliche, durch mich verschuldete Einschätzung eines Menschen nicht in sich festsetzen zu lassen. Es ist wahr, mein Mann kauft expressionistische Bilder. Aber das ist mehr symbolisch aufzufassen. Ich habe immer gefunden, je ›närrischer‹ ein Mensch beim ersten Zusammentreffen erschien, um so heftiger näherte er sich einem, wenn man ihn in ernsteren Augenblicken wieder traf.
Auf Wiedersehen … wann? und wo? … Ihre
Gräfin Dusy Told.«
»Dusy heißt sie!« sagte Wenk laut vor sich hin. »Lieb' du sie! Küss du sie! … Toll! …« Es überkam Wenk wie ein Strudel eines heißen Klimas, nach dem er sich immer sehnte …
Dann stand er auf, schüttelte die feuchten, warmen Schauer von sich und sagte bissig gegen sich selber: »Das ist ein lieblicher Weg zu dem Verbrecher … über die Verliebtheit in eine schöne Frau.«
Der Fernsprecher läutete. »Hier Hull!«
Hull teilte ihm mit, es sei ein neuer Spielsaal eröffnet worden. Er müsse den kennen lernen. Der Saal sei nicht nur fürs Spiel im großen eingerichtet, hundert Personen mindestens, sondern er sei mit mechanischen Vorrichtungen versehen, die bei einem Erscheinen der Polizei ihn in ein Varieté umändern könnten. Davon sollte allerdings auch er vorläufig noch nichts wissen. Aber die Carozza habe einen Brief bei ihm liegen lassen. Sie sei ja stets über alle Sensationen in diesen Kreisen auf dem laufenden. Sie sollten auch Karstens mitnehmen. Nur wisse Hull die Adresse des Saales nicht. Sie müßten sich der Führung der Carozza anvertrauen. Von seiner Kenntnis des Briefes wisse die allerdings nichts.
Es wurde eine Zusammenkunft verabredet, und um zehn Uhr fuhr Wenk ins Café Bastin, von wo aus man hinwollte.