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[VII]

Wenk blieb allein. Er war innerlich ganz kühl. Er hatte vermocht, alles, was das Verbrechen an Schrecken und Grauen erregender menschlicher Anteilnahme in ihm aufgewühlt, ruhig zu unterdrücken.

Den Beweggrund des Mordes kannte er. Es war nicht Rache, sondern etwas viel Gefährlicheres und viel Böseres. Es war Terror! Das verriet ihm der Brief an die Zeitung, der den Mord über die Polizei hinweg bekanntmachen sollte. Es war Terror gegen die alle, die sich als Opfer des Spielglücks jenes blondbärtigen Mannes fühlten.

Wieviel durfte dieser Spieler wagen, daß er selber sein Verbrechen der Zeitung mitteilte, damit es so wirkte, wie er es haben wollte? Wieviel Menschen hatte er im Sold, um ein Verbrechen auf diese weit vorbereitete große Art ausführen zu können? Was waren das für Menschen? Was für Beispiele gab er den Phantasien jener Menschen, die noch unentschieden zwischen Gut und Böse sich hielten? Was für Zuläufer mochte das Bekanntwerden der Tat ihm wieder sichern?«

Hull war tot, weil er ihm, dem Staatsanwalt, das Erlebnis mit dem Wechsel erzählt hatte und weil der falsche Herr Balling ein Beispiel aufstellen wollte, wie es denen erginge, die sich gegen ihn richteten. Vielleicht, ja wahrscheinlich war der Anschlag auch mit auf ihn geplant gewesen, und er war nur gerettet worden, weil sein Unwille ihn aus jenem Hause davongetrieben hatte.

Nun war es vielleicht unmöglich, aus taktischen Gründen unmöglich, das Haus »Fort« schließen zu lassen … Es mußte, wie so viele seinesgleichen, als Falle geduldet werden.

Und die Carozza? Werde ich sie zum Verraten bringen können, wem sie als Treiberin gedient hat? Was? … Wen verraten? … Und habe ich ihn dann, wenn ich schon einen Namen und vielleicht eine Hausnummer weiß? Kenne ich seine Geheimnisse? Seine Vorsichtsmaßregeln gegen mich?

Ich werde noch nicht zur Carozza gehen. Ich werde sie in Haft setzen lassen, sie warten lassen … Dann sieht sie, daß sie sich keines Guten zu versehen hat. Sie ist lasterhaft, verweichlicht … Vielleicht macht sie das von selber mürb?

Aber zuletzt entschloß sich Wenk doch anders. Nein! sagte er, ganz das Gegenteil werde ich machen. Ich werde sie durch Anteilnahme einschläfern. Sie ist schlau, aber sie gehört zum Theater. Je mehr es mir gelingt, die genauen Ränder der Ereignisse, die zu ihrer Verhaftung führten, in vor Teilnahme triefenden Reden verschwimmen zu machen, um so unbedachter geht sie mir zu.

Da fuhr er gleich zur Wache. Sie saß auf einem Stuhl in einer Nebenkammer.

Wenk stürzte auf sie zu: »Aber Fräulein … Fräulein, was hat man mit Ihnen gemacht? Erst jetzt telephoniert man mir, was geschehen ist. Es ist gut, daß Sie an mich gedacht haben!«

»O, Herr Staatsanwalt, Engel, der in meinen Kerker Licht bringt! Verlassen wir diesen Raum! Gleich! Keine Minute kann ich länger hier atmen! Furchtbar!«

Sie zog voran gegen die Tür …

»Ja, nun muß ich Ihnen allerdings die Enttäuschung bereiten, die ich gefürchtet habe. Wir leben in einem Staat, liebes Fräulein. Jeder Staat ist grausam. Da gibt es Beamte, jeder für seinen kleinen Kreis und darf darüber hinaus nicht verfügen. Ich bin Staatsanwalt. Aber der Staatsanwalt ist nur da, um anzuklagen, und nicht, um Unschuldige zu befreien.«

»Und dann?« fragte die Carozza auf einmal hart.

Der Ton dieser Stimme warnte Wenk. Er wurde schichtweise sachlicher. »Ihr Fall hängt nämlich vorerst nicht von mir ab, sondern vom Untersuchungsrichter. Ein Verhör durch ihn müssen Sie sich schon noch gefallen lassen. Das ist peinlich. Aber die Verkettung der Umstände ist schuld daran.«

»Und Sie?« fragte die Carozza.

»Ja, ich? Ich kann nichts anderes tun, als dem Richter sagen, daß wir alte Bekannte sind und daß ich Sie der Teilnahme an einem solchen Verbrechen nicht für fähig halte.«

»Weshalb kamen Sie denn her? Sie sind ja der Untersuchungsrichter nicht.«

Da merkte Wenk, daß sie ihn durchschaut hatte. Er wußte damit wohl, daß sie ihm entglitten sei, aber wußte zugleich auch: Sie ist schuldig!

»Ich komme her wegen eines kleinen Umstandes. Ich will Ihnen helfen,« sagte er rasch. »Sie haben dem Beamten Widerstand geleistet?«

»Welche Frau läßt sich widerstandslos von Rüpeln von Polizeihunden anfallen?«

»Ja, gewiß, die Lage war an vielem schuld, daß Sie sich unbesonnen benahmen und die Beamten zu ihrem Vorgehen zwangen.«

»Ich bin eine bekannte Künstlerin. Mein Name hätte ihnen Gewähr geben sollen!«

»Haben Sie denn den Beamten Ihren Namen genannt?«

»Jawohl! Jawohl! Sofort!«

»Das haben die mir merkwürdigerweise nicht gesagt. Sie nannten mir einen anderen Namen, den Sie gerufen hätten!«

Da sah Wenk, wie die Carozza ihn mit einem raschen, im Haß noch prüfenden Blick bewarf. Sie schaute gleich wieder fort und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf ihre Knie.

»O, einen anderen Namen! Merkwürdig! Mein Name ist doch bekannt genug! Umworben genug! Was wäre das für ein sonderbarer anderer Name gewesen?«

»Der Beamte nannte den Namen Georg.«

Es ging nichts vor im Gesicht der Frau, als Wenk das sagte. »So hat er schlecht gehört. Ich heiße, wie Ihnen bekannt ist, nicht Georg!« sagte sie gleichgültig.

»Es hat aber auch ein zweiter Beamter diesen Namen aus Ihrem Munde gehört. Das ist es ja!«

»Sonderbar!« sagte nach einer Welle des Nachdenkens die Carozza. »Mein Mann hieß Georg! Sollte ich in der Aufregung  …«

»Nun, dann ist ja alles klar. Das ist begreiflich. Nur wußte niemand, daß Sie verheiratet waren.«

»Sind!«

»Noch sind! Ja, daß ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten benachrichtigen! Oder haben Sie vielleicht keine Beziehungen mehr zu ihm?«

»Doch! Seine Adresse ist Frankfurt am Main, Eschenheimer Landstraße 224 … Georg Strümpfli heißt er.«

»Es wird ihm peinlich sein. Fürchten Sie keine Schwierigkeiten, weil durch das Ereignis ja nun Ihr Name, geknüpft an den des ermordeten Hull, in die Öffentlichkeit kommt?«

Da riß die Carozza den Mund auf. Sie fiel auf den Stuhl zurück. Sie rief: »Ermordet … Hull … ,« und sank dann vom Stuhl auf den Boden.

Wenk war Augenblicke unsicher. Er entschloß sich dann aber, diesen Anfall nicht zu glauben. Er hob sie auf das Lager. Dann ging er, ohne sich noch um sie zu kümmern. Er befahl den Beamten, scharf auf die Dame aufzupassen und vor allem niemanden zu ihr, ja nicht einmal in die Wachtstube zu lassen. Die Waffen seien schußbereit zu halten.

Er fuhr zur Polizeidirektion zurück, verständigte den Polizeiarzt und bat ihn, gleich hinzufahren und der Kranken in unauffälliger Weise auch die Kleider untersuchen zu lassen. Darauf schrieb er einen Haftbefehl für sie aus und gab ihn weiter. Er benachrichtigte noch das Informationsbureau der Polizeidirektion, jeden Journalisten, der etwa über den Fall Nachrichten erbitten komme, zu ihm zu senden, aber selber nichts zu sagen.

Es war Tag geworden. Wenk nahm ein Bad und fuhr dann in die Redaktion der Anzeigen. Der Chefredakteur hatte ihn antelephoniert.

Nachdem Wenk ihm erzählt hatte, was vorgefallen war, sagte er: »Was mich ermutigt hat, Ihre Zeit etwas zu beanspruchen, ist nun folgendes: Wenn es ein einzelner Mord wäre, würde ich der Berichterstattung meinetwegen, wenn auch ungern, freien Lauf lassen. Aber hinter diesem Überfall sieht eine Gesellschaft, an ihrer Spitze ein Mann von scheinbar starken, vielseitigen Kräften. Er muß um sein verbrecherisches Leben eine ganze Organisation geschaffen haben, die allein den Zweck hat, es zu beschützen. Der Brief, den er vielleicht selber in Ihren Kasten geworfen hat, verrät, daß er darauf hielt, den Mord selber in einer seinen Zwecken passenden Form bekanntzugeben. Damit will er warnen. Das Opfer hat mir nämlich früher erzählt, daß es mit ihm in einer eigenartigen Weise zusammengetroffen sei. Er wußte das! Er will um seine Tätigkeit im Dunkeln eine Mauer des Terrors aufbauen. Man soll wissen, daß kein Leben sicher ist, das sich an seines wagt. Sie begreifen, eine wie schwere Gefahr solch ein Mensch in einer Zeit ist, die, erweicht und zerknetet einerseits und anderseits in allen bösen Instinkten gesteigert, wie sie der Krieg zurückließ, jeder Ansteckung zugänglich ist. Ganz können wir das Ereignis nicht unterdrücken. Ich möchte mich aber bemühen, es außerhalb seines Zusammenhangs, der mir bekannt ist, der Öffentlichkeit zu übergeben, damit die Phantasien nicht aus Mördern Volkshelden machen. Dabei bin ich auf Ihre und Ihrer Kollegen Mithilfe angewiesen. Darf ich Sie bitten, aufs strengste darüber zu wachen, daß keine Nachrichten über den Fall Hull veröffentlicht werden, die nicht durch meine Hände gingen? Wir sind in einer Zeit geistiger und seelischer Epidemien. Jeder, dem es um das Wohl des Ganzen zu tun ist, muß sich opfern.«

»Gewiß!« sagte der Chefredakteur.

»Ich möchte um nichts in der Welt dabei den Eindruck erwecken, als ob dieses Vorgehen von der Besserwisserei oder dem Allmachtsgefühl eines Gerichtsbeamten erwartet werde. Nichts liegt mir ferner!«

»Ich bin auf dem laufenden,« antwortete der freundliche Redakteur.

»So danke ich Ihnen und wünsche uns beiden fruchtbare Zusammenarbeit. Unser Volk ist in schwerer Lage.«

Wenk wollte sich zu Bett legen, als er heimkam, und einige Stunden ruhen. Es war zehn Uhr geworden. Da brachte sein Chauffeur, der zugleich als Diener waltete, eine Visitenkarte: Gräfin Dusy Told.

»Bitte, bitte!« rief Wenk lebhaft und ließ die Gräfin eintreten.

»Hier wird uns zum Gegenstück doch nicht etwa eine besorgte Gattin stören, die für unsere Veranlagung nicht das nötige Verständnis hat?« sagte sie, indem sie Wenk die schlanke Hand herzlich hinhielt.

»Das Glück einer Genossin ist mir nicht beschieden worden!« antwortete Wenk und empfand mit einer betörenden Süße die Nähe der Frau. Und dennoch stand sie vor ihm, wie etwas, das traumhaft in einem andern Leben lag, das er früher einmal geführt zu haben schien. Jetzt, hinter den Ereignissen der Nacht, fehlte ihm der Mut, an die Gefühle der Liebe und des Begehrens als an etwas Wirkliches zu denken.

Die Frau stand vor ihm. Er fand kein Wort für sie, und sie selber, in deren Gedanken die Tatkraft des Mannes und der Flug seiner Seele nach großen Dingen weitergewirkt hatten, wurde vor diesem Schweigen verlegen, weil es ihr wie eine Bestätigung eigner Empfindungen vorkam. Ja, sagte es in ihr, gewiß, was ich für ihn jetzt fühle, ist … Aber sie drückte sich an dem Wort Liebe vorbei. Sie errötete darob. Wenk sah es. Ein Schauer ging durch ihn. Er kämpfte mit sich. Er beugte sich auf ihre Hand nieder.

Aber da stand auf einmal die Leiche des Ermordeten aus seinen Gefühlen auf, und er war nicht mehr so kühn, in einem Wort oder einer Gebärde die betörte Benommenheit seines Herzens mitzuteilen. Er bot der Gräfin einen Sessel an, und während er selber sich einen zweiten holte, kam ihm ein Einfall, der wie eine Errettung aus dem Zwiespalt mit einemmal seine ganze Vorstellungskraft überschwemmte: Er wollte diese Frau, die er liebte, und der er nicht gleichgültig war, seinem Unternehmen verknüpfen, und aus gemeinsamem Wert mochte ihnen die Ernte reifen.

Da sagte er ihr: »Diese Nacht ist ein gemeinsamer Bekannter von uns, Hull, ermordet worden. Karstens ist schwer verletzt. Ich entging, weil ich zufällig zwei Stunden früher das neue Lokal verlassen hatte, in das wir gelockt worden waren. Den Anstifter glaube ich zu kennen. Es ist wieder der blondbärtige Spieler und alte Professor. Die Täter entkamen spurlos, aber wir haben eine sonderbare Verhaftung vorgenommen, die eine Ihnen ebenfalls bekannte Dame betrifft. Es ist die Carozza. Sie wissen von ihrem Verhältnis zu Hull. Ich habe allerdings kaum mehr als Gefühlsbeweise für ihre Schuld. Aber ich wüßte ein Mittel, ihr die Zunge zu lösen: wenn Sie, Frau Gräfin, das Wagnis unternähmen, sich ebenfalls verhaften zu lassen, so trüge ich Sorge dafür, daß Sie mit der Carozza in einer Zelle untergebracht würden. Sie kennt Sie nicht als Gräfin Told, sondern als eine Dame aus ihren eignen Kreisen. Stellen Sie Ihr Vergehen als geringfügig hin, daß Sie bald wieder herauskämen, selbst wenn Sie wegen Teilnahme an verbotenem Spiel verurteilt werden müßten … Versprechen Sie ihr zu helfen … bei einer Flucht etwa … Vorher müßten Sie ihr weis gemacht haben, daß die Lage der Carozza sehr gefährdet sei. Vielleicht Verhaftungen in derselben Sache erfinden … Sie wird Ihnen dann wahrscheinlich sagen, wer für ihre Flucht mobil zu machen sei. Sie verstehen, Frau Gräfin. Und wir können den Verbrecher unschädlich machen. Ist das nicht ein geradezu tolles Ansinnen?«

»Ich erfülle Ihren Wunsch!« antwortete, ohne sich zu besinnen, die Gräfin. Ihre Stimme klang wie heißgelaufen. Wenk war ängstlich berührt von der Heftigkeit, von der hektischen Hingabe, mit der diese schöne, vornehme Dame seinen Einfall hinnahm.

»Mir hat das ja gerade gefehlt,« sagte mit leisem Ton die Frau, »etwas zu tun, nützlich zu sein, in einem kühnen Werk der Einsatz des Lebens, um das Leben zu spüren.«

»Und das haben Sie in den Spielräumen gesucht?« sagte er.

»Ich weiß es nicht genau. Ich fühlte mich wohl in dieser Gesellschaft, weil ich keinen Rand sah. In meinem Kreis sah ich über alle Horizonte. Ich hielt das nicht aus. Ich bin Ihnen dankbar  …«

Wenk wurde es heiß in den Augen. Ein Verlangen ergriff ihn, es quälte ihn, er quälte sich selber mit ihm, und fast brutal fragte er: »Und Ihr Mann?«

Die Frau antwortete mild: »In jeder Ehe, das wissen Sie nicht aus Erfahrung, bleibt etwas unerfüllt von dem, was das Herz erwartet hat. Ich nehme meinem Mann nichts, wenn ich versuche, dieses Fehlende ohne ihn zu finden.«

»Ich verehre Sie!« sagte Wenk. Ein leises Zittern ging durch seine Stimme.

»Nein,« wehrte die Gräfin ab, »es ist Gesetz. Es ist natürlich. Und nun sagen Sie mir, was ich zu tun habe.«

»Ich werde Sie an einem Tag, den Sie bestimmen, mit meinem Auto zum Gefängnisdirektor bringen, und wir werden mit ihm alles vereinbaren. Wann paßt es Ihnen?«

»Am nächsten Samstag um diese Stunde.« Sie erhob sich.

»Die grauen Mauern des Gefängnisses werden zu leuchten beginnen!« sagte Wenk.

»Vor soviel Abenteuerei!« lachte die Gräfin.

»Nein, Gnädigste, vor Ihrer Schönheit!«

Und es war Wenk auf einmal, als liebte er sie mit einer Leidenschaft, die wie eine Flamme aus seinen Augen schlug, unsichtbar. Er beugte sich so tief über ihre Hand, daß er sein Gesicht verbarg. Sie drückte ihre Hand mit einer heißen, freien Regung sanft an sein Gesicht an zum Eingeständnis heimlicher Übereinstimmung und huschte davon.

Draußen auf der Straße schoß ihr alles Blut zu Kopf. Sie sagte halblaut das Wort vor sich hin, das sie oben unterdrückt hatte: »Liebe … Liebe …«

Im Zimmer Wenks blieb ihr Duft. Wenk sog ihn ein. Dann hob er beide Hände vor sein Gesicht, und von einem Geheimnis und von Ahnungen dumpf dahin geführt, flüsterte er inbrünstig in die Dunkelheit hinein, die er so vor seine Augen legte: »Mord und Liebe! … Mord und Liebe!  …«

Im Verlauf des Tages stieg das Gerücht des Mordes durch die Stadt. Es wand sich aus der trüben Ecke, wo Hull sein wertloses kleines Leben gelassen hatte. Es war ein dunkler Fleck geblieben. Das Pflaster war finster vom verwaschenen Blut gefärbt. Tauwetter hatte die Bodenrinne zwischen den Pflastersteinen weich und erdig gemacht. Die Erdkrumen hatten das Blut gierig zurückgesogen. Sie hatten sich daran berauscht. Und aus dem Rausch des handgroßen Erdflecks stieg das Scheusal auf, wand sich aus dem engen Winkel davon und errichtete sich durch die ganze Stadt.

Es kamen Menschen, seine Geburtsstelle zu sehen, und tranken an der Quelle von den Schauern der Tat. Sie sahen das Ungeheuer aufstreben. Ihre Herzen sträubten sich vor dem Unwesen. Es trampfte zwischen ihnen durch, durch sie hindurch wie durch einen Nebel, körperlos … eiskalter, flüssiger Geist. Es ward ein Lindwurm und ringelte durch die Gassen in die breite Ludwigstraße, rannte über die Plätze ins Herz der Stadt hinein, begann zu fließen nach allen Richtungen, durch die Straßen in die Häuser.

Es rann wie eine dunkle Kloake. Es rann tagelang. Sein dumpfer, feuchtheißer Geruch von Auflösung ließ Angst in die Menschenporen dämpfen oder riß eine Kraft, die keinen guten Weg finden konnte, nach dem Bösen.

In einer Vorstadtstraße wurde in der dritten Nacht später eine Dirne ermordet. Man fing den Mörder am nächsten Tag. Es war ein Arbeitsloser, eine aus dem Krieg übriggebliebene Phantasie, die in die Barbarei zurückgeirrt war. Er sagte, er habe nicht gewußt, was er tat, als er dem Mädchen die Hände an die Gurgel drückte. Es sei aus der finstern Straße etwas über ihn geflossen, es sei um die Ecke gekommen aus der Jägerstraße … und das hätte ihn gezwungen.

Ein Föhn durchfraß vom Gebirge her die Stadt. Er war weich und leidenschaftlich wie ein Menschenherz. Er brüllte den Frühling hinter sich her. Alle Lichter waren grell. Alle Schatten waren von einer wilden, jähzornigen Schwärze. Alle Herzen in zwei Farben gespalten.


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