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[IX]

Am nächsten Abend war Dr. Mabuse zu Geheimrat Wendel, dem Psychiater, eingeladen. Es sollte nach einem kleinen Nachtessen eine interessante Somnambule auftreten. Im Dämmerzustand weckte sie Erinnerungen in sich auf, die bis in ihre frühen Kindertage zurückreichten … bis in eine Zeit, in der die Ausbildung des Hirns noch nicht so weit vorgeschritten ist, daß es über den Augenblick der körperlichen Erfordernisse hinaus empfindet oder aufzeichnet.

Mit dem Geheimrat war Mabuse durch einen Patienten bekannt geworden, durch eine Dame der Aristokratie, die an schweren nervösen Hemmungen litt, und die Mabuse durch eine hypnotische Behandlung geheilt hatte. In der Gesellschaft trafen sich nicht nur Gelehrte, sondern auch Schriftsteller, Künstler und Kunstfreunde von Ruf, so wie es in den letzten Jahren in der wohlhabenden Gesellschaft Mode geworden war.

Mabuse hatte als Tischdame eine Frau, die er erstaunt, ja betroffen, kannte. Sie hatte bei seinen Helfershelfern in den Spielsälen den Spitznamen: die Unaktive! Es war die Gräfin Told.

Er widmete ihr den Abend über alle Aufmerksamkeiten, deren er fähig war, erzählte spannende, ungewöhnliche Erlebnisse von waghalsigen Reisen, von Tier- und Menschenjagden in fremden Weltteilen. Er sprach mit einer grimmigen Hingerissenheit, mit einer tierischen Wut, in seinen Erinnerungen die Kraft nachgenießend, die er veräußert hatte. Er fühlte, was diese Frau in die Spielsäle trieb, und es war ihm über dieser plötzlichen Entdeckung, als blute sein Herz. Als öffne sich in seinem Blut ein Spalt, eine Schlucht, die so tief war, daß nur zuckendes Menschenherz sie füllen konnte. Er jagte mit seiner Phantasie und seiner Sprache nach diesem Herzen wie in den Dschungeln nach Tigern, die Menschenblut aufgerissen und die Jäger zu tobender Blutlust entflammt hatten.

Diese Frau war das Herz, das er brauchte. Herrschsüchtiges Begehren schoß in sein Hirn und füllte es aus. Er wollte diese Frau für sich haben. Er sah durch ihre Augen, wie seine Erzählungen ihr Blut lockerten. Das wollte sie. Er verstand sie immer ungebärdiger und umfassender. Er malte ihr die fremde Natur, er warf sie ihr hin im Kampf mit seinem Willen, seinen Muskeln, seinem Geist. Und sie sollte glauben, die ganze fremde Natur, um die er so gewaltig kämpfte, sei sie.

Sie zitterte in seinen Worten. Sie erschwachte an ihnen. Eine Glut nach Anlehnung und Zärtlichkeit überfiel sie vor den Äußerungen dieser Männerkraft so stark, daß sie sich von seinen gewaltsamen Erzählungen, mit denen er sie an sich zu heften trachtete, wie ein Stück lebendiger, blutnasser Haut losriß, zu ihrem Mann ging und in einer flehenden, heftigen Bewegung mit ihrem ganzen Leib ihn berührte.

Mabuse sah es. Es ward rot vor seinen Augen aus seinem ganzen Blut herauf. Rot von Verlangen und Blutgier. Er ertrug nicht mehr, daß andere Blicke sich auf sie legten … daß irgendeiner der fremden Männer sie ansprechen durfte … Lippen sich über ihre Hand beugten … Willen nach ihr angelten. Rot von Blutgier und Verlangen.

Er mußte fort. Er raste gleich im Auto nach Haus. Alle Sinne blieben bei der Frau zurück, und sich so von ihr entfernend, seinen Körper so von dem Blut losreißend, schrie er in der Fahrt, in der er, selber lenkend, die Straßen durchtoste, das Bild heraus, das in der Schlucht lag: »Mord und Verlangen! Mord und Verlangen!«

Zu Hause trank er, bis er nichts mehr sah als in den Kreisen, mit denen die Trunkenheit das Zimmer um ihn wirbeln ließ, ihr Herz. Es war von seiner Hand dem schönen Leib entrissen, blutete über seine Finger und zuckte in sein Hirn.

*

Für die Gräfin Told kam der Tag, an dem ihr Unternehmen im Gefängnis beginnen sollte. Sie begab sich zu Wenk. Er führte sie zu der Anstalt und besprach mit dem Direktor die Angelegenheit.

Bevor sie zur Zelle geführt wurde, fragte sie noch: »Auf wie lange?«

»So lange Sie wollen, Frau Gräfin,« antwortete Wenk. »Immerhin hängt es von Ihrer Geschicklichkeit ab. Doch selbstverständlich genügt ein Wort, und Sie sind frei, auch wenn Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben.«

Sie sagte: »Zeit habe ich. Nur möchte ich am nächsten Montag zu einer Veranstaltung mir einen Ausgehtag erbitten.«

»Aber natürlich, das läßt sich sehr gut machen! Ich werde mir erlauben, Sie abzuholen. Etwas zu berichten werden Sie ja auch dann wohl schon haben!«

»Übrigens, Herr Doktor,« sagte sie noch, »mein Mann ist auf dem laufenden. Und gelt, Sie besuchen ihn. Er leidet! Gelt?«

Wenk verbeugte sich.

Ein Wärter übernahm die Gräfin. Sie wandte sich lächelnd nochmals zurück.

»Gut Glück!« rief Wenk. Dann verschwand sie in dem langen Flur.

*

Die Gräfin hatte das Haus des Geheimrats Wendel in einem Taumel verlassen. Der fremde Wann war auf einmal unsichtbar geworden. Aber die Berührung mit der Kraft seines Geistes hatte sich in sie eingebadet und verließ sie nicht mehr; diese Kraft, voll Geheimnis, drängte den Staatsanwalt von ihr zurück.

Es kam ihr vor, da sich die Zellentür vor ihr öffnete, als ginge sie nun in diese Kammer hinein, in diese fremde, kalte, weltabgeschiedene Kammer, wie in eine Zeit der Prüfung.

Sie sollte ihn am Montag wiedersehen. »Ich lade zu einem zweiten Abend meiner Somnambule am nächsten Montag auch Ihren Tischnachbar wieder ein,« hatte der alte Geheimrat mit seinem gütig-skeptischen, anzüglichen Lächeln gesagt. »Er hat ja nachzuholen, da er unerwartet fort mußte. Die Somnambule hat er nicht gesehen, aber die wache Frau Gräfin Told!«

»Wohlan!« hatte sie nur geantwortet, kameradschaftlich, sachlich, nicht verbergend, aber auch kein Eingeständnis.

Die Zellentür schloß sich hinter ihr. Vor ihr saß eine Gestalt auf einem Stuhl. Sie drehte sich nicht her. »Nun?« knurrte sie wie ein Hund.

»Guten Tag!« sagte die Gräfin.

Die Carozza wandte sich gemessen um. Erst als sie der Gräfin ihr Gesicht voll zukehrte, stieß diese einen kleinen Schrei aus, und mit einem gut gespielten Erstaunen rief sie die Carozza an, indem sie lebhaft zu ihr trat. »Fräulein, Sie! Wir kennen uns ja! Welch ein Zufall!«

Sie begann gleich zu plaudern, so als bemerkte sie die grimmige Laune der Carozza nicht. »Denken Sie sich, man hat uns ausgehoben, richtig ausgehoben! Bei Schramms! Das vornehmste Lokal. Ich sag' Ihnen, Fräulein, ein Radau war das! Einer piepste, der andere wollte zum Fenster hinaus, die doch alle zugemauert sind! Sie wissen ja. Einer setzte sich hin und weinte: ›Meine Frau, meine vier Kinder, ich bin entehrt!‹ Es war ein Durcheinander wie in einem Taubenhaus. Ich konnte mich nicht ausweisen, und da haben sie mich mitgenommen! Sagen Sie, was soll ich tun? Das ist doch nichts Böses, in ein Spiellokal zu gehen! Und gespielt hab' ich ja auch noch nicht einmal!«

Aber die Carozza schaute sie nur böse an. »Sagen Sie etwas! Was haben Sie?« bettelte die Gräfin.

»Ich hab' das Bedürfnis, von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden. War der junge Herr mit dem blonden Vollbart auch dabei?«

»Der mit dem Basch, meinen Sie? Nein, der war nicht da. Der ist seitdem nicht wiedergekommen!«

»Und der alte Professor?«

»Nein, auch nicht!«

»Sie brauchen mir nichts weiter davon zu erzählen,« sagte dann die Carozza barsch. »Es interessiert mich nicht. Die Welt interessiert mich nicht. Ich bin unglücklich! Ich bin verraten und verlassen worden. Nichts anderes interessiert mich mehr. Ich bin verloren. Daß Sie's wissen! Ihnen sag´ ich's! Sie gehören zu uns. Verloren, ganz verloren, sag' ich Ihnen. Und verraten, daß man sich weniger um mich kümmert als um eine erfrorene Maus in einer Wiese. Die bösen Hunde! … Die bösen Hunde! …«

Die Carozza sprang von ihrem Schemel und faßte die Gräfin an der Schulter. »Sie waren mit uns. Ich schüttle es in Sie hinein,« rief sie, immer ungebärdiger werdend, »daß nie jemand so verraten wurde wie ich. Und ich hatte es nicht nötig. Ich war eine Künstlerin. Ich war begehrt und dann so verraten und verlassen! Als sei ich ein räudiger Katzenbalg in einer Gosse!«

»Weshalb hat er sie verlassen?« fragte die Gräfin. Sie fragte das so schüchtern. Sie kam sich vor wie ein kleines Mädchen neben dieser großen wilden Person … Ja, er hat sie verlassen, dachte sie sich, ja freilich, verlassen für immer, und ihr grauste dabei. Denn er ist ia tot. Sie wurde unsicher vor ihrem Unternehmen. »Er ist tot!« sagte sie leise und schwingend.

»Wer?« rief die Carazza.

»Ihr Freund … Hull!« zirpte die Gräfin wie ein Insektchen und begehrte an dem Schmerz des Mädchens teilzunehmen. Der Staatsanwalt begann in ihrer Phantasie zu unterliegen.

Aber da schrie die andere auf sie ein: »Ach was! Er ist nicht tot! Den ich meine, der lebt! Und ich sitze hier gefangen! Er steht da draußen in der Stadt, so groß wie ein Turm, wie ein Fels, sage ich dir! Du Rotznas', was weißt du denn, was er war? Alles andere war blödes Getändel. Untreue ein Nebensächelchen! Hull? Tot? Was ist dümmer, kleiner, als daß Hull tot ist? Aber der andere, der lebt und lebt frei da draußen, wo Liebe ist, wo Licht ist, wo Leben ist … Wo er mich zu seinen Füßen dulden könnte … vielleicht … wie ein Fell, das nur dazu da ist, seine dicke Zehe warmzuhalten. Das ist der größte Mann, der besteht. Der wildeste, sag' ich dir! Ein Bär, ein Löwenmännchen, ein Königstiger aus Bengalen … hörst du? Nicht aus diesem frostigen Land … Aus Bengalen, wo das Paradies war. Wo ich nie mehr hinkomm'! Weil man mich in diesem Loch verfaulen läßt!«

Auf einmal sagte sie ruhig und fest: »Sag', glaubst du, daß es Männer gibt, die so stark sind, daß ihr Wille diese Mauer da vor mir … um mich … einblasen kann, wenn er weiß, daß ich das so … so begehre?«

»Draußen gibt es sie nicht. In uns gibt es sie!« antwortete die Gräfin. Der leidenschaftliche Atem, der sie so plötzlich aus einem Menschenherzen überfallen hatte, tobte wie ein Sturm in ihr weiter.

Wie erbärmlich war sie, einen Menschen überlisten gewollt zu haben. Sie kam sich klein vor. Sie warf alle Versprechen und Pläne als etwas Beschmutzendes ab. Sie erglühte an dieser fremden Person wie ein Faden an den elektrischen Strömen.

»Ja, in uns gibt es sie!« wiederholte sie.

»Er! … Er! …« sang die Carozza mit einem Tonfall aus der Appassionata.

Und der Gräfin trat der fremde Mann von jenem Abend wie ein Marmorbildnis aufs Herz. Mitten aufs Herz! Aber es zersprang nicht. Sie ließ die Gestalt gewähren. Sie kam und ging und kam über sie, wie sie wollte.

»Liebst du ihn?« fragte sie die Carozza.

Aber die antwortete nur, es wegschiebend wie ein Nichts: »Ach was … lieben!«

»Ich liebe ihn nicht!« ereiferte sich die Gräfin, den Bewegungen der spukhaften großen Gestalt auf ihrem Herzen zu folgen. »Aber er ist doch alles! Er ist ein Mensch. Aber er ist doch eine Welt für sich. Er liegt da in solch einer Stadt von kleinen Menschen, kleinen begehrlichen Häusern und Gassen und ist ein Dschungel und ein Urwald. Mir ist, als habe er Tiger und Schlangen in sich. Alles was stark ist in der Natur. Und ganze riesenhafte Bäume und weite, undurchdringliche Schilfwälder! Weißt du, man kann hineinkriechen! Kommt an kein Ende und ist doch in ihm!«

Sie schwieg unvermittelt. Sie vermochte nicht in Worten zu sagen, was an Erscheinungen ihr Blut durchschattete. Denn jener Mann, den sie so über sich treten ließ, war wie ein Bruder. Nein, ein Vater? Gebunden in der Wollust einer Stunde, von der kein menschliches Hirn auch nur ein Atömchen wußte noch sah. In der Stunde, in der zwei Wesen in eins versanken, um ein neues in die Dunkelheit zu werfen, aus der es fern in der Zeit wieder als etwas auftauchte, was ein Leben für sich begann und nur mit schattenhaften Schnüren an jener Stunde hing. Man konnte die Schnüre zerschneiden, zertreten, auseinanderzerren. Sie blieben zusammen. Kein anderes Verlangen trug sie zu ihm zurück, als noch einmal ihre Sinne jenem Bewußtsein noch ungehemmter anheimzugeben, das wie ein Traum sie bedeckte und sie zugleich von sich stieß.

Die beiden Frauen saßen nebeneinander, die Gräfin auf dem Boden, beide wie von einer unsichtbaren Faust niedergeschlagen in diese Stellungen der Zerknirschung, Sehnsucht und Auflösung in dem fremden Blut. Ein Schweigen lag nach den heftigen, ihrem Innern entrissenen Worten über ihnen, das grauenvoll das Nichts aus dem Schoß der rinnenden stummen Zeit heraufflattern ließ. »Sagen Sie etwas!« bat die Gräfin mit schüchternem Flehen.

»Still, oder ich erwürg dich … erwürg' dich!« schrie die Carozza.

Da wich die Gräfin zurück. Sie fühlte sich, ungemessen und grenzenlos, wie sie bis dahin ihr inneres Leben nach außen zu wenden getrachtet hatte, der andern unterlegen wie ein Wiesel in den Krallen eines Steinadlers.

Es wurde Essen hereingeschoben. Keine der beiden sah es. Es wurde finster. Die Carozza legte sich in den Kleidern auf eine der Pritschen. Die Gräfin ahmte sie nach und streckte sich in das Stroh der zweiten Liegestatt. Die Nacht ging über sie. Die Vorstellungen versanken in einer wehen, ermattenden Schlaflosigkeit wie in einer Kloake.

Einmal mitten in der Finsternis fragte die Carozza streng: »Schläfst du?«

»Nein!«

»Weshalb bist du hier?«

Da war die Gräfin nicht mehr so kühn, ihre Lüge zu wiederholen. Sie schwieg kleinmütig.

Die Carozza blieb eine Weile stumm. Dann sagte sie mit Gleichmut: »Du solltest mich aushorchen! Hab' ich dir etwas gesagt?«

»Ja!«

»Von ihm?«

»Ja!«

»Hab' ich dir seinen Namen genannt?«

»Nein!«

»Das ist gut. Sonst kämst du nicht lebend hier heraus. Aber selbst wenn ich ihn genannt hätte und du lügst jetzt, so wisse, daß er keinen Namen hat. Er ist tausend Männer. Er ist ein ganzes Land! Er ist ein ganzer Erdteil!«

»So wie er!« sagte die Gräfin bei sich. Aber einen Augenblick später wußte sie nicht, ob sie das nicht laut gesprochen hätte.

»Wann gehst du wieder fort?«

»Wann du willst!«

»Dann geh gleich! Geh, sag' alles, was ich gesprochen hab'!«

»Nein!« antwortete die Gräfin störrisch.

»Weshalb sagst du es nicht? Wenn du doch deshalb hergekommen bist?«

»Es ist jetzt anders!«

»Nichts ist anders,« begehrte die Carozza wieder auf. »Es ist alles, wie es ist. Wie es war. Wie es sein wird! Er draußen in tausend Freiheiten! Ich hier ein Aas, das schon halb unter einem Rasenstück liegt. Sag' mir alles!«

»Nein, ich sag' nichts!«

»Weshalb, du … du Luder?« fuhr sie die Carozza aufschreiend an.

»Weil Sie ihn so lieben!«

Da ward die Carozza still. Aber einige Blutschläge später warf sie sich hin und begann wild zu weinen und zu schluchzen.

Die Gräfin blieb liegen. Sie spürte, wie eine Seele, entblößt, mit Tatzen, von denen Haut und Fell abgezogen waren, über ihrem Herzen lag und es gefangen hielt. Sie spürte ihr eigenes Blut über das Herz unter der Tatze rieseln und sich mit dem der Tatze vermengen.

Die Tatze ward ihre Schwester. Nun hatte sie Blutsbrüderschaft mit der Mörderin drüben an der andern Wand. Aber keine von den beiden wußte, daß es derselbe Mann war, der in der Gefängnisnacht ihre Pulse vereinigte.


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