Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Um vier Uhr kam von Frankfurt ein telephonisches Gespräch: »Georg Strümpfli, Artist, geboren 1885 in Basel, hat an der mitgeteilten Adresse gewohnt vom 1. Januar bis 10. Dezember des vergangenen Jahres. Verzogen nach dem Ausland. Aufenthaltsort unbekannt. Eingetragen als verheiratet. Nationalität Schweizer.«
Vom Einwohneramt wurde Wenk berichtet, die Carozza sei unter folgenden Angaben angemeldet: »Maria Strümpfli, geb. Essert, genannt Cara Carozza, Tänzerin, geboren in Brünn am 1. Mai 1892. Nach München verzogen von Kopenhagen.«
Wenk sann nach, woher die Aussprache Georch für Georg kommen könne. Beide waren süddeutscher Sprache. Georch sagte man in Norddeutschland.
Wenk suchte die Carozza nochmals auf. Sie war jetzt im Gefängnis. »Ich will nichts von Ihnen wissen,« sagte sie schroff zu Wenk. »Sie wollen mir helfen und bringen mich ins Gefängnis.«
»Nicht ich! Das ist ein Irrtum. Der Untersuchungsrichter, wie ich Ihnen gleich sagte. Ich komme auch nur, um Sie über etwas aufzuklären. Was Ihnen die ganze Schwierigkeit bereitet, ist der Name, den Sie gerufen haben. Darüber streitet man jetzt.«
»So. Sie scheinen Sorgen zu haben beim Gericht.«
»Ha, das haben wir allerdings. Wenn Sie bereit wären, sie zu zerstreuen, könnten Sie uns und sich helfen. Sie sagten, Ihr Mann heiße … Karl, nicht wahr, Karl Strümpfli?«
»Und wenn Sie es nochmals vergessen, er heißt Georg!«
»Er ist Schweizer?«
»Sie haben sich erkundigt, wie ich merke.«
»Gewiß. Also, er heißt Georg. Sagen Sie, es ist in Ihren Augen vielleicht eine dumme Frage: hatten Sie einen besonderen Namen für ihn?«
»Nein!«
»Nannten Sie ihn nie anders als …?«
»Nein, nur Georg! Wann kann ich hier fort?«
»Das hängt vom Untersuchungsrichter ab.«
»So soll der Herr endlich kommen. Es ist unwürdig für eine angesehene Künstlerin wie mich …«
»Das hat leider alles seinen vorgeschriebenen Gang. Ohne Anbetracht der Persönlichkeit, wie die Formel lautet. Mehr als meine Hilfe kann ich Ihnen nicht versprechen.«
»Sie gehen wieder? Ohne mich?«
»Mehr kann ich vorerst nicht tun,« sagte Wenk.
Die Carozza wandte sich ab.
Wenk begab sich an den Tatort. Er hatte zu Hause die Einwohnerlisten der Häuser durchstudiert, die an die Stelle stießen, an der der Überfall vorgekommen war. Besonders genau die Finkenstraße. Er nahm zwei Geheimpolizisten mit, darunter den Beamten, der die Täter bis an die Mauer verfolgt hatte.
Er untersuchte die Mauer bei Tageslicht. Sie zeigte Kratzspuren von Schuhspitzen, und ganz oben war ein Blutfleck. Es mochte sein, daß einer hochgehoben wurde, der dort erst die Mauer mit den Händen berührte. Aus dem Fleck leuchtete das Blut des ermordeten Hull in den prallen Februartag.
Wenk ging in die Häuser. Mehrere führten, wie er sah, nach hinten auf den Park. Er sprach mit jedem einzelnen der Bewohner dieser Häuser. Einige hatten Lärm in der Nacht gehört. Aber sie hatten sich nicht darum gekümmert, weil es das jetzt immer gab.
»Und in den Häusern selber?« fragte Wenk. »Haben Sie da nichts gehört?«
»Nein, da hatte niemand etwas gehört.«
Wenk ging auf die andere Seite der Mauer in den Park. Es war nichts zu sehen als an einer Stelle Spuren von vielen Füßen. Da waren sie scheinbar abgesprungen. Man sah das an den Eindrücken, die ziemlich tief waren. Aber die Spuren waren mit einer Hacke verwischt, und es war Karbol darüber gegossen worden. Ein Blechgefäß lag da, das, wie der Geruch verriet, das Karbol enthalten hatte.
Diese Vorsicht war zweifellos gegen die Polizeihunde gerichtet. Das Karbol mochte vorher hingestellt worden sein. Aber ganz verstand er es nicht.
Er wollte es trotzdem versuchen und ließ einen der Hunde holen. Der Hund nahm die Fährte in der Jägerstraße auf, rannte an die Mauer und sprang an ihr hoch. Als man ihn aber an die andere Seite hob, ging er nicht weiter. Er wandte die Nase entsetzt von dem Karbolgeruch ab, lief die Mauer entlang und wieder zurück und wieder entlang, immer in derselben Richtung, aber immer unentschlossen. Er versuchte hochzuspringen.
Wenk ließ ihn wieder hinüberheben. Aber wie der Hund auf dem Scheitel der Mauer abgesetzt wurde, um von dem jenseits aufgestellten Beamten herübergehoben zu werden, entriß er sich der haltenden Hand und rannte ungebärdig bellend oben auf der Mauer davon. Er lief nicht weit. Er blieb an einer Mauerstelle stehen und bellte in den Hof eines Hauses hinab, tief den Kopf bückend, und versuchte hinabzuspringen.
Auf einmal war er unten und lief auf das Haus zu, blieb dann aber an der Hauswand stehen.
Diese Hauswand untersuchte Wenk genau. Er fand verkratzte Stellen an ihr, die in regelmäßigen Abständen nach oben gingen. Hier waren Leute zweifellos mit einer Strickleiter emporgeklettert. Die Spuren führten an ein Fenster im ersten Stockwerk.
Die Wohnung, zu der das Fenster gehörte, war leer. Er fragte im Haus, seit wann sie nicht mehr bewohnt sei?
Da waren alle erstaunt; denn sie glaubten, sie sei bewohnt. Einer sagte: »Da wohnt doch der Georch drin!«
Wenks Herz machte einen heftigen Schlag.
»Wer?« fragte er rasch. »Wie hieß er?«
Er hörte nochmals: »Georch!«
»Kannten Sie ihn auch?« fragte er eine Frau.
»Ja natürlich, den Georch!«
»War das sein Familienname?«
»Das weiß ich nicht!«
Das wußte niemand.
»Von wem wurde er denn so genannt?«
»Von den Burschen, die immer zu ihm kamen!«
»Also Georg hieß er,« prüfte Wenk, um ganz sicher zu sein.
»Nein, Georch wurde er genannt,« sagte einer.
»Hat er lange da gewohnt?«
Das wußte genau niemand. Einige meinten, ein Jahr wohl. Aber er war fast nie zu Hause.
Er ließ sich den Mann beschreiben. Da geschah etwas Merkwürdiges. Schon über die Haarfarbe begannen die Leute zu streiten. Der eine gab ihm blaue Augen, der andere dunkle. Er war ein bißchen lang und mager und gekleidet wie ein Matrose. Er sah auch ein wenig aus wie ein Athlet. »Was war er denn? Was machte er?«
»Geschäftsreisender soll er gewesen sein!«
Es war sonderbar, dieser Georch war nicht in dem Haus angemeldet. Auf Wenks Liste stand er nicht.
Wenk fuhr ins Meldeamt und stellte dort mit Hilfe des Vorstehers fest, daß ein Bewohner des Hauses Georg Hinrichsen geheißen habe, gebürtig aus der Elbegegend. Daß er aber die Wohnung vor vier Wochen verlassen und sich nach Ravensburg abgemeldet habe. Die Wohnung war dann von einem Geschäftsreisenden bezogen worden, der sich Poldringer nannte. Es war Wenk klar, daß Hinrichsen und der Geschäftsreisende dieselbe Person waren. Vier Wochen waren es her, daß Hull die Unterhaltung mit Wenk gehabt hatte. Und Hinrichsen und Poldringer waren dieselbe Persönlichkeit und auch der Mörder oder wenigstens der Anführer der Mörder Hulls. Denn die Carozza hatte nach ihm um Hilfe gerufen.
Vielleicht stimmt die Richtung der Abreise Hinrichsens wenigstens. Der Bodensee lag in der Nahe von Ravensburg. Die Schweiz war erreichbar.
Wenk telegraphierte nach den Hauptorten am Bodensee, insbesondere an die Paßstellen.
Einige Stunden später rief Konstanz die Polizeidirektion an, ein Mann namens Poldringer habe sich hier angemeldet. Als Staatsangehörigkeit habe er Bayern angegeben, was dem Meldebeamten aufgefallen sei, weil der Mann einen ganz ausgesprochenen norddeutschen Dialekt redete. Die Polizei habe ihn deshalb beobachtet. Sie habe dabei festgestellt, daß er in den Kreisen der Leute verkehre, die im Verdacht stehen, Waren über die Schweizer Grenze zu schieben und zu schmuggeln. Er fahre öfter mit dem Lindauer Dampfboot. »Erwarten Sie mich bitte noch heute in Konstanz,« sagte Wenk zurück. »Schluß!«
Wenk machte sich gleich reisefertig. Er konnte vor der Nacht noch in Konstanz sein, wenn der kleine Schnellflieger seines Freundes, der ihm stets zur Verfügung stand, flugbereit war. Er telephonierte ihm.
Ja, das Flugzeug war bereit.
Um vier Uhr flog Wenk ab. Mit der niedergehenden Dunkelheit landete er auf dem Petershausener Flugplatz bei Konstanz.
Die Polizei bezeichnete ihm die Lokale, in denen die Leute verkehrten. Er kleidete sich um und ging als Chauffeur in eine dieser Wirtschaften, um dort zu Nacht zu essen. Er redete jemanden, den er für geeignet hielt, an. Er habe zwei Autos an der Hand, sagte er, und könne sich auch eine Art von Ausfuhrbewilligung verschaffen, wenn die allerdings nicht so genau angesehen werde. Aber wenn er einen oder besser zwei kouragierte Männer mithätte, so ginge es. Es seien einige Zehntausende zu verdienen. Denn die Autos seien noch vom Herbst 1918 gekauft und so lange verborgen gehalten worden. Es seien Prachtwagen von zwei Generälen.
Der andere überlegte nicht lang. Er werde es einem Freund sagen. Zu dreien könnten sie die Sache machen.
Sie gingen später in ein anderes Haus. Da käme der Freund hin. Sie saßen lange da. Aber er kam nicht. »Wie heißt er?« fragte Wenk. »Vielleicht kenne ich ihn?«
»Er nannte sich Ball. Über vielleicht hieß er früher anders. Wir haben hier alle ein bißchen andere Namen … hi-hi, du verstehst!«
»Ich verstehe,« sagte Wenk. Da wurde er blaß. Denn es kam ein Mann herein, in dem er den Chauffeur zu erkennen glaubte, der ihn im Gasanto nach Schleißheim geführt hatte. Es war alles auf dem Spiel. Wenks Maskierung war mangelhaft. Wenn nun der andere vielleicht der erwartete Ball wäre! Und er käme zu ihnen an den Tisch! Dann wäre es wahrscheinlich, daß er Wenk erkenne, und alles wäre aus.
Wenk wandte alle Kraft an, sich zu beherrschen, und versuchte durch Anziehen der Gesichtsmuskeln seine Züge zu entstellen. Er hatte sowieso von vornherein die Vorsicht gehabt, sich aus dem grellen Licht heraus in eine dunklere Ecke zu setzen.
Der andere ließ sich jedoch entfernt von ihm an einem großen Tisch nieder, an dem bereits eine Schar von jungen Burschen saß. Er kehrte Wenk wohl den Rücken, aber der Staatsanwalt wollte es nicht weiter wagen und verabredete auf morgen abend eine neue Zusammenkunft. Er ging rasch durch die Hintertür hinaus.
Er ging zur Polizei, sagte, wo er gewesen, und beschrieb den verdächtigen Mann. Der Kommissar holte einen Beamten. Der sagte, nach der Beschreibung scheine das der Poldringer zu sein.
»Können Sie mir Gewißheit darüber verschaffen? Noch in der Nacht? Nur bitte ich Sie vorsichtig zu sein, denn dieser Mann ist mit allen Wassern gewaschen!« drängte und mahnte Wenk.
Dann gehe er lieber nicht hin, antwortete der Beamte. Die Stadt sei klein und alle Angestellten der Polizei, selbst die, die nur in Zivil ausgehen, den Schiebern bekannt. Sein plötzliches Erscheinen könne Alarm geben.
»Ich muß mich dann gedulden. Sie wissen, wo er wohnt?«
»Ja!«
»So führen Sie mich gleich hin!«
Der Polizist brachte Wenk in eine Gasse, in der sich ein alter, schmutziger Gasthof befand, der sich nach hinten in viele Höfe verschachtelte. Wenk sah gleich, hier war ein Überfall schwer ohne großes Aufgebot an Mannschaften. Ein solches Aufgebot aber war in einer kleinen Stadt nicht rasch und geheim genug zu machen.
Gegenüber war das Lager einer Eisenhandlung. In diesem Lager verbrachte Wenk zusammen mit einem der Beamten, die Poldringer kannten, den nächsten Vormittag, hinter einem verstaubten Fenster verborgen.
Als um elf Uhr der Mann aus dem Gasthof kam, den Wenk für den Chauffeur des blondbärtigen Spielers hielt, stieß ihn der Beamte an und raunte ihm zu: »Das ist er, der Poldringer!«
Wenk sagte: »Es ist derselbe!«
Nachmittags war eine Zusammenkunft beim Kriminalkommissar. Wenk erklärte, es käme darauf an, nicht nur die eine Person, sondern lebend die ganze Gesellschaft auszuheben. Hier bestehe sozusagen nur die Unterabteilung des Münchener Generalkommandos. Und bevor man nicht den Leiter sicher in der Hand habe, sei es ziemlich wertlos, sich dieses Dutzend Angestellter zu sichern. Er rate, sich zuerst nicht durch die Belohnung von fünftausend Mark, die gegen seinen Willen ausgeschrieben worden sei, verlocken zu lassen, sondern, da man nun eines der Nester kenne, dieses gut zu überwachen. Das sei jetzt der sicherste Weg, an den Anführer der Bande zu gelangen. Nehme man jetzt den Chauffeur, so sei der Chef doppelt gewarnt. Und der sei eine der ganz großen Nummern der Kriminalgeschichte aus den letzten Jahrzehnten. Dann sei nicht nur Belohnung durch Geld, sondern Ruhm zu erwarten. Die Beamten versprachen das Ihrige zu tun.
Abends traf Wenk den jungen Mann, der die Autos schieben helfen wollte. Sein Freund sei verreist, sagte er. Die Geschäfte gingen nämlich so schlecht in der letzten Zeit. Die Schweiz sei übersättigt mit deutschen Waren, und die deutschen Behörden seien wieder etwas Meister geworden über den See. Man könne zum Hungern kommen. Aber er wisse, was er täte. Verhungern wolle er nicht. Und eher, als daß er sich durch Hunger aus dem Loch vertreiben lasse, verschreibe er seine Haut der Fremdenlegion. Da sei er wenigstens auch vor der deutschen Behörde sicher. Er könne in Ruhe fressen und in Freiheit sich erschießen lassen. Hier endigten doch alle im Kittchen!
Wenk fragte, wie er es denn anstelle, um in die Fremdenlegion zu kommen? »Das ist einfacher als jemals,« antwortete er. »Vor dem Krieg mußte man nach Belfort reisen. Das ist nicht mehr nötig. Ich kann mich hier anwerben lassen!« »Das läßt sich für den äußersten Fall merken,« sagte Wenk. »Und bei welcher Adresse?«
»Da brauchste nur zum Gasthof ›Zum schwarzen Stier‹ gehn und nach dem Poldringer fragen. Oder komm abends in die Wirtschaft, wo wir gestern waren. Da saß er. Er hat die janzen Küken an seim Tisch in' Topf jekriegt! Ich überlegt es mir noch, sagt ich ihm. Wenn unsere Töff-Töff-Sache klappt, hab ich's nich mehr so nötig. Aber nun ist der Ball nich aufzufinden. Der fingerte so wat jlänzend. Er wird sich wohl nach dem fettern Land drüben durchjeschlagen haben. Übrigens hat der Poldringer sich jestern abend nach dir erkundigt. Was? Du mußt auch ein Schwergewichtler sein. Er meinte, er kenne dir. Ich sagt ihm aber, du kämst von Basel. Du wolltest zwei Autos überschaffen. Dann sagt er: Dann ist er's doch nicht, der aus München! Ich dacht mir, einer kann in München jewesen sein und ist jetzt doch in Basel, wat?«
»Ich war nie in München,« sagte Wenk, »nein, er muß sich irren!«
»Ejal! Schieben wir nur unsere Autos jetzt, wat?! Sag, kannst du mir einen Grünen zulangen, als Abschlagzahlung?«
»Fuffzig?« fragte Wenk.
»Wenn es dir nich jenügt, kannste auch zwei losmachen!« »Einer genügt mir völlig!« Er gab ihm einen Schein aus der Westentasche.
»Du brauchst dich deiner Brieftasche nicht schämen, wenn sie auch en Loch hat!« sagte der andere.
»Für fuffzig Mark aus meiner Brieftasche kaufst du dir nicht mehr als für fuffzig aus meiner Westentasche.«
»No is jut! Wo wohnste?«
»Im Barbarossa,« sagte Wenk auf gut Glück.
»Kotznobel, aber wenn sie dir mal an die Hammelbeine wollen, da kommste nich durch, daß de's weißt! Geh lieber in den ›Schwarzen Stier‹. Da is man sich druff einjerichtet. Uffs Loslösen von die Jrünen! Spurlos, sag ich dir! Wie wechjeblasen, sag ich dir!«
Wenk flog am nächsten Morgen nach München zurück. Er fühlte sich reich. Die Reise, so hoch und von praller Kälte umstrudelt, gehoben von den raschen, glücklichen Erfolgen, stärkte sein Herz. Er zog an allen Leinen. Er hatte das ganze Geschirr in der Hand. Es lief auf ein großes Netz zu. Und er, der Fischer, war bereit und stark.
*
Eine Stunde, bevor Wenk hinter den blinden Fenstern des Eisenwarenlagers die Tür des »Schwarzen Stiers« zu überwachen begann, flog folgendes Gespräch durch die Fernsprechdrähte von Konstanz nach München: »Hallo, holla, hier Doktor Dringer. Wer da?«
»Holla, hier Doktor Mabuse! Bitte!«
»Der Kranke scheint sich hier aufzuhalten. Ich bin mir noch nicht ganz gewiß, daß er's war. Aber ich glaube ihn erkannt zu haben. Ich erbitte Anweisungen.«
»Das ist sonderbar! Gestern kurz vor vier Uhr wurde er mir noch in München gemeldet. Ganz zweifellos gemeldet. Um wieviel Uhr glauben Sie ihn gesehen zu haben, Herr Kollege?«
»Halb acht!«
»Der Schnellzug fährt erst um sieben und ist gegen elf in Lindau. Hätte er selbst ein Auto benützt, könnte er unmöglich um halb acht in Konstanz gewesen sein!« »Es ist möglich, daß ich mich verschaut habe, aber wenig wahrscheinlich. Ich gebe die Möglichkeit, daß es der gesuchte Geistesgestörte war, nicht aus der Hand.«
»Nein, auf alle Fälle, forschen Sie weiter. Wenn Sie sicher sind, so wenden Sie sofort, verstehen Sie, Herr Kollege, sofort die sichersten Mittel an.«
»Die eiserne Zwangsjacke, Herr Kollege?«
»Jawohl! Sie wissen, er ist gemeingefährlich. Berichten Sie weiter. Was machen die Nervenkranken?«
»Sie sind bereit, ins Sanatorium einzutreten. Übermorgen reisen sie ab.«
»Danke! Schluß. Empfehlungen, Herr Kollege!«
Mabuse ging erregt einige Male durchs Zimmer. Wie war das möglich, daß der Staatsanwalt, der gestern um vier Uhr noch in München war, um halb acht in Konstanz gesehen wurde? Täuschte sich Georg nicht?
Er kleidete sich als Dienstmann um und begab sich in die Amandastraße, wo Wenk wohnte. Er klingelte an seiner Tür. Der Diener öffnete. »Ist der Herr Staatsanwalt zu Haus?«
»Nein, er ist verreist. Geben Sie her!«
»Ich soll aber persönlich … Wann kommt er zurück?«
»Ich weiß nicht!«
»Ist er länger verreist, oder könnte ich vielleicht am Nachmittag den Brief abgeben?«
»Der Herr Staatsanwalt hat nichts hinterlassen.«
»Ho, ich kann mich wohl auch auf Sie verlassen,« sagte dann der Dienstmann. »Sie geben den Brief ja so sicher ab wie ich, was?«
»Natürlich! Geben Sie her!«
Der Diener las rasch die Adresse. Aber sie lautete: An Herrn Staatsanwalt Dr. Müller. »Sie sind ja überhaupt falsch. Hier wohnt Herr Staatsanwalt von Wenk.«
»Ach der Herrgott! Da hat man mir eine falsche Nummer genannt. Ich sag' ja immer: aufschreiben, Herrschaften. Jetzt heißt's wieder, ich hab's falsch behalten! Also, wo wohnt denn nun der Staatsanwalt?«
»Da ist nichts zu machen! Also wieder zurück! Adieu!«
Der falsche Dienstmann ging und wußte halb nur, was er wissen wollte. Unterwegs aber wurde ihm Erleuchtung. Ja natürlich, sagte er sich, er ist im Flugzeug hingeflogen. Und ich weiß wohl, weshalb …
Den Bruchteil eines Augenblicks wurde es ihm dunkel vor den Augen. So traf ihn diese Entdeckung. Er maß zum ersten Male seinen Gegner. Diese Mittel hatte noch niemand gegen ihn angewandt. Georg hatte die entlassenen Schmuggler noch nicht abgeschoben. Ob durch einen von ihnen die Reise nach Konstanz so hastig veranlaßt wurde? Hatte sein, Mabuses, Überwachungsdienst versagt? Es war jedenfalls gefährlicher als jemals zuvor. Denn es waren mehrere Agenten der Fremdenlegion entlarvt und verhaftet worden.
Wenn Wenk die ganze Gesellschaft einsperren läßt, kann einer so viel verraten, daß die Wellen bis an mich heranschlagen. Ich bin zum erstenmal nicht mehr sicher. Ich werde ihn beiseite schaffen … Weshalb hat Georg ihn durchgehen lassen, sobald er nur im Zweifel war, es könnte der Staatsanwalt sein? Der Teufel hole die Menschlichkeit, mit der wir ihn in Schleißheim laufen ließen! Früher lebe ich nicht mehr, als bis er fort ist, bis er ausgetilgt ist!
Ich werde meine Flucht gleich vorbereiten. Ich werde über die Schweizer Grenze fliehen, wenn ich bis acht Uhr nicht weiß, ob Georg nicht verhaftet ist.
Wo hat ihn Georg gesehen? Wenn ich das wüßte! Darauf kommt alles an!
Ungeduld, friß mich! Ich habe Fieber vor Haß auf diesen Störer. Wenn ich mein Fürstentum Eitopomar nicht erreiche!
Dann ging Mabuse in seine Wohnung zurück. Er hatte ein Paket unter dem Arm für sich selber. Auf alle Fälle! Wenn sie vielleicht heimlich im Innern schon von der Polizei besetzt war, war er ein Dienstmann, der etwas abzugeben hatte. Es waren Zigarren in dem Paket. Aber die Wohnung war leer, und rundum war alles unverdächtig.
An diesem Abend verließ Mabuse sein Haus nicht mehr. Es war sicherer, daß er vom Fenster aus selber sah, wer zu ihm kam, als daß in seiner Abwesenheit jemand eindrang und am Fenster auf ihn warten konnte. Er war doch für alles bereit!
Er verbrachte den Abend damit, seine Vermögensaufstellung zu überprüfen. Zu der Summe, die er zu brauchen berechnet hatte, fehlte ein halbes Jahr Arbeit noch in Deutschland. Dort kannte er das Terrain. Überall anderswo mußte er mindestens ein Jahr dransetzen, bevor er von neuem beginnen konnte. Seine Sprachkenntnisse hätten ihn sowieso nur auf ein angelsächsisches Land beschränkt.
Ein halbes Jahr. Er trommelte das in sein Hirn, sein Herz, sein Blut.
»Ich bleib' es!« sagte er laut in das einsame Zimmer, und es war ihm, als hörte er wie einen Hammer auf Eisen den Trotz durch sich pochen, der ihm diesen Entschluß eingab.
Er wurde am nächsten Morgen um halb acht dringend von Konstanz angerufen. »Doktor Dringer! Herr Kollege, ich muß mich geirrt haben. Nichts mehr zu sehen. Habe alles mobil gemacht. Die anderen Patienten sind zur Abreise vorbereitet.«
»Schade, Herr Kollege! Läuten Sie abends nochmals an!«
»Hund!« knirschte Mabuse durch das Fenster in die Stadt hinaus, in der Wenk mit ihm wohnte. »Und wenn es nur für diese halbe Stunde der Unsicherheit wäre, so gehst du um die Ecke! Das erstemal ist es durch einen Zufall mißlungen. Das zweitemal wird es keinen Zufall mehr geben.«
Mabuse verließ das Haus und ging zu Fuß davon. Er begab sich in eines der modischen Hotels und fragte nach Herrn Generaldirektor Hungerbühler.
Jawohl, er sei da. Zimmer 115.
Als Mabuse in das Zimmer eintrat, ohne geklopft zu haben, war es leer. »Spoerri!« rief er leise.
Da öffnete sich eine Schranktür, und Spoerri kam heraus.
»Wenk scheint in Konstanz zu sein. Georg hat es mir grade telephoniert. Aufpassen! Was macht die Carozza im Gefängnis?«
»Es wäre doch gut, wenn wir sie der Beseitigungskommission überwiesen! Ein toter Mund ist sicher!«
»Nein, habe ich gesagt. Ihr lebender ist mir sicherer als ihr toter,« entgegnete Mabuse heftig.
»Ich habe auf alle Fälle Verbindungen mit einem Wärter begonnen.«
»Wozu?«
»Um sie herauszuholen, wenn sie leben bleiben soll!«
»Esel!« rief Mabuse unterdrückt. »Ich sage: sie ist sicher, wo sie ist. Wenn man ihr mit den Eisenstäben der Gitter die Lippen aufbricht, redet sie nicht. Lassen Sie diese Dummheiten! Sie kommt heraus, wenn ich Europa verlasse, eher nicht! Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß ich für Wenk noch einen Monat Zeit lasse. So lang, damit sicher gearbeitet werden kann. Merken Sie sich das Datum. Keinen Tag länger!« Dann ging er wieder, fast ohne Gruß.