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9

Es regnete noch, als Jo nach Hause ging.

»Das ist gut«, sagte Jo, »das ist gut …«

Es war kein trockener Faden an ihrem Leibe. Schirm und Mantel zu nehmen, hatte sie abgelehnt. Der Brief von Tilly war im Hut geborgen, der zusammengerollt unter der Jacke im Rockbund steckte. Sie wollte sich baden im Gewitterregen. Das Haar lag glatt und gestrafft wie eine Fliegerkappe um den Kopf, der, mit offenen Lippen atmend, die ungestüme Reinheit der Regenluft in sich trank. Das große, gleichmäßige Rauschen des Regens, der Tannen und Ulmen überschüttete, verlockte den Mund, dagegen anzusprechen.

»Das ist gut … das ist gut …«

Man war versucht, zu erproben, ob diese rauschende, von quellenlosem Licht durchperlte Regenluft nicht stark genug sei, einen Menschenkörper zu tragen, wenn er in ihr die Arme zum Schwimmen ausbreitete und in sachtem Abstoß sich von der Erde trennte. Jo hob die Hände mit einer sich ganz hingebenden, von jeder Schwere erlösten Bewegung voll zärtlicher Langsamkeit. Ihr Kopf lag tief im Nacken. Ihr erhobenes Gesicht empfing die kühle Wärme des Regens mit Stirn und Wangen, mit Augenlidern und mit Lippen, die lächelten, als küßten sie sich, die Frau und der Regen, als feierten sie eine geheimnisvolle, an Süße nur ihnen bekannte und nur ihnen mögliche Vermählung.

Aber als die Regentropfen ihre Ohrmuscheln kitzelten, brach sie in Lachen aus und schüttelte sich wie ein nasser Hund, und dann kamen mit lautem Geschrei und durchdringendem Jammern ihre Mädchen vom Haus her gelaufen, kopflos in den Regen hinein, ohne Schutz für sich und die Frau, als treibe sie ein närrischer Ehrgeiz, nun ebenso naß zu werden, wie Jo es war.

»Ins Haus, ihr Hühner!« rief Jo, in die Hände klatschend. Das besorgte Gegacker der Mädchen vermochte nicht, sie zur Eile zu bewegen, obwohl das Wasser aus ihren Schuhen schwappte. Vom Kuß des Regens wunderbar berauscht, gab sie sich ganz der Beglückung des Heimgehens hin und zögerte das Ende des Weges hinaus, anstatt es zu verkürzen.

Wie gut das war, heimzugehen! Wie gut das wartende Haus! Wie gut, zu denken, daß man die Tür hinter sich zuschließen konnte, Gastfreundschaft nur dem gewährend, den man selber rief. Das Lächeln des Willkomms unverzerrt, die schöne Gebärde der entgegengestreckten Hand nicht leer noch verlogen, sondern beglückt und beglückend durch die Wahrhaftigkeit des Herzens, das den Impuls dazu gab.

Haus! Haus! Ich liebe dich! sagte Jo, als sie sah, wie die roten Geranienblättchen vor ihren Fenstern unter den Silbertropfen des Regens nickten.

»Wünscht euch etwas, ihr Mädchen!« sagte sie fröhlich.

Das Haus umfing sie.

Die warme Dusche umbrauste ihre Haut. Sie stellte sie plötzlich auf kalt. Die Mädchen schrien, mit den gewärmten Tüchern in die Ecken flüchtend. Das Wasser war Quellwasser, hatte knapp zwölf Grad. Auch Jo mußte schreien. Sie beugte sich vor und zurück, empfing das Wasser, einen Sturzbach von eisigen, aufgelösten Aquamarinen, mit jedem Quadratzentimeter ihrer zitternden, sonnenbraunen Haut. Und endlich doch in die Flucht geschlagen, lachend, betäubt, vom Kopf bis zu den Füßen summend wie eine starkschwingende Saite, fiel sie in die Arme ihrer scheltenden Mädchen, dankbar und faul sich ihnen überlassend.

Wie es regnete! Wie es regnete! Es klang und sah aus, als sei der Regen heute erst auf seine eigene Schönheit gekommen und könne sich nicht davon trennen. Jo sah ihm zu, auf dem Holzaltan stehend, ganz Atem, ganz Liebe zum Jetzt.

Was hinter ihr lag, hatte weh getan. Es war vorbei. Der Regen hatte es mit fortgespült. Die Erde schluckte es ein und begrub es in ihren guten, verwandelnden Krumen. Als irgend etwas würde es auferstehen. Als irgendeine überwindende Kraft … eine Wurzel vielleicht … vielleicht ein Wassertropfen …

Plötzlich fühlte Jo: ein Mensch sah sie an.

In ihre milde Gemeinschaft mit sich selbst und mit den Dingen, in das wärmend Kühle, kühlend Warme der wesenvollen Natur, die vollkommen und selbstverständlich war und ganz ohne Schmerz, stahl sich der Blick eines Menschen, der – nicht fern, nicht nah, mit halblautem Ruf noch eben zu erreichen – unbeweglich im Regen stand und sie ansah.

Im Augenblick, da sein Bild in ihr Bewußtsein vordrang, wußte Jo: da hatte der Mensch schon gestanden, als sie heimkam. Da führte der schmale Pfad, den nur Bauern und Jäger gingen, mitten durch ihre Wiesen bergauf, um sich jenseits des Waldes hoch oben im Fels zu verlieren. Der Mensch, der da stand, war weder Jäger noch Bauer. Er trug eine Regenhaut und einen durchweichten Hut, darunter ein Bartgesicht und den Körper von einem, den fröstelt. Er mochte sehr müde sein, aber nicht erst vom heutigen Tage. Rund um ihn her erschien der Regen als eine gegen den einzelnen Menschen gerichtete Unfreundlichkeit, auf die er nicht einging, weil ihm Unfreundlichkeiten von herberer Art vertraut waren.

Jo, warmfrottiert, gefönt, in trockenen Kleidern und Schuhen, unter dem schützenden Dach, das sie liebte – Jo ging bis zur Treppe.

»Aber kommen Sie doch herein!« rief sie, und es war ein Ton von freundlicher Ungeduld in ihrer Stimme. Ein Mensch, der im Regen stand – vor ihrer Tür! Sie wartete auch nicht ab, ob er ihrem Ruf gehorchen würde, denn das schien selbstverständlich. Sie lief in die Diele und kauerte sich am Kamin auf die roten Fliesen, um den schon geschichteten Scheithaufen anzuzünden. Beschäftigt und von den aufknisternden Flammen geblendet, bemerkte sie das Eintreten des fremden Menschen nicht, bis das Gefühl, ein unendlicher Schatten erfülle plötzlich den Raum, sie veranlaßte, noch auf den Knien sich umzuschauen.

Der fremde Mensch stand in der offenen Tür. Er hatte den Hut noch auf, den Mantel noch um. Sein Gesicht war nicht zu erkennen. Als der Blick der knienden Frau sich ihm zuwandte, nahm er langsam den Hut vom Kopf. Ein zerfranster Heiligenschein vorzeitig ergrauten, schütteren Haares umgab einen Schädel, der zu zwei Dritteln aus Stirn zu bestehen schien.

»Legen Sie doch ab!« sagte Jo und kniete noch immer am Feuer. »Sie müssen ja ganz durchweicht sein, trotz der Regenhaut.«

Sie wollte noch weiter sprechen, aus dem harmonischen Hort ihrer Eintracht mit sich und dem Tag freundliche, gute Worte für den fremden Menschen hervorholen. Aber ein Gefühl, dessen Ursprung sie nicht zu nennen vermocht hätte, schloß ihr mit sanfter Strenge unerbittlich den Mund. Sie fühlte, während sie sich leise erhob und der fremde Mensch den triefenden Hut und den Mantel über gekippte Stühle des Altans hängte: zu diesem Manne sprechen war gleichbedeutend mit einem Schwerverwundeten die Hände schütteln. Stille war nötig. Leise sein. Schweigsamkeit.

Auf lautlosen Füßen ging sie zum Teetisch und schaltete den Wasserkessel ein. Vor seiner gewölbten Blankheit stehend, sah sie darin verzerrt und grotesk verspiegelt das Tun des Mannes. Er kam fast tappend herein. Seine Hände froren. Er rieb sie, doch so verstohlen, als sei schon diese Gebärde zuviel an Gegenwartsäußerung von ihm. Er war nicht sehr groß noch breit, aber er schien, was an Größe und Breite ihm zugeteilt war, noch selbst zu beschränken durch seine sich engende Haltung. Er kam bis zur Mitte des Raumes. Da blieb er stehen und schaute sich zögernd um. Dann ging er, mit jedem Schritt um Erlaubnis für den nächsten fragend, gleichsam erstaunt, daß sie ihm bewilligt wurde, auf den Kamin zu und blickte ins Feuer.

Jo wandte sich um.

Sie wollte sagen: Setzen Sie sich doch! Sie sagte es nicht. ›Laß ihm Zeit!‹ sprach ihr kluges und großmütiges Herz. Das trug seinen Sieg davon. Nach langen Minuten, in denen das Feuer seine maßlose Heiterkeit, seine Helle und Wärme zu dem Fröstelnden hinaufgeschickt hatte, setzte er sich – nicht, als täte er es selbst, sondern niedergezogen und nachgebend auf den äußersten Rand eines Stuhles, faltete die Hände zwischen den Knien und neigte sich gegen das Feuer, dem er die nassen Schuhe näher und näher schob.

Jo bereitete den Tee. Sie versuchte, den Mann einzuschätzen. Zucker? Ja. Nichts an ihm deutete auf einen Raucher. Wenn er rauchte, würde es eine verstohlene Zigarre sein, das Symbol der Männer, die jenseits der Zigarette, des feinen Erotikons aus Tabak, stehen. Männer, die Zigarren rauchen, träumen von Beschaulichkeit, von In-Ruhe-gelassen-Werden, von reichlichem Auskommen, von Geschäftserfolgen – wenn es eine Importe ist (die hier gar nicht in Frage kam), sogar von Überfluß –, kurz, von allen guten Dingen des Lebens außer von Küssen. Also kein Raucher. Darum wahrscheinlich ein Freund von Süßigkeiten. Folglich Zucker in den Tee. Aber nicht zuviel, denn jenseits von zwei Stücken fing für diese Schuhe und für diese Krawatte schon die Verschwendung an. Zitrone? Nein. Zitrone gab es im Reiche dieses Mannes nur als heiße Limonade gegen Erkältung, falls deren Auswirkung in Hustenform die Umgebung störte. Also keine Zitrone. Nichts, sozusagen, aus der Apotheke. Hingegen Rum. Rum war gewiß das Freundliche, das erwärmende Mehr über dem Notwendigen. Also Rum in den Tee. Nicht soviel, daß die Lyrik der kleinen Teeblätterseelen darin ertrank, aber genug, um diese kleinen Seelen in einen zärtlichen Schwips zu versetzen.

Dies schien Jo eine mit Logik komponierte Tasse Tee zu sein.

Sie brachte sie dem fremden Mann zum Kamin. Sie stellte sie ohne Wort auf den kleinen Glastisch ihm zur Hand. China und Jamaika dufteten süß beschwipst durch den Waldruch des harzigen Holzes im Kamin. Der Mann hob den Kopf. Aber Jo war schon wieder fort. Warum sollte er sprechen müssen …

Sie setzte sich still ans Fenster. Sie nahm kein Buch zur Hand – (ich möchte jetzt nicht gestört sein) – sie nahm keine Arbeit zur Hand – (sieh her, wie tüchtig ich bin) – sie saß in atmender Ruhe, die Hände im Schoß, gegen das Grün des Gartens, das der Regen zum Silbergrau dämpfte.

Der fremde Mensch nahm die Tasse, aber er trank nicht. Er hielt die durchwärmte Form in beiden Händen; es war eine Gebärde verwunderter Dankbarkeit. Jo dachte: Wie gut, daß er zum Essen und Trinken die Lippen öffnen muß, sonst wären sie ihm vielleicht schon zugewachsen.

Nie hatte sie einen Menschen gesehen, den inbrünstiger nach Schweigsamkeit zu verlangen schien als diesen Mann, den ein Gewitterregen zu ihrem Gast gemacht hatte.

Nun trank er. Langsam. In unverhehltem Genuß die Augen schließend. Schluck. Und wieder ein Schluck. Der Tee war gut erklügelt, das merkte die Frau. Nun die Tasse zurück auf den Tisch. Sparsam sein mit dem Köstlichen. Natürlich, es konnte noch eine zweite geben, aber die zweite war die zweite. Und die erste war das Wunder aus Wärme, Süße und Duft, aus Gastlichkeit und Verstehen.

Wie die gute Stille den ganzen Raum erfüllte. Nur das Feuer sprach mit dem Regen, der draußen bleiben mußte.

Der Fremde atmete tief …

War er eingeschlafen?

Nein. Seine Augen standen offen und groß. Es waren Augen, die sich den Tag hindurch auf sein Ende freuten und nachts nicht schlafen konnten. Es waren Augen, die seit Jahren und Jahren auf Dinge blicken mußten, die böse zurückblickten. In diesem mageren Schädel saß ein Gehirn, das seit Jahren und Jahren auf dem Umweg über das wehrlose Ohr Dinge aufnehmen mußte, die es zersetzten. Dieser Mund war stumm geworden, aber erst, nachdem seine Zunge und seine Lippen sich bis aufs äußerste an Bitten und Argumenten erschöpft hatten. Lächeln? Wie fremd … Lachen? Wie macht man das? Nur eins war vertraut und geübt bis zur Vollkommenheit: das eigene Schweigen. Das eigene große Verstummtsein.

Der letzte Schluck aus der Tasse.

Sollte sie aufstehen und ihm eine zweite bringen? Nein. Nichts wiederholen. Der fremde Mensch am Kamin litt weder Hunger noch Durst. Er fror auch nicht. Er brauchte nur Stille. Das Wunder der Stille. Und das umgab ihn. Jo bewachte es.

Der Tag war des Regens müde. Er schickte ihn fort. Die Nebel sanken, und Wind bedrängte sie. Die Ulmen rauschten und schüttelten ihre Blätter, die schon im kommenden Licht zu funkeln begannen. Jo dachte an Tillys Brief. Eine Amsel lief über den Weg, nach Futter suchend. Ihr Schnabel war so goldgelb wie ein reifes Maiskorn.

Plötzlich war Sonne an einem tiefblauen Himmel.

Leise erhob sich Jo und ging aus der Diele.

Als sie nach einer halben Stunde zurückkam, war das geschehen, was sie sich und dem fremden Menschen gewünscht hatte: Er war gegangen. Nichts zeugte von seinem Dagewesensein als die Dinge: ein zurückgeschobener Stuhl; eine leere Tasse; ein erloschenes Feuer. Ein Mensch war hereingekommen und wieder gegangen. Und niemand außer ihm hätte zu sagen vermocht, um wieviel reicher er sein Herz davontrug, als er es hereingetragen hatte.

Der nächste Tag ging ohne ihn vorüber. Aber am dritten war er wieder da. Jo, die im Garten saß und an Tilly schrieb, hörte die kleinen grauen Steine des Weges unter zögernden Schritten knistern und wußte: Nun kam er, der fremde Mensch. Sie hob die Augen und sah dem Mann entgegen.

Da stand er, den Hut in der Hand. Aus seinem der Sonne und Jos Augen preisgegebenen Gesicht war unverhehlbar in trauriger Ehrlichkeit zu lesen, was es den Mann an Kraft gekostet hatte, einen ganzen Tag und darüber dem Garten, dem Haus und der Frau fernzubleiben.

Jo lächelte nicht einmal. Ein Lächeln, schien ihr, wäre schon zuviel Belastung gewesen. Sie zeigte dem fremden Menschen den Frieden ihres Gesichts nur eben so lange, daß er erkennen konnte, sie nahm sein Dasein zur Kenntnis und blieb in ihrem Frieden unbeirrt. Dann nickte sie, als sei es gut und selbstverständlich, daß er gekommen war, und fuhr im Schreiben fort. Doch zwischen Satz und Satz folgten ihre Augen ihm nach, und sie sahen, wie der fremde Mensch auf eine sehr langsame und immer auf Ablehnung vorbereitete Art mit ihrem Garten Bekanntschaft schloß.

Er stand in der Sonne, noch immer den Hut in der Hand. Er war ja ein Fremdling und vielleicht ein Bittender. Alle Dinge um ihn schienen reicher zu sein als er.

Da waren Bäume mit zarten Nadeln, schlanke, sehr hohe Bäume, nach den Gesetzen der Jahre die Äste breitend. Sie schienen geschaffen, auf den Spitzen ihrer Wipfel die Sterne der Nacht zu tragen, wenn die Drosseln ihr letztes Lied gesungen hatten.

Da waren andere Bäume, große, herrliche Bäume mit zackigen Blättern. Es war sehr köstlich, in ihren Schatten zu treten. Sie atmeten Kühle, Schutz und Kraft aus, diese Bäume, deren goldgefleckte Stämme an der Wetterseite dicht mit smaragdgrünem Moos bewachsen waren. Man konnte ganz nahe an sie herantreten; man konnte sie mit den Händen anrühren; man konnte die Stirn an die glatte Rinde pressen – lange … wenn man den Mut dazu fand. Aber den fand man freilich nicht bei der ersten Begegnung.

Da war ein Brunnen. Fließende Ewigkeit. Man konnte die Hand hineintauchen. Man konnte, Wunder der Wunder, mit Menschenhand aus dem Brunnquell des Ewigen schöpfen, mit Menschenhand davon trinken. Aber noch nicht. Noch nicht. Noch war man nicht so vertraut. Noch war nur die Sehnsucht nach solcher Vertrautheit in dem Fremdling, der mit Jos Garten Bekanntschaft schloß.

Jo pflegte keine langen Briefe zu schreiben. ›Das Haus steht auf dem alten Fleck und wartet auf Euch. Ich auch. Wann kommt Ihr? Ich liebe und grüße Euch beide. Jo.‹

Das hatte sie schreiben wollen und auch geschrieben. Der Brief war fertig, doch sie schrieb noch immer, Worte sinnlos aneinanderfügend …: blauer Himmel, weiße Wolken, Schwalben am Dachfirst, Malven, Bienen, der Zug pfeift, Echo, Marienkäfer … nur um den fremden Menschen nicht scheu zu machen auf seinem Weg zu den Dingen, nur um ihn glauben zu lassen: du störst mich nicht. Erst als sie ihn, versunken wie ein Beter, in Andacht vor den Bienenstöcken sah, erhob sie sich leise und trug ihren Brief ins Haus, ein gutes, wenn auch ein wenig verwundertes Gefühl im Herzen mit sich nehmend.

Von nun an kam der Fremde jeden Tag, aber niemals zu der gleichen Stunde. Jos Wachsamkeit, die ihn mit vorsichtiger Neugier umtastete, glaubte zu verstehen, warum: er suchte das Gesicht der Stunden zu ergründen wie zuvor das Gesicht der Dinge, und er warb auf die scheueste und sehnsüchtigste Art um ein Lächeln auf den Gesichtern der Stunden, von denen er bisher vielleicht nicht einmal geahnt hatte, daß sie auch lächeln konnten.

O heilige Stunde, wenn der junge Morgen das Wunder des Sonnenaufgangs zelebrierte! O große Stunde, wenn der Abendhimmel, ein selbst ergriffener Priester, das Gloria in excelsis an die Wolken schrieb! O betäubende Stunde des Mittags, Stunde Pans, wenn die Hitze als flimmernder See über den regungslosen Wäldern schlief und die Blumen ihren Atem so maßlos verströmten, daß man glaubte, ihr Duft müsse sichtbar wie der Atem glühenden Weihrauchs aus den weit aufgetanen Kelchen wölken.

Und die Stunden der Nächte folgten den Stunden der Tage, diese azurnen Stunden ohne Dunkelheit. Das erregte Gefunkel der Sterne schien jede Sekunde bereit, vom Himmel herab auf die Erde zu springen, und die Berge hielten den funkelnden Himmel fest, ihn zu sich zwingend in den heimlichen Stunden zwischen Mitternacht und Hahnenschrei.

Jo hörte die Schritte des fremden Menschen in ihrem Garten. Eine kleine Weile lag sie still, als hätte sich eine Hand auf ihr Herz gepreßt. Dann setzte sie sich auf im Bett und sah, die Arme um die hochgezogenen Knie geschlungen, zu dem kleinen Fenster hinüber, das offenstand und in seinen dunklen Scheiben die Sterne des Himmels spiegelte. Sie fühlte ihr Herz schlagen in einer unerklärlichen, schweren, süßen Traurigkeit, während sie auf diese mutlosen, an irgendeiner Sehnsucht krankenden Schritte lauschte, die um ihr Haus her irrten in der Nacht. Zuletzt erhob sie sich, öffnete lautlos die Tür ihres Schlafzimmers und lockte Hüter, den Hund, herein, der von seiner Matte in der Diele aufgestanden war und mit einem ungewissen Wedeln gegen den Garten horchte. Nichts sollte den fremden Menschen da draußen stören, nicht einmal die tolerante Wachsamkeit des Hundes, der ihn kannte und noch nicht liebte, aber duldete.

Die Hand auf dem Kopf des Hundes, lag sie dann unbeweglich, die Augen blicklos gegen das braune Holz der Decke gerichtet. Der erste süße Drosselschlag drang noch in ihr stilles Herz, das nun von einem milden Glück erfüllt war. Dann fielen ihr die Lider zu.

Am Morgen kamen die Mädchen zu ihr gelaufen. Die Sonne stand noch jenseits der hohen Berge; der Tag war noch knospenjung, war strahlend schön. Die Mädchen hatten den fremden Mann gefunden, wie er im Gartenzimmer lag und schlief.

»Ich hoffe, ihr habt ihn nicht aufgeweckt!« sagte Jo.

Sie sah die Augen der Mädchen auf sich gerichtet, verwirrt und liebend, bereit, auch da zu gehorchen, wo sie nicht begriffen; doch sie begriffen bald. Das ganze Haus schlich auf Zehenspitzen, bis der fremde Mann erwacht war und ohne Gruß noch Dank noch Abschied seines Weges ging.

Jo rief den Hund zurück, der ihm folgen wollte. Da wandte der Mann sich um, und sie sah sein Gesicht. Es war nicht mehr das Gesicht des Mannes, den sie aus stürzendem Gewitterregen zu sich ins Haus gerufen hatte. Niemals zuvor, dachte Jo, hatte sie einen erlösten und entrückten Menschen gesehen, bis dieser Mann an diesem gesegneten Morgen sich zu ihr wandte und sie ihm in die Augen sah. Sie gab ihm ihr gutes Lächeln mit auf den Weg; dann trat sie ins Haus zurück. Aber er, tief atmend, daß seine von Klammern befreite Brust sich hob, ging zum Brunnen und bückte sich zu ihm – oh, mit dem Brunnen war er schon sehr vertraut! – und seine Hände füllend mit der strömenden Frische, trank er aus seinen Händen die Kühle des Morgens, das Quellblut der Ewigkeit, die Güte der Welt. Dann richtete er sich auf, und seine Hand lag einen Augenblick lang auf dem Rande des Brunnens, und diese Gebärde wirkte, als hätte er sein Herz auf den Brunnenrand gelegt, hoffend, daß sie, der es vermeint war, kommen und es an sich nehmen würde.

Drei Tage später war Jo auf den See hinausgerudert, als ihn das erste Abenddämmern schon mit feinem Duft aus Silberblau behauchte. Das letzte der starken weißen Motorboote hatte die letzten wandermüden Menschen vom südlichen Ufer geholt; das Tucken der letzten Maschinen war verstummt.

Nun wurde der See erst schön, und das wußte Jo.

Kein Menschenlaut, kein Lied, kein Lachen mehr, kein Schuß, das Echo zu wecken, kein Hörnerruf. Nur Stille. Stille. Tiefste Einsamkeit. Unhörbar stäubten die Wasserschleier der fernen Bäche zum See hinab, der grün war wie Malachit. Ohne Regung standen die Wälder der Falken- und Rabenwand. Nichts, nichts war zu hören als das zärtliche Wispern der kleinen Wildenten, die, braune Federbällchen mit gelben Füßchen und Augen wie schwarze Diamanten, eilfertig hinter ihren Müttern herruderten, um nach den Brotkrumen zu haschen, die Jo für sie ausstreute.

Hüter beobachtete sie, den schönen Kopf auf den Rand des Bootes gelegt, ohne daß auch nur ein Zucken seiner Ohren verriet, was diese großmütige Neutralität ihn kostete. Aber plötzlich hob er den Kopf und windete nach dem Ufer; und dann klopfte seine buschige Rute freundlich gegen die Bootsplanken.

Jos Augen brauchten länger als die des Hundes, um die Gestalt des Mannes aus dem Gestein zu lösen, in dem er pfadlos, seltsam verloren stand. Er rief nicht, er winkte nicht, er stand nur da. Jo sah zu ihm hinüber. Sie zögerte lange. Als sie endlich die Ruder nahm und zum Ufer lenkte, lag auf ihrem braunen Gesicht ein tiefer, fast strenger Ernst, nur durch Schönheit gemildert.

In einer wunderbaren Ergriffenheit sah der Mann dem Boot und der Frau darin entgegen. Sie richtete ihre stillen Augen auf ihn. Ihre Lippen formten:

Wenn du schweigen willst wie bisher, du fremder Mensch, dann komm! Da sah sie, daß er die Hände gefaltet hatte, und ihre Worte blieben ungesprochen. Mit der Linken in das unterwaschene Gewurzel eines Baumes greifend, hielt sie das schwanke Boot im Gleichgewicht, aber sie streckte die Rechte nicht aus, um dem Manne zu helfen. Sie wartete, bis er ihr gegenübersaß, dann trieb sie das Boot von neuem zur Mitte des Sees.

Hüter lag zufrieden zwischen den beiden Menschen und hatte den Kopf auf die Füße des Mannes gelegt.

Der Mann saß still, schien nicht einmal zu atmen. Sein Gesicht, das zu den Bergen erhoben war, trug den Ausdruck einer so ekstatischen Inbrunst, daß es aussah, als müsse diese Ekstase die Form des Menschen, der sie in sich trug, zersprengen. Er glich einem Beter, der Gott ein Leben lang vergebens gerufen hat und im Augenblick des letzten Verzichts hört, wie die Stimme Gottes ihm Antwort gibt: Hier bin ich!

Noch brannten die Gipfel der Berge ringsum in männlichem Feuer, und der Spiegel des Steinernen Meeres tauchte in nie erfüllter Sehnsucht nach dem Geheimnis des smaragdenen Wassers. Aber je tiefer die Schatten des Abends wurden, desto zarter schienen sich die Formen der Berge vom Irdischen loszulösen, desto schwebender griffen die schimmernden Gipfel nach dem unendlichen Himmel, dem makellosen.

Die Fische sprangen.

Jo zog die Ruder ein; von dem braunen Holz fielen Tropfen mit leisem Klingen zurück in den See.

Das Brennen der Berge erlosch. Es wurde Nacht. Das Boot lag unbeweglich, vom Schweigen umschlossen, auf dem Spiegel des nächtlichen Himmels und seiner Sterne.

Der Mond kam über die Berge, den schlafenden See mit seinem frommen Glanze übergießend. Die fast unmerkliche Trift des Wassers trug das Boot, in dem die beiden schweigenden Menschen saßen, wie auf dem nicht fühlbaren Strom der Minuten und Stunden dem nördlichen Ufer zu.

Jo nahm die Ruder und lenkte das Boot an der schlafenden Insel mit dem steinernen Heiligen vorbei nach dem Steg am Bootshaus, das ihr gehörte. Musik und Licht war über dem Landeplatz, und Menschen lachten, weil sie fröhlich waren. Jo hielt das Boot mit der Hand am Pfosten fest. Das Boot hieß: ›Du und Ich‹. Der Mann stieg aus. Jo wartete noch, die Ruder unbeweglich, denn sie wollte das Boot verwahren, doch nicht, daß der Fremde ihr half. Der Mond lag auf ihrem Gesicht. Sie sah zu dem Manne auf, der gebückt und dunkel, ein Schatten gegen Himmel- und Erdenlicht, am Ufer stand.

Nun sprach er doch. Er sagte:

»Gute Nacht …«

»Gute Nacht«, sagte Jo.

Er hob mit einer kleinen scheuen Gebärde die Hand und ließ sie auf halbem Wege wieder sinken. Aber Jo begriff, daß er, wie damals am Brunnen, in dieser Hand sein Herz gehalten hatte, um es ihr zu geben.

»Danke!« sagte er leise. Und noch einmal: »Danke!«

Dann ging er und schien auf seinen Schultern und Armen eine Last von Glück zu tragen – eine so große Last von Glück, daß er darunter schwankte und zitterte.


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