Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Josy Ebenezer war mit dem Flugzeug von Wien gekommen. Tilly holte ihn mit Vollrath vom Landeplatz in Reichenhall ab.
Sie trug einen Strauß von kleinen, bunten Bauernblumen aus Jos Garten in der Hand, aber als der Mann in seiner breiten Größe, fast gewalttätig in seiner breiten Größe, auf sie zu kam, ohne Eile, auf dem sonderbar blutlosen Gesicht einen Doppelausdruck von Zerstreutheit und Enttäuschung, fiel ihr das Lächeln, das ihn begrüßen sollte, ins Herz zurück, und die Blumen blieben in ihren hängenden Händen.
Sie fuhren.
Der Ausdruck des Enttäuschtseins im Gesicht des Mannes steigerte sich zur Verdrossenheit.
»Ich habe, offen gestanden, von deinem Gestammel am Telefon nur die Hälfte begriffen«, sagte er und brach wieder ab.
Tilly blickte auf die Blumen in ihren Händen. Ihre Lippen formten: du pflegst ja gewöhnlich auch nur halb hinzuhören, wenn ich mit dir rede. Aber Jos Stimme warnte in ihren Ohren. Jo hatte gesagt: alles Schlimme in der Welt kommt daher, daß die Menschen nie zur rechten Zeit den Mund aufmachen und nie zur rechten Zeit halten …
»Möchtest du dich nicht endlich etwas klarer ausdrücken – möchtest du nicht?« fragte der Mann. Wie immer, wenn ihn etwas erregte, walzte der amerikanische Akzent seine Worte breit.
»Nichts ist klar in dieser Angelegenheit, Josy.« Die Stimme der Frau war sanft und schien um etwas zu bitten, das keinen Namen hatte. »Jo hat Ebro verlassen – und dies scheint unwiderruflich …«
»Weil sie sich in eine Frau verliebt hat –?« Das Wort ›Frau‹ klang in diesem Zusammenhang aus dem Munde des Mannes, als hätte er ›Warzenschwein‹ gesagt.
Tilly nickte.
»Das ist ja – – –« Josy Ebenezer rüttelte sich in den Schultern, als würfe er eine optische Vorstellung aus sich hinaus. Dann schwieg er. Seine schmal werdenden Lippen und die zuckende Ungeduld über seinen Brauen sagten der Frau, die sein Gesicht wie ihren Spiegel kannte, daß Josy Ebenezer es für Verschwendung hielt, mit ihr über eine Sache zu sprechen, für die sie augenscheinlich nicht reif genug war.
Aber als er in Jos Garten unter den schönen Ulmen vor Jo steht, macht er keinerlei Umschweife. Er nimmt sich nicht die Zeit, ihren Gruß zu erwidern. Er sagt, brutal und mit einer tragischen Roheit die Worte herauskauend:
»Blödsinn, Jo, diese ganze Geschichte. Hast du den Verstand verloren? Willst du uns zum Narren halten – oder was ist los?«
Jo sieht nur leicht erstaunt aus. Sie blickt auf Tilly, auf die entwerteten Blumen in Tillys Händen, blickt wieder auf den Mann.
»Um in deinem Stil zu bleiben, Josy: du hast Manieren wie ein mexikanischer Viehtreiber. Was dich etwas entschuldigt, ist, daß du miserabel aussiehst. Ist dir Wien nicht bekommen? Oder verträgst du das Fliegen nicht? Willst du dich erst einmal ausschlafen – oder was sonst?«
Tilly steht armselig und zerpflückt wie eine verregnete Anemone zwischen den beiden Menschen, die sich mit zornigen und irgendwie zornfreudigen Blicken betrachten, als wäre ein atmosphärischer Vorhang zwischen ihnen von einer Faust, der die Geduld ausging, heruntergefetzt worden und sie sähen sich zum erstenmal ganz deutlich. Jos schönes braunes Gesicht leuchtet. Es ist ein wenig vorgeneigt, und der Mund ist atmend geöffnet. Es gleicht dem Gesicht einer Läuferin am Start. Ihre Augen sind ganz furchtlos und unüberwindlich und von einer herausfordernden kriegerischen Heiterkeit durchfunkelt.
Der Mann hat seine graue Blässe wie eine Maske vor dem Gesicht, aber sie verbrennt in einem rätselhaften, weil gegenstandlosen Haß. Er hält etwas Unsichtbares zwischen seinen großen bleichen Fäusten und müht sich, ihm das Genick abzudrehen, das Rückgrat zu brechen. Jetzt hat er den entnervten Mund eines Mörders, der nur in seinen Träumen mordet, und es wird – in diesem Garten, der Jo gehört und sie umblüht, sie, die auf Antwort wartet – der Mund eines Sklaven daraus.
»Ich muß mit dir sprechen, Jo«, formt dieser Mund.
Tillys versagende Füße stottern auf das Haus zu.
»– die Blumen ins Wasser stellen –«
Hinter der guten goldfarbigen Tür lehnt sie sich an die weiße Mauer. Was geschieht mit Josy? hämmert ihr Herz. Was geschieht mit Josy? Mit mir? Mit uns?
»Ich muß mit dir sprechen, Jo …«
»Erst wollen wir Kaffee trinken.«
Josy Ebenezer packte mit beiden Fäusten die Kante des schön gedeckten Tisches unter der Ulme. Es war, als sei es eine Erlösung für seine Fäuste, etwas zu packen, das sie hemmungslos mißhandeln konnten.
»Wenn du nicht willst, daß ich den Tisch mit allem, was darauf steht, über Bord gehen lasse …«, er holte Atem und sah die Frau an. »Ich muß mit dir sprechen, Jo.«
»Also sprich.«
»Allein.«
»Ich habe kein Geheimnis vor Tilly.«
»Aber ich.«
»Dann möchte ich es nicht gern mit dir teilen, Josy.«
Er schwieg, und sie hob die ruhigen Augen zu seinen Augen. Sie zögerte noch. Dann ging ihr Blick zu den Bergen hinauf.
»Willst du im Auftrag von Ebro mit mir sprechen?«
»Nein.«
»Hat Tilly dich darum gebeten?«
»Nein.« Ein ungeduldiges Schulterrücken unterstrich dieses zweite Nein.
»Dann komm«, sagte Jo. Und Tilly, die noch immer an der weißgetünchten Mauer des Hausflurs lehnte, sah die beiden sich entfernen, Jo und den Mann. Und sie schwiegen, während sie gingen, als fürchteten sie, das Haus horche hinter ihnen drein.
Der Weg war so schmal, daß Jo vor dem Manne gehen mußte. Sie hörte seinen Atem hinter sich, gewaltsam, fast keuchend. Sie blieb stehen und wandte sich um.
»Dein Körper ist faul geworden, Josy«, wollte sie sagen. Sie sagte es nicht. Seine Augen, die auf ihr lagen wie Hände, waren blutgerötet, als hätte überstarkes Licht sie verbrannt.
»Ist es möglich«, fragte er, den Atem unterdrückend, »daß wir auf diesem Wege der ›Frau‹ begegnen?«
»Der Frau, die – ich möchte nicht, daß sie in meine Augen kommt, Jo«, antwortete der Mann, und die Ungefügtheit und der fremde Klang der Worte, die er wählte, machten sie schwer wie Netze voller Schleppgut. »Deine Freundin.« Er spuckte die Silben vor sich hin.
Jo lächelte.
»Was hast du gegen meine Freundin, Josy? Komm, wir wollen uns setzen. Hast du jemals Wiesen so voller Blumen gesehen? Aber du siehst sie, glaube ich, auch jetzt nicht, armer Josy … Was hast du gegen meine Freundin?«
»Ich möchte sie zertreten, Jo. Nicht erwürgen, nicht niederknallen – zertreten. Mit dem Stiefelabsatz in den Boden hinein – so! … Wer ist die Frau, die du liebst?«
»Ich bin es.«
Der Mann, in seinen eigenen Gedankengang verbissen, konnte die Zähne nicht gleich davon losbekommen. Seine Lider zuckten heftig und hilflos. Und sein Mund stand offen.
»Jetzt siehst du aus wie Vollrath, wenn er sich gründlich verfahren hat«, sagte Jo.
Eine sehr jähe und tolle Röte versengte die Blässe im Gesicht des Mannes. Er biß die Zähne in die Lippen. Über seinen Backenknochen spannte sich die Haut.
»Eines Tages, siehst du«, plauderte Jo und nahm ihre Augen vorsichtig von dem Manne fort, »eines Tages, bei einer großen und wohlgelungenen Gesellschaft im Hause Mannegold, bin ich mir gewissermaßen zum erstenmal begegnet. Ich kam in einem Spiegel auf mich zu. Ich sah mich lange an. Ich sah mich unter dreihundert Menschen wie in eine Luftblase eingeschlossen, ganz allein. Ich sagte zu mir: Wie ist es möglich, daß wir dreiunddreißig Jahre lang aneinander vorbeigegangen sind, ohne uns kennenzulernen? Ich sagte zu mir: Was tust du eigentlich in diesem Hause, in dem du nichts bist als ein ›trüber Gast‹? Ich beschloß, meine Bekanntschaft zu machen, und ich war sehr kritisch. Man kann nicht kritisch genug sein, Josy, wenn man fühlt, daß man auf dem Wege ist, sich zu verlieben. Aber nach ein paar Wochen war ich zu der Erkenntnis gekommen, daß ich geradezu für mich geschaffen und ganz gewiß der einzige Mensch sei, mit dem ich während der nächsten dreiunddreißig Jahre leben möchte … Aus dieser Erkenntnis habe ich die Konsequenzen gezogen. Das ist alles.«
Josy Ebenezer antwortete nicht. Plötzlich packte ihn das Lachen wie ein Krampf. Er schrie los, hinter fest zusammengebissenen Zähnen; es war, als polterten Steinlawinen von Gelächtern in seinem mächtigen Brustkasten übereinander weg. Jo sah ihm zu, einen ungewissen Ausdruck von Bedenklichkeit um Brauen und Mundwinkel.
Ebenso jäh, wie es losgebrochen war, verstummte das Lachen des Mannes. Er fuhr sich mit der rechten Faust, die zitternd gegen seine Zähne schlug, über das ganze Gesicht, daß alle Heiterkeit darauf erlosch, und sagte, in die Welt starrend, ohne sie zu sehen:
»Wunderbar, Jo … Das ist wunderbar … Du kehrst nicht um, wie? Du kehrst nicht zu Ebro zurück, wie?«
»Nein, Josy.«
Er drehte die breiten Schultern, stemmte die Faust ins Gras, sah der Frau ins Gesicht, das ihm nicht zugewandt war.
»Jo, werde meine Frau«, sagte er.
Jo faltete die Hände auf den Knien. Sie holte lautlos Atem. Sie blieb still. Ihre Augen lagen wie festgeseilt auf dem Schneefeld zwischen den Watzmann-Gipfeln.
»Ich mache dir keine Liebeserklärung, Jo. Ich sage nicht: Ich liebe dich. Verdammt, das heißt nichts – für eine Frau wie du bist. Lieben! – Dich nicht lieben – das wäre – bemerkenswert. Aber ich … Jo, ich muß dich haben, verstehst du? Wie man das haben muß, was man zum Leben braucht. So – die Luft – das Blut! – Jo, ich will dir sagen: Niemand weiß, woher ich komme. Ich bin nicht der Sohn von Lincoln Ebenezer. Ich bin – irgendwer, auf der Straße verloren oder weggeworfen. Ich habe vielleicht, was der Engländer nennt › a touch of the tarbrush‹ – Niggerblut. Ich habe nicht einen Zoll Haut an mir, den nicht der salzige Schweiß der Arbeit angefressen hätte. Seit fünf Jahren bin ich oben. Geld und mehr Geld. Dollarmillionär. Pfundmillionär. Ich fühle mich dumm von Ziffern. Geld … Gibt es nicht ein deutsches Märchen: Eine Mühle, die ununterbrochen Geld ausmahlt? Zwischen Börse und Börse ich und mein Geld, Geld ausmahlend … Und weißt du, wovon ich in den letzten drei Jahren, seit ich dich kenne, gelebt habe, Jo? – Davon, daß dein Name und der meine die gleiche Anfangssilbe haben. Davon, daß jeder, der mich bei Namen nannte, auch dich zu rufen schien. Jo und Josy … davon, Jo …«
Die Frau schwieg noch immer. Ihr ungetrübtes und gesammeltes Gesicht trug einen Ausdruck, wie ihn gewissenhafte Menschen haben, die aus einem umfangreichen Schlüsselbund gleich mit dem ersten Griff den richtigen Schlüssel herausgreifen wollen.
Der Mann nahm sein Taschentuch und trocknete sich die Stirn.
»Sag irgendein Wort, Jo«, bat er mit einer Art von seelischem Zähneknirschen.
Jo sah ihn an.
»Ich würde nie einen Mann heiraten, Josy, der buntseidene Taschentücher trägt«, sagte sie sanft.
Er betrachtete das Tuch erschreckt und feindselig. Er machte eine Bewegung, als wollte er es wegwerfen, aber dann stopfte er es in die Hosentasche, und seine Faust kam bis auf weiteres nicht wieder zum Vorschein.
»Ist das alles, was du mir antworten kannst, Jo?« fragte er heiser.
»Ja, Josy.«
Schweigen. Seine freie Faust schlug gegen sein Kinn. Er setzte zum Reden an und räusperte sich.
»Du wirst dich von Ebro scheiden lassen?«
»Vielleicht.«
»Du willst nie wieder heiraten?«
»Nie wieder.«
»Warum nicht?«
»Lieber Josy – irgendwo guckt irgendwie immer ein buntseidenes Taschentuch heraus …«
»Ist das ein Argument gegen die Ehe?«
»Woran geht deine Ehe mit Tilly kaputt, Josy?«
Dem Mann zuckte die Faust aus der Tasche, als habe er sich darin verbrannt. Das Knurren in seiner Kehle formte sich nicht zu Worten.
»Hat sie dich betrogen? – Nein. – Hat sie dich preisgegeben? – Nein. – Ist sie krank – alt – häßlich – lieblos – bösartig – verlogen – liederlich – usw.? – Nein. Sie geht dir einfach auf die Nerven. Womit? Vielleicht mit der Art, wie sie sich die Nase pudert. Oder wie sie irgendeinen Buchstaben des Alphabets ausspricht. Oder einfach dadurch, daß sie dir begegnet, ohne daß du sie zu rufen brauchst … Gemeinschaftsenge: das Geburtshaus des Hasses, Josy … habe ich recht?«
»Ich kann mir die Gemeinschaft nicht denken, die mir zu eng wäre, um mit dir darin zu leben, Jo …«
»Ja. Für sechs Wochen. Oder meinetwegen ein Vierteljahr.«
»Großer Gott – Jo, weißt du, was das heißen wurde – für mich – in meinem verdammten Leben: ein Vierteljahr ohne Hölle? Ein Vierteljahr – nach Hause kommen und den Hut in die Ecke schmeißen und – Jo, wenn ich dich träume, träume ich so: ich stehe am Fuß der Treppe in unserem Haus – ich schreie deinen Namen, wie ich nie den Namen einer Frau geschrien habe, Jo … Oh, Verdammnis der Sprache, daß man nie sagen kann, was man in sich aus Blutstropfen bildet … Wenn ein Mann den Namen einer Frau so schreit, dann schreit er nach vielem in einem, Jo, hörst du das, ich muß es sagen, und du mußt es hören und verstehen – verstehen, Jo: nach dem Schoß der Frau, nach dem Hals der Mutter, nach den Armen der Schwester und ja, Jo, auch nach dem Bruder und dem Freund, nach dem Handschlag von Bruder und Freund – und ich träume, wie ich so deinen Namen schreie, und du kommst die Treppe heruntergelaufen, und ich fange deinen schwingenden Körper auf an mir, und du bist alles in mir und erfüllst alles in mir … So träume ich, Jo. Ein verhungernder Hund. Frag einen verhungernden Hund, Jo, ob er einmal sechs Wochen oder ein Vierteljahr lang nicht hungern möchte …«
Er wollte sein Taschentuch herausziehen, um sich die Stirn, die von Schweißtropfen zerrissen war, zu trocknen – erschrak verwirrt und ließ es stecken.
Jo nahm ihr eigenes Tuch und gab es ihm ernst. Das feine weiße Gewebe blieb, ein armes Knäuel, zwischen seinen Händen. Als die Frau zu sprechen begann, schwankte die Stimme auf ihrem Atem wie ein Boot ohne Steuer auf bewegtem Wasser.
»Wir wollen es trotzdem nicht ausprobieren, Josy. Du wärst zu sehr im Nachteil. Der stärker Liebende ist immer im Nachteil.«
Er hob die Hände und ließ sie wieder fallen.
»Ich liebe dich, Jo. Sag was du willst, aber gib mir …«
Jo lächelte.
»Gleich wirst du sagen: Gib mir eine Chance!«
»Ja«, bekannte er redlich.
»Du hast keine, Josy, Und nun wollen wir's genug sein lassen!«
Sie wollte sich erheben; da lag seine Hand auf ihrem Arm, eine wütende, vernichtende und verkrampfte Last. Und dann lagen seine Fäuste auf ihren Schultern. Sein Gesicht war vor dem Gesicht der Frau, rot, heiß und zuckend, als hätte man die Haut in Fetzen davon heruntergerissen.
»Du –!!« stieß er heraus, die Frau zusammenrüttelnd, daß ihr die Zähne gegeneinanderschlugen. »Warum wirfst du mich so weg? Was gibt dir das Recht, so kühl und so durchsichtig zu sein und so – zwischen den Fingern wegzurinnen, nicht festzuhalten wie Wasser? Bist du kalt? Bist du so armselig, daß du lächeln kannst, wenn ein anderer verbrennt? Daß dir's ein Schauspiel ist, wenn ein Mensch von seinen eigenen Teufeln gelyncht wird? Du liebst dich, sagst du –! Lüge! – Wen liebst du –? Für wen – sparst du dich auf –? Wem wirst du dich geben –? Wen, wen liebst du –?«
»Kein Mensch hat das Recht, mir diese Frage zu stellen, Josy«, antwortete die Frau. Und ihr Gesicht war vor dem seinen wie eine weiße Flamme, die gegen eine rote lodert.
»Recht …!« Er ließ sie los. »Recht …!« wiederholte er, als sei dies Wort das dunkelste und komplizierteste der Welt. »Recht …« Er stemmte den Kopf zwischen die Fäuste, jeden Muskel verschiebend und verzerrend. Die Dumpfheit einer letzten, in der Sackgasse des Staunens gefangenen Ratlosigkeit weitete seine Augen und trübte sie zugleich, daß sie wie eingenebelt erschienen. Immer wieder schüttelte er den Kopf zwischen seinen gewalttätigen und machtlosen Fäusten, langsam, nichts begreifend, am Ende.
Schließlich fielen ihm die Fäuste auf die Knie. Er räusperte sich und schob die Schultern zurück. »Ich bitte dich um Entschuldigung«, sagte er heiser. »Ich war roh. Ich benehme mich nicht wie ein Gentleman. Wenn du jetzt gehen willst, Jo … ich werde dich nicht – festhalten …«
Sie schwieg und blieb. Ihre Augen sahen ihn weit und mächtig an. Ihre Lippen waren herb geworden. Aber allmählich blühten sie wieder auf in ihrer schönen und ruhigen Süße.
»Ich möchte ein paar liebe, friedliche Tage mit dir verleben«, sagte sie, die Hand ausstreckend.
Der Mann nahm sie, betrachtete sie, und die Art, wie er sie mit seinen Händen umschloß, kam einer letzten inbrünstigen Umarmung so nahe, daß die Frau ihr Herz aufrasen fühlte wie unter einem Kuß. Aber sie lächelte.
»Jetzt habe ich deine Hände«, sagte sie. »Jetzt lasse ich sie nicht eher wieder frei, als bis du mir etwas versprochen hast, Josy …«
»Das könnte mich veranlassen, die Sache hinauszuziehen«, antwortete der Mann mit einem trüben Lächeln.
Jo nahm seine Hände und zog sie an ihr Herz. Sein Gesicht überlief sich mit einem Schauder wie überhitztes Metall, aber er rührte sich nicht.
»Ich will, daß du mich liebst«, sagte Jo, »ich will, daß du mich liebst – in der Frau, die ich dir bringen werde …«
Der Mann blieb still. Seine gefangenen Hände rührten sich nicht in ihrem guten Gefängnis.
»Wen meinst du?« fragte er, und seine Stimme schwankte.
»Das ist vorläufig mein Geheimnis.«
»Gleicht sie dir, Jo?«
»Noch nicht … Aber vielleicht, wenn sie glücklich ist, wird sie mir gleichen.«
Der Mann hob sein Gesicht gegen den schon abendlichen Himmel. Es war ein hartes, dunkles und verlorenes Gesicht.
»Nun«, sagte er nach einem langen Schweigen, »vielleicht meinst du es so, daß man Gott auch in einer Butterblume finden und lieben kann. Ist es das, Jo?«
Sie nickte. Sie biß die Zähne übereinander. Sie fühlte die Blutstöße seines Herzens durch die fiebernde Haut seiner Fingerspitzen. Er sagte:
»Ich verspreche dir, dich in allem zu lieben, was von nun an in meinem Leben sein wird – von der Sonne über mir bis zu den Steinen auf meinem Wege und in jedem Menschen, der in meinem Leben sein wird …«
»Danke«, sagte Jo und gab seine Hände frei. Er stand auf, und seine Füße trugen ihn langsam weg von der Frau.
Sie sah ihm nach und rief ihn nicht zurück, als sie ihn quer durch die blühende Wiese davongehen sah, ohne Weg und ohne Ziel, ohne Richtung und ohne Sinn.
Aber nach einer Weile sah sie ihn stehenbleiben und sich zu irgend etwas bücken, um es lange zu betrachten. Als er sich wieder aufrichtete, hatte er eine kleine gelbe Blume in der Hand. Eine kleine gelbe Butterblume. Die nahm er mit auf den Weg.
Da machte sich auch Jo Mannegold auf, um heimzugehen.