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6

Die ganze Stadt war ein Hochofen.

Die Luft brodelte vor Hitze. Menschen und Tiere klebten im spärlichen Schatten und sahen idiotisch aus. Die Kastanien, kränkelnd und braun, wie von verirrtem Herbst vorzeitig überfallen, ließen entkräftet die verschrumpelten und ausgedörrten Blätter los. Vollrath, ohne Mütze, mit offenem Kragen und kupferfarbenem Gesicht, zerrieb sie zu Staub unter seinen Stiefeln, die im zerweichten Asphalt die unmißverständlichen Spuren ihrer breitsohligen Ungeduld hinterließen.

Seit Josy Ebenezer mit seiner Frau aus Berchtesgaden zurückgekommen war – von einem mürrischen, aber Rekorde brechenden Vollrath im Hause Mannegold sicher abgeliefert – schwang die Luft elektrisch geladen mit Reiseplänen des Chefs.

Das Personal war geschlossen der Ansicht, daß der Chef eine Ausspannung dringend nötig habe. Er sah schlecht aus. Er sah sogar ungewöhnlich schlecht aus. Daneben – Alarmsignal I – war er unpräzis in Wünschen und Anordnungen, die ihn privat betrafen (Vollrath konnte ein Lied mit zahlreichen Strophen davon singen) und – Alarmsignal II – gegen seine Familie reizbar und streitsüchtig wie ein Foxterrier.

Die Doppeltüren seines Arbeitszimmers waren auf gelegentliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Verhandlungsgegnern geeicht. Aber die Lautgewalt zweier zu gleicher Zeit explodierender Vulkane hatte außerhalb der Berechnungen des Architekten gelegen. Die Unterredung zwischen Eberhard Mannegold und seinem Schwager Josy Ebenezer blieb für das Personal also keineswegs ein Geheimnis, obwohl Fräulein Vierling, die Privatsekretärin des Chefs, die den Kriegsnamen »das Tausendgüldenkraut« trug, nach den ersten Eruptionen von Ätna und Stromboli, eine berufliche Katastrophe mutig riskierend, aus eigener Machtvollkommenheit die Leute nach Hause schickte.

Zwei Stunden später zog Josy, noch immer grollender Ätna, es vor, trotz Hochofentemperatur seinen Zorn in den Straßen des Heimwegs auszulaufen. Der Stromboli-Ebro dagegen rauchte im Wagen anderthalb Packungen schwerster amerikanischer Zigaretten und änderte viermal das Ziel der Fahrt: Flughafen – Büro – Wohnung, um endlich bei seiner Menschenmutter zu landen.

Als er wieder aus ihrem Hause trat, rauchte er nicht mehr, denn die zierliche Mutter eines zwei Meter langen Sohnes war krank, wie es hieß – und außer einem, nur schärfster Beobachtung sichtbaren Ausdruck von Bestürztsein war an Ebro Mannegold nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Aber noch ehe er im Wagen Platz nahm, sagte er, obenhin:

»Wir fahren morgen nach Berchtesgaden.«

Vollrath darauf, vor Freude unvorsichtig:

»Um wieviel Uhr?«

Und diese festnagelnde Frage rief ein leichtes Stutzen bei Ebro Mannegold hervor; die Antwort verzögerte sich und kam zuletzt im Ton einer etwas gereizten Ausrede:

»Sobald ich im Büro fertig bin –«

Und dabei war es geblieben.

Ebro Mannegold schien zeit seines Lebens nie mehr im Büro fertig werden zu wollen. Jeden Morgen um sechs Uhr füllte Vollrath den Tank mit der wohlerprobten Mischung Benzin-Benzol bis zum Platzen. Die sechsfache neue Bereifung schien ausersehen, den Tücken selbst transsibirischer Straßen zu trotzen. Der Motor lächelte vor Wohlgepflegtheit. An ihm und seinem Wagen, stellte Vollrath mit jedem Tage erbitterter fest, lag es nicht, daß der Chef die Abfahrt immer wieder hinausschob. Und dabei grenzte es an Tropenkoller, in dieser vor Hitze verblödenden Stadt zu bleiben, wenn nicht unentrinnbare Pflichten ein Muß diktierten.

Wo aber gab es ein Muß für Ebro Mannegold?

»Bilde dir doch um Gottes willen nicht ein, daß du in der Firma unersetzlich bist!« sagte Josy Ebenezer über den Schreibtisch hinüber. »Die Vierling und Hanewacker verstehen vom Karosseriebau weit mehr als du. Wer es sich leisten kann, dein Kunde zu sein, hockt Mitte Juli bestimmt nicht in Berlin. Und wenn tatsächlich irgendein Irrer käme, der sich bei dir eine Limousine mit W. C. und Reisekino bestellen möchte, so würdest du doch nicht die Konstruktion entwerfen. Was also willst du hier, du verdammter Narr?«

Fräulein Vierling, den zweiten Vorstoß wagend, bestätigte schüchtern, wenn Herr Mannegold überhaupt die Absicht habe, zu verreisen, dann sei jetzt allerdings die geeignetste Zeit. Alle Welt war in Urlaub. Die Motoren der Beziehungen nach Übersee liefen mit halber Kraft. Die Inlandskorrespondenzen jagten den Adressaten bis in die kühlen Wogen der Ozeane und bis an die Grenzen der ewigen Gletscher nach, ohne in den meisten Fällen etwas anderes zu erzielen als sommerfaule Telegramme, die eine Erledigung der Geschäfte energisch bis auf die Zeit nach den Hundstagen verschoben.

Wo also war der Diktator für Eberhard Mannegold?

»Jeder einzelne von uns wird seinem Gott auf den Knien danken, wenn er einmal in Ruhe sein Pensum aufarbeiten kann, ohne daß du deine Nase tagtäglich in jeden Quark steckst«, hatte Josy gesagt.

Die sanfte Stimme Fräulein Vierlings bat zwei Tage später:

»Versuchen Sie es doch einmal mit uns, Herr Mannegold! Wir haben doch ein so wunderbar eingearbeitetes Personal! Und ich kann ja, wenn es Ihnen lieber ist, meinen Urlaub später nehmen, wenn Sie zurückkommen oder im Winter oder irgendwann – und kann Sie jeden Tag anrufen und Bericht erstatten, und wenn wirklich etwas sehr Wichtiges ist, sind Sie doch mit Auto und Flugzeug in ein paar Stunden wieder in Berlin!«

Die Antwort hieß:

»Ich werde es mir überlegen …«

Aber das Resultat dieser Überlegung war immer das gleiche: daß Vollrath umsonst wartete, daß die Sonne umsonst auf die kochende Stadt herunterprasselte, daß die Menschen im Büro umsonst Hitzschläge markierten und Josy Ebenezer umsonst bösartige Bemerkungen machte. Je nach der Einstellung des Beurteilers wurde Ebro Mannegold für einen Arbeitsfanatiker oder einen Idioten gehalten, für ein Opfer der eigenen Raffgier oder einen Sadisten.

Es war nichts von alledem. Er war nur erstaunt. Und es lag durchaus auf der Linie von Eberhard Mannegold, daß er zunächst nach seiner Art versuchte, mit diesem entnervenden Zustand fertig zu werden.

»Mir scheint«, sagte Josy, »du kannst es noch immer nicht fassen, daß dir, Ebro Mannegold, die Sache mit Jo passieren konnte …«

Ebro war ihm die Antwort schuldig geblieben. Er hatte an Jo gedacht, die zu sagen pflegte: ›Nie ist ein Mensch von der Wahrheit weiter entfernt, als wenn er sie streift …‹

Ja, etwas war nicht zu fassen bei dieser Sache mit Jo: daß ein Mensch gegenwärtig wurde durch sein Verschwinden.

Das ging wider alle Logik und jeden Verstand und durfte auf keinen Fall geduldet werden. Diese Frau, diese Jo, war durch ihr Fortlaufen viel zu sehr in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Sie, die nicht da war, bewegte die Herzen der Menschen viel zu sehr. Sie mußte wiederkommen, um wieder unwichtig zu werden, und wenn sie die Vermittlung von Schwester und Schwager ablehnte, so gab es schließlich noch andere Wege, sie zurückzurufen – bedauerliche, aber korrekte Wege, durchaus zulässig für den Chef des Hauses Mannegold.

Während Vollrath mit grimmigem Kummer die tausend haarfeinen Sprünge betrachtete, die bei dem ewigen Warten und nervenzermürbenden Auf-dem-Sprungsein von der Hitze in den Lack seines Wagens gestanzt wurden, rief ein ungeduldiges Schnarrzeichen Fräulein Vierling in das Zimmer des Chefs.

Fräulein Vierling warf einen Blick auf die Uhr: es war fünf Minuten nach sieben. Das Personal war gegangen. Das ganze übrige Haus lag in betäubter Ruhe, wie von der Sonne narkotisiert.

Ebro Mannegold seinerseits sah aus, als sei es April und 8 Uhr 30 morgens.

»Verbinden Sie mich mit Dr. Münzer«, sagte er, als Schattenkoloß im Glast des matt geschliffenen Fensters stehend.

»Dem Rechtsanwalt?« fragte Fräulein Vierling schüchtern und etwas erstaunt. Nach ihren umfassenden Kenntnissen lag für die Firma Mannegold & Co. im Augenblick kein Grund vor, sich mit Rechtsanwälten in Verbindung zu setzen. Aber der Schatten am Fenster nickte: Ja …

»Dort wird niemand mehr im Büro sein, Herr Mannegold«, gab Fräulein Vierling zaghaft zu bedenken.

Die Regungslosigkeit des Schattens am Fenster drückte aus, daß private Meinungen nicht angefordert worden seien. Aber fünf Minuten später bestätigte die gewissenhaft zu Hilfe gerufene Aufsicht Fräulein Vierlings Meinung: im Büro Dr. Münzers meldete sich niemand mehr.

»Dann rufen Sie ihn in der Privatwohnung an …«

Die Privatwohnung teilte mit, daß Herr Dr. Münzer mit seiner Familie gestern abend nach Westerland abgereist sei.

»Dann schreiben Sie an ihn«, sagte Ebro Mannegold lakonisch.

Fräulein Vierling setzte sich und öffnete den Stenogrammblock. Mit gesenkten Augen, den Bleistift gezückt, stumm wartend, schien sie ein Bild völligen Unbeteiligtseins. Sie war seit achtzehn Jahren in der Firma. Das übrige Personal vergötterte sie, ohne sich dadurch sein Recht, diesen winzigen Vorstand systemvoll zu hänseln, im mindesten schmälern zu lassen. Niemand wußte mehr, warum sie »das Tausendgüldenkraut« hieß. Einige sagten, weil sie für ihre Firma ein Glückssäckel sei; andere, meistens die Frauen, weil sie aussähe, als nähre sie sich ausschließlich von Kräutertee. Teeblond war jedenfalls ihr schönes und sehr gepflegtes Haar, dessen schaumiges Leuchten in diesem Augenblick Ebro Mannegold aufs höchste irritierte.

»Setzen Sie sich in den Schatten«, sagte er, den Blick abwendend.

Die Sekretärin gehorchte, durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

In einem rasenden Anlauf begann Ebro Mannegold zu diktieren, die Worte ins Zimmer schleudernd mit der Sturzkraft und Heftigkeit eines Wasserfalls:

»Lieber Doktor Münzer! Es tut mir aufrichtig leid, daß ich Sie mit diesem Brief bis in den wohlverdienten Sommerurlaub auf Westerland verfolgen muß, aber die Sache, um die es sich handelt, duldet keinen Aufschub mehr. Um es kurz zu machen: meine Frau, mit der ich, wie Sie wissen, fünfzehn Jahre lang in bester harmonischer Ehe gelebt habe, hat mich vor ungefähr sechs Wochen ganz plötzlich und ohne den geringsten Grund verlassen. Sie hat sich in das ihr gehörende Haus in Berchtesgaden zurückgezogen und weigert sich trotz wiederholter Vermittlungsversuche von seiten meiner Familie, zu mir und ihren Pflichten zurückzukehren. Ihr Vorgehen ist um so rätselhafter, als ich mit Bestimmtheit weiß, daß beispielsweise ein Abirren ihrerseits zu einem anderen Manne nicht in Betracht kommt. Ebensowenig bin ich mir der mindesten Verletzung ihrer Rechte als Frau bewußt. Da sie sich, wie mir meine Schwester und mein Schwager versichern, der besten Gesundheit erfreut, kann es sich nur um eine weibliche Laune handeln, deren Auftreten bei meiner Frau allerdings mehr bedeutet als bei anderen Frauen. Grade aus diesem Grunde aber halte ich es für meine Pflicht als Mann, dieser Laune den entschiedensten Widerstand entgegenzusetzen und, nachdem freundschaftliche Ermahnungen nichts genützt haben, mit allem Nachdruck, den mir Ihre berufliche Unterstützung gewährleistet, meine Frau zu zwingen, sich auf sich selbst und das, was sie meinem Namen schuldig ist, zu besinnen. Ich bitte Sie darum, umgehend an meine Frau einen diesbezüglichen Brief zu schreiben. Selbstverständlich überlasse ich es ganz Ihnen, die Form dieses Schreibens zu wählen, und gestatte mir nur, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß nach den bisherigen Erfahrungen eine ziemlich energische und unzweideutige Ausdrucksweise am Platze zu sein scheint. Meine Frau darf durchaus nicht im Zweifel darüber gelassen werden, daß sie sich gegen mich und meine Familie auf durch nichts zu entschuldigende Weise ins Unrecht gesetzt hat und daß nur ihre sofortige und vorbehaltlose Rückkehr zu mir mich veranlassen kann, das Geschehene zu vergessen und mich mit ihr auszusöhnen. Sie haben wohl die Liebenswürdigkeit, mir einen Durchschlag Ihres Briefes an meine Frau einzusenden, bevor Sie das Original wegschicken, damit wir eventuell noch telefonisch über Einzelheiten Ihres Schreibens Rücksprache nehmen können. Die Adresse meiner Frau ist: Haus Glück, Berchtesgaden, Oberbayern. Mit bestem Dank im voraus und dem Wunsche, daß Sie und Ihre Familie sich recht gut erholen mögen, bin ich Ihr ergebener – – – Diesen Brief möchte ich heute noch unterschreiben!« schloß Ebro Mannegold, ohne Atem zu holen.

Fräulein Vierling floß spurlos wie ein versickernder Tropfen aus dem Zimmer und stand drei Minuten später wieder neben dem Schreibtisch ihres Chefs, Brief und Füllfeder dem groß in breitem Stuhle Sitzenden hinreichend. Ebro Mannegold, an verblüffende Schnelligkeit des Tausendgüldenkrauts gewöhnt, verriet kein Erstaunen über diese hexenhaft rasche Erledigung seines Auftrags; er hätte auch wahrscheinlich das Schriftstück, wie in den meisten Fällen, unterschrieben, ohne es noch einmal durchzulesen, wenn ihm nicht eine schwer zu übersehende Längendifferenz zwischen Diktat und Brief aufgefallen wäre.

»Was ist das?« fragte er unlustig.

Fräulein Vierling antwortete nicht. Die Füllfeder, die Ebro Mannegold ihr nicht abgenommen hatte, noch in den Fingern, stand sie, gleichsam ein Teil davon, neben dem Schreibtisch ihres Chefs, bei dem sie achtzehn Jahre lang gearbeitet hatte, und sah irgendwohin auf einen sinnlosen Punkt, während der Mann das Schreiben überflog. Plötzlich war sie nicht mehr jung. Plötzlich war ihr Mund schmal und von sehr müder Blässe, waren ihre Augen überanstrengt, unfreudig und nicht schön. Sogar das schaumige Gold ihres Haares schien plötzlich eingestaubt zu sein. Was keinerlei Veränderungen aufwies, war allein der in rücksichtslosen Jahrzehnten erkämpfte Ausdruck von lotrechter Energie.

Das Schreiben, das vor Ebro Mannegold lag, lautete:

Hierdurch bestätige ich Fräulein Marianne Vierling, Berlin-Steglitz, Schloßstraße 138, bei Kuhblum, daß sie mit dem heutigen Tage aus ihrer bisherigen Stellung als meine Privatsekretärin ausgeschieden ist. Ihr Austritt erfolgt auf Fräulein Vierlings eigenen Wunsch, doch im beiderseitigen Einvernehmen. Es bedeutet ein Entgegenkommen von meiner Seite, um Fräulein Vierlings privaten Zukunftsplänen nichts in den Weg zu legen. Als Zeugnis über ihre Leistungen genügt, daß sie achtzehn Jahre lang der Firma Mannegold & Co. angehört hat. Beide Parteien bestätigen, daß sie keinerlei Verpflichtungen mehr gegeneinander haben.

Ebro Mannegold hob den schweren Kopf gegen seine Sekretärin. Er sah sie an, und damit schien er sie seit unzähligen Jahren zum ersten Male wieder als lebendiges Wesen wahrzunehmen.

»Sagen Sie mal, sind Sie verrückt geworden?« fragte er, während seine Lider auf eine beängstigende Weise gleichzeitig erblaßten und anschwollen. »Was soll das heißen?«

»Das soll heißen«, sagte das schmale Fräulein Vierling straff, »daß ich Sie um meine sofortige Entlassung bitte, Herr Mannegold …«

»Sie kündigen mir?« Ebro Mannegold schob sich mitsamt dem Stuhl vom Schreibtisch weg. »Eine Stellung wie die Ihrige werfen Sie einfach weg – mit diesem unverschämten Wisch mir vor die Füße wie eine alte Zeitung? Was ist denn eigentlich in Sie gefahren? – Was, in drei Teufels Namen, haben Sie für einen Grund? Haben Sie vielleicht die Absicht, Ihre bei der Firma Mannegold gesammelten Erfahrungen an die Konkurrenz zu verkaufen?«

»Auf diese Unterschiebung einzugehen«, sagte das Tausendgüldenkraut, blaß wie Mörtel, »verbietet mir mein Humor … Und den Grund meiner Kündigung werde ich Ihnen nennen, Herr Mannegold, sobald Sie den Brief unterschrieben haben.«

»Darauf können Sie warten, bis Sie schwarz werden, Fräulein Vierling! Ich lasse mir keine Bedingungen stellen – noch dazu von einem Menschen, der mich um eine Gefälligkeit bittet! Um eine ungewöhnliche Gefälligkeit, Fräulein Vierling! Sie wissen ganz genau, daß gesetzlich Ihr Austritt frühestens am ersten Oktober erfolgen könnte! Seien Sie unbesorgt – ich werde Sie nicht halten! Sie können sofort gehen – heute noch –! Aber ich wünsche den Grund Ihrer Kündigung zu erfahren – ohne Bedingungen Ihrerseits, Fräulein Vierling!«

»Sie haben meine Kündigung angenommen, Herr Mannegold?«

»Ich glaube, ich habe mich deutlich genug geäußert!«

»Wir sprechen also jetzt als Privatpersonen miteinander?«

Ebro Mannegold antwortete nicht. Die schmalen Winkel seines ungewöhnlich schönen und männlichen Mundes zitterten vor Ungeduld wie unter einem elektrischen Strom.

Das Tausendgüldenkraut schraubte die Füllfeder zu. Sie legte sie auf den Tisch und stützte die Hand daneben.

»Ich haben Ihnen gekündigt, Herr Mannegold«, sagte sie, während Röte und Blässe ihr Gesicht überjagten, »weil Sie keine Sekretärin brauchen können, die sich weigert, Ihre Briefe zu schreiben … übrigens, da ich nicht mehr Ihre Angestellte bin, darf ich mich vielleicht setzen …«

»Bitte …«

Das klang völlig leblos. Im Denkapparat des Mannes vollzog sich eine fast hörbare Umschaltung, und die trägen Ströme seiner Gereiztheit, in völlig falscher Richtung treibend, brauchten einige Zeit, bis sie umgeleitet waren.

Fräulein Vierling setzte sich mit Anmut. In Wahrheit fiel sie in den Stuhl, den sie sich herangezogen hatte, weil sie weder Füße noch Knie mehr besaß. So massiv gebaut der Schreibtisch war, auf den sie zuvor ihre Hand gestemmt hatte – von dem Zittern dieser ihrer schmalen Hand war aus dem großen Strauß von Rittersporn, der ihn schmückte, ein feiner kobaltblauer Regen auf die Edelholzplatte gerieselt.

»Ich nehme an, Sie weigern sich, meinen Brief an Dr. Münzer zu schreiben – warum?« fragte der Mann mit einer gewissen Steifheit. Dieses Wesen, das ihm plötzlich gegenüber saß, das auf einmal ein Gesicht hatte, anstatt oberhalb der Hände aufzuhören, war ihm fremd und doppelt fremd durch die bisherige und nun durchbrochene Vertrautheit. Es war nicht viel anders, als wenn man ihm zugemutet hätte, sich auf eine Auseinandersetzung mit dem Telefonapparat oder einer Schreibmaschine einzulassen. Ja, eine Stoewer-Rekord saß da auf dem Stahlmöbel und muckte gegen ihn auf.

»Ich weigere mich«, sagte das Tausendgüldenkraut, den Blick auf einer Schachtel Zigaretten, »weil ich nicht dazu beitragen will, daß Sie einen Fehler begehen, Herr Mannegold.«

»Meine Maßnahmen unterstehen nicht Ihrer Kritik, Fräulein Vierling.«

»Wenigstens nicht, solange ich Ihre Angestellte war. Darum habe ich Ihnen ja gekündigt. Aber kein Mensch in der Welt kann mich zwingen, Ihnen zu helfen, daß Sie sich rettungslos blamieren –«

»Fräulein Vierling –«

»Was glauben Sie wohl, Herr Mannegold, was Ihre Frau Gemahlin auf den Brief Dr. Münzers antworten wird! Ich sehe den Brief vor mir, als hätte ich ihn im Stenogramm: ›Lieber Dr. Münzer! Wie freue ich mich für Sie, daß Sie nach Ihrer anstrengenden Tätigkeit endlich einmal ausspannen dürfen und sich anstatt mit Leuten, die irgendeinen schrecklichen Krach miteinander haben, mit Ihrer bezaubernden Frau und Ihren prachtvollen Rangen beschäftigen können. Hoffentlich haben Sie ebenso herrliches Wetter wie wir und denken zwischen Sonne, Sand und Meer nicht einen Augenblick an berufliche Dinge! Was Ihren Brief vom soundsovielten betrifft, so sehe ich dem, was mein lieber Mann unter energischen Maßnahmen versteht, mit lebhaftem Interesse, um nicht zu sagen mit Vergnügen entgegen und verbleibe inzwischen mit den allerherzlichsten Grüßen an Sie und Ihre liebe Familie, Ihre Jo Mannegold‹ … So und nicht anders wird der Brief Ihrer Frau Gemahlin lauten – und was werden Sie dann wirklich machen, Herr Mannegold? … Bitte, darf ich mir eine Zigarette nehmen?«

Ohne die Augen von dem in sich zitternden Gesicht des Mädchens zu nehmen, beugte Ebro Mannegold das schwere Rechteck seines Oberkörpers vor und fegte die Zigarettenschachtel mit dem Handrücken fort, daß sie in den Schoß des Mädchens fiel. Eine Minute maßen sich in dem großen, leer wirkenden Raum die Atemzüge der beiden Menschen, und die des Mädchens waren die zweifach schnelleren. Das Streichholz, das sie anzündete, tanzte wie ein verrücktes Gespenst in ihrer Hand.

»Sie kennen meine Frau doch kaum«, sagte Ebro Mannegold kalt. »Woher wollen Sie wissen, wie ihre Antwort lauten würde?«

»Ja«, gab das Mädchen zu, »ich habe Ihre Frau Gemahlin höchstens vier- oder fünfmal gesehen – früher, als sie noch zuweilen hierher kam, um Sie abzuholen, bis sie einsehen mußte, daß es keinen Zweck hatte … Ich sehe sie noch aus diesem Zimmer herauskommen und die Polstertüren hinter sich schließen … Sie stand so ein bißchen dagegen gelehnt und sah uns Mädchen der Reihe nach an, mit so einem ganz kleinen, verlorenen Lächeln. Und dann sagte sie, als ob sie den letzten Vers eines Liedes sänge – immer mit diesem kleinen, verlorenen Lächeln –: ›Jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr!‹ Und dann nickte sie uns zu und ging, und als sie draußen war, bekam die hysterische Gans, die Giesebrecht, einen Heulkrampf … Na, und dann ist sie ja auch wirklich ›noch einmal und dann nimmermehr!‹ gekommen, was Ihnen vermutlich entgangen ist, Herr Mannegold …«

Fräulein Vierling blies den Rauch durch die Nase und sah ihrem Chef ins Gesicht. Ebro Mannegold machte keine Miene, sie zu unterbrechen. Seine Hand war auf dem Schreibtisch liegengeblieben und formte sich da zu einem dunklen und schweren Klumpen, der den Eindruck einer unvorstellbaren Last hervorrief.

»Später«, fuhr Fräulein Vierling fort, mechanisch von ihrem Kleid die Asche streifend, für die der Weg bis zur Keramikschale auf dem Schreibtisch zu weit gewesen war, »habe ich nur noch telefonisch mit ihr gesprochen … Die Mädchen in der Zentrale rauften sich darum, die Verbindung für sie herzustellen. Sie versuchten immer ihre Stimme nachzuahmen, wie sie fragte: ›Kann ich vielleicht meinen Mann sprechen?‹ Es klang immer so, als müßte es etwas auserlesen Schönes sein, einmal seinen Mann sprechen zu können … Aber sie kam ja immer nur bis zu mir, und meine eigenen Sprüche hingen mir schon zum Hals heraus: ›Es tut mir unendlich leid, gnädige Frau, aber Herr Mannegold ist grade in einer Konferenz – Herr Mannegold verhandelt mit einem Auslandskunden – Herr Mannegold ist in die Fabrik gefahren – Herr Mannegold spricht eben mit Paris – mit London – Buenos Aires‹ – dem Teufel und seiner Großmutter! Und während der ganzen Zeit habe ich mir gedacht: Wenn diese Frau es einmal müde wird, sich von Fräulein Vierling abspeisen zu lassen, wenn sie die Stimme ihres Mannes hören will, und wenn sie eines schönen Tages den Hörer ein für allemal auflegt und die Verbindung für immer unterbricht, dann bin ich der letzte Mensch, der ihr das verdenken könnte!«

Die Lider des Mannes waren halb über seine Augen gesunken. Darunter hervor blickte er auf das Mädchen, als befürchte er Kurzschluß, wenn seine Pupillen auch nur für eine Sekunde abirrten.

»Sehr interessant!« sagte er träge. »Sprechen Sie bitte weiter, Fräulein Vierling …«

Aber das Tausendgüldenkraut erhob sich plötzlich mit einer Energie, die für Selbstmord ausgereicht hätte.

»Lassen wir das, Herr Mannegold! Was ich Ihnen auch sagen würde, es hätte doch keinen Zweck!« Sie zerdrückte den Rest ihrer Zigarette in der Aschenschale und richtete die abgeplagten, illusionslosen und verzichtenden Augen auf ihren Chef, der nicht mehr ihr Chef war. »Zwischen Ihnen und Ihrer Umwelt ist nun einmal eine Mauer, Herr Mannegold – über die kommt kein Mensch hinüber. Schön – bleibt man eben diesseits! Wir haben in Ihren Augen ja schon lange aufgehört, Menschenwesen mit Menschengesichtern zu sein. Wir sind Maschinen, die für Sie klappern, Räder, die für Sie sausen, Treibriemen, die Ihren Betrieb vorwärtsschuften. Wenn aus diesem Betrieb jemand ausscheidet, bemerken Sie's nicht, und wenn Sie einmal aus irgendeinem Grunde ›noch einmal und dann nimmermehr‹ in den Betrieb kommen sollten, wird keines der Mädel aus Ihren Büros in einen Weinkrampf ausbrechen. Standpunkt. Es geht natürlich auch so. Der Chef der Firma Mannegold & Co. kann darauf verzichten, von seinen Leuten angebetet zu werden, deswegen sind seine Karosserien doch die schönsten der Welt. Aber wenn Sie mich veranlassen wollen, Ihre Chefmethoden auch gegen das einzige zu richten, was an Ihnen anbetungswürdig ist, nämlich gegen Ihre Frau, dann mache ich nicht mehr mit – und damit guten Abend, Herr Mannegold!«

Sie machte eine Bewegung auf die Tür zu, besann sich und kehrte wieder um.

»Ihre Unterschrift, bitte!« sagte sie, die Hand ausstreckend.

Ebro Mannegold hatte sie noch immer nicht aus den Augen gelassen. Der Klumpen seiner Faust, die auf dem Schreibtisch lag, löste sich nur eben so weit, um die Entlassungsbestätigung für Fräulein Vierling packen zu können. Er zog sich wieder zusammen, ein formloses Etwas aus Papier in sich verbergend. Sonst erfolgte keine Antwort von seiten Ebro Mannegolds. Aber selbst eine in achtzehn Jahren hart erworbene Selbstbeherrschung reichte nicht aus, um Fräulein Vierlings Nerven in diesem Augenblick vor dem Versagen zu schützen. Sie brach in Tränen aus.

»Sie können mich beurteilen, wie Sie wollen«, sagte Ebro Mannegold eisig. »Aber ich hoffe, Sie halten mich nicht für dumm … Morgen früh um acht wie gewöhnlich … Guten Abend, Fräulein Vierling.«

»Guten Abend, Herr Mannegold«, sagte das Tausendgüldenkraut nach einer Pause, in der es seine Stimme trocknete. »Aber den Brief an Dr. Münzer schreibe ich nicht.«

Als darauf keine Entgegnung erfolgte, verließ die Sekretärin Ebro Mannegolds das Zimmer ihres Chefs, als ginge sie auf Sprungfedern. Und auf dem Wege bis zur Tür, auf diesem kurzen Wege, in einem schmalen Streifen später Sonne, hatte ihr Haar all seinen Schimmer wiedergefunden.

Vollrath sah sie aus dem Hause gehen, brummte erleichtert »Na endlich!« und schloß den Kragen.

Aber Ebro Mannegold hatte sich von seinem Platz am Schreibtisch noch nicht weggerührt. Es war, als hätte der Raum von ihm Besitz ergriffen. Er starrte auf das Häufchen Asche in der Schale. Er wollte sich kontrollieren: waren die Wände des Zimmers braun? oder rot? oder grün? – Er wußte es nicht. Eine Mauer zwischen ihm und der Umwelt. Seine Frau war hier gewesen. Wann? Vor Jahren? Vor Monaten? Vor Wochen erst? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Aber – war sie denn nicht immer noch da? War sie nicht die unterirdische Rebellion in diesem Raume, sie, die Rebellin, die ihn verlassen hatte?

Das Tausendgüldenkraut weigerte sich, einen Brief zu schreiben. Fräulein Vierling kündigte. Achtzehn Jahre unschätzbarer Zuverlässigkeit gingen einfach zum Teufel … ›Jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr …‹ Und Fräulein Giesebrecht bekam einen Heulkrampf. Das war unmöglich. Jo war unmöglich. Jo erzog das Personal zur Meuterei gegen den Chef.

Und Tilly?

›Jo dachte – Jo meinte – Jo wollte – Jo würde sagen – Jo würde für richtiger halten –‹ An allen Ecken und Enden Jo in Anführungszeichen.

Und Josy?

›Wenn du noch einen Rest von Verstand hast, fahre zu Jo hinunter, bitte sie auf den Knien, dir zu erlauben, daß du drei Wochen bei ihr verbringen darfst – mehr kann ihr kein Mensch zumuten, nicht einmal sie selbst – und sei dankbar für jedes Lächeln, das sie dir schenkt, und für jeden Blick aus ihren gesegneten Augen …‹

Jos Augen … Was hatte Jo eigentlich für Augen?

Er rief seinen Schwager über Haustelefon an und fand ihn bei Tilly. Der Mann war sehr verändert; ein Wunder, das seine Frau, wie sie behauptete, Jo zu verdanken hatte. Sehr erfreulich. Nur hätte Jo mit der Betätigung ihres Familiensinns bei sich selbst beginnen sollen …

»Bist du etwa noch im Büro?« fragte Josy ziemlich herb. Es klang, als hätte er für den Fall der Bejahung etwas Beleidigendes für seinen Schwager im Sinn.

Ebro umging die Antwort mit einer Gegenfrage.

»Kannst du mir sagen, Josy, welche Farbe Jos Augen haben?« Und als keine sofortige Entgegnung kam: »Oder weiß es Tilly vielleicht?«

Von drüben klang ein Räuspern; darauf, nach einer Weile, die vorsichtige Erkundigung:

»Ist es die Hitze, Ebro?«

Mannegold zermurmelte etwas zwischen den Lippen.

»Es ist durchaus nicht die Hitze, und ich spreche durchaus im Ernst …«

»Herrje! Was zahlen dir die Steifleinenfabrikanten für deine Propaganda?«

Ebro Mannegold hängte ab.

Er fuhr nach Hause, erbittert auf Vollraths Mütze starrend. Es war eine Fahrt durch die Vorhölle, so dick lag die Schwüle in den Straßen, die alle Glut des Tages rachsüchtig und überdrüssig an den Abend weitergaben. Es mußte eine Wohltat sein, den Hut abzunehmen und den nicht mehr umschraubten Kopf dem Luftzug preiszugeben. Aber der Chef des Hauses Mannegold & Co. mit windverwehten Haaren war ein Ding der Unmöglichkeit … Steifleinenfabrikanten … Alle Menschen wurden plötzlich aufsässig … Ebro Mannegold zerkaute die Zigarette, die an seinen Lippen klebte. Was hatte Jo nun wirklich für Augen? Er hätte es nicht um den Preis seines Lebens zu sagen vermocht. Nach fünfzehnjähriger Ehe. Eine Mauer zwischen ihm und der Umwelt … Hm …

Da war sein Haus. Kein Heim. Auch nicht darauf angelegt. Jo hatte immer behauptet, soviel Seele könne kein Mensch aufbringen, um vierzehn Räume von durchschnittlich hundert Quadratmetern damit auszuleuchten. Sie nistete sich in einer Art von Bodenkammer ein, die, ganz und gar überschrägt von riesigem Fenster, Sonne, Mond und Sterne zu Gesellen hatte, baute sich ein Badezimmer und einen Dachgarten davor und überließ das feierliche Haus der Familie als Walstatt. Niemand merkte es, als Jo fortging …

Vielleicht, weil niemand ihr Dasein so recht bemerkte …

Oder doch? Oder jetzt erst – in der Rückwirkung?

Das Haus umfing ihn mit Kühle. Die Raume, die Wände, die Dinge, von ihm zum ersten Male mit Bewußtsein betrachtet, sahen ihn wieder an. Schmale, hochlehnige Stühle, Folterstühle, Tante Emmas Stühle schwiegen verkniffen. Andere standen gezirkelt im Halbkreis um ihn, als wollten sie sagen: Jawohl, Herr Mannegold! Seriöse Tapeten, Teppiche, Vorhänge trugen unsichtbare, aber gut leserliche Plakate: Man bittet um Ruhe!

Ebro Mannegold entsann sich mit nicht ganz geklärten Gefühlen, daß Jo eines Tages an den überdimensionalen Bronzeleuchter des Roten Salons einen blauen Affen gehängt hatte. Er war, was sein Lächeln betraf, ein Buddha unter den Affen. Trotzdem mußte er fort.

Nicht viel später ging Jo.

Ebro Mannegold klingelte nach der Wirtschafterin.

»Es müssen irgendwo Bilder von meiner Frau sein. Wissen Sie, wo sie verwahrt sind?«

Die lavendelfarbige Seele in einem schwarzen Kleide antwortete mit gequetschter Stimme:

»Wenn nicht noch welche in der Bodenkammer sind … Hier gibt's keine Bilder mehr von der gnädigen Frau …« Und, als Antwort auf einen Blick des Mannes, der Zweifel ausdrückte: »Die gnädige Frau hat sie alle zerrissen, bevor sie wegging … Ach Gott, Herr Mannegold –« Schon wankte die Stimme, vom Strom der Tränen erfaßt: »Ist es wahr, daß unsere gnädige Frau nie mehr wiederkommt?!«

»Wer sagt das?!«

»Vollrath hat's in der Küche erzählt …« Und der Katarakt des Schluchzens riß die Stimme erbarmungslos mit sich fort.

Es gab nicht viele Dinge auf der Welt, die es fertigbrachten, den Chef des Hauses Mannegold zu entnerven; aber zu ihnen gehörten Kakerlaken und weinende Frauen. (Jo hatte in seiner Gegenwart nie geweint – ein gewaltiges Guthaben.) Frau Eberlein hatte das Unglück, an diesem Tage das zweite weibliche Wesen zu sein, das vor Ebro Mannegold in Tränen ausbrach.

»Ich gehe schon!« stammelte sie, ohne die Antwort auf ihre verfängliche Frage abzuwarten. »Ich gehe schon! Ich gehe schon! Verzeihung …«

Ebro Mannegold bekämpfte minutenlang die Versuchung, mit seinem Schädel so lange gegen die Tischplatte zu schlagen, bis eins von beiden platzte, sein Schädel oder die Tischplatte.

Das war ja – das war ja eine Irrenanstalt, in der er seit Tagen zu leben gezwungen wurde! Die ganze Stadt war eine Irrenanstalt! Mit einer Sonderabteilung: den von Jo Besessenen. Den Jomanen. Unheilbare Narren, wie es schien. Und er als einzig Vernünftiger mitten darunter. Das strengte an. Der Brief an Dr. Münzer wurde doch geschrieben, und wenn die Vierling sich auf den Kopf stellte. Schluß mit Jo. Schluß durch Wieder-Gegenwart und damit Ausschaltung der Phantasie. Des Erinnerungskultes, dieses gefährlichsten Retoucheurs von Geschehnissen und Ereignissen. Schluß mit der Bodenkammerromantik und dem Betthimmel aus Nacht und Sternen. Schluß sogar mit dem Namen Jo. In Zukunft würde sie sich gefälligst ohne jede Extravaganz Johanna Mannegold nennen. Jo klang wie Kampfruf, wie eine Fanfare. Fanfare zur Rebellion. Eigentlich hatte er sie in Gegenwart der Familie stets nur mit Hemmungen Jo genannt.

Und Schluß auch mit Ebro. Jo hatte ihn so getauft, weil sie behauptete, bei Eberhard müsse sie immer an Den im Barte denken, der im Schwabenlande die Brunnen und Rathäuser schmücke.

›Wenn du mir versprichst, daß du in einer ganz hellen Sommernacht von zwölf bis eins mit einer eisernen Rüstung und einem zweigezipfelten Bart bis zu den Knien auf dem zauberischen Marktplatz von Tübingen spuken willst, lieber Ebro, dann werde ich dich zum Dank dafür Eberhard nennen – sonst nicht!«

Nun, in Zukunft würde sie es ohne Spuk oder sonstige Bedingungen tun … obwohl er sich entsann – er blieb auf den Stufen der Treppe zu Jos Kammer stehen –, daß es einen sonderbaren, den Duft von bitteren Mandeln und blühenden Orangenbäumen heraufbeschwörenden Zauber gehabt hatte, wenn die Lippen Jos ganz nah an seinem Ohre »Ebro« sagten …

Wie heiß es hier oben war … Und die Stille – wie sehr lebendig … Beseelte Stille … Geruch von heißem Holz. Fast dem vergleichbar, den die Balkenwände der Hütte auf Jos Alm aushauchten, wenn die Julisonne auf die Dachschindeln brannte, daß sie glitzerten und in dem toten Holz das längst erstarrte Harz zu brodeln anfing. Vielleicht war dies der Grund – ein Heimwehgrund –, der Jo aus dem kühlen Marmor des Hauses hinauf in das warme Holz seines Daches getrieben hatte. Holz wahrte Erinnerungen treuer als Marmor.

Auch hier.

Ein Atem von merkwürdiger, durchdringender Gegenwärtigkeit schien hinter der kleinen Tür zu Jos Kammer zu atmen. Diese Klinke schien erst vor kurzer Zeit berührt worden zu sein. Das gedämpfte Geräusch von Wasserplätschern lebte jenseits der Mauer. Ein Tappen von Schritten, lässig, tierhaft leise und federnd – so wie Jo zu gehen pflegte, wenn sie auf bloßen Füßen, herrlich anzuschauen, goldbraun, ein Sonnengeschöpf, mit leisem Singen, das immer ein wenig verliebt und spöttisch klang, ihr Reich durchmaß und mit sich selbst durchdrang.

Ebro Mannegold fühlte, daß ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat.

Er drückte die Klinke nieder. Die Tür gab nicht nach; sie war verschlossen. Ein plötzlicher, rasender Fußtritt des Mannes sprengte sie auf, daß sie knallend nach innen und gegen die Mauer flog. Der brutale Krach dieser Sprengung wurde zornig zurückgewiesen von einem klingenden Schrei. Der Mann, auf der Schwelle stehend, sah jenseits der Tür, die zum Dachgarten führte, gegen das glänzende Grün überperlter Pflanzen auffunkelnd und wundervoll in der Gebärde der Flucht die Nacktheit einer Frau.

»Jo –!!«

Er stürzte rettungslos in den Namen Jo, alles wurde verschlungen und wiedergeboren und stürmisch emporgerissen zum Namen Jo. Es war sehr erschütternd und herrlich und niederschmetternd, daß alles bedeutungslos wurde neben diesem Namen …

Aber die Frau, deren schimmernder Körper mit einem Sprung und Schwung in der Buntheit des Bademantels verschwunden war, die mitten unter Blumen, mitten im Grün unter der Kobaltbläue des Himmels stand, die Frau war schön und Jo ähnlich, aber sie war nicht Jo.


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