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Allmählich beruhigten sich die hochgehenden Wogen, welche die Vorgänge am Brandenburger Hofe erregt hatten und man gewöhnte sich an die dadurch entstandenen Verhältnisse. Joachim erwähnte den Namen seiner Gemahlin höchst selten und nur gezwungen, über ihre Flucht sprach er nie, und denen, welche ihr dabei behilflich gewesen waren, hatte er in der That verziehen und ließ es sie nie entgelten.
Um so schroffer wurde seine Feindschaft gegen die lutherische Lehre und auf dem Reichstag zu Augsburg bewies er eine Unduldsamkeit, die selbst die des Kaisers übertraf. Dabei waren seine Augen gehalten, so daß er nicht gewahr wurde, wie in seinem eignen Lande der verhaßte Glaube in der Stille immer neue Anhänger gewann, ja, wie selbst seine Kinder sich demselben allmählich zuneigten.
Die erste Festlichkeit, welche wieder Leben an dem verödeten Hofe zu Berlin hervorrief, war die Vermählung der Prinzessin Elisabeth mit dem Herzog Erich von Braunschweig. Dieser, der so oft als Besucher im kurfürstlichen Schlosse geweilt hatte, eilte herbei, als er von der Flucht der Fürstin hörte, um seinen Einfluß zu ihren Gunsten geltend zu machen, doch erkannte er bald, daß dies eine vergebliche Hoffnung war.
Eine andere Aufgabe bot sich ihm, die ihm nicht minder am Herzen lag, in bezug auf die Prinzessin Elisabeth. Er fand sie ganz verändert, traurig und blaß und ihren Mut fast gebrochen, aber sie war nur um so anziehender in ihrer demütigen Zurückhaltung. Er hatte sie seit lange liebgehabt, sich aber gescheut, dies übermütige junge Kind an sein ernstes Leben, das schon über die Mittagshöhe hinaus war, zu binden.
Jetzt, wo sie wie um Jahre älter und reifer geworden, wagte er die Frage und Elisabeth gab sich ihm freudig zu eigen; sie war nicht mehr stolz auf ihre Jugend und Schönheit, sie empfand sich solch treuer Liebe nur unwürdig, und sie kam zu ihm und bat ihn: »Leitet und führt mich, lieber Herr! ich selbst bin auf einen Abweg geraten, und ich stand schaudernd am Rande des Abgrunds. Bin ich keine gute Tochter gewesen, so will ich Euch doch ein treues und gehorsames Weib sein.«
Der Kurfürst, der so stolze Hoffnungen auf seine Lieblingstochter gesetzt hatte, war mit dieser Verbindung zwar nicht unzufrieden, was die Machtstellung des Herzogs betraf, aber er stellte Elisabeth doch den großen Unterschied im Alter vor und sagte ihr, daß sie ganz nach eigenem Dafürhalten entscheiden solle.
Als sie nun die Antwort hatte: »So mein Durchlauchtigster Herr Vater mir seine Einwilligung nicht versagt, gebe ich die meine mit Freuden,« vollzog Joachim das Verlöbnis und setzte in Bälde die Hochzeit an, die wieder einmal in einer so glänzenden Weise gefeiert werden sollte, wie er dies liebte. Er wollte dadurch zugleich den Beweis liefern, wie wenig seine Hofhaltung durch die Abwesenheit der Kurfürstin beeinträchtigt werde.
Es waren viele Fürsten geladen, dazu der Adel des Landes, und eine Reihe von Festlichkeiten stand in Aussicht. Bankette und Gastereien sollten mit Tanzfesten, Ringelstechen mit großen Jagden abwechseln und großartige Feuerwerke den Gästen geboten werden. Von nah und fern strömten diese herbei und die beiden Schwesterstädte konnten kaum genügende Unterkunft für alle Geladenen bieten.
Bei Meister Öhlert war in dieser Zeit auch ein frohes Ereignis festlich begangen worden, nämlich das der Meisterwerdung seines Sohnes. Er hatte schon lange auf diesen Zeitpunkt gewartet, denn er fing an, sich nach Ruhe zu sehnen, und wenn Peter nun sein junges Weib heimführte, so dachte der Meister daran, ihn zum Herrn in der Werkstatt und im Hause zu machen und sich darin nur eine behagliche Stätte für sein Alter auszubedingen.
Nur eine Erwägung hielt ihn noch zurück, die Rücksicht auf Christine. Sie war gewöhnt, seit früher Kindheit als Herrin im Hause zu schalten und sie hatte den unbefangenen Frohsinn ihrer Jugend den ernsten Pflichten, die sie so untadelig erfüllte, geopfert; sollte sie nun vor der jungen Frau des Bruders zurücktreten und wo sie bisher geboten hatte, nur geduldet sein? Das mußte ihr doch schwere Kränkung bereiten, wenn sie es auch nicht zugeben wollte.
Es hätte eine einfache Lösung der Schwierigkeit gegeben, wenn Christine sich hätte entschließen können, einen der Bewerber, die oft genug bei ihr anfragten, zu erhören. Es waren die angesehensten Söhne der besten Bürgerfamilien darunter und der Meister hätte sich manchen von ihnen zum Schwiegersohn gewünscht, doch Christine wollte keinen wählen, und wenn ein neuer Freier auftauchte, so bereitete ihr das nur Herzeleid. Zuletzt wollte sie den Vater gar nicht mehr begleiten zu den Geschlechtertänzen auf dem Rathaus oder zu den Festlichkeiten bei großen Hochzeiten und Kindtaufen, weil diese in der Regel eine oder die andere Bewerbung nach sich zogen.
Der Meister fing an, ihr ernste Vorstellungen zu machen, und sagte: »Noch bist du jung und schön, aber du bleibst es nicht immer, und später fehlen die Freier und du wirst vergessen und übersehen.«
»Behaltet mich doch bei Euch, Herr Vater,« bat sie, »ich begehre ja nichts anderes, als Euch zu dienen und Euch zu pflegen, und ich würde mich wohlfühlen in stiller Zurückgezogenheit.«
»Du behältst mich aber nicht immer, und wenn ich von hinnen scheide, so wirst du deinen Eigensinn bereuen,« zürnte der Meister und konnte nicht begreifen, wie sein Töchterlein, das ihm sonst nur Freude bereitet, sich hierin so verstockt beweisen könne.
Peter rüstete sich nun zur Reise nach Nürnberg, um dort fröhliche Hochzeit zu halten, und Christine schaffte still und emsig im Hause, um alles für die Aufnahme des jungen Paares vorzubereiten. Es kam aber doch anders, denn von Peter traf ein Schreiben ein, in dem er den Vater bat, ihm noch einige Zeit in Nürnberg zu gewähren. Meister Jamnitzer war mit großen Aufträgen überhäuft und konnte sie kaum allein bewältigen; es wurde ihm und seiner Gattin auch sehr schwer, ihr einziges Kind so von sich in die Fremde zu lassen, und deshalb erbat er sich die Einwilligung von Meister Öhlert, daß der junge Meister und sein angetrautes Eheweib noch Jahr und Tag bei den Eltern bleiben möchten, bis jene Arbeiten mit Peters Hilfe vollendet und Gretchen und die Ihren sich an den Gedanken der Trennung mehr gewöhnt hätten.
Dies letztere, schien es Meister Öhlert, hätte wohl schon geschehen können, doch mochte er nicht nein sagen, und so willigte er ein, daß vorläufig noch alles beim alten bleiben und er seine Tätigkeit noch weiterführen wolle. Vielleicht, dachte er, kommt Christine indessen doch zur Einsicht, denn Freierei macht Lust, und alles um sie her gibt ihr ja das beste Beispiel.
Das bezog sich auf den Ritter von Rochow, der zu den Vermählungsfeierlichkeiten der Prinzessin Elisabeth nach Berlin gekommen und sogleich bei ihm in die Werkstatt getreten war. Er wollte sich silbernes und goldenes Gerät bestellen, um damit Kredenz und Büfett zu schmücken, und er erzählte viel von all den schönen Sachen, welche er für sein neugebautes Schloß angeschafft habe.
»Also auch auf Freiersfüßen,« neckte ihn der Meister und der Ritter widersprach nicht.
Für Christine kam nun wieder eine Zeit, in der ihr ein stiller Kummer am Herzen nagte, während sie nichts als Freude und Lust um sich her sah. Öfter als sonst ging sie in die Werkstatt, um die Fortschritte der aufgegebenen Arbeit zu betrachten. Alle anderen Bestellungen waren beiseite gelegt und alle Hände waren bei dem Werk beschäftigt, weil Ritter Dietrich große Eile anempfahl und selbst oft erschien, um sich an der Herstellung der schönen Geräte zu erfreuen.
Die Gesellen lachten und scherzten und Christine vernahm, wie der Altgesell sagte: »Der Herr Dietrich hat's eilig mit der Freierei.«
»Er hat sich auch das stolzeste und schönste Fräulein, das weit und breit zu finden war, ausgesucht,« sagte einer der Gesellen.
Dem mußte sie zustimmen, wenn sie jetzt wie früher verborgen im Erker stand und dem Paare nachsah, wie es im Jagdzuge des Kurfürsten auf feurigen Rossen einherritt. Sie bemerkte auch wohl den siegesfrohen, herausfordernden Blick, welchen Wolfhild zu ihrem Fenster emporsandte, indes Dietrich ernst und mit gesenktem Haupte vorüberritt.
Seit jener Nacht, wo er mit warmem Händedruck von ihr schied, um mit der Kurfürstin davonzufahren, hatte sie ihn nicht wieder gesprochen, und sie hätte ihm doch gern gesagt, daß sie für ihn und sein Glück zum Himmel flehen werde. Er würde ihr Gebet nicht verachten, wenn auch sein künftiges Gemahl sie mit noch so großer Geringschätzung betrachtete.
Als der Hochzeitsjubel verrauscht und die Zeit der Feste vorüber war, hatte Meister Öhlert seinen Auftrag vollendet und der Ritter von Rochow fand sich in der Werkstatt ein, um mit Lobpreisungen die prachtvoll gelungenen Geräte in Empfang zu nehmen und eine neue Bestellung zu machen. Diesmal war es ein kostbarer Schmuck, die goldene, mit Edelsteinen besetzte Spange für das Haar, eine Halskette, Gürtelschloß und Agraffe, alles von erlesener Arbeit und mit Diamanten und Rubinen von größter Schönheit besetzt, fast ein fürstliches Geschenk, und doch dem Reichtum des Gebers angemessen.
»Bis wann könnt Ihr den Schmuck vollendet haben?« fragte der Ritter den Meister.
»Vier Monate wird es mindestens dauern,« entschied dieser.
»Nun wohl, ich bewillige Euch diese Frist,« erwiderte Dietrich. »In dieser Zeit will ich die letzte Hand an die Ausstattung meines Schlosses legen. Es soll an nichts fehlen, wenn die Gebieterin einzieht und ich habe eine große Freude daran, alles für diese aufs beste einzurichten.«
Der Meister erzählte seiner Tochter von dem Auftrag und der diesen begleitenden Rede, und Christine sah nun der Herstellung des Geschmeides mit großem Anteil zu. Wie herrlich mußte Wolfhild in ihrer stolzen Schönheit in diesem Prunk erscheinen. Gewiß, sie würde die schönste Dame des Landes sein, und noch über die Grenzen desselben hinaus würde man ihren Ruhm verkünden. Wenn sie auch nur die beste gewesen wäre! O, Christine hätte Dietrich von Rochow, den sie so hoch verehrte, die erste und edelste unter allen Frauen zur Gattin gewünscht, und das war Wolfhild wahrlich nicht. Wenn sie ihn nur beglückte und ihm so seine reiche Liebe vergelten würde!
Unterdes lebte die Kurfürstin still und eingezogen auf Schloß Lichtenfels, nicht frei von Sorgen, Schmerz und Sehnsucht und doch für alles Ersatz findend in der vollen Hingabe an ihren Glauben, der ihr ganzes Sein erfüllte. Die Teilnahme, welche ihr hartes Geschick bei vielen Fürsten fand, tat ihr wohl; doch mehr als alles erfreute sie der persönliche und schriftliche Verkehr mit Dr. Luther, der sie zum öftern besuchte und der sie, als ihm wiederum ein liebes Kind geboren wurde, in sein Haus einlud, um bei dem Neugeborenen eine Patenstelle anzunehmen.
Die Kurfürstin folgte dieser Aufforderung gern; sie hatte schon viel von der behaglichen Häuslichkeit vernommen, welche Frau Käthe ihrem Eheherrn zu schaffen verstand, und sie sehnte sich danach, einige frohe und sorgenlose Tage dort zuzubringen. Denn sie war von mancher drückenden Sorge heimgesucht, die schwer auf ihr lastete und ihr oft sogar den Aufblick nach oben trübte. Der Kurfürst von Sachsen hatte sich ihr sehr hilfreich erwiesen, indem er auch für ihre Tafel sorgte, aber sonst fand sie sich so ziemlich von allen Mitteln entblößt, und Joachim war nicht zu bewegen, ihr ein Jahrgeld auszusetzen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß ihre Verlegenheiten sie eher zur Rückkehr und Unterwerfung bewegen würden. So war die Kurfürstin auf den Verkauf ihrer Kleinodien angewiesen, aber ihr Vorrat war nicht groß, denn sie hatte schon in früheren Tagen deren viele hergegeben, um König Christian, ihren Bruder, zu unterstützen.
Die Einladung zur Taufe hatte der Dr. Olearius der Fürstin überbracht, der als ihr Seelsorger häufig auf das Schloß kam, um dort zu predigen und das Abendmahl zu spenden, ein stets gerngesehener und hochverehrter Gast.
Ursula von Zetwitz sah diesen Besuchen immer mit stiller Freude entgegen, bildeten sie doch die einzige Abwechslung in der Einförmigkeit ihres Lebens. Dr. Albrecht Olearius bewies ihr außerdem stets eine wohlwollende Teilnahme, und wenn er die ernsten Pflichten seines Amtes erfüllt hatte, so plauderte er freundlich und ungezwungen mit Ursula und zeigte ihr deutlich, daß ihm diese Stunden nicht minder lieb waren, wie ihr selbst.
Natürlich sollte Ursula auch ihre Gebieterin, die kaum ohne sie sein konnte, nach Wittenberg begleiten, und in Gesellschaft des Dr. Olearius traten sie die Reise an. Zuerst fühlte sich Ursula verschüchtert und zaghaft bei dem Gedanken, daß sie sich in der Gegenwart des hochberühmten Dr. Luther befand und sie wagte kaum den Mund zu öffnen. Doch währte ihre Scheu nicht allzulange. Frau Käthe nahm sich ihrer in mütterlicher Weise an, so daß Ursula sie bald sehr lieb gewann, und als ihr nun die vielfach in Anspruch genommene Hausfrau manche Hilfeleistung gestattete, fühlte sie sich bald ganz heimisch. Auch die Kinder hingen an ihr und es dauerte nicht lange, so war sie von ihnen umringt, wo sie stand und saß.
Die Kurfürstin war dann in ihre ernsten Unterhaltungen mit dem Doktor vertieft, aber dieser fand dabei doch Zeit, der lieblichen Gruppe einen freundlichen Blick zuzuwerfen, und am Abend hörte er mit Vergnügen, wie sich Ursulas hübsche Stimme in seiner Hausmusik mit dem Gesange seiner Kinder vereinte.
Dr. Olearius gehörte schon seit lange zu den ständigen Besuchern des gastfreundlichen Hauses, doch jetzt war er mehr hier denn je und Dr. Martinus gab seiner Käthe die Anweisung, am nächsten Sonntag Seine Hochehrwürden neben das Fräulein Ursula zu setzen, eine Maßregel, die beiden lieb und willkommen war.
Der Besuch der Kurfürstin währte mehr als zwei Wochen, denn sie fühlte sich so wohl und behaglich, daß sie mit Bedauern an das Scheiden dachte, sie wußte ja, daß sie ein gerngesehener Gast war. Aber noch mehr Leid verursachte Ursula der Gedanke an die Rückkehr, und wie sie in dieser Zeit in neuer Frische und Jugendlichkeit erblüht war, so zeigte sie sich ernst und blaß, je näher jener Zeitpunkt heranrückte.
Auch Dr. Olearius verlor den Frohsinn, der ihn jetzt beseelt hatte, und Frau Käthe machte im geheimen ihre Beobachtungen und dachte an entfernte Tage zurück, wo ihr gleichfalls nach Jahren der Prüfung ein großes und unverhofftes Glück genaht war. Sie mochte wohl mit ihrem Eheherrn davon gesprochen haben, doch meinte er lächelnd, in solchem Falle müsse sich jeder selber helfen und er traue dies auch dem lieben Amtsgenossen zu, der schon so oft Beispiele seines Mutes und seiner Unverzagtheit gegeben habe.
Dennoch schien es dem Doktor diesmal sehr daran zu fehlen, und er wartete in schweigender Pein fast bis zum letzten Augenblick. Erst am Vorabend der Abreise, als er sich plötzlich mit Ursula allein im Gemach sah, ohne recht begreifen zu können, wo alle die anderen geblieben – denn er hatte nicht den verstohlenen Wink bemerkt, durch den Dr. Luther die übrigen Hausgenossen ins Nebenzimmer lud – raffte er seine ganze Entschlossenheit zusammen zu einer Frage, auf die Ursula ihm errötend die Antwort gab, welche zwei beglückte Menschen machte.
Später stiegen dann allerlei Erwägungen in ihr auf und sie dachte mit Beschämung, daß sie dem geliebten Mann nicht einmal eine Mitgift in sein Haus bringe, denn jetzt würde der Kardinal Albrecht sein einstiges Versprechen nicht einlösen und die Kurfürstin, so mütterlich sie ihr auch gesinnt war, vermochte doch nichts für sie zu tun.
»Ich will dich und nicht deine Aussteuer,« tröstete sie Albrecht, »und mein Vater wird so erfreut sein, wenn ich ihm eine liebe Tochter zuführe, daß er uns gerne den häuslichen Herd bereitet.«
Die Glückwünsche der Kurfürstin empfing Ursula mit einer Art Beschämung, denn die Schließung der neuen Bande bedeutete ja ihre Trennung von der geliebten Herrin, der sie sich für immer gelobt hatte.
»Bin ich nun nicht treulos und pflichtvergessen?« fragte sie bekümmert.
Doch die Kurfürstin schloß sie in ihre Arme und sagte: »Die Freude an deinem Glück ist einem Sonnenstrahl gleich, der auf meinen dunklen Pfad fällt.«
»Und Ihr dürft das Wort der Bibel nicht vergessen,« fiel der Doktor Martinus ein, »daß ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen soll.«
So gab sich Ursula nun ganz ihrem Glücke hin, das sich noch erhöhte, als vom Meister Öhlert nun die freudigste Zustimmung eintraf und er sie, die Verwaiste, an sein Vaterherz berief. Christine schrieb gleichfalls und begrüßte die liebe Freundin mit liebevoller Zärtlichkeit als treue Schwester: der Brief zeigte sie so ganz in ihrer Güte und Liebe, und doch stimmte er Ursula traurig, denn es lag über dem Ganzen ein trüber Hauch, und in ihrer feinempfindenden Frauenseele erriet sie das Vorhandensein eines Schmerzes, der Christine im stillen bedrückte.
Meister Öhlert hatte große Lust, nach Wittenberg zur Hochzeitsfeier zu kommen; es verlangte ihn, den Gottesmann, der ihm so teuer war, dort von Angesicht zu sehen, und die Freude am Reisen, die er sein Lebelang gehabt und früher befriedigt hatte, wenn er im Interesse seines Geschäfts in die Fremde zog, fing an in seinen alten Tagen sich wieder in ihm zu regen; nur war es jetzt schwer für ihn abzukommen, so lange ihn noch dringende Aufträge fesselten. Da freute es ihn, daß Ursula ihren Verlobten bestimmt hatte, noch ein Jahr zu warten, damit ihre Gebieterin sich erst völlig eingelebt haben werde und sie leichter entbehren könne. Bis zu dieser Frist würde doch auch Peter sich in Nürnberg freimachen und in der väterlichen Werkstatt das Kommando übernehmen.
Der Schmuck, welchen der Ritter Dietrich bestellt hatte, war inzwischen der Vollendung nahegekommen, und der Meister mochte wohl mit Stolz auf die gelungene Arbeit blicken. Er rief Christine in die Werkstatt, um ihn ihr zu zeigen und sie kargte nicht mit ihrer Bewunderung.
»Solchen Reichtum an Kleinodien besitzen sonst nur Fürstinnen,« sagte der Meister in freudigem Stolz auf das gelungene Werk. »Der Ritter hat nicht gespart, und er muß seine Auserwählte doch sehr lieben, daß er ihr solchen Schatz zur Morgengabe stiftet. Allerdings ist das Fräulein Wolfhild auch in ihrer stolzen Schönheit die ganz geeignete Trägerin dieser Juwelenpracht, mit der sie alle andern Ritterdamen und selbst fürstliche Frauen verdunkeln wird.«
Christine neigte zustimmend das Haupt; es wurde ihr gar zu schwer, etwas zu erwidern, und sie beugte sich über die Schmucksachen und lobte daran einzelne Schönheiten, nur um nichts von der zu sagen, die sich damit zieren sollte.
Der Altgesell, der sich schon etwas herausnehmen durfte, stand auch dabei, um die Meinung der Jungfrau zu hören, und er sagte nun: »Nach allem, was man von dem Fräulein Wolfhild hört, ist es ihr noch mehr um die Juwelen, als um den Ritter selbst zu tun.«
Da wurde Christine mit einem Male lebhaft und wandte sich zu ihm: »Das kann ich nicht glauben, denn so blind kann sie nicht gegen die Vorzüge und Tugenden eines solchen Herrn sein, daß sie sich nicht glücklich preist, von ihm erkoren zu werden.«
»Ihr müßt mich nur recht verstehen, Jungfer Christine,« erwiderte der Altgesell, »gewiß kann sie stolz auf ihren Bräutigam sein, aber wenn er weniger reich wäre und ein anderer, der sich ihm in nichts vergleichen könnte und ihn nur an Besitztum und Vornehmheit überragte, um sie freite, so gäbe sie diesem den Vorzug. Sie soll eben so hochmütig als herzenskalt sein.«
Ehe Christine antworten konnte, tat sich die Türe der Werkstatt auf und der Ritter Dietrich trat ganz unvermutet herein.
Er neigte sich sittig vor Christine und wandte sich an den Goldschmied: »Grüß Gott, Meister Öhlert, sind meine Aufträge erledigt?«
»Fast, edler Herr,« erwiderte der Meister, »ich gedenke morgen die letzte Feile zu geben; aber es fehlen noch zwei Wochen an der festgesetzten Frist.«
»Ich weiß es, lieber Meister, aber die Ungeduld und die Sehnsucht ließen mir keine Ruhe,« sagte Dietrich. »Mein Schloß ist bereit und es verlangt mich die Braut zum Altar zu führen, sobald ich erhalten habe, was mir Eure Werkstatt zu liefern hat.«
»Das könnt Ihr also in drei Tagen in Empfang nehmen,« sprach der Meister und nun zeigte er dem Besteller den Schmuck und freute sich an dessen bewundernden Lobsprüchen.
»Nun habe ich noch einen dritten und letzten Auftrag,« begann der Ritter alsdann, »und ich würde Euch von Herzen dankbar sein, lieber Meister, wenn Ihr mir den recht schnell ausführtet.«
»Es soll geschehen, was ich vermag,« versprach der Meister, und der Ritter sagte:
»Es handelt sich um ein goldenes Ringlein, einen einfachen Reif, der mir aber die Braut gewinnen soll am Traualtar. Bis wann kann ich den haben?«
»Der ist bald angefertigt, und Ihr könnt ihn mit dem Schmuck zugleich in Empfang nehmen,« sagte der Meister. »Am Samstag abend denke ich alles fertig zu haben.«
Der Ritter dankte ihm und verließ die Werkstatt, nachdem er sich ehrerbietig vor Christine, die sich bescheiden in den Hintergrund zurückgezogen hatte, verneigt. Er ließ es wahrlich an Höflichkeit nicht fehlen, aber jedes freundliche Wort hatte gemangelt, so fremd und förmlich war er noch nie gewesen. War dies schon ein Vorzeichen, wie ganz er den früheren Freunden durch seine Vermählung entrückt wurde? Sie sagte auch nicht einmal zum Vater etwas, aber als sie spät in der Nacht einschlief, war ihr Kopfkissen naß von Tränen.
Am Samstag abend war alles vollendet, wie es Meister Öhlert versprochen hatte; seit dem großen Diebstahl von damals war er aber sehr vorsichtig geworden und so nahm er die Schmucktruhe mit hinauf in seine Wohnung, um sie in seinem eigenen Schlafzimmer zu bewahren, wahrscheinlich würde sich der Ritter am morgenden Tage einstellen, um alles in Empfang zu nehmen.
Der Meister hatte die schönverzierte Truhe mit ihrem reichen Inhalt geöffnet auf den Tisch gestellt, damit Christine alles nochmals besichtigen könne und sich dann in sein Gemach begeben, um Alltagsgewand und Schurzfell gegen die pelzbesetzte Schaube umzutauschen, die ihm ein so würdiges und ehrfurchtgebietendes Aussehen verlieh.
Christine trat hinzu und blickte träumerisch auf die funkelnden, schimmernden Steine. Ihre Pracht rührte sie nicht und sie gönnte sie von Herzen jener stolzen Schönheit, für die sie bestimmt waren. Aber sie griff nach dem einfachen goldenen Ringlein, das zur Seite lag und steckte dasselbe halb unbewußt an ihren Finger. Dabei verlor sie sich mehr und mehr in tiefes Sinnen und zuletzt sprach sie halblaut vor sich hin:
»O, du lieber goldener Reif, wie bedeutsam bist du und wie beglückt ist sie, die dich tragen wird! Möchte sie immer so sein! Jeder Schatten möge von ihr weichen! O, könnte ich statt ihrer das Leid und den Schmerz tragen, die vielleicht ihrem Leben bestimmt sind! Nur das eine erflehe ich vom Himmel, daß sie ihren zukünftigen Gemahl so beglücken möchte, wie er es verdient!«
In ihre Gedanken verloren, hatte Christine nicht auf das Öffnen der Türe und den Eintritt Dietrich von Rochows geachtet, der sich ihr mit leisem Schritt nahte, um sie nicht zu stören. Erst wie er hinter ihr stand, ward sie seine Gegenwart gewahr, aber sie glaubte, es sei ihr Vater. Dennoch erschrak sie heftig, weil der goldene Reif noch immer an ihrem Finger war, und ihr Bemühen ging dahin, diese Hand zu verstecken.
Doch da umfaßten sie zwei starke Arme, ihre Hand wurde ergriffen, und eine geliebte Stimme flehte: »Laß den Ring, wo er ist, meine geliebte Christine. Er war dir von jeher bestimmt, verschmähe ihn nicht.«
Ihr aber stieg glühende Schamröte in das Antlitz und sie suchte sich ihm zu entwinden, indem sie ausrief: »Laßt mich sein, Herr Ritter. Wenn ich mich töricht benommen habe, so dürft Ihr mich doch nicht in solcher Weise verhöhnen.«
»Christine, liebste, teuerste Christine, wie kannst du so etwas denken!« rief Dietrich aus. »Wie habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt, denn Ringlein und Schmuck und Gerät waren stets für dich bestimmt. Dir gehören sie, wenn du sie annimmst, und dir gehört alles, was ich besitze, und ich selbst und mein ganzes Herz.«
Christine sah ihn sprachlos an, mit von Tränen verdunkelten Augen, aber sie duldete es, daß er sie an seine Brust zog, ihr das Ringlein, das sie abgestreift hatte, wieder an den Finger steckte und viele liebe Worte zu ihr sprach, die jeden Zweifel aus ihrer Seele scheuchten und ihr die jubelnde Gewißheit des Glücks gaben.
Nun trat der Meister wieder ein. Er war nur kurze Zeit fortgewesen, und doch, was hatte sich nicht alles ereignet! Er fand ein beglücktes Brautpaar, das ihn um seinen Segen bat, und als er diesen erteilte, fühlte er zweifache Freude, seine Christine, deren heimliche Liebe er geahnt, aber als aussichtslos nie erwähnt hatte, nun so über alles Erwarten beseligt zu sehen und für sich selbst einen Sohn zu gewinnen, wie er auf der ganzen Welt keinen lieberen finden konnte.
Als sie nachher friedlich beisammensaßen, Christine vom Arm des Ritters umschlungen, vor ihnen in den goldenen Bechern der edelste Wein, den der Meister für ganz besondere Gelegenheiten in seinem Keller verwahrte, da betrachtete sie noch immer den goldenen Reif an ihrem Finger, der ihr die Gewißheit gab, daß nicht alles nur ein beseligender Traum sei, und sie drückte das Ringlein wohl an ihre Lippen und dachte, daß es ihr das liebste von allem sei, was nun in so reicher Fülle ihr zuteil werden sollte.
Meister Öhlert hatte sich auch noch nicht in die große Überraschung gefunden und er schüttelte zuweilen den Kopf und meinte: »Bürgertochter und Rittersmann, ich konnte immer nur die trennende Kluft zwischen den beiden sehen und versuchte, sie voneinander zu halten.«
»Das habt Ihr redlich getan, lieber Herr Vater,« erwiderte Dietrich lächelnd, »aber wo die Liebe so echt und so treu ist, wie die in unserm Herzen erblühte, da überwindet sie endlich doch.«
»Aber Ihr wußtet ja nichts von Eurer gegenseitigen Liebe,« warf der Meister ein.
Dietrich lachte. »Nichts für ungut, Herr Vater, aber ich habe es von jeher gewußt, wie lieb mir Christine war, und obgleich ich sie nie über ihre Gesinnung gegen mich befragte, so zweifelte ich doch nicht an ihr, denn der Schelm, mein kleiner Finger, sagte es mir, und so konnte ich getrost mein Haus für sie rüsten.«
Christine schmiegte sich an ihren Verlobten und sah mit leuchtenden Augen zu ihm auf. Dann wurde sie ernst und seufzte: »Wie werde ich es nur vermögen, in Eurem stolzen Schloß so zu walten, daß ich Euch gefalle und alles recht mache! Ich wünschte, Ihr wäret nicht so vornehm und so reich, ich wäre auch zu Euch gekommen, lieber Herr, wenn Ihr arm und niedrig wäret.«
»Das glaube ich dir, mein trautes Lieb,« versicherte der Ritter, »um so mehr freue ich mich, daß ich dir so viel zu Füßen legen kann. Und ich sorge mich nicht, daß du nicht verstehen solltest, als Herrin auf meinem Schlosse zu regieren. Wie oft habe ich dich mit stillem Wohlgefallen beobachtet, hier in deinem hausfraulichen Walten!«
»Aber gab es nicht eine andere, die wohl erwarten konnte, daß Ihr ihr das Ringlein bringen würdet, welches jetzt Christine am Finger trägt?« fragte der Meister sehr ernst, während seine Tochter erbleichte.
»Ihr meint das Fräulein Wolfhild von Priewitz?« erwiderte der Ritter. »Es ist mir nicht fremd, daß uns die Meinung der Welt füreinander bestimmt hatte, und sie selbst nicht abgeneigt gewesen wäre, meinen Namen, meinen Rang und meinen Reichtum durch den goldenen Reif zu gewinnen. Aber nach meinem Herzen hat sie nie verlangt, weil sie selbst kein Herz besitzt. Und hätte sie sich mir gelobt gehabt und wäre danach ein Freier erschienen, der ihr noch mehr zu bieten hatte, so würde sie tiefes Bedauern über ihr Versprechen, das sie als Mißgriff angesehen hätte, erfüllt haben. Nein, ich bin frei von jedem Vorwurf in meinem Verhalten gegen Wolfhild, aber ich danke Gott, daß ich Christine bereits so lange liebte, daß die Schönheit jener andern mir nicht mehr gefährlich werden konnte.«
Nicht lange darauf führte Dietrich sein junges Weib auf sein schönes, stolzes Schloß in dem frohen Bewußtsein, daß sie selbst die Krone von all dem war, womit ihn das Glück so überreich gesegnet hatte.