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»Schön ist's in Nürnberg allezeit, aber nie schöner als im Fasching,« sagte lachend ein junger Gesell, als er gegen Feierabend bei Meister Hans Sachs in die Werkstatt trat.
Dieser war noch eifrig bei der Arbeit, denn er hielt darauf, seinen Gesellen und Lehrlingen ein gutes Beispiel zu geben und so legte er Knieriemen und Schusterhammer erst mit dem Glockenschlage fort, und wer bei ihm seine Schuhe oder Stiefel anfertigen ließ, der hatte gewiß keinen Grund zur Klage. Dafür gestattete sich dann der Meister dann und wann eine kleine Erholungspause, in der er den Schreibstift zur Hand nahm und flugs weiter schrieb an dem Fastnachtsspiel oder dem Schwank, der ihm gerade in den Sinn gekommen war.
»Gott zum Gruß, Meister und Gesellen,« fuhr der Eintretende fort, dessen hohe, schlanke Gestalt von Kraft und Gesundheit strotzte, während auf seinem hübschen, frischen Gesicht mit den blauen Augen, dem kecken Bart auf der Oberlippe und dem blonden Kraushaar der Ausdruck unbefangenen Frohsinns lag.
Der Meister dankte ihm freundlich und betrachtete ihn mit sichtlichem Vergnügen, war doch Peter Öhlert ihm doppelt lieb als Sohn seines alten Freundes, aber auch um seiner selbst willen, und da er keine eigenen Kinder hatte, so hegte er für den jungen Gesellen wahrhaft väterliche Gefühle.
Jetzt fand er es aber doch geboten, eine ernstere Miene aufzusetzen, und so fragte er mit scheinbarer Strenge: »Kommst ja zu seltsamer Zeit, wann fängt denn bei Euch die Feierstunde an?«
»Nicht früher als in den anderen Werkstätten, ja oft müssen wir noch viel länger arbeiten, denn wenn das Modell nicht abgekühlt ist, oder der Guß nicht vollendet, so gibt's keine Ruhe,« erwiderte Peter fröhlich, »dafür hat uns Meister Jamnitzer heut eine Stunde früher beurlaubt, weil wir gerade mit einem Tafelaufsatz fertig wurden, der seinesgleichen sucht. Nun, Ihr werdet ihn ja auch sehen, Meister, ist das schöne Stück doch vom Rat dieser Stadt bestellt, um bei Festlichkeiten die Tafel würdig zu schmücken, vielleicht beim nächsten Reichstag.«
»Zu wann hast du den denn festgesetzt?« fragte der Meister mit gutmütigem Spott.
Peter ließ sich das wenig anfechten. »Wollte dem Kaiser nicht vorgreifen,« meinte er lachend, »aber es wird schon dazu kommen, und der Rat in seiner Weisheit tut wohl daran, sich beizeiten zu versorgen. Es war ein herrliches Werk und die Arbeit dabei eine Freude; ich habe auch tüchtig helfen dürfen,« fügte er mit stolzem Selbstgefühl hinzu.
»Bist nicht gerade der schlechteste Gesell des Meister Jamnitzer,« sagte Meister Hans Sachs.
»Ja, ich habe viel bei ihm gelernt, und mein Herr Vater hatte doch auch schon einen guten Grund gelegt,« erwiderte Peter.
»Deshalb wundert's mich, daß du dich nicht wieder auf die Wanderschaft machst,« fuhr Meister Sachs fort; »bin nicht dafür, daß ein Gesell immer von einer Werkstatt in die andere läuft, aber wenn einer, der selbst Meister werden will, eine Zeitlang bei einem tüchtigen Meister gearbeitet hat, so tut er gut daran, es auch wieder bei einem anderen zu versuchen, und dir war ja die Welt kaum groß genug, um dich darin auszulaufen.«
»Schon recht, aber Nürnberg hat's mir nun einmal angetan, und der Meister Hans Sachs und seine Frau Eheliebste sind auch noch schuld daran, und die Fastnachtsspiele und das ganze fröhliche Leben hier, ich kann nimmer fort,« seufzte Peter.
»Und wer weiß, was noch alles,« sagte der Meister und drohte ihm mit dem Finger. Die Gesellen warfen sich einen Blick zu und lachten, während Peter glühend rot wurde, was ihn nicht wenig ärgerte.
Dem guten Meister, der die Tage seiner eigenen Jugend nicht vergessen hatte, tat es wohl leid, er ließ das Gespräch fallen und blickte nach der Uhr, die eben zum Schlage ausholte.
»Feierabend,« gebot er dann, und das ließen sich seine Leute nicht zweimal sagen. In wenigen Minuten war die Werkstatt aufgeräumt und sie verließen dieselbe, zuerst der Meister, der Altgesell zuletzt, der die Tür verschloß.
Bald saß Meister Hans Sachs, der das Schurzfell abgebunden, Gesicht und Hände gewaschen, das weiße Haar und den schönen langen Bart geglättet und die Schaube angelegt hatte, mit seinem jungen Gast in der Fensternische und redete ihm ernsthaft zu, wobei Peter recht finster und unwirsch aussah.
»Du bist ein Kindskopf,« sagte der Meister; »die Rolle paßt für dich und damit sei zufrieden.«
»Ich habe aber immer die Bösewichter und die Tyrannen gespielt,« trotzte Peter, »und das Schreien, das Stampfen mit den Füßen und das Augenverdrehen gerät mir am besten.«
»Nun, so stellst du diesmal einen sanftmütigen Tyrannen dar,« sagte der Meister aufgeregt. »Natürlich ist der Pfalzgraf, der sein armes Weib solch grausamen Prüfungen unterwirft, ein arger Tyrann, aber er benimmt sich äußerlich wie ein anderer Christenmensch.«
»Ich kann's eben nicht,« beharrte Peter, »der Golo in der Genoveva, der gefällt mir, und bei dem habe ich's auch getroffen.«
»Wir können dir zuliebe nicht immer die Genoveva spielen, und die Griseldis ist auch ein sehr schönes Stück, und mein allerneuestes, ich habe es erst jetzt fertig gemacht,« redete der Meister gütig zu.
Aber mit Peter war nicht viel anzufangen, wenn er seinem Eigensinn die Zügel ließ, und der Meister wäre doch noch böse geworden, hätte nicht zum Glück die Hausfrau zu Tische gerufen.
»Bist natürlich zu Gast geladen, Peterlein,« sagte sie freundlich.
Er wollte erst danken, besann sich aber eines Bessern; bei seinem Meister war das Abendessen jedenfalls beendet, wenn er heimkam, und mit hungrigem Magen mochte er auch in seinem Zorn nicht sein. Die Frau Meisterin hatte ihre Freude daran, wie es ihm schmeckte, und dabei vergaß er Ärger und Grimm und war wieder der lustige, harmlose Peter.
Als das Dankgebet gesprochen war, erhob sich Meister Sachs und nahm sein pelzbesetztes Barett, um in das Bratwurstglöcklein zu gehen, wo sich die Nürnberger Meister, die Künstler und Patrizier zusammenfanden zu einem Abendtrunk und einer Aussprache über alles, was in der Welt vorging. Da saßen auf der einfachen Holzbank oder auf Schemeln um den eichenen Tisch Herr Albrecht Dürer und sein Freund, Herr Willibald Pirkheimer, Herr Adam Krafft, der Steinmetz, Peter Vischer und Veit Stoß und wie sie alle hießen, und sie begrüßten den Meister Sachs als einen Saumseligen.
»Scheltet nicht zu sehr,« verteidigte er sich lachend, »gestrenge Herren, denn es ist für euch geschehen. Wollt euch jetzt zum Fasching an einem Schauspiel erfreuen, und bedenkt nicht, was ich für Not und Mühe davon habe.«
»Das glauben wir nicht,« rief Meister Jamnitzer, »wissen wir doch, wie Ihr Euch die lustigen Schwänke und die Theaterstücke nur so aus dem Ärmel schüttelt.«
»Manchmal wohl, da fallen sie mir ein, wenn ich meine Schuhe besohle,« lachte der Meister, »aber zuweilen muß ich auch nachsinnen, daß sich alles recht fügt. Doch das Schlimmste kommt erst, wenn die Schauspieler nicht gehorchen wollen. Habe eben einen tüchtigen Tanz mit Eurem Peter Öhlert gehabt, Meister Jamnitzer.«
»Der hängt doch sonst an Euch, wie an einem Vater,« meinte der berühmte Goldschmied; »und würde für Euch durchs Feuer gehen.«
»Es war auch nicht so schlimm,« beschwichtigte Hans Sachs.
»Ist der Junge auch so brav, wie sein Vater?« fragte Albrecht Dürer.
»Es wird ein tüchtiger Meister aus ihm werden,« bestätigte Meister Jamnitzer. »Schade, daß ich's seinem Vater nicht selbst sagen kann. Früher hat er oft genug hier unter uns gesessen, jetzt meldet sich allmählich das Alter und das verbietet das Reisen.«
»Ja, ja, die Zeit vergeht,« meinte Meister Adam Krafft. »Wenn ich so zurückdenke, dann wundere ich mich, was ich alles erlebt habe. Als ich ein Knabe war, wer wußte da etwas von der Neuen Welt, von all den Erfindungen, die wir jetzt täglich gebrauchen! Wie hat sich alles verwandelt!«
»Und was werden wir noch alles erleben, wenn uns der Herr nicht vorher abberuft,« sagte Peter Vischer. »Nun geht der Krieg wieder in Italien los, und gegen die Türken hört's kaum auf und wie es im Reich selbst werden mag, kann kein Mensch wissen; denkt nur an die gräßlichen Bauernaufstände.«
»Aber wir wollen uns doch glücklich preisen, daß wir jetzt leben,« rief Meister Hans Sachs. »Wie viele haben sich nach der Kirchenverbesserung gesehnt und sind darüber hingestorben, und wir haben's erreicht, dank sei es dem Doktor Martinus.«
»Und dürfen uns in unserer freien Reichsstadt auch frei und fröhlich dazu bekennen,« fiel Herr Pirkheimer ein, »während die Untertanen eines Fürsten ängstlich auf ihren Herrn blicken und ihre Gesinnung vor diesem verstecken müssen, wenn er sie nicht teilt.«
Während der Ernst der Zeit sich selbst in der Erholungsstunde in den Gesprächen abspiegelte, welche im Bratwurstglöcklein geführt wurden, hatte Peter Öhlert andere Sorgen, die sich statt mit den Weltereignissen um sein eigenes Geschick drehten, ihm aber auch den Sinn nicht wenig beschwerten. Die Unterredung bei Hans Sachs hatte ihn daran erinnert, daß er lange genug im schönen Nürnberg gewesen, aber ihm auch wieder fühlbar gemacht, daß ihn hier ein starker Magnet in seinem Banne hielt, nämlich Meister Jamnitzers blondes Töchterlein, das liebliche Gretchen. Sie hatte es ihm gleich angetan, obwohl sie bei seinem Eintritt in das Haus kaum den Kinderschuhen entwachsen war, und jeden Tag war sie ihm lieber geworden, so daß er meinte, er könne gar nicht mehr ohne sie leben.
Wenn er nur gewußt hätte, ob Gretchen ihm auch ein bißchen gut war! Aber so keck und übermütig der junge Gesell sonst sein konnte, hier fühlte er sich ganz schüchtern und verzagt. Daß Gretchen das schönste und beste und klügste Mädchen auf der ganzen Erde war, stand ja fest, und die wollte er nun gerade haben! Noch dazu war sie des reichen und angesehenen Meisters Jamnitzer einziges Kind, und was würde der erst dazu sagen! War es da ein Wunder, daß sich der arme Peter nicht getraute, seine heiße Liebe zu verraten.
Ob es Gretchen nicht dennoch gemerkt hatte, ließ sich schwer sagen, sie war ja gegen jedermann freundlich und nett, aber manchmal kam es Peter doch vor, als sei sie es ganz besonders gegen ihn, und dann war ihm zumute, als könne er den Himmel stürmen. Fand sich dann einmal ein geeigneter Moment, wo er ihr sein Herz hätte ausschütten können, so versagte ihm die sonst so flinke Zunge, und er war wie auf den Mund geschlagen. Konnte er da wohl fort aus Nürnberg? Was würde Gretchen von ihm denken? Natürlich würde sie einen von den vielen Freiern, die sich um ihre Gunst bewarben, erhören und bald die ehrbare Gattin eines vornehmen Geschlechtersohnes sein. Dann aber mochte Peter auch nicht mehr leben und würde am liebsten ins Kloster gehen, wenn man nur wieder hinauskönnte.
Als Peter das Haus seines Meisters an diesem Abend betrat, fügte es sich, daß er Jungfer Gretchen gerade auf dem Hausflur begegnete. Sie hielt eine Kerze in der einen Hand, in der andern eine Schale mit Früchten, die sie wohl eben aus der Vorratskammer geholt und sah entzückend aus in dem lichtblauen, mit einem dunklen Sammetstreifen besetzten Kleide, das durch die Schnur der gestickten Gürteltasche aufgerafft und am Schleppen verhindert war, während das Mieder mit dem weißen gefalteten Brustlatz ihre zierliche Gestalt umspannte und die langen blonden Zöpfe ihr weit über den Gürtel reichten.
»Ihr kehrt zur späten Stunde heim,« schmollte sie, »da werdet Ihr auch nicht nach den Äpfeln fragen, welche die Mutter mich holen ließ.«
»Bestraft mich nicht, ehe Ihr wißt, ob ich schuldig bin,« bat Peter. »Ich war beim Meister Hans Sachs.«
»Und da gefiel es Euch natürlich besser und Ihr fandet es kurzweiliger, als bei uns,« meinte Gretchen ein wenig schnippisch.
»Das wäre wohl nie der Fall, und heute am allerwenigsten,« sagte Peter und begann ihr sein Leid zu klagen über den Pfalzgrafen, den er spielen sollte und der so gar kein Tyrann nach seinem Sinn war.
Nun erwachte Gretchens Teilnahme, sie vergaß ihren leichten Ärger und tröstete Peter so schön, daß ihm ganz vergnügt zu Sinne wurde. »Ihr werdet es gewiß gut machen,« versicherte sie, »und ich brauche mich nicht zu ängstigen um Euch.«
»Tut Ihr das denn sonst, liebe Jungfer?« fragte Peter hochbeglückt.
»Nur zu Anfang, wenn Ihr zuerst aufs Theater kommt,« gestand sie; »aber es gelingt Euch immer so gut, daß ich ganz stolz auf Euch bin.«
»O, liebe Jungfer, wie glücklich mich das macht,« sagte der erfreute Peter, »und nicht wahr, ich darf Euch doch dann auch zum Tanz aufziehen?«
»Gewiß, darauf habe ich sicher gerechnet,« versicherte Gretchen.
Da öffnete sich die Tür des Wohngemachs, und in der Spalte erblickte man die stattliche Gestalt der Meisterin in ihrer großen Flügelhaube, die über das lange Ausbleiben des Töchterchens verwundert nach diesem ausspähte.
»Ich komme schon,« rief ihr Gretchen zu und suchte den schönsten Apfel für Peter aus, der zu so vorgerückter Stunde nicht mehr einzutreten wagte.
»Laßt ihn Euch gut schmecken und träumt etwas Schönes,« rief sie ihm zu.
»Da werde ich gewiß von Euch träumen, liebe Jungfer,« erwiderte er und wie er nun in seiner Kammer saß, hielt er den geschenkten Apfel in der Hand, unschlüssig, ob er Gretchens Befehl befolgen und ihn verspeisen oder zum ewigen Angedenken aufbewahren solle; endlich entschied er sich für das erstere.
Der Fastelabend war da, und alles, was darauf Anspruch erheben konnte, rüstete sich zum Fest auf dem Rathause, wo zuerst das neue Stück von Meister Sachs aufgeführt und dann ein fröhlicher Tanz abgehalten werden sollte. Die jungen Gesellen, denen die Rollen zugeteilt waren, kleideten sich an Ort und Stelle in einem Gemach neben dem großen Saale an, und der ehrwürdige Meister weilte unter ihnen, um ihren Übermut zu dämpfen und nachzusehen, daß sie ordentlich und wie es sich gehörte angezogen waren.
Die Pfalzgräfin Griseldis, das frühere Köhlerkind, stand im Schleppkleide der Frau Ratsherrin Pirkheimer da, mit Schleier und Mantel gar prächtig angetan und ließ den Schusterlehrling, der sie sonst war, nur an den gewaltigen Schritten, in die sie trotz aller Ermahnungen immer wieder verfiel, erkennen. Auch die Königin Ginevra, ein jugendlicher Sprößling der Patrizierfamilie der Fürbringer, machte sich ausgezeichnet, nur hatte ihr Darsteller gar zuviel gegen den Übermut zu kämpfen, der ihn oft erfaßte und zu solchen Sprüngen und Tänzen antrieb, daß sich die vom herrlichsten Goldpapier hergestellte Krone verschob und von Meister Sachs mit ernsten Ermahnungen wieder zurechtgerückt werden mußte.
Nur der Pfalzgraf selbst zeigte sich düster und stumm und niemand würde in ihm den sonst so lustigen Peter erkannt haben. Alles Zureden des Meisters half nichts, er hatte nun einmal seinen schlechten Tag; doch war Hans Sachs deswegen nicht beunruhigt; er wußte ja, auf Peter konnte man sich im Augenblick der Not verlassen, da mochte er seine üble Laune für diesmal pflegen.
Die Musikanten stießen ins Horn, der große Rathaussaal füllte sich bis auf den letzten Platz; die kostbar geschmückten Frauen der vornehmen Geschlechter, die schön gekleideten der Meister, ihre lieblichen, mit frischen Kränzen gezierten Töchter, die ehrbaren Mitglieder des Rates, die Patrizier, die vornehmsten Bürger waren versammelt und blickten erwartungsvoll auf den Vorhang, hinter dem das Gerüst für das Theaterspiel aufgeschlagen war. Auf den Galerien, die oben rings um den Saal liefen, drängte sich das Volk, und von einer Tribüne ertönten jetzt Zimbeln und Drommeten, als Zeichen der Eröffnung.
Der Vorhang ging auseinander und das Stück begann. Griseldis rührte die Zuschauer in ihrer Demut und Ergebung, die Königin empörte sie durch ihren Hohn und Spott, der Pfalzgraf aber erschreckte sie fast durch seine fürchterliche Wildheit, die alles übertraf, was Golo, Kain und ähnliche Bösewichter je geleistet haben. Er verdrehte die Augen, stampfte mit den Füßen, schrie und lärmte wie ein Ungeheuer, und alle Zeichen, welche Hans Sachs von der Seite her seinem Zögling machte, blieben unbeachtet; die künstlerische Anlage des guten Peter ging nun einmal auf die tobenden Bösewichter, und da sie gewaltsam hatte eingedämmt werden sollen, rächte sie sich, indem sie alle Schranken übersprang. Griseldis und die Königin wichen erschrocken in die fernste Ecke der Bühne zurück und der Köhler, der Vater der ersteren, hatte die begründetste Ursache, mit seinem Schwiegersohn unzufrieden zu sein.
Erst hatte der tyrannische Pfalzgraf den Zuhörern, welche starken Gefühlsäußerungen nicht abgeneigt waren, gefallen, aber mit der Zeit wurde es ihnen doch zu grauslich, und manch einer schüttelte mißbilligend den Kopf, nicht wissend, galt es der Rolle oder dem Darsteller. Eine im Saal verstand ganz genau den Zusammenhang, das war das arme Gretchen, deren Herz sich immer ängstlicher zusammenschnürte.
Nun schaute Peter, der sich soeben selbst noch überboten hatte, in begeistertem Künstlereifer zu ihr hin, um in ihren Blicken die Anerkennung zu lesen, auf die er rechnete. Ach, er sah in ein erbleichtes Antlitz, aus dem ein Paar erloschene Augen ihn erschrocken und betrübt anstarrten, und nun wußte er alles. So durfte er ja den Pfalzgrafen nicht spielen, das war ja ein sanfter Tyrann, und das konnte er nicht! Ein wahres Entsetzen ergriff ihn und raubte ihm die Besinnung, er verlor den Faden, das nächste Wort fehlte ihm, stammelnd setzte er von neuem an, aber es half nichts – alles war fort, vergessen – er war nicht mehr der Pfalzgraf, sondern der arme Peter, um den sich alles im Kreise drehte, vor dessen Ohren es brauste, der von nichts mehr wußte, als daß er stecken bleiben mußte.
Wie ein Vernichteter stand der unglückliche Pfalzgraf einige Augenblicke da, auf kein Zuflüstern und Ermahnen achtend, dann wandte er den Zuhörern den Rücken und stürzte fort wie ein von den Furien Verfolgter, von dem nicht enden wollenden Lachen der Zuhörer begleitet.
Wie er sich seine fürstlichen Gewänder abriß, wie er hinauskam, ohne auf irgend jemand zu achten, das wußte er selbst nicht. Nun stand er auf der Straße und blickte zu den erleuchteten Fenstern auf, aus denen Jubel und Lachen zu ihm herniederschallte. Es galt dem lustigen Narrenspiel, das stets den Beschluß machte und zu dem man sofort übergegangen war, als Griseldis so hoffnungslos verunglückte, aber er bezog alles auf sich.
Er fühlte sich vernichtet, verhöhnt, beleidigt, beschimpft; die ganze Stadt lachte auf seine Kosten; da stand es fest, daß er hier nicht länger bleiben konnte, schon der nächste Morgen sollte ihn nicht mehr in Nürnbergs Mauern sehen. So kehrte er in das Haus seines Meisters zurück und machte sich daran, sein Bündel zu schnüren; mehr als er zu tragen vermochte, konnte er ja nicht mit auf die Wanderschaft nehmen.
Mit bitterm Weh dachte er daran, wie er sich auf den Tanz gefreut und stellte sich Gretchen vor, wie sie in den Armen der andern jungen Gesellen durch den Saal flog; sie war ihm ja nun auf ewig verloren; nie konnte er es wagen, je wieder seine Augen zu ihr zu erheben! Nein, er wollte fort, ehe ihn jemand sah, in aller Frühe, sobald nur die Tore offen waren.
Nun setzte er sich nieder, um an Meister Jamnitzer zu schreiben, seine Verzeihung zu erbitten und ihm zu danken. Den Brief wollte er an der Schwelle seiner Tür niederlegen, damit er gleich alles erführe. Leise, wie ein Dieb, schlich er aus seiner Kammer, sein Felleisen auf dem Rücken, die Schuhe in der Hand, damit sie ihn nicht verrieten; im Hausflur wollte er warten, bis die Tür aufgeschlossen wurde und dann – ade, du liebes Haus!
Aber er war noch nicht unten angelangt, als er einen leichten Schritt und das Rauschen von Frauengewändern hinter sich vernahm. Er wandte sich und erblickte beim Schein einer kleinen Lampe, die sie in der Hand trug, Gretchen, welche er nicht vor dem Anbruch des neuen Tages zurückerwartet hatte, denn die Feste pflegten damals lange zu dauern. Sie trug noch ihr Festgewand, nur die Blumen hatte sie aus den Haaren genommen und sah sehr blaß aus, in den Augen hatte sie Tränen.
Sie standen sich schweigend, aber tief bewegt gegenüber; dann sagte sie, auf seinen Wanderstab deutend: »Ihr wolltet fort, und ohne Abschied?«
»Was konnte Euch noch an mir liegen?« fragte Peter bitter. »Verachtet Ihr mich nicht auch, gleich allen übrigen?«
Gretchen sagte nichts, aber sie sah ihn mit einem Blick voll unendlicher Liebe an und ergriff seine Hand, als wolle sie diese für immer halten. Da vermochte er nicht zu widerstehen, er zog sie an seine Brust und sie vergaßen beide alles andere in dem Gefühl, daß sie sich gefunden hatten. Endlich schreckte sie eine Stimme aus ihrer Versunkenheit auf.
»Was geht hier vor?« fragte Meister Jamnitzer, der plötzlich vor ihnen stand.
Gretchen stieß einen Schrei aus, doch sie trat nicht von Peter zurück, und dieser sagte: »Verzeiht, Herr Meister, es geschah ohne unsere Absicht. Wir hatten uns schon lange lieb, und nun kam die Trennung.«
»Was soll das alles heißen?« erwiderte der Goldschmied, anscheinend in höchstem Zorn. »Hier finde ich dich, meinen Gesellen, der mein Kind in seinen Armen hält und du verlangst, das sollte ich verzeihen? Nie und nimmermehr. Hinweg mit dir aus meinem Hause! Erst verdirbst du dem Meister Sachs sein schönes Stück, dann willst du bei Nacht und Nebel davon, ohne Wanderbuch, wie ein Vagabund!«
»Lieber Herr Vater, er hat es sich nur nicht überlegt,« bat Gretchen.
»Dann hat er auch wohl nicht überlegt, was er tat, als er dich wie eine Braut küßte?« fragte der Meister. »Bald wird er dich vergessen haben.«
»Nie und nimmer,« rief Peter, und Gretchen erwiderte nichts, sondern schmiegte sich nur an ihn.
Da konnte sich der Meister nicht länger verstellen, sondern er breitete die Arme aus, zog sie beide an seine Brust und sagte: »Gott segne euch, Kinder. Es war schon lange mein Wunsch und der deines Vaters, Peter, ihr möchtet dereinst ein Paar werden. Daß ihr euch gut waret, hatte die Mutter seit lange bemerkt. Warst ja der beste Gesell, den ich je hatte, und wirst dereinst ein tüchtiger Meister werden, und ein guter Mensch bist du vor allem, dem wir getrost unser Liebstes anvertrauen, nicht wahr, mein liebes Weib?«
Das sagte der Meister zu seiner Frau, die jetzt auch herzugekommen war und unter Weinen und Lachen das junge Paar umarmte.
»Nun kommt wenigstens in die Stube,« sagte der Meister. »Wann wurde je in einem ehrbaren Bürgerhause ein Verlöbnis so abgehalten ohne alle Zeremonien, und auf dem Flur? Und wenig hätte gefehlt, so war der Bräutigam über alle Berge, und Gretchen hätte einen andern wählen müssen.«
»Das hätte ich nie getan,« beteuerte diese, »und wenn ich bis in alle Ewigkeit hätte warten müssen.«
»Nun ja, du hast uns gestern genug zu schaffen gemacht,« sagte die Mutter lächelnd, »als du durchaus nach Hause verlangtest und nicht mehr im Tanzsaal zu halten warst.«
»Hattest wohl Angst, daß der Herr Sausewind davonlief?« scherzte der Meister. »Aber Kinder, nun genießt euren Brautstand, denn dabei bleibt es, morgen oder vielmehr heute begibt sich unser Peter auf die Wanderschaft und erst, wenn er sich einige Jahre in der Welt umgesehen und sein Tyrannenblut etwas abgekühlt hat, werden wir weiter reden, was geschehen soll.«
Gretchen war wohl sehr betrübt über das Scheiden, doch Peter meinte auch, das müsse sein, denn in Nürnberg könne er sich doch nicht mehr blicken lassen. Meister Jamnitzer erschien das Unglück nicht so groß, doch hütete er sich, das zu sagen; nur darauf bestand er, daß sein künftiger Schwiegersohn nicht ohne Abschied und ohne Entschuldigung bei Meister Hans Sachs fortgehen dürfe.
Das wurde dem armen Peter recht schwer, aber Gretchen erbot sich, ihn zu begleiten, und wie sie so Arm in Arm durch die Straßen schritten, winkten sich die Leute bedeutungsvoll zu und flüsterten hinter ihnen: »Ein schönes Paar.« Davon merkten sie nichts, weil sie sich so viel zu sagen hatten.
Meister Sachs nahm sie gütig und freundlich auf, wie das seine Art war, und er und seine Ehefrau wünschten ihnen von Herzen Glück. Als Peter sich wegen des Unheils, das er über Griseldis gebracht, entschuldigen wollte, sagte der Meister:
»Laß gut sein, mein Sohn, die Griseldis kommt doch noch zu Ehren, und meinem guten Namen schadet es nichts, ich habe schon zu oft Beifall gefunden. Deine kleine zukünftige Frau aber wird schon die Kunst verstehen, den Tyrannen in dir zu zähmen.«
Meister Jamnitzer ließ sich erbitten, dem Brautpaar einen Tag zu gewähren, dann zog Peter mit dem nächsten Morgengrauen von dannen. Der Abschied war auch ihm nicht leicht geworden, aber er schüttelte das Weh bald ab und blickte hoffnungsvoll in die Zukunft. Mit Gretchen zusammen hatte er dem Vater geschrieben, und sie hatten sich beide seinen Segen erbeten; zugleich hatte Peter seiner Braut versprechen müssen, ihr zu schreiben, so oft es nur anginge.
Er hielt auch getreulich Wort, so ungern er sonst mit der Feder hantierte. Er war über die Alpen gezogen und zuerst hatte er sich nach Rom gewandt, wo der berühmte Benvenuto Cellini damals lebte und viel Schönes im päpstlichen Auftrag schuf. Peter arbeitete ein Jahr lang in seiner Werkstatt und lernte noch vieles von ihm; ebenso studierte er mit begierigem Auge und mit bewunderndem Sinn die Meisterwerke der Kunst, die sich hier in Fülle fanden. Dann ging er nach Florenz und fand auch hier Aufnahme bei tüchtigen Goldschmieden. Danach verweilte er einige Zeit in Genua und ging zuletzt nach Mailand. Er hatte nicht nur viel an Kenntnissen und Kunstfertigkeiten gesammelt, sondern trug auch eine ansehnliche Summe in blinkenden Goldstücken in seinem Felleisen verborgen, denn er war fleißig und hatte sparsam gelebt und es machte ihm große Freude, daß er genug erworben hatte, um einen bescheidenen Hausstand zu begründen.
Ganz Italien hallte zu dieser Zeit wider von Kriegen und Kriegsgeschrei, seine Fürsten und Städte befehdeten sich untereinander, und auch der deutsche Kaiser und der französische König fochten ihren Zwist, der über die Kaiserkrone entstanden war, in den italienischen Gefilden aus, bis Franz I. in der Schlacht bei Pavia alles verlor, nur nicht die Ehre.
Ritter Dietrich von Rochow hatte im Dienst des Kaisers tapfer gefochten und Ansehen und Ruhm gewonnen, er war auch einigemal verwundet worden, doch nicht allzu schwer, und sein treuer Jochen pflegte ihn unermüdlich, bis er wieder gesund war. Die Narbe, welche ein französischer Säbelhieb ihm auf der Stirn zurückgelassen, stand ihm nicht schlecht und zeugte von seiner Unerschrockenheit. Er führte als Hauptmann ein Fähnlein Reiter und es stand ihm die Beförderung zum Oberst bevor, als ihn nach der Schlacht bei Pavia ein tückisches Fieber aufs Krankenlager warf. Diesmal verzagte Jochen fast und glaubte in mancher bang durchwachten Nacht, sein geliebter Herr werde doch noch ein Grab in der Fremde finden.
Doch trug die starke Natur des Ritters den Sieg über die Krankheit davon und er genas allmählich. Nun überfiel ihn aber ein unüberwindliches Heimweh und Jochen hatte die größte Mühe, ihn zum Ausharren zu bewegen, bis seine zunehmenden Kräfte ihm die weite Reise, die so große Beschwerden mit sich brachte, gestatten würden. Endlich hatte er sich genug erholt, und der nächste Tag war zum Aufbruch bestimmt.
Da trat ein Kriegsmann von hoher, schlanker Gestalt, aber düstern Zügen in Dietrichs Zelt. Das Wirbeln der Trommeln, der Ruf der Schildwachen, die Feldbinde, welche er über seiner Rüstung trug, zeigten seinen hohen Rang an, und mit Staunen erkannte Dietrich den Connetable von Bourbon, den berühmten Feldhauptmann Karls V.
Er erhob sich respektvoll, doch der Connetable winkte ihm, Platz zu behalten und zog für sich den zweiten Sessel, den das Zelt enthielt, heran.
»Ich bin selbst gekommen, Herr Ritter,« begann er, »um zu versuchen, ob ich Euern Entschluß nicht noch in letzter Stunde erschüttern kann. Wir entbehren ungern einen solchen Mann wie Ihr, und ich will Euch nicht verhehlen, daß eine glänzende Laufbahn vor Euch liegt.«
Dietrich dankte dem Connetable ehrerbietig, beharrte aber bei seinem Vorsatz. »Es zieht mich in die Heimat, auf mein angestammtes Erbe.«
»Wollt Ihr dort Hasen jagen und Kohl bauen?« fragte der Connetable etwas spöttisch. »Bedenkt wohl, was Ihr von Euch stoßt. Gewährt es Euch keine Befriedigung, dem mächtigsten Fürsten der Erde zu dienen und Großes für ihn zu vollbringen? Ein tüchtiger Mann strebt danach etwas zu tun, was seinen Namen vor Vergessenheit bewahrt.«
»Wohl ist es so,« versetzte Dietrich, »und ich denke, auch meinem Fürsten meinen Dienst anzubieten. Ist das nur ein kleiner Kreis, in den ich trete, so glaube ich doch, daß zuerst der Fürst des eignen Landes und dieses selbst Anspruch auf meine Kraft hat.«
Dem Connetable stieg das Blut in die Stirn und er erhob sich, wie im Zorn. Dietrich tat das Gesagte leid, er hatte vergessen, daß der Connetable gegen seinen Fürsten und sein Vaterland focht und daß es Menschen gab, die ihn einen Verräter nannten; doch entschuldigen durfte er sich jetzt nicht, das hätte die Unbedachtsamkeit nur verschlimmert.
Der Connetable hatte sich schnell gefaßt und seine Wallung bekämpft. »Ihr habt recht, Herr Ritter,« sprach er, »und diese Gesinnung wird Euch vor späterer Reue bewahren, wenn sie Euch auch in bescheidene Bahnen bannt. Der Ruhm ist oft teuer erkauft. Mein Wunsch in betreff Eurer ist zwar nicht erfüllt, doch zürne ich Euch deswegen nicht. So lebt wohl und Gott geleite Euch.«
Er reichte Dietrich die Hand und verließ das Zelt. Jener blieb in tiefen Gedanken zurück, nicht wegen der von ihm getroffenen Entscheidung, denn es hatte für ihn keinen Moment des Schwankens gegeben, als in Erwägung des Geschickes, das so schwer auf diesem Manne lastete. Von seinem Landesherrn, Franz I. von Frankreich, tödlich beleidigt, war er in Karls V. Dienste getreten und hatte seinen Ruhm im Kampfe gegen sein Vaterland gewonnen, seinen Seelenfrieden aber für immer verloren. Als Dietrich von Rochow später hörte, daß der Connetable tapfer fechtend bei der Eroberung von Rom gefallen war, weihte er ihm eine Mannesträne.
Am nächsten Morgen ritt Dietrich zum Lager hinaus, gefolgt von seinem treuen Jochen. Es war blühender Frühling um ihn her, die Sonne stand am wolkenlosen Himmel, alles grünte und blühte, und im Norden herrschte noch winterliche Kälte und Frost und Schnee hielten das Leben der Natur in Banden. Aber er schied ohne Bedauern von allen Schönheiten des Südens, denn er zog in die liebe Heimat und zu allem, was seinem Herzen teuer war.
Dasselbe empfand Peter, der fröhlich seine Straße zog, sein Felleisen auf dem Rücken, in der Hand den starken Knotenstock, der ihm als Stütze und als Waffe zugleich dienen sollte. Doch hatte er diese letztere nicht nötig, denn sein freundliches Antlitz, seine lachenden Augen, sein zutrauliches Wesen gewannen ihm alle Herzen und jede feindselige Begegnung blieb ihm erspart. Oft blieb er stehen und freute sich an der Schönheit um ihn her; dann stieß er wohl einen frohen Jauchzer aus, das Glücksgefühl drohte ihm die Brust zu zersprengen; alles war ihm gelungen in der Fremde und nun kehrte er zurück in die Heimat, zu Vater, Geschwistern, zur geliebten Braut und zum eignen Herd!
Peter hatte die lombardische Ebene durchwandert und stieg fröhlich bergan; fast mit jedem Schritte wurde es schöner. Die Sonne brannte heiß und die Lust, etwas zu ruhen, überkam ihn. Unter einem Felsenabhang suchte er sich einen schattigen Platz, holte den mitgenommenen Imbiß hervor und verzehrte ihn mit gutem Appetit; dann streckte er sich in das weiche Gras, das noch nicht von der Hitze verdorrt war, schob sein Ränzel als Kissen unter den Kopf und war bald fest eingeschlafen.
Er erwachte davon, daß sein Felleisen leise und sehr behutsam bewegt wurde, im selben Augenblick griff er zu und erfaßte eine Hand; nun fuhr er mit Blitzesschnelle empor, gerade zur Zeit, um auch die zweite Hand, in der sich ein Messer befand, zu ergreifen und beide wie in einem eisernen Schraubstock festzuhalten. Ein verwildertes Gesicht mit funkelnden, grimmigen Augen, eine zerlumpte Gestalt, ein wütender Fluch, das alles gehörte dem Menschen an, der verzweifelt gegen ihn rang.
»Ruhig, ruhig, Freundchen, so leicht kommst du nicht los,« lachte Peter, der mit Vorliebe deutsch sprach, seit er sich auf dem Heimwege befand. »Jedenfalls haben wir ein ernstes Wörtchen miteinander zu reden.«
Der Italiener stutzte und hielt in seinen Anstrengungen, sich freizumachen, inne. Plötzlich rief er aus: »Peter, Peter Öhlert, kennst du mich denn nicht mehr! Wir sind doch Freunde.«
»Nicht im geringsten, lieber Herr,« versicherte Peter, »obwohl Ihr nicht schlecht deutsch redet, pflege ich doch bei meinen Bekannten andere Sitten vorzuziehen. Ehe wir uns trennen, werde ich mir Euer Messer erbitten, und zur Belohnung bläue ich Euch den Rücken durch mit dem da.«
Er zeigte gemütlich lachend seinen Knüppel.
»Nun laß doch die schlechten Späße, Peter Öhlert,« sagte der andere wieder. »Was du für ein schlechtes Gedächtnis hast! Bin ja der Francesco Malefatti, der so lange Jahre bei deinem Vater gearbeitet hat.«
In seinem Erstaunen ließ der junge Gesell den Strolch los, der sich aber hütete, davonzulaufen, denn die Schnelligkeit von Peters Beinen war ihm auch noch in der Erinnerung.
»Alle Hagel! Hast du dich aber verändert!« rief Peter nun aus. »So hätte dich mein Vater sicher nicht behalten.«
»Ich hatte viel Unglück,« berichtete Francesco, indem er sich ganz gemütlich neben Peter niederließ. »Alle meine Ersparnisse sind mir gestohlen, ich litt Not und Mangel, der Krieg war mir auch hinderlich, um Arbeit zu finden, und hat man erst einen schlechten Rock an, so ist jeder Meister mißtrauisch und verweigert die Aufnahme.«
»Kann man ihm kaum verdenken,« stimmte Peter zu.
Francesco schien ihm das nicht übel zu nehmen, er hatte sehr an Sicherheit gewonnen, nur eins mußte er noch in Erfahrung bringen: ob Peter die Vorgänge in der Werkstatt seines Vaters kenne.
»Wäre ich doch beim Meister Öhlert geblieben!« seufzte er.
»Was trieb dich denn fort?« fragte Peter, der nicht allzu häufig Nachricht von Hause erhielt und für den man den langen Bericht von allen jenen Ereignissen bis zur Heimkehr aufgespart hatte.
Francesco war hoch erfreut. »Das Heimweh und die Wanderlust,« erklärte er, und Peter verstand diese Beweggründe.
»Meine erste Freude seit lange war, als ich dich hier wiederfand,« erzählte Francesco nun treuherzig. »Ich erkannte dich sogleich, aber es tat mir leid, dich aus deinem friedlichen Schlummer zu erwecken; so wollte ich dir das Ränzel ein wenig mehr unter den Kopf schieben, denn du lagst sehr unbequem, und das wäre mir beinahe übel bekommen.«
»Tu's künftig lieber nicht wieder,« riet ihm Peter. »Ich vertrage so etwas nicht gut.«
»Gewiß nicht,« versicherte Francesco. »Wenn man nur erst die Gewohnheiten der Leute kennt, so richtet man sich nach ihnen. Zu essen hast du wohl nichts?« fragte er dann.
»Leider nicht, habe mit allem aufgeräumt,« erwiderte Peter.
»Macht nichts, dann warte ich bis zur nächsten Herberge,« sagte Francesco und erhob sich, als Peter sich jetzt in Marsch setzte.
»Wohin willst du eigentlich?« fragte dieser, dem an der Begleitung nicht sonderlich gelegen war.
»Ist mir ganz gleich, ich verlasse dich nun nicht,« lautete die Antwort, und der gutmütige Peter ergab sich in das Unvermeidliche.
In dem nächsten Dorfe kehrten sie ein und Francesco leistete Unglaubliches, bis sein Hunger und Durst gestillt waren; sobald sich eine Gelegenheit fand, kaufte ihm Peter anständige Kleidung, und so wanderten sie einige Tage miteinander. Peter wäre seinen unerbetenen Gefährten gern losgeworden, konnte sich aber nicht zu strengen Maßregeln entschließen, und gegen Andeutungen verhielt sich dieser ganz unempfänglich. Er lebte herrlich und in Freuden auf Kosten des anderen, aber Peter sah nicht die gierigen Blicke, mit denen jener jedes Geldstück betrachtete, das er seinem Ranzen entnahm. Bei seinem jedem Mißtrauen abgeneigten Wesen hatte er längst die eigentümlichen Umstände vergessen, unter denen sie ihre Bekanntschaft erneut hatten, das Gefühl seiner Körperkraft erhöhte seine Sicherheit, und außerdem ließ er nie die Vorsicht außer acht, seine Ersparnisse nachts unter sein Kopfkissen zu legen.
Am dritten Tage ihrer gemeinsamen Wanderschaft wollte Peter der Wein nicht munden und er setzte den Becher wieder hin. Francesco lachte ihn aus, kostete selbst und fand das Getränk sehr gut, und da es heiß war, so hatte Peter auch Durst, so daß er doch noch seinen Becher leerte.
Als sie nun weiter wanderten, überfiel ihn eine sonderbare Müdigkeit, er vermochte sich kaum fortzuschleppen, und endlich warf er sich auf den Boden und sagte:
»Ich kann nicht weiter. In dem Wein muß etwas gewesen sein, das mich betäubt.«
Wie aus der Ferne vernahm er Francescos heiseres Lachen, er wollte sich aufraffen, doch er vermochte es nicht mehr, mit Entsetzen starrte er in ein über ihn gebeugtes, von Wut verzerrtes Gesicht und sah er ein Messer in der Hand, die soeben zum Todesstoß für ihn ausholte. Er stieß einen Schrei aus, wollte aufspringen, vermochte es nicht; nur den Arm konnte er wie zur Abwehr vorstrecken, dann traf ihn die blitzende Klinge, die sich in seinem Blut rot färbte.
Francesco stieß einen Fluch aus, in dem er sich Erleichterung verschaffte; dann riß er das Ränzel an sich und warf dessen Riemen über seine eigenen Schultern. Noch ein scheuer Blick fiel auf den regungslosen Körper, der in einer sich immer vergrößernden Blutlache lag, dann eilte er mit seiner Beute davon, ohne sich weiter umzusehen.
Erst bei einer Wendung des Weges blieb er stehen und murmelte: »Ich hätte noch einmal zustoßen sollen, es wäre sicherer gewesen.« Er zögerte einen Moment, als wenn er umkehren wollte, dann fuhr er fort: »Nein, das ist unnötig. Ich habe eine sichere Hand, und sollte er noch nicht tot, nur betäubt sein, so wird er doch sterben, hier in der Einsamkeit, fern von aller menschlichen Hilfe und erschöpft vom Blutverlust. Der leichtsinnige Tor! Mein gutes Glück führte uns zusammen, sein Unstern war es. Ich habe ihn stets gehaßt und beneidet, ihn und seinen Vater, nun habe ich meine Rache und zugleich eine gute Beute.«
Stunden mochten vergangen sein, und noch immer lag der unglückliche Peter an der Mordstelle. Da klangen Rosseshufe durch die tiefe Stille und zwei Reiter kamen des Weges. Das Gekrächz der Raben, die sich zu versammeln begannen, erweckte zuerst ihre Aufmerksamkeit.
»Vielleicht ist ein Unglück geschehen,« sagte Dietrich von Rochow; »es ist jetzt die Zeit der Lawinen, und wer nicht muß, vermeidet das Überschreiten der Berge.«
»Ich hörte aber nichts von dem Donner einer niederstürzenden Lawine,« meinte Jochen und gab dem Gaul die Sporen, wie es sein Herr mit dem seinen getan.
Bald gewahrten sie den am Boden Liegenden, sprangen von den Rossen und suchten ihm beizustehen. Es bedurfte keines weiteren Anzeichens für sie, um zu gewahren, daß sie es mit einem feigen Morde zu tun hatten. Die Leichenblässe des Unglücklichen, seine Eiseskälte und Erstarrung schienen jede Hoffnung abzuschneiden, daß er noch am Leben sein könne. Dennoch öffneten sie seine Kleider, um nach seinen Wunden zu sehen, die durch das gerinnende Blut verstopft worden waren. Es war ein furchtbarer Stich, der wohl die Lunge getroffen haben mußte, nachdem er den Arm durchbohrt hatte. Die beiden Kriegsleute wußten mit Wunden Bescheid und ließen sich in ihren Bemühungen um das erloschen scheinende Leben nicht abschrecken.
Der Ritter legte sein Ohr auf die entblößte, mit Blut überströmte Brust und horchte, wahrend Jochen ihn gespannt betrachtete. Dann rief er: »Er lebt noch, das Herz schlägt, wenn auch sehr schwach, kaum vernehmbar.«
Sie flößten ihm nun mit unendlicher Mühe etwas von dem starken Wein aus ihrer Feldflasche ein, rieben seine Pulse damit und taten alles, was sie nur vermochten, ihn ins Leben zurückzurufen. Endlich stieß Peter einen Seufzer aus, und nun begannen auch die Wunden wieder zu bluten und mußten verbunden werden, so gut es anging. Dabei verlor er abermals die Besinnung.
Jochen schüttelte den Kopf. »Es ist umsonst, Herr, wir quälen ihn nur,« sagte er.
»Wir dürfen ein Menschenleben nicht zugrunde gehen lassen, so lange es noch zu retten sein könnte,« entgegnete Dietrich fest.
Er trocknete die mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn mit seinem Tuch und stieß einen Laut des Staunens aus, denn nun erkannte er den Unglücklichen. »Sieh her, Jochen, es ist Peter Öhlert,« rief er diesem zu.
»Ja, das ist er, aber wie kommt der hierher?« antwortete Jochen, der sich so leicht nicht aus seiner Ruhe bringen ließ.
Mit verdoppeltem Eifer setzten sie ihre Bemühungen fort, und mit Erfolg. Aber was sollten sie nun mit dem Erschöpften beginnen, dem jede Bewegung den Tod bringen konnte? Endlich entschlossen sie sich, Hilfe aus dem nächsten Dorf herbeizuholen. Jochen sollte gehen, der Ritter wollte bei Peter bleiben.
»Wenn aber die Mordgesellen zurückkommen und Euch überfallen, gestrenger Herr!« wandte Jochen ein.
»Ich will mich schon verteidigen, mein Leben steht in Gottes Hand,« versetzte der Ritter. »Geh und verliere keine Zeit.«
Lange, bange Stunden vergingen, bis Jochen die nicht unbedeutende Entfernung zurückgelegt hatte und mit Männern herzukam, die eine von Baumzweigen hergestellte Tragbahre trugen. Mit größter Vorsicht wurde der Kranke nun fortgeschafft und in der Herberge des Dorfes, die ebenso elend war, wie dieses selbst, eine Unterkunft für ihn besorgt. Er lag in heftigem Fieber, und sie glaubten, er werde die Nacht nicht überleben; doch trat gegen Morgen eine leichte Besserung ein.
Jochen mußte nun weiter bis in das Kloster des Gotthard, wo die Brüder ärztliche Kenntnisse besaßen. Einer kam mit ihm, untersuchte die Wunde und erklärte sie für gefährlich, aber nicht tödlich, die Lunge war nur gestreift, doch der Blutverlust, durch die tiefe Fleischwunde des Arms verursacht, hatte eine sehr bedenkliche Erschöpfung herbeigeführt.
»Seine einzige Aussicht auf Rettung beruht in vollkommener Ruhe und guter Pflege,« sagte der Mönch. »Aber es können Monate vergehen, ehe man ihn fortbringen kann.«
»Ich halte aus bei ihm und verlasse ihn nicht, bis er gerettet ist,« entgegnete der Ritter. »Er war mir lieb und wert, und seine Mutter habe ich geliebt, als wenn ich ihr Sohn gewesen wäre.«
Er hielt Wort; so sehr es ihn in die Heimat zog, überwältigte ihn nicht einmal die Ungeduld in dieser langsamen, oft durch Rückfälle verzögerten Genesung, und endlich als der Sommer schon in den Herbst überging, war Peter soweit hergestellt, daß sie mit äußerster Vorsicht und in langsamen Tagereisen sich auf den Heimweg machen konnten.
Peters überströmende Dankbarkeit wies Dietrich zurück, indem er sagte: »Du hättest es auch getan. Du weißt nicht, was dein Elternhaus für mich gewesen ist, was ich ihm zu danken habe, da ist es natürlich, daß ich in dir einen Bruder sehe.«
Sie lenkten ihre Schritte gen Nürnberg, und als sie dies erreicht hatten, waren auch Peters Kräfte zu Ende. Sie brachten ihn zu Meister Hans Sachs und er und seine Gattin nahmen ihn auf wie einen Sohn. Weder nach Nürnberg noch nach Berlin hatte Dietrich Kunde von dem Überfall gesandt, um denen, die sich um Peter sorgten, die Qual der Ungewißheit zu ersparen, und so begab er sich nun zu Meister Jamnitzer und berichtete ihm alles.
Gretchen hatte sich wohl seit lange nach Nachricht von ihrem Verlobten gesehnt, doch sich nicht um das Ausbleiben derselben gesorgt, denn wie selten schrieb man sich damals und welchen Fährlichkeiten waren die Briefe ausgesetzt, wenn sie überhaupt an ihr Ziel gelangten. Nun wurden ihr Schmerz und Schreck durch die Möglichkeit, Peter selbst ganz gesund zu pflegen, gemildert; ihre Dankbarkeit gegen den Ritter aber war unbegrenzt, und sie bot ein gar liebliches Bild, wie sie vor ihm stand, Tränen in den Augen und doch das Lächeln der Hoffnung um den frischen Mund.
Es wurde beschlossen, daß der Ritter ohne Verzögern seine Reise fortsetzen, Peter aber so lange bei Meister Sachs bleiben solle, bis er ganz genesen sei und zu seinem Vater gehen könne, um dort sein Meisterstück zu machen und die Würde als solcher zu erwerben.
»Das weitere kann dann festgestellt werden,« sagte Meister Jamnitzer.
Gretchen sagte nichts, sie schlug die Augen nieder und errötete, aber ihre Mienen strahlten in Glückseligkeit.