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Viertes Kapitel.
An verwaister Stätte


Erzbischof Albrecht weilte wieder zum Besuch am kurfürstlichen Hofe und unterließ es natürlich nicht, Meister Öhlerts Arbeiten in Augenschein zu nehmen. Sie gingen jetzt der Vollendung entgegen und übertrafen alle Erwartungen des hohen Auftraggebers, der bereits neue Bestellungen in Aussicht stellte, denn seine Prunkliebe hatte sich in den Jahren seiner Herrschaft noch gesteigert, und die schlimmen Geldverlegenheiten, mit denen er beständig zu kämpfen hatte, machten ihm wenig Sorge.

Als er das Haus des Meisters betrat, fiel ihm eine schöne Dogge in die Augen, die an der Tür der Werkstatt hingestreckt lag, als wolle sie diese bewachen. Sie wich auch nicht von der Stelle, bis Peter sie rief, und nun stand sie neben diesem und verwandte ihr kluges, wachsames Auge nicht einen Moment von den Besuchern.

Der Erzbischof, der ein leidenschaftlicher Freund der Jagd war, liebte Pferde und Hunde sehr und ihm entging nicht die ungewöhnliche Kraft und Schönheit des Tieres. Vergeblich versuchte er, es an sich zu locken, es rührte sich nicht, so scharf es ihn auch beobachtete, und nicht eben in freundlicher Weise. Erst auf einen Wink des Meisters kam die Dogge wedelnd heran und ließ sich von ihm streicheln, wandte aber den Kopf zähnefletschend ab, wenn der Erzbischof ein Gleiches versuchte.

Der Meister wollte seinen Hund entschuldigen. »Wodan hält sich für den Wächter der Werkstatt und er macht keinen Unterschied, solange ihm einer fremd ist. Um so treuer ist er.«

»Das sind lobenswerte Eigenschaften, die den Wert der Dogge nur mehren,« sagte der Fürst. »Ich möchte das schöne Tier erwerben. Nennt Euren Preis, Meister, und ich zahle ihn, ohne zu feilschen.«

»Erzbischöfliche Gnaden werden verzeihen, aber der Hund ist mir nicht feil,« erwiderte Meister Öhlert.

»Besinnt Euch eines Bessern,« drängte Herr Albrecht, dem die Begehrlichkeit stieg, sobald sich ihm Schwierigkeiten entgegenstellten. »Ich bewillige euch jeden Preis.«

»Es ist unmöglich,« beharrte der Meister.

»Ihr mögt Euch unter meiner Meute aussuchen, was Euch gefällt,« rief der Erzbischof, »und ich will mich Euch außerdem verpflichtet halten.«

»Es tut mir leid, daß ich Euer Gnaden nicht zu Diensten sein kann,« sagte der Meister fest. »Aber diese Dogge ist ein Geschenk des Junkers von Rochow, der sie für mich und die Meinen aufzog, und er würde es mir sehr verübeln, wenn ich seine Gabe gering achtete.«

»Des Junkers von Rochow? Wie kommt Ihr zu dessen Bekanntschaft?« fragte der Erzbischof verwundert.

»O, wir sind alte und gute Freunde,« berichtete der Meister lächelnd, »nun schon seit vielen Jahren, als der Junker hier mit seiner Sippe im Rochowhofe hauste und sich die Äpfel aus meinem Garten baß behagen ließ. Seitdem schickt er uns alljährlich um die Weihnachtszeit durch einen seiner Reisigen von seiner Jagdbeute, und das letztemal sandte er uns die Dogge mit der Botschaft, er werde selbst kommen und sehen, wie wir das Tier hielten.«

»Das wird nun allerdings so bald nicht geschehen,« meinte der Erzbischof. »Ich kenne den Junker und weiß, wie sein Alter ihm auf den Dienst paßt. Der ist noch ein grimmiger Widersacher meines Herrn Bruders, und er würde einen Schimpf darin erblicken, wenn ein Rochow sich am kurfürstlichen Hofe um die Gunst eines Zollern bewerben wollte.«

Später erzählte der Erzbischof seinem Bruder von dem Junker von Rochow, der ihn, als er sich auf der Jagd verirrt und von seinem Gefolge getrennt hatte, im Walde fand und mit auf die Burg Rochatz nahm, wo ihm eine rauhe Gastfreundschaft erwiesen wurde.

»Ein wahres Eulennest, diese Burg, halb in Trümmern, und der alte Ritter selbst eine Ruine mit seinem von der Gicht geplagten Körper,« fuhr der Erzbischof fort. »Aber an dem Junker wirst du dereinst einen tüchtigen Dienstmann gewinnen. Noch kann er nicht, wie er will, aber er hat mit den alten Anschauungen gebrochen. Zum Dank für die gastliche Herberge lud ich ihn an meinen Hof und dazu versagte der Alte seine Zustimmung nicht, denn ich bin ja nicht der Lehnsherr der Rochows; zuerst fühlte sich der Junker wohl sehr unbehaglich, aber er fügte sich schnell in das ihm fremde Treiben und es hat mir Spaß gemacht, zu beobachten, wie er die höfische Sitte annahm.«

»Es wird Zeit, daß die brandenburgischen Edelleute sich um ihren Kurfürsten scharen,« sagte Joachim, »unser Land geht einer großen Zukunft entgegen. Mir haben sich glänzende Aussichten für meine Kinder eröffnet. Der Landgraf von Hessen wirbt um eine meiner Töchter.«

»Ein nicht zu verachtender Eidam,« stimmte der Erzbischof zu.

»Ich habe ihm Anna bestimmt,« sagte der Kurfürst, »sie wird eine gute und gehorsame Gattin werden, wie sie sich stets still und ergeben gezeigt hat. Aber dem Hause Zollern stehen noch größere Ehren bevor. Brieflich wolle ich dir nicht davon Mitteilung machen, weil alles erst eine feste Gestalt gewinnen muß, aber in vertraulicher Rede spreche ich mich gern aus. Der König von Frankreich bietet mir seine Tochter Renate zur Ehe für meinen Kurprinzen an.«

Der Erzbischof konnte eine Gebärde des Staunens nicht unterdrücken. »Das ist allerdings viel von dem stolzen Frankreich! Doch welche Gegenleistung fordert er von dir?«

»Soviel ich weiß, keine,« erwiderte der Kurfürst. »Er hat mit klugem Blick den Aufschwung unseres Hauses verfolgt und erwartet wohl noch Größeres von Brandenburg.«

»Und der Kaiser ist alt, und schließt er die Augen, so gehört dir die eine der sieben Kurstimmen,« sagte der Erzbischof. »Eine solche zu gewinnen, ist so leicht kein Preis zu hoch.«

»Ich würde mich nicht bestechen lassen,« wehrte der Kurfürst, »aber du wirst es begreiflich finden, daß ich dem Gesandten des Königs, der in vertraulicher Weise die Anfrage tat, keine unfreundliche Antwort gab.«

»Weiß Frau Elisabeth von diesen Plänen?« fragte der Erzbischof.

»Noch nicht, sie wird davon erfahren, wenn es Zeit ist,« antwortete der Kurfürst; »zur Beraterin halte ich sie nicht geeignet. Außerdem ist sie mit ihrem eigenen Vorhaben beschäftigt. Sie rüstet zu einer Reise in ihre Heimat.«

»Danach hat sie sich schon lange gesehnt,« sagte Albrecht.

»Sie vermochte über ihrer neuen Heimat die alte nicht zu vergessen, wie es einer Fürstin doch eigentlich zukommt,« erwiderte Joachim nicht ohne Bitterkeit.

Der Erzbischof entgegnete nichts, obwohl es ihm schwer ankam; war doch seine Meinung, daß es Sache des Gatten gewesen wäre, dies Heimweh aus Elisabeths Seele zu bannen. Er selbst war der Schwägerin von jeher mit wahrhaft brüderlicher Liebe begegnet, die sie ihm durch dankbare Zuneigung vergalt, sie übersah seine mannigfachen Fehler und erkannte nur seine Vorzüge an, und oft hatte sie in Albrechts verständnisvoller Teilnahme Trost gefunden in der Vereinsamung, unter der sie so schmerzlich litt.

Jetzt erfüllte Elisabeths Seele die Aussicht auf die Verwirklichung ihres größten Wunsches so ganz, daß sie darüber sogar den Schmerz, den ihr die zeitweilige Trennung von ihren Kindern bereitete, vergaß. Ihr Vater war gestorben, ohne daß sie ihn wiedergesehen hatte, so sehnte sie sich nach ihrem geliebten Dänemark nur um so mehr und auch nach ihrem Bruder Christian, der jetzt die Krone trug. Wohl hatten sie schon Gerüchte erreicht von seinem Jähzorn, seiner Härte und Grausamkeit, und wenn sie sich an manches Erlebnis aus ihrer Kindheit und frühesten Jugend erinnerte, so konnte sie darin wohl eine Bestätigung jenes schlimmen Leumunds finden, aber sie kannte auch die edleren Seiten der Natur ihres Bruders, sein tiefes Gemüt, sein Streben nach dem Edlen und Wahren, sie hatte nie unter seiner Leidenschaftlichkeit gelitten und sie liebte ihn von ganzem Herzen.

Es hatte sie große Überwindung gekostet, ihrem Gemahl ihre Bitte vorzutragen, und aus Furcht vor einer Zurückweisung hatte sie stets damit gezögert, bis die Geburt einer dritten Tochter, die den Namen Margarete erhielt, ihn vorübergehend in eine weichere Stimmung versetzte, und sie diese benutzte, um seine Einwilligung zu erhalten.

Gegen Albrecht äußerte sie ihre Freude unbefangen und offen, und er verstand sie und machte ihr keinen Vorwurf daraus, ja, er schien ihre Hoffnung zu teilen, daß nun alles schöner und besser werden und sie bei ihrer Rückkehr endlich das so schmerzlich entbehrte Glück finden werde.

In dieser freudigen Erregung begab sich die Kurfürstin am Tage vor ihrer Abreise zu Meister Öhlert, angeblich um das Reliquienkästchen noch einmal zu besichtigen, in Wahrheit, um seiner Gattin Lebewohl zu sagen. Sie hatte in letzter Zeit ängstlich jede Frage nach Frau Mechthildis' Ergehen vermieden, der Augenschein sprach zu deutlich, daß sie mit schnellen Schritten ihrem Ende entgegenging, aber noch immer bewahrte die sanfte Dulderin ihr klagloses Wesen.

Der Kurfürstin war es eine Freude, ihr ihr Herz zu erschließen, sie vergaß die langen Jahre, die dazwischen lagen, und vertiefte sich in die Erinnerungen an ihre fröhliche Kindheit und glückliche Jugend, bis sie sich plötzlich selbst hemmte, indem sie ausrief:

»O, wie selbstsüchtig bin ich doch! Ich spreche nur von mir und der Befriedigung meines Sehnens und vergesse ganz, daß auch Ihr, liebe Frau Mechthildis, die Qualen des Heimwehs kennt! Habt Ihr doch stets Verlangen nach Eurer Vaterstadt, dem schönen Nürnberg, getragen.«

»Jetzt nicht mehr,« entgegnete die Kranke mit sanftem Lächeln. »Bald wird jede Sehnsucht in mir gestillt sein und ich des ewigen Friedens teilhaftig werden.«

»O, sprecht nicht so hoffnungslos,« bat die Kurfürstin, »bei Gott ist kein Ding unmöglich, und auch Ihr könnt Euch wieder erholen.«

»Das glaubt Ihr selbst nicht, hohe Frau,« antwortete Frau Mechthildis. »Es tut mir leid, Eure frohe Stimmung durch einen Hauch der Trauer zu trüben, aber ich bin überzeugt, daß ich Euch nicht wiedersehen werde, und da möchte ich nicht ohne Abschied von Euch gehen.«

Die Kurfürstin weinte leise, zu widersprechen vermochte sie nicht, sie sagte nur: »O, wie schwer können doch die Schickungen Gottes sein!«

»So habe ich auch gedacht,« versetzte die Kranke, »aber der Herr im Himmel hat mir Ergebung in seinen Willen eingeflößt und meiner Seele den Stachel genommen. Es ist nicht leicht für eine Mutter, von ihren lieben Kindern zu gehen. Für meinen jüngsten Sohn sorge ich mich weniger, er hat eine glückliche Gemütsanlage, sein Beruf erfreut ihn und er wird leicht durchs Leben gehen. Aber mein Ältester wird schwer zu kämpfen haben.«

»Ich dachte doch, er machte Euch große Freude,« sagte die Kurfürstin erstaunt, »seit er auf der hohen Schule zu Frankfurt ist, habt Ihr doch nur sein Lob vernommen, und sein Vater ist stolz auf ihn.«

»Sein Vater kennt die Zweifel noch nicht, die Albrechts Seele bestürmen,« sagte Frau Mechthildis. »In ihm wohnt ein rastloser Forschungstrieb, den er zu befriedigen hoffte, wenn er sich dem Rechtsstudium widmete und die Wahrheit zu ergründen suchte. Aber das Wahre, welches er erstrebt, liegt nicht auf irdischem Gebiet, es betrifft die höchsten Güter der Menschen, die Religion, und so beabsichtigt er, sich der Gottesgelahrtheit zuzuwenden.«

»Und erscheint Euch solch Vorhaben als ein Unglück?« fragte die Kurfürstin erstaunt.

»Mir nicht, aber meinem Eheherrn,« gab die Kranke zur Antwort. »Ihr wißt, hohe Frau, wieviel gegen die Geistlichkeit in unseren Tagen geredet wird, und wie allgemein die Klagen über das Verderbnis der Kirche sind. Da wird mein lieber Eheherr sehr ergrimmen, wenn sein eigener Sohn einer von jenen Pfaffen wird, die er so gering achtet.«

Die Kurfürstin seufzte. »Es ist ein schweres Übel, unter dem die ganze Christenheit und jede Seele, die es aufrichtig mit ihrem Glauben meint, leidet. Wir vermögen's nicht zu ändern, die Hilfe muß von einem Höhern kommen.«

»So will ich auch denken und alles dem Herrn befehlen,« sagte Frau Mechthildis. »Er wird sich auch meiner kleinen Christine annehmen.«

Nun erfaßte Frau Elisabeth ihre Hand und bat: »Vertraut mir Euer liebes Töchterlein an, ich will ihm eine treue Mutter sein.«

Frau Mechthildis führte die Hand der Kurfürstin an die Lippen und sagte: »Dank, durchlauchtigste Frau, für Euer Anerbieten. Ihr nehmt mir damit eine schwere Sorge von der Seele. Aber ich möchte Eure Güte nur in beschränktem Maße annehmen. Ich denke, daß Christine ihrem Vater meinen Verlust ersetzen und hier im Hause an meiner Stelle walten soll. Wollt Ihr sie dazu befähigen durch Wort und Lehre, so werde ich Euch unendlich dankbar sein.«

»Dann soll es so sein,« versprach die Kurfürstin; »ich will Christine nicht den Boden des Vaterhauses entziehen, aber sie soll bei mir eine zweite Heimat haben und ich will getreu über sie wachen und sie behüten und beschirmen, soviel ich nur vermag.«

Frau Mechthildis dankte der Fürstin mit warmen Worten und so schieden die beiden Frauen in tiefer Rührung; die eine trat hoffnungsvoll ihre Fahrt in die Heimat an, die andere bereitete sich still auf die letzte Reise vor. Es waren nur wenige Wochen vergangen, da kniete Meister Öhlert mit seinen Kindern an dem Sarge, in dem die stille Dulderin bleich und friedlich schlummerte.

Der sonst so ruhige und feste Mann war nicht wiederzuerkennen in seiner tiefen Gebrochenheit, er hatte mit der geliebten Frau den besten Teil seines eigenen Selbst verloren, und es war ihm, als müsse er ihr nachfolgen in den bitteren Tod. Solange sie noch im Hause weilte, und wenn es auch nur als Leiche war, empfand er den Trost ihrer Gegenwart, und er verließ sie keinen Augenblick. Aber nun war das feierliche Begräbnis vorüber und der vereinsamte Mann kehrte vom Kirchhofe zurück in sein verwaistes Haus. Seine Söhne gingen ihm zur Seite, selbst aufs tiefste gebeugt und voll banger Sorge um ihn; er hatte kaum einen Blick für sie und achtete nicht auf ihre Worte. Sein Auge haftete auf dem Boden und sein sonst so fester Schritt war müde und schwankend.

Auf der Schwelle trat ihnen Christine entgegen, jetzt ein schlankes Mägdelein von fast zehn Jahren in tiefer Trauer, aber ganz das Ebenbild der Verstorbenen. Sie sprach kein Wort, aber sie ergriff seine Hand und er folgte ihr wie willenlos die Treppe hinauf in das obere Geschoß. Wie verwüstet und unheimlich hatten diese sonst so trauten Räume ausgesehen, dort das Krankenzimmer mit dem leeren Bette, den Arzneiflaschen und all den traurigen Vorkehrungen, welche an die Vorgänge der letzten Zeit erinnerten, hier das große Gemach, das zum Festsaale bestimmt gewesen und in dem nun der Sarg in düsterer Feierlichkeit gestanden hatte.

Der Meister schauderte, er blieb stehen und sagte: »Ich kann nicht, ich will diese Räume nicht wiedersehen.«

Er hatte bei sich beschlossen, lieber im oberen Stockwerk zu hausen, wo sich die Vorratskammern und die Gaststuben befanden; die Erinnerung an sein einstiges Glück würde ihm dort unten stets zur Seite stehen und seinen Schmerz immer von neuem aufstacheln.

Aber Christine ließ ihn nicht los, sondern zwang ihn mit sanfter Gewalt zum Überschreiten der Schwelle, und wie er eintrat, begrüßte ihn ein Bild des Friedens, und es war fast, als habe er alles nur geträumt, und drinnen auf ihrem Lager müsse die geliebte Gestalt ruhen und ihm sanft entgegenlächeln. Am Fenster im Erker stand ihr Lehnsessel, die angefangene Arbeit lag darauf, neben dem Betschemel hing ihr Rosenkranz – nur sie fehlte, aber ihr Walten war überall zu erkennen.

»Nicht wahr, lieber Vater, wir wollen hier weiter leben und an die Mutter denken, nicht versuchen, sie zu vergessen, wir vermöchten's ja doch nicht,« bat die Kleine.

Der Meister blickte sie erstaunt an, sie schien ihm eine andere geworden zu sein, so ruhig, so besonnen, viel älter als ihre Jahre, es kam ihm sogar vor, als sei sie gewachsen. Es ergriff ihn mächtig, als spräche seine geliebte Verstorbene aus ihrem Kinde, es waren ja ihre Augen, mit denen Christine ihn anblickte, ihre Stimme, mit der sie zu ihm redete, ihr Geist, den sie ihr eingehaucht. Er zog sie an seine Brust und hielt sie lange umschlungen, dann sagte er:

»Du hast recht, mein geliebtes Kind, wir wollen mit neuem Mut das Leben beginnen, ohne die Mutter, aber in Gedanken an sie. Wie sie sich klaglos und ergebungsvoll in ihr Geschick fügte, so wollen wir auch tragen, was uns der Herr dort oben gesandt hat.«

Von nun an war Meister Öhlert ein anderer; seine düstere Trauer wandelte sich in sanfte Wehmut und er dankte Gott für das, was er noch besaß, und blickte mit getröstetem Herzen auf seine Kinder, besonders auf Christine, die ohne jede Anmaßung, aber wie selbstverständlich die Leitung des Hauses übernahm und dafür sorgte, daß alles so weitergeführt wurde, wie es die selige Mutter eingerichtet hatte.

Die Mägde staunten sie an, gehorchten ihr aber willig; Ursel, die es zuerst als selbstverständlich angesehen, daß sie nun an die Spitze des Hauses treten werde, konnte sich am schwersten hineinfinden, daß dies junge Kind, das sie in der Wiege gesehen und das selbst noch so schutzbedürftig erschien, plötzlich ihre Herrin sein solle, allein es fügte sich alles wie von selbst, und ohne daß Christine darum zu kämpfen hatte, wurde ihr die Stellung der Hausfrau zugestanden.

So war es gewesen, als sie die Schmückung des Sarges übernahm und mit ihren kleinen Händen die Blumenspenden um die Entschlafene ordnete, dann, als sie, nachdem das Trauergefolge das Haus verlassen, die Mägde zusammenrief, um mit ihnen die alte Ordnung wiederherzustellen.

»So etwas ist nicht erhört,« grollte Ursel, »jetzt muß Ruhe sein, und wer fragt danach, wie es aussieht.«

»Laß mich nur gewähren,« bat Christine, »glaube mir, es wird dem Vater so am liebsten sein.«

Ihre wunderbare Ähnlichkeit mit der Mutter war der alten Dienerin noch nie so aufgefallen und entwaffnete ihren Widerspruch.

»So macht euch ans Werk,« gebot sie den Mägden und griff selbst zu, und dann mußte sie zugestehen, daß der Erfolg der Kleinen recht gab.

Auch bei der ersten Mahlzeit nahm Christine den Sitz der Hausfrau ein, und ihr wachsames Auge vergaß keinen der Tischgenossen. In wenigen Tagen hatte man sich daran gewöhnt, sie bei allem zu fragen und auf ihre Gebote zu achten. Oft mußte sie bekennen, daß sie etwas nicht wisse und verstehe, aber sie hörte dann auf verständigen Rat, und das nächste Mal zeigte sie die größte Sicherheit.

Auch die Brüder gewöhnten sich schnell daran, in der kleinen, bis dahin verhätschelten Schwester eine verständige Freundin, die Vermittlerin ihrer Wünsche zu sehen. Peter war jetzt daran, sein Gesellenstück zu machen, eine schöne Filigranarbeit, in der sich Gold und Silber in zierlich gesponnenen Fäden zu einem Stirnbande vereinigten. Francesco Malefatti, der auch in dieser Gattung seiner Kunst Bedeutendes leistete, war ihm ein guter Lehrmeister gewesen, die Arbeit fiel tadellos aus und brachte Peter viel Lob ein.

Der übliche Gesellenschmaus, mit dem ein solches Aufrücken gefeiert zu werden pflegte, konnte nicht stattfinden, der Trauer um die Mutter wegen. Peter kaufte sich durch eine ansehnliche Summe los, die er unter die Genossen, die sonst von ihm eingeladen worden wären, verteilte.

Der Vater hatte ihm freigestellt, seinen Ehrentag zu verschieben, aber er hatte diese Art, seinen Verpflichtungen nachzukommen, vorgezogen, und er wandte sich nun an die Schwester mit der Bitte, sie solle ihm verhelfen, ohne Verzug seine Wanderschaft anzutreten.

»Das wird dem Vater sehr schwer werden,« meinte Christine, »er wird sich dann ganz einsam fühlen.«

»Er hat ja dich, und bei der Arbeit findet er Ableitung für seine Gedanken,« stellte Peter vor. »Ich kann es in dem öden Hause nicht aushalten, ich muß hinaus in die Fremde, hier werde ich zum Kopfhänger.«

Der Meister wollte zuerst nichts davon hören und meinte, erst solle Peter noch bei ihm einige Jahre arbeiten, dann sei auch noch Zeit zur Wanderschaft; aber endlich gab er doch den vereinten Bitten seiner Kinder nach, und Peter durfte sein Bündel schnüren.

Zunächst wollte der junge Gesell nach Nürnberg, das doppelte Anziehungskraft auf ihn ausübte, sowohl als Heimat seiner Eltern, denen dort noch mancher Freund und Verwandte lebte, dann auch als ergiebige Stätte seiner Kunst, denn in der freien Reichsstadt blühte auch das Gewerbe der Goldschmiede in hervorragender Weise und es fanden sich hier unter den Meistern solche, deren Namen weit und breit berühmt waren. Doch zog es Peter noch mehr in die Fremde, und wenn er in Nürnberg gerastet und dort fleißig in den ersten Werkstätten gearbeitet und zugelernt hatte, dann wollte er den Wanderstab von neuem ergreifen und Italien zustreben, das die größten Meister in allen Künsten besaß und in dem jetzt ein neues Leben erblühte, gegründet auf das Erbe der antiken Welt, das durch Ausgrabungen und Auffindungen seinem Grabe entrissen wurde und das in dem neu erwachten Verständnis seiner Schönheiten eine Auferstehung im geistigen Leben feierte.

Meister Öhlert folgte mit wehmütiger Teilnahme den Plänen seines Sohnes, dessen frisches Streben ihn erfreute und aufrichtete. Er sagte sich, daß die Zeit des Reisens und Studierens für ihn selbst beendigt sei, er zehrte jetzt von den Früchten, die er geerntet, aber sein eigenes Dasein würde sich fortsetzen in seinem Sohne, der neue Errungenschaften den alten hinzufügen und der vielleicht heimkehren würde, um dem alternden Vater als Lehrmeister neue Bahnen zu weisen.

Nur eins bekümmerte ihn, und das war, daß er nicht, wie er beabsichtigt, den Italiener aus seiner Werkstatt entlassen konnte, denn er war ein zu tüchtiger Arbeiter und nicht zu entbehren, wenn Peter fehlte. Sonst war Francesco dem Meister sehr zuwider und er bewachte seine übrigen Leute sorgsam, um sie vor dem schlimmen Einflusse des Fremden zu bewahren, der sich immer mehr einem wilden, zügellosen Leben ergab.

Francesco Malafetti hatte erst davon gesprochen, daß er selbst Meister werden und sich als solcher in Berlin niederlassen wolle, und er liebte es dann, Andeutungen zu machen, als ob ihn allein der Neid und die Mißgunst seines jetzigen Herrn an der Ausführung dieser Pläne hindere. In Wahrheit wußte er sehr wohl, daß Meister Öhlert bereit war, ihn auf jede Weise in seinem Fortkommen zu fördern; dies scheiterte nur daran, daß er seinen recht beträchtlichen Lohn verpraßte und vergeudete und es ihm somit an allen Mitteln gebrach, um die nicht geringen Kosten der Meisterwerdung zu zahlen.

So hatte er es wieder mit der recht ansehnlichen Summe gemacht, die er von Peter zum Geschenk erhalten; er hatte sogar mehrere Tage lang die Werkstatt gar nicht betreten, sondern war in der Herberge in Gesellschaft lockerer Genossen geblieben, bis er seinen letzten Heller vertan hatte. Als er dann mit wüstem Kopf und leeren Taschen sich wieder bei der Arbeit einstellte, redete Meister Öhlert ein ernstes Wort mit ihm und sagte ihm, dies sei das letztemal gewesen, daß er ihm ein solches Betragen hingehen lasse, bei der nächsten Veranlassung müsse er ohne Gnade fort aus seinem Hause.

Francesco erwiderte nicht viel, er brummte etwas, das eine Entschuldigung vorstellen sollte, in den Bart, aber er warf dem Meister einen bösen Blick zu, und es war wohl zu erkennen, daß er bitteren Groll gegen ihn hegte.

Ehe Peter aus dem Vaterhause schied, wollte Meister Öhlert noch einmal alle, die ihm noch geblieben, um sich versammelt sehen, und er sandte deshalb Botschaft nach Frankfurt zu Albrecht, daß er kommen und vom Bruder Abschied nehmen möge. Dieser folgte dem Rufe sehr gern, denn es trieb auch ihn zu einer Zwiesprache mit dem Vater, die er mit Rücksicht auf die Krankheit der Mutter und dann in der Trauer über ihren Tod hinausgeschoben hatte.

Mir wehmütiger Freude blickte der Vater auf die drei Geschwister, als er mit ihnen am letzten Tage beisammen saß. Christine hatte dafür Sorge getragen, daß Peter noch einmal seine Leibgerichte erhielt, denn gerade an solchen kleinen Aufmerksamkeiten ließ sie es nie fehlen, und der gute Junge hatte sich ihr dankbar erwiesen, indem er den vorgesetzten Gerichten die möglichste Ehre erwies. Sein Ränzel war gepackt, der Wanderstab, ein tüchtiger Knotenstock, lehnte daneben, und in der Truhe, in der Frau Mechthildis ihren Schmuck und ihre beste Habe zu bewahren pflegte, lag obenauf eine Rolle Goldstücke bereit, welche der Meister seinem jüngsten Sohn mitgeben wollte, obwohl dieser sonst nach bewährtem Handwerksbrauch seine Reise auf Schusters Rappen machen sollte, wenn ihn nicht ein gutwilliger Krämer in seinem Gefährt eine Strecke mitnahm für Geld und gute Worte.

»Der Herr Vater kargt wahrlich gar zu sehr,« hatte Francesco Peter zugeraunt, »ich meine, er hätte dir wohl ein flinkes Rößlein verschaffen können, oder wohl gar noch ein zweites mit einem Diener darauf, so daß du die Reise wie ein vornehmer Herr machen konntest. Er selbst hat es doch stets so getan, und wenn so reiche Leute es ihren Söhnen nicht bieten, so begehen sie ein Unrecht.«

Peter lachte dem Gesellen fröhlich ins Gesicht: »Das fehlte mir gerade, ein Gaul, der mich in den Graben würfe oder den ich am Zügel führen müßte, wenn er sich einen Stein eingetreten hätte und lahm ginge,« rief er aus, »und solch einen faulen Schlingel von Diener hinter mir, auf den ich noch aufpassen müßte, daß er nicht vor Langeweile umkommt, denn zu tun hätte ich doch nichts für ihn! Nein, ich will als froher Wanderbursch über Berg und Tal ziehen, mir Wind und Wetter um die Nase wehen lassen, des Abends prachtvoll auf einem Strohsack schlafen und des Morgens mit der Sonne mich auf den Weg machen.«

»Wirst es schon satt bekommen, wenn du dir die Füße wund gelaufen hast und die Sonnenglut dir schier das Hirn verbrennt,« knurrte Francesco.

»Bin ich Wanderns müd, dann gehe ich zu einem Meister und grüße das Handwerk,« lachte Peter, »und läßt er mich dann an seinen Amboß und seinen Windofen, so soll er schon erkennen, daß ich nicht von schlechten Eltern stamme und daß ich meine Kunst wohl verstehe.«

»Dem Herrn Vater würde ein solches Reisen auch nicht anstehen,« fing Francesco wieder an.

»Für den würde es sich auch wenig schicken,« gab Peter zur Antwort, »aber er hat uns manchmal aus seinen Wanderjahren erzählt, und ich glaube nicht, daß sein Geldbeutel so gut gespickt war, als meiner sein wird.«

»Also daran fehlt's doch nicht?« fragte Francesco lauernd.

»Will's hoffen,« entgegnete Peter kurz und brach das Gespräch ab.

Jetzt saß er nun dem Vater gegenüber und sein rundes, rotbäckiges Gesicht trug einen ernsthaften Ausdruck, als er den Ratschlägen und Ermahnungen lauschte, mit denen der Meister ihn ausrüstete. Manchmal traten ihm die Tränen in die Augen und seine Stimme bebte, als er die geliebte Hand ergriff und treuherzig sagte:

»Glaubt mir, Herr Vater, ich will alles beherzigen, was Ihr mir sagtet, und will nichts tun, dessen ich mich vor Euch zu schämen hätte, und wenn es mich einmal gelüstet, ein Unrecht zu begehen, dann will ich an die liebe Mutter denken und vor ihrem Bild werden die bösen Regungen entweichen.«

»Tue das, mein Sohn,« sprach der Meister, »und nun rüste dich zum Aufbruch, wir begleiten dich bis zum Kirchhof und am Grabe der Mutter wollen wir dir Lebewohl sagen.«

Sonst war es üblich, daß, wenn ein junger Wanderbursch in die Ferne zog, seine Gesellen ihm laut singend und einen Kranz mit langen Bändern an einer Stange tragend, das Geleit gaben zum Tore hinaus bis zu dem letzten Wirtshaus da draußen, wo ein guter Trunk getan wurde, aus dem oft viele wurden. Peter hatte sich das verbeten der Trauer wegen, aber über den Vorschlag des Vaters war er hoch erfreut, denn es hatte ihn doch gar zu trübselig gedünkt, wenn er so allein durch die Straßen seines Weges ziehen sollte.

Christine holte einen Kranz herbei, den sie für das Grab der Mutter gewunden hatte, und dann schenkte sie dem Bruder ein zierlich gearbeitetes Täschchen, an einer Schnur um den Hals zu tragen. Da hinein tat er seinen Wanderbrief und auch das Geld, welches ihm der Vater mitgab; nur einen Zehrpfennig ließ er in dem ledernen Geldbeutelchen, das er bei sich trug. Dann ging Peter hinaus, um Ursel und den andern Dienerinnen die Hand zu reichen, und ihnen Ade zu sagen, und auch in die Werkstatt trat er, obwohl er hier bereits Abschied genommen hatte, noch einmal und hatte für jeden seiner Mitgesellen ein freundliches Wort und einen herzlichen Dank für manches Gute, was sie ihm erwiesen hatten.

Der Vater stand an der Tür mit feuchten Augen und freute sich an seinem Sohn, um den sich alle drängten; ja, Peter hinterließ nur Freunde, er war gegen jeden gut und alle Herzen gehörten ihm.

Noch ein Augenpaar folgte mit klugen, aufmerksamen Blicken dem Vorgang, und das gehörte Wodan, der wie gewöhnlich nicht weit vom Ofen lag, denn er liebte die Wärme und ließ es sich gern wohl sein, wenn er konnte. Jetzt erhob sich das mächtige Tier, schritt auf Peter zu und legte ihm, sich zu seiner ganzen Höhe aufrichtend, die starken Pranken auf die Schultern.

»Wodan, mein guter Gesell, willst du mir auch Lebewohl sagen?« rief Peter und streichelte dem Rüden den Kopf, während er seiner liebkosenden Zunge zu entgehen suchte.

Der kluge Hund wußte offenbar, daß es sich um etwas Besonderes handelte, denn er sprang immer wieder an seinem jungen Herrn, den er sich zum Liebling erkoren hatte, in die Höhe und als Peter die Werkstatt verließ, drängte er sich ungestüm ihm zur Seite hinaus und stand schon wartend an der Haustür, um ihn zu begleiten.

Albrecht wollte ihn zurückscheuchen, aber Peter verhinderte es, indem er bat: »Laß dem guten Tier seinen Willen, er meint's so treu, und er und ich, wir werden manchmal Sehnsucht nach einander haben.«

So durfte Wodan mit seiner Herrschaft gehen; der Weg zum Friedhof war ihm wohlbekannt, denn er war Christinens treuer Begleiter, wenn diese fast täglich zu dem geliebten Grabe ging, um es zu schmücken und hier zu beten.

Lange stand der Meister mit seinen Kindern an der teuren Stätte, und es war ihm, als spräche aus dem Rauschen der vom Winde bewegten Trauerweide eine sanfte Stimme zu ihnen. Zu reden vermochten sie alle nicht, sie hatten sich ja auch alles gesagt, aber jeder von ihnen betete im stillen Herzen.

Endlich sagte Peter: »Geschieden muß sein, so lebt denn wohl. Gebt mir noch einmal Euren Segen, Herr Vater; habt Dank für alle Eure Güte und Liebe und verzeiht mir, wenn ich Euch Kummer bereitete.«

»Das hast du nie getan, mein Sohn, sondern du warst stets meines Herzens Freude,« sprach der Meister. »Kehre zurück, wie du von uns gehst, und der Herr segne dich und geleite dich auf deinen Wegen.«

Peter empfing mit demütig geneigtem Haupt den Segen, dann warf er sich dem Vater an die Brust und seine jugendliche Gestalt erbebte in kaum unterdrücktem Schluchzen, wie auch dem Meister die Tränen in den ergrauten Bart rannen. Endlich riß sich Peter los, umarmte den Bruder und hob die weinende Christine in seinen Armen empor, um sie zu herzen und zu küssen. Dann bückte er sich zum Grabe nieder und pflückte ein Zweiglein von dem Efeu, der es mit üppigem Grün bedeckte; er barg es an seinem Herzen und nun wandte er sich und eilte davon, so schnell ihn seine Füße trugen, ohne sich nur einmal umzusehen.

Da vernahm er flüchtige Tritte und ein lautes Keuchen hinter sich, es war Wodan, der zuerst in stummer Verwunderung alles beobachtet hatte und jetzt mit mächtigen Sätzen ihm nacheilte, ohne sich an das Rufen und Locken zu kehren, das hinter ihm dreinscholl.

»Laßt ihn noch etwas gewähren, ich schicke ihn dann zurück,« rief Peter von der Friedhofspforte her und gleich darauf fiel diese hinter ihm ins Schloß.

Er schritt nun rasch fürbaß auf der Landstraße, die um diese Zeit wenig belebt war, hinter ihm trottete die Dogge mit gesenktem Kopf und hängendem Schweif, als teile sie seine wehmütige Stimmung. Von Zeit zu Zeit steckte sie ihre Nase liebkosend in seine herabhängende Hand, und wenn er die kalte Berührung empfand, nickte er Wodan zu und dieser dankte ihm mit einem leisen Wedeln.

Der Weg war langsam ein wenig bergan gestiegen, nun machte er eine Biegung, um in dem Kiefernwalde zu verschwinden. Peter machte Halt, um einen letzten Blick zum Abschied auf seine Vaterstadt zu werfen. Sie erschien ihm sehr stolz und großartig mit ihren vielen Häusern, den Kirchtürmen von St. Marien und St. Nikolai und der hochragenden kurfürstlichen Burg. Auch das Ziegeldach seines Vaterhauses konnte er auffinden und es erfüllte ihn mit Stolz, denn die meisten anderen Gebäude mußten sich mit einem Schindel-, höchstens Strohdach begnügen. Er breitete grüßend die Arme gegen das teure Haus und sandte ihm tausend Abschiedswünsche zu.

Dann wandte er sich zu Wodan, der neben ihm stand und ihn nicht aus den Augen ließ, und sagte: »Nun, alter, treuer Gesell, wird's Ernst. Gehab dich wohl und vergiß mich nicht. Und nun fort, marsch! nach Hause.«

Der Hund regte sich nicht, sondern sah ihn mit traurigem Blick an und stieß ein leises Winseln aus. Da übermannte den Jüngling die Rührung, er beugte sich nieder, schlang die Arme um Wodans Nacken und vergrub das Antlitz in das weiche Fell seines Kopfes. So blieben sie lange unbeweglich. Dann richtete sich Peter empor, trocknete seine Augen und sagte fest und ruhig:

»So, jetzt ist's genug von Weh und Herzeleid, nun geht's fröhlich in die weite Welt. Ade, Wodan, und grüße alle von mir.«

Er deutete mit der Hand nach der Stadt, und ohne einen Versuch zum Widerstand trabte Wodan zurück; Peter wanderte nicht minder rasch in entgegengesetzter Richtung davon, denn der Abend nahte und er wollte das nächste Dorf vor Dunkelwerden erreichen, um dort die erste Herberge zu nehmen.

Daheim führte Ursel heut abend den Vorsitz an der langen Tafel, an welcher die Hausgenossen ihre Mahlzeiten einnahmen, doch hatte sie wenig Mühe, die Ordnung auch in Abwesenheit des Meisters aufrecht zu erhalten, denn es lag eine ernste Stimmung über dem ganzen Kreise, die den Übermut und kecken Scherz verbannte. Es wurde fast nur von Peter gesprochen, die Gedanken begleiteten ihn auf Schritt und Tritt und jeder wußte etwas zu seinem Lobe zu sagen und freute sich auf seine dereinstige Heimkehr; nur Francesco ließ es an spöttischem Lächeln und höhnischen Bemerkungen nicht fehlen.

Der Meister saß oben in Frau Mechthildis' Gemach am Kamin, Albrecht ihm gegenüber und Christine auf einem Bänkchen zu seinen Füßen. Sie hatten wenig geredet, und ihre Herzen waren voll Leid.

Endlich sagte Christine: »Wie still und wie öde ist das Haus! Wäre Peter doch erst wieder zurück.«

»Darüber wird noch mancher Tag vergehen,« erwiderte der Meister trübe. »Vier Jahre sind eine lange Zeit, und so viele haben wir festgesetzt.«

Da erhob sich draußen ein tiefes, langgezogenes Geheul.

»Es ist Wodans Stimme,« rief Albrecht und eilte davon, dem Hunde die Haustür zu öffnen.

Er dankte nicht wie sonst durch fröhliches Gebell, sondern schlich still und traurig die Treppe hinauf, die ihm eigentlich verboten war; doch heute wehrte ihm niemand. Dann legte er sich zu des Meisters Füßen, sah ihn mit traurigem Blick an und ließ zuweilen ein klägliches Winseln hören; die Speisen, welche ihm Christine bot, verschmähte er, und in der Nacht, als Meister Öhlert wach auf seinem Lager ruhte, vernahm er immer wieder das klägliche Geheul des Rüden, so daß es ihn wie von banger Ahnung durchschauerte.

Ehe Albrecht auf die Universität zurückkehrte, hatte er eine lange und bewegte Unterredung mit dem Vater, um dessen Einwilligung zum Wechsel seines Studiums zu erbitten. Für den Meister war es eine bittere Enttäuschung und er versuchte, was er vermochte, um den Sinn seines Sohnes zu ändern; da er aber erkannte, wie reiflich Albrecht alles erwogen hatte und wie seine ganze Seele von diesem Gedanken erfüllt war, gab er seufzend seine Zustimmung. Er hegte wohl die Hoffnung, ja, die Zuversicht, daß sein Sohn ein würdiger Diener des Herrn sein werde, aber vor den Thron Gottes hatte sich die Kirche geschoben und ihr Verderben an Haupt und Gliedern war groß und bekümmerte jedes fromme Gemüt. Was vermochte ein einzelner dagegen auszurichten, und so ehrlich es Albrecht mit seinem Streben meinte und so sehr er in Begeisterung erglühte, besorgte der Vater doch, er werde einsehen, daß alles umsonst sei und Kleinmut und Reue bei ihm einkehren. So entließ er auch diesen Sohn mit schwerem Herzen, denn die Gefahren, welche ihn in seiner stillen Zelle bedrohten, erschienen ihm größer, als die, welche Peter in der Fremde unter feindlichen Menschen begegnen mochten.


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