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In Meister Öhlerts Werkstatt wurde nicht weniger als in den andern von den Thesen des Wittenberger Mönches gesprochen; konnte es doch ohne Scheu geschehen, da der Goldschmied selbst denselben von Herzen zustimmte, wie er ja auch Johann Tetzels Verfahren ohne Rückhalt verurteilt hatte. Er vertrat auch seine Ansicht tapfer in der Morgensprache, wo bei der Zusammenkunft der Meister jetzt weniger von dem, was zum Zunftwesen gehörte, gesprochen wurde, als von dem Verderben in der Kirche und der so nötigen Reformation an Haupt und Gliedern, zu der es doch nie kam.
Albrecht pflegte sonst öfter zu schreiben, aber gerade jetzt waren seine Briefe ausgeblieben, so daß der Vater sich oft im stillen fragte, welche Stellung jener wohl zu der so wichtigen Angelegenheit eingenommen haben möchte. Es zog sich ihm das Herz zusammen, wenn er sich den Sohn als einen der eifernden Pfaffen vorstellen wollte, die für die weltlichen Vorteile ihres Amtes mit widerlichem Geschrei und in heftigster Erregung fochten.
Das machte ihm das Herz sorgenschwer, und er war froh, wenn er aus dem Getriebe des Tages, aus all dem Streit und Hader am Abend hinaufsteigen konnte in das obere Stockwerk, wo er Christine wie in einem Reich des Friedens fand. Sie hatte alles für ihn bereit, wie er es liebte, das lodernde Feuer im Kamin, daneben den bequemen Lehnsessel und zu seiner Rechten den Krug mit dem Würzwein, für sich selbst ein geschnitztes Schemelchen, das sie dicht neben ihn rückte. Da saß er denn und genoß die Ruhe, nach der seine Jahre sich sehnten, das Blut floß ihm leicht durch die Adern, erwärmt durch den würzigen Trunk, doch noch mehr durch den Anblick des lieblichen Mägdleins, das der Mutter immer ähnlicher wurde.
Oft nahm sie dann ihre Laute zur Hand und sang ihre einfachen Weisen, die seine Seele erquickten, oder er schaute ihren flinken Fingern zu, die emsig mit der Nadel hantierten; von Zeit zu Zeit blickte sie zu dem Vater empor, um ihm vom Antlitz abzulesen, ob er lieber in wortlosem Sinnen und Denken dasitzen möge oder ob sie ihm etwas vorplaudern dürfe, und so wohl verstand sie ihn, daß sie stets das Rechte traf.
Dann erzählte sie wohl von der Kurfürstin, bei der sie noch immer viel weilte und an der sie mit inniger Liebe hing; doch was sie berichtete, klang nicht froh. Die hohe Frau sah bleich aus und hatte oft gerötete Augen, wie von vielem Weinen; sie sehnte sich nach ihrer Tochter, von der selten eine Kunde aus den Klostermauern zu ihr drang, und Prinzessin Elisabeth, die immer schöner wurde, zeigte sich auch immer hoffärtiger und der Mutter mehr und mehr entfremdet. Christine verschwieg, wieviel auch sie unter dem herrschsüchtigen und hochmütigen Wesen der jungen Fürstentochter zu leiden hatte, aber um so lieber rühmte sie Ursulas Sanftmut und ihre große Liebe zu der Kurfürstin.
Wodan lag lang ausgestreckt und ließ sich vom Kaminfeuer bescheinen; den klugen Kopf hatte er auf die Vorderpfoten gelegt und es schien, als höre er eifrig zu und lausche auf jedes Wort. Kam die neunte Stunde heran, so erhob sich der Meister, um zur Ruhe zu gehen, und dann stand auch die Dogge auf und schritt würdevoll auf die Türe zu, denn draußen harrte der Altgesell, um den guten Wächter hinunter in die Werkstatt zu führen, wo die kostbaren Edelsteine des Erzbischofs und noch manche Schätze an Gold, Silber und Juwelen zwar in starker eiserner Truhe, die mit mächtigen Schlössern versehen war, ruhten, aber doch noch besser in lebendiger Hut gesichert waren.
Der Altgesell sah noch einmal nach den starken Fensterladen, durch Eisenstäbe verwahrt, leuchtete in der Werkstatt umher und verschloß und verriegelte die Tür; es sollte wohl schwer sein, einen räuberischen Einfall auszuführen und man hatte nie von einem solchen gehört, aber Vorsicht war die beste Sicherheit, und so klopfte der Altgesell dem treuen Hunde liebkosend den Rücken und wies ihm seinen Platz an der Türe an.
Da erhob Wodan leise knurrend den Kopf und blickte zähnefletschend nach den Fenstern. Zugleich vernahm der Altgesell dort heimliches Flüstern, und es pochte leise an die Haustür. Das konnte nur Francesco Malefatti sein, denn kein anderer von Meister Öhlerts Leuten hätte sich eine solche Verschuldung gegen die Hausordnung erlaubt.
Nun vernahm auch der Altgesell leise seinen Namen und dazu die halb trotzige, halb dringende Bitte: »Schließt die Tür auf und laßt mich ein.«
Der biedere Jakob ärgerte sich tüchtig und hatte nicht übel Lust, den Missetäter draußen zu lassen; doch dann besann er sich eines andern: er wollte dem Meister den Verdruß ersparen, zumal der Italiener nur noch kurze Zeit im Hause weilen würde. So öffnete er, indem er die gewaltigen Riegel zurückschob, mit dem größten Schlüssel, der sich an seinem Bunde befand. In der tiefen Dunkelheit der mondhellen Nacht gewahrte er die Umrisse von zwei Gestalten, von denen die eine sich beiseite drückte, während der Italiener eintrat, ziemlich frech und ohne ein Wort des Dankes.
»Hätte ich gewußt, daß du noch einen Kumpan hattest, so wärst du nimmer hereingekommen,« brummte der Altgesell.
»Es war ein ehrlicher Bursch, ein Schlossergesell aus Meister Wilkes Werkstatt,« gab Francesco zur Antwort.
»Ein ordentlicher Bursch war's nicht, sonst triebe er sich nicht nächtlicherweile auf der Straße herum,« schalt der Altgesell, »und wenn Meister Wilke es erfährt, wird es ihm schlecht ergehen. Du aber laß dir gesagt sein, daß du dir solche Zuchtlosigkeit nicht noch einmal erlaubst, sonst melde ich es unserm Herrn, und dann jagt er dich doch noch mit Schimpf und Schande aus dem Hause, ehe deine Zeit um ist.«
Der Italiener griff in sein Wams, als wollte er eine verborgene Waffe hervorziehen, doch besann er sich eines Bessern, ließ die Hand wieder sinken, und begnügte sich, dem Altgesellen einen bösen Blick zuzuschleudern. Dann schlich er an ihm vorüber, der Treppe zu, um seine hoch oben im Giebel gelegene Kammer aufzusuchen. Wodan folgte ihm mit leisem Knurren und zornig gesträubten Haaren, doch ohne ihn sonst zu bedrohen und kehrte an der Treppe um.
»Ja, ja, alter Kerl, du kannst den Ausländer auch nicht leiden, und du wirst schon wissen, warum,« sagte der Altgesell und streichelte den Hund, der seinen Kopf liebkosend an ihm rieb. Danach ging er gleichfalls zur Ruhe und alles schlief bald im ganzen Hause mit Ausnahme eines einzigen, der über bösen Gedanken brütete.
Am nächsten Abend, als Meister Öhlert wieder beim Abendtrunk saß, wurden er und Christine gleichzeitig durch Wodan aufgeschreckt, der mit einem Mal aufsprang, ein lautes freudiges Geheul ausstieß und auf die Türe zueilte.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte der Meister. »Vorhin war mir, als hörte ich Pferdegetrappel; sollte es Dietrich von Rochow sein?«
Da wurde es laut im Hause, wie von frohen Begrüßungen, die Tür tat sich auf und auf der Schwelle stand Albrecht, an dem Wodan in ungestümer Freude in die Höhe sprang. Im nächsten Augenblick hatte er den Vater umarmt und dann schloß er Christine in seine Arme und herzte und küßte sie.
Sie sträubte sich dagegen und meinte: »Ich bin doch kein kleines Mädchen mehr,« aber der Herzlichkeit ihres Willkommens tat die Art seiner Begrüßung keinen Eintrag.
Während Christine hinausschlüpfte, um für einen guten Imbiß zu sorgen und das Zimmer für den lieben Gast richten zu lassen, saßen Vater und Sohn sich am Kamin gegenüber in traulichem Gespräch, und dabei ruhten die Blicke eines jeden auf der Gestalt des andern und sie nahmen mit liebevollem Forschen die Veränderungen wahr, welche Zeit und Erlebnisse an dem einen wie dem andern gewirkt hatten.
Albrecht sah mit zärtlicher Sorge, wie sich das Haar des Vaters immer mehr in Schnee verwandelte, wie seine Gestalt sich beugte und in sein Antlitz tiefe Runen sich eingruben; doch tröstete ihn der Glanz der Augen, die geistige Frische, mit der er an allem teilnahm, die fast jugendliche Lebendigkeit seiner Bewegungen. Der Meister freute sich an der stattlichen Erscheinung des Sohnes, der zum Manne gereift war, und dessen Denkerstirn und ernster, forschender Blick davon zeugte, daß er viele und ernste Fragen in seiner Seele bewegte.
Noch hatte der Vater nicht nach der Veranlassung dieses unerwarteten Besuches geforscht, und sogar, als Albrecht darüber Rechenschaft geben wollte, ihm gewehrt, indem er ihn bat, dies noch hinauszuschieben, bis er sich von den Strapazen der Reise erholt und durch Speise und Trank erquickt habe, aber doch sprachen sie schon von den Wittenberger Thesen und dem Dr. Martinus Luther, auf dessen Worte jetzt die ganze Welt begierig lauschte.
Christines Eintritt und ihre Bitte, das Abendessen einzunehmen, unterbrach das immer ernster werdende Gespräch, und nun sahen sie und der Meister mit stillem Vergnügen, daß die Gelehrsamkeit und das eifrige Studium Albrechts ihm doch den guten Appetit nicht geraubt hatten, mit dem er jetzt den heimischen Gerichten alle Ehre antat. Dabei berichtete er allerlei Heiteres aus dem Treiben der Studenten, was wohl hauptsächlich auf Christines Unterhaltung berechnet war und vergaß auch nicht, Wodan, der den klugen Kopf auf seine Knie gelegt hatte und ihn erwartungsvoll ansah, mit manchem Leckerbissen zu bedenken.
Erst als sie wieder mit den gefüllten Pokalen auf ihren alten Plätzen saßen, begann Albrecht: »Ich habe Euch eine sehr ernste Mitteilung zu machen, Herr Vater, und ich weiß nicht, ob Ihr mein Handeln billigen werdet, aber ich konnte nicht anders. Ihr dürft es mir auch nicht verübeln, daß ich einen so wichtigen Entschluß faßte ohne Euren Rat einzuholen und Eure Zustimmung zu erbitten. Es handelte sich um den Frieden meiner Seele und meine ganze Laufbahn und ich habe schwer in meinem Innern gekämpft. Dabei fühlte ich, daß auch der liebste Mensch auf Erden, den ich am tiefsten verehrte, mir nicht helfen könne und daß ich alles mit mir selbst und Gott abmachen müsse; sowie ich zur Entscheidung gelangt, habe ich mich aufgemacht, um Euch alles zu sagen und Euren Segen zu erbitten.«
»Sprich, mein Sohn, ich will dir ein gerechter Richter sein,« erwiderte der Vater, den eine Ahnung mächtig bewegte.
Nun begann Albrecht von seinen Seelenkämpfen zu erzählen, die ihm keine Ruhe gelassen und immer mehr sich verstärkten, je tiefern Einblick er gewann in das Verderben der Kirche. Er, der so sehr nach der Wahrheit verlangt, habe erkannt, daß er diese nimmermehr finden könne auf dem Irrwege, den die Kirche ihn führe, und er sei in tiefe Seelennot, fast in Verzweiflung versunken, als nun auch noch die Ablaßkrämerei in so arger Weise betrieben wurde.
Hier unterbrach sich Albrecht und blickte auf Christine, die wie gewöhnlich auf ihrem Schemelchen zu Füßen des Vaters saß, aber diesmal nicht fleißig arbeitend, sondern mit großen, weitgeöffneten Augen und gespannten Mienen, auf jedes Wort aus seinem Munde lauschend.
Der Vater verstand ihn und beugte sich zu ihr nieder, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu drücken. »Geh zur Ruhe, Kleine,« sagte er, »unsere Unterredung ist nicht geeignet für deine jungen Jahre.«
Aber Christine umschlang ihn mit ihren Armen und bat: »Laßt mich bleiben, Herr Vater, ich verstehe mehr davon, als Ihr denkt, und ich würde doch nicht schlafen, sondern sinnen.«
»So mag es denn sein,« entschied der Meister nach kurzem Nachdenken. Tat ihm auch, ebenso wie Albrecht, das zarte Mägdlein leid, das in so jugendlichem Alter, wo andere nur die Freuden und harmlosen Leiden der Kindheit kennen, schon so ernste Erwägungen an sich herantreten sah, so dachte er doch wieder, daß Gott sie so geführt und daß ein solches Leben und Wirken ihrem Wesen entspreche.
Albrecht fuhr nun fort zu erzählen, wie dunkel es in ihm gewesen und wie licht es ihm geworden durch die Erlösungstat, die in Wittenberg geschehen. »Es hat uns alle mächtig bewegt, die wir auf der Alma mater zu Frankfurt unsern Wissensdurst stillen wollten,« fuhr er fort, »und wir zogen zu unserm Rektor Wimpina und forderten ihn auf, sich der Bewegung, die von Dr. Martinus ausging, anzuschließen. Er aber schalt uns mit strengen Worten, verdammte jede Auflehnung gegen die Kirche wie gegen ihre Diener und fragte uns, ob wir denn gar nicht bedächten, wie sehr wir durch unser Verhalten unsern allergnädigsten Herrn, den Kurfürsten, erzürnen würden. Daran erkannten wir, wie sehr dem Dr. Wimpina Menschenfurcht über Gottesfurcht gehe und daß er uns trotz all seiner Gelehrsamkeit kein Führer zur Wahrheit werden könne. Darauf haben viele die Universität verlassen und sind gen Wittenberg gezogen, um zu den Füßen des Dr. Martinus zu sitzen. Ich habe noch gezögert, denn ich wollte keine Übereilung begehen und auch nicht gegen Euren Willen handeln, Herr Vater. Doch ich fand keine Ruhe bei Tag und Nacht, und die innere Stimme mahnte mich unablässig, das zu tun, worin allein mein Heil liegt. So habe ich mich aufgemacht, habe Frankfurt Valet gesagt und bin auf dem Wege nach Wittenberg. Vorher aber komme ich zu Euch, Herr Vater, und flehe mit geängstigter Seele um Eure Vergebung und Euren Segen, ohne die ich nicht glücklich sein könnte.«
Mit bebender Erregung hatte Albrecht gesprochen und er schaute den Vater mit bittenden Augen an und ergriff seine Hand, wie um sich daran zu halten. Eine lange Pause trat ein, noch immer schwieg der Meister und starrte in tiefem Sinnen vor sich hin. Endlich sagte er:
»Und hast du nicht bedacht, daß auch ich den Zorn und die Ungnade des Kurfürsten zu fürchten habe, wenn ich meinem Sohn gestatte, die Universität zu Frankfurt, die er mit solchen Opfern gegründet, für Wittenberg zu verlassen?«
»Ich habe auch dies in Betracht gezogen, mein Vater, aber es hat mein Vertrauen zu Euch nicht erschüttert,« erwiderte Albrecht.
Wieder folgte ein langes Schweigen, dann sagte der Meister: »Ich will dich nicht hindern, zu tun, was du für recht hältst. Weltliche Erwägungen sollten hier nicht ins Gewicht fallen. Die Geister hat eine große Bewegung ergriffen, und die sich dagegen stemmen, werden nicht bestehen. Gehe mit Gott, mein Sohn, und sei ein Streiter im guten Kampf.«
Von tiefer Bewegung überwältigt, hatte sich Albrecht vor dem Vater auf die Knie geworfen, und dieser legte segnend die Hand auf sein Haupt. Es war ein weihevoller Moment, dessen Bedeutung sich tief in Christinens junge Seele einprägte. Sie empfanden alle drei, daß sie für heute nicht mehr anderes besprechen konnten, und so trennten sie sich für die Nacht, die sich nun schweigend herabsenkte.
Albrecht verweilte nur einen Tag im Vaterhause, denn es trieb ihn fort nach Wittenberg, auf das aller Augen gerichtet waren. Der Vater ließ ihn ziehen, ohne ihn zu längerem Bleiben aufzufordern, ja, es war ihm sogar lieb, den Sohn außer Landes zu wissen, wenn der Kurfürst von seinem Entschlusse erführe, denn wenn er auch ein gerechter Herr sein wollte, so war er doch schnell zum Zorn gereizt und streng und hart in seinen Maßnahmen, bis er das Gleichgewicht seines Innern wiedergefunden hatte.
Der Meister wurde auch sehr bald zum Kurfürsten beschieden und von dem hohen Herrn höchst ungnädig empfangen, denn der Rektor Wimpina, der mit jedem Tage die Zahl der Studierenden an der Frankfurter Universität zusammenschmelzen sah, hatte sich klagend an Joachim gewandt und ihm die Namen der Abtrünnigen gemeldet.
Meister Öhlert hielt dem Sturm mutig Stand und verteidigte seinen Sohn, dessen ernstes Streben nach der Wahrheit er nicht hemmen gewollt.
»Eine tolle Neuerungssucht ist es,« rief der Kurfürst aus, »elendes Mönchsgezänk, das dem Urheber und seinen Anhängern ein schlimmes Ende bereiten wird. Von Euch hätte ich Besseres erwartet, als daß Ihr der jugendlichen Unvernunft Eures Sohnes nachgeben würdet. Es beweist mir, wie wenig Ihr das gnädige Wohlwollen, das Euch mein Haus stets bezeigt, zu schätzen wußtet.«
Der Meister wollte das Gegenteil beteuern, aber der erzürnte Fürst wandte ihm den Rücken, so daß er schweigen mußte und betrübt, aber nicht in seinen Entschlüssen erschüttert, in sein Haus zurückkehrte.
In dieser Nacht floh ihn lange der Schlaf, denn Frau Sorge stand an seinem Bette und verscheuchte den Schlummer. Dazu störte ihn Wodans wütendes Gebell, das laut durch die stillen Räume schallte. Er erhob sich, warf eine mit Pelz besetzte Schaube über und wollte hinuntergehen. Auf der Treppe begegnete ihm Francesco, atemlos und verstört.
»Laßt mich nachsehen, Meister,« bat er, »und sollte eine Gefahr sein, so rufe ich um Beistand.«
Damit lief er davon, und gleich darauf hörte man ihn, wie er dem Hunde zusprach, dessen Gebell in ein dumpfes Knurren überging. Meister Öhlert hatte noch einen Augenblick verweilt, um sich mit seinem Schwert zu bewaffnen, aber als er nun auch unten anlangte, sah er wohl, daß dafür keine Veranlassung war, denn alles schien in bester Ordnung; um so auffälliger war die ungestüme Aufregung des Hundes.
Vereint suchten der Meister und Francesco nach einer Ursache; sie leuchteten umher, doch umsonst: sie rüttelten an der Tür der Werkstatt, die fest verschlossen war, die Haustür gleichfalls; Wodan ging keuchend, mit gesträubtem Haar, neben ihnen.
»Was kann der Hund nur haben,« sagte der Meister.
»Ich denke, es muß etwas auf der Straße gewesen sein,« meinte Francesco. »Ich konnte nicht schlafen, weil mich die Zähne so schmerzten, so hörte ich das Gebell und dachte, ich wollte lieber nachsehen. Vorher hatte ich von meinem Kammerfensterlein erschaut, daß ein Trupp Reiter in den Rochowhof einritt, das hat wohl auch der Hund gehört.«
»Seltsam bleibt es,« sagte der Meister. »Es war aber recht von dir, daß du dich auf dem Posten zeigtest. Nun wollen wir wieder zur Ruhe gehen. Wodan wird uns sicher benachrichtigen, wenn es sich um etwas Verdächtiges handelt. Ich schlafe sobald nicht ein.«
Sie stiegen mitsammen die Treppe hinauf, der Meister ging in sein Schlafgemach, Francesco noch höher. Nun blieb alles still im Hause, Meister Öhlert mochte noch so angestrengt lauschen. Er hatte sich vorgenommen, wach zu bleiben, aber es war, als führe gerade dieser Vorsatz den Schlummer herbei, die Augenlider wurden ihm schwer, die Gedanken verwirrten sich und er schlief ein und um so fester, als er bisher noch nicht die Ruhe gefunden hatte.
Als am nächsten Morgen der Altgesell herabkam, um das Haus aufzuschließen, vermißte er Wodan auf seinem Posten. Er rief nach ihm und in diesem Moment kam der mächtige Rüde die Treppe herab, hinter ihm Francesco.
»Was soll denn das heißen?« fragte der Altgeselle verwundert.
»Der Hund war diese Nacht rein toll,« erzählte der Italiener. »Ihr andern habt ja einen Bärenschlaf, da focht's euch nicht an, aber den Meister und mich hat er aus dem Bett getrieben mit seinem unvernünftigen Gebaren. Nachher fing er noch einmal an, und da wir uns überzeugt hatten, daß er gar keine Ursache hatte, so wollte ich den Meister nicht nochmals stören lassen; als er wieder begann, bin ich hinuntergegangen und habe ihn in meine Kammer geholt. Da gab er sich denn zufrieden.«
Der Altgesell schüttelte den Kopf, ihm kam alles seltsam vor, und er schloß die Werkstatt mit einem bänglichen Gefühl auf, doch da war alles in bester Ordnung, soweit er sehen konnte. Er mußte sich nun beeilen, denn es war Zeit zur Morgensuppe, welche der ganze Haushalt gemeinsam einnahm. Danach hielt der Hausherr eine kurze Andacht, er sprach ein Gebet und sie sagten einige Paternoster, nachher ging's an die Arbeit, der Meister als der erste voran.
Er trug sein Schlüsselbund am Gürtel und nahm es schon in die Hand, um die Truhe zu öffnen, in welcher er die kostbaren Schätze seines Gewerbes aufbewahrte. Aber wie vom Blitz getroffen, blieb er jetzt stehen, sein Gesicht wurde aschfahl, seine Knie wankten und er mußte sich gegen die Wand lehnen, um nicht umzusinken. Die Truhe war geöffnet, erbrochen, der Deckel nur aufgestülpt, es hatten diebische Hände einen Raub verübt.
Alle Gesellen und Lehrlinge stürzten herzu, aber nur, um die Bestätigung der schrecklichen Tatsache zu finden. Der Meister hatte sich aufgerafft und wühlte mit zitternden Händen in der Truhe umher; Gold und Silber war nicht verschwunden, aber die Edelsteine des Erzbischofs fehlten! Kein Zweifel, ein äußerst schlauer und mit allem vertrauter Dieb mußte die Tat begangen haben, er hatte nur das genommen, was von unermeßlichem Werte und doch so leicht zu verbergen und fortzubringen war.
Nun begann ein fieberhaftes, unermüdliches Suchen und Forschen, aber vergeblich, nirgends fand sich eine Spur von Gewalt, keine Unordnung, kein Anzeichen, wie die Diebe Einlaß gefunden hatten oder hinausgelangt waren.
Ein schrecklicher Verdacht regte sich; wenn nun der Verbrecher gar dem Hause selbst angehörte und unter den Genossen desselben weilte? Sie sahen sich mit entsetzten, argwöhnischen Blicken untereinander an und unwillkürlich richteten sich aller Augen auf Francesco.
»Du hast den Hund weggelockt,« rief ihm der Altgesell zu.
»In bester Absicht,« verteidigte sich Francesco. »Der Meister ist mein Zeuge, daß ich wachte, als ihr andern schliefet.«
»Das ist's ja eben, dich trieb das böse Gewissen oder die böse Absicht vom Lager,« rief Fritz Bender aus.
Der Meister mußte dazwischen treten, denn Francescos Züge waren wutverzerrt und er sah aus, als wollte er sich auf seine Ankläger stürzen. So legte Meister Öhlert selbst Zeugnis für ihn ab und erklärte, er habe sich nur lobenswert benommen. Es war ja zu beklagen, daß Francesco Wodan entfernt hatte, der doch vielleicht den Raub verhütet hätte. Noch jetzt ging die Dogge schnüffelnd in der Werkstatt umher und zeigte an manchen Stellen eine große feindselige Erregung, wahrscheinlich war sie auf der Witterung der Missetäter, doch was half das jetzt!
»Jeder von uns muß seine Unschuld beweisen durch genaue Durchsuchung seiner Person und seiner Sachen,« rief der Altgesell aus, und damit waren alle einverstanden.
Sie machten sich unverzüglich ans Werk und ließen dabei den Italiener nicht aus den Augen, der sich mit der größten Bereitwilligkeit und Unbefangenheit der Forderung unterwarf. So gründlich dieselbe auch durchgeführt wurde, hatte sie doch gar keinen Erfolg und lieferte nicht den geringsten Anhalt.
Der Meister hatte sich gefaßt und ertrug sein Unglück mit Ruhe und Würde, indem er sich bemühte, die weinende Christine zu trösten. Ein saurer Gang stand ihm bevor, auf das Schloß, um dem Kurfürsten und zugleich dem Erzbischof, der gerade dort weilte, Mitteilung zu machen von dem Verluste der Edelsteine.
Joachim schäumte vor Wut, als er dies vernahm. Ein so frecher Diebstahl, und in seiner Hauptstadt, in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Das forderte die strengste Ahndung! Der Übeltäter mußte entdeckt und nach der ganzen Strenge des Gesetzes mit Galgen und Rad gerichtet werden!
Der Erzbischof nahm die Kunde nicht minder erregt auf, wenn auch aus andern Gründen; ihn bekümmerte zunächst der ungeheure Verlust, der ihn durch den Diebstahl traf. Bald gewann er aber eine andere Ansicht und er wandte sich mit Strenge in Miene und Ton an den Goldschmied.
»Euch habe ich die kostbaren Steine übergeben, von Euch fordere ich sie zurück. Ihr haftet mir für mein Eigentum. Es war an Euch, solche Juwelen zu bewachen und zu bewahren, wo sie jeder diebischen Hand unerreichbar waren. Ihr werdet einen harten und unbarmherzigen Gläubiger in mir finden.«
Der Meister beugte sein Haupt, ohne einen Versuch zu machen, den Kirchenfürsten zu milderer Gesinnung zu bringen; er kannte ihn genug, um das Vergebliche solcher Bemühung einzusehen. Erzbischof Albrecht war liebenswürdig und leutselig, keines Menschen Feind, doch nur so lange, bis sein eigener Vorteil in Frage kam; dann fiel jede Rücksicht auf andere für ihn fort.
Äußerlich ruhig, aber mit tiefgebeugter Seele kehrte Meister Öhlert in sein Haus zurück, ein zugrunde gerichteter Mann, denn seine ganze Habe, sein ererbtes Vermögen, wie der Gewinn eines langen, arbeitsreichen Lebens würden nicht hinreichen, um die Forderungen des Erzbischofs zu befriedigen, und wahrscheinlich würde er, selbst in Dürftigkeit versunken, für jenen in harter Fron seine Kunst hingeben müssen, um seinen Ansprüchen zu genügen.
Daheim fand Meister Öhlert die Seinen noch immer in größter Aufregung; keiner von ihnen dachte heute an Arbeit, die Werkstatt diente ihnen nur zum Versammlungs- und Beratungsort, denn auch Nachbarn und Gefreundete hatten sich zahlreich eingefunden, und alle konnten nicht genug von dem Vorgefallenen hören und erschöpften sich in Vermutungen und fruchtlosen Nachforschungen.
Nur das brachte Meister Wilke, der Schlosser, heraus, daß die Türen durch einen Nachschlüssel eröffnet sein mußten; dieser mochte ganz kunstgerecht angefertigt sein, es zeigten sich aber doch Schrammen um das Schlüsselloch herum, die von dem gebrauchten Werkzeuge herrührten, das nicht so ganz in die Öffnung gepaßt hatte. Das Rätselhafte des Diebstahls wurde dadurch nur vermehrt; wer konnte zu solchem Vorbereiten, das doch viel Zeit in Anspruch nahm, Zugang in das Haus gefunden haben?
»Lieben Nachbarn, habt Dank für eure Teilnahme,« sagte der Meister müde und wie gebrochen, als ihm diese Mitteilung wurde, »aber ich glaube nicht, daß man die Diebe, die ebenso listig wie verwegen und geschickt sind, entdecken werde; ihr Raub war leicht zu verbergen und fortzubringen, und sie haben sicher längst das Weite gesucht. Gönnt mir jetzt etwas Ruhe. Ich bin nicht mehr jung und rüstig genug, um solch vernichtenden Schlag ohne Schaden zu ertragen; ich muß mich erst sammeln und erholen.«
»Wir wollen gehen,« erwiderte Meister Wilke. »Verzagt nicht, lieber Freund und Gönner, es kann doch noch alles gut werden. Unser Herrgott lebt noch und der sieht ins Verborgene und bringt es an den Tag. Von uns seid überzeugt, daß wir euch alle beistehen und nichts unversucht lassen werden, um die Diebe zu entdecken.«
So gingen sie fort und der Altgesell schloß auf des Meisters Geheiß die Werkstatt zu, in der heut doch nicht gearbeitet wurde. Die Hausgenossen waren noch immer verstört und standen bald hier, bald dort flüsternd zu zweien und dreien beisammen, um sich ihre Ansichten und Vermutungen mitzuteilen; seltsam war es, daß sie alle dem Italiener geflissentlich auswichen, so sehr er sich auch um eine Annäherung bemühte. Mißtrauische Blicke und leise geflüsterte Bemerkungen folgten ihm stets, und er hatte Mühe, die in ihm kochende Wut zu bändigen.
»Nur noch kurze Zeit und ich kehre dieser verhaßten Stadt den Rücken,« murmelte er vor sich hin. »So lange will ich es ertragen, nachher ernte ich doch den Lohn.«
Der Meister trat bei Christine ein, die ihm in stiller Teilnahme entgegenkam; sie hatte mit sich zu kämpfen gehabt, denn es trieb sie auch an die Unglücksstätte, wie es natürlich war, um dort mit den andern zu weilen, alles immer wieder von neuem zu besehen und den Erörterungen, die sich immer wieder um dieselben Punkte drehten, zuzuhören. Aber sie hatte sich schon seit lange gewöhnt, stets zuletzt an sich und um so mehr an ihre Lieben zu denken, und da schien es ihr, als erzeige sie dem Vater den besten Dienst, wenn sie sich für ihn bereit halte, und alles aufbiete, ihm Erholung und Behagen zu verschaffen.
Diese fand er nun in vollem Maße, als er hinaufkam, nach all der Unruhe und dem Lärm eine wohltuende Stille, seinen Lehnsessel zum Ausruhen, einen Becher Wein zur Stärkung, und Christine neben sich auf ihrem gewohnten Platze, ihre kleine weiche Hand in seiner arbeitsharten, die sie zärtlich streichelte, ebenso bereit, zu schweigen wie zu reden oder zuzuhören, und stets zur rechten Zeit das Rechte zu tun.
»Mein armes Kind, auch für dich ist es hart,« sprach der Meister, »du hattest bisher ein ansehnliches Erbteil zu erwarten, nun bist du arm und deine Brüder werden zu kämpfen haben, um für sich selbst die Bahn zu finden.«
»Um mich sorget Euch nicht, lieber Herr Vater,« entgegnete Christine, »ich bin zufrieden und glücklich, wenn Ihr es seid und ich bitte Euch nur, grämt Euch nicht zu sehr, sondern erhaltet Euch für Eure Kinder.«
»Albrecht hat uns ahnungslos verlassen, daß das Unheil so nahe war,« klagte der Meister wieder, »nun wird er alle Not der armen Studenten kennen lernen, und Peter wird es trotz aller Kunstfertigkeit kaum zum Meister bringen, denn wo sollte er die Mittel dazu hernehmen? Ich preise es als ein Glück, daß Eure Mutter dies nicht mehr erlebte; so ist sie doch ohne diesen Kummer von uns geschieden.«
»Die liebe Mutter würde nicht schwerer daran getragen haben, als wir, die Brüder und ich, es werden,« tröstete Christine. »Sie hat uns immer gelehrt, nicht zu großes Gewicht auf die äußeren Güter zu legen, und sie hat oft gesagt, daß jeder Mensch sein Glück in sich selbst trüge.«
Der Meister seufzte tief, aber er lieh doch gern sein Ohr den guten Worten seines Weibes, die aus Christines Kindermund zu ihm gesprochen wurden.
»Wollen wir nicht ihr Grab besuchen?« fragte sie nun wieder. »Ich bin in den letzten Tagen nicht dagewesen und ich möchte ihr gerne frische Blumen bringen. Kommt mit, lieber Herr Vater.«
Der Meister nickte und streichelte das goldglänzende Haar Christines, denn er verstand wohl, daß sie dort an dem lieben Grabe Ruhe und Frieden für ihn zu finden hoffte.
In diesem Augenblick vernahmen sie von der Straße her Musik, Pfeifen, Pauken und Zimbeln, die Melodie eines lustigen Wanderliedes. Christine eilte an das Fenster; sie war doch noch zu sehr Kind, um sich entgehen zu lassen, was es etwa draußen zu sehen gab.
»Es ist nichts Besonderes,« rief sie dem Vater zu, »sie geben nur einem Handwerksburschen das Geleit, der auf die Wanderschaft zieht. Ein Schlosser ist's, nach dem Wahrzeichen, denn sie tragen einen großen bekränzten Schlüssel, und nun kenne ich ihn auch, es ist der Franz, der so lange beim Nachbar Wilke in Arbeit gewesen ist. Gut, daß der fortkommt, ich mochte ihn nie leiden.«
»Hast du ihn denn gekannt, du Närrchen?« fragte der Vater lächelnd.
»Ein wenig doch,« erwiderte sie, »so wie man die Leute kennen lernt, die man öfter vorbeigehen sieht. Er war außerdem mit unserem Francesco befreundet, die beiden standen oft nach Feierabend beisammen.«
»Kein besonderes Paar,« meinte der Meister. »Ich wünschte, ich hätte den Italiener nicht so lange im Hause behalten.«
»Soll ich schnell gehen und Blumen holen zu einem Kranze für unser Grab?« fragte nun Christine.
»Nein, laß es nur sein,« entschied der Vater, »solcher Gang an Werktagen scheint mir doch zu ungewöhnlich. Morgen ist Sonntag und da wollen wir uns gleich nach dem Mittagessen aufmachen.«
Am nächsten Tage schritten sie beide in ihren Sonntagskleidern durch die Straße, dem Kirchhofe zu, der erst vor kurzem außerhalb der Stadt angelegt worden war, kurfürstlicher Verordnung gemäß. Zuerst hatte es den Meister geschmerzt, daß er nicht in der Marienkirche eine Gruft erlangen konnte, die dann das Steinbild der Verewigten als Deckel erhalten hätte und daß er sich begnügen mußte, ein Erbbegräbnis auf dem Kirchhofe zu erwerben, wo er sein liebes Weib in die kühle Erde bettete. Er hatte ein schönes, eisernes Gitter herumführen lassen und ein Nürnberger Künstler hatte ein Grabkreuz verfertigt, zu dessen Füßen erhob sich der Hügel, von Efeu umrankt, und wenn er jetzt dort stand, so dünkte ihm, es gäbe auf der ganzen Welt keine Stätte, welche dieser an Frieden und wohltuender Stille gleichkam.
Mit schwerem Herzen hatte er heute den Weg angetreten, es war nicht leicht, dieser Übergang von Reichtum und Wohlstand zur sorgenvollen Armut, aber wie er hier verweilte, mit abgezogenem Barett andächtig betend, da richtete sich seine Seele wieder empor und er gewann neuen Mut. Christine gewahrte es, ohne daß es der Vater in Worte kleidete, und so trat sie zufrieden mit ihm den Rückweg an.
Wodan hatte sie begleitet, wie er es als sein gutes Recht in Anspruch nahm bei Christines Ausgängen, da er sich für ihren besonderen Schutz ansah. Die Unruhe und Aufregung hatte ihn noch nicht verlassen, noch immer lief er schnüffelnd und knurrend im Hause umher, als verfolge er eine Spur, und erst auf diesem Wege hatte er sein gewohntes würdevolles Benehmen wieder angenommen.
Es war spät geworden, denn sie hatten lange verweilt, und die Dämmerung war hereingebrochen; außerdem hatte man sie oft angesprochen, denn Meister Öhlert war allen Stadtbewohnern wohlbekannt, und jedem war es eine Genugtuung, ihm zu sagen, wie leid es ihm tue und sich dabei das Ganze noch einmal erzählen zu lassen. Doch diesen Gefallen tat der Meister den Redelustigen und Neugierigen nicht, sondern dankte kurz und freundlich, um seinen Weg fortzusetzen.
So waren sie schon wieder in die Nähe des Schlosses gekommen; nahe der Brücke befanden sich die verkohlten Überreste eines Hauses, das vor einiger Zeit abgebrannt war und wieder aufgebaut werden sollte; doch betrieb man dies langsam in jenen Zeiten, und noch hatte man nicht mit der Wegräumung des Schuttes begonnen; die geschwärzten, halb niedergerissenen Mauern, ein Stück Schornstein, das stehen geblieben war, dazwischen Haufen von verräucherten Steinen bildeten eine Trümmerstätte von unheimlichem Aussehen.
Plötzlich stieß Wodan, der ruhig hinter dem Meister herschritt, ein wütendes Bellen aus und stürzte sich auf die Brandruine, ohne auf den Zuruf seines Herrn zu achten. Gleich darauf ertönte der Schreckensschrei einer Menschenstimme und eine Gestalt schoß daher in angstvoller Flucht, verfolgt von der wutschnaubenden Dogge. Umsonst war das gellende Hilferufen und das verzweifelte Rennen des Mannes, Wodan sprang in mächtigen Sätzen hinter ihm drein und hatte ihn zu Boden gerissen, ehe der Meister zur Stelle sein konnte.
Nun stand er über seinem Jagdwild, bereit, ihm bei dem geringsten Versuch zur Flucht an die Kehle zu stürzen; die Zunge hing ihm aus dem offenen Rachen, die Augen funkelten vor Grimm und Wut, jede Muskel des gewaltigen Tieres war zum äußersten gespannt.
»Um Gottes willen, rührt Euch nicht, oder Ihr seid verloren!« rief der Meister dem am Boden Liegenden zu. »Ich komme Euch zu Hilfe.«
Diese wurde dem Unglücklichen von vielen Seiten. Die Leute hatten, wie sie es zu tun liebten, vor ihren Häusern an dem schönen Abend gesessen oder auch in den Haustüren gestanden oder aus den Fenstern gesehen im vollen Genusse ihrer Sonntagsruhe, und da hatte der Vorfall viele Augen- und Ohrenzeugen gehabt. Nun liefen die Männer herbei, Stangen und Stöcke in den Händen, einige sogar mit Spieß und Speer, wie sie jeder Bürger in seinem Hause für schlimme Fälle aufbewahrte.
»Schlagt den Hund tot! Er ist toll geworden! Nieder mit der wütenden Bestie!« schrie alles durcheinander.
Nur Wodans furchterregender Anblick, wie er, gleich bereit zur Verteidigung wie zum Angriff, mit funkelnden Augen über seinem Gegner stand, hielt die neuen Feinde zurück. Christine schrie laut auf aus Mitleid mit dem fremden Mann sowohl, als aus Angst über Wodans Schicksal.
»Zurück, Leute, tut dem Hunde nichts, der ist nicht toll, und ich will ihn gleich zur Ordnung und Vernunft bringen,« rief Meister Öhlert wieder und packte Wodan am Genick, ihn mit aller Kraft zurückreißend.
Mühsam und schwere Verwünschungen ausstoßend, erhob sich der Mann vom Erdboden und machte Miene davonzulaufen.
»Tut das nicht!« rief ihm Meister Öhlert zu, »es würde den Hund aufs neue reizen. Entfernt Euch jetzt in aller Ruhe, und es wird Euch nichts geschehen.«
»Der Teufel traue der Bestie! Ich will mein Leben nicht nochmals unter ihre Zähne geben!« Damit wandte er sich fort, den Trümmern wieder zu.
Im selben Augenblick hatte sich Wodan von seinem Herrn losgerissen und stürzte dem Fliehenden nach; im Nu hatte er ihn eingeholt und niedergeworfen, doch jetzt bezeugte ein gellendes Schmerzgeheul, daß der Unglückliche von seinen scharfen Zähnen erfaßt worden war.
»Los! Schlagt den Hund tot! Gebraucht doch eure Waffen!« riefen nun wieder die Leute, die zu einer großen Menge angesammelt waren. Der Meister mußte dazwischen treten, um Wodan zu schützen.
Zum zweiten Male erfaßte er ihn am Genick und riß ihn mit all seiner Kraft empor, indem er ihm gebieterisch befahl: »Los, Wodan, nieder!« Endlich gehorchte dieser, noch immer bebend vor Wut.
»Seht Ihr, der Hund ist nicht toll,« rief Meister Öhlert der erregten Menge zu, »für gewöhnlich ist er gutmütig und sanft, ich weiß nicht, was ihn so gereizt hat. Seht jetzt lieber nach jenem Mann, ob er nicht zu Schaden gekommen ist, ich kann den Hund nicht loslassen.«
Ächzend und wimmernd erhob sich jetzt der Niedergeworfene, von vielen willigen Händen unterstützt; seine Kleider hingen ihm in Fetzen vom Leibe und am Bein hatte er eine blutende Wunde.
»Das ist ja mein Geselle Franz Neumann,« rief jetzt Meister Wilke aus, der auch herzugeeilt war. »Wie kommst du hierher? Du bist doch gestern auf die Wanderschaft gegangen?«
Der Angeredete murmelte etwas Unverständliches und wollte sich davonschleichen; erst griff er in die Tasche seines zerrissenen Wamses, dann rief er entsetzt aus: »Ich bin beraubt, bestohlen, mein ganzes Gut ist fort, ich trug es im Beutel bei mir, den Verdienst von Jahren.«
»Wird sich schon finden, hier waren keine Spitzbuben,« rief ihm einer der Umstehenden zu. »Warum habt Ihr denn solche Eile, daß Ihr nicht einmal den Ersatz Eures Schadens verlangt?«
Aber der Schlossergeselle hatte keine Antwort, sondern suchte laut klagend nach seinem Päckchen, das ihm abhanden gekommen. Es war noch dämmeriger geworden, und ein gutmütiger Beisteher schlug mit Stahl und Feuerstein Funken, an denen er ein Stück Schwamm entzündete. In dem schwachen Lichtschein funkelte und flimmerte es auf dem Erdboden.
Mit einem Schrei des Schreckens warf sich der Schlosser darüber, als wollte er den verräterischen Glanz mit seinem Leibe decken. Die Umstehenden waren voll Staunen, jeder mußte erkennen, daß es sich hier nicht um Gold- oder Silbermünzen, sondern um Edelsteine handelte. Die Menge hatte sich fortwährend vergrößert und war zum Auflauf geworden, der immer mehr Neugierige herbeilockte; auch die Leute des Meister Öhlert befanden sich jetzt auf dem Schauplatze.
Er selbst hatte noch nichts bemerkt, denn Wodan machte ihm reichlich zu schaffen, nun vernahm er auch die Rufe des Staunens, dann die Stimme seines Altgesellen, der ausrief: »Das sind die Edelsteine des Erzbischofs, die uns gestohlen sind, gottlob! daß wir sie wieder haben und den Dieb dazu!«
Sie stürzten sich nun vorwärts und es begann ein Suchen nach den schimmernden Steinen, die überall hier verstreut waren, als der lederne Beutel, der sie enthielt, durch Wodans Zähne zerrissen und auf den Boden geschleudert wurde. Meister Öhlert hatte die Lehrbuben zu sich gerufen und ihnen den Hund übergeben, dann hielt er gute Wacht, denn jetzt galt es, unberufene Helfer fernzuhalten, die gar zu leicht für sich selbst einsammeln konnten.
Über der Erregung, die diese Entdeckung verursacht, hatte man den Dieb fast vergessen, der diesen Moment benutzte, um aufzuspringen und die Flucht zu ergreifen, so schnell es sein verwundetes Bein erlaubte. Das Zwielicht begünstigte sein Vorhaben, in verzweiflungsvoller Angst raffte er seine Kräfte zusammen, denn er wußte, daß es sein Leben galt, und schon war es ihm gelungen, bis an die Gasse zu gelangen, welche hier die Straße kreuzte. Er bog um die Ecke und war seinen Feinden, die sich noch immer nicht um ihn kümmerten, aus den Augen und hielt sich für gerettet, als er die beflügelten Schritte eines Verfolgers hinter sich vernahm.
Die Todesangst verlieh ihm Riesenkräfte, aber der Blutverlust, die Schmerzen der Wunde machten sich doch geltend, immer mehr erlahmten seine Füße, immer näher kam der Gegner. Er wandte sich um, zu sehen, ob es wirklich nur ein Mann sei, den er vielleicht überlisten oder bekämpfen könne, und ein Laut der Erleichterung entrang sich seiner keuchenden Brust.
Er blieb stehen und ließ den andern herankommen. »Du bist's, Francesco, du wirst mich retten!« rief er ihm entgegen.
Der Italiener lachte höhnisch. »Soll ich etwa auch in die Falle gehen und mit dir an den Galgen! Du erntest jetzt den Lohn für deine Dummheit. Weshalb bist du hierher zurückgekehrt.«
»Nur deinetwegen,« sagte der andere. »Du hast es mir doch so gesagt, in den Trümmern dort wollten wir uns treffen und gemeinsam das Weite suchen.«
»Aber nicht vor nächster Nacht. Warum bliebst du nicht in der Herberge?« fragte Francesco.
»Ich fürchtete mich,« erwiderte der Schlosser, »seit ich die verdammten Steine bei mir trug, sah ich in jedem Menschen einen Verfolger oder Räuber. Da konnte ich's nicht mehr aushalten.«
»Elender Feigling,« rief Francesco verächtlich. »Nachschlüssel machen und stehlen, weiter reicht dein Mut nicht. Nun bist du verloren. Gleich wird die Hetzjagd wieder beginnen.«
»Rette mich,« bat der Flüchtling, »sie haben meine Spur verloren, hilf mir, mich verbergen.«
»Unmöglich, sie werden die Dogge dir auf die Fersen hetzen, die ist sicher, dich zu finden,« sagte Francesco.
»Hätten wir die Bestie doch getötet!« jammerte der Schlosser. »Mein Bein schmerzt furchtbar. Du wolltest es nicht, weil du dadurch den Verdacht auf dich zu lenken fürchtetest.«
»Und das Blut bezeichnet deinen Weg,« rief Francesco aus, »dich kann nichts mehr retten.«
»Dann reiße ich dich mit ins Verderben, ich bekenne alles, und du sollst mit mir zusammen am Galgen schwingen,« keuchte der Schlosser in Todesangst.
»Das geschieht nicht, Freundchen,« hohnlachte der andere und mit Blitzesschnelle stieß er dem Unglücklichen den Dolch, den er schon längst in der Hand verborgen hielt, ins Herz.
Mit einem gräßlichen Schrei sank dieser zu Boden, wo er regungslos liegen blieb. Der Italiener stieß mit dem Fuß nach ihm, doch er bewegte sich nicht, er war tot. Nun brachte sich der Mörder selbst eine Wunde am Arm bei, lang, aber nicht tief, und dann begann er zu schreien: »Mord, Hilfe, Mord!«
Es dauerte nicht lange, so kamen Menschen in Menge herbei; sie hatten erst, als die Edelsteine alle aufgelesen waren, die Flucht des Diebes bemerkt und sich zu weiterer Verfolgung angeschickt; das Rufen Francescos, der Todesschrei des Unglücklichen brachte sie schnell auf die rechte Fährte, sie fanden einen Toten und einen Verwundeten.
»Ich allein behielt den Kopf oben und verfolgte den Dieb,« rühmte sich Francesco, »ihr andern dachtet nur an den Gewinn. Nun muß ich's wohl mit dem Tode büßen! O, wie schmerzt mich mein Arm! Er wollte mich erstechen, und hätte ich nicht den Arm vorgestreckt, hätte ich jetzt seinen Dolch im Herzen! In der Todesangst entrang ich ihm den Dolch und ich muß ihm wohl einen tüchtigen Stich versetzt haben.«
»Das glaube ich wohl,« sagte Meister Wilke, »denn er ist tot, ins Herz getroffen.«
Francesco stellte sich erstaunt und betrübt und versicherte: »So schlimm habe ich's nicht beabsichtigt, aber ich mußte mich doch verteidigen.«
Er bemerkte wohl, wie alle mit Grauen von ihm zurückwichen und fing von neuem um seine Wunde zu jammern an, doch erregte er nicht allzugroßes Mitleid, weil die Männer wohl sahen, daß trotz der Blutung die Gefahr nicht groß war. Man verband ihn oberflächlich, und unterdessen erschienen die Trabanten des Kurfürsten, mit brennenden Fackeln, welche die jetzt ganz dunklen Straßen unheimlich erleuchteten, um den Toten fortzuschaffen und den, der ihn erschlagen, mit sich in den Turm zu führen. Allmählich trat dann Ruhe in den Straßen ein, obwohl die Aufregung noch sehr groß war, aber die tiefe Finsternis zwang die Einwohner der beiden Schwesterstädte, in ihre Häuser zurückzukehren.
Wie ein Wunder empfand Meister Öhlert seine Errettung aus Not und Dürftigkeit; bis auf zwei der geringeren Steine, die er gern ersetzen wollte, befand er sich im Besitz von allen, die ihm geraubt waren. Noch wirbelte ihm der Kopf, er vermochte nicht klar zu sehen, und die aufgeregten, Francesco so feindseligen Meinungen in seinem Haushalt machten auch ihn mißtrauisch, und er war froh, daß nicht er, sondern die Schöffen, die in der Gerichtslaube am nächsten Tage Sitzung halten würden, das Recht zu finden hatten.
Francesco zeigte sich beim Verhör klar, ruhig und bestimmt. Es schien so einfach, daß er, zuerst und allein an die Verfolgung des Diebes denkend, von diesem angefallen worden war, und daß er ihn bei Verteidigung seines eigenen Lebens getötet, konnte man ihm nicht zum Vorwurf machen. So wurde er freigesprochen und straflos entlassen; doch mußte er Urfehde schwören, sollte noch am selben Tage aus den Toren Berlins und durfte nicht wieder zurückkehren.
Meister Öhlert und seine Gesellen sahen ihn gern scheiden; er war ihnen unheimlich und jeder Tag, den sie mit ihm unter demselben Dache hätten verleben müssen, wäre ihnen schwer geworden. Der Meister zahlte ihm seinen Lohn aus, höchst reichlich bemessen und lobte seine Kunstfertigkeit im Wanderbuch. Danach kehrten Ruhe und Frieden wieder in sein Haus ein, und nur wie ein böser Geist schlich die Erinnerung an den schlimmen Gesellen noch manchmal durch die Unterhaltungen am Feierabend.