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In dieser Nacht fand kaum ein Auge den Schlaf in der kurfürstlichen Burg. Die Ärzte umstanden Joachims Lager in Erwartung des Schlimmsten, aber als der Morgen graute, war die größte Gefahr vorüber und sie konnten ihm, der bereits seine volle Besinnung wiedererlangt hatte, die Versicherung geben, er werde alles bald überwinden, wenn er sich nur einige Zeit die größte Ruhe gönne. Mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung fügte er sich ihrem Ausspruch und so lag er da im verdunkelten Zimmer, ohne zu sprechen, ohne sich zu bewegen, eine Beute der finstern Gedanken, die er nicht zu bannen vermochte.
Die Kurfürstin weinte und betete, aber sie war doch nicht ohne Frieden. Daß die eigene Tochter sie verraten, schmerzte sie sehr, allein sie zürnte ihr nicht, sondern hoffte und vertraute, sie werde doch endlich zur Einsicht und Erkenntnis der Wahrheit gelangen.
Elisabeth hielt sich fern von der Mutter, in Scheu und Scham. Bittere Gewissenspein quälte sie, sie hatte doch das Rechte tun gewollt, und nun sah sie alles in anderem Lichte und erschien sich selbst wie ein Ungeheuer. Wen sollte sie um Rat fragen? Zum Vater durfte sie nicht, und was er sagen würde, wußte sie ja, und ebensowenig durfte sie sich an ihren Beichtvater wenden, zu dem ihr Vertrauen erschüttert war. Sie sehnte sich so sehr nach einem treuen, teilnehmenden Menschen, ihr überlegen in jeder Weise, besser, klüger und erfahrener als sie, dem sie alles sagen könnte, dessen Tadel sie ohne Widerspruch in Demut hinnehmen, nach dessen Weisung sie handeln wollte.
Nur einen solchen Menschen gab es für sie auf dem ganzen Erdenrund, und sie wußte, daß sie dessen Wohlwollen und wohl noch mehr besessen; aber nun war er fort, und er würde sie auch verachten und nichts als Zorn und Geringschätzung gegen sie empfinden.
Wolfhild versuchte vergebens, die Prinzessin zu beruhigen und zu erheitern, diese war gegen die ehemalige Freundin erkaltet und ersparte ihr den Vorwurf nicht, daß sie es zum großen Teil gewesen, die sie zu ihrem Tun aufgestachelt. Das nahm Wolfhild nicht ruhig hin, in Hochmut und Trotz wandte sie sich von Elisabeth und verließ sie gerade zu der Zeit, wo diese eine geduldige und liebevolle Freundin so nötig gehabt hätte.
»Ich bleibe nicht länger am Hofe, wo ich zu einer Untergebenen herabsinke, wenn ich auf meiner Burg die gebietende und unumschränkte Herrin sein kann,« entschied sich Wolfhild und so zog sie davon, im geheimen noch mehr bestimmt durch den Umstand, daß Ritter Dietrich von Rochow jetzt auch auf Rochatz weilte.
Albrecht war nach Wittenberg zurückgekehrt; er hatte es nicht wagen können, die Kurfürstin noch einmal zu sprechen, um sie mit geistlichem Trost zu versehen. Sie hatte jedoch Ursula abgesandt zu Meister Öhlert ins Haus und hatte sagen lassen, sie werde durch nichts in ihrem Bekenntnis zu erschüttern sein.
»So wird der Herr sie nicht verlassen, sondern ihr beistehen in ihrer tiefen Not. Denn er sagt: ›Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen‹,« sprach der Doktor Olearius, und fügte hinzu, indem er Ursulas Hand nahm und in der Seinen hielt: »Steht jetzt fest und treu zu der armen Fürstin, Fräulein Ursula, wie Ihr es stets getan, und wenn es ihr ist, als solle sie schier versinken in den Wassern der Trübsal, dann singt ihr die herrlichen Lieder des Doktor Martinus vor.«
»Ich will tun, was ich vermag,« erwiderte Ursula einfach, und der Doktor schaute sie mit einem seiner tiefen Blicke an und sagte:
»Ich weiß, daß Ihr zu denen gehört, die sich in den Tagen der Trübsal bewähren.«
Kaum war Albrecht fort, da kehrte Peter ins Vaterhaus zurück, zwar seit lange erwartet, doch im Augenblick ganz unvorhergesehen. Mit seinem Ranzen auf dem Rücken und den Wanderstab in der Hand trat er ein, so frisch und kräftig, wie er ausgegangen, nur männlicher geworden, aber noch immer der alte, gute Peter.
»Da bin ich, lieber Herr Vater, und grüße das Handwerk,« sagte er einfach, und als er Christine sah, umhalste er sie und rief: »Potztausend, Mädel, bist du hübsch geworden, nur zu bleiche Wangen hast du, mein Gretchen blüht dagegen wie eine Rose. Sie läßt dich grüßen und bittet dich, du möchtest sie zur Schwester annehmen.«
Mit Peter kam wieder Leben und Heiterkeit in das sonst so stille Haus, und seine Gegenwart verscheuchte den Druck, der noch auf dem Meister und Christine lastete, denn sie blickten beide sorgenvoll in die Zukunft und die jetzige Ruhe, die sie der Krankheit des Kurfürsten zuschrieben, erschien ihnen wie die Stille vor dem Sturm. Peter aber wußte nichts von Sorgen und schweren Gedanken, ihm genügte, was ein jeder Tag mit sich brachte an Leid und an Freud, er tat seine Schuldigkeit und dabei beseelte ihn ein festes Gottvertrauen, das ihn froh und vergnügt machte.
Sein erster Gang hatte dem Grabe der Mutter gegolten, und wie er sich dazu anschickte, trat er zum Vater, sah ihn mit seinen klaren Augen an und sagte: »Herr Vater, ich gehe gern zu dem lieben Hügel, und ich kehre zurück, wie ich ausgezogen.«
»Ich weiß es, mein Sohn,« sagte der Meister und drückte ihm die Hand.
Peter hatte nicht um die Begleitung von Vater und Schwester gebeten, und sie verstanden, daß er allein dort weilen wolle, um stille Einkehr in sich zu halten, wie das sonst nicht seine Art war. Nur einer ließ sich das Geleit nicht nehmen, und das war Wodan.
Der alte Hund, der seit lange stumpf und müde geworden, war wie zu neuem Leben seit Peters Rückkehr erwacht; er folgte ihm auf Schritt und Tritt, seine fast erblindeten Augen wichen nicht von der geliebten Gestalt; wenn sein junger Herr ihn liebkosend anredete und ihn zärtlich streichelte, dann versuchte Wodan wohl gar einige Freudensprünge.
»Willst mit, Wodan, alter Kerl?« redete ihn Peter jetzt an. »Nun, mir ist's recht, nur fürchte ich, es wird dir sauer werden. Aber ich will schon daran denken und nicht zu schnell gehen. Weißt du wohl noch, wie du mir das Geleit bis zuletzt gegeben hast, als ich damals auf die Wanderschaft zog?«
Wodan stieß ein kurzes Gebell aus, setzte seinen Schwanz in freudige Bewegung und legte seine Nase in Peters Hand, dann humpelte er neben ihm her. Als er an dem lieben Hügel stand, zog der junge Gesell demütig seinen Hut und seine Lippen bewegten sich in leisem Gebet, vielleicht war es auch ein Gelübde für sein ferneres Leben. Lange noch stand er in tiefem Sinnen, während sich Wodan zu seinen Füßen niedergelegt hatte. Endlich wandte er sich zum Aufbruch und rief den Hund, aber dieser rührte sich nicht.
Nun beugte er sich zu ihm hinab und streichelte ihn, doch die Liebkosung fand keine Erwiderung, Wodan lag steif und starr da, er war tot. Den Lohn seiner Treue hatten ihm diese letzten Tage gebracht, in denen sein altes Herz so voller Freude war. Er wurde von der Familie und den Hausgenossen wie ein Freund betrauert und sein Andenken in Ehren gehalten immerdar.
Am nächsten Tage stand Peter in der Werkstatt, um sein Meisterstück zu beginnen, einen prachtvollen Humpen, welchen die Stadt Nürnberg zu einer Ehrengabe für Meister Hans Sachs bestimmt hatte. Unter den eingereichten Zeichnungen hatte die von Peter gemachte die einstimmige Anerkennung erhalten, und so ereignete sich der kaum je dagewesene Fall, daß ein noch nicht zur Meisterschaft gelangter Gesell mit einem solchen Auftrage beehrt wurde.
Inzwischen hatte sich der Kurfürst wieder ganz von seiner Krankheit erholt und seine Regierungsgeschäfte wieder aufgenommen. Nur seiner Gemahlin gegenüber hatte er noch keine Äußerung seines Willens getan, sie auch noch nicht wieder vor sich gelassen. Es geschah dies nicht aus milderer Gesinnung, sondern aus Schonung gegen sich selbst, um sich von der ihm so schädlichen Erregung zu bewahren, denn sein Zorn hatte nichts an Heftigkeit verloren.
Endlich fühlte er sich stark genug, um entscheidende Schritte zu tun. Er beriet sich mit seinem Beichtvater, dem Dominikanerpater Benedikt und schickte diesen zu seiner Gemahlin, um noch eine Vermittlung zu versuchen, für die der geschmeidige Mönch all seine Beredsamkeit aufbot.
»Seine Kurfürstlichen Gnaden,« stellte er der Fürstin vor, »leiden schwer unter dieser Angelegenheit. Erst waren Seine Liebe in heftigem Zorn ergrimmt und dachten ohne Barmherzigkeit vorzugehen und selbst das Leben Eurer Liebe nicht zu schonen, wenn es sein müßte. Aber die Erinnerung an lange Jahre friedlicher Gemeinschaft hat Seine Liebe bestimmt, der Frau Kurfürstin noch einen Termin zu setzen, bis zu welchem sie in sich gehen, ihren Irrtum einsehen, bereuen und wieder gut machen kann, indem sie sich am Tage Allerheiligen mit unserm Durchlauchtigsten Herrn zum Genusse des Sakraments in der Gestalt, wie es die heilige Kirche bisher gespendet hat, vereinigt.«
»Und wenn ich dies nicht vor meinem Gewissen verantworten kann?« fragte die Kurfürstin.
»Dann haben sich Eure Liebe die Folgen selbst zuzuschreiben,« erwiderte der Pater mit eisigem Tone. »Seine Kurfürstliche Gnaden werden weder vor der Scheidung, noch vor der Strafe solchen Frevels zurückschrecken, und nicht nur Eure Freiheit, sondern Euer Leben dürfte der Preis sein, den Ihr bezahlen müßt.«
Die Kurfürstin erbleichte, doch verlor sie ihre Fassung nicht und erwiderte: »Mein Schicksal steht in Gottes Hand. Ihm befehle ich meine Seele und meinen Leib. Für jetzt nehme ich die Bedenkzeit an.«
Sie schrieb nun an ihren Anverwandten, den Kurfürsten Johann den Beständigen, bei dem auch ihr Bruder, der vertriebene König Christian von Dänemark, eine Zuflucht gefunden hatte, und bat ihn, sie im äußersten Falle zu beschützen, wozu sich der edle Fürst sogleich bereiterklärte.
Die Tage schlichen traurig dahin und Joachim fand sie fast unerträglich. Jede Geselligkeit hatte an seinem Hofe aufgehört, denn wie war das möglich, wenn er seine Gemahlin nicht sah und diese fast wie eine Gefangene in ihrem Zimmer lebte? Auch seinen Kindern fühlte er sich entfremdet. Der Kurprinz, der seine Mutter zärtlich liebte, hielt sich fern, und Elisabeth, deren froher Sinn ihm manche Stunde erheitert hatte, war verschüchtert und trübselig, seit sie ihn fußfällig angefleht hatte, der Mutter zu vergeben. Sie klagte sich an und konnte keinen Frieden finden, obwohl sie von der Kurfürstin längst Verzeihung erhalten hatte.
Die einzige Zerstreuung, welche Joachim die Zersplitterung in seiner Familie vergessen ließ, war die Jagd, und er gab sich diesem Vergnügen noch mehr als sonst hin und war oft Tage lang in seinen großen Forsten abwesend. Um so trüber fand er dann bei seiner Heimkehr alles wieder, und es schien ihm unmöglich, diesen Zustand noch länger zu ertragen.
Pater Benedikt schürte diese Stimmung des Kurfürsten, und so erschien er eines Tages wieder bei Frau Elisabeth im Auftrage seines Gebieters, um ihr anzukündigen, daß dieser von ihr verlange und erwarte, sie werde zum Osterfest mit ihm gemeinsam zum Abendmahl gehen und dies in der bisher üblichen Weise empfangen.
Die Fürstin erschrak, als die Entscheidung so schnell an sie herantrat, denn sie hatte doch noch immer im stillen gehofft, Joachims Sinn werde sich erweichen.
»Seine Liebe hatten mir eine andere Frist gestellt, die mir noch sechs Monate länger Zeit ließ,« entgegnete sie, »und ich bin auf eine so schnelle Entscheidung nicht vorbereitet.«
»Kurfürstliche Gnaden haben ihren Sinn geändert,« sagte der Pater, »und wenn Eure Liebe sich nicht seinem Gebote fügt, so habt Ihr das Schlimmste zu erwarten. Es ist an vielen Orten, bei fürstlichen Herren und bei gelehrten Hochschulen angefragt, und es steht fest, daß Seine Kurfürstliche Gnaden das Recht zur Scheidung und zur Einsperrung seines widerspenstigen Ehegesponses hat, vielleicht sogar das, solches lebendig einmauern zu lassen. Dies ist die letzte Botschaft unseres Herrn in Güte, demnach wird das strenge Recht seinen Lauf nehmen.«
Als der Pater sie verlassen hatte, befiel die Kurfürstin eine furchtbare Angst. Um nichts in der Welt würde sie ihren Glauben verleugnet haben, aber sie scheute doch vor dem furchtbaren Schicksal zurück, das ihr bevorstand, denn aus manchem Vorgang war ihr bekannt, wie Joachims Härte sich zur Erbarmungslosigkeit steigern konnte.
Was sollte sie beginnen? Er selbst würde ihrem Flehen sein Ohr verschließen, wie er sich taub gegen die Vorstellungen der andern Fürsten, die sie, wenn auch ohne Hoffnung auf Erfolg, anrufen wollte, zeigen würde. Selbst ihr Schwager Albrecht, der inzwischen Kardinal geworden und der ihr trotz allem wohlgesinnt geblieben war, würde nicht mit Taten für sie eintreten, sie war auf sich selbst angewiesen und nichts blieb ihr übrig als Flucht.
Sie rief ihre treue Ursula, teilte ihr alles mit und bat sie, Christine in das Schloß zu holen; auf diesen beiden Mädchen beruhte ihre ganze Hoffnung. Ursula würde sich nicht besonnen haben, mit ihr in den Tod zu gehen, von Christine erwartete sie, daß sie Mittel und Wege finden werde, sie dem Leben zu erhalten.
Christine hörte von Ursula, wie schlimm es stand, und erschrak. Was vermochte sie hier? War es nicht ein Unrecht, wenn sie den Beistand ihres Vaters anrief und dadurch den Zorn des Kurfürsten auf dessen Haupt lenkte? Ratlos stand sie da, während Ursula in sie drang, ihr schleunigst zu folgen.
»Es nützt zu nichts,« sagte Christine; »gib mir Zeit zum Sinnen und Nachdenken, damit ich der Kurfürstin einen Plan vorlegen kann. Wenn nur der Ritter von Rochow hier wäre, der so treu zu ihr steht, dann wäre eher etwas zu hoffen.«
»Ach, der ist auf Rochatz und Wolfhild wird ihn fest in ihren Netzen halten,« sagte Ursula. »Es heißt, er werde nicht eher an den Hof kommen, bis er sie als sein vermähltes Weib mit sich führt.«
In diesem Augenblick vernahm man Pferdegetrappel und Christine eilte ans Fenster, um auszuschauen. Wie wunderbar! Da ritt er, von dem sie soeben gesprochen, dicht an ihrem Hause vorbei. Er blickte empor und da sie sich diesmal nicht, wie sonst ihre Gewohnheit war, hinter ihren Blumenstöcken verschanzt hatte, so erspähte er sie und sandte einen Gruß zu ihr hinauf.
War es Christine vorhin bei Ursulas Worten gewesen, als empfinde sie einen Stich im Herzen, so war das jetzt vergessen in der Freude, die sie erfüllte. Sie umfaßte die Freundin und rief:
»O, nun ist alles gut. Dietrich wird uns beistehen. Er hat sich der Kurfürstin als ihr Ritter gelobt und er wird seinen Schwur halten.«
»Wann kannst du ihn sprechen? Kommt er sofort zu euch?« fragte Ursula.
Christine errötete und erwiderte: »Nein, er betritt unser Haus überhaupt nicht mehr, da es mein Vater so für gut fand. Aber ich schicke meinen Bruder Peter zu ihm, sie sind gute Freunde von Jugend auf.«
Sie sann nun nach und sandte Ursula allein aufs Schloß zurück; sie würde erst dann nachkommen, wenn sie etwas zu berichten habe, denn sie wolle sich dort jetzt nicht unnütz zeigen und durch ihre Anwesenheit Verdacht erregen.
Dann begab sich Christine in die Werkstatt, wo Peter in emsiger Arbeit bei seinem Meisterstück tätig war, denn er konnte den Zeitpunkt kaum erwarten, wo er mit allen Ehren in seine Zunft aufgenommen sein und sein geliebtes Gretchen zum Altar führen werde.
So war er auch nicht allzu geneigt, alles fortzulegen und dem Wink der Schwester zu folgen; doch als er in ihr ernstes Gesicht sah, zögerte er keinen Moment länger. Sein erster Gedanke galt dem Vater, der seit Peters Rückkehr sich mehr Ruhe gönnte und oft in stiller Beschaulichkeit in Frau Mechthildis' Zimmer saß, die Bibel geöffnet vor sich.
»Nein, nein,« beschwichtigte Christine die Besorgnis des Bruders, »bei uns ist nichts geschehen, und doch brauche ich dich so sehr.«
Sie teilte Peter alles mit und er billigte ihren Plan, den Beistand Dietrichs zu gewinnen und war bereit, sogleich zu ihm zu gehen.
»Hätte dieser Besuch nicht bis nach Feierabend Zeit gehabt?« sagte Meister Öhlert tadelnd, als sein Sohn im sonntäglichen Gewand vor ihm stand. »Du bist der künftige Herr und darfst kein schlechtes Beispiel geben. Ich habe mich stets treulich an die Arbeitszeit gehalten.«
»Nur für diesmal, die alte Freundschaft trieb mich so unwiderstehlich,« entschuldigte sich Peter und eilte davon.
Er fand bei Dietrich den herzlichsten Empfang. »Ich wäre zu dir gekommen,« sagte dieser, »doch dein Vater hat mich belehrt, daß ich kein gerngesehener Gast bin.«
»Du darfst ihm das nicht übelnehmen,« meinte Peter. »Sobald du eine Burgfrau auf deinem Schlosse walten hast, ändert sich alles, und wenn du dann noch bei uns einkehren wirst, soll es eine Ehre und eine Freude für unser Haus sein.«
»Noch erfreue ich mich der goldenen Freiheit,« lachte der Ritter.
»Doch wohl nicht lange mehr,« meinte Peter. »Es soll mich wundern, ob ich eher mein Gretchen unter mein Dach führe, oder du dein stolzes Fräulein Wolfhild?«
»Das möchte ich auch wissen,« sagte Dietrich mit seltsamem Lächeln.
»Nun, wenn es nur von mir abhinge, käme ich dir sicher zuvor,« lachte Peter, »aber ich habe noch einen Berg zu überschreiten. Ganz ohne Beklommenheit steht man nicht vor seinem Meisterstück. Aber ich plaudere hier von dem, was mir lieb ist und vergesse fast meine Sendung. Ich bin gekommen, um deine Ritterdienste für die Kurfürstin anzurufen in ihrer schweren Bedrängnis.«
Dietrich war sofort zu allem bereit. »Hier handelt es sich um Besonnenheit und kein Zögern ist erlaubt,« sagte er, als Peter ihn von dem Stande der Dinge unterrichtet hatte.
»Bedenke aber wohl, daß du den Zorn des Kurfürsten auf dich ziehen wirst und Joachim ist ein schlimmer Gegner,« warnte Peter.
»Ich gedenke vor allem an meinen Rittereid, der mir den Schutz der Schwachen und Unterdrückten gebietet,« antwortete Dietrich, »und auch daran, daß ich mich Frau Elisabeth dereinst gelobte.«
Sie traten nun in eine besonnene Beratung ein, denn jede Unüberlegtheit konnte der Kurfürstin und ihren Getreuen Verderben bringen. Die hohe Frau mußte in Sicherheit gebracht, und die Flucht in einer der nächsten Nächte ausgeführt werden. Die größte Schwierigkeit bestand darin, aus dem verschlossenen Stadttor hinaus ins Freie zu gelangen. Aber Dietrich wußte Rat. Er war dem Torschreiber wohlbekannt und wollte ihm schon am andern Morgen melden, daß ein Wagen, auf dem Wildbret und mancherlei Vorräte von seinen Gütern nach Berlin in den Rochowhof gebracht worden waren, nach Rochatz zurückkehren solle und zwar aus mancherlei Gründen die lange Fahrt bei nächtlicher Weile antreten werde. Der Torschreiber versprach ohne weitere Umstände die Erlaubnis zum Öffnen des Tores zu erteilen. Außerdem hatten Dietrich und Peter beschlossen, so wenig Menschen als möglich in den Plan einzuweihen.
Christine begab sich nun zur Kurfürstin und teilte ihr mit, daß alles bereit sei. Es war dennoch ein großer Entschluß für diese, und sie kämpfte sehr mit sich. Sollte sie so jede Möglichkeit einer Versöhnung mit ihrem Gemahl von sich werfen, sich von ihren lieben Kindern trennen, unstet und flüchtig ohne Heimat in die Fremde ziehen?
Sie berief ihre erwachsenen Kinder, den Kurprinzen und Elisabeth, um mit ihnen zu beraten. Beide waren tief bewegt, und die Prinzessin klagte sich in trostloser Verzweiflung als die Urheberin alles Unglücks an. Sie hatte sich sehr verändert in den letzten Monaten, war soviel ernster und stiller geworden, ihr Hochmut war gebrochen, und das Gute, was in ihrer Seele schlummerte, rang sich durch alle Fehler, die es bisher überwuchert, zur Oberfläche empor.
Dem Mutterauge war dies nicht entgangen, und so wie jeder Groll aus dem Herzen der Kurfürstin gewichen war, so zog statt dessen eine hoffnungsvolle Freudigkeit in betreff Elisabeths bei ihr ein. Sie vertraute fest, daß dies so reichbegabte Wesen ihre großen und guten Eigenschaften auch für würdige Ziele verwenden würde, und so sprach sie ihr Mut zu und wies sie darauf hin, daß das, was sie gefehlt hatte, durch ihr Verhalten in der Zukunft gesühnt werden könne.
Der Kurprinz drang darauf, daß seine Mutter ohne Zeitverlust ihre Flucht bewerkstelligen solle, und Christine wurde durch Ursula in Kenntnis gesetzt, um die Nachricht an Dietrich gelangen zu lassen. Joachim befand sich seit einigen Tagen in der Schorfheide auf seinem Jagdschloß Hubertusstock, doch war seine Rückkehr ganz unbestimmt und konnte ebensogut sogleich erfolgen, als sich noch einige Tage verzögern, so daß seine Abwesenheit kaum das Gefühl einer größeren Sicherheit verlieh.
Es war ein stürmischer, kalter Abend gegen Ende März; ein schneidender Wind, der sich bei Einbruch der Nacht noch verstärkte, hatte den ganzen Tag geherrscht, und der Schnee wirbelte in dichten weißen Flocken zur Erde nieder. Im kurfürstlichen Schlosse schien alles in tiefem Schlafe zu liegen, nur wenige Fenster zeigten sich matt erhellt, und doch brach hier beinahe ein armes Menschenherz vor Weh und Leid.
Die Kurfürstin saß am Bett ihres Jüngstgeborenen, des kleinen Markgrafen Georg und konnte den Blick nicht losreißen von seinen geliebten Zügen. Wie oft hatten seine kindliche Fröhlichkeit und sein munteres Wesen sie erheitert und erfrischt, wie hatte gerade er mit solch liebender Zärtlichkeit an ihr gehangen! Sein erstes Verlangen des Morgens war nach ihr gewesen, aus ihrer Hand hatte er am liebsten Speise und Trank genommen, zu ihren Füßen hatte er gespielt, oft sich unterbrechend, um die kleinen Arme um ihren Hals zu schlingen und ihr Antlitz mit Küssen zu bedecken, und wie oft, wenn er sie hatte weinen sehen, war er zu ihr gekommen, hatte ihr die Tränen von den Wangen getrocknet und gebeten: »Nicht weinen, liebe Frau Mutter, Georg immer artig sein und Frau Mutter so lieb haben!«
Und morgen würde er aufwachen und vergebens nach ihr verlangen, sie würde weit fort sein und er würde aufwachsen und sie vergessen, und wenn es ihr einst vergönnt sein sollte, ihn wiederzusehen, dann war es nicht mehr ihr lieber kleiner Junge, es war ein anderer, und er würde ihr entfremdet sein, und sie würde nur neuen Kummer erleben.
Ihre Tränen fielen heiß auf sein blondes Lockenhaupt, als sie sich über ihn neigte, um ihn immer wieder und wieder zu küssen. Sie konnte sich nicht losreißen, und doch mußte es sein; er machte eine Bewegung im Schlafe, doch durfte er nicht erwachen und sie so finden. Der Schmerz des Scheidens sollte ihm erspart werden, auch wäre zu besorgen gewesen, daß sein kindliches Ungestüm zum Verräter werden möchte.
Endlich stürzte sie davon, fast in eiliger Flucht, und ins Nebenzimmer, wo ihre kleine Tochter Margarete schlief. Auch hier war, wie bei Georg, die Wärterin entfernt worden, und die Kurfürstin kniete nun neben dem Lager nieder und betete für ihr liebes Kind, das so früh die liebende Mutter entbehren sollte. Sie vergaß den Flug der Zeit und alles, was geschehen mußte, es war ihr, als könne sie nie von hinnen weichen, und erst der Eintritt des Kurprinzen, der sie in Ehrerbietung, Mitleid und Schmerz an die herbe Notwendigkeit erinnerte, schreckte sie empor. Noch ein Kuß, ein letzter, trauriger Blick, und sie verließ das Gemach.
Neuer Kummer erwartete sie, als sie nun den beiden erwachsenen Kindern Lebewohl sagte. Der Kurprinz selbst vermochte seine Fassung nicht zu bewahren und ließ seinem Schmerze freien Lauf, während Elisabeth ganz außer sich war und ihre Anklagen gegen sich selbst stets von neuem begann. Die Kräfte der unglücklichen Fürstin waren fast erschöpft, und sie dachte schon daran, den ganzen Fluchtplan aufzugeben, mochte ihrer auch ein noch so hartes Geschick warten.
Zum Glück erschien jetzt Christine in großer Besorgnis über die Verzögerung, um zur Eile zu mahnen. Der Kurprinz faßte sich zuerst und unterstützte ihre Vorstellungen. Noch einmal drückte die Kurfürstin die fassungslose Tochter an die Brust und flüsterte ihr zu: »Mut und Hoffnung auf die Zukunft,« dann schritt sie in das Nebenzimmer, wo Ursula, selbst in Bauerntracht, ihr behilflich war, die Kleider einer Bauersfrau anzulegen.
Ohne Zeitverlust führten sie die hohe Frau fort, über die geheime Treppe, dem Ausgange zu. Prinzessin Elisabeth hatte sie begleiten wollen, aber ihr Bruder verhinderte es. Um die wenigen Minuten des Beisammenseins mit einem nochmaligen schmerzensreichen Abschied zu erkaufen, wäre das Opfer doch zu groß gewesen.
Durch Regen und Sturm mußte die Kurfürstin mit ihren beiden Begleiterinnen der Brücke zuschreiten, wo sie jenseit derselben der Wagen, den man nicht näher ans Schloß fahren zu lassen wagte, erwartete. Sie vermochte sich kaum aufrecht zu halten, denn ihre Kräfte waren durch so viele voraufgegangene Gemütsbewegungen erschöpft. Aber nachdem sie einige Schritte gemacht hatte, fühlte sie sich von einem starken Arm gestützt; es war der Ritter Dietrich von Rochow, der ihrer unter dem Vorsprung einer Mauernische geharrt hatte und nun ging sie mutiger und sicherer vorwärts.
Plötzlich blieb ihr Begleiter stehen und spähte in die Nacht hinaus; die drei Frauen taten mit ängstlich pochendem Herzen wie er und nahmen nun das ferne, aber sich rasch nähernde Getrappel von Pferden, sowie den Schein von Fackeln wahr.
»Mein Gemahl!« stammelte die Fürstin erbleichend und dem Umsinken nahe.
Dietrich sprach ihr Mut ein und beschleunigte seine Schritte, so viel er es mit Rücksicht auf die bebende Flüchtige vermochte; so erreichten sie glücklich die Brücke, wo sie sich hinter den Pfeilern verbargen.
Der Jagdzug des Kurfürsten nahte heran; die Fackeln warfen grelle Streiflichter auf Gebäude und Menschen; deutlich vermochten die Versteckten die Züge Joachims zu erkennen, die in dieser unsicheren Beleuchtung noch finsterer als gewöhnlich aussahen; die Hunde, von den Piqueuren an der Leine geführt, witterten etwas Ungehöriges in den sonst menschenleeren Straßen, winselten, heulten und bellten und ihr Ungestüm konnte nur mit Mühe gezügelt werden. Jeden Augenblick glaubte Dietrich, daß sie entdeckt werden würden und er vernahm, wie die Zähne der Kurfürstin vor Angst zusammenschlugen.
Doch die Gefahr ging vorüber; niemand schöpfte Verdacht und nach wenigen Minuten langte der Jagdzug am Schlosse an, dessen Pforten sich hinter ihm schlossen.
Frau Elisabeth atmete auf, sie war gerettet, doch auf wie lange? Konnte die Gefahr der Entdeckung nun nicht in jeder Stunde eintreten?
»Aber sie mindert sich auch mit jeder Stunde, die wir Vorsprung gewinnen,« versuchte der Ritter zu trösten.
Nun waren sie bei dem Wagen angelangt, ein einfaches bäuerliches Gefährt, Leitern zu beiden Seiten, einige Strohsäcke darauf. Am Boden lagen wärmende Felle von Wölfen und Bären, doch durfte der Torschreiber solch ungewöhnlichen Luxus nicht wahrnehmen. Jochen saß vorn im Bauernkittel, um zu kutschieren. Der Ritter half der Kurfürstin und Ursula hinauf, warf dann selbst einen aus Schaffellen hergestellten Pelz, wie ihn die Bauern zu tragen pflegten, über und schwang sich hinauf, indem er seinem Knappen zurief: »Vorwärts, Jochen, in Gottes Namen.«
So fuhren sie davon, durch die stillen, nächtlichen Straßen, dem Tore zu, wo nach kurzem Aufenthalt und einigen Fragen der verschlafene Wächter die Pforte vor ihnen öffnete und sie hinausließ.
Die Kurfürstin hatte Christine ein schmerzliches Lebewohl gesagt und ihr für ihre Treue und Aufopferung warm gedankt, und sie schaute nach dem Schlosse hinauf, das ihre Lieben barg, und verhüllte dann ihr Antlitz. Noch einmal scheuchte sie die Angst aus ihren traurigen Betrachtungen, als sie durch das Tor kamen, nun ging es hinaus in Sturm und Wind, auf schlechten, holprigen Wegen, in die weite, schneebedeckte Ebene. Stunden vergingen so, die Kurfürstin saß, in ihren Kummer versenkt, unbeweglich und schweigend, ihr zur Seite Ursula.
Auch Dietrich wechselte nur selten mit Jochen ein Wort, das sich auf die Fahrt bezog; sie mußten scharf aufpassen, um in der Dunkelheit nicht vom Wege abzukommen oder in einen der Seitengräben zu geraten, die jetzt mit Schnee gefüllt und unkenntlich waren, während Bäume noch nicht gepflanzt waren; zuweilen sprach er auch ermutigend zu den Frauen und suchte sie vor der schneidenden Kälte zu schützen, indem er sie in die Felle hüllte.
»Wenn wir doch etwas Wärmendes hätten!« seufzte er, denn die Kurfürstin wie Ursula bebten vor Frost.
»Die Jungfer Christine hat ja dahinten ins Stroh einen Krug mit Warmbier gestellt,« brummte Jochen, dem jetzt erst sein Auftrag einfiel.
Der Ritter fand den Krug, umwickelt und wohlverwahrt, einige Becher daneben, noch heiß und dampfend, so daß sie alle sich wie neubelebt fühlten.
»Die gute Christine!« sagte die Kurfürstin gerührt.
»Ganz so, wie sie es immer macht, in der Stille sorgend und stets das Rechte treffend,« fügte der Ritter leise hinzu, wie mit sich selber redend.
Die mühsame Reise ging weiter, so schnell es die erschöpften Pferde vermochten; oft blickten die Flüchtlinge hinter sich oder lauschten angstvoll in die Finsternis hinaus, ob die Verfolger ihnen nahe seien. Sie alle bewegte der Wunsch, der ersehnte Morgen möge erst anbrechen, die Zeit erschien ihnen endlos.
Da plötzlich – ein furchtbarer Stoß – ein Krach – der Wagen neigte sich zur Seite und würde umgefallen sein, wäre nicht Dietrich mit Blitzesschnelle herabgesprungen und hätte seine starke Schulter dagegen gestemmt. Die Frauen schrien laut auf und klammerten sich aneinander fest, doch faßte sich die Kurfürstin schnell und kletterte mit Dietrichs Hilfe von dem Gefährt herab.
Ein Rad war gebrochen – was sollten sie nun beginnen – auf dem öden Felde, von Schnee umgeben, von aller Hilfe, von jedem Obdache entfernt? Zu Fuße die Wanderung fortzusetzen, schien ein Ding der Unmöglichkeit für die Frauen, und ebensowenig konnten sie hier, unter freiem Himmel, allen Unbilden der Witterung ausgesetzt, viele Stunden lang warten, bis Beistand kam.
Dietrich holte Feuerstein und Stahl hervor und fing die Funken mit dem Zünder auf, zum Glück hatten sie eine kleine Laterne bei sich, die ihnen das allernötigste Licht spendete, auch ein Strick fand sich und so machten er und Jochen sich daran, den Schaden auszubessern, während die Kurfürstin und Ursula ihnen angstvoll zuschauten. Der Strick reichte nicht, sie hatten alles genommen, was irgend geeignet war, aber noch immer genügte es nicht und sie wußten sich in ihrer Verlegenheit nicht zu helfen.
Die Kurfürstin wurde es gewahr, nahm schweigend das Tuch ab, das sie schützend um den Kopf gebunden hatte, und reichte es dem Ritter hin. So leid es ihm tat, sie der wärmenden Hülle zu berauben, mußte er sich doch dazu entschließen, und sie waren alle nur zu froh, daß jetzt der Schaden so ziemlich wieder gut gemacht war und sie die Reise fortsetzen konnten.
Endlich graute der Morgen und sie überschritten die Grenze; sie waren also nicht mehr in brandenburgischen Landen. Müde und matt schleppten sich die Pferde vorwärts, und nun tauchten die Türme von Torgau vor ihnen auf. Aus erleichtertem Herzen sandten sie ein Dankgebet gen Himmel, sie waren in Sicherheit.
In Torgau, das dem Kurfürsten Johann dem Beständigen von Sachsen, ihrem nahen Verwandten, gehörte, fand Elisabeth ihren Bruder, den vertriebenen König von Dänemark, der als Gast seines Neffen hier lebte. Ergreifend war das Wiedersehen der unglücklichen Geschwister, aber sie waren sich in ihrer treuen Liebe gegenseitig ein Trost. Noch an demselben Tage schrieb die Flüchtige an den Kurfürsten und bat um seinen Schutz, und sehr bald langte ein Eilbote an, der ihr die Gewährung ihrer Bitte brachte. Kurfürst Johann wies ihr das Schloß Lichtenberg zur Wohnstätte an, nahm sie ehrenvoll auf und so fand sie hier die Ruhe, nach der sie sich so sehr sehnte.
Sobald Ritter Dietrich über das Schicksal der Kurfürstin beruhigt war, verabschiedete er sich von ihr, die ihm nicht genug danken konnte, und begab sich nach Berlin zurück.
»In den Rachen des Löwen,« stellte ihm König Christian vor.
»Ich fürchte mich nicht, denn der Kurfürst sollte mir Dank wissen, weil ich ihn vielleicht vor einer raschen Tat, die er später bereut hätte, bewahrte,« erwiderte Dietrich. »Jedenfalls bin ich gewohnt, meine Handlungen zu vertreten.«
Wie sehr er sich um eine andere sorgte, die er in Gefahr wußte, sagte er nicht, aber seine Gedanken weilten Tag und Nacht bei Christine. Wie mutig hatte sie sich gezeigt in ihrer stillen Weise! Nicht einen Moment war sie vor der gefährlichen Aufgabe, die an sie herangetreten war, zurückgeschreckt, und ebenso hatte sie ruhig auf ihrem Posten ausgehalten mit dem drohenden Zorn des Kurfürsten in nächster Nähe.
Er verglich Wolfhild mit ihr, die so oft über die Zimperlichkeit und den Mangel an Kühnheit des Bürgermädchens gespottet und sich ihres eigenen wagehalsigen Mutes gerühmt hatte. Es war richtig, auf der Jagd glich ihr so leicht niemand an Tollkühnheit und Furchtlosigkeit, aber als er sie gebeten, die fliehende Fürstin für einige Tage auf ihrer Burg zu verbergen, hatte sie sich verfärbt und ihm Vorwürfe gemacht, wie er so etwas von ihr verlangen könne, was ihr die Ungnade des Kurfürsten zuziehen möchte.
Erst am nächsten Morgen hatte Joachim die Flucht seiner Gemahlin erfahren, und so sehr ihn die Kunde erregte und erzürnte, so war es doch wie eine Erleichterung, die er empfand. Auf seinem einsamen Jagdschloß hatten ihn finstere Gedanken heimgesucht und er dachte, er wolle nicht vor Kerker und Tod zurückschrecken, und nun sah er sich eine solche Entscheidung, die ihm jetzt wieder in anderem Lichte erschien, erspart. Das milderte seinen Zorn auch gegen diejenigen, die seiner Gemahlin zur Flucht verholfen hatten.
Daß der Meister Öhlert zu diesen gehörte, erschien ihm nicht zweifelhaft, er war ja stets der Kurfürstin ergeben gewesen, und seine Tochter Christine hatte man zu jeder Zeit im Schlosse gesehen. Der Goldschmied sollte sein Handeln schwer büßen, nicht ungestraft sollte er es gewagt haben, sich gegen seinen Landesherrn aufzulehnen. Doch blieb es eine heikle Sache, den Namen der Kurfürstin den Gerichten preiszugeben und würde nun der Meister diesen überliefert, so war das nicht zu umgehen. Deshalb entschloß sich Joachim, ihn zuerst vor sich bescheiden zu lassen, um ihm selbst Rechenschaft abzufordern.
Eben streckte er die Hand nach der Glocke aus, mit der er einen der Trabanten aus dem Vorzimmer herbeirufen wollte, als ein solcher von selbst auf der Schwelle erschien mit der Meldung, daß die Jungfer Öhlert Kurfürstliche Gnaden in dringender Angelegenheit zu sprechen verlange. Man sah dem Manne die Angst an, mit der er sich seinem Gebieter in dieser Stunde nahte, und doch hatte er nicht eine Weigerung gewagt, weil Christine sich darauf berufen, daß sie über die Flucht der Kurfürstin Mitteilungen zu machen habe.
»Die Jungfer Öhlert?« fragte Joachim verwundert und gab dann den Befehl, sie einzulassen.
Christine trat ein, verneigte sich tief und ehrerbietig und blieb an der Türe stehen, die Anrede des Fürsten erwartend.
»Was hast du mir zu sagen?« herrschte sie dieser an. »Ich wollte eben nach deinem Vater senden.«
»Vielleicht wird das nicht mehr erforderlich sein, wenn Kurfürstliche Gnaden mich angehört haben,« erwiderte Christine mit leiser, aber fester Stimme. »Ich bin gekommen, um mich selbst anzugeben als diejenige, welche der Frau Kurfürstin behilflich war, das Schloß zu verlassen. Mein Vater wußte nichts davon. Um ihm jede Beunruhigung zu ersparen, hielt ich ihm mein Vorhaben verborgen. Ich bin bereit, mich jeder Strafe zu unterwerfen, aber ich werde weiter niemand nennen und sollte man mich noch so sehr peinigen.«
Sie sprach mit ruhiger Festigkeit, aber sie war blaß wie der Tod. Joachim fuhr in rasendem Zorn auf, schritt auf sie zu und erfaßte ihren Arm.
»Sprich, und verschweige mir nichts,« knirschte er, »oder du sollst es bereuen. Wo ist meine Gemahlin?«
»Das werden Eure Kurfürstliche Gnaden bald von ihr selbst erfahren,« erwiderte Christine. »Jedenfalls befindet sie sich in Sicherheit, sonst hätte ich nicht gesprochen.«
»Wie, du wagst es, mir zu trotzen!« rief der Fürst im höchsten Zorn. »Elendes Geschöpf, das so mit Undank alle Gunst lohnt, die ihr in meinem Schlosse zuteil geworden ist!«
»Wie kann ich der Frau Kurfürstin meine Dankbarkeit mehr beweisen, als daß ich ihr zu Diensten war, wo ich vermochte, und nun für sie erdulde, was mir auferlegt wird?« entgegnete Christine leise.
Joachim war zu gerecht, um nicht die Wahrheit des Gesagten einzusehen. Wie er dieses junge Mädchen anblickte, das so ruhig und bescheiden und doch so furchtlos vor ihm stand, legte sich sein rascher Zorn gegen sie und er fragte sie milde: »Was hat dich bewogen, dich selbst anzuklagen?«
»Die Furcht, es könnten andere, die mir lieb sind, an meiner Statt büßen müssen,« erwiderte Christine.
Der Kurfürst schritt aufgeregt im Zimmer auf und ab, doch verschwand die Zorneswolke von seiner Stirn und endlich blieb er vor dem jungen Mädchen stehen und sagte gnädig: »Geh, ich zürne dir nicht. Wenn du gefrevelt hast, so geschah es aus Beweggründen, die ich ehre. Ich verzeihe dir.«
Christine neigte sich auf die Hand des Fürsten, die er ihr gereicht hatte, um sie an ihre Lippen zu führen. Dabei lag eine stumme Frage in ihren Blicken, welche Joachim wohl verstand.
»Geh,« wiederholte er. »Über mein Tun entscheidet die Gerechtigkeit.«
»Dann scheide ich mit frohem Herzen,« erwiderte Christine, und so verließ sie das Gemach, das sie mit banger Furcht betreten hatte.
Joachim ließ an diesem Tage niemand mehr vor sich; die in ihm sich streitenden Gedanken und Gefühle bewegten ihn tief; selbst seine Kinder mochte er nicht sehen, denn er zweifelte nicht, daß sie in dem unseligen Zwiespalte auf seiten der Mutter standen.
Am nächsten Morgen begehrte der Ritter Dietrich von Rochow bei ihm Einlaß und er gewährte denselben, weil er große Stücke auf ihn hielt.
»Ihr seid mir willkommen, Herr von Rochow,« redete er ihn an, »ich brauche einen verständigen und geschickten Mann, den ich als Gesandten an die mir befreundeten Fürstenhöfe schicken kann, um ihnen Mitteilung von den unliebsamen Vorfällen in meiner Familie zu machen.«
»Kurfürstliche Gnaden werden mir diesen Auftrag nicht erteilen, wenn ich mich eines andern, der mir geworden ist, entledigt habe,« sagte der Ritter. »Ich bin nämlich der Überbringer eines Schreibens der Frau Kurfürstin, die ich zu Torgau unter dem Schutze des Kurfürsten von Sachsen verlassen habe.«
Damit überreichte er, sich tief verneigend, Joachim einen versiegelten Brief, dessen Aufschrift die Hand der Kurfürstin zeigte. Jener stand wie versteinert und wußte zuerst nicht, für was er das Benehmen des Ritters halten solle.
»Wie, Ihr habt es gewagt, Euch gegen Euren Landesherrn verräterisch aufzulehnen!« brach er nun in furchtbarem Zorn los, »und nun treibt Ihr den Trotz so weit, daß Ihr mir mit einer Botschaft meiner ungehorsamen Gemahlin unter die Augen tretet! Wißt, daß Euch das nicht ungestraft hingehen und daß Ihr meine schwere Hand empfinden sollt.«
»Hätte ich mich gefürchtet, so stände ich jetzt nicht hier,« entgegnete Dietrich, »ebensowenig, wenn ich ein schlechtes Gewissen hätte.«
»So, und gedenkt Ihr nicht an Eure Untertanenpflicht, und an die Gelübde, die Ihr mir ablegtet, als ich Euch den Ritterschlag erteilte?« fragte Joachim.
Statt der Antwort zog Dietrich von Rochow ein blaues Band mit goldenen Fransen hervor und legte es vor den Kurfürsten nieder.
»Was soll dies bedeuten?« fragte dieser mit zorniger Stimme.
»Dieses Band empfing ich einst auf das Geheiß meines Fürsten von seiner hohen Gemahlin als Pfand für die Ritterdienste, die ich ihr gelobte,« sprach Dietrich. »Die Farbe ist verblaßt, allein die geschworene Treue nicht. Als die erlauchte Frau in Not war, leistete ich ihr meinen Beistand. Jetzt ist sie gerettet und ich stehe vor meinem Fürsten und bitte ihn, er möge mich von dem Vorwurf der Untreue lossprechen, den er mir in seinem Zorn gemacht.«
Joachim nahm die verblichene blaue Schleife und betrachtete sie lange, die Erinnerung an jenes Turnier tauchte vor ihm auf und damit an die holde Gestalt, die damals glückstrahlend und hoffnungsfreudig an seiner Seite gestanden hatte, und dann gedachte er daran, wie bleich und vom Kummer gebeugt er sie in letzter Zeit gesehen. Warum mußte es so kommen? fragte er sich traurigen Herzens. Er konnte nicht anders handeln, er war ein aufrichtiger Streiter der Kirche und er durfte in seinem Hause bei seiner eigenen Gemahlin keine solche Auflehnung dulden, die ein schlimmes Beispiel im Lande geben mußte. So stand er in seinen eigenen Augen gerechtfertigt da, doch zugleich schwand sein Zorn und er fühlte Erbarmen für die bisherige Gefährtin seines Lebens, die so viel erduldete, um ihrer Überzeugung treu zu bleiben.
»Hier ist Euer Ritterpfand zurück,« wandte er sich jetzt an Dietrich, indem er ihm das blaue Band überreichte. »Ich hoffe, es wird Euch nicht nochmals in einen Widerstreit gegen Eure andern Pflichten verwickeln. Meine Gemahlin ist Euch zu hohem Dank verpflichtet, und ich werde vergessen, was Ihr in ihrem Dienst gegen den meinen begangen habt.«
Er winkte dem Ritter, daß er entlassen sei und dieser zog sich ehrerbietig zurück. In Zukunft gedachte Joachim nie wieder dieser Begegnung, und seine Huld blieb unverändert.
Es trafen nun von allen Seiten Fürbitten der Fürsten für die Kurfürstin ein und besonders zeichnete sich der Kardinal Albrecht durch die warme Teilnahme aus; die er ihr auch jetzt bewies. Doch richtete er so wenig wie die anderen etwas aus, Joachim zeigte sich unerbittlich in seinen Forderungen, sie solle zu ihm zurückkehren und sich wieder zur alten Lehre bekennen.
Des weigerte sich Frau Elisabeth, und ebenso standhaft schlug der Kurfürst von Sachsen es ab, ihr seinen Schutz zu entziehen.