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Drittes Kapitel.
In der Werkstatt


Der junge Erzbischof von Magdeburg bekleidete seine neue Würde seit einigen Monaten und schon hatte sich die Kunde von seiner glänzenden Hofhaltung überallhin verbreitet. Es fehlte nicht an Ritterspielen und Jagden, an Gastmählern und Festen und ein Kreis von schönen Frauen und lebenslustigen Edelleuten scharte sich um den jugendlichen Kirchenfürsten, der bei all diesen Veranstaltungen der froheste war, dann aber mit unvergleichlicher Hoheit und Würde im Dom am Altar die Messe las und der andächtigen Menge, die vor ihm auf den Knien lag, seinen Segen erteilte. Ob er aber mehr als diese äußere Vertretung in seinem Amte leistete, konnte niemand sagen.

Kurfürstin Elisabeth hatte abermals ein Töchterlein erhalten und der Erzbischof Albrecht hatte zugesagt, die Taufe zu vollziehen, die mit großem Gepränge stattfinden sollte. Er erschien auch in vollem fürstlichen Glanze und Joachim blickte mit Stolz auf den Bruder, der so zur Mehrung des Ansehens seines Hauses beitrug.

Auf Albrechts Wunsch wurde die kleine Prinzessin Elisabeth genannt, und er sprach in ritterlicher Huldigung vor der Kurfürstin den Wunsch aus, daß das Töchterlein mit ihrem Namen zugleich ihre Schönheit, Anmut und Güte erhalten möge. Zu gleicher Zeit erinnerte er sich auch seines Versprechens wegen des Reliquienkästleins und erkundigte sich nach dem geschickten Goldschmied, dem Meister Öhlert, den er mit der Anfertigung betrauen wolle.

»Der Meister ist zur Verfügung Eurer Liebe,« sagte Joachim, »ich will ihn sofort aufs Schloß rufen lassen.«

»Tut das nicht, ich möchte den Meister lieber in seiner Werkstatt aufsuchen,« sagte der Erzbischof. »Dort an der Stätte seines Schaffens kann man am besten einen Künstler verstehen und beurteilen. Ich beabsichtige meiner kleinen Nichte einen Schmuck als Angebinde zu stiften, dessen sich keine Fürstin zu schämen hat und zu diesem Behufe habe ich meiner Schatzkammer eine Anzahl edler Steine entnommen, die ich dem Meister zum Fassen übergeben will. Es wäre mir lieb, wenn Ihr, durchlauchtigste Frau Schwägerin, mich begleiten wolltet, denn Eurem geläuterten Geschmack würde ich gern eine entscheidende Stimme einräumen.«

Die Kurfürstin lehnte errötend dieses Lob ab, aber sie erklärte sich zu gleicher Zeit mit Freuden bereit, den Besuch zu machen. Es war schon lange ihr geheimer Wunsch gewesen, Frau Mechthildis in ihrem Hause aufzusuchen, doch hatte sie nicht gewußt, wie sie dies bewerkstelligen sollte.

Es hatte sich nämlich begeben, daß Frau Mechthildis' Herzenswunsch doch noch erfüllt werden sollte, nun sie bereits jede Hoffnung aufgegeben hatte, und sie genas eines Töchterleins zur gleichen Zeit wie die Kurfürstin. Nach alter frommer Sitte war dieses am dritten Tage durch die Taufe in den Bund der Christenheit aufgenommen worden, und die Mutter hatte ihm keinen schöneren Namen finden können, als den, der Zeugnis davon ablegte, und so wurde die Kleine auf ihren Wunsch Christine genannt.

Mit ihrem Erscheinen kam eine große Freudigkeit über das ganze Haus, Vater und Brüder konnten sich an dem kleinen Wesen kaum satt sehen und riefen es sich immer wieder frohlockend zu: »Wir haben nun ein Mägdlein unter uns,« und Gesellen, Lehrlinge und Dienstleute waren kaum minder froh und rechneten es sich als eine große Gunst an, wenn sie die kleine Christine zu sehen bekamen.

Am glücklichsten von allen aber war die junge Mutter, die still und wunschlos dalag, die Wiege neben sich und an ihr Töchterlein dachte, wie es heranwachsen werde zu ihrer Freude und von ihr in allem unterwiesen werden würde, was sie Gott und den Menschen wohlgefällig machen könne. So vergaß sie über die Zukunft fast die Gegenwart und da sie den Haushalt in Ursels Händen wohl verwahrt wußte, so kümmerte sie sich nicht darum, daß aus den Tagen Wochen wurden und sie immer noch nicht ihr Krankenlager verlassen hatte. Sie empfand ja keine Schmerzen und fühlte sich ganz wohl bis auf ein wenig Schwäche, und die achtete sie nicht viel, und ihr Eheherr und die verständige Beschließerin glaubten auch, das werde bald vorübergehen.

Mit großer Teilnahme hörte Frau Mechthildis, daß die Kurfürstin acht Tage nach ihr ein Töchterchen erhalten habe, von dem glänzenden Tauffest, das gefeiert werden sollte und daß es der hohen Frau so wohl ergehe und sie schöner und blühender denn je sei. Nun erwachte das Verlangen nach ihrem Erker in ihr, denn sie zweifelte nicht, daß Frau Elisabeth ihr wieder freundliche Grüße dort hinübersenden werde.

Aber als Frau Mechthildis sich erheben und dorthin begeben wollte, vermochte sie es nicht; die Füße versagten ihr den Dienst und eine Ohnmacht überfiel sie. Als sie daraus erwachte, fand sie ihren Eheherrn voll tiefster Besorgnis an ihrem Lager und neben ihm den Arzt, der sie mit ernsten Mienen prüfte. Er verschrieb ihr Mixturen und Pulver, wie sie dazumal üblich waren und empfahl die größte Schonung.

Da sie nun so gern in ihrem Erker sitzen wollte, so trug sie der Meister auf seinen Armen dorthin, wo ihr Ursel einen bequemen Sessel mit weichen Kissen bereitet hatte, die Wiege wurde ihr nachgebracht und dort saß sie und hatte nun auch die Freude, Frau Elisabeth zu sehen mit dem jüngsten Töchterlein auf dem Arm, die ihr freundlich zulächelte und mit der Hand grüßend winkte.

Das konnte Frau Mechthildis wohl wieder, aber die kleine Christine mußte Ursel aus der Wiege nehmen und hoch halten, die Mutter vermochte es nicht und das wurde auch nicht anders trotz aller Wartung und Pflege und aller Besuche des Doktors.

Albrecht und Peter ahnten kein Unheil und gewöhnten sich allmählich an diesen Zustand bei ihrer Mutter, dem Meister aber wollte es schier das Herz abdrücken, und wenn er bei Tage im rüstigen Schaffen Ableitung für seinen Kummer fand, so trat in der Nacht Frau Sorge an sein Lager und ihr trauriges Flüstern klang in der Dunkelheit an sein Ohr und verscheuchte den Schlaf. Düster und ernst betrat er dann am Morgen die Werkstatt, und wenn ihn die Seinen hier so verändert sahen, so befiel auch sie Trübsinn und Kleinmut.

Da kam eines Tages die Meldung vom Schlosse, daß so hoher Besuch zu erwarten sei, und der Meister raffte sich auf, um diesen aufs beste zu empfangen. Jeder stand bei der ihm zugewiesenen Arbeit, Peter als der jüngste Lehrling auf der letzten Stelle; doch sagte sich der Vater im geheimen mit großer Befriedigung, daß wenn es nach den Leistungen ginge, sein Sohn getrost unter den Gesellen einen Platz einnehmen könne.

Der Erzbischof und die Kurfürstin erschienen nun, beide voll Huld und Gnade, und der geistliche Herr teilte dem Meister mit, daß er ihm die beiden Arbeiten zugedacht habe, ein kunstvolles Reliquienkästlein und einen kostbaren Schmuck.

»Seht, die Edelsteine habe ich mitgebracht, Ihr sollt mir raten, welche Auswahl ich unter ihnen treffen soll,« sprach der Kirchenfürst.

Meister Öhlerts Augen leuchteten beim Anblick der herrlichen Juwelen, und seine Gesellen und sogar die Lehrlinge vergaßen in ihrer Bewunderung die Anwesenheit der hohen Herrschaften und traten näher herzu, ja, Peter drängte sich dicht an den Vater und stieß einen Ausruf des Entzückens aus.

Der Meister wollte es ihm verweisen, aber die Kurfürstin sprach lächelnd: »Diesen Euren Sohn habe ich hier schon oft am Fenster gesehen, als er noch ein kleiner Knirps war und jetzt reicht er Euch schon bis zur Schulter, Meister. Wo ist Euer anderer Sohn?«

»Augenblicklich weilt er oben bei der Mutter, erlauchte Frau,« erwiderte der Meister; »er nimmt jeden Augenblick wahr, um mit ihr beisammen zu sein, denn binnen kurzem wird er das Elternhaus verlassen, um die hohe Schule in Frankfurt zu beziehen.«

»Dann werde ich ihn noch sehen,« sagte die Fürstin, »denn ich habe die Absicht, Eurer Frau, die, wie ich weiß, leidend ist, einen Besuch abzustatten.«

»Diese Ehre ist fast zu groß,« entgegnete der Meister; »vielleicht wirkt die Freude auf sie als die beste Arznei. Wollt huldreichst gestatten, daß ich hinaufsende, um sie vorzubereiten.«

»Ich halte es für besser, es geschieht nicht,« meinte Frau Elisabeth; »sie möchte sich aufregen in der Erwartung. Will ich doch ganz still und einfach zu ihr gehen, wie eine Nachbarin zur andern.«

So mußte sich der Meister ihrem Willen fügen. Der Erzbischof hatte indessen Peter mit prüfendem Auge gemustert und dieser, der seinen Blick ruhig aushielt, gefiel ihm sehr gut, so daß er manche Frage an ihn richtete.

»Jetzt will ich sehen, ob Euer Sohn schon etwas gelernt hat, Meister,« sagte der Herr nun, indem er Peter zu sich heranwinkte. »Betrachte dir diese Steine, mein Sohn, und sage mir deine Ansicht, welche ich daraus für das Stirnband der Prinzessin Elisabeth wählen soll. Würdest du für diese Topase oder diese Amethyste sein?«

Ohne Besinnen erwiderte Peter: »Für keins von beiden, Erzbischöfliche Gnaden. Ihr wollt doch keine Halbedelsteine nehmen, und einen anderen Rang kann man diesen nicht zuerkennen.«

»Und welches nennst du denn Edelsteine?« fragte Herr Albrecht.

»Den Diamanten, das Abbild des Wassers, den Saphir, der die Bläue der Himmelsluft darstellt, den Smaragd, der das Grün der Erde zeigt, und den Rubin, der der Glut des Feuers gleicht,« antwortete Peter ohne Besinnen.

»Wer hat diese Lehre aufgestellt?« fragte der Erzbischof.

»Sie stammt von Aristoteles, der die vier Elemente voneinander schied und ein jedes durch einen Edelstein darstellte,« erwiderte Peter.

»Ich sehe, du verstehst etwas von der Sache,« sagte nun Herr Albrecht, »um dein Talent zu beweisen, sollst du mir einen Edelstein selbständig und ohne Hilfe zum Ringe fassen. Hast du schon solche Arbeit gemacht?«

»Den Ringkasten habe ich hergestellt, doch nur bei geringen Steinen,« sagte Peter bescheiden, »die Folie, durch die der Glanz des Steines gehoben und sein Wert erhöht wird, schob der Vater selbst ein, rote Seide beim Rubin, feinsten Lampenruß beim Diamanten.«

»Nun, so wage selbst den Versuch,« sprach der Erzbischof, »ein Rubin, von sechs kleinen Diamanten umgeben, sei deine Aufgabe. Von Euch, Meister, erwarte ich bald die Zeichnungen zu sehen für Stirnband, Gürtelschloß, Mantelschnalle und Halsschmuck, wie ich sie meiner Nichte zugedacht habe.«

»Ich habe Entwürfe fertig, die ich nur herbeizuholen brauche und dann nach den Bestimmungen Eurer Erzbischöflichen Gnaden abändern werde,« sagte Meister Öhlert.

»Gut, ich bin es zufrieden,« erwiderte der Fürst. »Doch nun kommt die zweite noch schwierigere Arbeit. Ich will ein Reliquienkästchen, würdig, das Holz des Kreuzes unseres Erlösers, das im Besitze der Kurfürstin ist, in sich aufzunehmen. Ich erwarte ein Kunstwerk ersten Ranges, das mit den Arbeiten der berühmten Meister Eurer Kunst, des Italieners Benvenuto Cellini und des Nürnbergers Wilhelm Jamnitzer, wetteifern soll. Bis wann könnt Ihr mir die Zeichnung dazu vorlegen? Wißt, daß meine Zeit für den Aufenthalt hier mir karg bemessen ist.«

»Wollt Ihr mir eine Frist von drei Tagen gewähren, gnädigster Herr?« fragte der Meister nach kurzem Nachdenken.

Der Erzbischof neigte zustimmend das Haupt. »Es sei, und nun holt die Entwürfe für den Schmuck und laßt sie uns betrachten.«

Er ließ sich auf einen Schemel nieder und wollte einen zweiten für Frau Elisabeth in seine Nähe rücken, doch sie sagte: »Vergönnt mir, lieber Herr Bruder, zuerst zu der kranken Hausfrau hinaufzugehen, um mir ihr junges Töchterlein zu betrachten und ihr meine Teilnahme zu beweisen, denn ich kannte sie schon lange, aber nur vom Sehen, und habe sie sehr gern.«

»Natürlich will ich Eurer Liebe in keiner Weise entgegentreten,« versetzte Herr Albrecht, »doch Ihr wißt, daß ich großen Wert auf Euer Urteil lege.«

»Ich werde bald zurück und dann zu Euren Diensten sein,« erwiderte die Kurfürstin freundlich und winkte Peter, der sie in das obere Geschoß geleiten sollte.

Mit Wohlgefallen durchschritt sie die Reihe der Gemächer, die von solidem Reichtum und von Geschmack zugleich zeugten, die schön getäfelten Wände, die reich verzierten Stubendecken, die mit Elfenbein und fremden Holzarten ausgelegten Hausgeräte, die schön gestickten Wandbekleidungen, die weichen Teppiche auf dem Fußboden, denn so einfach die Wohnräume des Hauses ausgestattet waren, um so reicher hatte man für die Staatszimmer gesorgt und für die Räume, in denen sich die Hausfrau meistens aufhielt.

Die Kurfürstin fand Frau Mechthildis auf ihrem Lieblingsplatze im Erker; Albrecht, der ihr Gesellschaft leistete, ein schlanker, hoch aufgeschossener Knabe an der Schwelle des Jünglingsalters, erhob sich ehrerbietig und die Mutter wollte seinem Beispiel folgen und vor ihrer hohen Besucherin ein Knie beugen, aber sie sank kraftlos in ihren Sessel zurück und Frau Elisabeth erschrak sehr, als sie in der Nähe die Verheerungen sah, welche eine tückische Krankheit bereits angerichtet hatte.

Sie ließ sich indessen nichts merken, nahm Frau Mechthildis freundlich bei der Hand und setzte sich auf den niedrigen Schemel, den Albrecht innegehabt hatte. »So laßt es sein,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit, »ich komme nicht als Fürstin zu Euch, Frau Mechthildis, sondern als gute Nachbarin, die gern ein Plauderstündchen abhalten möchte mit Euch, die Ihr mir lieb und wert seid. Und jetzt will ich zuerst Euer Kindlein betrachten, denn Ihr wißt, für eine Mutter gibt es nichts Holdseligeres, als solch ein kleines Geschöpf, das einem vom himmlischen Vater anvertraut ist.«

Sie beugte sich über die Wiege, und da die kleine Christine eben erwacht war und sie in ihrer freundlichen Art anlächelte, so war die Fürstin hoch entzückt, hob sie selbst aus ihrem Bettchen und nahm sie auf den Schoß, wo sie sich nicht satt an ihr sehen konnte.

»Sie gleicht Euch, Frau Mechthildis und wird gewiß einmal Euer Ebenbild,« rief sie aus. »Glaubt aber nicht, daß ich Euch schmeicheln will, wenn ich das Mägdelein wegen seiner Lieblichkeit preise. Wahrlich, Ihr werdet Freude an der kleinen Christine erleben, sie hat so kluge Augen und der Mund versteht so anmutig zu lächeln, sie wird weise und tugendsam und schön werden unter Eurer Leitung.«

»Gott gebe es,« sagte Frau Mechthildis traurig, »aber ich werde das nicht erleben. Meine Freude über das liebe Kind verwandelt sich in Wehmut, wenn ich denke, daß es so früh die Mutter entbehren wird.«

»Sprecht nicht so, Ihr seid noch angegriffen und da fehlt Euch der Mut,« tröstete die Kurfürstin, »aber Ihr werdet Euch wieder erholen. Ich werde jetzt öfter kommen und mich an den Fortschritten Eurer Genesung erfreuen. Euer Eheherr wird köstlichen Schmuck und ein kunstreiches Reliquienkästchen für mich anfertigen und da werde ich seine Arbeit von Zeit zu Zeit anschauen. Wenn Ihr es dann gestattet, steige ich auch zu Euch herauf.«

»Es könnte keine größere Freude für mich geben, aber eine solche Gnade ist wahrlich gar zu groß,« sagte die Hausfrau in tiefer Rührung.

»Es wird Euch nur ein liebes Begegnis sein,« erwiderte die Kurfürstin, »und ich denke sogar, Euch später einmal meine kleine Elisabeth mitzubringen. Da wollen wir die beiden Kinder studieren und miteinander vergleichen. Doch für heute muß ich Euch ade sagen, der Herr Erzbischof wartet sonst zu lange auf mich.«

Sie reichte Frau Mechthildis die Hand, küßte die kleine Christine und nickte den beiden Brüdern, die sich bescheiden in eine entfernte Ecke des Gemachs zurückgezogen hatten, freundlich zu.

»Es scheinen brave Knaben,« rief sie der Mutter noch von der Tür aus zu, »und so verschieden sie sind, ist sicher jeder von redlichem Streben erfüllt. Gott erhalte sie Euch so zu Eurer Freude.«

Als sie fort war, saß Frau Mechthildis noch lange und sann dem Besuche nach, der sie mit solchem Entzücken erfüllt hatte; es war ihr, als habe sich ein Engel zu ihr herabgeneigt, und sie sah mit Verlangen dem nächsten Erscheinen der gütigen Fürstin entgegen, denn sie zweifelte keinen Moment, daß diese ihr Wort halten werde.

Dem Erzbischof war unterdessen die Zeit in der Werkstatt nicht lang geworden, denn er hatte sich in die Zeichnungen Meister Öhlerts mit dem feinen Kunstverständnis, das ihn auszeichnete, vertieft, und der eine Entwurf erschien ihm immer noch schöner als der andere, so daß er nicht zum Entschlusse kommen konnte, welchem er den Vorzug geben sollte. Auch Frau Elisabeth vermochte sich nicht so rasch zu entscheiden, als die Zeichnungen ihr nun vorgelegt wurden, sie fand eine jede schön und eigenartig und getraute sich nicht den Ausschlag zu geben.

Endlich sagte Herr Albrecht: »Ihr seid ein tüchtiger Künstler, Meister Öhlert, und erntet in unserer Bewunderung nur den Euch gebührenden Zoll. Aber so schnell kann die Entscheidung nicht erfolgen. So vertraut uns Eure Entwürfe auf drei Tage an, damit wir in Ruhe prüfen, überlegen und bestimmen können.«

Der Meister war gern dazu bereit und Peter erhielt den Auftrag, die Mappe mit den Zeichnungen aufs Schloß zu bringen; dann verabschiedete sich der Kirchenfürst mit vielen gnädigen Worten und Frau Elisabeth tat das gleiche.

Albrecht war noch ganz voll von allem, was er gesehen hatte und konnte dem Kurfürsten nicht genug davon erzählen, der es ziemlich kühl anhörte und stets nach den Kosten der Herstellung fragte, als er die Entwürfe musterte, doch konnte ihm sein Bruder hier wenig Auskunft geben, denn dieser Punkt beschäftigte ihn stets am letzten.

»Ich habe von unserm Herrn Vater gelernt, daß Erwägen und Sparen die Pflicht eines weisen Fürsten ist,« sagte Joachim gereizt, dem die spöttische Miene seines Bruders nicht entging.

»Aber ich halte es lieber mit unserm Herrn Großvater, der im Ausgeben und Verbrauchen die rechte Betätigung der fürstlichen Macht sah,« erwiderte der Erzbischof lachend.

»Doch täte ein jeder weise, sich in den richtigen Schranken zu halten,« rief der Kurfürst mit gerunzelter Stirn.

»Wird auch wohl geschehen, wenigstens soll Eure Liebe sich nicht fürchten, die Buße für den Leichtsinn anderer zu zahlen,« lachte der Erzbischof, bei dem trotz seiner hohen kirchlichen Würde der jugendliche Übermut öfter zum Durchbruch kam. »So viel wird unser Bischofsstab und die Mitra doch noch gelten, daß man uns Kredit gewährt, wenn das Silber und Gold bei uns knapp wird.«

Die Kurfürstin erkannte, daß es Zeit für sie sei, den Hader zu schlichten, denn so von Herzen sich die fürstlichen Brüder zugetan waren, konnte es doch bei ihrer großen Verschiedenheit geschehen, daß sie etwas aneinander gerieten. Sie sagte daher:

»Es ist aber doch eine schöne Verwendung des Geldes, wenn die Kunst dadurch gefördert wird.«

»Gewiß, und die Stellvertreter Petri denken und handeln ja auch nach diesem Grundsatz,« sagte der Erzbischof. »Was haben die letzten Päpste für Kunst und Wissenschaft getan! Fast ein jeder sucht seinen Vorgänger zu überbieten. Hoffentlich wird auch der Plan, in Rom einen Riesentempel zu erbauen, der einzig in der Christenheit dasteht, zur Ausführung kommen.«

»Mir erscheint die Kunst auch als ein herrliches Geschenk Gottes,« sprach Frau Elisabeth, »und doch kann ich ihre größten Schöpfungen vergessen beim Anblick eines kleinen Menschenkindes. Hierin liegt für mich das größte der Wunder und die reinste Offenbarung der göttlichen Allmacht und Liebe.«

»Ihr denkt und empfindet wie eine echte Mutter, die nicht nur für die eigenen, sondern auch für die fremden Kinder überreich ist an Liebe und Fürsorge,« sagte der Erzbischof. »Deshalb vergaßt Ihr auch beim Meister Öhlert mich und die Entwürfe über Eurem Entzücken an seinem kleinen Töchterlein.«

»Verzeiht, viellieber Herr Bruder, wenn ich mich zu weit fortreißen ließ,« bat Elisabeth errötend.

»Es gereichte Euch nur zum Vorzug in meinen Augen,« erwiderte Herr Albrecht. »Die echte Weiblichkeit hat in ihren Äußerungen stets etwas Heiliges und Ehrfurcht Gebietendes in den Augen der Männer. Mir besonders hat die Mütterlichkeit Eures Wesens Mut zu einer Bitte eingeflößt, die ich Euch vortragen möchte.«

»Sprecht sie aus, und es soll mich freuen, Eurer Liebe zu Diensten zu sein,« sagte die Kurfürstin.

»Es handelt sich um ein verwaistes Mägdelein, die zehnjährige Ursula von Zetwitz,« sprach der Erzbischof. »Ihr Vater war erzbischöflicher Vasall und nach seinem vor kurzem erfolgten Tode hat der erzbischöfliche Stuhl seine Lehen eingezogen, und nun weiß ich nicht, was ich mit ihr beginnen soll. Verwandte sind nicht da, und Vermögen hat die Kleine auch nicht.«

»Da wäre sie am besten in einem Kloster aufgehoben,« meinte Joachim.

»Ich dachte auch so und war bereit, die Mitgift für sie zu bezahlen beim Eintritt in ein solches,« berichtete der Erzbischof, »allein die Kleine sträubt sich dagegen. Obwohl man solchen Widerstand nicht sehr zu beachten nötig hätte, jammerte sie mich doch. Aber wo soll ich hin mit ihr? Mein Hof ist kein geeigneter Aufenthalt für sie.«

»Ich möchte mich wohl des armen Kindes annehmen,« rief die Kurfürstin aus.

»Dank Euch vielliebe Schwester, ich erhoffte solches von Euch,« erwiderte der Erzbischof. »Es soll Euch weiter keine Beschwerung daraus erwachsen, denn ich will Ursula ein bestimmtes Nadelgeld aussetzen, und wenn sie sich dereinst verheiraten sollte, werde ich es an einer Mitgift nicht fehlen lassen. Es ist eine Schuld der Dankbarkeit, die ich gegen ihren Vater habe, der mich auf der Reise ins gelobte Land begleitete und mir dort das Leben rettete.«

»Laßt das Mägdlein nur bald zu mir bringen, sie mag in meinem Frauengemach aufwachsen und ich will mich ihrer mütterlich annehmen,« sagte Frau Elisabeth und setzte sogleich hinzu: »Das heißt, wenn mein lieber Herr nichts dagegen hat.«

»Wie sollte ich?« sprach Joachim. »Ich möchte Euch nicht an einer guten Handlung hindern, und ein besseres Vorbild in allen weiblichen Tugenden könnte dem kleinen Fräulein nicht werden.«

Die Kurfürstin errötete vor Vergnügen über das Lob ihres Gemahls, dem sich dessen Bruder in warmen Worten anschloß, und in ihrer Bescheidenheit suchte sie sich dessen zu erwehren, indem sie sagte: »Ihr habt eine zu günstige Meinung von mir, edle Herren, aber es soll mir ein Sporn sein, mir eine solche zu verdienen, und an der jungen Waise will ich mein Bestes tun und ihr eine neue Heimat schaffen.«

Noch ehe die bewilligte Frist ganz verstrichen war, erschien Meister Öhlert auf dem Schlosse mit dem aus Wachs angefertigten Modell des Reliquienkästchens. Dasselbe war von stattlicher Größe und ruhte auf einem Untersatze von Ebenholz. Am oberen und unteren Rande hatte es einen Fries, der wundervolle Ornamente in gotischem Stil zeigte. An den Ecken befanden sich die Gestalten der vier Evangelisten, die Längsseiten zeigten drei, die Querseiten zwei Felder, durch Säulen voneinander getrennt, und in diesen waren figurenreiche Darstellungen aus der heiligen Geschichte enthalten. Der Deckel zeigte eine Mater Dolorosa, die schmerzgebeugt zur Erde gesunken war und von Johannes gestützt wurde, während zu ihren Füßen ein Rosenstrauch aus dem Erdboden hervorsproßte.

Das Ganze war von einer solchen Schönheit und Formvollendung, daß die Beschauer von Bewunderung und Entzücken hingerissen waren und es nicht genug betrachten konnten.

»Wie war es nur möglich, daß Ihr ein so mühevolles Werk in so kurzer Zeit vollenden konntet?« fragte die Kurfürstin den Meister.

»Es lebte bereits in meiner Seele und ich hatte ihm nur stoffliche Gestaltung zu geben,« antwortete er mit bescheidenem Selbstgefühl, »außerdem habe ich Tag und Nacht gearbeitet und mir kaum einige Stunden Schlaf gegönnt.«

»Ihr habt ein Kunstwerk ersten Ranges im Sinn, Meister,« sagte der Kurfürst. »Aber es erfordert die Arbeit von Jahren, und durch die Kostbarkeit des Materials und der Arbeit wird es fast zur Unmöglichkeit.«

»Mit nichten,« fiel der Erzbischof ein; »mich soll die Höhe der Kosten nicht zurückhalten; ein solches Geschenk ehrt den Geber wie den Empfänger, und ich denke, es wird in fernen Tagen noch den Namen des Fürsten, der solch Meisterwerk ins Leben rief, und des Künstlers, der es ersann und ausführte, verherrlichen. Geht schon morgen an die Arbeit, Meister. Die edlen Metalle sollen Euch aus meiner Schatzkammer geliefert werden. Was habt Ihr nötig dazu?«

»Die Figuren sind in getriebenem Golde gedacht, das übrige in Silber,« erwiderte Meister Öhlert, und dann legte er das Resultat seiner Berechnungen vor.

Der Kirchenfürst blickte flüchtig auf das Papier mit den Zahlen und sagte: »Schon gut, ich werde sogleich meinem Kämmerer die Weisung erteilen. Doch Ihr habt noch nicht gesagt, was Ihr für Euch begehrt?««

Der Meister nannte eine Summe, die der Erzbischof schweigend anhörte.

Nun stieg Meister Öhlert das Blut ins Gesicht und er sagte: »Die Forderung scheint hoch, aber sie ist es nicht. Das Werk erfordert meine beste Kraft während dreier Jahre und nimmt ebenso meine geschicktesten Arbeiter in Anspruch. Ich würde wohl mehr an anderen geringeren Dingen verdienen, aber ich diene gern und mit Freuden der Kunst und bringe auch für sie ein Opfer.«

Der Erzbischof hörte die erregte Antwort ruhig an und erwiderte: »Mißversteht mich nicht, Meister. Eure Forderung finde ich nur gerecht und ich würde Euch gern mehr bewilligen, doch das geht über mein Vermögen. Ich weiß jetzt noch nicht, wo ich alles hernehmen soll, aber das geht Euch nichts an, Ihr werdet befriedigt werden.«

»Ich fühle mich in meinem Gewissen beschwert, wenn Ihr mir ein solches Geschenk machen wollt, lieber Herr Bruder,« sagte nun die Kurfürstin, »und möchte Euch bitten, das Kästchen für Euch selbst zu behalten.«

»So gern ich mich sonst Euren Wünschen füge, vielliebe Schwester, so kann ich es doch dieses Mal nimmermehr tun,« erwiderte Herr Albrecht. »Es wird mir eine Freude sein, dies Kunstwerk entstehen zu sehen, eine noch größere aber, es Euch zu widmen.«

Meister Öhlert erhielt nun den Befehl, sich unverzüglich an die Arbeit zu machen, der Erzbischof sprach seine Absicht aus, den kurfürstlichen Hof noch öfter als sonst zu besuchen, um die Fortschritte des Werkes zu überwachen, und auch Frau Elisabeth meldete sich als ein häufiger Gast in der Werkstatt an. Auch für den Schmuck hatte Herr Albrecht eine Wahl getroffen und sich für Diamanten im Verein mit Smaragden entschieden und so war Meister Öhlert mit Arbeit schier überhäuft, denn außer diesen großartigen Bestellungen fehlte es ihm nicht an Aufträgen für köstliches Gerät zum Schmuck für Altar, Tafel und Kredenz, sowie auch für Geschmeide für Fürsten, Edelleute und selbst reiche Bürger und deren Gattinnen.

Es herrschte also ein reges Treiben in seiner Werkstatt, denn so tätig der Meister selber war, und soviel von seiner persönlichen Geschicklichkeit abhing, so konnte er doch nicht alles selbst anfertigen, sondern mußte vieles tüchtigen Gesellen überlassen, wie er sie sich ausgebildet hatte und wie er nun auch noch aus Süddeutschland und Italien einige kommen ließ. Zum Glück rechnete man die Goldschmiede dazumalen mehr zu den Künstlern, als zu den Gewerbetreibenden, und so war Meister Öhlert nicht an die strenge Zunftordnung gebunden, die sonst nicht nur die Zahl der Meister in jeder Stadt festsetzte, sondern auch diesen wieder nur das Halten einer bestimmten Zahl von Gesellen und Lehrlingen erlaubte und sie aufs genaueste bei der Herstellung ihrer Arbeiten überwachte.

Eine große Freude hatte der Meister an seinem Peter, der ganz ungewöhnliche Begabung für seine Kunst neben großem Fleiße und vieler Ausdauer zeigte. Daß ihm der Erzbischof selbständig eine Arbeit übertragen hatte, erhöhte seine innere Freudigkeit und war ihm ein Antrieb, sich dieses Vertrauens würdig zu zeigen, und die Herstellung des Ringes sowie die Fassung der Steine gelang ihm aufs beste.

Mit den fremden Gesellen kam allerdings auch mancher Ärger in das bisher so friedliche Haus, denn ihre Tüchtigkeit als Arbeiter war bei einigen größer als die Ehrbarkeit ihrer Lebensführung, und namentlich machte ein Italiener, Francesco Malefatti, dem Meister viel zu schaffen. Er hatte längere Zeit bei dem berühmten Benvenuto Cellini gearbeitet und viel bei diesem gelernt, aber er hatte auch dessen unstetes, an Streit und Händeln reiches Leben geteilt und hatte dabei eine solche Zügellosigkeit angenommen, daß ihn sein Herr zuletzt mit Schimpf und Schande von sich wies.

Dies wußte Meister Öhlert nicht, er erkannte nur die große Geschicklichkeit Malefattis und dieser nahm sich auch in acht und verbarg seine Gesinnung, soviel er konnte, um des hohen Lohnes willen, der ihm von dem nicht kargenden Meister gezahlt wurde. Ganz vermochte er sich aber doch nicht zu verstellen und es kam zu bösen Auftritten. Doch gelang es ihm noch immer, den Meister durch große Unterwürfigkeit und das Versprechen gründlicher Besserung zu versöhnen.

»Es wäre schade um einen so tüchtigen Menschen, wenn er sich nicht seiner schlimmen Neigungen entledigte,« sagte der Meister zu Jakob Graubitzer, seinem Altgesellen. »Bei uns hätte er am ersten Gelegenheit, denn er muß es ja einsehen, daß seine lockeren Sitten nicht in unser ehrbares Bürgerhaus passen. Stoße ich ihn hinaus, so gerät er wohl gänzlich in den Sumpf des Lasters und geht darin unter. Also wollen wir Geduld mit ihm haben und das beste hoffen.«

Die Kurfürstin hielt Wort und fand sich zum öftern in der Werkstatt ein, wo sie gern und willig den Belehrungen des Meisters lauschte und ein immer größeres Interesse an seinem Schaffen gewann, je mehr sich ihr Verständnis dafür erweiterte.

Der Meister selbst hatte sein Urbild von Wachs in Erz gegossen und so stand das Reliquienkästlein in dieser Form da und harrte seiner Vollendung. Bei ihrem ersten Besuche führte er die Kurfürstin zu dem Schmelzofen, der mittels eines Blasebalges zu höchster Glut entflammt war, und zeigte ihr hier das Gießen des edlen Metalles, dem eine Mischung von Kupfer, Zinn, Blei oder anderen Metallen beigefügt wurde, denn weder Gold noch Silber lassen sich ganz rein verarbeiten, sondern müssen in diesen Legierungen zur Verwendung gelangen.

Etwas später konnte die Kurfürstin schon sehen, wie das Erzmodell mit den Silberplatten, die durch den Guß entstanden waren, überzogen war, die Zieraten wurden darauf gezeichnet, mit Meißeln hervorgetrieben und auf besonders geformten kleinen Ambossen bearbeitet. Die Figuren, welche von Gold hergestellt wurden, wurden nach dem Modell in einzelnen Teilen hergestellt; man zog die Platten über das Erz und schlug sie zusammen, dann wurden sie mit Pech ausgegossen, mit Meißeln aufs feinste bearbeitet und das Pech durch vielmaliges sorgfältiges Sieden entfernt.

»Diese letztere Art der Kunst nennt man ›Grosserie‹,« belehrte der Meister seine wißbegierige Gönnerin, »die andere ›Minuterie‹.«

»Was aber macht jener Italiener dort?« fragte sie und zeigte auf Francesco Malefatti.

»Er bereitet alles zum Niello vor,« antwortete der Meister. »Seht, durchlauchtigste Fürstin, das sind diese mit Strichen in das Silber eingegrabenen Verzierungen, die nun mit jener schwarzen Masse ausgefüllt werden, welche dort in dem Schmelztiegel brodelt. Sie besteht aus Silber, Blei und Kupfer in bestimmtem Verhältnis, dies mit Schwefel überschüttet.«

»Nie hätte ich gedacht, welche Mühe und Kunst in allen diesen Einzelheiten verborgen ist,« sagte die Kurfürstin voll Bewunderung. »Nun erklärt es sich mir auch, wie an einem verhältnismäßig so kleinen Stücke so viel Menschen Beschäftigung finden können.«

»Wollt Ihr nun noch hierher Euch wenden, Frau Kurfürstin,« bat der Meister, den die aufrichtige Anteilnahme der hohen Frau sehr erfreute. »Seht, diese erhabenen Figuren, die die Friese des Kästchens schmücken, werden nun mit geriebenen Emailfarben eingerieben und dann mit großer Vorsicht ins Feuer gebracht, wo sie zu durchsichtigem Glas zusammenschmelzen, so daß der untenliegende metallische Grund zum Vorschein kommt. Ich verspreche mir hiervon eine ganz besondere Wirkung.«

»Es muß herrlich werden,« rief die Kurfürstin mit leuchtenden Augen aus. »O, mein Herr Bruder wird entzückt sein, wenn er zum Besuche kommt. So schön und ansprechend das Modell war, so wird es doch noch hundertmal schöner in der Ausführung sein.«

Der Meister hörte dieses Lob mit großer Freude an und legte nun auch den Schmuck vor, der sich gleichfalls in Arbeit befand und der in seiner Art nicht minder schön war. Die Kurfürstin glaubte gar kein größeres Vergnügen zu kennen, als das Entstehen dieser Kunstwerke so mit eigenen Augen zu verfolgen und durch die Belehrungen des Meisters immer mehr in das Wesen seiner Kunst eingeführt zu werden.

Die hohe Frau gewöhnte sich so an diese oftmaligen Besuche, daß sie etwas entbehrte, wenn sie einmal längere Zeit nicht hatte in der Werkstatt sein können, nie aber erschien sie dort, ohne auch zu Frau Mechthildis hinaufzusteigen und in ihr stilles Gemach, das sich immer mehr zur Krankenstube ausbildete. Die sanfte Dulderin klagte nie und war stets ergeben und freundlich, aber ihr Antlitz strahlte von Wonne, wenn ihre fürstliche Freundin bei ihr eintrat, denn so durfte man das Verhältnis der beiden Frauen wohl bezeichnen, trotz des Unterschiedes in ihrem Range.

Die Kurfürstin hatte oft eine große Sehnsucht empfunden nach einer mitfühlenden gleichgestimmten Seele, die auch ohne Worte ihre Gefühle verstand und ihre Ansichten teilte, und dies Verlangen wuchs in ihr, jemehr es ihr zur Gewißheit wurde, daß zwischen ihrem Gemahl und ihr dieses innige Einverständnis nie erreicht, sondern daß eine stets wachsende Entfremdung zwischen ihnen bleiben würde. Wie viele Tränen hatte die arme Frau schon darüber in der Stille der Nacht vergossen, wie heiße Gebete zum Himmel emporgesandt, ohne Erhörung zu finden!

Sie prüfte sich so ängstlich, ob und wodurch sie die Schuld an dieser Erkaltung trüge, aber sie konnte sich nicht anklagen. Sie liebte ihren Gemahl so sehr und sie hegte nur den Wunsch, ihm eine liebende Gefährtin zu sein, aber seine Strenge und Verschlossenheit machten es ihr unmöglich, den Bann zu brechen, der sich auf sie gelegt hatte.

Auch auf Frau Mechthildis lag eine schwere Bürde, die sie in schweigender Ergebung trug; ihr Erdenlos war ein so glückliches gewesen, daß ihr seit Christines Geburt kaum noch ein Wunsch geblieben wäre, hätte sich nicht die traurige Krankheit ihr genaht. So aber wußte sie, daß ihre Tage gezählt waren, und wenn sie auch auf ein dereinstiges Wiedersehen im Himmel mit ihren Lieben hoffte, so linderte das doch nur wenig das tiefe Leid, welches ihr die Gewißheit des Scheidens bereitete. Sie trug ihren Schmerz still, denn um alles in der Welt hätte sie ihrem Gatten nicht die Hoffnung rauben mögen, und jemehr ihr die Kräfte schwanden, um so fester klammerte er sich an den Glauben von baldiger Besserung. Ihre beiden Knaben aber waren noch zu unerfahren, um auch nur eine Ahnung der Gefahr zu haben und sie gewöhnten sich allmählich so an das Kränkeln der Mutter, daß sie fast meinten, es könne gar nicht anders sein.

Bewahrten die beiden Frauen so in ihrer Seele jede ein Geheimnis, dessen Schleier sie vor keinem sterblichen Auge lüfteten, so besaßen sie eine gemeinsame Quelle unversiegbarer Freude, und das waren ihre Kinder, besonders die Töchter, die ihnen so eng angehörten und die so ganz ihrer Leitung anheimgegeben waren, während beide mit schmerzlicher Wehmut sich darin ergeben mußten, daß die Söhne sich mehr und mehr von ihnen loslösten und hinaus in die Welt strebten.

Die Kurfürstin brachte oft ihre kleinen Fräulein mit zu diesen Besuchen, und als nun die Prinzessin Elisabeth und Christine heranwuchsen, machte es ihnen Vergnügen, zu beobachten, wie verschieden sie sich entwickelten, und sie verfolgten mit wachsamem Auge alle die kleinen Züge, welche von dem Seelenleben der Kinder Zeugnis ablegten.

Die Prinzessin schien viel von ihrem Vater geerbt zu haben, sie war herrisch und ungestüm und ehe sie die Worte zu finden verstand, wußte sie doch schon ihren Willen zur Geltung zu bringen. Was sie sah, das begehrte sie auch, und wenn ihr nicht gleich Gewährung ward, so stampfte ihr zartes Füßchen zornig den Boden, die Augen blitzten und sie ballte die winzigen Fäuste. Die Mutter erschrak über solche Leidenschaftlichkeit, sie suchte zu zügeln und zu dämpfen, aber Elisabeth zeigte sich gegen Scheltworte wie gegen Strafen gleich unzugänglich, und auch sanfte Vorstellungen richteten wenig bei ihr aus. Dabei besaß sie einen seltenen Liebreiz, und wenn sie es darauf anlegte, gewann sie sich jedes Herz.

So klein sie war, war sie sich doch dessen wohl bewußt, und es gab kein lieberes Vergnügen für sie, als ihr eignes Spiegelbild zu betrachten; hatte sie dann ein Band, eine Blume, einen Schleier zur Hand, um sich damit zu schmücken, was sie mit großem Geschick tat, so klatschte sie fröhlich in die Hände und wurde nicht müde, sich an sich selbst zu freuen. Zum großen Leidwesen der Kurfürstin hatte man ihrem Töchterlein verraten, daß ihr der prächtige Schmuck bestimmt sei, der jetzt in der Werkstatt Meister Öhlerts angefertigt wurde, und nun ließ sie nicht nach, bis man ihr jedes Stück in die Hände gab und sie hätte es am liebsten sofort angelegt und nicht wieder von sich gelassen.

Christine war ihr als Gespielin willkommen, weil diese sich ganz von ihr beherrschen ließ und ihr stets zu Willen war. Sie war sanft und freundlich, hatte fast nie einen Wunsch für sich selbst, und ihre größte Freude war, andern etwas zuliebe zu tun. Sobald sie nur die kleinen Füße setzen konnte, lief sie bereitwillig, um etwas zu holen oder zu bringen, ohne abzuwarten, daß man sie darum gebeten hatte. Sie verstand es, die Gedanken zu erraten, und sie glich wirklich einem guten Hausgeist, der geräuschlos und unsichtbar waltete. Wie sie heranwuchs, entwickelte sie sich immer mehr zum geschäftigen Hausmütterchen; sie duldete kein Stäubchen auf den Geräten, wie sie auch ihr Kleid sorgsam vor Befleckung hütete, sie saß oft stundenlang bei der Mutter, emsig mit einer leichten Handarbeit beschäftigt oder auch mit der Sorge für ihre Puppen, denen sie es an nichts fehlen ließ.

Zuweilen brachte die Kurfürstin auch ihre älteste Tochter, die Prinzessin Anna, mit. Diese hatte ihr stilles Wesen beibehalten, man merkte ihre Gegenwart kaum, und sie selbst saß am liebsten bei einer künstlichen Nadelarbeit, die sie mit unermüdlichem Fleiße anfertigte. Sie hatte sich sehr an Ursula von Zetwitz angeschlossen, die ihr zwar an Alter bedeutend überlegen war, aber sonst sehr gut zu ihr paßte. Nur in einem Punkte stimmten sie nicht überein, und das war das Kloster.

Wenn von den Nonnen, deren es in den beiden Schwesterstädten eine große Anzahl gab, die Rede war, dann meinte die Prinzessin wohl: »Solch eine Klosterfrau möchte ich sein; ich kann mir nichts Schöneres denken, als dies stille, Gott geweihte Leben.«

»Mein Leben und meine Kräfte möchte ich auch gern anderen weihen, aber nur lieben Menschen, denen ich damit nützen kann,« sagte Ursula. »Ich war nahe genug daran, in ein Kloster eingesperrt zu werden, aber ich weiß auch, daß ich das nicht hätte ertragen können. Wie froh bin ich, daß mein Geschick eine andere Wendung genommen hat!«


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