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Elftes Kapitel.
Prinzessin Elisabeth


Am nächsten Morgen waltete Christine still und geschäftig wie immer im Hause, und niemand konnte ihr anmerken, wie schwer ihr ums Herz war. An dem Lieblingsplatze der Mutter, der auch der ihre war, saß sie gern und viel, doch hatte sie den Erker so mit rankenden Gewächsen angefüllt, daß kein Blick sie von draußen zu erreichen vermochte, während ihr doch noch Gelegenheit blieb, durch die Blätter und Blüten auf die Straße zu spähen.

Da war es ihr dann eine schmerzlich süße Freude, Ritter Dietrich mit den Augen zu folgen, wenn er vorüberkam, um sich zu Fuß oder zu Roß auf das kurfürstliche Schloß zu begeben. Er mußte dort ein sehr gern gesehener Gast sein, denn es verging kein Tag, ohne daß ihn Christine dort hingehen sah. Es herrschte ja jetzt ein sehr fröhliches Treiben am Hofe, seit die junge Kurprinzessin ihren Einzug gehalten hatte, und ein Fest folgte dem andern. Bald war es ein munteres Jagen, bald ein glänzendes Ritterspiel, bald ein prächtiges Ballfest, das die Hofgesellschaft in wechselnder Unterhaltung zusammenführte.

Die Bürger von Berlin und Cölln hatten ihre Augenweide daran, sie sahen die Ritter und Edeldamen und wohl gar die Fürstlichkeiten hoch zu Rosse hinausziehen zu ihrem Zeitvertreib, oder sie blickten abends zu den erleuchteten Fenstern des Schlosses hinauf und erfreuten sich an den Schatten, die dort vorüberglitten.

Joachim, sonst ein so sparsamer und ernster Herr, schien gar nicht genug von den Lustbarkeiten bekommen zu können, und die ehrsamen Bürger schüttelten die Köpfe und raunten sich zu, es geschehe wohl um der schönen Prinzessin Elisabeth Gelegenheit zu geben, unter den fürstlichen Bewerbern um ihre Hand eine Wahl zu treffen. Es war gegen alle Sitte und Gewohnheit, daß einer Fürstentochter eine solche Freiheit gelassen wurde, und meist bestimmten ihr die Eltern schon in frühester Kindheit den einstigen Gemahl, aber Joachim hatte bei seinen ältesten Kindern schlimme Erfahrungen mit den lange dauernden Verlobungen gemacht, und noch mehr, die Prinzessin Elisabeth war sein erkorener Liebling, der viel über ihn vermochte, und da hatte sie ihm das Versprechen abgenommen, daß ihr eigner Wille entscheidend sein solle; bisher war es jedoch noch keinem ihrer hohen Freier gelungen, sich ihre Gunst zu erwerben und sie war stolz darauf und behauptete selbst, sie trage anstatt des Herzens einen Kieselstein in der Brust.

Joachim lachte hierüber, wie ihm an dem verzogenen Töchterlein alles wohlgefiel, seine Gemahlin vermochte aber einen schmerzlichen Seufzer nicht zu unterdrücken, denn ihr erschien es oft, als habe Elisabeth recht mit ihrem übermütigen Scherz und es fehle ihr gänzlich an den weicheren Regungen der Seele.

Diejenige Dame des Hofes, welche neben der Prinzessin die meisten Blicke auf sich zog, war unstreitig das Fräulein von Priewitz, durch Schönheit, Wohlgestalt, Kostbarkeit ihres Anzuges und ihr sicheres und stolzes Gebaren.

»Sie hätte eine Königin oder Kaiserin sein müssen,« meinten die Ritter und Herren, die sie umschwärmten, wie die Motten das Licht, und sie trugen auch wirklich nichts davon, als versengte Flügel, denn Wolfhild behandelte den einen so hochmütig wie den andern, und man wußte von manchem hochgeborenen Grafen, den sie mit einem Korbe in nicht allzu glimpflicher Weise fortgeschickt hatte.

Doch nun schien es, als habe auch ihre Stunde geschlagen, denn seit der Rückkehr des Ritters Dietrich von Rochow zeigte sie sich gegen diesen ebenso zuvorkommend und liebenswürdig, wie sonst schroff und unzugänglich. Sie rief ihn zu sich, wenn er sie nicht gleich aufsuchte, und wie sie an seiner Seite zur Jagd ritt, so gewährte sie ihm auch jeden Tanz, um den er sie bat, und als er beim Lanzenstechen ihre Schärpe, mit der sie ihn hatte schmücken wollen, zurückwies, weil er unter den Farben der Kurfürstin stritt, da ließ sie es ihn zwar nicht entgelten, allen andern gegenüber aber sah sie aus wie eine drohende Wetterwolke, und wer ihr zu nahe kam, über den ergoß sich die Schale ihres Zornes.

Christine sah von ihrem Fenster aus oft die beiden und sie mußte sich zugestehen, daß es kein schöneres Paar geben konnte; noch öfter hörte sie von ihnen sprechen, und es schien kein Zweifel zu walten, daß aus dem Scherz Ernst werden würde. Es hieß ja auch allgemein, daß dies der besondere Wunsch des Kurfürsten sei, der als Lehnsherr ein gewichtiges Wort bei der Vermählung der Erbtochter mitzusprechen hatte.

Christine, die früher die auf dem Schloß verbrachten Stunden für die schönsten ihres Lebens hielt, fürchtete sich jetzt davor, denn Wolfhild ließ es nie an Kränkungen für sie fehlen und die Abneigung der Prinzessin zeigte sich immer offener. Frau Elisabeth vermochte sie nicht zu schützen, oft wurde sie auch die kleinen versteckten Bosheiten nicht gewahr, unter denen Christine zu leiden hatte, und diese ertrug lieber in schweigender Geduld alles, als daß sie die hohe Frau durch Klagen betrübt hätte; nur vermied sie soviel wie möglich das Verweilen in ihrer Gegenwart.

Nun waren die beiden Bibeln aus Wittenberg angelangt, und wie sich Meister Öhlert innig über die seine freute und kaum die Zeit erwarten konnte, um darin zu lesen und zu forschen, so setzte er auch die gleiche frohe Ungeduld bei der Kurfürstin voraus, und er beauftragte seine Tochter, ihr sogleich das heilige Buch zu überbringen. Doch waren Vorsichtsmaßregeln unerläßlich, und Christine erwählte daher die Dämmerstunde und nahm ein Körbchen mit, das sie mit Rosen füllte und darunter die Bibel verbarg.

Sie traf die Kurfürstin im Burggarten lustwandelnd, umgeben von ihren Damen und einigen Herren des Hofes. Die junge Welt lachte und scherzte, die hohe Frau wandelte etwas abseits im Gespräch mit dem Herzog Erich von Braunschweig-Kahlenberg, einem nicht mehr jungen Herrn, der jetzt oft am kurfürstlichen Hofe verweilte und neben dem milden Ernst, der ihn auszeichnete, auch ein wohlwollendes Verständnis für die Freuden der Jugend hatte, denn er wurde oft als der Begleiter der Prinzessin Elisabeth gesehen. Ihrer Mutter war er besonders angenehm, weil er aus seiner Hinneigung zur neuen Lehre kein Geheimnis machte und sie ihm daher manches Mal ihr Herz ausschütten konnte. So tat sie es auch jetzt, wo Kurfürst Joachim sich auf der Reise zum Reichstage befand, dessen Beschlüssen man in ziemlicher Erwartung entgegensah.

»Beruhigt Euch, durchlauchtigste Frau,« sagte der Herzog, »ich bin überzeugt, daß die gute Sache nicht viel vom Kaiser zu fürchten hat, solange er mit seinen auswärtigen Feinden noch zu tun hat.«

»Aber er verfolgt doch in seinen Erblanden so grausam die Andersgläubigen,« wandte die Kurfürstin ein.

»Dort ist Karl V. der unumschränkt gebietende Herr, im Reich ist er von den Fürsten abhängig, und um ihren guten Willen zu gewinnen oder zu erhalten, damit sie ihn in seinen Kriegen unterstützen, darf er die lutherisch gesinnten nicht durch zu strenge Maßregeln erzürnen.«

»Den Kaiser begünstigt das Kriegsglück, und wenn er nun überall Sieger ist, was wird dann?« fragte die Kurfürstin wieder, denn sie konnte der Bangigkeit, welche ihren Mut bedrückte, nicht Herr werden.

»Das wollen wir dem lieben Herrgott überlassen,« erwiderte Herzog Erich mit vertrauender Ruhe. »Er wird alles gut machen. Wenigstens hat die neue Lehre Zeit gehabt, zu wachsen und zu erstarken, und des Herrn Hand wird ihre Anhänger noch weiter beschirmen.«

Die Kurfürstin blickte ihn dankbar an; wie verstand er es, ihren sinkenden Mut aufzurichten. Sie schätzte ihn sehr hoch und entdeckte immer neue Tugenden in ihm, und wenn sie dann wahrnahm, mit welchem Wohlgefallen sein Auge auf der jugendlichen Elisabeth ruhte und wie deren Übermut durch seine Gegenwart gedämpft und sie sanfter und weiblicher wurde, so übersah sie den weiten Unterschied im Alter der beiden und ihr Mutterherz gab sich frohen Hoffnungen hin.

Christine war zagend der Weisung der Lakeien gefolgt, aber als sie den Garten betrat und die Kurfürstin in so zahlreicher Umgebung sah, wollte sie sich sogleich zurückziehen. Indessen hatte sie Dietrich von Rochow zufällig bemerkt und er verließ ohne Zögern Wolfhilds Seite und kam auf sie zu, während seine Züge die freudige Überraschung verrieten, die er empfand.

»Liebe Jungfer Christine, sehe ich Euch endlich einmal wieder,« sagte er und reichte ihr die Hand, in die sie schüchtern die ihre für einen Moment legte. »Ihr wollt zur Frau Kurfürstin? Aber seht, sie ist in einem sehr ernsten Gespräch mit dem Herzog Erich, wie es den Anschein hat. Da dürfen wir sie jetzt nicht stören. So erlaubt, daß ich Euch inzwischen Gesellschaft leiste.«

Ehe Christine antworten konnte, schlug Wolfhilds spöttisches Lachen an ihr Ohr, und diese sagte höhnisch, sie mit verächtlichen Blicken musternd: »Tut das, Ritter Dietrich, und Ihr werdet den Wunsch der Jungfer erfüllen. Wahrlich an Mut gebricht es ihr nicht und sie weiß Euch zu finden. Nur wundert es mich, daß die Frau Kurfürstin solche Schamlosigkeit in ihrer Nähe duldet.«

Christine wurde leichenblaß und sie schwankte, denn es war ihr, als drehe sich alles mit ihr; der Ritter erfaßte ihren Arm, um sie zu stützen. Seine Miene war sehr ernst, seine Augen blitzten im Zorn, und er sagte: »Laßt Euch diese Beschuldigung nicht anfechten, Jungfer Öhlert, Ihr steht hoch über solchen Beleidigungen und ich werde Euch Genugtuung verschaffen.«

Christine hatte sich bereits gefaßt; sie stand aufrecht und ruhig da, nur ihre Augen sahen noch so traurig und hilfeflehend aus, wie die eines verwundeten Rehs. »Ich danke Euch, Herr Ritter,« sagte sie mit klarer Stimme, »aber wie ich keine Ahnung von Eurer Anwesenheit hatte, so will ich Euch auch nicht bemühen. Mein Gewissen ist mir ein genügender Zeuge, und wer es nicht verschmäht, derartige Anklagen gegen eine Schuldlose zu schleudern, der wird nicht dieselbe Ruhe in seiner Seele empfinden wie ich.«

Der Ritter wollte noch weiter in sie dringen, doch sie wandte sich von ihm, und in diesem Augenblick hatte die Kurfürstin, die ihr Gespräch mit dem Herzog beendigt und Christine gewahrt hatte, dieser einen Wink gegeben, dem sie nun folgte. Die Kurfürstin trat in eine Laube ein und hier konnte ihr Christine ihr Geschenk überreichen und ihr mitteilen, was sich unter den Rosen befand.

Die Kurfürstin geriet in die freudigste Bewegung und konnte kaum ihren Tränen gebieten; dies verhinderte sie auch, Christines schmerzliche Erregtheit wahrzunehmen.

»Wie soll ich dir danken, mein liebes Kind,« sagte sie; »du hast mir die größte Wohltat erwiesen, die ich empfangen konnte. Jetzt wird auch mein letzter Zweifel gestillt werden, da ich selbst in Gottes Wort forschen kann; nun will ich jede freie Stunde dem Lesen in der Heiligen Schrift widmen.«

Die Freude der Kurfürstin fiel wie ein Balsamstropfen in Christines verwundetes Gemüt, und sie vergaß die ihr gewordene Kränkung; die freundliche Aufforderung der Fürstin zum längeren Verweilen lehnte sie jedoch ab und suchte möglichst unbemerkt aus dem Garten zu entschlüpfen.

Dietrich von Rochow hatte unterdessen eine ernste Auseinandersetzung mit Wolfhild gehabt, die sich plötzlich ganz verändert zeigte, fast demütig, denn sie begriff wohl, daß sie sich von ihrem Hasse gegen Christine zu weit hatte fortreißen lassen und daß sie auf diese Weise leicht die gute Meinung des Ritters verscherzen konnte.

Als er zu ihr trat, um ihr Vorwürfe zu machen, ließ sie ihn nicht erst zu Worte kommen, sondern begann: »Ihr zürnt mir, Ritter Dietrich, und doch handelte ich nur aus Freundschaft für Euch so. Ich glaubte Euch vor dem Netz einer listigen Heuchlerin schützen zu müssen. Aber verblendete Augen sind nicht zum klaren Sehen geeignet.«

»Die Verblendung ist auf Eurer Seite, Fräulein,« sagte Dietrich, »und ich gebe Euch mein Ritterwort, daß jenes junge Mädchen ein Muster von Reinheit und Tugend ist.«

»Solcher Beteuerung muß ich dann wohl Glauben schenken,« entgegnete Wolfhild, »und da will ich mich gern entschuldigen.«

Dietrich blickte sie verwundert an, eine so schnelle Sinnesänderung hatte er ihr nicht zugetraut, aber sie fuhr fort: »Ihr seht, welches Gewicht ich auf Eure Meinung lege. So stolz und hochfahrend ich manchmal erscheinen mag, so bin ich doch bereit, mich zu beugen, wo ich dies vor einer Überlegenheit, die ich anerkennen muß, tun kann.«

Sie sagte das mit sanftem Lächeln, und in ihrem ganzen Wesen lag etwas Demütiges und Hingebendes, was den Reiz ihrer stolzen Schönheit noch erhöhte, und Dietrich fühlte, wie sein Zorn hinschmolz. Wolfhild triumphierte innerlich. Bisher hatte er ihr immer noch widerstanden, und wenn er ihr auch seine ritterlichen Huldigungen weihte, so doch nicht jene heiße Liebe, die sie ihm einzuflößen wünschte. Nun glaubte sie den Schlüssel zu seinem Herzen gefunden zu haben und sie beschloß, weiter so zu handeln, wie große Anstrengung es sie auch kosten möchte.

So ging sie auf Christine, die eben den Garten verlassen wollte, zu und reichte ihr die Hand, indem sie lächelnd bat: »Laßt uns wieder versöhnt sein, liebe Jungfer. Ich sehe mein Unrecht ein und erbitte Eure Verzeihung.«

Christine hatte die lebhafte Empfindung, daß Wolfhild anders spreche, als wie es ihr ums Herz war; sie hatte ihr eine so tiefe Kränkung zugefügt, die noch lange in ihr nachhallen würde, und nun sollte sie das alles wieder vergeben und vergessen! Nein, sie vermochte es nicht.

So tat sie, als gewahre sie die ausgestreckte Hand nicht und erwiderte: »Beunruhigt Euch nicht um etwas so Geringfügiges, edles Fräulein. Ihr könnt mich nicht beleidigen.«

Sie verneigte sich und setzte ihren Weg fort. Wolfhilds höhnisches Lachen schallte ihr nach, denn diese vergaß in ihrem Zorn alle gefaßten Vorsätze.

»Da seht, welch sanfte Taube dieses Mädchen ist!« rief sie dem Ritter zu. »Ich bewundre Euren Scharfsinn und will nur wünschen, daß Ihr sonst ein richtiges Urteil über sie habt. Doch ich begreife nicht, was wir uns so viel mit ihr beschäftigen. Es kann nur sein, weil sie, die so einem ganz anderen Kreise angehört, sich gewaltsam in den unseren zu drängen sucht.«

Ritter Dietrich ließ Wolfhild sich Luft machen, denn er erkannte daraus ihre wahre Gesinnung; dann erwiderte er: »Ich bin einverstanden, daß wir nicht weiter von dem heutigen Vorfall sprechen, doch bitte ich Euch, die mir werte Jungfrau nicht wieder zu verunglimpfen, denn Ihr würdet mich stets zu ihrem Schutz bereit sehen.«

»Sehr wohl, Ritter Dietrich,« höhnte Wolfhild, »nur erlaubt mir noch eine Frage. Ihr nehmt Euch des Mädchens so warm an, und soviel ich weiß, hat Euer getreuer Jochen viel in ihrem Vaterhause verkehrt. Habt Ihr sie diesem zur Ehefrau bestimmt? Das würde hübsch und passend sein, und ich denke, Ihr habt eine gute Wahl getroffen. Nehmt meinen Glückwunsch an.«

Dietrich wurde blaß vor Zorn und wandte sich ohne ein weiteres Wort von Wolfhild ab, weil er fürchtete, er werde, wenn er etwas sagte, zu sehr die ritterliche Höflichkeit verletzen; doch blieb das Gedächtnis an diese Rede ihm stets gegenwärtig.

Der Kurfürst kehrte unzufrieden vom Reichstage zurück, der Kaiser war ihm zu gelinde verfahren, er war für Gewaltmaßregeln zur Unterdrückung der ketzerischen Lehren, und vor allem zürnte er mit seinem Bruder, dem Erzbischof Albrecht, der mit Absicht die Augen schloß und in seinen Landen den neuen Glauben immer mehr Verbreitung gewinnen ließ.

So faßte Joachim den Entschluß, recht augenfällig zu bekennen, wie treu und fest er zur Kirche halte, und deshalb sollte seine Tochter Elisabeth am Fronleichnamstage mit anderen Jungfrauen Kerzen tragend vor der Hostie hergehen.

Elisabeth war mit Freuden dazu bereit; es schmeichelte ihrer Eitelkeit, so im weißen Gewande, im lang herabwallenden blonden Haar einen Kranz von weißen Rosen, sich in dem vollen Glanz ihrer jungen Schönheit zu zeigen, und ihr leichter Sinn dachte wenig an die Veranlassung, bei der es geschah.

Die Kurfürstin vergoß viele Tränen im geheimen und öffentlich; sie faßte sich ein Herz und beschwor ihren Gemahl, von seinem Willen abzustehen, aber er zeigte sich unerbittlich, und zum ersten Male regte sich nun auch das Mißtrauen gegen seine Gattin in ihm.

Er berief die junge Elisabeth zu sich, die eben voller Vergnügen die schönen Gewänder angeblickt hatte, die sie bei der Prozession schmücken sollten. Da der Kurfürst seine Tochter daran teilnehmen ließ, so hatten viele Jungfrauen aus vornehmen und angesehenen Familien sich gleichfalls dazu gemeldet, und Elisabeth genoß jetzt schon den Triumph, sie alle durch ihre Schönheit zu überstrahlen. So hatten auch die Bitten der Mutter, freiwillig zurückzutreten und ihre Vorstellungen bei ihr nur ein taubes Ohr gefunden, und sie fürchtete jetzt nur, der Vater möchte andern Sinnes geworden sein.

Dem war nicht so; Joachims Entschluß stand fest, aber er hatte ein anderes Begehren. Zärtlich wie immer empfing er seine Tochter, die sich nicht erst die Zeit genommen, ihre Festkleider abzulegen, und sein Blick ruhte wohlgefällig auf ihr.

»Schön wie eine junge Braut,« sagte er und freute sich an der dunklen Glut, die ihr Stirn und Nacken überflutete; sonst hatte sie jede solche Anspielung so ruhig gelassen; regte sich jetzt doch in ihr ein vorbedeutendes Ahnen?

»Hat sich die Mutter mit deiner Teilnahme an der Prozession ausgesöhnt?« fragte er dann.

»Leider nicht, sie weint und sie zürnt mir,« entgegnete Elisabeth.

»So muß sie sich darin ergeben,« sagte der Kurfürst hart und fuhr dann fort: »Höre, mein Kind, was ich dir anvertrauen will. Ich fürchte, deine Mutter ist auf Irrwege geraten und die ketzerischen Lehren haben ihr den Sinn verwirrt. Vor mir verbirgt sie ihre Ansichten, und ich kann ihr nicht zu Hilfe kommen. So hilf du mir nun, ihre Seele zu erretten. Beobachte sie, vor dir kann sie auf die Dauer solch Geheimnis nicht verbergen und dann mache mir Mitteilung, damit ich sie von dem Abgrund zurückreißen kann, in den sie sonst zu ihrem zeitlichen und ewigen Verderben stürzen möchte.«

Elisabeth versprach es, sie fühlte sich der Mutter entfremdet und außerdem hatte es ihr der Vater ja auch so dargestellt, als vollbringe sie etwas zu deren Heil, und von diesem Tage an war die unglückliche Frau von einer geheimen Spionin umgeben.

Am Fronleichnamstage schloß sich die Kurfürstin noch länger als sonst in ihrem Betkämmerlein ein, um mit Eifer in ihrer Bibel zu lesen und dazwischen um Erleuchtung von oben zu flehen. Das goldene Reliquienkästchen, das ihr damals der Erzbischof Albrecht geschenkt, nahm jetzt ihre Bibel auf; den Glauben an die Wunderkraft der Reliquien hatte sie längst aufgegeben, jenes Stück Holz, welches vom Kreuz des Erlösers herrühren sollte, war ihr nur noch ein ehrwürdiges Andenken, das sie in einer Truhe aufbewahrte, aber nicht mehr in ihrem Allerheiligsten.

Sie weinte um Elisabeths Verblendung und betete für sie, ihr Herz war zerrissen, sie fühlte sich vom Gatten und der Tochter getrennt, um so größer ward ihr Sehnen von der Erde fort, und es verlangte sie heiß, ihren neugewonnenen Glauben, der in ihr durch eigene Forschung gegründet war, zu betätigen. Sie mußte das Abendmahl in beiderlei Gestalt empfangen, das stand fest in ihrer Seele.

So schrieb sie noch an diesem selben Tage nach Wittenberg und bat den Dr. Luther, ihr einen Geistlichen zu senden, der den Mut habe, ihr das Sakrament zu spenden; daß er in große Gefahr geraten könne, verschwieg sie ihm nicht.

Da Christine jetzt sehr selten aufs Schloß kam, weil sie sich vor Demütigungen fürchtete, welche die Kurfürstin ihr auch nicht fernzuhalten vermochte, so entsandte diese ihre vertraute Ursula von Zetwitz in das Öhlertsche Haus, um den Brief dort zur weiteren Beförderung abzugeben.

Ursula trat zum ersten Male in eine bürgerliche Häuslichkeit ein und sah, wie hier Behagen und Wohlstand herrschten. Sie war von Kindheit auf an die Pracht der Schlösser gewöhnt, aber sie war ein Fremdling in ihnen gewesen, die heimatlose Waise, die ihr Leben im Dienen verbrachte, und es überkam sie eine Sehnsucht nach einer solchen Stätte, wo sie am eignen Herde walten könne, und wäre er noch so bescheiden. Ein Seufzer hob ihre Brust, denn es würde ihr wohl nie so gut werden; doch sie war nicht gewohnt, länger an sich selbst zu denken, sondern all ihr Sinnen und Handeln drehte sich um ihre geliebte Gebieterin.

So richtete sie ihren Auftrag aus und Christine gelobte sofortige Erledigung; sie hatte Ursulas Besuch mit großer Freude bewillkommnet und lud sie nun dringend zum Verweilen ein. Ursula entsprach gern dieser Bitte, und so saßen die beiden Mädchen beieinander, traulich plaudernd und von den eingemachten Früchten und dem süßen Backwerk naschend, welches Christine zur Bewirtung herbeibrachte. Als Ursula das wohleingerichtete Haus bewunderte, erbot sich Christine, es ihr zu zeigen, und sie wanderten treppauf und treppab durch die Reihe der schön ausgestatteten Gemächer, und das junge Hausmütterlein schloß Vorratskammern und mächtige Schränke auf und wies mit Stolz auf die aufgestapelten Schätze an silbernen und goldenen Geräten, von blitzendem Zinn und funkelndem Kristall, auf das köstliche, in schneeigem Weiß leuchtende Linnen, auf die lange Reihe der gläsernen und irdenen Gefäße, in denen Spezereien und köstliche Würze enthalten waren, auf die großen Schinken und die Vorräte an geräuchertem und gepökeltem Fleisch und was sonst noch auf den Tisch eines großen Haushalts gehörte.

»Wie glücklich mußt du sein so in gesichertem Besitz und freudigem Schalten,« sagte Ursula in neidloser Bewunderung.

Christine errötete und fühlte sich wie schuldbewußt; ja, sie hatte so vieles, was sie erfreuen und voll befriedigen sollte, und doch tat ihr oft das Herz so weh in ungestilltem, endlosem Sehnen.

Ehe Ursula sie verließ, wagte sie eine Frage nach Wolfhild, sie vermochte kaum ihre Erregung zu verbergen, aber jene bezog dies auf die hochmütige Feindseligkeit des Edelfräuleins gegen Christine; von weiteren Beziehungen hatte sie keine Ahnung.

»Du wirst sie kaum noch allzulange am Hofe finden; sie spricht davon, daß sie auf Schloß Priewitz einen längeren Besuch abstatten will; eine alte Base mit ihrem Mann soll sie begleiten. Der Ritter Dietrich von Rochow wird dann auch in Rochatz sein, um nach seinem Schloßbau zu sehen, der bis auf die innere Einrichtung fertig ist. Diese soll sehr schön werden, und Wolfhild gibt ihm dabei guten Rat. Sie sind ja nahe Nachbarn dort, und da wird sie schon dafür sorgen, daß alles nach ihrem Ermessen ausgeführt wird, damit sie als künftige Herrin zufrieden sein kann.«

»So sind sie bereits ein verlobtes Paar?« fragte Christine.

»Versprochen sind sie wohl jedenfalls,« erwiderte Ursula. »Es ist ja des Kurfürsten besonderer Wunsch, und Fräulein Wolfhild beweist dem Ritter Dietrich bei jeder Gelegenheit, wie sehr sie ihm den Vorzug gibt unter all ihren Bewerbern.«

Das war ja nur, was Christine selbst schon oft aus der Ferne beobachtet hatte, und doch tat es ihr so weh, als sie die Bestätigung aus einem andern Munde vernahm. Sie sah ja wunschlos zu Dietrich empor, den die Satzungen der Welt so hoch über sie gestellt hatten – wenn es nur nicht Wolfhild gewesen wäre!

Ursula schied mit dem Versprechen, ihren Besuch recht bald zu wiederholen, sie fühlte sich ja zu Christine ebenso hingezogen, wie diese zu ihr, und da sich jede von ihnen nach einer Freundin gesehnt hatte, so befestigte sich das Band zwischen ihnen immer mehr.

Einige Wochen vergingen bei der Langsamkeit der Briefbeförderung, ehe aus Wittenberg von Dr. Luther die Nachricht einlangte, daß er den Dr. Olearius erwählt habe, um der Kurfürstin das Sakrament zu spenden. Christine eilte auf das Schloß, um dies zu verkünden, und in stiller Sammlung, während sich die Fürstin auf die heilige Handlung vorbereitete, faßte Meister Öhlert gleichfalls den Entschluß, sich als Anhänger der neuen Lehre zu bekennen, indem er das Abendmahl in beiderlei Gestalt nahm; aber nicht nur für sich allein, sondern mit seinem ganzen Hause.

Schon seit Monaten, seit er im Besitz der Bibel war, hatte er die Angehörigen seines Haushalts allabendlich um sich versammelt und ihnen aus dem heiligen Buche vorgelesen, und daran hatten sich dann ernste Gespräche geknüpft, an denen auch der jüngste Lehrling mit Eifer teilnahm, weil alle Gemüter sich mit diesen Fragen beschäftigten.

Wohl war es ein Wagnis, so offen mit seiner Ansicht hervorzutreten, doch der Meister hatte keinen Verräter unter seinen Leuten zu fürchten, zuerst wohl aus herzlicher Liebe zu ihm und später auch, weil sie selbst die gute Sache mit ganzer Seele erfaßten. Daher konnte er nun unter sie treten und sie fragen, ob sie sich mit ihm zum Genusse des Sakraments vereinigen wollten; sie antworteten ihm alle mit einem freudigen Ja, kein einziger schloß sich aus und von nun an herrschte eine gehobene und zugleich erwartungsvolle Stimmung im ganzen Hause. Der Meister selbst waltete in priesterlicher Weise unter ihnen als Hausvater, er hatte sich nie so milde und so gütig gezeigt, und dabei doch so ernst und von einer Würde umgeben, welche alle mit Ehrfurcht erfüllte, und er entzog sogar der Arbeit manche Stunde, um in der Bibel zu lesen und sich ihren Inhalt immer vertrauter zu machen, damit er dann wieder aus der Fülle des Gesammelten den Seinen austeilen konnte.

Endlich langte Dr. Albrecht Olearius im Vaterhause an, das er seit vielen Jahren nicht betreten hatte, denn der Dr. Martinus konnte ihn schwer entbehren. Mit einem eigentümlichen Gefühl schloß der Meister seinen Sohn in die Arme, es war sein liebes Kind, und doch ein Priester des Höchsten, der vor ihm stand, und wenn Albrecht sich liebend und ehrerbietig zugleich vor ihm neigte, so war es dem Vater, als schulde er selbst den Zoll der Ehrfurcht dem Diener Gottes, der unsträflich nach dessen Willen die Gnadenmittel verwaltete.

Christine meldete der Kurfürstin die Ankunft ihres Bruders, damit diese alles vorbereiten könne; es wurde beschlossen, daß Ursula melden solle, wann der geeignete Zeitpunkt da sein werde.

Am nächsten Tage empfing Meister Öhlert mit Christine und den übrigen Hausgenossen das Abendmahl. Wie war ihm zumute, als er, sein weißes Haupt tief geneigt, vor dem Sohne kniete, der ihm die höchsten Güter des Lebens spendete! Wie wünschte er, daß seine geliebte Mechthildis ihm zur Seite gekniet hätte! Wie gedachte er auch an sein Widerstreben gegen das Begehren Albrechts, als dessen Neigung sich dem geistlichen Berufe zuwandte! Wie wunderbar hatte Gott alles gefügt und wie dankbar empfand er das.

Gegen Abend erschien Ursula, um zu sagen, daß ihre Gebieterin bei Einbruch der Nacht den Dr. Olearius zu empfangen wünsche, um mit ihm zu sprechen und sich durch ihn für die Feier, die am nächsten Abend stattfinden sollte, würdig vorbereiten zu lassen.

Ursula fand den Meister mit seinen beiden Kindern vereint, noch erhoben und dem Irdischen entrückt, unter dem Nachhall dessen, was sie vor einigen Stunden durchlebt hatten. Sie wollte sich sofort entfernen, um ihnen keine Störung zu sein, aber auf Christines dringende Bitte, welche ihr Vater unterstützte, verweilte sie gern, und es war ihnen allen, als sei sie keine Fremde, sondern gehöre zu ihnen.

Ursulas Einfachheit und Bescheidenheit traten in helles Licht, als sie so in ernstem Gespräch beisammen saßen; sie strebte so ernst nach der Wahrheit und nahm jedes Wort der Lehre so eifrig in sich auf, daß sie begierig an Albrechts Munde hing, des ersten Verkündigers des neuen Glaubens, dem sie begegnete, und auch er sah mit Wohlgefallen in ihr reines, demütiges Herz und freute sich an ihrer treuen Hingebung an ihre Gebieterin.

Als es dunkel geworden war, begleitete der Dr. Olearius Ursula in das Schloß, wo sie ihn auf einer geheimen Treppe in die Gemächer der Kurfürstin führte, die ihn mit tiefer Bewegung empfing. Während ihrer langen und eifrigen Unterhaltung hielt Ursula im Vorzimmer Wache. Die Frauen der Fürstin waren von ihr schon früh entlassen worden, als sie sich unter dem Vorwand des Unwohlseins zurückzog und es war eigentlich kaum eine Störung zu besorgen.

Dennoch wurde Ursula durch ein heftiges, sich immer wiederholendes Pochen erschreckt, und als sie endlich öffnen mußte, stand dort die Prinzessin Elisabeth mit Wolfhild, und verlangte zu ihrer Mutter. Das war sehr auffallend, denn seit ihrer Teilnahme an der Prozession, die sie so offen gegen den Willen der Kurfürstin ausgeführt, hatte sich Elisabeth von dieser möglichst ferngehalten.

Ursula weigerte sich entschieden, ihre Herrin zu stören, von der sie behauptete, daß sie bereits eingeschlafen sei, aber sie war verlegen und unsicher, und sie mußte manches harte Wort von der Prinzessin hinnehmen, ohne dieser aber nachzugeben.

Endlich war der Sturm abgeschlagen, aber als sie sich ärgerlich entfernten, sagte Wolfhild: »Es ist, wie ich gesagt habe; es geht etwas Außerordentliches vor. Erst war Christine hier, und dann sah ich später einen Unbekannten mit Ursula ins Schloß eintreten. Wir wollen von meinem Fenster aus beobachten.«

Sie taten dies und Elisabeth verließ Wolfhilds Zimmer nicht eher, als bis sie den Fremden, der in ein langes schwarzes Gewand gekleidet war, mit Ursula aus dem Hofe treten sahen, und zwar in der Nähe des geheimen Eingangs, der der Prinzessin nicht unbekannt war. Sie vernahmen auch, daß Ursula zu ihm sagte:

»Also morgen in der zehnten Stunde werde ich Euch hier erwarten, Herr Doktor. Wollt nur dreimal pochen.«

Was hatte das zu bedeuten? Sie zerbrachen sich beide vergebens den Kopf, bis plötzlich Elisabeth der Gedanke kam, daß es einer der ketzerischen Prediger, vielleicht der Doktor Luther selber gewesen sei, von dem man ja oft genug ein Bild zu sehen bekam, und dann gerade in solch schwarzem Talar. Wolfhild hätte das nun wenig interessiert, aber da sie wahrnahmen, daß der Fremde im Hause von Christines Vater verschwand und wußte, daß diese selbst beteiligt war, so war ihre Neugier im höchsten Grade erregt. Sie konnte nun einmal nicht anders, diese Christine war ihr zuwider, nein – sie haßte sie – und wenn es auf Wolfhild angekommen wäre, so wäre es jener schlimm ergangen.

Zunächst beschlossen die beiden Lauscherinnen, ihr Geheimnis wohl zu bewahren und sich nichts merken zu lassen, am nächsten Tage aber alle Vorgänge genau zu beobachten.

Die Kurfürstin hielt sich viel in ihrem Betkämmerlein auf; ihre Augen zeigten die Spuren vergossener Tränen, und doch strahlte ihr bleiches, meist so kummervolles Antlitz wie verklärt, und jedes ihrer Worte klang so anders wie sonst, so weihevoll.

Elisabeth war beklommen ums Herz; sie hatte das Gefühl, daß sie ein großes Unrecht begehe, und doch tat sie nach dem Gebot des Vaters, und er hatte ihr gesagt, es sei gut und nötig, daß er alles erführe, was die Kurfürstin ihm verbergen wolle. O, an dem allen war nur dieser Luther schuld, der überall Ketzerei und Feindschaft aussäete. Wie sie ihn haßte! Und wenn er nun ja ins Schloß zur Mutter käme, das sollte nicht sein!

Der Abend kam heran, Elisabeth konnte kaum ihre Unruhe verbergen. Oft war es ihr, als müsse sie sich in die Arme der Mutter werfen und ihr alles gestehen, dann fühlte sie sich wieder zurückgestoßen. Wenn sie nur einen Ratgeber gehabt, auf den sie sich verlassen, ihm so ganz vertrauen könnte, wie den Herzog Erich! Aber der war wieder abgereist, und sie kannte keinen Menschen, den sie ihm vergleichen konnte, er war so gut, so mild, so edel!

Dunkle Nacht herrschte in den Straßen, denn der Mond, der am vergangenen Abend hell geschienen hatte, wurde von drohenden Regenwolken verdeckt; die neunte Stunde war vorbei und jedermann zog sich, wie das so Brauch war, zur Ruhe zurück.

Im Betkämmerlein der Kurfürstin brannten hohe Wachskerzen auf dem Altar, auf dem die aufgeschlagene Bibel lag. Eine Kanne mit Wein und ein Becher, beide von Silber, daneben ein Teller von demselben Metall mit einem Weißbrote, standen bereit auf dem feinen Leinentuch, und Frau Elisabeth lag auf den Knien in inbrünstigem Gebet.

Ursula hatte die Fenster sorgfältig verhangen, daß auch nicht ein Lichtschimmer zum Verräter werden sollte, dann nahm sie eine kleine Laterne und stieg furchtlos die Treppe hinab in dem tiefen Schweigen um sie her. Sie konnte das laute Pochen ihres Herzens hören und ihre Knie zitterten unter ihr, als sie so wartend dastand und sich alle möglichen Schrecknisse ausmalte, doch nicht lange – da ertönten die drei Schläge an der Tür.

Sie öffnete und ließ den Dr. Olearius eintreten, der von Christine begleitet war; diese hatte darauf bestanden in dem Glauben, sie könne doch vielleicht von Nutzen sein, und Ursula erkannte ihre Gegenwart mit einem dankenden Blick an. Sie schloß die Pforte wieder zu und schweigend schritten sie die Treppe hinauf durch die langen Gänge, bis sie am Ziel waren.

Der Geistliche trat ein in das Betkämmerlein, in dem die Kurfürstin ihn noch immer kniend erwartete, er trat an den Altar, und die Tür schloß sich hinter ihm.

Während hier eine dürstende Seele die Befriedigung ihrer heißen Sehnsucht fand, standen Ursula und Christine als Wächterinnen an dem Eingang der Gemächer; sie hatten weder Schloß noch Riegel zu brauchen gewagt, weil dies leicht Verdacht erregen konnte; die Hofdamen waren entlassen, die Kammerfrauen unter einem Vorwande entfernt, es war eigentlich keine Störung zu besorgen.

Aber der Verrat hatte sein Werk getan, und die eigene Tochter, für welche die fromme Mutter so oft und so viel im Gebet gerungen, war zu ihrer Angeberin geworden! Wohl hatte die Prinzessin noch im letzten Moment gezaudert, wohl hatte eine Stimme in ihrem Herzen sich laut und immer lauter gegen ihr Tun erhoben, aber ihr zur Seite stand Wolfhild und feuerte sie mit beredten Worten an, sie selbst angestachelt durch ihren Haß gegen Christine, deren Eintritt zugleich mit dem Geistlichen sie beobachtet hatten.

»Es ist Eure Pflicht, Prinzeß Elisabeth, der Befehl Eures Vaters,« raunte sie ihr zu; »Eure Mutter ist dem ketzerischen Unglauben verfallen, wenn Ihr sie nicht rettet und sie bewahrt vor den falschen Leuten, die sie umgeben.«

So war Elisabeth fortgeeilt, mit fliegendem Atem, als würde sie von bösen Geistern verfolgt, die ihr keine Ruhe, keinen Augenblick zum Besinnen ließen, und nun stand sie vor ihrem Vater, der ihr voll Staunen und Unwillen entgegensah, als sie plötzlich, ohne auf die Abwehr der Diener zu achten, in sein Arbeitszimmer stürzte, wo er in tiefem Sinnen saß.

Er fuhr in die Höhe, bleich, mit unheimlich funkelnden Augen, so wie ihn Elisabeth noch nie gesehen, und sie bereute jedes Wort, das aus ihrem Munde gekommen und hätte es so gern zurückgerufen. Aber es war geschehen. Der Kurfürst achtete nicht auf sie, ja, als sie sich in ihrem Entsetzen an ihn klammern wollte, stieß er sie rauh von sich, daß sie zu Boden fiel, und ohne auf ihren Schmerzensschrei zu achten – sie hatte sich an der scharfen Kante des Tisches verletzt – stürzte er davon.

Eine furchtbare Veränderung war mit ihm vorgegangen, jetzt sah er feuerrot aus, die Adern traten dick auf seiner schweißbedeckten Stirn hervor, die Augen waren mit Blut unterlaufen, die Züge von Wut entstellt, so durcheilte er die Räume des Schlosses, jeden, der ihm begegnete, mit zorniger Gebärde zurückweisend, und nun stand er vor den Gemächern seiner Gemahlin, riß die Tür auf und stürmte hinein.

Ursula stieß einen Schrei des Entsetzens aus, Christine warf sich ihm in den Weg und rief jener zu, sie solle zur Kurfürstin eilen; aber sie vermochte den Zornschnaubenden nicht aufzuhalten, der sie beiseite schleuderte und weiter schritt.

Da öffnete sich die Tür des Betkämmerleins, Dr. Olearius erschien auf der Schwelle und erhob beschwichtigend die Hand; hinter ihm erblickte man den Altar mit den heiligen Geräten, die alles sagten, davor die kniende Kurfürstin.

Joachim legte die Hand an sein Schwert, um es aus der Scheide zu reißen, selbst nicht wissend, wen er damit bedrohen wollte. Schaum trat auf seine Lippen, die sich vergebens bemühten, ein Wort hervorzubringen, vor seinen Ohren sauste es, ein Schwindel erfaßte ihn und mit einem lauten Schrei stürzte er wie leblos zu Boden.


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