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Zweites Kapitel.
Die junge Kurfürstin


Die Doppelhochzeit zu Stendal war mit großer Pracht und fürstlichem Gepränge gefeiert worden und Elisabeth von Dänemark befand sich im Vollgenusse des Glücks. Die Anmut ihrer Erscheinung, die Lieblichkeit ihres Antlitzes wurden durch die Wonne, welche sie erfüllte, noch erhöht, ein holdes Lächeln verklärte ihre sanften Züge, ihr leichter Fuß schien kaum die Erde zu berühren und die dunkelblauen Augen strahlten in froher Dankbarkeit. Aber es schimmerte noch mehr in ihnen, als die Freude an irdischem Glück, es lag etwas in ihnen, wie Sehnsucht nach dem Höchsten, was nur der Himmel zu bieten vermag, ein tiefer Ernst und ein liebevolles Bedenken.

Obwohl Elisabeth kaum das fünfzehnte Lebensjahr vollendet hatte, ließ sie sich doch durch den Glanz und die Ehren ihrer hohen Stellung nicht verblenden; ihr ganzes Streben ging dahin, den ihr zugewiesenen Platz gebührend auszufüllen, ihrem fürstlichen Eheherrn eine würdige, liebende Gattin zu sein und an seinen Sorgen und Pflichten treuen Anteil zu nehmen.

Nicht ohne Scheu und Zagen blickte sie zu Joachim empor, den, noch so jung an Jahren, doch schon alle Vorzüge reifer Männlichkeit zierten und die Strenge seines Wesens schüchterte sie noch mehr ein. Joachim besaß eine ungewöhnliche Gelehrsamkeit, er beherrschte nicht nur die lateinische und griechische Sprache vollkommen, sondern bediente sich auch des Französischen und Italienischen mit größter Gewandtheit, und was die Wissenschaft bis dahin zutage gefördert, das hatte er sich zu eigen gemacht. Das starke Bewußtsein seiner fürstlichen Macht sprach sich in seinem ganzen Wesen aus, ein redliches Streben beseelte ihn, dazu besaß er große Willenskraft und war fest entschlossen, vor keinem Hindernis zurückzuweichen in der Verfolgung seines Zieles. Dann achtete er aber auch keine andere Meinung als die seine und jeder Widerspruch reizte seinen Zorn.

Elisabeth versuchte es, sich ihrem Gemahl anzupassen und war glücklich, wenn es ihr gelang, seine Heftigkeit zu besänftigen und seine Härte zu mildern; aber sie brachte ihre Fürbitte nie ohne Furcht und Zittern an. Dabei war sie doch auch eine Freundin von fröhlichen Vergnügungen und glänzenden Festen, und gern begleitete sie ihren hohen Gemahl auf seinen Jagdausflügen, handelte es sich nun um eine Reiherbeize oder um eine Treibjagd auf Hirsche und Rehe, auch einer Sauhatz war sie nicht abgeneigt, und hoch zu Roß stürmte sie kühn und sicher hinter dem Wilde her.

Sah man sie so als mutige Amazone an Joachims Seite, so konnte man sie nicht minder bewundern, wenn sie bei großen Hoffestlichkeiten den Thron mit ihm teilte voll Huld und fürstlicher Würde, oder sie entzückte alle Anwesenden durch ihre Anmut und ihren Liebreiz bei den Ritterspielen, die am Hofe abgehalten wurden und bei denen sie die Preise verteilte.

Mit großem Anteil hatte die junge Kurfürstin von den Verheerungen der Pest in den Hauptstädten des Landes vernommen, und sie freute sich innig, als die Seuche allmählich erlosch und sie nun mit ihrem Gemahl dort einziehen und auf dem Schlosse ihren Wohnsitz nehmen konnte. Oft blickte sie über den Fluß fort auf die Gebäude, die sich auf dem jenseitigen Ufer erhoben, und das stattliche Haus des Meister Öhlert zog besonders ihre Blicke auf sich. Sie erfuhr nun, daß es dem kunstreichen Goldschmied gehöre, der ihr Brautgeschmeide angefertigt hatte und von nun an hatte sie noch mehr Teilnahme dafür. Bald erspähte sie Frau Mechthildis, die im Erker saß, hinter Nelken und Gelbveiglein, emsig arbeitend, ihre beiden Knaben neben sich, dabei aber manchen verstohlenen Blick zu der Fürstin hinübersendend.

Da vergaß diese eines Tages ihre fürstliche Hoheit und nickte der Frau Meisterin ganz freundnachbarlich zu. Diese erschrak über solche Herablassung so sehr, daß sie blitzschnell in die Höhe fuhr, ihren Platz verließ und erst nach einer ganzen Weile es wagte, scheu und heimlich wieder hinüberzusehen. Die junge Kurfürstin aber hatte ausgeharrt und lächelte ihr zu, wie ermutigend, und so wagte Frau Mechthildis eine ehrerbietige Referenz, worauf ihr Elisabeth gnädig mit der Hand winkte.

Von nun an war der Verkehr zwischen der fürstlichen Burg und dem Bürgerhause hergestellt und wenn die Kurfürstin an ihrem Fenster sich zeigte, so würde sie sehr verwundert gewesen sein, wenn Frau Mechthildis auf ihrem Posten gefehlt hätte. Sie tauschten einen Gruß und ein Lächeln aus, und so weit auch die Kluft war, welche die Verhältnisse zwischen ihnen aufgetan, so war doch eine unsichtbare Brücke geschlagen, auf der Gedanken, Wünsche und Hoffnungen von der einen der Frauen zur anderen flogen.

Frau Mechthildis entging es nicht, daß die blühenden Wangen der jungen Fürstin allmählich erbleichten und daß ihre leuchtenden Augen sich allgemach verschleierten und ein geheimes Bangen beschlich sie, daß doch wohl nicht alles Sonnenschein im Leben der hohen Frau sei. So viel war sicher, daß es ihr nicht gelungen war, die düsteren Falten von der Stirn ihres Gemahls zu bannen und daß man diesen auch nicht allzu oft an ihrer Seite sah.

Seit einiger Zeit spähte Frau Mechthildis nicht mehr nach dem Schlosse hinüber, weil es doch vergeblich gewesen wäre, denn die Frau Kurfürstin konnte sich nicht zeigen, aber aus einem sehr willkommenen Grunde, denn es war ihr ein Sohn geschenkt worden, wodurch sie ihren Eheherrn hoch erfreute, der ein feierliches Tauffest abhielt und seinem dereinstigen Nachfolger auch seinen Namen Joachim beilegte.

Nach Wochen erschien die Kurfürstin wieder, noch schöner und rührender in ihrem jungen Mutterglück, und auf dem Arm hielt sie ein kleines weißes Bündel, das sie herzte und küßte und es die Nachbarin sehen ließ und Frau Mechthildis verstand sie so ganz und weinte und lachte mit ihr vor freudiger Wehmut.

Übers Jahr wiederholte sich dieser Vorgang, aber diesmal hatte die Kurfürstin ein Töchterlein erhalten, das Anna getauft wurde. Es war ein stilles, sanftes Kind, ganz das Gegenteil von dem jungen Herrlein, das jetzt schon auf seinen eigenen Beinen umherlief, auch seinen eigenen Willen hatte und das gar manchmal alle fürstliche Hoheit und Würde so vergaß, daß es brüllte und schrie wie die allergewöhnlichste Range. Dann lachte der kleine Kurprinz aber wieder im nämlichen Augenblick und tobte und tollte nach Herzenslust.

Das Prinzeßchen machte weder der Mutter noch den Wärterinnen viel zu schaffen, es lag still und artig da, war mit allem zufrieden, und wenn man zu ihm trat, so lächelte es und die schönen blauen Augen, welche es von seiner Frau Mutter hatte, blickten ernst und doch freundlich.

Den Kurfürsten schien das Töchterlein fast noch mehr zu erfreuen, als sein Erbprinz, auf den er doch so stolz war. Nur hatte er an dem Mägdlein auszusetzen, daß es gar zu ruhig sei, und die Amme, die es einen kleinen Engel nannte, fiel bei ihm in Ungnade.

»Dummes Geschwätz, das ich nicht wieder hören mag,« zürnte er, »ich will keinen Engel für den Himmel, sondern sie soll eine stolze Fürstenkrone tragen und Ruhm und Ehre dem Haus Brandenburg durch meinen zukünftigen Eidam bringen.«

Um diese Zeit erhob sich der Kurfürst öfter denn je des Nachts von seinem Lager und stieg eine geheime Wendeltreppe hinauf, die zum höchsten Turm der Burg führte. Hier hauste der Meister Rossolo, ein dürres, altes Männlein, zusammengeschrumpft und gebeugt durch die Last der Jahre, die sein erst schwarzes Haar gebleicht, aber seinen dunklen Augen nicht das Stechende und Listige hatten nehmen können. Er stammte aus Welschland und der Kurfürst hatte ihn durch große Versprechungen hergelockt, denn Meister Rossolo war ein gelehrter Astrologe, der vorgab, die Zeichen des Himmels deuten und in den Gestirnen die Geschicke der Menschen lesen zu können, Joachim aber glaubte fest daran und lauschte seinen Worten mit Begier.

Er hauste in einem achteckigen Gemach hoch oben, auf dessen Fußboden die zwölf Bilder des Tierkreises abgebildet waren; in den Nischen der Wand befanden sich Standbilder, die stellten Sonne, Mond, die Erde und die fünf damals bekannten Planeten dar, unter deren Einfluß der Mensch geboren wurde und die dann später sein Erdenlos bestimmen sollten.

Es fehlte nicht an wunderlichen und geheimnisvollen Instrumenten, Zirkeln und Kreisen, Drei- und Vielecken, einer Himmelskugel und einem Fernrohr, welches auf die Gestirne gerichtet war; auf einem Tische lagen beschriebene Tabellen mit allerlei wunderlichen Zeichen, wie sie die geheimnisvolle kabbalistische Kunst beim Aufstellen ihrer Berechnungen verlangte.

Der Astrolog begrüßte den eintretenden Kurfürsten ehrfurchtsvoll, kehrte aber dann zu seinen Berechnungen zurück.

»Habt Ihr die Nativität für unsere neugeborene Tochter genommen, Meister Rossolo?« fragte Joachim.

»Nun schon zum dritten Male, erlauchter Fürst, aber stets mit demselben Resultat,« antwortete der Italiener. »Die himmlischen Mächte lassen sich nichts abtrotzen und wandeln ihre Bahnen, unbeirrt durch unser Wünschen, Hoffen und Fürchten.«

»Was sagt also das Horoskop der Prinzessin?« fragte der Kurfürst wie mit etwas zorniger Ungeduld.

»Sie ist kein Sonnenkind,« erwiderte der Sterndeuter, »und der strahlende Jupiter wie die Glück spendende Venus haben ihr ihren Schein versagt; dagegen bedeckt sie der bleifarbige Saturn mit seinem mißgünstigen Schatten, und auch Mars, der Verderben bringende Unheilspender, leuchtet ihrer Bahn. Fehlschlag und Mißlingen wird sie begleiten auf ihrer Pilgerschaft, und hohe Pläne, auf ihren Stern gebaut, werden scheitern.«

Die Stirn des Fürsten rötete sich. »Wir wollen das erst erproben,« sprach er zornig; »ich bin nicht gewillt, mich ohne Kampf dem Geschick zu unterwerfen, und hat mir Gott meine fürstliche Macht verliehen, so will ich sie auch gebrauchen, um zugleich das Glück meines Kindes und den Ruhm meines Hauses zu begründen.«

Der Astrolog zuckte die Achseln. »Euer Kurfürstlichen Gnaden sind ein mächtiger Fürst,« sprach er, »und es ziemt mir nicht, in Euer Wollen und Handeln einzugreifen; ich verkünde Euch nur wahrheitsgetreu, was ich in den Gestirnen befunden, als ich sie auf Euer Geheiß befragte. Hier sind die Tabellen, Ihr mögt selbst prüfen.«

Er überreichte dem Kurfürsten eine Pergamentrolle, mit Zahlen und Zeichen bedeckt, und dieser verließ das Turmzimmer, tief verstimmt und erregt, denn er maß der astrologischen Wissenschaft eine große Bedeutung bei und glaubte fest an ihre Voraussetzungen, wenn er sich auch dagegen zu sträuben schien. Es trieb ihn an die Wiege des Kindes, um dessen Zukunft sein liebendes Vaterherz sich sorgte, und so betrat er das Schlafgemach seiner Gemahlin, die es sich nicht nehmen ließ, die Pflege ihrer Kinder in den ersten Monaten ihres Lebens bei Tag und bei Nacht selbst zu überwachen. Auch jetzt stand die Wiege neben dem Bette der Kurfürstin, während die Wärterin sich im Nebengemach befand.

Die zärtliche Mutter hatte sich ihr Kleines in den Arm geben lassen, und in dieser Stellung war sie eingeschlafen. Nun stand Joachim, der fast unhörbar eingetreten war, vor ihrem Lager und betrachtete Mutter und Kind in ihrem friedlichen Schlummer. Es kam ihm so recht zum Bewußtsein, wie teuer ihm beide waren, und er beugte sich herab, um ihnen einen leisen Kuß auf die Stirn zu drücken. Das Mägdlein ward nichts gewahr und schlief weiter, Elisabeth aber erwachte und erblickte ihren Gemahl, der sich tief zu ihr hinabgebeugt hatte und sie mit mildem Lächeln anschaute.

Ein Glücksgefühl, wie sie es seit langem nicht gekannt, überfiel sie, sie umschlang ihn mit dem freien Arm, und wie er sie an seine Brust zog, da war ihr zumute, als könne sie nun nie mehr traurig sein. Sie ergriff seine Hand und führte sie dankbar und demütig an ihre Lippen, dann lenkten sich ihre Blicke vereint auf das schlummernde Kind.

»Wie lieb sie ist und wie gut!« flüsterte die Kurfürstin. »Gewiß hat uns der Herr reich gesegnet, indem er uns dies liebe Kind schenkte.«

»Und doch bin ich in Sorge und in Kummer ihretwegen,« sprach Joachim. »Dreimal habe ich bereits ihre Nativität aufnehmen und das Horoskop für sie stellen lassen, und stets sagt mir Meister Rossolo dasselbe. Das Mägdlein wird weder Glück noch Stern haben, bei seiner Geburt standen die Gestirne in ungünstigster Konstellation.«

Der Kurfürst hatte dies mit tiefem Ernst und in offenbarer Bekümmernis gesagt, aber Elisabeth schien es wenig anzufechten, denn sie lächelte und erwiderte: »O, lieber Herr, laßt Euch das nicht das fröhliche Vertrauen rauben. Unsere Geschicke stehen in Gottes Hand und er läßt uns nichts widerfahren, als was zu unserem Heile gereicht. Wie sollte er aber finsteren und unheiligen Mächten über unser Los Gewalt einräumen?«

»Es ist eine anerkannte Wahrheit, daß unser Leben mit den Gestirnen verknüpft ist und daß unser Schicksal in den Sternen geschrieben steht,« erwiderte der Kurfürst.

Seine Gemahlin schüttelte sanft den Kopf. »Ich verlasse mich auf die Huld und Vatergüte Gottes,« sagte sie, »ihm wollen wir unsere lieben Kinder und uns selbst empfehlen, und dann alles aus seiner Hand in Demut hinnehmen, aber die unnützen Sorgen von uns werfen.«

Sie hatte so vertrauensvoll und bewegt gesprochen, daß sie den Kurfürsten mit sich fortriß. »Ihr habt recht, liebe Traute,« sprach er, »und ich scheide von Euch mit beruhigter Seele und neuem Mut. Gemeinsam wollen wir über unseren Kindern wachen, sie zum Guten anhalten und alles übrige Gott anheimstellen.«

Er küßte sie und verließ sie, und Elisabeth strömte ihr beglücktes Herz in heißem Dankgebet zu Gott aus. Ja, auch sie wollte fest vertrauen, daß noch alles gut werden könne und daß der Schatten, der sich so oft zwischen sie und ihren Gatten stellte, verschwinden werde. Hatte sie sich doch in dieser Stunde ihm so ganz eins gefühlt.

Am anderen Morgen trat sie zum ersten Male wieder an ihr Fenster, auf dem Arm ihr kleines Töchterlein, das eng in sein Steckkissen eingebunden war. Frau Mechthildis war auf ihrem Posten, und wie die Fürstin hinübersah, da wußte sie, daß sich dort ein treues Herz mit ihr freute.

Es war richtig, niemand konnte mit innigerem Anteil das Erblühen der jungen kurfürstlichen Familie verfolgen, als die Frau des Goldschmiedes, und dennoch war sie nicht frei von schmerzlicher Wehmut. Ihr Herzenswunsch lebte noch immer mit gleicher Stärke in ihrer Seele, aber sie hatte die Hoffnung auf seine Erfüllung aufgegeben, und doch umgab sie die Einsamkeit, vor der sie sich gefürchtet, mehr und mehr.

Ihre Söhne wuchsen heran und begannen sich auf ihren künftigen Lebensberuf mit Ernst und Eifer vorzubereiten, so daß ihre Zeit der Arbeit gehörte und ihnen nicht mehr viele Mußestunden blieben, die sie der Mutter widmen konnten. Nach manchem ernsten Kampf hatte Albrecht dem Vater die Einwilligung abgerungen, daß er sich der gelehrten Laufbahn widmen dürfe. Die Ansicht des Kurfürsten, die dieser damals ausgesprochen, hatte wohl sehr dazu beigetragen, daß die Entscheidung nach den Wünschen des Jünglings ausfiel.

Meister Öhlert brachte diesen nun zu den Franziskanern, damit er in ihrer Klosterschule alles erlerne, was ihm nötig war an alten Sprachen und Wissenschaften, um später die Universität zu beziehen, welche der Kurfürst in Frankfurt an der Oder gegründet hatte. Der Meister befaßte sich ungern mit den Mönchen, vor denen er geringe Achtung hegte, denn ihr Lebenswandel, wie der der meisten Geistlichen, war wenig erbaulich, aber es blieb ihm keine Wahl, weil es sonst an Gelegenheit zum Lernen fehlte, und er warnte seinen Sohn eindringlich vor seinen Lehrmeistern.

»Seid ohne Sorgen, Herr Vater,« versicherte Albrecht treuherzig, »ich will stets an alles denken, was Ihr mich gelehrt habt und versuchen, das Rechte zu tun. Ist es doch meine Absicht, nach dem Guten und Wahren zu streben und da will ich mich vor Lüge und Heuchelei hüten.«

»So möchtest du dereinst das Studium des Rechtes ergreifen,« sprach der Meister, »um als Richter der bedrängten Unschuld beizustehen und die Schuld zur verdienten Strafe zu bringen.«

»Das ist ja auch mein Wunsch und Streben,« sagte Albrecht, und so söhnte sich der Vater damit aus, daß sein Sohn so ganz andere Bahnen wandeln werde, wie seine eigenen waren.

Um so größere Freude hatte der Meister aber an Peter, der von jeher sein geheimer Liebling gewesen war. Dieser konnte kaum die Zeit erwarten, bis er alt genug sein werde, um als Lehrling angenommen zu werden, und er brachte jetzt schon täglich viele Stunden in der Werkstatt zu, sah dem Vater und seinen Gesellen bei der Arbeit zu und kannte kein größeres Vergnügen, als wenn er ihnen behilflich sein durfte und wenn es auch nur war, daß man ihn mit dem Blasebalg das Herdfeuer schüren ließ. Es schmerzte ihn nur, daß der Vater mit Strenge von ihm verlangte, die schwierige Kunst des Schreibens und Lesens zu erlernen und der Magister, der sich gerade in Berlin einfand, um so vielen Schülern, als zusammenzubringen waren, darin Unterweisung zu erteilen, hatte viel Mühe und Verdruß mit seinem Zögling, der sich beim Lernen ebenso unbehilflich und schwerfällig zeigte, wie er sonst zu allen Dingen voll Übermut und Lust war. Ernstlich böse konnte ihm der Magister aber doch nicht werden, und er brauchte nur in Peters gutes, lachendes Gesicht zu sehen, um ihm seine dummen Streiche zu verzeihen, und schließlich lernte er doch das Notwendigste.

Die beiden Brüder hingen trotz der Verschiedenheit ihrer Neigungen und Anlagen doch mit großer Liebe aneinander, aber sie hatten auch ihren gemeinsamen Freund, den Junker Dietrich von Rochow nicht vergessen und oft kam in den langen Abenden des nächsten Winters die Rede auf ihn.

»Schade um den Jungen, wenn nichts aus ihm würde, als ein Wegelagerer,« sagte der Meister. »Aber ich erwarte mehr von ihm. Er ist über seine Jahre klug und verständig, und jedenfalls hat er bei seinem Aufenthalt hier manches von ganz anderer Seite kennen gelernt, als dies auf der väterlichen Burg je der Fall gewesen sein würde.«

An einem Novemberabend saß die Familie beisammen; Frau Mechthildis ließ ihre Spindel fleißig tanzen und hatte ein wachsames Auge auf die Mägde, die gleich ihr emsig spannen. Im Kamin flackerte ein tüchtiges Feuer, und der Meister saß davor in seinem Lehnsessel und trank das Bier, das Frau Mechthildis meisterhaft zu brauen verstand. Gehörte es doch zu den begehrtesten Gerechtsamen der Häuser, diese Erlaubnis, sich selbst den Gerstensaft herzustellen. Auf der hölzernen Bank, die an der Wand sich langzog, hatten die beiden Lehrlinge Platz gefunden, begehrt war der Sitz auf der Ofenbank und hier ruhte der Altgesell, dem aus besonderer Gunst heut auch ein Trunk Bier auf Geheiß des Meisters eingeschenkt worden war.

Es wurde von manchem gesprochen, was des Tages Lauf mit sich brachte, denn Meister Öhlert sah es gern, wenn seine Hausgenossen sich um das kümmerten, was in der Welt vorging, und er selbst erzählte von dem, was er bei der Morgensprache, welche die Meister im Ratskeller abhielten, vernommen hatte. Von den Türkenkriegen war da die Rede gewesen, denn die Christenheit wurde immer von diesen schlimmen Feinden arg bedroht, und der alte Kaiser Maximilian konnte ihnen nicht mehr wehren. Er trug selbst an der Last der Jahre, und man dachte wohl an die dann bevorstehende Kaiserwahl, und wunderte sich, wem wohl die Krone des Deutschen Reiches zufallen werde, dem Enkel des Kaisers, dem spanischen König oder gar dem Könige von Frankreich, von dem man wußte, daß er schon jetzt alle mögliche List aufbiete, um sich die Stimmen der Kurfürsten zu gewinnen.

Da klopfte es ungestüm an die Haustür und gleich darauf an den Fensterladen, als sei es mit einem Schwertknauf geschehen und eine rauhe Stimme begehrte Einlaß. Das war etwas sehr Seltenes, denn die Straßen befanden sich in einem Zustande, der sie in der tiefen Dunkelheit der Nacht ganz unpassierbar machte; konnte man doch selbst beim Tageslicht oft kaum zu Fuße vorwärts gelangen, wenn Regen und Schnee alles in ein Schlammeer verwandelten, in dem sich nun die reichlich vorhandenen Schweine, die in Freiheit umherliefen, mit großer Wonne vergnügten.

»Alle guten Geister loben ihren Meister!« rief Ursel, die alte Beschließerin des Hauses aus, und die Mägde kreischten laut auf oder schlugen ein Kreuz, denn sie dachten, daß irgendein nächtlicher Unhold sein spukhaftes Wesen treibe.

Auch der Altgesell griff zum Spieß, der in der Ecke lehnte und die jüngern Gesellen und Lehrlinge sahen sich nach allerlei Hausgerät um, das ihnen als Waffe dienen sollte, doch der Meister winkte ihnen beschwichtigend mit der Hand, erhob sich und trat an das Fenster, wo sich das Pochen und Rufen fortwährend wiederholte.

»Wer begehrt zu so später Stunde Einlaß in mein Haus?« fragte er. »Ich kann diesen nur gewähren, wenn ich gute Bürgschaft erhalte, daß ich nicht einem schlimmen Gesellen öffne.«

»Das bin ich nicht, Meister Öhlert,« antwortete eine rauhe, doch trotzdem jugendliche Stimme, »und Ihr kennt mich wohl, ich bin ja der Jochen und bring Euch Grüße und noch etwas Gutes von meinem Herrn, dem Junker Dietrich von Rochow.«

Nun stießen Albrecht und Peter einen Freudenruf aus, sprangen auf und rannten zur Tür, um die Riegel zu ziehen, aber der Vater wehrte ihrem Ungestüm und stellte noch vorsichtig eine Prüfung an, ob auch kein böser Fremdling sich so durch List einzudrängen suche. Als er sich überzeugt, daß es wirklich Jochen sei, da öffnete er selbst und hieß ihn willkommen.

Beim Schein des flackernden Kienspans, mit dem sie in die Nacht hinausleuchteten, sahen sie eine vermummte Gestalt stehen, mit Schnee bedeckt, am Zügel ein müdes, abgetriebenes Pferd haltend, das traurig den Kopf senkte und mit einer unförmlichen Last beladen war.

»Die Pest über den verschlafenen Spitzbuben, den Wenzel, der den Rochowhof bewachen soll!« lautete Jochens erste Anrede. »All mein Klopfen war vergebens, und einrennen ließ sich das Tor nicht. Da mußte ich zu Euch um Obdach bei nächtlicher Weile kommen; ich hätte's schon in der Straße ausgehalten, aber mein Roß nimmermehr.«

»Guten Freunden erweisen wir zu jeder Zeit Gastfreundschaft,« versetzte der Meister und gab seinen Leuten Befehl, den Gaul durch das geöffnete Tor auf den Hof zu führen.

»Erst muß ich ihn abladen,« rief Jochen, und mit Hilfe der hurtig hinzuspringenden Männer lud er einen mächtigen Hirsch und eine Menge von totem Geflügel ab.

»Das sendet Euch mein Junker und läßt Euch seinen allerschönsten Gruß entbieten,« führ er mit vergnügtem Grinsen fort, »und er wünschte nur, er könnte beim Schmause dabei sein.«

»Wie geht es dem Junker? Ist er sehr gewachsen? Kommt er nicht bald wieder her?« Mit diesen und noch vielen Fragen stürmten nun alle auf den ehrlichen Jochen ein, dem der schmelzende Schnee in Bächen von seiner Rüstung rann.

»Gemach, junge Herren, geduldet euch ein wenig, ein guter Reitersmann sorgt zuerst für sein Roß,« sagte Jochen bedächtig und ließ es sich nicht nehmen, so sehr man auch dagegen redete, sein Pferd selbst in den Stall zu führen, es abzureiben und ihm sein Futter in die Krippe zu schütten.

Unterdes hatte die Hausfrau den Tisch für den späten Gast decken lassen, und dieser folgte ohne Murren der Aufforderung und tat den guten Speisen alle Ehre an, wobei er es nicht unterließ, den Bierkrug aufs emsigste zu leeren. Er hatte sein Jagdmesser in Gebrauch genommen, den besten Dienst leisteten ihm allerdings seine zehn Finger; mit dem Tischtuch, das ihm hinderlich war, machte er kurzen Prozeß und schob es beiseite, und die Schinkenknochen und Wurstschalen warf er ohne weiteres unter den Tisch, wie er das auf Burg Rochow zu tun gewohnt war. Ebensowenig hatte er daran gedacht, seine hohen Reiterstiefel, die bis oben hin mit Lehm und Kot bespritzt waren, zu reinigen, und sein gelbliches Haar hing ihm ungeordnet ins Gesicht.

Ursel blickte mit Grauen auf die schmutzigen Lachen, die sich auf den weißgescheuerten, mit feinem Sande bestreuten Dielen gebildet, die Mägde kicherten und stießen sich an beim Anblick dieser Sitten, und die Werkleute, die oft wegen zu geringer Vorsorglichkeit einen scharfen Verweis von der strengen Beschließerin hinnehmen mußten, freuten sich nicht wenig über den unmanierlichen Gast.

Albrecht und Peter harrten ungeduldig auf Jochens Berichte, doch sie mußten es aufgeben, diese so bald zu erhalten; seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Fütterung seines hungrigen Innern gerichtet, und seine vollen Backen gestatteten ihm nicht den geringsten Laut, wenn er überhaupt zum Sprechen aufgelegt gewesen wäre.

Endlich war er gesättigt und ein schwerer Seufzer zeugte von seinem Bedauern, daß er beim besten Willen nicht mehr konnte; er wischte sein Messer an den ledernen Hosen ab, steckte es in die Scheide, fuhr mit dem Handrücken über den fettglänzenden Mund, lockerte den Schwertgurt bis zur äußersten Grenze, leerte den Humpen vor ihm mit einem gewaltigen Zuge und setzte ihn dröhnend nieder, zum Zeichen, daß er auf neue Füllung hoffe, und schaute nun den Hausherrn, dessen Frau und Söhne der Reihe nach mit behaglichem Grinsen an.

»Wie du gewachsen bist, Jochen, und in die Breite bist du gegangen,« rief nun Peter aus.

Jochen nickte. »Gott sei Dank, das Essen schmeckt mir so ziemlich und schlägt auch an bei mir.«

»Und was macht dein Junker, Jochen?« fragte der Meister.

»Der macht sich auch,« lautete die Antwort, »er ist beinahe einen Kopf größer als ich, aber ich bin viel dicker,« setzte er stolz hinzu.

»So erzähle doch von ihm,« drängte ihn Peter.

Jochen kratzte sich hinter den Ohren. »Was ist da viel zu sagen?« meinte er etwas verlegen. »Er hat ja alles selbst geschossen, was ich gebracht habe, und auf der Jagd ist er nicht schlecht. Das andere haben die Pfaffen auf dem Gewissen, da können wir nicht so sehr dafür, aber unser Ritter, sein Herr Vater, tut mir doch leid.«

Frau Mechthildis geriet in Besorgnis und fragte: »Was ist's denn, Jochen! Was hat denn der Junker begangen, doch nichts Unrechtes?«

Jochen schüttelte betrübt den Kopf. »Das ist's ja eben, so etwas tut der im ganzen Leben nicht. Der wird keinen Krämer werfen und kein Dorf und keine Burg überfallen. Es ist ein Jammer! Aber der alte Herr kann's nicht ändern, den zwickt's so sehr in den Beinen, und ich sage, die Pfaffen sind schuld daran.«

»Woran denn?« forschte der Meister.

»Na, daß unser Junker sich hinsetzt und in den Büchern liest! Der Pater Michael, der auf unserer Burg die Messe liest, hat's ihm beigebracht, und es hat viel sauren Schweiß gekostet. So etwas aber gehört sich nicht für einen Junker, und die anderen Rochows schimpfen weidlich darüber, zumal die auf Rochatz doch das Haupt der ganzen Familie sind.«

»Und weiter hast du nichts gegen deinen Junker zu sagen?« fragte Albrecht.

»Na, gewiß nicht,« beteuerte Jochen, »aber das ist doch ganz genug. Und schreiben tut er auch noch, aber nicht gern, es soll zu schwer sein. Er hat mir ja auch einen Brief mitgegeben. Wenn ich den nun vergessen hätte!«

Er holte aus einem Stiefelschaft ein in ein leinenes Tuch geschlagenes Schreiben hervor, das er dem Meister übergab. Mit großen, ungelenken Buchstaben stand darin:

»Dem ehrsamen Meister Öhlert und den Seinen entbiete ich Gruß. Ich denke viel an Euch alle. Zu schreiben ist es nicht, aber zu sagen hätte ich viel. Ich bleibe in Freundschaft der Eure. Dietrich von Rochow.«

Während der Meister und Frau Mechthildis mit aufrichtiger Freude diesen Gruß empfingen, legten ihre Söhne noch einen anderen Maßstab an das Schreiben; Albrecht beurteilte es ziemlich geringschätzig, indem er es mit seinem eigenen Können verglich und Peter dachte von seinem ehemaligen Spielgefährten: »ist der aber dumm! Er hatte es doch nicht nötig und hat sich doch so lange gequält, bis er dies zustande brachte!«

Das hinderte die beiden Brüder nicht, sogleich daran zu denken, nun auch dem Junker Dietrich etwas auf seine Burg zu senden und sie verkündeten beide Jochen ihre Absicht und sagten ihm, er müsse etwas warten, bis sie mit einem Gegengeschenk bereit seien.

»Das tue ich schon gerne,« meinte Jochen und leerte nochmals seinen Krug, den Ursel erst eben wieder für ihn gefüllt hatte.

»Aber ich hoffe, daß ihr Euch dann betragt, wie es bei uns Sitte ist,« raunte sie ihm zu mit einem bitterbösen Blick auf den Fußboden.

Jochen begriff, daß er etwas falsch gemacht, und wie er sein Auge nun auch um sich her schweifen ließ, wurde ihm sein Vergehen klar und tat ihm sehr leid.

»Ich bin solche klaren Dielen nicht gewohnt, nichts für ungut,« sprach er verlegen, »aber verzeiht mir, ich räume alles wieder auf.«

Damit ergriff er die Knochen und alle Überreste, raffte sie zusammen und schleuderte sie hinter den Ofen, ganz befriedigt und im guten Glauben, seine Untat wieder gut gemacht zu haben. Die Beschließerin mußte sich mit stummer Verachtung begnügen, denn ihre Frau gab ihr ein Zeichen, den armen Jochen in Ruhe zu lassen. Am nächsten Morgen holte sie die Mägde eine Stunde früher aus dem Bette und hatte alles wieder untadelig hingestellt, Jochen aber erwischte sie, als er bei seinem Gaul war, und da bekam er ihre Meinung zu hören.

Es tat ihm zwar gut und er hütete sich in Zukunft ängstlich, die gleichen Fehler zu begehen, doch seinem Junker berichtete er später: »Es war alles sehr schön und sie führen ein herrliches Leben in solchem Bürgerhause, aber die Ursel ist schlimmer als der Teufel.«

Peter hatte nun sehr den Wunsch, für Dietrich etwas von Gold selbst anzufertigen und der Vater erlaubte es ihm gern. So versuchte er sich an einer Muschel, die als Salzfaß dienen sollte, und der Meister hatte seine Freude an der Geschicklichkeit, die er bewies und erklärte sich bereit, ihn jetzt zum Lehrling anzunehmen, obwohl er sonst noch keinen in so jugendlichem Alter gehabt hatte.

Albrecht schrieb einen langen Brief an den Junker, worunter Peter nun die Worte setzte: »Ich sage ganz dasselbe und bleibe Euer Freund Peter.« Dazu fügte der ältere Bruder ein Buch, auf dessen Besitz er nicht wenig stolz gewesen war und das ihn selbst hoch erfreut hatte, als es ihm der Vater aus Nürnberg mitbrachte, es war dies der Theuerdank, der keinen geringeren Verfasser haben sollte, als den Kaiser Maximilian selbst. Frau Mechthildis holte aus ihren Truhen die Schätze von schönen Stickereien hervor, mit deren Anfertigung sie sich die Zeit vertrieb, und wählte daraus eine kunstvoll gearbeitete Decke, sie entsann sich dabei, daß sie diese gerade angefertigt hatte, als Dietrich soviel in ihrem Hause war, wo er es dann liebte, auf der Estrade zu ihren Füßen zu sitzen, und den Kopf in die Hand gestützt, aufmerksam die Gebilde zu betrachten, die unter ihrer Nadel entstanden.

Auch Jochen wurde reich beschenkt und kehrte vergnügt heim, wo er seinem Junker nicht genug berichten konnte von dem, wie er alles gefunden hatte. Er war höchlich verwundert, daß es ihm auf Burg Rochatz, wo ihm sonst alles so schön gedünkt, jetzt viel weniger gefiel, als vordem, und oft ertappte er sich auf dem Gedanken, wenn es in der Halle allzu wild und roh zuging: »Hier müßte Frau Ursel auf ein Stündchen her, die würde euch schon zeigen, wie man sich fein zu benehmen hat.«

In diesem Winter wurde das kurfürstliche Haus durch den Tod eines nahen Verwandten, des Erzbischofs Ernst von Magdeburg, in Trauer versetzt. Er war der Oheim Joachims und hatte diesem sehr nahe gestanden; so war auch seine Ehe von dem Verstorbenen eingesegnet worden. Frau Elisabeth betrauerte den milden, väterlichen Greis aufrichtig, sie hatte in ihm immer einen Freund besessen, der sie manchmal durch ein teilnehmendes Trostwort aufgerichtet hatte, ohne daß sie genötigt war, ihm ihren Kummer erst zu klagen.

Joachim war nun sehr eifrig daran, die Wahl seines jüngern Bruders Albrecht zum Erzbischof von Magdeburg zu betreiben, und seine Gemahlin teilte seine Wünsche und Hoffnungen. Ihr war der Schwager sehr lieb, der in seinem ritterlichen Wesen, seiner hohen Gestalt, seinen kräftigen, schönen Zügen ein Spiegelbild seines Großvaters, des wegen seiner glänzenden äußern Vorzüge überall gefeierten Kurfürsten Albrecht Achilles war. Daß man in dem jugendlichen Prinzen zugleich den Priester zu verehren hatte, vergaß man allerdings und erblickte in ihm nur den in allen höfischen Künsten wie in ritterlichem Wesen gleich ausgezeichneten Weltmann.

Jetzt hatte er seit Jahren in der Ferne geweilt, auf einer Pilgerreise nach dem Heiligen Lande, die er mehr aus Lust am Reisen und den damit verknüpften Abenteuern, als aus frommer Sehnsucht nach den heiligen Stätten unternommen hatte. Der Kurfürst sandte ihm Eilboten nach, um ihn zur Rückkehr zu veranlassen, als der Oheim schwer erkrankte und dieser selbst betrieb in Gemeinschaft mit Joachim aufs eifrigste die Wahl des fernen Neffen zu seinem Nachfolger.

Als Albrecht am Hofe seines Bruders anlangte, fand er alles bereits entschieden; der Oheim war tot, das Domkapitel hatte ihn selbst zum Erzbischof ernannt und an der Bestätigung durch den Papst war nicht zu zweifeln.

So verweilte der neue Kirchenfürst nur wenige Tage in Berlin, allein diese genügten, um zu zeigen, daß die alte Liebe zwischen den Brüdern herrschte, und ebenso war er von aufrichtiger Zuneigung für seine Schwägerin erfüllt. Um ihr einen Beweis davon zu geben, beschenkte er sie mit einer kostbaren Reliquie, die er aus dem Heiligen Lande mitgebracht hatte und die in einem Stück Holz bestand, das vom Kreuze des Erlösers herrühren sollte.

Elisabeth dankte ihm tief gerührt und fühlte sich durch die Gabe, an deren Wunderkraft sie fest glaubte, sehr beglückt.

»Diese heilige Reliquie soll in meinem Betkämmerlein ihren Platz finden,« sagte sie, »und ihre Gegenwart wird mir oft Trost und Stärkung verleihen und mir die Hoffnung auf die Erhörung meiner Gebete stärken.«

»Und ich verspreche Euch, vielliebe Schwester, ein herrliches Behältnis für Euren Schatz,« gelobte Albrecht, »geduldet Euch nur so lange, bis ich den erzbischöflichen Stuhl bestiegen habe und die Mittel besitzen werde, die mir jetzt noch fehlen.«

Der Kurfürst lächelte ein wenig spöttisch beim Anhören dieser Worte; er kannte seinen Bruder genau und wußte, daß dieser seinem Großvater, dem Kurfürsten Albrecht Achilles, nicht nur an Wohlgestalt des Leibes und ritterlicher Gesinnung glich, sondern auch darin, daß er den Wert des Geldes nicht ermessen konnte und daß seine Bedürfnisse stets sein Vermögen weit überschritten. Der sparsame Joachim hatte schon manches Mal aushelfen müssen, und er zweifelte sehr, daß es in Zukunft anders werden würde.


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